|
MSZ 1981 Ausgabe 5
Stichwörter: naher Osten |
Seit dem 6. Oktober 1981 hat auch der freie Westen seinen Märtyrer im vorderen Orient. Zwar hat Anwar as-Sadat nicht gerade sein Leben aufs Spiel gesetzt. Nur in der ersten Reihe hat er gesessen, als sein von den USA frisch ausgerüstetes Militär seine brutale Pracht zur Schau stellte; nur einer Demonstration der Waffen hat er beigewohnt, über die er als treuer Freund der USA inzwischen verfügt und in denen sich daher immerhin einiges von seiner weltpolitischen Bedeutung als treuer Freund der USA widerspiegelt. Seine Attentäter haben ihn aber erwischt. Und das ist schon Beweis genug, daß Anwar für was Höheres hat dran glauben müssen.
Nun stirbt nicht jeder Staatsmann, den einer umlegt, automatisch für höhere Werte. Kommen beispielsweise die Führer des Iran nacheinander bei Bombenattentaten um, dann verhehlt kein freiheitliches Öffentlichkeitsorgan im freien Westen seine mehr als bloß klammheimliche Freude; die Attentäter können sich eines sympathisierenden (Ein-)Verständnisses sicher sein, auch wenn niemand sie kennt, geschweige denn ihre Beweggründe; mit einem heuchlerischen Seitenblick auf die "Leiden des Volkes" wird den Verblichenen postum die Rechnung aufgemacht, daß sie ihr rasches Ableben wohl nicht anders verdient hätten. Anders Sadat. Daß er mindestens für den Frieden umgebracht worden war, stand schon fest, noch ehe er richtig tot war.
Eine Heuchelei ist ihm dabei immerhin erspart geblieben: Daß es für die Würdigung des "großen Toten" irgendwie auch nur entfernt darauf angekommen wäre, was seine Untertanen von ihrem Präsidenten gehalten haben, oder gar darauf, was er mit ihnen angestellt hat, das ist niemandem ernstlich in den Sinn gekommen. Die Ernennung Sadats zum Märtyrer des Camp-David-Abkommens vollzog sich, ehrlicherweise, ganz jenseits aller Mutmaßungen darüber, was denn wohl seine Attentäter gegen ihn gehabt haben mögen; es machte überhaupt nichts aus, daß im Verlauf eines Nachmittags dem einen westdeutschen Chefkommentator die große Popularität Sadats - aber auch nicht wegen jenes Friedensschlusses, sondern wegen "seines" angeblichen Sieges im Oktober 73 - aufgefallen sein wollte, dem anderen umgekehrt seine Unpopularität infolge von Korruption und Verelendung. Bis hinein in die Bildberichterstattung des deutschen Fernsehens vom Begräbniszeremoniell waltete solche Ehrlichkeit vor: Das Volk habe man ursprünglich ausschließen wollen, hieß es ganz vorurteilsfrei; hinter dem offiziellen Trauerzug sei es dann dennoch zusammengelaufen; im Bild dazu rufende Araber, denen durchaus nicht anzusehen war, ob sie ihrem Präsidenten nun einen letzten Fußtritt oder die letzte Ehre geben wollten - und auch das war scheißegal. Denn hier wurde von vorn bis hinten demonstriert, worauf es auch tatsächlich einzig und allein ankam: Mit Sadat wurde der Mann des freien Westens zu Grabe getragen.
Der Mann - natürlich nicht die Sache: dann wäre es ganz anders zugegangen. Dann wären nicht aus der gesamten westlichen Welt die Staatsmänner eingeflogen - der Hinweis auf die fehlenden Ostblock-Diplomaten fehlte nie! -, um sich zu der Demonstration zu versammeln, daß sie den Toten ganz als einen der Ihren betrachteten. Die Frage hieß bloß, ob der Nachfolger auch ein genauso guter Mann des Westens sein würde - die sofort eingeleitete Überprüfung, Genscher war schon Stunden später am Tatort, fiel eindeutig positiv aus. Seine offizielle Bestellung zum Staatspräsidenten durch eine Volksabstimmung ohne Alternative war ab da eine reine Formsache - und auch hier war die westliche Berichterstattung wieder von einer bodenlosen Unbefangenheit: Offen und ohne alle bösartigen Zwischentöne, in der Gewißheit, daß es sich so auch gehört, wurde der Wahlakt der Ägypter der Welt als eine bloße Formsache vorgestellt, über deren Ausgang man beruhigt sein durfte.
Das Gerede von einer neuen, unvermuteten Nahost-Krise, "Kriegsgefahr" inklusive (wer hätte den bloß führen sollen, und gegen wen?), hat sich denn auch schnell in jenes Wohlgefallen aufgelöst, mit dem die maßgeblichen westlichen Weltbürger eine Weltregion betrachten, die ihnen politisch sicher ist, in der ihr Militär sich wie zu Hause fühlen darf, deren Bevölkerung zwar nichts nützt, bei allem Elend aber auch nicht entscheidend stört, und deren ortsansässige Politiker ihren ganzen Nationalismus in das Bemühen legen, dem Westen noch viel nützlicher zu sein und s o der eigenen Macht zu erweitertem Respekt zu verhelfen. Immerhin: eine Präsidentenleiche war angefallen. Und wo nun an deren Sarg sowieso schon alle entscheidenden Interessenten in ägyptischen Fragen versammelt waren, was lag da näher, als dem Heimgegangenen mit der Beschleunigung und Ausweitung aller längst geplanten Vorhaben des Westens eine letzte Ehre zu erweisen? Schließlich sollen auch derart reibungslose Personalwechsel die absolute Ausnahme bleiben.
Die Rede vom Nahen Osten als "Krisenherd" und "Pulverfaß" hat, wie das bequemen diplomatischen Sprachregelungen nun einmal eigen ist, die Situation schon längst überdauert, zu der sie einmal eingeführt worden war. Es gab ja einmal Zeiten, in denen deckten sich die Gründe, aus denen zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean lauter selbständige Souveräne eingerichtet worden waren, keineswegs mit den Zwecken, die diese verfolgten. Nach der ersten Generation botmäßiger feudaler Sachwalter westlicher Interessen an der geschäftlichen und strategischen Nutzung der Region hatten Militärs, die eben in jeder Hinsicht in die Schule des abendländischen Nationalismus gegangen waren, für sich das Ideal entdeckt, ihrer Staatsgewalt die Freiheit zu "wirklich" autonomer Zwecksetzung zu verschaffen. Einen Inhalt, womöglich gar einen ökonomischen, brauchte dieses Ideal nicht weiter, um seine Anhänger zu erfolgreichen Staatsstreichen zu beflügeln und zu "arabischen Sozialisten" zu machen. Es genügte vollauf, daß nach Beseitigung der einheimischen Fürsten nach wie vor in Gestalt des Fremdstaates Israel ein gewalttätiger Inbegriff ihrer höchst bedingten, vom Imperialismus stets kontrollierten Autonomie zur Verfügung stand. An seiner Beseitigung wollten die Geschöpfe des Imperialismus ihre wahre Souveränität und nationale Reife beweisen - ein inhaltsleerer Nationalismus, der bei der sowjetischen Weltfriedensmacht gerade genügend militärische Unterstützung fand, um gegen deren Rat und Interessen "antizionistische" Kriege anzufangen und zu verlieren. "Pulverfaß" hieß dieser Zustand, weil sich hier doch wahrhaftig andere Staaten als die imperialistischen das Recht herausnahmen, ihre Gewalt so zu gebrauchen, daß die Interessen des Westens, die ökonomischen wie die strategischen, nicht zuverlässig aus der Schußlinie blieben.
Solche Zeiten sind nun vorbei. Nicht als ob das Sterben im Dienste nationaler Feindschaften und entsprechender "militärischer Verwicklungen" aufgehört hätte. Was sich so an regionalen Kriegen abspielt, hat jedoch seinen weltpolitischen Charakter ziemlich grundlegend geändert. Die ägyptische Führung hat als erste und am gründlichsten die "Lektion" gelernt, daß es sich für die materielle Macht, über die man als orientalischer Staatsführer zu gebieten hat, durchaus nicht auszahlt, sich ihre Souveränität durch ihren Einsatz gegen den amerikanischen Vorposten Israel beweisen zu wollen. Im Unterschied zur Sowjetunion, die ihre militärischen Hilfsdienste stets an dem widerspruchlichen Ziel bemessen hat, dem Imperialismus die eigenen Ansprüche auf weltpolitische Berücksichtigung schmerzhaft und nachdrücklich in Erinnerung zu bringen, und deswegen ihre Schützlinge in ihrem "Antizionismus" auch immer wieder praktisch gebremst hat, haben die USA ihrem Vorposten Israel nie enge Schranken gesetzt, wenn dieser sich daran machte, seine Nachbarn das Fürchten zu lehren. Warum auch? Der so geführte praktische Beweis, daß man sich als amerikanischer Verbündeter gegen seine antiamerikanischen Nachbarn jede Freiheit herausnehmen kann und darf, während es sich als politischer Feind der USA eben deswegen höchst unangenehm und gefährlich lebt - der imperialistischen Weltmacht konnte dieser Nachweis, für den sie sich noch nicht einmal selbst die Hände schmutzig zu machen brauchte, sondern sich voll auf den Faschismus ihrer Judenkolonie verlassen konnte, doch allemal nur Recht sein. Ausgezahlt hat er sich jedenfalls so gründlich, daß neben der auf diese Weise errungenen amerikanisch-ägyptischen und der gefestigten amerikanisch-saudiarabischen "Freundschaft" die Rolle Israels als imperialistisches Beweismittel der USA sich längst relativiert hat was für den Vorposten westlicher Zivilisation im Araberland noch lange keinen Zwang zu "Mäßigung" und Bescheidenheit bedeutet, einige andere Anliegerstaaten sind ja erst noch zu überzeugen von dieser Elementarlektion imperialistischer Bündnispolitik.
Unter nur noch rhetorischer Fortführung seiner alten Nationalideologie des Antizionismus hat vor gut einem Jahr sogar der "revolutionäre" Irak sich einen anderen Nachbarn zum Exerzierfeld seiner ungeschmälerten Souveränität erkoren, und zwar ausgerechnet die mit den USA zutiefst verfeindete islamische Gottesrepublik in Persien. Das hat ihm zwar noch längst nicht den Status eines geschätzten Verbündeten der USA eingetragen. Dafür ist aber umgekehrt unmißverständlich Auskunft darüber gegeben worden, wie dieser aufsässige souveräne Nachfolger der alten kapitalistischen Kolonialmächte auf mesopotamischem Boden seine Aufsässigkeit verstanden haben will und wogegen er seine "Autonomie" nicht mehr zu richten gedenkt. Und erst recht ist nichts lächerlicher, als mit Verweis auf das tägliche Palästinenserschlachten im Libanon ein Scheitern der amerikanischen Befriedungspläne für den Nahen Osten zu beklagen, wie das von ihren unterschiedlichen nationalen Sonderinteressen her besorgte europäische Freunde der USA ebenso pflegen wie der sowjetische Hauptfeind. Von den Opfern abgesehen die ja eben deswegen bloß Opfer sind, weil es auf sie nicht ankommt, und umgekehrt können mit diesen Schlächtereien doch alle maßgeblichen Mächte glänzend leben: Die Israelis gewöhnen ihren letzten Todfeinden ihre Feindschaft ab, und allen anderen Staatsgewaltigen ist es ganz offenkundig recht, daß aller Antizionismus und Antiamerikanismus sich auf ein paar Quadratkilometer im Libanon konzentriert: auf die hat er sich damit auch reduziert.
Die alte Unzufriedenheit mit dem flagranten Mißbrauch einer vom Westen zugestandenen, vom Osten aufgerüsteten Souveränität ist es also ganz gewiß nicht mehr, die westliche Politiker - und zwar nicht bloß auf ihre spezielle Chance schielende europäische, sondern auch die maßgeblichen amerikanischen - nach wie vor vom Nahen Osten als dem erstrangigen "Krisengebiet" der Welt schwärmen läßt. Die "Kriegsgefahr" in der Region haben die USA als "Friedensstifter" von Camp David allemal fest im Griff. So fest jedenfalls, daß sie von ortsansässigen Souveränen, die ihrem Nationalismus einen dem Imperialismus nachempfundenen militärischen Inhalt zu geben suchen, nicht mehr ausgeht. So fest, daß umgekehrt, wo immer in der Region von "Kriegsgefahr" die Rede sein kann - und die Vorfälle, die westlicherseits mit geheuchelter Besorgnis als denkbare Kriegsanlässe verhandelt werden, nehmen ganz unübersehbar zu -, die direkte oder indirekte Urheberschaft der USA überhaupt kein Geheimnis ist. Im Unterschied zu ihren westeuropäischen Freunden, die etwas andere Vorstellungen vom passendsten Image freiheitlicher Weltpolitiker pflegen, haben amerikanische Politiker jedenfalls keinerlei Hehl daraus gemacht, daß sie mit den Manövern ihrer Mittelmeerflotte in der von Libyen als Hoheitsgebiet beanspruchten Großen Syrte die provokative Zurückweisung dieses Anspruchs bezweckt haben; sie haben keinen Zweifel daran gelassen, daß ihnen die völkerrechtliche Berufungsklausel über die "Freiheit der Meere" in den Kram gepaßt hat für die Demonstration, daß das Völkerrecht nur so viel wert ist, wie sie an Gewalt dahintersetzen, und daß sie es deswegen von vornherein immer auf der Seite ihrer überlegenen Waffen haben; und sie haben ganz offen ihre Begeisterung darüber heraushängen lassen, daß ihnen die Provokation des libyschen Oberhäuptlings, bis hin zum blitzsauberen Abschuß seiner Abfangjäger, so rundherum gelungen ist wie schon lange keine mehr auf diesem Sektor. Praktisch und höchst wirksam haben die USA damit Libyen zur akutesten "Kriegsgefahr" in ganz Arabien definiert. Prompt hat die ägyptische Regierung, da noch unter Sadat, die Parole aufgegriffen und entdeckt, daß ihre lange Grenze mit Gadafis Republik sie eigentlich schon längst zu tiefsten Sorgen und der Ausrufung einer ziemlichen "Kriegsgefahr" von libyscher Seite berechtige. Gleiche Erkenntnisse müssen dem sudanesischen Oberidioten Numeiri am Grabe Sadats gekommen sein. Tags darauf jedenfalls, ganz als wollte er den ägyptischen Nachwuchsmann Mubarak in diesem edlen Wettbewerb ausstechen und sich als wahren Sadat-Nachfolger dem amerikanischen Außenminister ans Herz legen, hatte auch er eine libysche "Kriegsgefahr" anzubieten, mit einigen Zuspitzungen sogar: So fraglos wollten die Libyer seinen Sudan überfallen, daß umgekehrt jeder Angriff seinerseits als reine Defensivaktion zu werten sei. Spezifizierte Wünsche nach "Waffenhilfe" waren noch gar nicht bekanntgeworden, da wurden und werden sie schon erfüllt und übererfüllt. AWACS-Flugzeuge - deren Eignung zur überdimensionierten Feuerleitstelle zu Unrecht neben ihrer Ausspähfunktion ein wenig in Vergessenheit geraten ist - fliegen die ägyptische Westgrenze ab; Kriegsgerät ist in den Sudan unterwegs, von dem kaum 3 einheimische Generäle eine Ahnung haben dürften; drum folgt im Rahmen kurzfristig vorverlegter Mammutmanöver in der Wüste das entsprechende Personal nach: eine amerikanische 5.000-Mann-Spezialarmee - alles nach dem Motto: Wenn schon "Kriegsgefahr", dann gründlich! Erste diplomatische Sprachregelungen, denen zufolge der gebildete Mann von Welt (West) Tripolis, Addis-Abeba und Aden als höchst "kriegsgefährliche" Achse zu durchschauen hat, kündigen gleichartige verschärfte westliche Feindschaftserklärungen an Äthiopien und (mindestens Süd-)Jemen an, die von einem gleichartigen Anschwellen von Waffenexporten und Beweisen westlich-arabischer Waffenbrüderschaft an Saudi-Arabien begleitet sein werden; das deutsche Fernsehen, beflissen wie immer, färbt seine Landkarten schon generalstabsmäßig ein - rot gegen grün und faselt von einer feindseligen "Einkreisung" des Sudan - die gemeinsame Grenze mit Ägypten zählt dabei nicht! -, ganz als hätten die Libyer einen blühenden Grenzverkehr zwischen den Sudanesen und der Zentralsahara unterbunden und in der Hauptstadt des Tschad eine strategische Bomberflotte versteckt. Die verlegen dafür die USA ganz wirklich und leibhaftig in den Sudan... usw. usf. Kein Tag ohne neue einschlägige Nachrichten.
Es war schon immer eine strategische Kalkulation des Imperialismus, von deren Standpunkt her im Nahen Osten über "Krise" und "Stabilität", "Sicherheit" und "Pulverfaß" befunden und entschieden wurde. Die Maßstäbe dieser Kalkulation haben sich allerdings ganz beträchtlich fortentwickelt. Hatte der Westen es früher noch mit Souveränen zu tun, die an die Bedingungen und die dementsprechenden Schranken ihrer Autonomie erst noch zu gewöhnen waren, was ohne Krieg und die entsprechenden Kriegsschäden allemal nicht zu machen ist, so kann er sich heute, nach erfolgter Gewöhnungsprozedur, an höhergesteckte Ziele machen. Die Sortierung der Länder in Freunde und Feinde erfolgt nicht mehr nach ihrer praktizierten Aufsässigkeit oder prinzipieller "Aufgeschlossenheit", sondern nach dem Grad ihrer "Kooperations"-Bereitschaft. Da nützt es dem Irak nur wenig, daß er das Angriffsziel seines Antizionismus demonstrativ im Osten, im Lande der antiamerikanischen Mullahs sucht, und Libyen gar nichts, daß es brav sein Öl abliefert - inzwischen wird ihm bloß noch die Hälfte abgenommen! - und sein Gadafi in Moskau öffentlich zu Protokoll gibt, daß auch er sowjetisctie Truppen in Afghanistan für ganz besonders verwerflich hält. Umgekehrt nützt es den Hauptstützen imperialistischer Macht vor Ort durchaus, den USA ihre guten Kriegsdienste gegen Nachbarn anzudienen, die den neuen amerikanischen Hygienevorschriften für die Region nicht entsprechen. Dritterseits sollte man sich ruhig einmal den Klartext der Bedingungen klarmachen, auf denen der amerikanische Kongreß als Voraussetzung für die Lieferung von AWACS-Flugzeugen an Saudi-Arabien besteht, daß sie nämlich auch nach Verkauf unter der Kontrolle amerikanischen Personals bleiben: Nicht, daß sie nicht gegen Israel eingesetzt werden dürften, ist der Hauptwitz, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der für ein Waffengeschäft mit einem anerkannten Souverän diesem abverlangt wird, nicht als souveräner Käufer aufzutreten, sondern explizit und offiziell in der Rolle aufzutreten und sich mit der Rolle zufriedenzugeben, die ihm auch praktisch allein zukommt: souveräner Finanzier einer auswärtigen Abteilung der US Air-Force zu sein. (Kein Wunder, daß das saudische Königshaus da denn doch auf der Wahrung gewisser Umgangsformen besteht und es eine neue Aufgabe für Vertragstüftler ist, das eine mit dem anderen zu verknüpfen.)
Alles dies ist ein einziges Anschauungsmaterial für die Wahrheit, daß ein rechtschaffener Imperialismus durch seine Erfolge beim wunschgemäßen Neu-Arrangement einer Weltregion keineswegs zufriedengestellt wird. Im Unterschied zur Sowjetunion, die der Welt immerzu ihre unaufhaltsamen Erfolge glaubhaft machen will, die sie nicht hat, ist der Westen immer unzufrieden. Denn jeder Erfolg erinnert ihn nur praktisch an die viel weitergehenden Wunschziele, die er noch nicht erreicht hat.
Dieses maßgebliche Wunschziel heißt im Nahen Osten bei weitem nicht bloß: ein gutgehendes Ölgeschäft. Dazu steht der strategische Aufwand, den der freie Westen in dieser und um diese Region treibt, in gar keinem Verhältnis mehr - wer gefährdet es denn, das Geschäft? Wie sonst sollten die Ölstaaten ihre "natürlichen Reichtümer" denn in Teilhabe am wirklichen Reichtum verwandeln wenn nicht so, daß sie diese zum Mittel kapitalistischer Geschäfte machen? Um Esso und Texaco die nötigen Sicherheiten zu geben, wären strategische B 52-Bomber im sudanesischen Wüstensand ein, gelinde gesagt, etwas umständliches Mittel.
Andersherum: Die "Sicherung", die die USA "unseren Ölquellen" angedeihen lassen, indem sie gleich die Zentren der gesamten Region zu einem gigantischen amerikanischen Militärcamp herrichten, ist auf andere "Gefahren" berechnet als die, die allenfalls von ortsansässigen Potentaten ausgehen könnten. Die immer und überall gegenwärtige mögliche Gefahr, als welche die sowjetische Macht den USA gilt, wo und wie auch immer sie auf der Welt zu Gange sind, wird da ins Visier genommen. Unter diesem höheren Gesichtspunkt ist erstens das Erdöl selbst, auf dem dieses Weltviertel schwimmt, weit mehr als ein Geschäftsartikel erster Klasse. Wenn die USA die weltweiten Tankerrouten vorsorglich mit Kriegsschiffen pflastern, als müßten demnächst Geleitzüge durch feindliche Gewässer eskortiert werden; wenn sie gleichzeitig die Wüsten mit Militärstädten und Kriegsgerät in einem Umfang vollstellen - allein Saudi-Arabien veranschlagt in seinem 5-Jahresplan bis 1985 für Rüstung 112 Milliarden Dollar -, daß sogar die für staatliche Gewalt immer sehr verständnisvolle "Süddeutsche Zeitung" sich das "Mißverhältnis von Personal und Bewaffnung" nicht mehr anders erklären kann als so, "daß die Waffenbeschaffungen im Emstfall vorausgeschicktes Material für Nato-Truppen bzw. US-Einheiten darstellen"; dann richtet die freie Welt sich offenkundig auf jenen Fall ein, in dem vom Fluß des Öls nicht mehr "bloß" ihr Reichtum, sondern sehr unmittelbar ihre Macht berührt wird: sie schützt in Arabien ihre strategische Ölreserve. Ein solcher Schutz wiederum bedeutet weit mehr als die Notwendigkeit einer ins Unermeßliche aufgeblasenen Wach- und Schließgesellschaft. Wenn schon Bastion gegen jede mögliche sowjetische Bedrohung, dann muß der Nahe Osten auch logischerweise aus- und aufgerüstet werden zu einem militärischen Nebenzentrum der freien Welt, dem zugetraut werden kann, der Wucht der Roten Armee zu widerstehen - das also seinerseits für die Sowjetunion eine Bedrohung darstellt, die diese bei all ihren Operationen in Rechnung stellen muß. Denn das ist, jenseits aller ideologischen Übertreibung des militärtaktischen Unterschieds zwischen Offensive und Defensive zum angeblichen Hauptmerkmal eines ganzen Militärapparates, der Inhalt der Sorte "Verteidigung", die der Imperialismus einer von ihm für überlebens-, also kriegswichtig deklarierten Region zukommen läßt. Nur so, so aber durchaus, macht es dann sogar einen guten Sinn, strategische Fernbomber ihren Verteidigungsauftrag in der sudanesisch-ägyptischen Wüste proben zu lassen, von wo aus sie Moskau immerhin genauso gut erreichen können wie von Nebraska aus über die Polroute. De facto, ohne daß noch groß darüber verhandelt würde, wird der Nahe Osten der Nato angegliedert - also mitten im Vorfeld der Sowjetunion, von dem nach allen strategischen Maßstäben zuallererst deren Sicherheit abhängt, ein komplettes strategisches Vorfeld des Westens aufgebaut. Sehr logischerweise, nämlich dank der Logik eines auf den weltweiten Hauptfeind hin kalkulierten Schutzes, werden die kostbaren Ölstaaten so zum Gegenstand all jener Planungen und Zurüstungen für den totalen Ernstfall, die mit notwendiger Rücksichtslosigkeit dann auch noch den Gesichtspunkt der Versorgung an dem übergeordneten Kriterium der Schädigung des Feindes relativieren.
Klar, daß dieses äußerste Kriterium imperialistischer Herrschaft bereits in Vorkriegszeiten für die zu entsprechender militärischer Verwendung vorgesehenen Staaten einen politischen Auftrag enthält, der radikalere Unterscheidungen zwischen Freund und Feind verlangt als die internationale Geschäftemacherei, die, je nachdem, auch mit einiger politischer Aufsässigkeit sehr gelassen zurechtkommen kann. Die Bereitschaft, sich als Freund der USA zu bewähren, verlangt unter diesem Gesichtspunkt sonst nichts, das eine aber unbedingt: ein loyales Militär. Dies gegeben, laufen die USA aber noch lange nicht jedem aufrüstungswilligen orientalischen Machthaber hinterher, sondern behalten sich allemal vor, auf die ihnen reichlich angetragenen Freundschaftsdienste nach ihrem Ermessen ganz unterschiedlich viel Wert zu legen. Nicht jede Staatsmacht kann auch wirklich damit rechnen, auf amerikanische Rechnung - politisch wie oft genug ökonomisch - ihrem Gewaltapparat zu einem rundherum erneuerten Glanz zu verhelfen und sich dadurch ein paar armselige, für sie aber nennenswerte außenpolitische Freiheiten gegen ihre Nachbarn herausnehmen zu können. Diejenigen allerdings, mit denen zu kalkulieren der Westen sich entschlossen hat, dürfen sich durchaus mancher alten "Erbfeindschaft" neu entsinnen und in ihrer Umgebung für die Schwächung gegnerischer Positionen und für eigene "Sicherheitsgarantien" sorgen, wie sie im Ernstfall ohnehin unerläßlich sind. Als USA-Freund darf man durchaus mit militärischen Aktivitäten in der näheren und weiteren Region angeben, vorausgesetzt nur, sie richten sich gegen die Richten, auch wenn man über Waffenhilfe für afghanische Aufständische praktisch noch nicht weit hinausgekommen ist: An so etwas bemißt sich heutzutage durchaus auch der weltpolitische Rang eines Landes.
Umgekehrt nämlich ist für "Sicherheitsrisiken" unter Vorkriegskriterien kein Platz mehr auf der Welt. Die USA leisten es sich, jeden islamischen Nationalismus, der sie stört, unter den kommunistischen Hauptfeind zu subsumieren, im Hinblick auf den sie so etwas stört; und sie tun das nicht nur, sondern demonstrieren diese neue "Weltsicht" mit Provokationen und unmißverständlichen Feindschaftserklärungen sehr nachdrücklich als die ab sofort maßgebliche. (Dem ach so differenziert denkenden Verstand europäischer Weltbeschau ist sie jedenfalls sehr rasch geläufig geworden!) Mit dem bloßen Attribut "Russenfreund" werden inzwischen die weltpolitischen Verantwortlichkeiten klargestellt, die es gar nicht zu geben braucht und die trotzdem für alle Beteiligten die wirklichen sind, weil der freie Westen so frei ist, sie seinem sowjetischen Gegner auf der einen, jedem "Störenfried" auf der anderen Seite zur Last z u legen.
Arabisch-sowjetische Bündnisse werden auf diese Weise nicht gefördert. Nicht nur die ortsansässigen "Sozialisten" und "Revolutionäre" können die Drohung entziffern, die in ihrer Ächtung als Partner der Sowjetunion enthalten ist. Auch für die Sowjetunion selbst machen die USA sich mit ihrer wiederholten Botschaft, die Präsenz sowjetischer Interessen und Macht in der Region sei allein schon ein nicht hinnehmbares Ärgernis und jegliche Betätigung ein höchst riskantes Abenteuer, in zunehmendem Maße unberechenbar - zielstrebig und mit offenkundigem Erfolg. Denn solange die Sowjetunion für ihre weltweite Sicherheitspolitik auf das - Rezept der "friedlichen Koexistenz" setzt und "Entspannung" nicht als diplomatisches Ideal einer erpresserischen Politik, sondern als ernstlich politische Notwendigkeit behandelt, so lange macht sie sich im Gebrauch ihrer Macht tatsächlich von einer gewissen Sicherheit darüber äbhängig, daß der Westen es deswegen nicht gleich wirklich "zum Äußersten" kommen lassen will. Und auch sie macht dabei - wieder einmal - die Erfahrung (auch wenn sie deren Lehren nicht wahrhaben will), daß ein richtiger Imperialismus durch die Vorsicht seines Gegners eben nicht zufriedenzustellen ist, sondern ganz im Gegenteil neue, weitergehende Ziele anpeilt. Inzwischen steht das jahre- und jahrzehntelang hingenommene Vorhandensein sowjetischer Waffen und Militärberater in zweieinhalb bis vier arabischen Staaten selbst wieder zur Debatte!
Andersherum gesagt: Um der amerikanischen Blockbildung im Vorderen Orient mit einem eigenen Block zu begegnen; um allen Staaten klarzumachen, daß es sich bloß als sowjetischer Vasall komfortabel lebt, als amerikanischer aber reichlich lebensgefährlich; um diese Lehre beispielsweise mit einem perfekten jemenitischen Luftüberfall beispielsweise auf den Assuan-Staudamm zu unterstreichen; um dem saudischen Köngishaus täglich die Nachricht zuzustellen, man hielte seine Beseitigung für längst überfällig, und der Botschaft auch schon mal Geheimdienstler folgen zu lassen; um im persischen Golf einen provokativen "Luftzwischenfall" durchzuziehen; um mit gigantischen Rüstungsexporten den Boden ganzer Staaten als ihre "strategische Reserve" mit Beschlag zu belegen und die Anwesenheit amerikanischer Manöverarmeen in der Region zu einem fast schon perfekten Kriegsgrund zu deklarieren; kurz: um sich genauso aufzuführen wie die USA - ja, dafür müßte die Sowjetunion eben auch eine imperialistische Macht sein und nicht bloß aus Angst um den eigenen Bestand um strategische Positionen kämpfen. Daß sie letzteres tut und ersteres nicht ist, macht die Welt aber auch nicht sicherer. Denn das zeigt sich im Nahen Osten ja nun wirklich in aller Deutlichkeit: Darüber, wie "sicher" und noch vorkriegsmäßig es in der Welt zugehen soll, will die freie Welt sich die souveräne Entscheidung vorbehalten. Und neben den imperialistischen Freiheiten, die sie sich nimmt, nehmen sogar die Gefahren sich matt aus, die eine besorgte demokratische Öffentlichkeit der Sowjetunion beständig andichtet.
Vgl. auch die "Klarstellungen über die Sowjetunion" in MSZ Nr. 3/81
Über den Spezialnachhilfeunterricht gegen Irak steht das Wesentliche in MSZ Nr. 4/81: "Ein amerikanischer Freund"