Die ,,Ökoimperialisten" in Bonn:

Unser Regenwald in Gefahr?


Der Bundestag hat eine Enquête-Kommission damit beauftragt, eine globale Bestandsaufnahme zu dem Thema vorzulegen. Letzte Woche kam das zu erwartende Resultat: Die "Entwaldungsrate" der wertvollen und für unser Klima wichtigen Tropenwälder ist alarmierend!

Verdächtig ist es schon, wer sich da für die globale Umwelt zuständig weiß: Hierzulande zählt der Vorwurf "Giftschleuder" nämlich gar nichts. Unsere Damen und Herren Parlamentarier verbitten sich solche Einwände und bestehen darauf, daß die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft nicht behindert wird. Ohne eine meisterliche Rücksichtslosigkeit in der Benützung menschlicher und natürlicher Ressourcen wird man auch kein Exportweltmeister. Ohne die bräuchte man andererseits auch keinen Umweltminister. Dessen Tätigkeit hat mit einer Abkehr von dieser ungesunden Art des Wirtschaftens nun gar nichts zu tun, im Gegenteil: Da muß das Ausmaß der Ruinierung staatlicherseits beständig überwacht und beschränkt werden, damit das Wirtschaftswachstum der BRD nicht an den giftigen Begleiterscheinungen seines Zustandekommens erstickt, sondern immer erfolgreicher weiterläuft. Auf diese Weise ist - staatlich überwacht - einiges geleistet worden für die Umwelt und das Klima: von den flächendeckend verseuchten Landstrichen hierzulande über die entsprechenden Nahrungsmittel bis zu dem sauren Regen made in Germany, den das Wetter über die Nordhalbkugel der Erde verteilen darf. Weniger erfolgreiche Nationen dürfen sich dann noch ein paar Devisen verdienen, wenn sie bundesrepublikanischen Industriemüll bei sich "entsorgen".

Da ist es schon eine Heuchelei erster Güte, wenn man sich jetzt am Beispiel Tropenwald über die ökologische Unvernunft gewisser Staaten entsetzt zeigt. Denn die Bundesregierung tat und tut selbst alles dafür, daß die kapitalistische Wirtschaftsweise bis in den letzten Zipfel Urwald hineinregiert. Wenn dann der Urwald gerodet wird und die Bewohner vertrieben, damit ein Konzern dort Eisen verhüttet und seine Dollars oder DM vermehrt, dann ist das aus Sicht der Imperialisten in Bonn höchst erwünscht und wurde deshalb stets als erfreulicher Fall von "Entwicklung" hochgelobt. Die Indios vertreiben, Plantagen für den Weltmarkt aufziehen und dadurch den Boden ruinieren? Aber immer! Darauf haben die Banker in Frankfurt und New York geradezu ein Recht, denn Schulden müssen schließlich bedient werden. Auf der ganzen Welt ruinieren die Staaten inzwischen Land und Leute, um sich in dem Zwangszusammenhang von Weltmarkt und Kreditsystem zu bewähren und die BRD verdient überall gut mit. Wahrhaft unverschämt und einer Weltwirtschaftsmacht würdig ist jetzt die bundesrepublikanische Sorge, daß die womöglich dabei "unser" Klima kaputtmachen, weil sie nur an sich denken und ihren Urwald "als reine Einnahmequelle" mißbrauchen. Wenn der brasilianische Präsident kontert, daß die eigentliche Klimaverseuchung von den lndustriestaaten des Nordens verursacht wird, dann wirkt das vielleicht lächerlich. Umgekehrt nicht. Die imperialistische Sichtweise, nach der die Welt hauptsächlich aus "unserem Öl", "unseren" Absatzmärkten etc. besteht, ist eben mehr als eine Sichtweise, nämlich harte imperialistische Realität. Nicht weil die BRD so vorbildlich ist in Sachen Umweltschutz, schwingt sie sich jetzt zum Welt-Umweltminister auf, sondern weil sie zu den Oberimperialisten gehört, an deren Kapital- und Kreditinteressen die Potentaten in den Tropen sowieso nicht vorbeikommen. Dann gehört die "grüne Lunge" der Welt nicht einfach nur den Staaten, auf deren Territorium sie wächst, sondern "uns", d.h. dem IWF, Bush und Kohl.

So ist mit der Frage, wer über die globale Umwelt wacht, auch beantwortet, was daraus wird: Die Staaten, die die rücksichtslose Vernutzung durchgezogen haben, beanspruchen ihr Recht auf die Oberaufsicht, damit der Fortgang der Ruinierung nicht Brasilien etc. überlassen bleibt, sondern vor allem ihnen zugutekommt. Man sollte sich besser nicht darüber freuen, daß die Mächtigen der Welt sich jetzt "endlich" auch um den Regenwald und das Weltklima kümmern.

Reservate für Indianer

Sehr beliebt ist es geworden, sich "alternative" Nutzungsweisen des tropischen Regenwaldes vorzustellen. Als ob es darum ginge. So wissen die einschlägigen Kenner davon zu berichten, daß die betroffenen Indianer ihre bescheidene, dauerhafte Nutzung des Waldes fortführen möchten, daß dieser Wunsch aber gnadenlos zunichte gemacht wird, so wie der Regenwald auch, der ganz anderen Interessen weichen muß. Nichtsdestotrotz sind sie der Auffassung, daß es sich hierbei um "zwei Wirtschaftsweisen" handelt, denen ein unterschiedliches "Verständnis von Wirtschaft zugrunde liegt", als ob das indianische Überleben im Urwald und die Kapitalverwertung der "multinationalen Konzerne" zwei alternative Methoden wären, dieselbe Aufgabe zu lösen: vernünftig wirtschaften. Aber wer auf der Welt würde sich, vor die Alternative "vernichten oder nachhaltig nutzen" gestellt im Ernst für die Wirtschaftsform "vernichten" aussprechen ! Das Rätsel aus welchen Gründen es denn nun tatsächlich zur Vernichtung in großem Stil kommt, obwohl das doch niemand wollen kann, wollen solche Freunde naturverbundener Existenzweisen aber nicht näher ergründen. Es genügt die nicht-indianische Wirtschaftreform an einer vernünftigen zu blamieren, für die die indianische als Beispiel diente. Für die in Brasilien maßgebliche Wirtschaftsweise begnügt man sich daher mit einer Aufzählung all dessen, was dort unten passiert: Überschwemmung des Urwalds, um Wasserkraftwerke zu errichten, Eisenverhüttung mit Holzkohle, alles für den Export, ungerechte Eigentumsordnung, Branddrohung durch brotlose ökologisch nicht informierte Siedler #c. - lauter abschreckende Beispiele, wie man es nicht machen soll, wenn einem der Urwald und seine Bewohner lieb sind. Umso liebevoller malt man die Lebensweise der Indianer aus, die den Urwald nicht zerstören und doch nutzen . Es geht doch !

Das so beschriebene Vernichtungswerk an einer nicht näher analysierten Wirtschaftsweise wird dann andererseits doch nicht ganz so ernst genommen, als man sich dann die Frage stellt, wie "die Essenz der nachhaltigen Wirtschaftsform zu erhalten wäre': "Die Lage ist kraß, aber nicht hoffnungslos". Wobei die Hoffnung dadurch zustande kommt, daß man einfach entschlossen ist, sich allen Schilderungen zum Trotz beide "Wirtschaftsweisen" als miteinander vereinbar zu denken. Die Forderung der Indianer, unterstützt von menschenfreundlichen Idealisten hierzulande: Man sollte das Land vermessen, den Indianern und armen Siedlern zusprechen, letzteren die Ökologie des Regenwalds erklären, dort Zonen nachhaltiger Nutzung einrichten und durch Pufferzonen schützen. Wenn die "nachhaltige Nutzung" wirklich die bessere Wirtschaftsform ist, eine seltsame Lösung: Wenn man schon dabei ist, sich auszudenken, wie man die Welt gerne hätte, dann müßte man die bessere Wirtschaftsform doch überall einführen und nicht Reservate in einer feindlichen Umgebung aufbauen. Aber zurück zur Realität: Wer sollte eigentlich diese Pufferzonen errichten? Derselbe brasilianische Staat, der die multinationalen Konzerne ins Land holt? Dafür gibt es einerseits auch wiederum Verständnis: "Der Schuldendruck führt zu einem Druck auf die Ressourcen". Andererseits auch wiederum nicht, denn die Bewohner des Urwalds brauchen unbedingt einen Rechtshilfefond, damit sie sich Rechtsanwälte nehmen können, um sich gegen die Landnahme zu wehren. . .etc. Fazit: Es geht zwar alles nicht, und letztlich weiß man gar nicht so genau, warum nicht, aber es ist doch schön, gedanklich an einer Perspektive zu basteln.