MSZ 1980 Ausgabe 4
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Peter Scholl-Latour, Der Tod im Reisfeld

30 JAHRE KRIEG IN INDOCHINA - GENOSSEN VON PETER SCHOLL-LATOUR

"Die Schatten Indochinas ließen mich an diesem Tag nicht los... Unterhaltungssendung des Fernsehens... Plötzlich kündigte der Showmaster eine Überraschung an. Hinter dem Vorhang der Fernsehbühne kam ein Chor vietnamesischer Kinder zum Vorschein... Auch ohne Ethnologe zu sein, sah man den Kindern an, daß sie überwiegend der chinesischen Hoa-Rasse angehörten... Ein blonder deutscher Dirigent war leutselig vor den Chor getreten, hob die Hand und die vietnamesischen Kinder begannen zu singen: ‚Ein Jäger aus Kurpfalz, der reitet durch den grünen Wald...' Die asiatischen Stimmen klangen ein wenig schrill, aber das Lied kam einwandfrei. Auf den Lippen der Mädchen im Ao Dai strahlte das konfuzianische Lächeln der Wohlerzogenheit. Aber in den schmren Augen, auf die die elektronische Kamera zufuhr, glaubte ich auf einmal, eine große Scheu und Traurigkeit zu entdecken, als dächten die Kinder von Saigon-Cholon an die warmen Abende, die geschäftigen Straßen, die feierliche Reisebene und an das wohlgefügte Sippenleben der Heimat. ‚Ein Jäger aus Kurpfalz...' hob der Refrain wieder an, und das deutsche Publikum sang mit. In Hanoi und Ho Tschi Minh-Stadt werden andere Lieder gesungen."

Gerät ein normaler Mensch auf einem fremden Kontinent in 30 Jahre Krieg hinein, dann wird er wohl versuchen, so schnell es geht, sich abzusetzen; oder es drängt ihn, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Nicht so Scholl-Latour, der journalistische Kriegsgewinnler par excellence.

30 Jahre begafft er die Metzeleien in Indochina, reist den Fronten und Massengräbem hinterher und notiert sich im Tagebuch seine Gefühlsbefindlichkeiten, die er nunmehr auf 380 Seiten als die ‚Faszination' breitgewalzt hat, die ihm dieses Land angetan haben soll.

Willkommener Anlaß zur Exhibition Scholl-Latour'scher Sensibilität - ein Kriegsgefangenenlager in China:

"Dieser Anblick stimmte mich nachdenklich und melancholisch. Zum dritten Mal in meinem Leben" (ein einmaliger Rekord) "begegnete ich nun unter völlig verschiedenen Umständen vietnamesischen Kriegsgefangenen. Die Tragödie dieses Landes ließ mich seit dreißig Jahren nicht mehr los... Die biederen, breiten Bauerngesichter hatten sichi erhellt, und plötzlich glaubte ich sie wiederzuerkennen. Sie waren vom gleichen Schlag, wie jene braven Bo Doi, mit denen wir im Sommer 1973 so manchen Abend im Dschungel nördlich von Saigon zusammengesessen hatten. Ich empfand für die gefangenen Vietnamesen eine tiefe Sympathie. Diese Soldaten - obwohl ich stets auf der Gegenseite gestanden hatte - waren meine Gefährten seit dreißig Jahren."

Verdient haben sich die Bo Doi die parasitäre Gefährtenschaft durch Scholl-Laturs "schöne Seele", die ein paar Kontinente während der Entkolonialisierung abgegrast hat, aber erst in Indochina voll auf ihre Kosten gekommen ist. Während die letzte Schlacht um Saigon im Gange ist, sitzt Scholl-Latur im Flugzeug und - philosophiert, über sich selbst:

"Warum überkommt mich nur dieses überstarke Gefühl einer persönlichen Trennung? Ich war einst fünf Jahre lang Korrespondent in Afrika gewesen und hatte das Abenteuer (!) der Entkolonialisierung am Kongo wie einen Schock erlebt. Aber den Schwarzen Erdteil habe ich mit einem Empfinden der Erleichterung und des Überdrusses verlassen. Eine lange Zeitspanne hatte ich der Berichterstattung über den arabischen Raum gewidmet und mich im libanesischen Gebirge mühselig in Sprache und Religion des Orients vertieft. Doch (!) dort hatte ich mich auf kulturell verwandtem Boden bewegt. Der einzigartige, fast schmerzliche Reiz Vietnams lag wohl in der widerspruchsvollen Kombination von spröder Unnahbarkeit und verführerischer, lasziver Erotik, in einer femininen Rätselhaftigkeit. Außenstehende haben oft gemeint, die quasi-koloniale Situation, in der wir uns befanden, hätte das Leben der Weißen im Fernen Osten mit solchen Privilegien und solchem Komfort ausgestattet, daß wir nur mit Nostalgie daran zurückdenken konnten. In Wirklichkeit" (man vergleiche nur die gesammelten Stellen über "Cognac-Soda auf der Terrasse des Hotels Continental", "das vorzügliche chinesische Menu in der Residenz im Stil einer weißen Spielzeugburg", als Bedienung "ein bildschönes Yao-Mädchen", "der kurze schwarze Faltenrock, der den kräftigen Schenkel freigab", das ungezwungene "Bankett mit Johnson und Marcos in Manila", den "Swimmingpool des Cercle Sportif in Saigon", die "exzellenten badischen Weine des Herrn von Biberstein", "bei den ostdeutschen Radeberger Bier", "Pfeffersteaks in den letzten Tagen von Saigon, wegen der Zeitknappheit stets bleu oder saignant", im "rotlackierten Separe eines Kanton-Restaurants südchinesische Spezialitäten", "Cocktails im Roten Laos", "Eva, der begehrteste Party-Gast in Vientiane und gewinnt jedes Tennisturnier im Australischen Club" und zum Abschluß noch "Rheinwein und Taittinger-Champagner" mit Sihanuk, in Wirklichkeit also:) "lag die Faszination dieser Weltgegend im schwerelosen Lebensstil" (in gewissen Provinzen Nordvietnams pro Quadratmeter ca. drei amerikanische Bomben), "in der oft makellosen Schönheit ihrer Menschen" (Napalm macht nichts). "Der kultivierte Europäer mußte sich daneben fast barbarisch vorkommen." (Es sei denn, er schreibt ein ebenso kultiviertes Scheißbuch darüber.)

"Der Alkohol, dem wir seit dem Abflug reichlich zugesprochen haben, beginnt zu wirken. Der französische Teepflanzer neben mir" (ein alter ego Scholl-Latours) "spricht von Vietnam wie von einer Geliebten, die sich ihm entzieht, die widerstrebend die Gelübde eines neuen strengen ordens auf sich nimmt; selbst im Falle einer Rückkehr würde er sie nur durch die Gitter des Klosters wiedersehen und unter dem Schleier nicht mehr erkennen. Auch ich spüre, daß ich nicht nur von meinen Jugenderinnerungen Abschied nehme, sondern von einem gewissen Lebensstil (!) meiner Mannesjahre. Vielleicht koste ich diesen Abschied von dreißig Jahren Vietnam zu sentimental aus." (Aber nicht doch) "Was ist schon Erinnerung, und was ist Einbildung? Hiroshima mon amour heißt der paradoxe Titel eines schönen französischen Films. Wieviel treffender hieße es doch: Indochina mon amour."

Diese gekonnte Demonstration von feinsinniger Lebensart, von Kennertum kolonialer Annehmlichkeiten und Eigenarten und von Pseudogefühlen - wahnsinnig "erotisch " diese 330000 Quadratkilometer mit dem Titel Vietnam! -, die sich für 32 DM so gut verkauft, daß sie seit Monaten die Sach(!)-Buch-Liste im Spiegel anführt, belegt damit nicht nur das Niveau des Autors, sondern ebenso das seines Publikums, das sich die geschmäcklerische Zubereitung von 30 Jahren Krieg in einer trostlosen Weltgegend, gemixt mit Scholl-Latour'schem Voyeurismus, faden Seelenergüssen, 2 bis 4 Literaturanspielungen, 4 bis 6 haarsträubenden historischen Exkursen und ganz, ganz viel "Erlebnis" als Mitteilungen (nicht einmal dieses Wort läßt sich mit gutem Gewissen verwenden) über einen fernen Erdteil zu Gemüte führt.

"Der Autor bietet eine Reportage höchsten Ranges..." (Klappentext)

Vietnam, wie andere Länder, die das Pech haben, Kriegsschauplatz des Imperialismus sein zu dürfen, ernährt einen Berufsstand, den Auslandskorrespondenten. Um sich zu erklären, was der Imperialismus jeweils dort betreibt, braucht man nicht an Ort und Stelle herumzuschnüffeln. Was diese Spezies von Berichterstattern leistet, ist, neben der vor Ort und deshalb absolut "glaubwürdig" vorgetragenen Sichtweise des Imperialismus die Ausleuchtung der Hintergründe, die Aufklärung über die Rätselhaftigkeit der dort gerade ansässigen Rasse, wenn sie, wie die seltsamen Asiaten in Indochina, die ihnen vom Westen zugedachte Form der Entkolonialisierung einfach nicht anerkennen und auf zivilisierte Weise ertragen wollen. "Kenner von Land und Leuten" sind in diesem Beruf gefragt, also Parteigänger der westlichen Welt, die die Exekution von deren Zwecken an fremden Völkern begutachten und die wenig rätselhaften Resultate mit dem eigenartigen und zuweilen völlig unbegreiflichen Naturell des betroffenen Menschenschlags verunklären.

Scholl-Latour ist eine Spitzenkraft in diesem Gewerbe - er gibt sich mit gängigen Vorurteilen nie zufrieden, sondern bereitet sie mit kulturhistorischen, ethnologischen und dichterischen Assoziationen so auf, daß der Konflikt ganz aus der Sphäre der Politik in die höhere von Schicksal und Tragik erhoben wird und Scholl-Latour aber auch in jeder Zeile als das garantiert originelle und ganz unabhängig leidende und genießende Geistessubjekt durchscheint.

Die ersten "Kenntnisse" verschaffte er sich als französischer Fremdenlegionär, wohnte die restlichen der 30 Jahre dem Kriegführen anderer Staaten und Soldaten bei und legte sich unterdessen, in schamloser Ausnützung eines der Weltpolitik folgenden bürgerlichen Interesses an diesen Gegenden, die - das ordinäre Auslandskorrespondententum weit übersteigende - Pose des Liebhabers von ganz Vietnam zu, Laos und Kambodscha gleich auch noch und bei Bedarf China, Thailand, Siam usf. usf. Die Könnerschaft dieses Exemplars von Auslandskorrespondent besteht in dem simplen Trick, das Elend von 30 Jahren Krieg, das die dort anbässigen Menschen haben über sich ergehen lassen müssen, auf sich, Scholl-Latour, zu bezieben und alles im Medium seiner "tragischen" Leidenschaft zu diesem Stück Erdteil, also im Medium einer "kultivierten Persönlichkeit" als "kultivierten" höheren Schmerz samt den ebenso "kultivierten" Versatzstücken westlicher Philosophie und politischer Weisheiten schön lauwarm durchgekaut wieder von sich zu geben.

Der Erfolg seines Machwerks beruht auf dieser Umkehrung: Als mitleidender Liebhaber Grönlands z.B. ließe sich auf dem deutschen Buchmarkt kein Stich machen, und auch die zur Zeit in der Sahel-Zone verhungernden Negervölker wären dafür schlecht geeignet. In Indochina hat schließlich der westliche Imperialismus 30 Jahre Krieg inszeniert und für die demokratische Bewältigung des vordergründigen Widerspruchs von Menschenrechtsidealen und Napalmbomben liefert eine westliche Seele von Mensch wie Scholl-Latour mit der dazu erforderlichen Dummheit die passenden Bonmots und Tiefsinnereien, um sich gebildet und genüßlich ein Menschheitsdrama vorführen zu lassen, von dem man genügend Abstand hat, um sich nicht betroffen zu fühlen, und andererseits genügend Interesse, um sich die gar nicht vorhandene Betroffenheit in schöngeistiger Form vorführen zu lassen. Das sichert der Scholl-Latour'schen "empfindsamen Reise" das zahlungsfähige Interesse des gebildeten deutschen Publikums.

Garant des "Erlebnisses" ist also die "Persönlichkeit", die ihre erbärmliche Phantasie von 30 Jahren Krieg zu 380 Seiten Literatur hat anschwellen lassen - "es fehlte (Gottseidank!) nicht an ergreifenden Szenen in Hanoi" -, auf denen der Leser in stereotyper Abwechslung über Jeeps, Geschützfeuer, Drinks auf den Hotelterassen, Nutten, Tote, Politiker, Landschaften, Journalisten, Rassen, Dschungel, Jeeps, Geschützfeuer, Drinks, Nutten, Tote, Politiker usf. usf. informiert wird, unterbrochen nur von der ebenso stereotypen Behauptung der einzigartigen "Faszination", die davon ausgehen soll.

"...gesättigt mit Farben, Gerüchen und Tönen..."

Seine "Farbigkeit" erhält das Werk

erstens durch die Menschen, die durchschnittlich alle 6 Seiten auftreten, alle nach dem Muster, Name, körperliche Merkmale, Charakter, Beruf:

- "der Pilot der JU 52 war ein kaffeebrauner Antillenfranzose von Martinique. Er strömte Heiterkeit und Selbstbewußtsein aus... er lebte mit einer swhr eigenwilligen Chinesin zusammen... durch die Seitenschlitze, die fast zur Hüfte reichten, waren lange schlanke Beine zu erkennen. Sie hatte einen edlen, elfenbeinernen Teint, neben dem das sonnenverbrannte Gesicht des Administrators tatsächlich wie eine rote Rübe wirkte... Ein hagerer französischer Hauptmann aus der Gascogne... er sprach mit einem rauhen Pyrenäenakzent und war stets zum Scherzen aufgelegt... Seine riesige Nase... Die mandeläugige Marianne war einmal bei den Klosterfrauen von Nam Dinh ins Pensionat gegangen. Das merkte man ihr heute noch an... Der Captain war ein gutaussehender sympathischer Neger. Er kommandierte eine fast ausschließlich weiße Kompanie und seine Autorität war unbestritten. ... Ian Manoch war ein rothaariger Hüne, der in der feuchten Tropenhitze unter seiner Korpulenz litt. Ein chinesisches Amulett verschwand im klebrig-gelben Pelz seiner Brusthaare... Der Franzose Jean-Louis genoß das Abenteuer mit der seiner Nation eigenen intellektuellen Neugier. Nur gelegentlich zwirbelte er sorgenvoll an dem gewaltigen Gardeschnurrbart, den er sich in Erinnerung an seine Korrespondentenzeit in Delhi nach britischer Kolonialmanier hatte wachsen lassen" usf. usf.

Zweitens durch die nicht minder farbigen Rassen, die es im Unterschied zu ihren obigen, europäischen Kollegen nur äußerst selten zur Individualität im Scholl-Latour'schen Sinn bringen:

"Sie trugen das weiße enge Mieder, das sie als sogenannte ‚weiße' Thai auswies; es gab auch rote und schwarze Thai... Die dunkelhäutigen Khmer-Mädchen mit dem leicht gelockten Haar unterschieden sich von ihren vietnamesischen Schwestern durch ein animalisches Naturell und durch fröhliche Wildheit... diese kupferhäutigen Menschen mit den kaum geschlitzten Augen, die angeblich der polynesischen Rasse zuzuordnen waren, wurden als Moi, das heißt als Wilde bezeichnet... Im Jahr 1946 hatte ich die Moi im Umkreis von Dalat noch nackt, nur mit einem Lendenschurz angetan, durch die Wälder streifen sehen. Jetzt trugen die meisten Männer grünes amerikanisches Drillichzeug und die Frauen versteckten ihre wohlgeformten Brüste. Dem Europäer gegenüber waren diese einfachen Menschen von herzlicher Zutraulichkeit. ... Das Grundelement dieser Rasse ist hart und spröde. Im Gegensatz zu den triebhaften und heiter-undifferenzierten Siamesinnen ist die Vietnamerin ähnlich zerebral wie die Chinesin... Der Mann faszinierte uns. Er war ein asiatischer Albino mit schneeweißem Haar und bleicher Haut..."

Drittens durch die Farben und sinnigen Landschaftsstimmungsbilder, nach dem Muster

"Als ich aufwachte, färbte die frühe Sonne das Wasser der Reisfelder blutrot. Die Berge rings um das Delta waren in violette Nebel gehüllt. Das satte Grün der Bananenstauden wirkte beinahe schwarz. Der Sergeant Kalifa zeigte mir durch das Fernglas ein paar dunkle Punkte: der Vietminh...

Das frische Tuch, das ihm die Krankenschwester reichte, färbte sich mit Blut. Bald klammerten wir uns alle an die Reling, ließen uns den schwülen Sturm ins Gericht blasen und erbrachen uns in die tiefschwarze Nacht..."

die

viertens ihren eigenen kulturellen Wert haben

"die weißen Mieder leuchteten lang aus dem Grün wie Rilkes "Cornet" gesagt haben würde" (und so schööön wie Rillte ist Scholl-Latour dem ääächten Leben auf der Spur: "Die Weise von Liebe und Tod" hieß es im "Comet"; in diesem verpfuschten Kolonialkriep ist von Blut und Sperma die Rede,")

und

fünftens ihre bleischwere Symbolik: Was taten die Wolken als Scholl-Latour der Gedanke kam -

"Wer ahnte damals schon, daß in diesen Reisfeldern der Keim auch zur algerischen Revolution gelegt würde, In Indochina holten sich die Maghrebiner den Virus des Nationalismus.": Sie "hingen schwer vom bleigrauen Himmel"!

Was tun und wie riechen die Büffel, als Scholl-Latour vorausahnt, daß eine Ami Patrouille hops gehen wird:

"Beiderseits der glitschigen Lateritstraße verwesen drei Büffel, die in eine Granatwerfersalve geraten sind und verbreiten süßlichen Gestank."

"...so geordnet, daß sich Zusammenhänge, Durchblicke, Einsichten wie von selbst ergeben..."

"In einem Beruf, der durch eine Vielzahl von Wichtigtuern, Halbgebildeten und Trunkenbolden gestraft ist",

will ein Scholl-Latour natürlich keine Ausnahme bilden, weshalb er sich in der von ihm entdeckten Marktlücke des gehobenen Reise- und Stimmungsberichts nicht ohne die entsprechenden Elemente von Wichtigtuerei und Halbbildung breitmacht. Den nötigen Tiefgang erhält seine Anwendung des Farbenspektrums auf Hinterindien durch 2 Methoden. Die erste sind kontinuierlich einge streute Bemerkungen der Art "wer konnte damals ahnen, daß...", womit er ohne allzu großen intellektuellen Aufwand dem Leser die Vorstellung eines damals nur dräuenden und gerade darum so unendlich übermächtigen Schicksals unter die Haut jagt. Dasselbe, nur umgekehrt, macht sich noch eindrucksvoller, wenn nämlich Scholl-Latour, vollgetankt mit Bildung, behauptet, immer schon mit tiefen Ahnungen schwanger gegangen zu sein:

"Schon als ich dieses Buch vor vielen Jahren zum erstenmal las, erschien mir die Geschichte zutiefst symbolisch, Greene hatte den Ablauf der Ereignisse in Indochina vorausgeahnt, Phuong stand für Vietnam, der frankophile alternde Engländer für die französische Kolonialmacht, und der junge, naive, bedenkenlose Pyle erschien mir wie die illusionslose Ankündigung der amerikanischen Invasion."

Wahnsinn!

"Mandelauge", "sourire Khmer", "Tiger" und "Drache"

Die zweite Methode besteht in der ausgiebigen Anwendung des Scholl-Latour'schen Rassenblicks. Locker in das Menschen-Länder-Kriege-Karussell eingeflochtene Hinweise der Art,

"Sehr bald stellte sich heraus, daß in Vietnam die härteste Kriegerrasse Asiens lebte und daß die Nacht ihr eigentliches Element war..."

"Die Vietnaesen sind Opfer ihrer eigenen Hybris. Vor allem darf man die Ausdauer, die grenzenlose Geduld des Reichs der Mitte nicht unterschätzen... Die Südostasiaten spürten instinktiv, daß der chinesische Drache dem vietnaesischen Tiger am Ende überlegen war..."

bilden die gesamten und umfassenden Lehren, die ein Scholl-Latour aus 30 Jahren Bereisung der Kriegsschauplätze gezogen hat. Kein Gedanke daran, daß die in den USA ansässigen Chinesen selten Großmachtambitionen an den Tag legen, daß die mittlerweile nach Europa verfrachteten Vietnamesen genausowenig ihrem "Kriegerrassen"naturell auf nächtlichen Straßen nachgehen, daß es also die Rasse wohl kaum sein kann, die die Aktionen der Staaten erklärt. Mit seiner wohlfeilen Pseudocharakterologie - ein Blick genügt und Scholl-Latour hat den rassischen Typus samt der politischen Deutung im Griff:

"Der Minister wirkte kein bißchen laotisch. Ich suchte vergeblich, seinen rassischen Typus zu situieren. Ein Kha war er bestimmt auch nicht... plötzlich fiel mir ein: Der Großvater dieses laotischen Revolutionärs war ein am Mekong lebender Korse gewesen. Daher stammte vielleicht sein Ressentiment gegen die anmaßenden Fremdherren von einst..." -

lüften sich schlagartig alle Geheimnisse von 30 Jahren Krieg.

"Über den versunkenen Kultstätten Kambodschas strahlte auf steinernen Lippen le sourire Khmer, ein entrücktes, rätselhaftes Lächeln, weltabgewandt und grausam... Pol Pot, Pol Pot... Eine neue Erobererrasse aus dem Norden... stammten aus dem heutigen China, drängten wie ein unwiderstehlicher Ameisenzug nach Süden und hatten bereits von Tonking und Annam Besitz ergriffen. Sie waren die Ahnen der Vietnamesen... Im Jahr 938 war es ein Herrscher der Tang-Dynastie, der Vietnam dem Reich der Mitte einverleiben wollte und an dieser Stelle von dem Volkshelden Neo Qyuen geschlagen wurde..."

Die angebliche Niederlage des Westens verdankt sich glasklar dem Mangel am Scholl-Latour'schen Rassenscharfblick:

"Daß hier ein asiatischer Konflikt ausgetragen wurde, dessen Spielregeln in keiner Weise in die Schablonen westlicher Hast und efficiency paßten, kam den US-Experten nicht in den Sinn."

Daher die nach Latours Vietnamesenvolksmaßstäben betrachtet einfach unmögliche Auswahl der Führungsmannschaft durch die Amis:

1. "Am Ende fiel die Wahl des amerikanischen Botschafters auf den rundlichen General Khanh, dessen Ziegenbart große Heiterkeit auslöste. Khanh war der Sohn eines Schauspielers und damit Angehöriger eines in Vietnam gering geachteten Standes. Für die USA war ein allzu bequemer, völlig unzulänglicher Verbündeter in dieser extremen Krisensituation..."

2. "Ky... ein monumentaler Fehlgriff. Mit seinem öligen Haar, dem Menjou-Bärtchen und der eingedrückten Nase wirkte Ky wie ein Gigolo... war für asiatische Augen keine Respektsperson. Nach einer gescheiterten Ehe mit einer Französin... Stewardeß geheiratet... seinen Ruf als Playboy bestätigt..."

3. "Thieu ein Mann des Volkes, aber Ausstrahlung auf das Volk besitzt er nicht..."

Summa summarum:

"Es war wohl nicht leicht für die unkomplizierten Riesen aus den USA, mit diesen listigen Zwergen zurechtzukommen..."

Mit den folgenden Kriegen zwischen Vietnam und Kambodscha, China und Vietnam ist der Scholl-Latour'sche Rassen- und Religionskulturvolkscharakterschwachsinn natürlich erst recht auf Touren gekommen und seit der sogenannten islamischen Revolution überschlägt er sich mit der Konstruktion von Khomeini-Darius-Zarathustra-Linien, und der Ferne Osten bekommt gleich auch noch eine neue Rassen- und Religionsschranke aufgebrummt:

"...die chinerischen Kommunisten kamen nicht an der Feststellung vorbei, daß die gesellschaftsverändernde Gewalt des Marxismus sich am Beharrungsvermögen und am erneuerten Sendungsbewußtsein der Religion des Propheten Mohammed stieß und von ihr in Schach gehalten wurde."

"...jene zugleich faßliche wie tiefgründige Art" (Spiegel)

Die durch und durch zivilisierte Geistigkeit, die gerade an den Kriegsmetboden die feinen Unterschiede zwischen ‚civilisation' und ‚Yankeetum' entdeckt -

"Der Kriegsstil der Amerikaner ist ein ganz anderer... Eine demoralisierte Armee macht sich hier aus dem Staub... Im Durchschnitt hat allenfalls einer von zwanzig US-Soldaten tatsächlich Feindberührung gehabt. Stets besaß die US-Army die erdrückende materielle Überlegenheit. Wie verzweifelt waren dagegen die Kampfbedineungen der Franzosen während ihres Indochina-Kriegs gewesen..." -

und andererseits im Kommunismus den barbarischen Zerstörer bunten, kolonialen Volkslebens ausmacht -

"Die ersten spärlichen Lichter gingen an und spiegelten sich im nassen Pflaster der Rue Catinat. So hatte die elegante Geschäftsstraße von Saigon geheißen, ehe sie unter dem Namen ‚Tu-Do' ‚Straße der Unabhängigkeit', zum Bar- und Bordellviertel der Amerikaner wurde. Jetzt war sie von den roten Siegern aus dem Norden in ‚Straße der Volkserhebung', in ‚Dhong-Khoi' umgetauft worden... Die Bars und Lasterhöhlen waren samt und sonders geschlossen. Die Geschäftsleute bereiteten sich resiegniert auf die Verstaatlichung auch des Kleinhandels vor... Die Rikschas warteten vergeblich auf Kunden..- Die Ao Dai-Tracht, jenes bunte Schmetterlingskleid der Vietnamesinnen, die züchtig und verführerisch zugleich, jeden Besucher Indochinas entzückt hatte, war aus dem Straßenbild verschwunden..." -,

entspricht also genau dem aufgeklärten Bewußtsein, das nicht nach politischer Moral, sondern nach einer interessanten Deutung verlangt, die für den politisch Interessierten gerade aus den imperialistischen Brutalitäten einen Kulturgenuß macht.

Scholl-Latour, der Held

Der Glücksfall seines Lebens, die 30 Jahre Krieg, haben Scholl-Latour einen absoluten Höhepunkt gegönnt: "In Eile wollte ich vor diesen Emblemen der vietnamesischen Revolution einen On-Kommentar, einen Lagebericht sprechen. Während wir das Stativ der Kamera aufrichteten, raschelte es ringsum in den hohen Grasbüscheln und mit vorgehaltenen Schnellfeuergewehren kamen etwa zwanzig grünuniformierte Soldaten konzentrisch und lautlos auf uns zu... der Vietkong..."

Eine echte Gefangenschaft, mit "Erlebnissen", die Scholl-Latour vollends vom Liebreiz der Vietnamesen überzeugten: "Wir waren immer wieder überrascht, daß die Chargen der ‚Befreiungsarmee' vor den demütigendsten Verrichtungen nicht zurückschreckten und auch beim Tragen unserer Kamerausrüstung hilfreich zugriffen...",

so daß er sich sogar zu einem heldenmütigen Abfall von Antiamerikanismus hinreißen ließ:

"Eine Woche lang hatten wir von eisgekühltem Coca-Cola geträumt... Jetzt kippten wir die Flasche gierig, aber der braune Saft schmeckte schal..."!!!

Einen zweiten solchen Anfall durchkreuzte unglückseligerweise ein Anruf des ZDF:

"...hatten wir beschlossen, uns in Saigon von den Nordvietnamesen überrollen zu lassen. Ich wollte mich nicht wie ein Verstoßener im Schutz amerikanischer Marines aus diesem Land herausstehlen, das ich vor dreißig Jahren in Conquistadorenstimmung entdeckt hatte. Aber ein Kabel aus der Zentralredaktion hatte mir mitgeteilt, daß meine Sondersendung über Vietnm auf den 2. Mai anberaumt war..."

Scholl-Latours Motto, daß die subjektive Berichterstattung oft die ehrlichste ist, ist in einer Hinsicht wirklich nicht zu bestreiten: Was diese Kreatur im letzten treibt, 30 Jahre lang dem Krieg hinterher, an die Front -

"Der Angriff war als totale Überraschung gekommen. Soweit die Nordvietnamesen nicht eiligst geflohen waren, lagen sie als halb verkohlte Leichen neben dem Bambusverhau. Dies war eine Art der Kriegsführung, von der die Franzosen nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Nach ein paar Minuten kletterten wir" (schnell noch ein paar Fotos) "wieder in den Hubschrauber und traten den Heimflug an. ... Der Himmel über dem Hochland war wieder zartblau..." -,

zu den Vietkong, ins Flugzeug zu Khomeini, was er dank seinem Drang nach "emotions fortes" der Welt mitzuteilen hat, das teilt er sehr ehrlich mit : Es ist die nackte, selbstgefällige Eitelkeit, sich als die Figur präsentieren zu können, die ganz echt und ganz nah dabeigewesen ist und die sich mit dem Dabeigewesensein ihre billigen Sensationen verschafft hat, die Landserromantik, die abgeschmackte Land- und Leutefühligkeit und das angenehme Schaudern eines eisgekühlten Drinks mit Kriegslärm als Kulisse.

In einem einzigen Satz, der ihm sicher nicht absichtlich unterlaufen ist, kommt Scholl-Latour auf die politische Bedeutung des Vietnam-Krieges zu sprechen:

"Präsident Nixon pokerte weiter, indem er die Häfen von Tonkring verminen ließ, was Moskau nicht hinderte, zur gleichen Zeit ein Abkommen über die Sicherheit der Schiffahrt auf hoher See mit Washington zu unterzeichnen."

Allerdings handelt es sich bei dem, was Scholl-Latour für "Pokern" hält, um etwas ziemlich anderes:

"In Vietnam haben die USA den von ihnen für entscheidend erachteten Angriff auf die Durchsetzung ihres Imperialismus der kooperationswilligen Souveräne in aller Welt zurückgeschlagen, und zwar so wirksam, daß sie seit Ende der 60er Jahre die fortdauernden Verzweiflungstaten von Nordvietnam und ‚Vietcong' nicht mehr für einen irgendwie entscheidenden Gefahrenpunkt für ihren Imperialismus zu erachten brauchten. Die Liquidierung aller alten Kolonialreiche war abgewickelt, und zwar ohne daß irgendwo noch einmal eine Ausweitung des Ostblocks zur Entscheidg gestanden hätte; im Gegenteil: der Ostblock selbst war über den Versuchen der UdSSR, eine zur Konkurrenz mit den USA auf deren Gebieten fähige Weltmacht zu werden, an seiner wichtigsten Nahtstelle auseinandergebrochen. Der entscheidend wichtige Test war der, den die USA mit ihren beiden Hauptgegnern angestellt haben: den beiden "Schutzmächten" Nordvietnams UdSSR und VR China... Befriedigender für die USA hätte dieser Test nicht ausgehen können."

Weitere Klarstellungen zum Vietnamkrieg vor allem bezüglich der Legende, die USA hätten dort eine Niederlage hinnehmen müssen, in:

Resultate Nr. 5 / Imperialismus (II): USA, Die Weltmacht Nr. 1


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