Giftunfall auf der ,,Oostzee"

Noch' n rundum gelungener Umweltskandal


Gut zwei Wochen lang hielt sich der Giftunfall auf dem niederländischen Frachter "Oostzee" in den Schlagzeilen - und lieferte dabei ein Lehrbeispiel für die Gewöhnung an die fortschreitende Vergiftung von Land und Leuten und für die Leichtigkeit und Bequemlichkeit, mit der die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft mit "Umweltskandalen" umgehen können.

Die Sache selbst

war so wenig spektakulär und so absehbar wie nur was:

Die chemische Industrie macht eben ihr Geschäft mit der massenhaften Verwendung und Produktion von Giftstoffen, sei es als Zwischen-, End- oder Abfallprodukt. Und das Schiffahrtsgewerbe macht sein Geschäft - wie man bei der Gelegenheit erfuhr, sogar zu circa 80% - mit dem Transport dieser massenhaften Giftstoffe. Daß dieses Zeug giftig ist, kümmert beide Seiten nur in einer Hinsicht: Wieviel Zeit und vor allen Dingen Geld kostet es, die Gefahren bei Produktion und Transport der Giftstoffe zu begrenzen? Deshalb wird verglichen: der Aufwand für Sicherheitsmaßnahmen mit dem möglichen Haftungs- und Bußgeldrisiko für den Fall, daß man ihn unterläßt. Deshalb wird gespart: an den Sicherheitsvorkehrungen und mit dem urkapitalistischen Mut zum Risiko für Leben und Gesundheit anderer Leute. Und deshalb können kleinere und größere "Unfälle" gar nicht ausbleiben.

Dem Staat ist dieses Sachgesetz kapitalistischer Geschäftemacherei sehr vertraut. Er meldet "Handlungsbedarf" an, unterstellt seine Lieblingsbürger seiner Aufsicht und füllt diese Aufsicht mit ganz viel Nachsicht. Schließlich teilt er ja den Maßstab des geschäftlichen Erfolgs und damit auch die Beurteilung aller Sicherheitsmaßregeln als Unkost. Entsprechend sehen seine Vorschriften aus: lauter verständnisvolle Bestimmungen über das erlaubte Maß der Gefährdung von Mensch und Natur. Und entsprechend sehen Land und Leute dann auch aus. Und wenn dann wieder mal passiert ist, was passieren mußte, dann muß natürlich etwas unternommen werden: Der Unfall muß bewältigt, das Schiff mit seiner gefährlichen Fracht muß gelöscht, die lecken Fässer müssen geborgen werden. Selbstverständlich schnell und kostengünstig. Also gilt es schon wieder, das Risiko für die Umgebung, die Bevölkerung und die Bergungsmannschaft abzuwägen gegen die Schäden, die dem Geschäft, dem Schiffseigentümer, den Hafenbetreibern, der Herstellerfirma ... durch allzuviel Vorsicht entstehen würden. So passiert dann unter offizieller Aufsicht staatlicher Gesundheits- und Umweltschutzbehörden, mit Zustimmung aller möglicher Experten und unter den interessierten Augen der Öffentlichkeit bei der Beseitigung der giftigen Stoffe noch manch ,Unvorhergesehenes': Die Umgebung wird ein bißchen verseucht und die Arbeitermannschaft ;auch. Genau wie bei dem Unfall selber eben, der auf Unachtsamkeit und menschliches Versagen zurückzuführen sein soll. Von wegen, die Gefahr sei nicht bekannt, das Risiko nicht einschätzbar, Komplikationen nicht vorhersehbar gewesen !

Das öffentliche Theater

um den Giftunfall hat sich sehr zielstrebig davor gehütet, in ihm die stinknormale Konsequenz gut marktwirtschaftlicher Geschäftemacherei zu entdecken. Was jedem Westler für den Ostblock sofort schwer einleuchtet - daß dort alles, aber auch wirklich alles systembedingt ist -, für hier ist ein solches Urteil von vorneherein völlig ausgeschlossen. Hierzulande handelt es sich bei jeder Sauerei per se nur um einen Mißstand, der nicht auf die Taten, sondern immer bloß auf die leidigen Unterlassungen der zuständigen Personen, Parteien etc. zurückzuführen sein soll. Kurz: Es handelt sich immer bloß um einzelne Skandale und bedauerliche Einzelfälle, mögen sie sich auch noch so sehr häufen. Mit solchen Vorwürfen kann der Kapitalismus gut leben. Und so stand der Ausschlachtung der "Beinahe-Katastrophe" durch sämtliche mehr oder weniger maßgeblichen Instanzen auch nichts im Wege.

Die staatstragenden Medien hatten sich des Themas sofort als willkommene Abwechslung im ansonsten so sensationsarmen Sommerloch bemächtigt. Und mit hautnahen Berichten von vor Ort und leibhaftigen Experten im Studio wurde schonungslos aufgeklärt und angeklagt. Jetzt kennt der aufgeweckte Zeitungsleser und Fernsehzuschauer immerhin eine neue Chemikalie ("Epichlorhydrin - bis 3 ppm (parts per million) unschädlich"), durfte sich ein paar Tage lang mit vollem Recht über "Dilettantismus", "Schlamperei", ja sogar "kriminelle Verantwortungslosigkeit" bei den beteiligten Firmen, über "fehlende amtliche Aufsicht und Kontrolle", "national und international differierende Verpackungsvorschriften" empören und kein böses Wort war gefallen über den geschäftsmäßigen Grund der beschworenen Unterlassungen. Nachdem die Schuldfrage so im Sinne von Staat und Marktwirtschaft eindeutig geklärt war, konnte man sich unbeschwert der spannenden Frage widmen, ob die Zuständigen die Sache in den Griff bekommen würden. Das taten die dann auch, was man eindeutig daran sehen konnte, daß die große Katastrophe ausblieb und nur ein paar Bergungsarbeiter ein bißchen Gift geschluckt haben. Nicht einmal die Umwohner wurden evakuiert. Das nahm dem Skandal ein bißchen den Unterhaltungswert - und so schnell und heftig, wie sich die Öffentlichkeit aufgeregt hatte, so kurz und schmerzlos hat sie sich auch wieder abgeregt.

Die Politiker gingen ganz selbstverständlich davon aus, daß von dem ganzen kritischen Getöber kein Angriff auf ihre Entscheidungen und ihre Entscheidungszuständigkeit zu erwarten war. Zu Recht. Die Beschwerde über fehlende staatliche Kontrolle lebt ja gerade von dem Zutrauen zur Politik und dem unbedingten Glauben an den angeblichen Zweck aller Staatsgewalt, "Schaden vom Volk abzuwenden". Und sie ist deshalb auch nichts anderes als der untertänige Antrag, die zuständige Obrigkeit möchte sich doch bitte des Problems annehmen. Das hatte die Obrigkeit allerdings schon längst getan: in ihrem Sinne, mit äußerst toleranten Vorschriften und mit den bekannten Resultaten eben. Trotzdem entdeckten die Parteien dann schließlich doch noch einen "Handlungsbedarf" - und ein willkommenes Thema für die Parteienkonkurrenz. Die bezog ihre Spannung wieder einmal daraus, daß sich sämtliche Politiker im wesentlichen einig waren. Ein bißchen schärfere "Verpackungs- und Stauvorschriften", ein bißchen geringere Gifthöchstmengen pro Schiffseinheit - es soll ja nicht immer gleich die große Katastrophe drohen. Eine ganz neue "Deklarationspflicht"nach dem Motto "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt". Eine spezielle "Feuerwehrtruppe für schwierigste Schadensfälle" - weil mit denen natürlich nach wie vor gerechnet wird. Nicht zu vergessen "drastisch erhöhte Haftungsgrenzen" - damit wenigstens die Staatskasse unbeschädigt bleibt. Und das alles natürlich nur "international abgestimmt", am besten gleich "auf der Ebene der Vereinten Nationen" denn eine Schwächung der Konkurrenzposition der nationalen chemischen und Transportwirtschaft durch übertriebenen Sicherheitsaufwand wollen wir uns natürlich auf gar keinen Fall leisten. Das war's dann. Der Gifttransport ist schließlich ein Geschäft und soll es auch bleiben .

Der Verband Deutscher Reeder ( VDR) hat das "Unglück" angeblich "geradezu als Lehrstück" betrachtet. Natürlich nicht für den Zusammenhang von Geschäft und Sorglosigkeit in Sicherheitsdingen, sondern:

"Die Wirkungen, die von einem solchen Unfall in die Betriebe unmittelbar ausgehen, halte ich für sehr viel wirkungsvoller, als darüber nachzudenken, ob wir nun noch ein zehntes Gesetz brauchen. " (So der Hauptgeschäftsführer des VDR)

Einsparungen bei der Sicherheit müssen sich nicht unbedingt lohnen, sie können auch Geld kosten, wenn's schiefgeht, deshalb heißt es, die Risiken für den Gewinn abwägen. Das hat dieser Verein also aus dem Unfall gelernt. Und deshalb verbittet er sich jede staatliche Einmischung in die diesbezügliche Geschäftskalkulation - mit dem offenherzigen Hinweis zwischen den Zeilen, daß Vorschriften ohnehin immer umgangen würden, wenn es sich lohnt. So billig und offensiv bewältigt eben die Wirtschaft ihre "Umweltskandale" .

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schließlich ist aus der "Beinahe-Katastrophe" ebenfalls als eindeutiger Gewinner hervorgegangen. Das erste Mal durfte dieser inoffizielle Repräsentant des Umweltgedankens ganz offiziell Vertreter in einen waschechten Krisenstab entsenden und mit den Machern und Beaufsichtigern der "Umweltskandale" über ihre Bewältigung debattieren. Bei soviel Anerkennung von oben wollte der Umweltverein natürlich auch nicht durch unqualifizierte-Angriffe auf die "Verantwortlichen" für den "Skandal" unangenehm auffallen. Statt dessen war er sehr zufrieden damit, die Größe des Unfalls immer etwas größer und die Bedrohung von Land und Leuten immer etwas bedrohlicher zu sehen als die Behörden- und Firmenvertreter. Mit so etwas kann man seinen Ruf als fachkundiger und besorgter Anwalt der Natur pflegen und in die Zeitung kommen. Was will man mehr.