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MSZ 1989 Ausgabe 6
Stichwörter: der freie Westen » Kommunismus |
Wegen der russischen Perestroika, wegen der nationalen Wende in Ungarn und Polen, schließlich wegen der DDR zelebrieren Linke hierzulande einen ideologischen Kassensturz. Die "Reaktion" hat mit dem Begreifen des realsozialistischen Wandels und mit seinen Wirkungen auf die famosen Kräfteverhältnisse in der Welt nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um eine ziemlich verlogene Veranstaltung von Leuten, die so tun, als hätten die "Ereignisse" im Ostblock sie belehrt. Aus der Kapitulation einiger Honeckers verfertigen sie den Beweis, mit dem sie sich umstandslos in den regierungsamtlichen Antikommunismus einreihen. Die Nöte, das Scheitern und die Reformen der Realsozialisten sind der unumstößliche Beleg für eine einzusehende Notwendigkeit, quasi für eine theoretische Auskunft: Der Kommunismus ist tot. Die Umkehrung des Reims vertreten diese Brüder und Schwestern sehr heftig und innig: Der Kapitalismus lebt!
Fast möchte man sie fragen, diese Linken, ob sie eigentlich für den realen Sozialismus genausoviel übrig hätten, wenn er ebenso erfolgreich wie "freedom and democracy" wäre. Die Frage ist aber überflüssig, weil der Opportunismus nicht auf Urteil und Schluß beruht, sondern eine Methode ist. Und mit der haben Leute, die vor 20 Jahren die Parole "Revolution" gut fanden, die in ihrer Phase des M-L-Schwachsinns das Proletariat verehrten, schon immer aus Erfahrungen gelernt, daß sich die Balken bogen.
Diejenigen, die die Kurve zu grün-alternativer Politik gekratzt haben, sind von ihren kommunistischen Umtrieben ja nur deshalb abgekommen, weil sie gemerkt haben, daß der Kapitalismus und seine Bewohner einfach nicht den Charakter einer Erfolgsbedingung haben. Weil sie genau danach suchten, sind sie auf den Krampf mit "Umwelt und Frieden" verfallen. Denn für so etwas gibt es im Kapitalismus ein offenes Ohr, und zwar bei allen, die im Kapitalismus ihr Auskommen regeln möchten, ja politisch a n ihm mitwirken wollen. Auf die schlichte Überlegung, daß der kapitalistische Umgang mit dem Produktions- und Lebensmittel Natur, daß der demokratische Militarismus nur die Notwendigkeit beweist, daß diesem System der Garaus gemacht gehört, sind sie nicht gekommen. Weil sie ihre kommunistischen Ambitionen noch nie mit Notwendigkeiten begründet hatten, vielmehr mit dem Zuspruch von einigen Tausend Moralisten, die damals linkes Zeug zur erfolgversprechenden Mode geraten ließen.
Diejenigen, die die Kurve in die alternative Wissenschaft und Publizistik gekratzt haben, sind in sehr offener Weise der Methode treu geblieben, mit der sie sich einmal für die linke Bewegung engagiert hatten. Sie sind zu Diagnostikern dessen geworden, wofür sie den bürgerlichen Laden schon immer hielten eben der Bedingungen. Anfangs noch für die Bedingung seiner Abschaffung und Abdankung, so daß ziemlich viel Unsinn "in praktischer Absicht" über Arbeiterbewußtsein, Krise der Währungen und des Sozialstaats in die Regale kam. Später prüften sie den Kapitalismus auf sein Haltbarkeitsdatum durch, weil für sie die Frage seines Funktionierens die Antwort gestalten sollte auf das Rätsel, ob man eventuell der Phase beiwohnt, in der er seine "Probleme" nicht mehr lösen kann. Die Probleme, die er der Arbeiterklasse und den umweltgeschädigten Keuchhustern bereitet, waren da schon nicht mehr so wichtig. Schulden und Frieden, die Wälder und das Ausbildungswesen, die "Beschäftigung" und die Energie etc. ließen sich zu gelehrten Warnungen vor Katastrophen modellieren. Und die Sorge u m die Erhaltung bestimmte die Tagesordnung der intellektuellen Elite, die ihren methodisch kontrollierten Schmarrn für die zeitgemäße Kritik am Kapitalismus hielt.
Die verdienten Früchte ihrer Fortentwicklung des Bedingungssozialismus aber können die Liebhaber von wirklichen wie erfundenen Tendenzen, mit denen sie sich - ausgerechnet als linke und kritische Menschen - im Einklang befinden wollen, erst heute einfahren. Wenn wg. Gorbatschow und Honecker der Tod des Kommunismus bewiesen ist, wenn die mit dem Osthandel und mit leeren Regalen eröffnete Frage nach der Konvertibilität unechten Geldes zeigt, wie unmöglich Planwirtschaft sein soll, dann ist der Opportunismus keine Haltung mehr. Er besitzt den Status einer "empirisch" bestätigten Theorie. Wenn Denker, die auf ihre alternativen Qualitäten erpicht sind, auf die Urformel des Bedingungssozialismus zurückkommen und selbige als Quintessenz des Marxismus ausgeben; wenn sie sich in die Pose des kluggewordenen gläubigen Marxisten von gestern werfen, um die These vom Untergang des Kapitalismus (von Marx wg. Fall der Profitrate, Fäulnis der Produktivkräfte prophezeit!) für widerlegt z u erklären, dann ist die Laube fertig. Dann bekommt man schon fast wieder Lust auf ein kaltes Bier in Gesellschaft von Leonid oder Erich.
Was da "linke" Kronzeugen für den toten Kommunismus von sich geben, kommt garantiert nicht aus einem Mißverständnis der Marx'schen Erklärung des "tendenziellen Falls der Profitrate". Noch nicht einmal dann, wenn das einschlägige Zeug in "Kapital III" verkehrt wäre, ginge aus einem Gesetz der kapitalistischen Produktionsweise ein Gesetz ihres Untergangs hervor! Vielmehr melden sich da Leute zu Wort, die ihr brutales Verständnis einer eventuellen Berechtigung des Kommunismus darlegen: Wenn der Kapitalismus sein Haltbarkeitsdatum überschreiten würde, wenn in ihm ein Mechanismus eingebaut wäre, der ihn zum Aufhören verurteilt, wenn eine geschichtliche, verläßliche Notwendigkeit existierte, die ihn zum Kommunismus werden läßt - ja dann könnte man sich dem nur anschließen und zusehen, wie er seinem Leiden erliegt! Nach dieser Weltanschauung, die durchaus - wie jeder Unsinn über reichlich Tradition verfügt, sind Kommunisten nicht Leute, die klassenkämpfen gegen das Kapital und die es garantierende Gewalt. Vielmehr Geschichtskenner, die, statt "gegen den Strom" zu schwimmen, Partei ergreifen für einen ohnehin unausweichlichen Lauf der Dinge.
Sind sie aber nicht. Sie halten die Verwendung solchen Mists für die staatsideologische Kiste in den Ostblockstaaten - "Wir sind nur die Vollstrecker des fälligen Gangs der Geschichte; nach dem Kapitalismus, der ‚vergeht' ‚kommt' der Sozialismus." - für konterrevolutionären Krampf. Sie bemerken also auch an der Kampagne "Kommunismus tot!" die Qualität einer gigantischen Retourkutsche gegen eine nicht minder gigantische Dummheit. Eine Dummheit, die den Kommunismus nur gutheißt, wenn er sich unabhängig von eigenem Zutun ergibt - eine aufgeblasene Doktrin des Opportunismus also. Leider ist die Kampagne nicht nur das. Denn die Widerlegung des einen Opportunismus, die da stattfindet, ist schließlich das Bekenntnis und die Aufforderung zum anderen, "realistischen"!
Im Gegensatz zum Kommunismus scheitert der Kapitalismus nämlich nicht - er blüht und gedeiht, daß die Schwarte kracht. Saustabil ist er, bewährt sich Tag für Tag; ja er zieht sogar die Bewunderung seiner ehemaligen Feinde auf sich. E r geht! - Und dies sein Funktionieren ist - nachdem dies einmal das Kriterium aller anständigen Menschen ist, vom Soziologen über den Kanzler, den ZK-Sekretär der KPdSU bis zum vagabundierenden Zoni - die gültige Widerlegung jedes Zweifels an ihm und seiner einsamen Klasse. Weil er geht, braucht es auch seine Beseitigung nicht - an ihn hat man sich zu halten.
ergibt sich nicht daraus, daß der Kapitalismus schlecht oder gar nicht funktioniert. Eher schon daraus, was los ist, weil und solange er funktioniert. Es sind die Notwendigkeiten dieses Systems, die Kommunisten abschaffen wollen, nicht seine "Schattenseiten" oder "Versäumnisse". Auf die beliebte Frage, wie sie dann die allseits bekannten " Probleme" lösen wollen, welche Regierende wie Regierte immer so merkwürdig gleichartig heimsuchen, antworten sie: "Gar nicht. Es geht darum, diese, ‚Probleme' erst gar nicht zu schaffen; dann braucht auch niemand betrübt daran zu verzweifeln, daß ihre ‚Bewältigung' so schwer, wenn nicht unmöglich ist."
Insofern lehnen Kommunisten auch die süße Rechtfertigung ihrer historischen Mission ab, die so geht: Im Kapitalismus kommen so viele schöne Sachen auf, die aber in ihm nicht so recht hinhauen - beliebte Posten sind da Freiheit und Gleichheit, Humanismus, wahre freie Liebe, Emanzipation der Arbeiter, Frauen, Gleichgeschlechtlichen usw. - und "erst im Sozialismus" gehen. Sie halten solche geschichtsphilosophischen Einfälle nur für eine idealistisch-dumme Fassung der auf Entwaffnung berechneten Frage: "Und wie wollt ihr das Problem der Sozialkassen, des Scheidungsrechts, der Umwelt, der Sollstärke der Bundeswehr und des wirtschaftlichen Wachstums lösen?" Das fehlte noch, daß der Kommunismus die Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen Mitteln zu sein hätte, um sich dann mangels solcher Mittel an der Erblast des Kapitalismus zu blamieren! Vor denen, die als Politiker, Philosophen, Pfaffen und Banker ein Sorgerecht anmelden und die "Menschen " darauf verpflichten, sich im Sinne des "Machbaren" zur Verfügung zu halten...
Die Notwendigkeit des Kommunismus kommt ein bißchen anders zustande. Sie entspringt einerseits der Besichtigung derselben Mißstände, die im gewöhnlichen bürgerlichen Leben einen umfassenden Katalog von Klagen hervorbringen, der täglich größer wird. Andererseits weigern sich Kommunisten aber, jeden Fall eines verletzten Interesses sei es an Geld, Gesundheit oder Frieden zum "Problem" zu erklären, für dessen dann meist unmögliche Bewältigung genau diejenigen zuständig sein sollen, deren Interessen die gesellschaftlich gültigen sind. Gedacht ist an jene lieben Mitmenschen, die über Geld und politische Gewalt verfügen. Wenn die zahlreichen Ärgernisse, Unarten und Opfer des bürgerlichen Lebens eine Notwendigkeit des "Systems" sind, dann ist dessen Beseitigung angesagt - in diesem Schluß liegt die ganze Notwendigkeit des Kommunismus.