Die Naturwissenschaft faßt ihren Gegenstand in allgemeinen Bestimmungen und Gesetzen, in die sie dessen Identität legt. In ihren Resultaten läßt sie die Unmittelbarkeit des Gegenstands nicht bestehen, insistiert gegen diese auf der Wirklichkeit der allgemeinen Bestimmungen und Gesetze und zeigt sich so als eine auf Objektivität zielende Tätigkeit: Erkenntnis. Die Naturwissenschaft präsentiert sich als widerspruchsfrei, schlüssig und ohne Pluralismus; die allgemeinen Bestimmungen, die sie erarbeitet, sind mit der Sache identisch.
a. Naturwissenschaft gilt gemeinhin als "empirische Wissenschaft", doch
liegt das Rationale dieses Ausdrucks nur in der Charakterisierung ihres Gegenstands. Wie alle Wissenschaft
ist sie gerade nicht empirisch, da sie in ihren Resultaten über die Unmittelbarkeit
des Gegenstands hinaus ist. Dies zeigen schon frühe Ergebnisse der Mechanik,
wie das Fallgesetz oder das Trägheitsgesetz – K = m · b anstatt Kraft bezogen
auf die Geschwindigkeit – die sich nicht in der Alltagserfahrung finden.
Zudem zeigt die Naturwissenschaft in der Tatsache, daß sie ihren Kategorien
die Anschaulichkeit nimmt oder dem gesunden Menschenverstand Paradoxa aufbürdet,
daß sie die wissenschaftliche Einsicht auch gegen die unmittelbare Anschauung
des Gegenstands geltend macht und keine Vermittlung beider zuläßt, in der
die Erkenntnis preisgegeben wäre.
b. Die Naturwissenschaft trägt sich systematisch vor. Z.B.deduziert die Physik ganze
Bereiche aus wenigen ersten Gleichungen (Prinzipien der Mechanik, Maxwell'sche
Gleichungen der Elektrodynamik) und behauptet, die vollständige Bestimmtheit
ihrer Inhalte erarbeitet zu haben und in Lehrsätzen und Beweisen darlegen
zu können. Die Naturwissenschaften lassen Widersprüche, die in ihrem Erkenntnisprozeß auftreten,
nicht unaufgelöst stehen und duldet keine konkurrierenden Theorien. Auch
in Fällen, in denen eine Theorie "annähernd" gelten soll, während die "strenge"
Lösung in einer anderen Theorie geliefert wird – so "widerspricht" die moderne
Physik der klassischen, ohne ihr alle Wahrheit zu nehmen – haben solche Theorien
ein kommensurables Verhältnis zueinander, da die neue Theorie die alte zumindest
umfaßt. Daß solche Theorien nicht unverbunden stehengelassen werden, zeigt,
daß es sich nicht um einen den Erkenntnischarakter negierenden "Pluralismus"
handelt.
Kommensurables Verhältnis von klassischer und moderner Physik:
Das folgende Beispiel soll kurz angeben, wie eine Aussage der
klassischen Physik in der modernen Theorie enthalten ist. Eine
physikalische Bewegung ist allgemein durch den Zusammenhang von Energie
E und Impuls P bestimmt, durch die Funktion
wobei E0 die Ruheenergie und c die Grenzgeschwindigkeit darstellen. Die Geschwindigkeit v dieses Transports ist
Die Interpretation dieses allgemeinen Ausdrucks umfaßt
– Bewegungen, deren Geschwindigkeit v = c ist (Licht), so daß diese mit (2) durch den Zusammenhang
charakterisiert sind.
– Bewegungen, deren Geschwindigkeit v << c ist. Mit (2) folgt, daß cP << E und cP << E0 , so daß sich (1) in die Reihe
entwickeln läßt. Formt man diese Gleichung in
um, so zeigt sich die Identität mit der klassischen Physik: ist E0 = m0 · c2 , so zeigt sich nämlich der zweite Summand in E(v) als der bekannte Ausdruck für die kinetische Energie, den bereits Newton kannte.
Ekin = -- · -- · v2 = -- · v2
2 c2 2
c. Die Kritik der Naturwissenschaft als einer falschen oder mangelhaften
Erkenntnis stützt sich oft auf das Anwendungsverhältnis von Wissenschaft
und Produktion und analogisiert ein "instrumentelles" Erkennen in dieser
Wissenschaft, ohne zeigen zu können, ob sich der instrumentelle Umgang mit
Gegenständen außerhalb der Wissenschaft tatsächlich in die Erkenntnis einbildet.
Das aufgezeigte Verhältnis von Wissenschaft und unmittelbarer Anschauung
weist demgegenüber gerade auf Erkenntnis hin, deren Spezifika an der Naturwissenschaft
selbst abzuhandeln sind, bevor ihr Verhältnis zur Produktion oder auch ein
Vergleich mit den Geisteswissenschaften auszuführen ist. Die übelste Variante
dieses Vorwurfs findet sich wohl bei Vahrenkamp, der die Trennung von Subjekt
und Objekt in der Wissenschaft und die Auflösung der "Einheit von Naturprozessen
in einzelne Gesetze" mit dem Argument als bürgerliche Ideologie denunziert,
den Naturwissenschaftlern fehle der "direkte Bezug zur Produktionspraxis".
(R. Vahrenkamp, Technologie und Kapital, 212 f.)
d. Verfehlt sind auch alle Versuche, den Erkenntnischarakter der Naturwissenschaften "historisch-materialistisch" zu bestimmen durch Rekurs auf die Bildung ihrer Begriffe. Eine solche Untersuchung behauptet von vorneherein die Erkenntnis als etwas Subjektives, historisch Relatives und kann deshalb die Wissenschaft als kapitalistisch kritisieren, ohne sich überhaupt auf sie einzulassen: "Wenn es dem Marxismus nicht gelingt, der zeitlosen Wahrheitstheorie der herrschenden naturwissenschaftlichen Erkenntnislehren den Boden zu entziehen, dann ist die Abdankung des Marxismus als Denkstandpunkt (hoffentlich!) eine bloße Frage der Zeit." (A. Sohn-Rethel, Geistige und Körperliche Arbeit,14) Die Beispiele für ein solches Programm reichen von willkürlichen Analogien - "Der Impuls rückt in den Blick und er (!) ist historisch-gesellschaftlich verständlich von dem damals beginnenden Unternehmerimpuls her..." (E. Bloch, Philosophie der Renaissance, 116) - bis zur "unverkennbaren Portraitähnlichkeit" von Geld und Transzendentalsubjekt: "Aus der Begriffsspiegelung der Tauschabstraktion erwächst somit die Möglichkeit einer theoretischen Naturerkenntnis." (Sohn-Rethel, 81) Erstaunlich, daß die Objektivität der Erkenntnis doch noch hervorgezaubert werden kann: "All diese Theorien (z.B. Naturwissenschaft) müssen mit Notwendigkeit ein bestimmtes Maß von Wahrheit enthalten, eben weil sie Abbilder der Gesellschaft sind, denn die Gesellschaft ist ein Teil der Natur..." (Thomson, die ersten Philosophen, 237; zit. Tomberg, Bürgerliche Wissenschaft, 103)
e. Mit dem Festhalten der Theorie gegen die unmittelbar angeschauten Gegenstände
und der Haltbarkeit des immanenten Fortgangs naturwissenschaftlicher Theorien
ist diese Wissenschaft auch ohne den allgemeinen Fehler, der die bürgerliche
Geisteswissenschaft auszeichnet. Daran ändern auch die dümmlichen Kommentare
nichts, die Naturwissenschaftler bisweilen ihren Werken voranstellen oder
ihren Kategorien beifügen: diese blamieren sich stets vor den Gleichungen,
die als alleiniges wissenschaftliches Resultat stehen bleiben. Es ist also
als Spezifikum der Tätigkeit dieser Forscher zu diskutieren, wenn in der
Erkenntnis trotz falscher Vorstellungen fortgeschritten werden kann.
1. Das Resultat der Naturerkenntnis besteht in Gesetzen. Die in der gesetzmäßigen Verbindung der Kategorien ausgesprochene Notwendigkeit ist die von quantitativen Verhältnissen. Das Gesetz zeigt somit, daß die Bestimmtheit des Natürlichen in die Quantität fällt. In der Erfassung der Notwendigkeit als quantitativer Beziehung ist zum Ausdruck gebracht, daß die Qualität der Natur Äußerlichkeit ist.
a. Naturerkenntnis handelt von Kategorien in der Beziehung auf andere. Wenn Physiker Gleichungen hinschreiben, ohne vorher zu klären, was z.B. Raum und Zeit sind, so ist dies kein Versäumnis, sondern die Erklärung eines Gegenstands, dessen Bestimmtheit in der quantitativen Beziehung liegt. Die begriffliche Bestimmung von z.B. Raum und Zeit fällt in quantitative Relationen, weshalb diese Ausdrücke - z.B. s/t2 = const. für eine Fallstrecke oder s3/t2 = const. für die Halbachse von Planetenbahnen - nicht als "bloß mathematische" zu denunzieren sind.
b. Dieser Charakter des Naturgegenstands, den man aus unerfindlichen Gründen nicht wahrhaben will, wird der Naturerkenntnis als Mangel vorgeworfen, ohne diesen als Fehler in der Wissenschaft dingfest zu machen: "Wie an der Ware nur der Preis wichtig ist, so an der Natur nur die quantitative Berechenbarkeit..." urteilt Bloch über die kapitalistische Naturerkenntnis und verlangt eine "breitere Physik". "Vor allem ist die seit dreihundert Jahren aufgebaute Physik eine, welche nicht nur von Wertungen(!), sondern auch von Farben, Tönen, kurz von allen Qualitäten abstrahiert. Farbe ist Schwingung, l Kalorie Wärme ist gleich 427 Meterkilogramm Arbeit und sonst nichts." Unerfindlich bleibt nur, was gegen die Bürokratie des Gesetzes Ins Feld zu führen ist, wenn die Gegenbeispiele aus geisteswissenschaftlichen Sphären stammen, wie z.B. die "...Landschaftsmalerei, worin Farben, Gewitterschwüle, Sonnenaufgang und andere naturwissenschaftlich heimatlose Gegenstände behandelt werden." (Zit: E. Bloch, Subjekt-Objekt, 207f; vgl. hierzu Enz.II, 184)
c. Durchweg scheinen Naturwissenschaftler eine Ahnung davon zu haben,
daß nicht alle Gegenstände ihre Bestimmtheit in anderem haben und in quantitativen
Gesetzen zu fassen sind, worauf explizite Beschränkungen auf einzelne Themen
und hellere Formulierungen über den Unterschied von Geistes- und Naturwissenschaften
hinweisen: "Es handle sich hier nur um diese körperlichen Dinge, nicht aber
um die Gegenständlichkeiten anderer Art: Lebewesen, Personen, Gebrauchsgegenstände,
Werte, solche Wesenheiten wie Staat, Recht, Sprache und dgl." (H. Weyl, Raum-Zeit-Materie,
3)
2. Die Naturerkenntnis führt damit auf einen Widerspruch:
sie unterstellt ihren Gegenstand als für sich bestimmten, weist aber nach,
daß seine Bestimmtheit in äußeren Verhältnissen besteht. Der Naturgegenstand
ist also bloße Möglichkeit von Bestimmtheiten, ihre Realisierung liegt nicht in ihm selbst, sondern in äußeren Bedingungen.
3. Liegt die Bestimmtheit des Gegenstands in äußeren Verhältnissen, so ist die Notwendigkeit des Gesetzes in den Gestaltungen der sich überlassenen Natur nur so weit realisiert, als es die zufälligen Konstellationen bedingen. Diesen in der Natur selbst enthaltenen Gegensatz muß die erkennende Subjektivität überwinden, will sie sich nicht auf die zufällig realisierten Gesetze beschränken.
Die Naturerkenntnis benötigt somit ein Mittel, das ihren Gegenstand erst als bestimmten produziert, d.h. ihn real auf andere Gegenstände bezieht, so daß er in die Verhältnisse eintritt, die seine Beschaffenheit ausmachen. Dies geschieht im Experiment. Das Experiment muß also die Voraussetzungen der Erkenntnis schaffen, ist aber selbst kein Erkenntnisakt, da der einzelne beobachtbare Fall die Identität der Theorie mit dem Gegenstand der Erkenntnis nicht erbringen kann. (Vgl. Zum Fehler der bürgerlichen Geistes- und Gesellschaftswissenschaft, 3) Sein Charakter als Werkzeug wirklicher Erkenntnis ist jetzt deutlich: im Gegensatz zum bloß sinnlichen Bewußtsein, dem die Natur als das Unmittelbare erscheint, geht es dem systematisch experimentierenden Forscher um das Naturgesetz; in seinem Tun ist also unterstellt, daß die Natur, so wie sie vorgefunden wird, nicht notwendig die ihr immanenten Gesetzmäßigkeiten zeigt, deren Anschauung vielmehr vorzubereiten ist. Das Experiment ist die Darstellung von Verhältnissen, in die die Naturgegenstände eintreten müssen und in denen sie anschaubar werden. "Wollte man warten, bis das Material für das Gesetz rein ist, so hieße das, die denkende Forschung bis dahin zu suspendieren und das Gesetz käme schon deswegen nicht zustande." (MEW 20,507)
Damit ist der Forscher verwiesen
– auf die Vervielfältigung seiner Experimente, die Variation ihrer Umstände, um diese entweder als unwesentlich für das Gesetz zu zeigen (qualitativ) oder die Genauigkeit einer Messung zu vergrößern (d.h. die Wirkung von anderen Gesetzen zu eliminieren; quantitativ: Mittelwerte, Fehlerrechnung)
– auf vorgängiges Wissen in der Behandlung des Materials, so daß es ihm zu recht als nur die eine Kategorie gilt. Hierher gehört auch die Verwendung von Meßgeräten als technisches Resultat von bereits Erkanntem.
– die Anleitung seines praktischen Tuns durch eine Fragestellung, die aus früheren Erkenntnissen resultiert. Das Experiment "überprüft" also Hypothesen - weniger Phantasie- als Denkprodukte - in der vermittelten Weise, daß es neue Erfahrung für die Denktätigkeit bereitstellt.
a. Im experimentellen Umgang mit dem Material kann der Forscher nur verfahren wie die Natur selbst, also nicht durch eine "Zutat" den Erkenntnischarakter seiner Ergebnisse stören. Irrtümer, Täuschungen etc., wie sie beim Wahrnehmen und Schließen auftreten, erzeugen wie überall Fehler und sagen nichts charakteristisches über diese Erkenntnis aus.
b. Ein Bewußtsein von der Notwendigkeit der Konstellation bereits erkannter Gegenstände, also der Begründung des Experiments, findet sich auch im sogenannten Gedankenexperiment, wo analog den Beweisen in der Geometrie ein bloß vorgestelltes Zusammentreten der Gegenstände die Basis von Schlüssen abgibt. Umgekehrt kann sich in einzelnen Fällen das Experiment auf bloße Beobachtung des Materials beschränken; ein Beispiel ist die hervorragende Bedeutung der Himmelsmechanik für die frühe Physik.
c. Wissenschaftstheoretischen Ausführungen zum Experiment ist gemeinsam,
daß sie seinen Charakter zugleich mit dem der Naturgesetze verkennen und
sich endlos in das Thema "allgemeine Sätze" (Wahrnehmungs- und Sprachprobleme)
verstricken. Die Argumente gegen ein Beweisen mit Experimenten sind angegeben
worden; als Beispiel sei noch erwähnt, daß Popper, schließlich auf die im
Naturgesetz ausgesprochene Notwendigkeit aufmerksam geworden, in die eingestandene
Tautologie flüchtet: Naturgesetze gelten in allen gleich strukturierten (!)
Welten. (Vgl. K. Popper Logik der Forschung, 390)
1. Die Naturwissenschaft verweist mit ihren objektiven Resultaten auf das Verhältnis des Menschen zur Natur. Bereits im Fortschreiten des naturwissenschaftlichen Forschungsprozesses, der stets der Vermittlung des Experiments bedarf, hatte sich gezeigt, daß die Natur allgemeinen Gesetzen gehorcht, es aber dem Zufall überläßt, welche dieser Gesetze sich realisieren. Die Gesetzmäßigkeiten, durch die ein Naturgegenstand charakterisiert ist, offenbaren sich in Abhängigkeit von ihm äußerlichen Konstellationen, von Verhältnissen, in die er eintritt. Seine Beschaffenheit liegt gerade darin, in Verhältnisse eintreten zu können; sein Begriff, wie ihn die Naturwissenschaften ausführen, besteht in der Möglichkeit von Bewegungsformen, die er durchläuft. Diese Negativität der Natur gegen sich selbst macht die Realisierung ihrer besonderen Gestaltungen zu etwas von außen Bestimmbaren – innerhalb ihrer selbst herrscht der Zufall. Dem die Natur erkennenden Subjekt offenbart sich diese als ein Material, dem sich durch tätige Einwirkung, sofern sie nur von der Kenntnis ihrer Gesetze geleitet wird, besondere Formen aufzwingen lassen: Erkannte Natur charakterisiert sich als unter die Zwecke der ihr gegenüberstehenden Subjekte unterworfene.
Die Existenz der Naturwissenschaften als Sphäre der gesellschaftlichen Arbeitsteilung deutet so auf das Verhältnis dieser Gesellschaft zur Natur: indem deren Erkenntnis institutionalisiert ist und sich ohne Einschränkung auf die gesamte Natur richtet, bringt sie zum Ausdruck, daß die gesellschaftliche Reproduktion auf der Beherrschung der Natur gründet. "Die Natur wird erst rein Gegenstand für den Menschen, rein Sache der Nützlichkeit; hört auf, als Macht für sich anerkannt zu werden; und die theoretische Erkenntnis ihrer selbständigen Gesetze erscheint selbst nur als List, um sie den menschlichen Bedürfnissen, sei es als Gegenstand des Konsums, sei es als Mittel der Produktion zu unterwerfen." (Grundrisse, 313) Die besondere Form allerdings, in der sich die Gesellschaft zur Natur und ihrer Erkenntnis verhält, muß in der Analyse der Gesellschaft gesucht werden.
2. Die kapitalistische Produktionsweise hat ihr Spezifikum in der Unterwerfung der Arbeit unter das Kapital, welches selbst nur vergegenständlichte Arbeit darstellt. Die Vermehrung des Werts vollzieht sich durch dessen Verwandlung in die Elemente des Arbeitsprozesses, der als dem Kapital subsumierter Formbestimmungen erhält, die ihn dem Zweck der Kapitalverwertung adäquat machen. Die Vergrößerung der Mehrwertrate, von der die Vermehrung des Kapitalwerts abhängt, realisiert sich als die Veränderung des Verhältnisses von notwendiger und Mehrarbeit, als das die Mehrwertrate im Arbeitsprozeß existiert. Diese Veränderung geht aufgrund der Beschränkungen, die einer Ausdehnung der Gesamtarbeitszeit gesetzt sind, auf die Qualität der Arbeit selbst über: Kooperation, Teilung der Arbeit und Maschinerie sind die Bestimmungen, die dem Arbeitsprozeß als Produktion des relativen Mehrwerts zukommen. Daß diese Bestimmungen dem Verwertungszweck des Kapitals entspringen und nicht der Zielsetzung einer Steigerung der Produktivkräfte zur Ersparung von Arbeit, schlägt sich im Arbeitsprozeß dergestalt nieder, daß sie als objektive Bedingungen der Tätigkeit des Arbeiters erscheinen: Kooperation und Teilung der Arbeit stellen sich als technische Notwendigkeiten dar, denen sich der Arbeitende ebenso anzupassen hat wie den Bewegungen der Maschine. Diese enthält in ihrem Mechanismus alle Bestimmungen der zweckmäßigen Formierung des Arbeitsgegenstands, mithin das Wissen um die Naturgesetze, denen der Gegenstand gehorcht. Sie läßt erkennen, daß die kapitalistische Produktionsweise universelle Naturwissenschaft unterstellt - als Voraussetzung für die vom Kapital geforderte permanente Revolutionierung der Produktion.
Die allgemeinen Gesetze der Mehrwertproduktion lassen somit erschließen, daß
Naturerkenntnis in einer außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses
existenten Sphäre betrieben wird und als Mittel für eine bestimmte Form der
Naturaneignung Anwendung findet. Über die näheren Bestimmungen des Verhältnisses
von Produktion und Wissenschaft können nur die Durchsetzungsformen der Mehrwertproduktion
Auskunft geben: was in der Darstellung des Kapitals im Allgemeinen als empirische
Voraussetzung unterstellt ist, leitet sich aus der Konkurrenzbewegung her und zeigt
sich als Produkt des Kapitals.
3. Was in der Entwicklung des Kapitalbegriffs zur Ableitung des Produktionsprozesses als industriellem führt – der Zwang zur Veränderung der Mehrwertrate – erscheint in der Konkurrenz, am Handeln des individuellen Kapitalisten, als die Einführung von Mitteln zur Produktivitätssteigerung in dem von ihm kommandierten Arbeitsprozeß, sowie als "Exploration der Erde nach allen Seiten", "sowohl um neue brauchbare Gegenstände zu entdecken, wie neue Gebrauchseigenschaften der alten" (Grundrisse, 312): Der dem Kapital immanente Zwang zur Akkumulation äußert sich als Beschränkung, die der einzelne Kapitalist auf dem Markt erfährt. Beide Arten der Überwindung solcher Beschränkung - die Steigerung der Produktivität eines gegebenen Arbeitsprozesses und das Übergehen zu einem anderen Produkt - erfordern die systematische Erforschung der Natur.
Was die Einzelkapitale für das Bestehen in der Konkurrenz brauchen, können sie aber nicht selbst schaffen: insofern es ihnen um die Erzielung eines Profits geht, gilt ihr Interesse der Naturwissenschaft nur in Bezug auf diesen Zweck, welcher auch nicht verwechselt werden darf mit der Steigerung der Produktivkräfte. In der Kalkulation des einzelnen Kapitalisten setzt sich durch, was Marx über die Bedeutung der gesteigerten Produktivkraft für das Kapital im Allgemeinen ausgeführt hat:
"Für das Kapital wird diese Produktivkraft gesteigert, nicht wenn überhaupt an der lebendigen Arbeit, sondern nur, wenn an dem bezahlten Teil der lebendigen Arbeit mehr erspart wird, als an vergangner Arbeit zugesetzt wird." (K III, 272)
So sehr jedem Kapitalisten an der Entwicklung der Naturerkenntnis gelegen sein muß, damit er durch ihre Anwendung in der Produktion seine Stellung in der Konkurrenz und damit seinen Profit sichern kann, so wenig kann er sich diese Entwicklung zu seiner Aufgabe machen: Naturerkenntnis und kapitalistischer Fortschritt fallen nicht zusammen, obgleich letzterer auf der Anwendung der Naturwissenschaft beruht. Die adäquate Form, die für die konkurrierenden Kapitale notwendige Naturerkenntnis bereitzustellen, ist ihre Institutionalisierung durch den Staat. Der Mittelcharakter der Wissenschaft für die Zwecke der kapitalistischen Konkurrenz verschwindet damit hinter den Schein der formellen Allgemeinheit, der allen Tätigkeiten des Staats anhaftet. In der ihm eigentümlichen Anschauung der ökonomischen Gesamtbewegung, die der bürgerlichen Nationalökonomie zugrunde liegt, erscheint der Fortschritt der Wissenschaft als ein Faktor zur Steigerung des nationalen Reichtums, Die erste Gesellschaftsform der Geschichte, deren Reproduktion auf Wissenschaft beruht, trennt die Wissenschaft von der materiellen Produktion und erhebt sie zu einer selbständigen Sphäre der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, welche vom Staat verwaltet und als Mittel den Zwecken der konkurrierenden Kapitale untergeordnet wird.
a. In der Frühphase des Kapitalismus fand eine systematische Anwendung der Naturwissenschaften in der Produktion noch nicht statt. Solange die Arbeit nicht durch die Teilung analysiert war, die Operationen der Arbeiter noch nicht in mechanische verwandelt waren, "so daß auf einem gewissen Punkt der Mechanismus an ihre Stelle treten" konnte, war dies gar nicht möglich. Und auch noch die "enge technische Basis" der Manufaktur "schließt wirklich wissenschaftliche Analyse des Produktionsprozesses aus". (KI, 358) Und als durch die Trennung der Arbeit und die Spezialisierung der Teilwerkzeuge die Voraussetzung für das "Prinzip" der großen Industrie geschaffen war, "jeden Produktionsprozeß, an und für sich und zunächst ohne alle Rücksicht auf die menschliche Hand, in seine konstituierenden Elemente aufzulösen"(KI, 510) fand die kapitalistische Produktionsweise keine fertige Naturwissenschaft, geschweige denn die "moderne Wissenschaft der Technologie" vor. Sie war zunächst abhängig von dem mangelhaften Wissen vorkapitalistischer Naturerkenntnis und von zufälligen Erfindungen.
b. Die von der entwickelten Industrie geforderte anwendbare Wissenschaft hat zur Voraussetzung, daß die Natur objektiv erkannt wird, der theoretische Umgang mit ihr also keinem außerwissenschaftlichen Interesse unterworfen ist. Die Auseinandersetzungen der frühbürgerlichen Naturwissenschaft mit der Kirche reflektieren die Überwindung aller Schranken, die einer erkennenden Stellung zur Natur durch überkommene Formen des geistigen Lebens auferlegt waren.
c. Die "Freiheit der Wissenschaft" ist nach dem Gesagten die gesellschaftliche Form, die das Kapital dem theoretischen Verhalten zur Natur aufzwingt: der im Verwertungsdrang des Kapitals enthaltene und über die Konkurrenz realisierte Imperativ zur schrankenlosen Aneignung der Natur findet seinen Ausdruck in der Emanzipation der Wissenschaft von allen Zwecken - um in ihrer Anwendung einzig dem Zweck der Kapitalverwertung unterworfen zu werden.
4. Der Bezug der allgemeinen Einsichten in die Natur auf die Erfordernisse der Produktion besteht in der Realisierung bestimmter Konstellationen der verschiedensten Naturgegenstände entsprechend der beabsichtigten Formierung des Arbeitsgegenstandes: Die Wissenschaft der Technologie schließt Naturgesetze der verschiedensten Sphären miteinander zusammen und antizipiert in den hiermit einhergehenden Experimenten den industriellen Produktionsprozeß. Sie hat die zweckmäßige Veränderung der Natur zum Gegenstand, bestimmt sich dabei aber ganz aus der Erkenntnis derselben.
a. Das Experiment der Technologie pflegt häufig mit dem Experiment als Darstellung des zu erkennenden Gegenstands verwechselt und ebenfalls als Verifikation ausgegeben zu werden. "Die Empirie der Beobachtung kann nie die Notwendigkeit genügend beweisen. Post hoc aber nicht propter hoc. Dies ist so sehr richtig, daß aus dem steten Aufgehen der Sonne des Morgens nicht folgt, sie werde morgen wieder aufgehen, und in der Tat wissen wir jetzt, daß ein Moment kommen wird, wo die Sonne des Morgens nicht aufgeht. Aber der Beweis der Notwendigkeit liegt in der menschlichen Tätigkeit, im Experiment, in der Arbeit: wenn ich das post hoc machen kann, ist es identisch mit dem propter hoc". (MEW 20, 497)
b. Aus der Technologie erwächst auch innerhalb der Institutionen der Naturwissenschaft die Notwendigkeit der "interdisziplinären Forschung". Die Realisierung einer bestimmten, den Naturgegenständen innewohnenden Gesetzmäßigkeit erweist sich als abhängig von den mannigfaltigen Verhältnissen, in denen sich das Gesetz am Empirischen bewähren soll. (z.B. chemische Eigenschaften des zu formierenden Stoffes bewirken eine dem angestrebten mechanischen Resultat zuwiderlaufende Veränderung)
c. Ob eine im technologischen Experiment entwickelte Verfahrensweise tatsächlich
Anwendung findet, unterliegt den kapitalistischen Kriterien der Rationalität
und gehört in die ökonomische Argumentation, bezeichnet also keinen Mangel
dieser Wissenschaft selbst. Hierher gehören auch die dem auf großer Stufenleiter
produzierenden Kapital entspringenden Tendenzen, durch Verfügung über kostspielige
Verfahren Konkurrenten von dessen Anwendung auszuschließen: Monopol, Antizipation
der exklusiven Anwendung durch private Forschungsstätten.
Ausgearbeitete Artikel siehe:
Die Naturwissenschaft vom Kopf auf die Quanten gestellt (MSZ 1/1974)
Die Leistungen der Naturwissenschaft (I) (MSZ – Gegen die Kosten der Freiheit 1/87 – Gegenstandpunkt)
Die Leistungen der Naturwissenschaft (II) (MSZ – Gegen die Kosten der Freiheit 2/87 – Gegenstandpunkt)
Anhang: Von der Mathematik