Mit zuverlässiger Regelmäßigkeit lenken diverse Pannen die öffentliche Aufmerksamkeit auf die chemische Industrie. Die Giftwolken von Seveso und Bhopal lieferten ebenso wie die jüngst erfolgte Vergiftung von Altvater Rhein durch Planzenschutzmittel der Firma Sandoz Anlaß Für die besorgte Frage , ob "wir" nicht gerade dabei sind , die "Selbstvertreibung aus dem Garten Eden" (SZ) zu organisieren.
Zweifellos herrschen hierzulande Zustände, daß es einer Sau graust: Von den Alpen bis zur Nordsee gibt es keinen Fleck Erde mehr, der nicht cadmiumgedüngt oder dünnsäureverklappt wäre. Und wen die Atemluft und das nitrat- und Pflanzenschutzmittelverseuchte Wasser nicht schaffen, der bekommt per Nahrungsaufnahme mit "Fünf Pfund Chemikalien pro Jahr(SZ) den Rest.
Auf dieser Basis gebt ein allseitiges Philosophieren über"Fluch und Segen der Chemie" an, das grundverkehrt und für die Verursacher des Drecks garantiert unschädlich ist.
Die Chemie ist die Wissenschaft, die sich mit dem Atomaufbau der Elemente und den daraus resultierenden chemischen Eigenschaften befaßt. Sie bestimmt die Verbindungen, die die Elemente miteinander eingehen hinsichtlich ihrer Zusammensetzung wie chemischen Eigenart. Die Eigenschaft der Substanzen, auf bestimmte Art miteinander zu reagieren und damit ihre jeweilige Eigenart in spezifischer Weise aufzugeben, wird durch die chemischen Gesetzmäßigkeiten beschrieben. Durch die theoretische Aufdeckung dieser naturgegebenen Zusammenhänge ist die Chemie Grundlage für die praktische Beherrschung chemischer Prozesse. Die Kenntnis der chemischen Verbindungen und ihrer Umwandlungen ermöglicht das modifizierende, den beabsichtigten Wirkungen entsprechende Eingreifen in chemische Prozesse. Um das, was in der sich selbst überlassenen Natur zufällig realisiert ist, planmäßig herbeizuführen oder absichtlich solche Konstellationen zu erzwingen, die in der gewünschten Form nicht vorzufinden sind, werden die Natursubstanzen unter bestimmte, vom angestrebten Zweck diktierte Bedingungen gesetzt und von anderen, diesen Zweck störenden Einflüssen geschieden.
Welchen Zwecken das chemische Wissen nutzbar gemacht wird, schreibt allerdings keine Gleichung vor. Nicht der naturgesetzliche Ablauf chemischer Reaktionen, sondern die Interessen ihrer Anwender sind Ursache von Nutzen und Schaden, die die Chemieindustrie in gar nicht zufälliger Verteilung der Menschheit präsentiert.
Firmen wie Hoechst, BASF und Sandoz machen mit Herstellung und Absatz von Chemieprodukten ein Geschäft. Deren Erfolg bemißt sich im Überschuß an Geld, den der Verkauf ihrer Waren über den zu ihrer Produktion aufgewendeten Kapitalvorschuß einbringt. Rentabilität, beziffert in den gänzlich unwissenschaftlichen Maßzahlen Mark, Dollar, Yen, ist das einzige Kriterium, dem in unserer freiheitliche Marktwirtschaft die Produktion der chemischen ebenso wie der jeder anderen Industrie unterliegt. Allein dieser Maßstab entscheidet über die Produkten von Salzsäure genauso wie über die von Penicillin. Diesem Zweck haben die Resultate chemischer Forschung dienstbar zu sein, nur für diesen Zweck werden sie angewendet. Chemische Werke samt Umgebung sowie Chemieprodukte sehen dementsprechend aus. Schließlich achten "unsere Chemiefirmen" bei ihrem einträglichen Geschäft mit Chemieprodukten streng auf ihre Kosten. Sie rechnen mit Schadstoffkonzentration pro Kubikmeter, mit Kostenoptimierung für "sicheren Betrieb und Lagerung", weil die Gewinnspannen den Rhein runtergehen würden-, wäre man hier zimperlich. Also werden Dreck Gift und radioaktive Substanzen kostengünstig in die umgebende Landschaft "entsorgt", und Chemiefabrikanten ebenso wie alle anderen freien Unternehmer üben kostenkalkulierende Zurückhaltung beim Einbau von Filter-, Sprinkler- und Entgiftungsanlagen. Und wo Gifte erstklassige Geschäftsartikel von BASF, Hoechst und Bayer sind, weil sie ihren festen Platz in Lackierereien und auf deutschen und auswärtigen Äckern haben, eben die ganze kapitalistische Geschäftswelt nach solchen Arbeits- und Produktionsmitteln verlangt, da darf und muß die arbeitende wie konsumierende Menschheit einfach umfassend mit den "chemischen Zeitbomben" in Berührung kommen.
Der Staat, der das Wachstum genau dieser Sorte Chemieproduktion nach Kräften fördert und sich selber daraus bei dient, sorgt mit großzügigen Belastbarkeitsdefinitionen, Störfallordnungen etc. Für den nötigen "wirtschaftsverträglichen Umweltschutz"; die Kosten auf seiten der Betroffenen sind darin mit der größten Selbstverständlichkeit einkalkuliert. Weil bei der marktwirtschaftlichen Praxis und dem Interesse Produktion, Lagerung und Transport von Chemieprodukten kostenoptimal zu gestalten, jede Menge Gift anfällt, erläßt der Staat Grenzwerte für Schadstoffkonzentrationen pro Kubikmeter und schreibt Absauganlagen und Feuerlöscher vor. Diese staatliche Festlegung des Ausmaßes erlaubter Vergiftung gehorcht dabei dem Prinzip: Wo viel Gift anfällt, da muß es auch abgeblasen und abgelassen werden können. Und um so mehr kann der Mensch in Wasser und Luft dann davon fressen, so die einfache staatliche Dosis-Verträglichkeitsrechnung. Welcher Staat kann schließlich "die Verantwortung" dafür übernehmen, daß die Gesundheit seines "weltgrößten Herstellers" (BASF), also Nutznießers von so "unverzichtbarem" Giftzeug wie Formaldehyd und ähnlichem, unter "unerfüllbaren<<, weil zu kostspieligen Grenzwerten und Verordnungen Schaden leiden könnte. Diese unterliegen, wie die MAK-Werte, mit denen festgelegt wird, wieviel giftige Dämpfe Arbeitern an "ihren" Arbeitsplätzen zugemutet werden dürfen, gewissen Konjunkturen. Schließlich versorgt der laufende Giftgroßversuch in bundesdeutschen Fabriken und auf bundesdeutschen Landen eine ganze Heerschar amtlich bestallter wissenschaftlicher Sachverständiger mit den neuesten Erkenntnissen für die gesetzliche "Unbedenklichkeit" oder "Gefährlichkeit" jedweder gesundheitsschädlicher Dämpfe und Stoffe. Schließlich werden jedes Jahr ein paar Gifte "verzichtbar", weil sie als Geschäftsmittel endgültig ausgedient haben; zugleich werden andere gesünder, weil sie durch nichts zu ersetzen sind. Und das will jährlich von neuem ganz exakt in Milligramm pro Kubikmeter eruiert sein. Damit ist auch schon alles klargestellt über den staatlichen Standpunkt der Volksgesundheit der am Walten ist, wenn nun sogar in der Kompetenz eines Extra-Bundesumweltministers, diverse Störfall- und Grenzwertverordnungen für den Bereich der Chemieindustrie etwas schärfer gefaßt werden: Sein Menschenmaterial will der demokratische Oberaufseher übers nationale Kapitalwachstum schon etliche Jährchen im Arbeits- usw. Dienst für Deutschland benutzbar erhalten wissen - jedenfalls im Durchschnitt, wo von Haus aus so mancher auch noch drunter bleibt -, bevor er dessen vollzogenen Ruin konstatiert -und per Krankenkasse und Invalidenrente amtlich verwaltet.
Einhaltung der behördlichen Vorschriften gehört ebenso zur Geschäftsrechnung der chemischen Industrie wie die Ausnutzung aller möglichen wirtschaftlich notwendigen Ausnahmeregelungen, Lockerungen und Aufschübe und die Kalkulation mit den durchaus läßlichen Bußgeldern für ihre Mißachtung. In jedem Fall gehören Dreck und Gift in Fabrik, Produkt, Abwasser und Abluft notwendig zum Geschäftsgang chemischer Industrie und auch der eine oder andere Unfall mit größerem Giftausstoß ist in diesem Gewerbe einkalkuliert und durch die entsprechende Versicherung kostenmäßig abgedeckt.
Die Rede von Nutzen und Risiko der Chemie, die die Bunsenjünger gerne im Munde führen, macht fälschlicherweise die Naturwissenschaft Chemie für die Folgen ihrer Anwendung haftbar. Umstandslos setzt ein Professor der Zunft beides in eins, wenn er die"Segnungen"aufzählt, für die"wir alle"der Chemie Dankbarkeit schulden:
"Die Chemie ...- als Wissenschaft wie auch als Industrie - ... hat die Menschen von vielen Alpträumen befreit ... So haben synthetische Arzneimittel zur Bekämpfung von Krankheiten, zur Verbesserung und Verlängerung des Lebens entscheidend beigetragen ... So wurde für breite Bevölkerungsschichten ausreichende und vielseitige Ernährung selbstverständlich ... Die Chemie - in Verbindung mit anderen Wirtschaftszweigen (?) - schuf die Grundlage für den Menschen, sich von der Versorgung mit dem Lebensnotwendigen zu lösen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die zu verbesserten Lebensbedingungen führten ..." (Prof. Dr. W. Swodenk, Vorsitzender der deutschen Bunsengesellschaft)
So übersetzt der professorale Liebhaber "unserer Chemieindustrie" die Fortschritte der Chemie, und ihre Nutzbarmachung seitens BASF und Hoechst in ein großangelegtes, menschenfreundliches Programm" zur Verbesserung der Lebensbedingungen", indem er die Vorstellung bemüht, daß die Produkte, die dem Chemiekapital als Geschäftsmittel dienen, doch wahrhaftig auch noch nutzbare Gebrauchseigenschaften besitzen und deshalb zwecks Versorgung der Menschheit in die Welt gesetzt werden.
Was macht es da schon, daß der Hustensaft und auch noch die letzte Plastikschüssel nur gegen Bezahlung zu haben sind, und deshalb bis heute nicht einmal diese Insignien professoralen Luxus und Reichtums weltweite Verbreitung gefunden haben. Weil alle diese hübschen Gebrauchsgegenstände Geschäftsartikel sind, mit deren Verkauf Gewinn gemacht werden soll, entscheidet auf der einen Seite die Zahlungsfähigkeit der Menschheit über ihre "Versorgung".
Das ist der Grund, weshalb trotz Penicillin, Kunstdünger und Kunststoff das massenhafte Sterben armer Schlucker an Infektionen, Hunger und Kälte nicht aus der Welt geschafft ist, und der automatische Fortschritt des Lebensstandards hierzulande trotz bzw. Dank "100 Jahre Chemie" für die gewöhnlichen Leute so ziemlich mit AOK und Acrylpullover zusammenfällt.
Auf der anderen Seite unterbleibt deshalb trotz des vorhandenen naturwissenschaftlichen "Fortschritts" und technologischen Know-hows die Produktion gesundheitsverträglicher Arbeits- und Konsumtionsmittel, wenn sie nicht profitabel abzusetzen sind. Der beliebte Gedanke
"ohne Chemie gäbe es keine Industrie, keine moderne Medizin und keine ausreichende Lebensmittelproduktion" (SZ)
will die Dummheit, daß ein nicht vorhandenes Wissen nicht angewendet werden kann, zum Argument dafür machen, daß "unsere Chemie"-Industrie unverzichtbar ist. Also auch das bißchen Gift im Wasser in der Luft und im Boden, das dabei anfällt. Ein Beweis dafür, daß es wegen der Chemie erfreuliche - oder unerfreuliche - Folgen gibt, ist er nicht.
Zu echter Fruchtbarkeit gelangt die Thematisierung der "Leistungen " der Chemie, wenn sie sich eben diesen unerfreulichen Folgen zuwendet.
Unter dem Titel ,Risiken der Chemie" werden Luft- und Abwasserverschmutzung", "chemiebedingter Krebs", Giftgasunglücke" zu Sachnotwendigkeiten verfabelt, die ihren Grund in einer durchaus erfundenen Gesetzmäßigkeit chemischer Reaktionen haben sollen und als Preis für den präsentierten Nutzen der Chemie verkauft werden.
Jenseits jeglicher Aufklärung naturgegebener Zusammenhänge verleiht pseudowissenschaftlicher Sachverstand dem ebenso verbreiteten wie dämlichen Dogma, daß jedes Ding der Welt zwei Seiten habe, den Rang eines Naturgesetzes, indem er es zur Eigenschaft der Chemie erklärt:
"Chemische Reaktionen - insbesondere technische Verfahren (?!) - verlaufen nicht mit 100% Ausbeute an gewünschten Produkten. Abfallprodukte - sei es Abluft oder Abwasser - müssen entsorgt werden." (Prof. Dr. W. Swodenk)
Chemische Reaktionen kennen weder Haupt- noch Abfallprodukte. Noch viel weniger schreibt ein chemischer Reaktionsablauf Art und Weise seiner technologischen Aufbereitung oder das Abgeben dabei entstehender "Abfälle" an Luft und Wasser der Umgebung vor. Die Initiatoren "technischer Verfahren" allerdings samt den ihnen dienstbaren Herren Chemikern betrachten Ausgangsstoffe und Produkte der verschiedenen chemischen Reaktionswege unter ganz und gar unchemischen Gesichtspunkten auf Vor- und Nachteile. Um "verkaufsfähige" Chemikalien zu gewinnen, werden verschiedene Synthesewege für eine Substanz nach den Preisen für die Ausgangsstoffe und dem geschäftlich optimalen Verhältnis von Ausbeute und Umsatz beurteilt. Dabei anfallende mehr oder weniger giftige Stoffe erhalten den Titel"Nebenprodukte" bzw. Abfallprodukte", sofern sie "ohne wirtschaftliche Bedeutung" sind, und werden kostengünstig durch Schornstein und Abflußrohr gelassen.
Der Unsinn, gängige industrielle Praxis zur Naturnotwendigkeit zu verklären, hat Methode und Zweck. Mit"der Chemie" ist eine naturgegebene Verseuchungs- und Vergiftungsursache erfunden, für die nun wirklich kein Mensch etwas kann. Die mit der Geschäftskalkulation chemischer und sonstiger Fabrikanten in die Welt gesetzte Tatsache, daß die Produktion von Nutzartikeln für allseitigen Konsum von Dreck, Gestank, Lärm und Gift sorgt, verleiht der albernen Behauptung, daß zu jedem Nutzen mit Notwendigkeit Schaden gehöre, ihre Anschaulichkeit. Damit ist kategorisch jede Kritik an schädigenden Zwecken untersagt und gelungener Umkehrung der Kritiker zum Volksschädling erklärt, der den Leuten ihr Hostalen streitig machen würde, wenn er Einwände gegen das mitgelieferte Formaldehyd erhebt. Auf dieser Grundlage hebt ein munteres Vergleichen der unterschiedlichsten "Belastungen " an, deren Ausmaß sehr zielstrebig dergestalt aneinander relativiert wird, daß die chemische Industrie als Punktsieger aus dem Rechenkunststück hervorgeht.
"Es ist nützlich, darauf hinzuweisen, daß nur der die Leistungen annehmen darf, der auch bereit ist, gewisse Belastungen, gewisse Risiken auf sich zu nehmen." (Prof. Dr. W. Swodenk)
Worin im Rahmen dieser unverhüllten Drohung für den einzelnen allerdings der Nutzen bestehen soll, bleibt das Geheimnis des Herrn Professors. Wenn die "Lebensmittelversorgung"mit deren Vergiftung, der Besitz eines Bettes mit dem Einatmen gesundheitsschädlicher Holzschutzmittel verknüpft ist, so läßt sich für den Betroffenen zwischen"Belastung" und "Leistung" kein quantitatives Verhältnis aufmachen, das angibt, wieviel Vergiftung mit wieviel Hungern und Frieren gleichzusetzen ist. Da sorgt das Geschäft mit der beschränkten Zahlungsfähigkeit der gewöhnlichen Menschheit, die ihre Zahnpasta, den Tapetenkleister und die Preßspanplatten ja wohl schlecht mittels Heimarbeit sich selber beschaffen kann, für die gesundheitsschädlichen "Nebenprodukte" in diesen Artikeln des alltäglichen Bedarfs und genau dieser Zwang soll das beste Argument für diese "marktwirtschaftliche Lebensmittelversorgung" sein, gemäß der unverschämten Logik: Wer Zahnpasta braucht, hat damit seine Vergiftung verlangt und bestellt. Mit dem Ansinnen",eine Bilanz zwischen Risiko und Chance aufstellen zu können", ist der widersprüchliche Blödsinn in die Welt gesetzt, daß nützlicher Schaden und schädlicher Nutzen sich in irgendeinem geheimnisvollen Modus gegeneinander abwägen lassen und existierender Schaden dadurch aus der Welt gerechnet werden kann. Seine Fortsetzung findet dieses Bestreben in der Relativierung diverser "Risiken" aneinander, der sich ein Wissenschaftszweig namens Risikoforschung verschrieben hat, um gegen die unausgewogene" Abneigung der Menschen gegen die ihnen präsentierten Gefährdungen ins Feld zu ziehen.
Den quantitativen Vergleich inhaltlich sehr disparater Schädigungen erstellt der Risikoforscher durch Zählen der Leichen, die die jeweiligen "Gefahrenquellen "verbuchen können. Die gesundheitsschädliche bis tödliche Wirkung von Umweltgiften und chemischen Zusatzstoffen, Pflanzenschutz und Arzneimitteln auf Einzelfiguren halten Vertreter dieser Zunft nämlich für relativ unbedenklich und in ihrer Gefährlichkeit stark "überbewertet". Erst der massenhafte Anfall von Krüppeln und Leichen erhebt eine "Gefahrenquelle" in den statistischen Rang eines "Risikos".
"Für Risiken werden Menschen hochgradig sensibilisiert. Häufig wird über Risiken vorwiegend aus der Sicht der Betroffenen berichtet. Dadurch verwechseln die meisten Menschen die Häufigkeit der Meldung mit der Größe der Gefahr. Hier muß man an die Begriffsbestimmung erinnern: Risiko = Ereignishäufigkeit x Schaden". (Prof. Heilmann, Risikoforscher an der TU München)
Mit einer Reflexion auf Leben und Gesundheit der "Betroffenen "kann und will diese Rechengröße nicht verwechselt werden. Dem glücklichen Erwerber eines Lungenkarzinoms kann die Ranggröße, die der Risikoforscher seiner Krankheit auf der von ihm erfundenen Schadensskala zumißt, ebenso egal sein wie die Frage, wieviele "Erwerbstätige, (die) berufsbedingt (.l) mit Chemikalien in Kontakt stehen", neben ihm an Krebs sterben. daß er wegen des nberufsbedingten Kontakts mit Chemikalien" an Krebs erkrankt ist, bestreitet der Risikoforscher ebensowenig wie die Tatsache, daß dieser Kontakt alljährlich eine Reihe von Arbeitnehmern das Leben kostet. Für relevant hält er diesen Umstand nicht. Sein Interesse gilt schließlich der Volksgesundheit. Und die ist mindestens solange gesund, wie die Gifte am Arbeitsplatz in Wasser, Luft und Lebensmitteln sich nicht in einer respektablen Platzziffer in der "Todesstatistik" der BRD niedergeschlagen haben. Und da schneiden, aufs Gesamtvolk hochgerechnet, Herzinfarkt, Lungenkrebs, Leberzirrhose und Verkehrsunfälle einfach besser ab.
Von dem durchaus bemerkenswerten Umstand, daß die Rubrik "Risiko" für einen gleichnamigen forscher" offenbar erst mit dem Ableben beginnt, soll hier einmal ebenso abgesehen werden, wie von der kleinen statistischen Mogelei, die Krankheiten wie Lungenkrebs und Leberzirrhose dem"chemikalienbedingten "Krebs gegenüberstellen, obwohl sie bekanntermaßen durch eine ganze Reihe>>gewerblich verwendeter Stoffe" ausgelöst werden können.
Der Witz der ganzen unverschämten Risikovergleicherei besteht darin, daß
erstens die Notwenigkeit der Gesundheitsschädigung im Dienste von Geschäft und Gewalt geleugnet wird, indem man sie mit dem Titel Risiko in die bloße Möglichkeit verwandelt, die nur drohen soll.
Zweitens werden mit dem Risikovergleich alle Gründe und Zwecke, aus denen "Gesundheitsschädigungen" passieren in eins gesetzt, also systematisch aus der Welt geschafft.
Weshalb drittens ein jeder die "Risiken", die "unsere Marktwirtschaft" für einen bereithält, getrost verträgt gemäß der zynischen Rechnung: Wer raucht und säuft, der kann und muß sich erst recht das Nitrat und Phosphat, die Dünnsäure und das Formaldehyd in Luft, Wasser und Lebensmitteln schmecken lassen.
Mit dem Hinweis auf die eminente Gefährlichkeit des privaten Konsums (Da wollen sie auf einmal alle ganz genau wissen, daß Rauchen den Lungenkrebs schafft, wohingegen man bei Asbest nichts genaues nie wissen kann) verleiht der chemische Risikospezialist seiner Abwiegelei moralische Wucht: Die Benutzung der Physis und Gesundheit für private Bedürfnisse und Genüsse ist für ihn auf jeden Fall ein "unverantwortlicher" Verbrauch und eine Schädigung des hohen Guts Gesundheit, deren exklusiver Ge- wie Verbrauch "unseren Unternehmen" und ihrem staatlichen Sachwalter allein zusteht. Gegen die "Risiken", die ihm das Geschäftsgebaren der Industrie aufzwingt, dessen Erfolg hierzulande das Maß allen Wirtschaftens ist, darf so einer nie mehr was einwenden. Aber auch Nichtrauchern und Abstinenzlern werden mit Argumenten gleichen Kalibers Grund und Berechtigung zu Kritik an der chemischen Verseuchung ihrer Lebensmittel abgesprochen, akzeptieren doch auch sie "Alltagsrisiken' von ganz außerordentlicher Größe. Lebensbedrohliche "toxische Naturstoffe" finden sich nämlich auf jedem Mittagstisch:
"Ein weiteres bekanntes Beispiel stellt die Kartoffel daß, die Solanin enthält. In reifen Kartoffeln beträgt die Menge zwar nur 1,25 mgl100 g; in unreifen grünen Kartoffeln sind dagegen erheblich höhere Mengen an Solanin vorhanden. Ab 40 mg/100 g gilt die Kartoffel als giftig. Die tödliche Dosis Solanin für einen Menschen beträgt 0,5 g.... Bei Kindern können zwei Muskatnüsse tödlich sein.... Schwarzer Pfeffer löst bei Mäusen bei einer Menge von 160 mg/kg Körpergewicht Tumore aus.... Selbst eine Substanz wie Kochsalz, die wir täglich verzehren, ist nicht ungiftig (Letaldosis - 300 g/75kg Körpergewicht)." (Prof. Dr. W. Swodenk).
Natürlich frißt kein Mensch anstelle des Schweinebratens die entsprechende Portion Kochsalz, nur damit der interessierte Imperativ der Risikoforschung "Alles ist giftig" auch wirklich recht bekommt; und die im folgenden aufgelisteten "natürlichen Gifte" Botulinus-Toxin, Curare und Strychnin gehören im Unterschied zu diversen karzinogenen Konservierungsmitteln nicht zum alltäglichen Konsum des Normalbürgers. Aber für die Beschwörung der Unbedenklichkeit "unserer" Chemieproduktion ist dem Herrn Chemieprofessor auch der Hinweis auf den sorglosen Umgang mit Kartoffelbrei nicht zu blöde. Fazit: Der Kapitalismus ist Gift für die Gesundheit der Leute. Der Staat schützt diesen Zustand mit Gewalt. Die darüber in der demokratischen Öffentlichkeit geführten Debatten sind samt ihren Heucheleien Gift für den Verstand.