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MSZ 1981 Ausgabe 5
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Anfang Oktober versammelten sich in Hamburg die kritischen Mediziner zum Gesundheitstag ‚81. Kritisch, weil sie irgendwie merken, daß mit Krank- und Gesundschreiben, mit Pillen und Krankenhaus zwar immer wieder mal ein Leiden kuriert, dem "leidenden Menschen" aber nur begrenzt und zeitweise geholfen wird. Weil das Helfen aber ihr Ideal ist, mit dem sie einen stark nachgefragten und einträglichen Beruf ausüben, machen sie sich aus diesem Anspruch ein Gewissen und diskutieren im Gegensatz zur offiziellen Standesvertretung nicht über Berufsprobleme, sondern über Probleme, die sie und vor allem die Patienten mit ihrem Beruf haben. Dabei bleiben sie Mediziner, weil sie alle Probleme der Welt vom Standpunkt einer besseren, umfassenderen, prophylaktischeren und sozialeren Heilkunst diskutieren.
So stand im Vordergrund des Kongresses eine Diskussion über die Folgen des Atomkriegs für die Medizin - ein Zusammenhang, auf den man erst einmal kommen muß - worüber im vorstehenden Artikel alles Nötige gesagt ist. In den Abteilungen über kritisch-alternative Medizin arbeitete sich der Kongreß wie seine Vorgänger an der Suche nach den "eigentlichen Gründen" von Krankheit ab. Auf dieses Interesse stößt die kritische Medizin durch den Umstand, daß Patienten - vor allem solche, die in der sogenannten Welt der Arbeit zugange sind - nach kurzem mit denselben Beschwerden wieder antreten.
Dabei folgte der Gesundheitstag in einem Großteil seiner Veranstaltungen der vielgeschmähten Schulmedizin, gegen die er ja unter anderem gerichtet war, soweit, daß man ihr zubilligte, sie würde die somatischen Ursachen einer Krankheit wohl ausfindig machen und beseitigen. Da dies aber trotzdem nicht zur Verwirklichung des unmöglichen medizinischen Ideals - die "eigentlichen Ursachen" von Krankheit zu beseitigen - führt, suchten die Referenten nach außersomatischen Krankheitsursachen am Menschen.
Die Psychosomatik, den früheren und inzwischen etablierten Schlager der kritischen Medizin, hatte man in Hamburg schon im Hinterkopf, wenn man der normalen "lokalisierenden" Medizin eine "ganzheitliche" entgegensetzte. Mit einer Prüfung der falschen Behauptung, daß ein Mensch, der körperlich krank sei, wohl auch ein falsches Verhältnis zu sich, seinem Körper, seinem Selbstbild oder sozialem Umfeld haben muß, hielt man sich nicht mehr auf. Das großzügige Hinwegsehen über die sehr handfesten körperlichen Ursachen von Krankheiten war ebenso selbstverständlicher Ausgangspunkt, wie die Gewißheit, daß ein Mensch, der Sodbrennen kriegt, weil er sich aufregt, ganz bestimmt etwas falsch macht. War schon das "Regen Sie sich halt nicht so auf!" des alten Hausarztes, der diese moralische Belehrung seiner sonstigen Behandlung hinzusetzte, stets lächerlich, weil sich der Patient ja nicht zum Spaß aufregt, so macht die "ganzheitliche" Medizin diesen Übergang der naturwissenschaftlichen Heilkunde zur Moral zum eigentlichen Anliegen des Arztes. Der Kernsatz der alternativen Medizin lautet, man solle mit dem Patienten über Gesundheit reden - und sie bewußt machen; wozu sogar die Krankheit "positiv" gesehen werden kann, nämlich als Chance zur Bildung von Gesundheitsbewußtsein. Von Heilpraktikern über Anthroposophen und die Reich-Freudschen Epigonen der Lebensenergie (‚Orgon') Metaphysik haben alle Scharlatane der modernen Welt ihren Platz auf dem Gesundheitstag. Sichert diesem Zauber schon das körperliche Elend der Massen ein bleibendes Interesse in den Illustrierten, so gehen die wissenschaftlich gebildeten Medizinmänner weiter und holen Auskünfte über echte Zauberer und ihre Heilkünste ein: Neben indischer, mexikanischer und chinesischer Volksmedizin wurden auch Schamanen und ihre Kulthandlungen als mögliche Heilmethoden betrachtet - und zurecht! Geht es nämlich nicht mehr um körperliche Beseitigung eines körperlichen Defekts, dann ist noch gar nicht ausgemacht, ob nicht ein Zauber, der geglaubt wird, dreimal mehr hilft, als eine Pille, die nur Schmerzen stillt.
Für die Organisation einer solchen Medizin holte man sich Vorbilder aus englischen und italienischen Slums, wo Ärzte-Teams ihre Patienten immer möglichst eng um sich haben und so auch das "soziale Umfeld" kontrollieren, wo gemeinsame Diskussionsgruppen zur Bewältigung "der Probleme" gebildet wurden; Probleme, die der Natur der ärztlichen Absicht zufolge inzwischen schon ziemlich allgemeine geworden waren.
Mit dem Interesse an derartigen Organisationsmodellen betätigen die engagierten Mediziner ihre Kritik am Patienten, der im Unterschied zu ihnen Gesundheit ja selbst nicht absolut will. Er braucht seine Gesundheit, um sie für sich zu be- und zu vernutzen. An die ärztlichen Ratachläge hält er sich höchstens insoweit, als sie seinen Notwendigkeiten nicht im Wege stehen - und so scheitert das medizinische Hilfeideal nicht zuletzt an der "Unvernunft" dessen, dem der Arzt helfen wollte. Wenn die Leute schon die ungesunde Industriearbeit machen, dann könnten sie wenigstens vernünftig leben. Dann auch noch Rauchen und Saufen, zu wenig schlafen, zu viel esaen und dann Eiweiße statt der guten Ballaststoffe, in ihrer knappen Freizeit Fernsehen statt Sport zu treiben und frische Luft zu schöpfen - das grämt den Arzt.
Das Neueste am Markt der medizinischen Möglichkeiten ist daher die Medizin als Lebensform: Mit den Ärzten zusammen bilden die Patienten Sport- und Hobbygruppen (wegen des guten Kontakts), halten ihre Diät dank Diätclub ein (Kochkurs für die schmackhaften Rezepte ohne Salz und Fleisch wird gleich mit angeboten). Oder sie organisieren sich gleich selber als psychisch oder somatisch Kranke: Selbsthilfegruppen.
Wozu die gut sein sollen, ist den Erläuterungen der Veranstalter überhaupt nicht zu entnehmen - außer, daß es sie eben gibt und der Mensch nicht mehr so allein ist.
Wir fürchten, daß diese begeisterten Gesundheitler, die am liebsten ihr ganzes Leben und das ihrer Patienten um die körperliche und seelische Gesundheit herum organisieren möchten mit bio-dynamischer Körnerernährung, ruhigem Leben, sozialem Kleingruppen-Verstehst-mich, vor lauter Sorge um die Erhaltung der Gesundheit das aus den Augen verlieren, weswegen man für gewöhnlich einen Medizinmann aufsucht: die Beseitigung der Krankheit.