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MSZ 1981 Ausgabe 5
Stichwörter: brd |
Man will sich mal wieder um die Jugend kümmern. Parteien und Kirchen betonen, beschließen und veranstalten Diskussionen dafür, daß jeder mitbekommt, wie sehr sie sich mit den jungen Schäfchen beschäftigen und daß sie es jeweils sehr viel besser und eingehender tun als die anderen. "Wir nehmen den Friedenswillen der Jugend ernst", heißt heute die Methode demonstrativer Sorge, die darauf reagiert, daß es vor allem junge Leute sind, die in der Friedensbewegung ihre Sehnsucht nach Frieden äußern. Trotz aller Parteienkonkurrenz aber gar nicht überraschend wenden alle dasselbe uralte Prinzip an, wenn sie sich laut und vernehmlich der Jugend annehmen: Sie weisen sie zurecht und stutzen ihren Idealismus, der bekanntlich den Jungen noch zusteht, auf den staatlich verordneten Realismus zusammen.
Frieden ist eine viel zu harte Sache und kann erklärtermaßen leicht noch viel härter werden, als daß dieser Zustand vor der Vaterlandsverteidigung allein den noch idealistischen und verführbaren Köpfen und Willen der Jugend bis 30 überlassen bleiben dürfte. "Friedenssehnsucht darf nicht von falschen Propheten ausgebeutet werden", sagt der Zimmermann von der CSU, der dafür wahrlich alt genug ist, mit der gleichen Unverschämtheit, die Kollege Brandt für die SPD gleich methodisch auf den Begriff bringt: "Friedenssehnsucht in praktische Friedenspolitik umzusetzen" heißt die Aufgabe, also die unseriöse Schwärmerei junger, unerfahrener Menschen für die eigene Politik nutzbar zu machen. Dann natürlich "fühlt sich die Partei durch die Demonstration (in Bonn) in ihrem Willen bestärkt". (Nochmals Brandt.)
Er und seine anderen guten Propheten möchten "den jungen Menschen wieder Mut machen", was diese Jugendfreunde zielgerichtet "in einer Art Mobilmachung" (Stoiber) gegen die Unruhestifter von der Friedensbewegung bewältigen wollen. Man ist in der CDU sogar so frei, auf die übliche "Ohne Wenn und Aber"-Tour zu verzichten und "über die Erhaltung des Friedens in nicht vorgegebenen Denkschablonen zu diskutieren". Etwa mit der neuen Schablone, die Friedensbewegung zu spalten, weil sich in ihr "ultralinke Marxisten und Sozialisten mit überzeugten Pazifisten, Christen..." zusammentun, so daß folgendes originelle Denkmuster zustandekommt:
"Im Dialog mit wirklichen (!) Pazifisten muß deutlich werden:Wir sind gemeinsam für den Frieden.
Pazifismus ist für die CDU kein (?) Schimpfwort.
Wir streiten nicht um das Ziel, sondern um den richtigen Weg zur Sicherung von Frieden und Freiheit. ...
Mit jedem aufrechten Pazifisten teilen wir die Sehnsucht nach Frieden, Gewaltfreiheit und weniger Waffen in dieser Welt... Die Entscheidung absoluter (!) Gewaltfreiheit kann ein einzelner auf sich nehmen; er darf sie niemals anderen und der staatlichen Gemeinschaft aufzwingen." (Argumente der CDU zur aktuellen Friedensdiskussion)
Da hat es die CDU besser, sie braucht niemandem etwas aufzuzwingen, weil sie eh schon die staatliche Gemeinschaft vertritt. Eine weitere neue Schablone in der Auseinandersetzung mit der friedenswilligen Jugend ist deshalb auch sie selbst:
"Wir erkennen an; daß es über den Weg (den Frieden zu sichern) unterschiedliche Auffassungen gibt, aber wir wollen klarmachen, daß die CDU die eigentliche Partei des Friedens in der Bundesrepublik Deutschland ist: Der dreißigjährige Friede in Europa ist das Ergebnis unserer Verteidigungspolitik." (Heiner Geißler)
Hier von einem Opportunismus der C-Gruppen zu reden, wäre völlig verfehlt. Die Anerkennung des angeblich gemeinsamen Zieles ist lediglich eine Phrase, um zu den Antworten zu kommen, die sowieso gelten. Schon gewußt, daß weniger Waffen in Europa und in der NATO die Kriegsgefahr erhöhen? Die Geschichtsschreibung der C-Parteien kann dies nachweisen: indem sie alle militärischen Aktionen des Ostens aufzählt dann Schluß; indem sie eine prozentige Erhöhung der Rüstungsausgaben im Osten errechnet, gegenüber der der Westen seine Überlegenheit viel billiger haben kann (sagt die CDU natürlich nicht); indem jeder kleine Schritt der SU in der Welt als Expansion gilt, jeder imperialistische Machtanspruch des Westens wahrscheinlich Freiheit sein soll:
"Mit einseitigen Abrüstungsmaßnahmen (einseitig soll der Osten abrüsten) würden wir uns zunehmend abhängig von der expansiven Sowjetuniona und ihren Verbündeten machen. Durch einen einseitigen Verzicht auf Abschreckung nehmen wir dem Warschauer Pakt das Risiko eines Angriffs und machen einen Krieg somit wahrscheinlicher." (alle aus Argumente der CDU)
Die freche Offenheit, zu sagen woran man interessiert ist, und das ganze als Beweis auszugeben entblödet sich nicht, Chamberlain und Daladier wegen ihrer mangelnden Kriegsbereitschaft als Schuldige des Zweiten Weltkriegs hinzustellen und nach der vorherigen Aufzählung des russischen militärischen Übergewichts ein Gleichgewicht in Europa für den Frieden verantwortlich zu machen:
"Seit dem Zweiten Weltkrieg haben über 140 Kriege stattgefunden. (Wer war es denn?) Der freie Teil Europas ist von diesen Waffengängen verschont geblieben, obgleich in unserem Erdteil seit 1945 die höchste Rüstungsdichte besteht - weil hier ein wirksames Gleichgewicht herrscht."
Schon gewußt, daß sozialer Wohlstand nur über das Niedermachen der Russen zu haben ist?
"Jeder vernünftige und human denkende Mensch weiß, daß wir dringend öffentliche und private Gelder für Randgruppen in unserer Gesellschaft und die notleidenden Menschen in der Dritten Welt benötigen. Aber was nützt uns die beste Sozialpolitik, wenn die Kosaken kommen, fragte schon der bekannte liberale Politiker Friedrich Naumann vor über 80 Jahren. Dies gilt auch heute. ... Wenn wir nicht mehr bereit sind, unsere Verteidigung zu finanzieren und als Folge davon in eine politische Abhängigkeit von der Sowjetunion geraten, sind wir nicht mehr in der Lage, für eine Verbesserung der Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft und in den Entwicklungsländern zu sorgen."
Die Toten sind dann eh kein Sozialfall mehr, oder: Der beste Sozialstaat läßt sich immer noch in der Nachkriegszeit machen. Apropos Tote: Die Parole ‚Lieber rot als tot', die verrückt genug ist, weil sie diese Alternative aufmacht, anstatt sich mit dem todbringenden Staat anzulegen, erfährt von den christlichdemokratischen Realisten diese Widerlegung:
"Ist der Kommunismus wirklich eine Garantie gegen den Tod? Eine historische Untersuchung der Menschenrechtssituation in kommunistischen Regimen... kommt nach kritischer Bewertung aller Quellen zu dem Ergebnis, daß mindestens 70 Millionen Menschen das Vordringen des Kommunismus mit dem Leben bezahlen mußten."
Die Antwort der CDU auf diese saublöde Frage, wo doch schon das friedliche Wirken der Staaten Millionen Tote produziert, könnte unverfrorener nicht sein. Am besten hätten sich die Kommunisten alle selbst erschießen lassen sollen (weil für diese Untermenschen nicht einmal das freiheitliche Menschenrecht gilt, sich mit der Neutronenbombe gegen die Vergewaltigung seiner Schwester zu verteidigen). So hätte es weniger Tote gegeben, bzw. nur so viel, wie in der Statistik der CDU nicht vorkommen. Diese Propaganda verschweigt nichts:
- Das Zarenreich und seine Verbündeten, nein
"Sowjetunion: Organisierter Terror und Bürgerkrieg, die ihren Ursprung in der Oktoberrevolution hatten, forderten mehr als 14 Millionen Menschenleben."
- Der Faschismus, nein
"Deutschland: Über 2 Millionen Deutsche kamen bei der Vertreibung aus dem kommunistischen Machtbereich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs um."
- Frankreich und die USA, nein
"Indochina: Nach zuverlässigen, Schätzungen brachten die Kommunisten zwischen 1945 und 1959 900.000 Zivilisten um. Im Vietnamkrieg starben mehr als 1,5 Millionen Vietnamesen und 55.000 Amerikaner."
Fazit: "Kommunismus ist keine Lebensgarantie, weil er trifft auf so harten Widerstand, sobald er antritt, daß es für den Westen eine wahre Befriedigung ist, wenn möglichst viele von dieser Sorte ins Gras beißen, andererseits auch dem Kommunismus die "Notwendigkeit" geschuldet ist, das eigene Volk im Abwehrkampf gegen ihn zu verheizen.
zur brutalen Statistik der CDU, mit der diese der Jugend den machtvollen Frieden beibringen will, der sich offiziell gehört, weil er den Kommunismus niederhält, bleibt natürlich nicht aus. So weltfremd ist die Bibel nun auch wieder nicht. Die CDU hatte es in ihrem Strategiepapier bereits gesagt:
"Unser Verhältnis zu den Bischöfen und Kirchenpräsidenten ist heute ausgezeichnet. Aber die sogenannte Friedensbewegung betreibt ihr Geschäft nicht auf der Ebene der Kirchenleitungen, sondern in den Gemeinden..."
- und zwar so lautstark, daß der Kanzler mehrfach als Gastredner auf der Kanzel vor einer "Einmischung der Kirche in die Politik" zu warnen hatte, weil da im Rahmen christlicher Maßstäbe mal nicht die Regierungslinie vertreten wurde. Selbstverständlich, daß sich da die Kirchenleiter freiwillig in die Pflicht genommen fühlen, aus der Tiefe des Glaubens heraus nach Möglichkeiten zu suchen, "gemeinsam mit Verbänden und Parteien bei der Lösung schwieriger Fragen zusammenzuwirken". Und wenn dann die Deutsche Bischofskonferenz mitteilt, daß es "gegen die Ausflucht in gefährliche Utopien und blinde Gewalttätigkeiten den Geist der Besonnenheit braucht", so ist dies keine Einmischung in die Politik, weil jeder weiß, daß nicht die Aufrüstungspolitiker, sondern die Aufrüstungskritiker gemeint sind.
Mit "allem Geist der Liebe" und "ohne nervöse Ungeduld und panische Angst" teilt Erzbischof Höffner den Gemeindelämmern die Marschrichtung mit:
"Die katholische Kirche darf den Regierungen nicht das Recht auf Notwehr und sittlich erlaubte Verteidigung absprechen. Für die sittlich erlaubte Verteidigung bedarf der Staat der Unterstützung des Volkes und der Bereitschaft des einzelnen zum Wehrdienst."
Nicht weniger gottesfürchtig und sittlich einwandfrei tritt die moralische Aufrüstung der evangelischen Brüder auf. Wo in Hamburg ihr Oberpräsident "den lieben Bundeskanzler" gegen die unsittliche und besonders schlimme psychologische Kriegsführung der Friedensfreunde in Schutz nimmt, damit dieser die Notwendigkeit der anderen Kriegsführung erläutern kann, setzen sich in München gestrenge, aber gelehrte Herren der evangelischen Fakultät hin und verfassen ihren Friedensappell. Wir sind uns sicher, daß der Kathole Ratzinger auch unterschrieben hätte, wenn es seine Fakultät gewesen wäre. Denn jüngst erst warnte er vor dem "Mißbrauch des Friedensbegriffs". Der gemeine Christ solle vielmehr "Friedlichkeit" zeigen, also tun, was die Regierung sagt: "Mit dem Ruf nach dem äußeren Frieden wird zunehmend der innere Friede vernachlässigt". Wo kämen wir denn hin, wenn die Grenzsituation des Krieges nicht mehr als Quell religiöser Erfüllung angesehen würde. Daß der Mensch die Gefahr ist, beweisen die evangelischen Professoren mit ihrer Kriegstheologie:
"Der Christ kennt nicht nur das Gebot der Liebe, sondern auch die Macht der Sünde, den unbändigen - oft brutalen - Machtwillen" (des Kreml), "der Menschen. Dieser läßt sich nicht immer durch Liebe entwaffnen.
Es kann nicht jedem Bürger eines Staates überlassen bleiben, nach eigenem Gutdünken den notwendigen Schutz des Lebens wahrzunehmen. Christen anerkennen das Amt der Machtverwaltung als eine Notverordnung Gottes zur Eindämmung des Unrechts und zum Schutz des Lebens. Zur Sicherung des äußeren und inneren Friedens bedarf jedes Staatswesen entsprechender Machtmittel. Es darf darauf weder verzichten, noch seine Macht zur Unterdrückung der eigenen Bürger und fremder Völker mißbrauchen. Christen sind verpflichtet, dem Staat in seinem Bemühen, den Frieden zu erhalten, Dienst zu leisten. Solcher Dienst ist gleichermaßen als Dienst der Liebe, des Ausgleichs, der Förderung menschlicher Gemeinschaft wie auch als Dienst der bewaffneten Verteidigung des Rechtes und des Lebens erforderlich."
Jetzt weiß der Jesus, einfältig wie er war, was er mit seiner Bergpredigt angerichtet hat. Das hätte er wirklich wissen müssen, daß man aus seiner Bibel auch den notwendigen Kampf der göttlichen Notverordnung NATO gegen den sündigen Osten ableiten kann, wenn man sich tief christlich in das Amt der Machtverwaltung hineinversenkt, d.h. mit aller Macht der Liebe die kritische Liebe zur Macht und ihren möglichen Segnungen als Gewissensfrage immer neu erörtern und sich zu lauter positiven Antworten durchzuringen.
Ob SPD und FDP so anders mit der Jugend von heute umspringen, wie es heißt, mag der Leser selbst entscheiden. Hier nur ein paar Hinweise in die Richtung, daß diese Parteien gar nicht abseits stehen, wenn ihre Konkurrenten loslegen:
Auch sie wollen den Friedenswillen der Jugend besonders ernst nehmen.
Sie gehen sogar so weit, die Friedensbewegung als Strömung zu charakterisieren, für die nur sie eigentlich eine Antenne haben.
Sie lassen es sich nicht nehmen, klarzustellen, daß bloße Friedenssehnsucht ziemlich unrealistisch ist angesichts der Politik der Bundesregierung.
Das der Jugend einzupflanzen (und die Friedensbewegung lädt sie auch ein, weil sie tatsächlich glaubt, die SPD wolle etwas anderes als die CDU), setzen sie alle möglichen Diskussionsrunden in Gang und veranstalten Foren mit Vermittlern zwischen Realismus und Idealismus wie Eppler, Bahro...
und einem Apel, der sagt, weshalb man sich an die SPD halten soll:
"Wenn 60 Millionen Deutsche in die Idylle der Neutralität fluchten würden, müßte man befürchten, daß andere die Konflikte auf deutschem Boden austragen, die wir, wenn wir in unserer Bedeutung Politik machen, verhindern können."
Egon Bahr hat die Formel gefunden, wie er und seine Partei völlig anders als die C- und K-Gruppen von rechts ihr Problem mit der Friedensbewegung zum Wohle der SPD lösen: "Wenn mir jemand einen anderen Weg zeigt, wäre ich gern bereit, jeden besseren zu gehen." Der Krieg als die immer noch beste aller schlechten Friedensinitiativen?!
Man denke nur, die FDP hat sogar den Ihv, ihren tief in der Jugend verankerten Studentenverband, eingeladen, um zu demonstrieren, daß man die jugendliche Friedensbewegung nicht anderen Parteien überläßt, sondern selbst die Leitlinien Genschers vermitteln will. So und nur so gehört der Jugend die Welt!