MSZ 1981 Ausgabe 5
Stichwörter: wissenschaft » Soziologie

Helmut Schelsky - Rückblicke eines ‚Anti-Soziologen'

EIN GESTÄNDNIS INTELLEKTUELLER REDLICHKEIT

Der bundesdeutsche Altsoziologe Helmut Schelsky hat den Buchmarkt mit dem offensichtlich ersten Versuch seiner Autobiographie bereichert. Es handelt sich um die Sammlung von fünf Aufsätzen und Vorträgen aus jüngster Zeit, die um ein anscheinend aktuelles Thema herumkreisen, nämlich um "die anschauliche Vergegenwärtigung einer - gelebten Vergangenheit in der deutschen Universität": Helmut Schelsky - Rückblicke eines ‚Anti-Soziologen', Opladen 1981

Das Werk zeitigt das Bedürfnis eines Soziologen der ersten bundesdeutschen Stunde, sich über das Fazit seiner geistigen Tätigkeit mitzuteilen und auszusprechen - und das ganz ohne vornehme Zurückhaltung. Das Gedruckte ist voll von persönlichen Bekenntnissen, freilich nicht zu irgendwelchen Sachen. Wenn Schelsky über sich redet, über seinen "geistigen Weg", über die Bedeutung der Wissenschaft, die er ihr in seiner Tätigkeit zu geben vermocht hat, über die Übel der Zeit, so wie er sie immer verstanden hat, so verfolgt er, einem Usus bürgerlichen Gelehrtentums gemäß, nur ein Anliegen: es geht ihm um die Sache eines persönlichen Bekenntnisses. Die Lektüre hat es also, um es einfacher zu sagen, mit der Penetranz zu tun, mit der ein Denker nichts Besseres vorhat, als sich selbst ein Denkmal zu setzen, sich selbst den gerechten Platz in der geistigen Welt (der Soziologie) zuzuweisen, den er seiner Meinung nach verdient hat und der ihn von den anderen unterscheidet. Was bewegt nun diesen Geisteskämpfer dazu, mitzuteilen, daß "Freundschaften... mein Leben und meine wissenschaftliche Arbeit überhaupt mehr beeinflußt (haben) als Feindschaften oder Liebschaften" (II, 73), daß "ohne diese Erfahrung der menschlichen ‚Realität' in ihren äußersten Formen" (gemeint sind Soldaten: "...ich ging als Offizier einer Sturmtruppe an die Ostfront (IV, 154) und Aufbau des "Gefangenen- und Flüchtlingsdienstes" des Roten Kreuzes) "...ich mein wissenschaftliches Arbeiten nach dem Kiiege gar nicht verstehen (kann)" (II, 73)?

Was sollen diese Jämmerlichkeiten, einerseits der Soziologie in Form von Rainer Lepsius vorzuwerfen,

"daß die Fachentwicklung einer regional beschränkten Soziologie von dreieinhalb Jahrzehnten bereits ein so intensives antiquarisch-historisches Interesse findet" (I, 14 f.),

um selbst keineswegs aus "Autoreneitelkeit" (I, 15), sondern "für die Freiheit des Urteils der ‚Nachkommenden' zweckdienlich, in den Mechanismus der fachhistorisch-vereinsoffiziellen Legendenbildung etwas Sand zu streuen" (I, 12)?

Helmut Schelsky ist eitel - genauso wie jeder Professor, der es nötig hat. In seinem Falle wächst sich seine verletzte Eitelkeit zu einer klassischen Wahnvorstellung aus: Die Tatsache, daß er unter den deutschen Soziologen Gegner hatte vor allem zu Zeiten und nach der Studentenbewegung, stilisiert er zu einer Verfolgung nicht nur seiner Person, sondern des bundesdeutschen Staates. Gerade in der Sicherheit dessen, öffentlich anerkannt zu sein, leistet sich Schelsky den Gestus des einsamen Warners in der Wüste: Er ist der einzige, der erkennt, daß die "gleichgeschalteten, neomarxistischen Soziologen" vermittels ihrer "Sinnproduktion" im Begriff sind, nicht nur in der BRD eine "Priesterherrschaft" zu errichten. Sein Leben soll deshalb für den einsamen Kampf eines "existenziell vorbildlichen Gelehrten" (IV, 159) gegen den mit fürchterlichen Folgen behafteten Mißbrauch seiner Wissenschaft, der Soziologie, stehen.

Analysierenswert ist, wofür diese Lebensinterpretation als leuchtendes Vorbild stehen soll:

Das Leben als Kampf

Schelsky legt Wert darauf, seine Soziologie mit einem anthropologischen Vorzeichen vorzustellen. Bei ihm wird aus dem harmonischen Weltbild der Soziologie - man wünscht sich andauernd Normen, die einem dann mit Sanktionen ausgerüstet gegenüberstehen - das Ideal einer Menschenführung, Kampf des Menschen mit sich selbst:

1. muß man sich schon mit seiner "eigenen biologisch-physischen Veranlagung dauernd " (III, 110) auseinandersetzen. Man hat also keine Physis als Voraussetzung für alles mögliche, sondern als "Material dieser Selbstführung" (III, 110). Das Dämliche an dieser Vorstellung ist, zwei Naturkomponenten (Vitalität, Sex versus die Führungsabteilung) zu zerlegen, um so Leben zur Leistung machen zu wollen. 2. hat man nicht nur diesen Vitalitäts-Überschuß (das ist ein Maßstab: man hat frei verwendbare Energie!), sondern laut Schelsky ist dem auch

"ein Idealitätsüberschuß oder ein ‚finaler-Letztziel-Überschuß' zur Seite zu stellen. Beide haben eine Entartungs- oder Selbstzerstörungstendenz des Menschen in sich; beide müssen also durch Selbstführung der Person geordnet und stabilisiert werden. ... Die Notwendigkeit, den finalen Bewußtseinsuberschuß oder Idealitätsüberschuß existenzerhaltend und ordnend zu disziplinieren, ist bisher als anthropologisches Problem nicht erkannt worden." (III, 128)

Schelsky stellt sich gleich beide "Menschenkomponenten" als Hindernis vor. Stört ihn schon an der Physis, daß sie nicht in der Existenzerhaltung aufgeht, d.h. einen "Überschuß" läßt, ist ihm der Geist erst recht ein Hindernis. Er mißt ihn vom Standpunkt eines Gefängniswärters, wenn er diesen "Idealitätsüberschuß" feststellt, und gibt damit schlicht sein Mißtrauen dem Verstand überhaupt gegenüber bekannt, weil er sich dem praktisch Gegebenen nicht automatisch unterordnet.

Das damit ausgesprochene Urteil Geist="Zersetzung" wird dadurch in die (demokratisch) soziologische Methode eingemeindet, daß diese Kritik an der Freiheit des Menschen, sich seine Lebensumstände zu überlegen, als Hilfe vorgestellt wird: Schelsky will ihn (und damit Gesellschaft und Staat) ja nur vor der "Selbstzerstörung" bewahren.

Wozu ist nun diese Sorte Menschenbild konstruiert? Der "finale-Letztziel-Überschuß" schreit einzig und allein danach, von einer "führenden Instanz" hilfreich "diszipliniert" zu werden. Deshalb braucht's Hilfe für die

"labilen Systeme", "die dauernd vom Verfall von Abnormität und Krankheit, von Dekadenz und zerstörenden Konflikten bedroht sind" (III, 115), wenn ihnen jemand mittels des "Prinzips Erfahrung" "das disziplinierende, realitätserhaltende Prinzip der Selbstführung der Antriebe (die moralische Ordnung der eigenen Antriebe) wie die Disziplinierung des Idealitätsüberschusses (dauernde Reduzierung auf Realitätsfaktoren oder ‚Objektkonstanz'" (III, 128 f.) nahelegt,

damit sie ihren Lebenskampf bestehen.

Die Verpflichtung auf die Realität kann man allerdings als Disziplinierung des Geistes verstehen. Schelsky hat die Freundlichkeit, dies als Hilfestellung für den Menschen, dessen Geist er gleich als "Idealismus" und noch weiter als Entfernung von der Realität denunziert, vorzustellen, so daß der Verrückte froh sein kann, wenn ihn jemand immer wieder auf die "Realitätsfaktoren" zurückbringt. Und dieses einfache Mittel zur Rettung der Menschen, der Gesellschaft und der Nation wird weder be- noch ergriffen!

Schelskys Menschenbild fordert eine harte Hand, die der Selbstzerstörung des Menschen und damit des Systems Einhalt gebietet. Wo die Soziologie die Institutionen als Wunsch der Menschen, um sich zu orientieren, vorstellt, und so den Gewaltcharakter der Gesellschaft harmonisiert, fordert Schelsky unumwunden die Gewalt als Rettung für den Menschen. So streicht er den Schein der Harmonie der Gesellschaft, auf den die anderen so großen Wert legen, verzichtet aber auch nicht darauf, diesen Standpunkt, daß der Staat sich ordentlich durchsetzen soll, der Menschennatur zu entnehmen: Recht (schließlich als "Prinzip Erfahrung" festgehalten - was schon ein Witz ist angesichts dessen, daß das Recht immer gerade gegen die gesellschaftliche ‚Erfahrung' durchgesetzt werden muß) als Möglichkeit für den Menschen, seinen Lebenskampf zu bestehen. Und was passiert angesichts dieser Schelskyschen Erleuchtung? Der Staat erfüllt dieses Prinzip nicht. In grenzenlosem Idealismus entdeckt Schelsky statt seines Modells von ‚Lebenshilfe' nichts als dessen Fehlen in der Gesellschaft. Gemessen an dieser Forderung erscheint ihm

Der Staat als Hospitalisierungsanstalt

Vom ‚Sozialstaat' zu reden, ist ja eine verbreitete Ideologie. Schelsky geht weiter. Von seiner Lebensphilosophie der "Selbstführung" aus behauptet er, daß Sozialstaatsmaßnahmen nicht geschädigte Menschen, Arme, Alte, Kranke unterstellen, sondern hervorbringen:

"Die Hospitalisierung des Menschen (orig. Herv.) ist das Grundprinzip des vermeintlich humanen Sozialismus der westlichen Welt geworden; der Schaffung immer neuer Kategorien der Hilflosigkeit und der Betreuung entspricht der Aufbau von immer mehr Institutionen und Organisationen der Betreuung, Pflege und Verhütung mit immer mehr öffentlich bezahltem Personal, das, indem es Menschen verwaltet und sozialpolitisch, pädagogisch oder therapeutisch betreut, zugleich über sie herrscht (!). Der neuere westliche Sozialismus - im Gegensatz zum totalitär-marxistischen Sozialismus - vertritt in seiner Grundgesinnung dieses Prinzip der Hospitalisierung des Menschen und schafft sich das dazu legitimierende ‚Menschenbild'." (III, 124)

Redet ein Bolte oder Claessens in leichter Verkennung der Tatsachen über den Sozialstaat als "Versorgung", den sich die Menschen als "Lösung" erfinden, so konstatiert ein Schelsky an diesem vorgestellten Zweck der BRD einen Verstoß gegen die eigentlichen Staatsaufgaben der "Führung" und "Disziplinierung".

Von seiner Vorstellung aus, daß der Mensch im Lebenskampf bestehen muß, erscheint die demokratisch-soziologische Ideologie des Sozialstaats, er sei "Hilfe" bei "Problemen", als gefährliche Verweichlichung. So gesehen entdeckt Schelsky in Almosen den Grund des sozialen Elends: Weil es "Hilfe" gibt, werden die Massen in ihrem Lebenskampf abgelenkt und auf trügerische Angebote gelockt, die sie so entmündigen. Weil er von Kampfestugenden als Lebensinstrument ausgeht, bezeichnet er"Pflege" als "Herrschaft" - wie der Westernheld, der sich den Anweisungen der Schwester widersetzt.

Und so erhält er übrigens auch eine lupenreine Klassenanalyse:

"Wer seine Kriminalität noch unmittelbar vor Gerichten, als zurechenbaren Gesetzesbruch verantworten muß, gehört zur Unterschicht. Das ist, so komisch es klingt, eine viel realistischere Einteilung von Unterschichten einerseits, Mittel- und Oberschichten andererseits als die überlebte Einteilung von Proletariat und Bourgeoisie. Danach ist der Arbeiter ein viel selbständigerer Mensch, auch in seiner Kriminalität, als der halbgebildete Angehörige der Mittel- und Oberschicht, der sich per Psychologie und Psychiatrie der Selbständigkeit der Person im Ernstfalle durch eine Krankheitserklärung entziehen kann." (III, 133)

Mord und Totschlag - das ist wenigstens noch ein Kampf im Gegensatz zu den wehleidigen Mittelständlern, die sich - statt den Herausforderungen die Stirn zu bieten - einfach dem Psychiater auf die Couch legen.

Und warum gibt es diese Sorte gestattete Wehleidigkeit im Staate, diesen Mißbrauch seiner Führungsfunktion? Warum werden die Leute so grausam durch "Betreuung" beherrscht, anstatt daß ihre "selbstzerstörerische Natur" gebändigt wird, so daß sie ihre Freiheit gewinnen? Weil Schelsky den Staat als geistiges Prinzip begreift, wenn er von ihm die "Führung" des "Idealitätsüberschusses", die "Disziplinierung" des Geistes als natürliche und Hauptaufgabe erwartet, sieht er dessen Verfall auch als Tat der Wissenschaft. Nicht nur, daß sie in der "Führung" versagt, ist Schelskys Analyse und Kritik, sondern daß sie ihre Stellung grob für andere politische Zwecke mißbraucht. Jeder, der seiner Zwecksetzung der Soziologie:

"Nicht nur das Höchste, sondern das existenziell Notwendigste, was das ‚Fach Soziologie' erreichen kann und muß, besteht darin, den Rechtsstaat als Vorbedingung ihrer freien Erkenntnis zu sichern und dauernd zu erneuern." (11, 102)

nicht Folge leistet und seine Wissenschaft nicht dem Recht als der Ordnung, der es sich zu unterwerfen gilt, widmet, fängt sich von Schelsky den Vorwurf, Soziologie als Sozialismus zu betreiben.

Kampf gegen Soziologie als Sozialismus

Daß die Soziologie jegliches "Handeln" als "sozial" sieht, rechnet er ihr als Totalitarismus vor. Wenn Soziologen mit der "Gesellschaftlichkeit" lauter Prinzipien des "Mit-, Für- und Gegeneinanders" aufstellen, von denen alle konkreten Gesellschaften besondere "Formen" sind, dann stört Schelsky daran, daß so "das Soziale" der bestimmende Wert wäre. Während normale Soziologen die "Gesellschaft" mit "ohne geht's nicht" bestimmen und damit begrüßen, entnimmt Schelsky dieser Idiotie irgendwie den Betreuungsgedanken und vermißt die kämpferischen Chancen fürs Individuum. Sein Ideal ist also nicht weniger soziologisch. Auch bei ihm sollen ja die sozialen Institutionen, speziell das Recht, für die Einheit von Person und Gesellschaft sorgen. Bloß beharrt sein Ideal der Einheit auf einer Kritik des Staates, der nicht durchgreift, weil er unterhöhlt wird, auf einer Kritik der Leute, die sich "betreuen" lassen, und vor allem auf einer Kritik seiner Wissenschaft, die beides hervorbringen soll, weil er gegen das soziologische Harmonieideal und dessen Problematisierung das Ideal der Einheit in der Unterordnung unter die Gewalt als Erfüllung des menschlichen "Letztwillen" (sein Lieblingswort) setzt.

"Die Bewußtseinsherrschaft der Soziologie wirkt nicht durch ihre Einsichten, sondern durch ihre Themenstellungen und begrifflichen Formeln. (orig. Herv.)

Hat man dies einmal erkannt, gewinnen die wissenschaftlich unwahrscheinlichsten Aussagen an Wahrheitsgehalt (!): Das scheinbar primitive Mißverständnis, Soziologie sei politisch von vornherein Sozialismus, wird über die Tatsache, daß die Soziologie den geistigen Aspekt auf die Person verdunkelt, den Bezug auf das Soziale überbelichtet, eben doch zur Wahrheit: Wer soziologisch denkt, muß die soziale Gerechtigkeit überbewerten, muß die Grundrechte unserer Verfassung primär auf soziale Zustände, nicht aber auf den Handlungsraum der Person bezogen auslegen und landet folgerichtig in sozialistischen Vorstellungen." (Helmut Schelsky, Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen. Opladen 1975, S. 264)

Deutsche Soziologie ist schon einmalig. Egal, ob einem sehr unbekannten Professor Bühl aus München der Begriff Individuum schon suspekt ist oder ob dem sehr bekannten Professor Schelsky das Soziale, als die eigentlichen lebenskämpferischen und darin sozialen Kräfte der Individuen ignoriert scheinen, immerzu träumen deutsche Soziologen, deren einziges und sehr direkt politisches Thema die Probleme der Einheit von Individuum und Gesellschaft sind, von der totalen Einheit von Individuum und Gesellschaft: Schelsky schreitet sogar als Illustration dieses Ideals zum Tod als der Erfüllung menschlichen Existenzkampfes fort:

"Unter diesen Gesichtspunkten kann der Tod zweierlei sein: Einmal der gnadenlose Abbruch einer sich im Triebleben oder in der Bewältigung der Weltaufgaben verstrickenden, sich nicht zur Freiheit als Lebensgewinn steigernden Existenz, der dann mit Recht gefürchtet wird, denn dann ist der Tod die Bestätigung der nicht genutzten Lebens-Chancen zur Freiheit der Person. Er kann aber auch als totale Befreiung verstanden werden," (nur zu!) "die den erfolgreichen Lebenskampf zur Beherrschung der Innen- und Außenweltfakten und schließlich der altersisolierten Person als letzte Selbstbetätigung abschließt." (III, 119)

Dieser theoretische Oberfaschist, der dem Gedanken, daß die Erfüllung des Menschen nicht im "ausleben", sondern im "Leben führen" besteht, also darin, sich aufzugeben, auch noch durch solch passende Illustrationen wie den Sensenmann als Befreiung das Tüpfelchen auf das i setzt, kokettiert mit seiner Gegnerschaft zur Soziologie. Er tituliert sich "Anti-Soziologe" und findet sie "langweilig" oder "amerikanisch" oder reibt ihren Vertretern genüßlich Abweichungen vom vorbildlichen Gelehrtendasein hin. (Im Unterschied zu dem edlen Hans Freyer, der mit dem "Verlust seiner ganzen Wohnung, hier gesammelter kultureller Werte und seiner ganzen wissenschaftlichen Bibliothek" die deutsche Kriegsniederlage "büßte", hat

"Helmuth Plessner... in seiner Emigration in Holland von dem emigrierten Maler Max Beckmann so viel Bilder erworben, daß ihm später der Verkauf auch nur einiger den Bau eines sehr modernen und kostspieligen Hauses in Göttingen erlaubte. Freyer hat nach 1945 nur in Etagen-Mietwohnungen gelebt." (IV, 152)

Undank ist der Demokratie Lohn für ‚wahrhafte Gelehrte'!) Sein antisoziologischer Gestus ist zwar seiner faschistischen Kritik geschuldet, hat aber nichts mit einer von ihm behaupteten Absage zu tun. Das richtige Verständnis ihrer Aufgabe will er schlicht durchsetzen und übertreibt theatralisch die ‚Verfolgungen', denen er ausgesetzt sei als Moment der Gefahren, die der Weltgeschichte drohen, hört sie nicht auf ihn - nicht ohne ständig dies gleichzeitig dadurch zu dementieren, daß er auf seine Auflagenhöhen hinweist.

So simpel ist nämlich die eigentliche Message dieses Mannes mit all seinen faschistischen Gedankengängen: Die Welt ist erst dann wieder in Ordnung, wenn die Soziologie vom Massen- wieder zum Elitefach geworden ist, auf das dann die Verantwortlichen wieder hören können.

"...wenn die Soziologie ihre große Zeitwirkung verliert und in die Stellung eines ‚esoterischen' Fachs zurückgedrängt (werden wird), also auf einen Personenkreis wieder beschränkt worden ist, der seinen Welterfahrungen nach den Verführungen der Soziologie gewachsen ist." (Die Arbeit tun die anderen, a.a.O. S. 255)

Und wer mag das wohl sein?

Nachweis der Zitate:

Schelsky, Rückblick eines "Anti-Soziologen", Aufsätze (I-V) (soweit nicht anders vermerkt)


© Verein zur Förderung des marxistischen Pressewesens e.V. München