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MSZ 1981 Ausgabe 5
Stichwörter: wissenschaft » Germanistik |
Gleich vier Verlage haben unter verschiedenfarbigen Buchdeckeln und mit dem Namen jüngerer Gelehrter einen Schlag gelandet, von dem sich die Feuilletons der Zeitungen, "hinter denen ein kluger Kopf steckt", beeindruckt zeigten. Eine "revolutionäre Literaturgeschichte", so die "Süddeutsche Zeitung", versteckt sich hinter so betont sachlichen Titeln wie "Sozialgeschichte der deutschen Literatur" oder "Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte", deren Verfasser sich dem 1968 in die Interpretationsidylle germanistischer Seminare hineingetragenen gesellschaftlichen Anspruch, es gelte, die Literatur dem "Elfenbeinturm" zu entreißen, verpflichtet fühlen und diesen radikal so zuspitzen, daß sie gleich keinen Unterschied zwischen Schein und Sein mehr wahrhaben wollen. Sie erklären die ganze Welt zu Unterabteilungen ihrer Zuneigung zur Dichtkunst und beantworten so die leidige Frage, wozu nutzt eigentlich der Goethe der Gesellschaft - eine Frage, an der einst literaturbewegte Studenten ihre Liebe zum "Materialismus" entdeckten -, abschließend eben dazu.
Wo die "gesellschaftliche Relevanz" der Kunst nicht mehr als Beleg für die Wertschätzung der Arbeiterklasse, sondern aus Liebe zur Literatur bemüht wird, da ist allerdings eine kritische Abrechnung fällig:
"Eine Sozialgeschichte der Literatur schreiben, heißt für uns nicht, gesellschaftliche Ereignisse und Prozesse auf Literaturformen und -inhalte mechanisch und unvermittelt zu projizieren, noch Literatur als pures determiniertes Dokument der Geschichte zu sehen und zu deuten. In Anlehnung an Walter Benjamin lautet die erkenntnisleitende Frage nicht: ‚Wie steht Literatur zu der Geschichte?', sondern ‚Wie steht Literatur in der Geschichte?' Diese Problemstellung, die aufs engste mit der Frage verknüpft ist: ‚Wie vermittelt sich Geschichte in der Literatur und wie wirkt Literatur in der Geschichte?' hat weitreichende Konsequenzen." (V/9)
Daß es sich bei den studentenbewegten Vorläufern des heute gängigsten Germanistenglaubens: Literatur - ein Dienst an der Gesellschaft, um Kunstmechaniker handeln soll, ist also so ernst nicht gemeint. An der Lieblingsvorstellung ihres Fachs, bei allen Staatsaktionen und bei den Geschäften der Leute sei auch immer die Literatur mit am Wirken gewesen, haben die Verfasser dieser Sozialgeschichte keinen Zweifel. Sie wollen auch weiterhin "gesellschaftliche Ereignisse und Prozesse" auf Literatur "projizieren" und die Geschichte als "Dokument" ihrer Literaturbegeisterung hochleben lassen.
Die "differenziertere" Betrachtungsweise weiß der "materialistischen" Anstrengung ihrer "plumpen und deterministischen" Vorgänger, die die Literatur zum Lebenselixier und ziemlichen Handlungsmotiv der Massen erklärt hatten, auch keine der hanebüchenen Gleichsetzungen zwischen freier Phantasie und handfester Gewalt als Interpretationsfehler der Dichtung vorzurechnen. Verurteilt wird das schlechte Gewissen von Freunden der Literatur, die deren Propaganda für dab Gleiche wie "gesellschaftlichen Fortschritt" ansehen wollten und versuchten, dafür Belege zu finden. Damit haben sie den Nutzen der Literatur jenseits des eigenen Gefallens an ihr, das eben Literaturwissenschaftler wegen ihres Glaubens an die unbedingte Wichtigkeit der Literatur und des ästhetischen Genusses selber für unzureichend erklären, nicht nur postuliert, sondern zu beweisen versucht. So kann die soziale Funktion der Literatur nicht gemeint sein, daß nur noch die Funktionalität des Dichtens und Singens für das banale Leben herauskommt - ein glatter Verstoß gegen die Menschenwürde der Literatur! Die albernen Nachweise, Schillers Verse: "Sire, geben Sie Gedahkenfreiheit" hätte die Demokratiesehnsucht der Massen beflügelt, sind doch ein einziger Zweifel an das gestandene Selbstverständnis der Literatenzunft, sich den Gang der Weltgeschichte genauso vorzustellen. Die Frage: "Wie steht Literatur zur Geschichte?" wird schon deswegen als Verstoß gegen den literaturwissenschaftlichen Anstand mit sozialem Auftrag ausgegeben, weil sie ein Verhältnis zwischen beiden festhält, also Literatur neben die Gesellschaft setzt, statt sie sich i n und zwischen dem Sozialen herumtreiben zu lassen.
Erfreulich also, daß das Autorenteam gleich im Vorwort eines Buches "Sozialgeschichte der Literatur" seinen Lesern mitteilt, womit sie nicht belästigt werden sollen: das Verhältnis zwischen dem ‚Singen und Sagen' und dem, was die Menschheit in ihren profaneren Stunden treibt, klären oder auch nur ansprechen zu wollen. Die "weitreichenden Konsequenzen" bestehen in der Erfindung von lauter möglichen Bezügen von Literatur und Gesellschaft, in denen die Literaturwissenschaft sich so phantasievoll wie ihr Gegenstand aufführt, weil sie nichts als den Glauben an die Literatur als das Höhere soziale Wesen und an deren berufsmäßige Sachwalter zum Ausdruck bringen wollen. Richtige Aussagen über Kunst, Geschichte und Gesellschaft sind nicht zu erwarten, wenn die zitierte Ahnengalerie der Dichter nur die Bedeutsamkeit der Literatur bebildert, deren angebliche soziale Wichtigkeit den Interpreten deshalb so sehr begeistert, weil er seine Wertschätzung der Literatur darin als "gesellschaftlichen Prozeß" wieder auffindet. Kritische Literaturwissenschaftler haben heute also die einzige Unzufriedenheit, die sie je bewegt hat, ziemlich gefaßt überwunden die Unzufriedenheit mit ihrem Gegenstand Literatur, die zu Zeiten der Studentenbewegung ganze Literaturseminare mit Fragen nach Sein und Bewußtsein, Sein und Schein umhergetrieben hat. Heutzutage gelten Aussagen wie: "soziale Wirklichkeit schlägt sich in Kunst nieder", "Dichtung ist soziale Tatsache", "eingeschlossen in die Lebenspraxis", "weicht von ihr ab", "steht negativ zu...", "verhält sich zu und wirkt deshalb ein auf..." als Variationen eines neugewonnenen zu Recht zufriedenen Selbstbewußtseins dieser Zunft, die in der eigenen Einbildung über die soziale Wichtigkeit der Literatur die "Objektivität der Literntur" entdeckt hat, vor der selbst "die Gesellschaft" der Soziologen matt aussieht.
In den Bezügen, die die vorliegenden Sozialgeschichten der Literatur zwischen der Wichtigkeit der Literatur in der Gesellschaft und der zum Beleg dieser Bedeutung geadelten Gesellschaft herstellen, geht freilich erst einmal jeder Unterschied flöten:
"Sozialgeschichte wird hier nicht als Begriff für eine Sektorwissenschaft, sondern in ihrer umfassenden Bedeutung verstanden. Sie schließt also mit der Geschichte gesellschaftlichen Handelns auch politische, Wirtschafts- und Bewußtseinsgeschichte so weit ein, als dies für ein angemessenen Verständnis von Literatur erforderlich ist. Denn selbst literarische Kunstwerke oder philosophische Literatur können ohne Kenntnis jener sozialen Wirklichkeit, die sie in ihren SDrachformen stets schon zu Sinnzusammenhängen verarbeitet haben, nur unzureichend oder falsch verstanden werden." (1/7)
Wie kommt der Verfasser nur dazu, von einem Sinnzusammenhang auszugehen, wo er erst nur ein Rätsel vermutet, und dieses Rätsel damit lösen zu wollen, daß er die "soziale Wirklichkeit" als das große Ganze herbeizitiert, um das Geheimnis des Textes zu entschlüsseln, zu dem es doch angeblich keinen Anknüpfungspunkt gibt? Daß ein Romanschreiber niemals "soziale Wirklichkeit nur wiedergibt" - wie es im literaturwissenschaftlichen Jargon heißt -, sondern sie nach seinem Gusto und nach seinen moralischen Vorstellungen und der dafür ins Werk gesetzten Phantasie "deutet", läßt sich am Text durchaus ablesen und macht aus dem "Sinnzusammenhang" noch lange kein Rätsel. Hier wird beides zu einem Gegensatz erklärt, wo das eine das andere nicht mehr erkennen ließe, gäbe es nicht den Interpreten, der die soziale Wirklichkeit an den Sinn anknüpft, von dem, nimmt man ihn "bloß" als Text, sich erst einmal nichts sagen läßt. Von Gesellschaft und Kunst und dem Verhältnis, in das sich der Dichter zur Realität setzt, nichts wissen wollen, aber ein Bekenntnis zur Dichtung ablegen, das mit herzlicher Gleichgültigkeit Hand in Hand geht! Da wird dann wohl auch jeder sozialhistorische Maßstab passen, mit dem der Verfasser ein "angemessenes Verhältnis " zwischen schönem Schein und banalem Sein stiftet, von dem mangels weiteren Inhalts allemal feststeht, daß er angemessen ist.
Unter dem Arsenal der gesamten Weltgeschichte macht es ein sozialhistorischer Interpret nicht, um die Literatur zum Anknüpfungspunkt für die Einbildung von der eesellschaftlichen Relevanz des Umgangs mit Dichtung zu benutzen. Wenn Bewußtsein, Politik und Wirtschaft in gleicher Weise objektiv sind und mit der Wucht gesellschaftlicher Notwendigkeit wirksam werden, dann ist die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion der Literatur bereits ausreichend beantwortet. Jeder Einfall eines Poeten hat die Realität auf seiner Seite und wenn er einigermaßen verrückt ausfällt, kann sich der Interpret zumindest des Eindrucks nicht er wehren, daß die Welt eben so auf dem Kopf stehen muß:
"Die Fortbewegung zu Fuß verbindet sich hier unmittelbar mit der Idee des gesellschaftlichen Fortschritts" (I/52).
Daß die Fußmärsche des Fortschritts-Tippelbruders Seume "die Gesellschaft" voranbringen, muß nicht einmal geglaubt werden; es reicht die sozial abgeleitete Möglichkeit, es sich angemessen so vorstellen zu können, um der Literatur zu ihrer gesellschaftlichen Wichtigkeit ohne Wenn und Aber zu gratulieren. Freilich, diese Wertschätzung ist erkauft damit, daß Dramen und Gedichte jetzt auch nichts mehr sind als Stücke sozialer Wirklichkeit. Wo bleibt das Andere, Höhere fragt sich der Literaturwissenschaftler und gibt sich und allen intellektuellen Bedeutungsfans ein Versprechen ab:
"Literatur soll und muß gerade unter sozialgeschichtlichen Voraussetzungen jederzeit als Literatur interpretiert, in der Eigenart ihres unmittelbar an Sprache und künstlerische Ausdrucksformen gebundenen Bewußtseins beschrieben werden." (I/7)
Nach diesen Einleitungssätzen das Buch zuzuklappen und sich die Frage zu stellen, ob ein Literaturwissenschaftler in Amt und Würden noch alle Tassen im Schrank hat, wenn er ankündigt, Literatur nicht als Politik oder Feudalismus, sondern als Literatur betrachten zu wollen, ist unterhalb dessen, was Wissenschaft heute erlaubt und fordert. Dagegen ist es gute wissenschaftliche Sitte, vom Gegenstand einer Wissenschaft nur die allgemeine Wichtigkeit zu betonen und seine Besonderheit deswegen darin zu sehen, daß es auf ihn besonders ankommt. Beides betont die Eitelkeit der Wissenschaftler, die es für wert finden, sich seiner anzunehmen und warum sollten ausgerechnet Literaturwissenschaftler bei diesem Brauch eine Ausnahme machen. Für eine Prüfungsgrundlage als Deutschlehrer reichen die beiden "Aussagen" durchaus aus, die in den vorliegenden Sozialgeschichten der Literatur mehrhundertseitig wiederholt werden: Literatur ist sozial vermittelt und über die Autonomie des schönen Scheins geht deswegen nichts. Zur Bebilderung dieser Einsichten ist dem Prüfungskandidaten mit "Reclams Romanführer" allerdings besser gedient, als mit den nicht so leicht reproduzierbaren, weil hemmungslos phantasievollen Einfällen der hier zitierten Verfasser - dafür im folgenden das Beispiel der Aufklärungsliteratur.
Nebenbei: Das Verhältnis vön Literatur und Gesellschaft gibt es im übrigen tatsächlich: Wenn ein Dichter moralische Vorstellungen zum Material seiner freien Phantasie macht, so steht er mit beiden Beinen in seiner Zeit, ohne sich deswegen mit ihr gemein zu machen: Schließlich ersetzt ein moralisches Urteil und eine gereimte Lebenslehre nicht das Handeln, sondern ist seine kritische oder zustimmende Ergänzung - wegen Gedichten ist noch kein Krieg ausgebrochen und auch kein Frieden besser oder sicherer geworden!
Denken und Literatur der Aufklärung unterscheiden sich "grundsätzlich" und "weitreichend" von einer ihr unangemessenen Realität. Sie sind nicht eine wie auch immer geartete Kritik und Überhöhung des Handelns und der Moral ihrer Zeitgenossen, sondern eine ganze "glückselige" Menschheitsutopie:
"Es gibt diese Grundsätze (der Aufklärung) in der Tat auf einer verhältnismäßig hohen Stufe von Allgemeinheit, sie existieren als bewußtseinsleitende Werte von universaler Reichweite, nämlich als Aufklärungsutopie vom glückseligen Leben in der Welt." (I/16)
Obwohl so weit und hoch gefaßt, daß Voltaires Polemik gegen die christliche Religion und Lessings Tugendapostel Nathan sich wie Unterabteilungen der christlichen Hoffnung aufs Paradies ausnehmen, ist diese Utopie der Vernunft doch andrerseits so etwas Handfestes wie das Strafgesetzbuch der damaligen Zeit:
"Die Aufklärung orientiert sich in letzter Instanz man weiß es - an der Kategorie der ‚Vernunft'. Als ‚Vernunft' gilt im 18. Jahrhundert das autonome, nämlich nur in seiner Freiheit zur Selbstbestimmung beruhende ‚Vermögen' des Menschen, planvoll und widerspruchsfrei nach einem begründbaren und allgemein gültigen Endzweck denken, fühlen und handeln, kurz sich verhalten zu können. Vernunft ist immer Ordnung, und sie äußert sich stets in der Übereinstimmung aller, möglichen Mittel mit allgemein gültigen Zwecken. In ihr offenbart sich die Utopie einer Welt, die auch dann noch zweck- und planmäßig eingerichtet sein soll, wenn etwa das Vergnügen an ihr vorherrscht. Dies ist unter anderem in der schönen Literatur der Fall." (I/16 f.)
Daß die Aufklärer die fürstlichen Regenten ihrer Zeit und deren Untertanen nach moralischen Maximen gemessen und beurteilt haben, mag sein: Das läßt den Einfall jedoch noch lange nicht einsichtig werden, ‚Vernunft' wäre so etwas wie ein moralischer Verhaltensinstinkt, der den Menschen zu Recht und Ordnung ruft und ihn in Übereinstimmung zu "allgemein gültigen Zwecken" bringt, die offensichtlich erst einmal im "Vermögen" der Leute nicht angelegt sind. Diese schöne Utopie drückt doch eher das Fühlen und Handeln eines braven demokratischen Untertanen aus, dessen harmloser Spleen, Lessing zu lesen, ein ausnehmend heiteres Vergnügen sein muß, wenn er sich dieses Verhalten nur unter dem Gebot: Du sollst ein guter Staatsbürger werden! erlauben will. Moralapostel des demokratischen Willens, Kopf und Hand ganz "selbstbestimmt" zusammenzureißen, waren die Aufklärer also. Kein Wunder, daß ihr Fühldenken in ihrer eigenen Zeit utopisch weltfremd in der Landschaft stand: So viel - und nicht mehr - will der Interpret sozialhistorisch wissen, daß die damaligen Despoten adligen Geblüts noch keine demokratischen Staatsmänner waren und die Übereinstimmungssehnsucht der Aufklärer auf einen gewissen Mangel ihres Endzweckes stießen. Daß so ein Duodezfürst im 18. Jahrhundert seine Untertanen anders hergenommen hat als die demokratische Politikergarde ihre Bürger heute, läßt sich ja gut als dessen mangelhafte Staatsbeherrschung auffassen. Auf Aussagen über Zweck und Treiben der diversen Friedriche und Ludwigs kann da gut verzichtet werden - und niemandem will auch auffallen, was da über den bürgerlichen Staat ausgesagt wird, wenn die Gewalt der absolutistischen Herrscherperson als unvollkommener Umgang mit ihrem Volk bezeichnet wird.
Da leben also Fürsten, lassen ihre Bauern Paläste und Hoffestlichkeiten bezahlen und ihre Soldaten Krieg führen - aber keiner weiß nichts von einem gesellschaftlichen "Zusammenhalt" ("von abstrakten Gesetzen noch kaum zusammengehaltene Lebenswelt" I/22): Vorurteile haben es nun einmal an sich, dümmlich zu sein!
Aber so schlecht kann ein vernünftiger Zweck, der Dichter und Denker zu Anhängern hat, gar nicht sein, daß nicht der Literaturwissenschaftler an ihm die verwirklichte Utopie der Aufklärer entdecken könnte und damit das, was er für Geist hält, wieder in den Mittelpunkt der Welt gesetzt hätte:
"Politische Herrschaft säkularisiert und mechanisiert sich hier zugleich im Sinne des Nationalismus, und überhaupt hat sich das Verhältnis zwischen Aufklärern und absolutistischen Staat wesentlich verschoben - die neue Staatsmaschine ist ohne deren Vernunft nicht mehr entwicklungsfähig." (I/79)"Die rationalistische Aufklärung wird sowohl in der praktischen Planung des Staates wie in der ideellen Legitimation des Fürsten zu einem zentralen Steuerungsinstrument. Praktisch gibt ihr deduktionslogisches Regelsystem die leitende Idee ab, nach welcher der Staatsapparat von der obersten Zentrale, dem Hof, in die Regional- und Lokalverwaltungen der Ständegesellschaft vorangetrieben werden soll und auch wird." (I/78 f.)
So soll es wohl gewesen sein: Der Hofschranze Friedrich der Große hat die Befehle seines Kanzlers Voltaire ausgeführt! Was braucht es weitere Beweise, wo die Vorstellung, der Gegenstand, den der Interpret verwaltet, sei deshalb von letzter gesellschaftlicher Wichtigkeit, für die Realität einsteht. Die trostlose Leistung, zwischen Staatsgewalt, Gesellschaft, Moral, Denken und Gedichten nicht unterscheiden zu wollen, steht für das Bekenntnis ein, die Liebe zur Literatur sozialhistorisch aufzublasen und die Verehrung des Staates, weil er "die Gesellschaft" "ordnet", literarisch zu untermalen. Einem so rundum positiven Menschen wird man doch kaum nachtragen können, daß die gute Absicht sich nur verwirklichen läßt, wenn strikte Enthaltsamkeit gegenüber dem Hochmut des Wissens geübt wird.
Die Verfasser sozialer Literaturbetrachtungen färben die Gesellschaft in das rosige Licht der Borniertheit, die sie auszeichnet: Als literarisches Kunstwerk hat die Welt ihre volle Zuneigung, und mehr an ihr braucht sie nicht zu interessieren. Leute, denen Kunst einfach so gefällt, sind sie deswegen auch nicht: Sie gilt ihnen ja nur als Mittel, ihr staatsbürgerliches Untertanenbewußtsein zum Ausdruck zu bringen, und erfreut sich deshalb herzlicher Gleichgültigkeit, was ihren beschränkten Zweck und besonderen Inhalt angeht. Wenn auch kein richtiges Wort über ein Dichtwerk fällt, im Ansehen, das Kunst landläufig als höhere Sphäre genießt, wollen sich die Interpreten durchaus gesonnt sehen. Das erst macht ihr Bekenntnis zur gesellschaftlichen, Ordnung, die solche Menschen wie ein Gedicht genießen, so schön eindrucksvoll und hebt es von dem anderer ab die immerzu in Verdacht stehen, dieses aus höchst verdächtigen Gründen und nicht freibestimmt abzugeben.
Da trifft es sich gut, daß Lessing unter dem unverfänglichen Titel "Emilia Galotti" ein Sozialkundebuch verfaßt haben soll, auf dem der Interpret steht, weil dort die Politiker auf einen Nachteil ihres Geschäfts hingewiesen werden. Immerzu haben sie es mit einem störrischen Willen und privaten, spricht nicht-gesellschaftlichen Interessen der Leute zu tun, ein Nachteil, der sich freilich durch einen gewissen Zwang zur Argumentation auch aufleben läßt, damit Staat und Mensch eins werden:
"Die Nachteile absoluter Herrschaft können erst dann aufgehoben werden, wenn es gelingt, politische Herrschaft durch rationale Argumentation und durch das Recht auf eine Mitsprache zu verändern, in der die affektive Verwirrung und das partikulare Interesse einzelner Teilnehmer nicht allein durch die Rationalität anderer eingeschränkt, sondern durch den Zwang zum Argument aufgehoben wird. Die Institutionalisierung kritisch-rationalen Räsonnements, d.h. vernünftiger und autoritätsfreier Kommunikationsprinzipien, soll den Dualismus von Staat und Mensch überwinden." (I/469 f.)
Leider soll Lessing dieses Gespräch: Hallo Staat, schränk doch meine Verwirrung ein! nicht überzeugend vorgeführt haben, sondern bei einer "Verweigerung der Konfliktlösung durchs Gespräch" stecken geblieben sein - und das in einem Drama, in dem pausenlos geredet wird. Wo Literaturwissenschaftler die Welt für prächtig befinden, weil so sehr auf literarische Deutung abgelegt, und der Kunst kein höheres Lob spenden können, als daß sie diesen Glauben an die gute Gesellschaft so apart zum Ausdruck bringt, da läßt sich beides auch ohne weitere Umstände methodischer Angeberei zur Deckung bringen:
"Was bei Heine eine schriftstellerische Not ist, das wird bei Büchner zu einem künstlerischen Ereignis. Die erste Seite des Lenz bringt eine Naturszene, die unverkennbar die triumphalen Landschaften von Goethes Werther aufgreift, mit deren Vokabular und Orchestriernng arbeitet. Aber das ist nun nicht Imitation wie bei Immermann, und es ist auch nicht Parodie wie oft bei Heine. Was hier vorgeht, ist eine harte Auseinandersetzung. Nicht eine über Kunst und poetische Technik, sondern über das, was hinter der Kunst steht... Während der bürgerliche Intellektuelle sich in den 70er und 80er Jahren des 18. Jahrhunderts mit der hymnischen Beschwörnng der heiligen Natur sich seiner Rechte versicherte, die Einrichtung einer herrschaftsfreien Gesellschaft in die Hand zu nehmen, ist sein Nachfahr von 1835 gezeichnet, ja zerrüttet von der Erfahrung der immerzu scheiternden politischen Reform... Die schöne Waffe aber hatte sich als Narkotikum erwiesen. Wenn das Bild vom ‚schlafenden Deutschland' die zentrale politische Metapher des Vormärz abgibt, dann gehört stets dazu auch die Überzeugung, daß das, was das Land im Schlafe halte, nicht zuletzt seine große Poesie sei. Diese aber kann nur mit ihren eigenen Mitteln um den verhängnisvollen Zauber gebracht werden. Für die Natur- und Landschaftsdichtung geschieht dies maßgeblich in Büchners Lenz." (IV/201 f.)
Was ein einfacher "Riß, der durch die Natur geht", doch alles an Dichtung anrichten kann. Einem Menschen, der von Reimen die Geschichte in die Knie zwingen läßt, einen Büchner gegen diese Erfindung antreten und künstlerisch gewinnen läßt, muß man wohl alles nachsehen. Die Botschaft dieser Bocksprünge hätten wir uns schon fast gedacht. Hinter der Kunst steht - die Kunst: hätten Sie es gewußt, Frau Gesellschaft?
Nachweis der Zitate:
I: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 3: "Aufklärung". Hg. Rolf Grimminger 1980 ger. München
II - IV: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 4: "Zwischen Absolutismus und Aufklärung"; Bd. 5: "Zwischen Revolution und Restauration"; Bd. 6: "Vormärz". Hg. Horst Albert Glaser. Hamburg 1980/81
V: Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart. Hg. Jan Berg, Hartmut Böhme e.a. Frankfurt 1981