MSZ 1981 Ausgabe 1
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Rudi Dutschke: "Mein langer Marsch"

DIE LEGENDE VOM GUTEN RUDI

"Lieber Rudi, es mag bombastisch klingen, dein Leben, dein Kampf, dein Tod verlangen unsere Verantwortung für das gemeinsame Ziel" (Bernd Rabehl)

Es konnte ja kaum ausbleiben, dieses Buch über Rudi Dutschke, in dem Gretchen, sowie "alte und junge Freunde" des Toten alles zusammengetragen haben, was zur Erinnerung an einen guten Menschen gehört. Auszüge aus Reden und Tagebüchern, Lebensgeschichte und Nachrufe runden das Bild eines linken Musterdeutschen ab. Weniger bombastisch als Rabehl kann man kaum ausdrücken, daß die Leichenfeier am Grabe Dutschkes einem Vorbild galt.

Heinz Brandts Wort vom "menschlichen Menschen", der "unser aller Rudi" war, kennzeichnet die Dutschke-Gemeinde als eine Vereinigung von Menschenfreunden, deren edle Gesinnung jeder Infantilität spottet, weshalb das Lob aus bekannt-unschuldigem Kindermund nicht fehlen darf:

"Ich selber glaube, da ich ja ein bißchen fromm bin daß Gott Rudi hat sterben lassen, weil es Ihm auf der Erde zu schlecht ging" (eine Ulrike, 9 Jahre),

Wenn Dutschke einem Heinz Brandt

"der lebendige Beweis bleibt (unzählige sind es schon seit dem Nazarener), daß Sozialismus geht", (Rudi als Christdemokrat!) "denkbar ist, erreichbar",

oder sich eigens für Habermas im Grab vom Saulus eines Sozialfaschisten zum Paulus eines Organisators "kommunikativ-verflüssigter Öffentlichkeit" gewandelt hat, so dient das Lob jedes Mal der Feier der eigenen fortschrittlichen Gesinnung, die in der Person dieses fast schon übermenschlichen Sozialisten fleischgeworden und von uns gegangen ist.

Menschlicher Anstand = Sozialismus

Eines kann man den Nachrufen deswegen nicht nachsagen: sie hätten sich am Sinn, dem der "Revolutionär mit der Kugel im Kopf" (noch einmal Heinz Brandt) nachgelebt ist, vergangen. Den chronologischen Lebenslauf so aufhören zu lassen:

"Rudi Dutschke starb am 24. Dez. 1979 in Aarhus/Dänemark.

Am 16. April 1980 wird Rudis Sohn Rudi-Marek Dutschke geboren",

hätte von ihm, der sein Leben als Beweis seiner lebendigen Botschaft gelebt hat, nicht besser erfunden werden können.

Diese Botschaft soll ihre Überzeugung nicht aus Gründen und Argumenten gewinnen, sondern mit der Wucht eines vorgelebten moralischen Rigorismus erschlagen, den eben so alles auszeichnet, was zu einer Moral gehört: penetrante Selbstdarstellung und ein nicht zu geringes Einverständnis mit Verhältnissen, die nach einem Moralapostel rufen.

"Sich selbst zu verändern, glaubwürdig zu werden, Menschen zu überzeugen und den verschiedensten Formen von Ausbeutung und Terror entgegenzuwirken, das mag in manchen Augenblicken ungeheuer schwer erscheinen. Und dennoch gibt es dazu keine Alternative."

Das billigste Angebot, sich ein kritisches Bewußtsein zu verschaffen, über das heute schon ein Oberschüler verfügt, noch bevor er die universitäre Ausgestaltung dieser moralischen Haltung genossen hat, soll beweisen, wie schwer es sich Dutschke gemacht hat. Wer ist denn für Ausbeutung und Terror, zumal man sich unter den "verschiedensten Formen" alles und nichts zurechlegen kann. Und erst die Alternative! Das Schielen darauf, wie leicht man sich das Leben ohne diese verantwortlichen Sprüche machen könnte, nur um zu betonen, wie ganz, ganz ernsthaft es einem damit ist!

Das zeichnet freilich den Moralpinsel Dutschke aus: diese Stellung zur Welt war ihm wirklich so ernsthaft, daß er sie zur einzigen Realität der Welt erklärt und damit Politik gemacht hat. Daß sich das Treiben der Politiker tatsächlich an so hehren Idealen wie Menschlichkeit zu messen hätte, meint ja normalerweise niemand, der diesen Vergleich anstellt. Er dient ja auch einem anderen Nachweis: Politik ist ein ziemlich unzulängliches Geschäft, das aber von einem höheren Anspruch getragen wird.

Aus der funktionalen Ergänzung der Politik, ihr einen moralischen Anspruch anzudichten, machte Rudi eine wirkliche Grundlage, die er als Politik der "Beleidigten und Erniedrigten" - dieses Lieblingswort Dutschkes ist kein mißglückter Marx, sondern ein kongenialer Dostojewski - zum Leben erweckte und in eigener Person als "aufrechten Gang" vorlebte.

Da dabei alles etwas auf den Kopf zu stehen kommt, sind Gedankenblüten folgender Art unumgänglich:

"Revolution ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer, komplizierter Prozeß, wo der Mensch anders werden muß."

Also weil nicht schnell oder irgendwas, sondern kompliziert, gibt es keine objektiven Gründe oder Schwierigkeiten. Die einzige Frage ist: Zeigen sich die Menschen der Revolution gewachsen? Es ist tatsächlich an den Menschen überhaupt gedacht, jenseits bestimmter Zwecke, die hier Proleten auf den Gedanken bringen könnten, nicht mehr auf Kapital und Staat zu setzen. So wird aus den hiesigen Verhältnissen ein einziges Angebot, "die Möglichkeit der Erfüllung eines uralten Traums der Menschheit".

"Die Menschen müssen sich dauernd ihrer selbst verunsichern" (zu viel Sicherheit am Arbeitsplatz?),

"damit sie fähig werden, alle sich neu ergebenden Mögtichkeiten - Reduktion von Arbeit, Entwicklung sinnlicher Phantasie, Abschaffung von Elend und Krieg - zu verwirklichen. Der biblische Garten Eden ist die phantastische Erfüllung des uralten Traums der Menschheit."

Auch hier gilt, daß das Angebot, das die ‚Verhältnisse machen, nur abgeholt zu werden braucht, wofür die kleine Anstrengung, sich selbst zu ändern, wohl nicht zu viel verlangt ist. Die Ausmalungen der bereits möglichen besseren Welt passen zwar wie Kraut und Rüben zusammen, demonstrieren jedoch damit um so überzeugender den pfäffischen Glauben Dutschkes ans Paradies.

Dutschke ist eben antiautoritärer Revisionist, dem an der objektiven Moral des Histomat, das Handeln der Menschen als reaktiven Nachvollzug des weltbistorischen Fortschritts von Naturgesetzen der Geschichte zu erklären und zu behandeln, ein gewisser Mangel an Menschlichem aufgestoßen ist, weshalb er ihn mit einer subjektiven Moral gleichen Kalibers ergänzt. Daß der reale Sozialismus sich einfach zum höchsten Ergebnis, zu dem es die Weltgeschichte gebracht hat, erklärt, ohne dem sozialistischen Menschen die Anstrengung abzuverlangen, sich höchst eigenständig, selbstverantwortlich und autonom den über sie waltenden Gesetzen gewachsen zu zeigen, war der Vorwurf, der den Antikommunismus Dutschkescher Prägung ausmachte.

Der Sozialismus als Angebot zur moralischen Läuterung der Menschennatur war damit auch befreit von einer dogmatischen Auffassung des menschheitlichen Fortschritts, die von Verweisen auf die Ökonomie lebte. Ausgemalt wurde der Kampf um den "aufrechten Gang" des inneren Schweinehunds mit einer Welt, deren einzige Realität höchst phantasiereiche infältige Gesetze sind, die das Gute im Menschen herausfordern.

"Es gibt nicht nur ein geschichtliches Gesetz des gegenseitigen Kampfes, sondern vielleicht auch ein geschichtliches Gesetz der gegenseitigen Hilfe und Solidarität", was er an den Delphinen bewies.

So und nicht anders hat Dutschke über den Kapitalismus geredet und dabei den reaktionärsten Ideologien recht gegeben, um vor dieser dunklen Folie zur Nachfolge des historischen Gesetzes Solidarität aufzurufen. Der Belesenheit des Moralpinsels entging dabei kein verwertbarer Spruch auch nur einer der gängigen Weltanschauungen, ebenso keine Gelegenheit, einen davon an den Mann zu bringen.

Jeden konkreten Anlaß, den er damit gleich zum Verschwinden brachte, sprach er als Aufforderung aus, sich mit so handfesten Gesetzen wie Freiheit, Demokratie, Sozialismus, Brüderlichkeit, Gattung oder auch - und der Übergang ist nahtlos - Leben und Natur eins zu machen. Daß dabei der Verstand auf der Strecke blieb, die Sätze Dutschkes sich wie das Gefasel eines in Extase geratenen Sozialphilosophen lesen und es auch sind, entspricht die Höhe der Botschaft, die zwar nichts anderes als Rechtfertigung aller praktizierten und geglaubten Maximen der laufenden Politik zum Ausgangspunkt hat, sich aber von deren Realität vollständig emanzipierte.

"Ohne Annäherung der beiden deutschen Staaten, noch viel mehr: ohne reale Annäherung der Menschen wird die Zurückgewinnung der Identität und Geschichte schier unmöglich werden."

Das nationale Wiedervereinigungsgebot, von den Politikern mit Aufrüstung und geschäftlicher Erpressung vorangetrieben, ist dem Rudi einfach zu banal. Die Ideologie von den "Brüdern und Schwestern drüben" hat es ihm angetan und wofür? Um endlich das Einssein und die irgendwo verlorengegangene Geschichte den Menschen in Ost und West wieder zu verschaffen - so verquer und dennoch eindeutig kann man ausdrücken, daß das Beste am deutschen Menschen immer noch ist, Deutscher zu sein.

Da Rudi seine "Hoffnung auf den besseren Menschen" ad personam demonstrieren und vorleben wollte, was ihm in aller Peinlichkeit gelang, machte er nicht wie viele seiner APO-Genossen den Übergang in die Welt der Wissenschaft, sondern blieb zeitlebens der politische Moralapostel, zu dem er sich berufen fühlte. Die selbst auferlegte Verpflichtung, durch das eigene Beispiel überzeugen zu wollen, daß der Mensch solidarisch und brüderlich sein kann, war diesem Charakter einiges an Charakterlosigkeit wert. Mit der eines Christus würdigen Kraft der Vergebung sprach Dutschke so seinem Attentäter den Willen, ihn zu ermorden, ab, erklärte ihn zu einem "Opfer des Systems" und bot ihm deswegen einen Platz an seiner Seite für die Revolution an.

Als die Zeitschrift "Capital", deren Name schon sagt, welche Sorte von Gelderwerb sie als einzig legitim betrachtet, Dutschke die übliche Gretchenfrage stellte, ob der SDS seine Gelder aus dem Osten bekomme, bewies er den Bibelspruch: "Habet Verständnis mit euren Feinden" - was ihm überhaupt nicht schwerfiel. Die Leser dieses Magazins werden den Hinweis, wie asketisch ein Dutschke lebt, gerührt zur Kenntnis genommen und dessen Aussage: Gelder von Augstein, ja, von der DDR - niemals! schon in ihrem Sinne gewürdigt haben. Immerhin gab es danach im SDS noch einen Streit darüber, wieso eigentlich Geld aus dem Osten dreckiger sein soll als Geld vom Spiegel.

Eine Person, die sich selbst zum Argument einer Menschheitsidee macht, kommt ohne den Nachweis, sie sei dazu auch moralisch legitimiert, nicht aus, und diese Anstrengung ist etwas anderes, als einfach die Welt nach den Kriterien des Anstands, was auch schon blöd ist, zu beurteilen. Wer käme sonst auf die Idee, ausgerechnet die Tatsache, aus der DDR zu stammen und Mitglied der Jungen Gemeinde gewesen zu sein, zum kennzeichnenden Persönlichkeitsmerkmal zu machen, es sei denn, es ginge ihm um die Demonstration der eigenen Glaubwürdigkeit. Für den "Abhauer-Rudi", wie er sich selbst bezeichnete, war der Grenzwechsel der Nachweis, "jenseits und über den Systemen" zu stehen, und aus dieser Warte gelangen ihm Urteile, deren kritischer Charakter der Phantasie alles erlaubt, weil nichts mehr benannt wird:

"In der DDR ist alles real, bloß nicht der Sozialismus; in der BRD ist alles real, bloß nicht ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit'."

Die Verhältnisse - eine Beleidigung des guten Menschen

Rudi Dutschke war ein Radikaler in Menschheitsfragen. Weil er die Welt in Gut und Böse einteilte, entdeckte er das Heil auch in jenem: Um die Antwort zu geben:

"Durch Atomkraftwerke und Atombomben werden wir weder den Frieden, noch das ‚Licht der Freiheit' erreichen",

muß man das Gegenteil erst einmal in Erwägung gezogen haben. Für was diese Dinger taugen, war ihm offensichtlich kein Problem, da er selbst an ihnen "die Menschheitsfrage stellen" wollte, um sie in diesem Fall abschlägig zu entscheiden. Diesem Anspruch gemäß war die radikale Gegnerschaft: Alle "Verhältnisse", die ihrem und dem eigens für sie erfundenem Ideal nicht entsprachen, waren als Beleidigung ihres höheren Zwecks zu bekämpfen.

Die Kritik der APO an den Parteien, sie hätten sich als anonymer Apparat von den Bürgern entfremdet, führte bei Dutschke nicht zur Bereicherung der Wissenschaft um die Manipulationstheorie, sondern zum Aufruf, im Namen der beleidigten "Solidarität und Selbsttätigkeit der Massen" aktiv und "konkret" zu werden, seien doch Staat und Gesellschaft unfähig, etwas zur Utopie des Menschen beizutragen. Die Formulierung der Vorwürfe läßt sich leicht mit durchaus gängigen und von Politikern und Journalisten gepflegten Vorurteilen verwechseln was sie davon unterscheidet, ist der Anspruch, mit dem sie gestellt werden: Die Politik hat für den Menschen da zu sein, basta!

So beklagt Dutschke

"die Unfähigkeit der Parteien, das, was sie als Politik bezeichnen, als etwas herauszuarbeiten, was die Menschen betrifft. Warum sind die Wahlversammlungen so langweilig? Warum gibt es Wahlen, die sich in nichts unterscheiden von stalinistischen Parteitagswahlen? Warum ist da etwas da in den Wahlen, was eigentlich nur bedeutet: Na, ja, man geht halt an diesem Tag hin."

Daß nichts für sein edeldemokratisches Gemüt abfällt, reicht ihm doch tatsächlich, mit dem Zauber bürgerlicher Politik auch durch Straßenaktionen aufräumen zu wollen.

Die Politik muß eben zur Identität mit dem Menschen gezwungen werden, was auch an den Politikern zu studieren ist, die von der Politik zu Opfern der Entfremdung gemacht werden:

"Wir haben einen Punkt der gesellschaftlichen Entwicklung erreicht, wo man einen Menschen nicht mehr hassen kann. Ich kann nicht einmal Strauß und Kiesinger hassen, sie sind bürokratische Chraktermasken..."

Als gäbe es keine Giünde zur Gegnerschaft gegen die Taten von Politikern, sondern nur menschliche Gefühle in einem Bereich, wo der normale Mensch als Steuerzahler, Arbeitsvolk und gegebenenfalls als Kriegsvieh gefordert wird.

Um das Unmenschliche aus dem Glauben an den Menschen heraus anzuprangern, brauchte es außer der Fiktion persönlicher Betroffenheit überhaupt nichts. Der "Marxist" Dutschke kam über Erkenntnisse zur Ökonomie wie

"Bewußtlosigkeit - das hat etwas mit der Länge der Arbeitszeit zu tun" (wahrscheinlich: lang - langweilig - entfremdet)

nicht hinaus. Warum hätte er auch sollen?

Schließlich war ihm jeder moralische Ärger über die Welt, zu dem sich genügend Anlässe einstellten - und dogmatisch hauptseitig nur auf dem Kalauer der Klassengesellschaft herumzureiten, war nicht Dutschkes Sache - Auftakt, die eigene Betroffenheit herauszuarbeiten. Selbst noch das Bemerken der offensichtlichen Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern der US-Bomben in Vietnam, genommen als Anlaß für das politische feeling, vermochte Rudi zum Beleg dafür zu machen, wie ernsthaft es ihm um die eigene Emanzipation ging.

"Wir sind hier auf einer Konferenz, auf der eine solidarische Auseinandersetzung notwendig ist, zu der jeder bereit sein sollte. Wir haben hier keine psycho-physische Show, um uns in Stimmung zu bringen, sondern große wichtige Auseinandersetzungen, die sehr ernsthaft geführt werden müssen, weil sie schwierig sind, weil sie gefährlich (!) sind und weil sie notwendig sind zu unserer eigenen Emanzipation. Damit spielt man nicht rum, sondern damit arbeitet man ernsthaft."

Als Methodiker der Studentenbewegung, der den Bewegten ständig ihren Platz in der Geschichte zuwies und sie auf ihre "historisch offene Chance" hinwies, gleichsam die Moral von der Geschichte in actu mitschrieb, wirkte er innerhalb des SDS "antiautoritär" gegen jeden "Dogmatismus", machte sich um die Hinaussäuberung "stalinistischer" Elemente verdient und ließ keine Gelegenheit zum "herrschaftsfreien Dialog" mit Menschen, sprich Politikern und Journalisten, guten Willens ungenützt verstreichen. Mit seiner prophetischen Person abwechselnd im Fernsehen und im "Spiegel" mahnte er vor einer "Personalisierung" und rettete diese Funktion seiner immer aufrecht gehenden, engagierten Persönlichkeit auch in die siebziger Jahre hinein, wo es keine "Bewegung" mehr gab und ihr ehemaliger"Führer" nicht zuletzt deshalb zu einer allgemein anerkannten Figur des öffentlichen Lebens wurde, dem selbst die ärgsten Feinde von damals die "moralische Integrität" bescheinigten.

Daß die Studentenbewegung neben Gründern diverser Parteien der Arbeiterklasse und Menschen, die die Wissenschaft um das Prinzip der Demokratie belebten, auch diesen Moralphilister hervorgebracht hat, war nur konsequent. Ebenso konsequent war auch die Einschätzung dieser Person im SDS: das moralische Gewissen, das man sich selbst zuschrieb, wurde in Dutschke geachtet und das ging bestens einher mit Urteilen, der Rudi sei ein rechter Spinner. Um das Nachleben dieses Vorbilds war es schon zu seinen Lebzeiten schlecht bestellt: bei den Grünen wurde er als lebendige Verkörperung seiner Legende gefeiert oder geduldet.

Und nach seinem Tod? Sich das Leben der Menschen und die Politik psychologisch zurechtzulegen, ist bei Intellektuellen längst durchgesetzt - ohne daß irgendjemand deswegen das darin liegende Einverständnis mit Staat und Politikern unter solchen einzigartigen Anspruch stellen müßte, den Dutschke ihm gegeben hat. Wer will seinen aufgeklärten Antikommunismus schon allen Ernstes auf die exotische Vorstellung von Asiaten auf dem Zarenthron im Kreml gründen und wer seinen modemen Nationalismus als Recht auf menschliche Emanzipation jenseits von Ost und West ins Feld führen?


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