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Jf 7.12.09 – Fortsetzung Finanzkapital und Staat: Staatsschulden
und Inflation
Zur Afghanistanfrage
— Gibt es eine
Diskrepanz zwischen der
Staatsräson der Bundesrepublik und dem, wie die Befehlshaber vor
Ort die Sache sehen? Immerhin ist ein Minister zurückgetreten, der
andere in Bedrängnis. Mir scheint dies über das bisher
Gesagte hinauszugehen, dass man es (GS 3-09) nicht Krieg nennen darf.
In dem Artikel wird argumentiert, dass es sich dabei nicht bloß
um eine Sprachregelung handelt, sondern dass sich dabei ein Zwiespalt
dieses Krieges für die eigene Nation selber zeigt. Deutschland
will an einer imperialistischen Ordnungsaufgabe teilnehmen; es hat sich
eine eigene Rolle zurecht definiert, die auch ein Stück eigene
Ordnungskompetenz gegenüber dem Hauptveranstalter USA
demonstrieren soll; und in diesem Hin und Her leiden sie an dem Ertrag,
den die Beteiligung bringt. Dieser Widerspruch findet sich u. a. in
dem, wie die Beteiligung in der eigenen Nation öffentlich gefasst
wird. Was soll da drüber hinausgehen? Diese Affäre war so
etwas wie ein Stück sachlicher Denunziation der deutschen
Friedensaufbau-Rolle, mit der sie auch ihr eigenes Bild dieser Rolle
blamieren.
— Mir kommt
diese Affäre wie eine
theoretische Stellung seitens der offiziellen Politik vor. Ist solch
ein Bombenabwurf überhaupt im politischen Interesse?
So, wie er offiziell abgelaufen ist, wird er als Störfall
verbucht. Es ist ja auch eine Absurdität: An einem Krieg
teilzunehmen und hinterher die zivilen Opfer zu zählen. Die Art
der Kriegsbeteiligung zeigt die Fiktion eines Krieges, den man nicht
gegen ein Volk führt, sondern gegen einen Feind dort im Land – die
Auffassung eines asymmetrischen Krieges, der dort stattfindet. An
diesem Bild des Krieges hat sich die Bundesrepublik federführend
beteiligt: Man sei erstens nicht kriegerisch involviert, sondern
friedlich, und zweitens sei man für das Volk dort tätig und
deshalb auch ganz besonders rücksichtsvoll ihm gegenüber.
Diese Lüge ist aber jetzt nicht als Lüge entlarvt, sondern
der Vorfall als Störfall gegen dieses Bild behandelt worden. Dass
jetzt nach den Schuldigen dafür gesucht wird, ist die langweilige
Seite daran. Natürlich wehren sich die militärisch
Verantwortlichen dagegen, dass die Politik die Schuld bei ihnen
ablädt. Seitens des Militärs werden sie dort wohl einmal
Flagge gezeigt und eine Taliban-Gefahr erledigt haben wollen, im
Interesse der Politik liegt dieser Fall nicht. Das ist der Widerspruch.
Das Bedürfnis der Politik war als erstes, dass Deutschland sich
vom Ausland nicht wegen einer problematischen Kriegsführung
angreifen lässt.
Das Grundsätzlichere ist, dass Deutschland vor der Frage steht,
wie es sich überhaupt zu diesem Krieg stellen soll, wenn Amerika
für einen Ausweg aus der verfahrenen Kriegslage mehr Militär
beantragt und sich die Verbündeten dabei beteiligen sollen. Es
stellt sich für Deutschland wieder die Frage, was dieser Krieg der
eigenen Nation an demonstrierter Ordnungsmacht bringt; diese Frage ist
umstritten.
Nachträge zu den Staatsschulden,
Inflation
Die erste Abteilung war, wie das Finanzwesen vom Staat betreut wird;
die zweite ist, wie es vom Staat benutzt
wird. Sich daran zu erinnern,
was Staatsschulden sind, ist wichtig, weil diese immer mit dem Bund der
Steuerzahler, der Schuldenuhr und den nachfolgenden Enkeln assoziiert
werden; Bilder dafür, die irrsinnigen Schuldensummen an die Wand
zu malen; als ob sie irgendwann einmal zurückgezahlt werden
müssten.
Dagegen, dass Staatsschulden überhaupt so ein Problem werden, soll
die Erinnerung dienen, dass es etwas anderes ist, wenn sich der Staat
des Finanzkapitals bedient, als wenn ein Privatmensch seinen
Überziehungskredit strapaziert. Der Staat macht nicht in dem Sinn
Schulden. Hier geht es um die Emission von Wertpapieren und dies
gehört, wenn man es auf das Finanzkapital bezieht, in das Kapitel
2, in die Abteilung: Schaffung fiktiven Kapitals. Dabei ist in Gestalt
des Staates nicht einmal ein Unternehmen unterwegs, das aus diesem
Kapital eine Ausbeutungsveranstaltung macht, aus dessen Profit es dann
irgendwelche Anteile als Zins zahlt, sondern hier wird schlicht im
Vorgriff auf zukünftige Einnahmen des Staates ein Wertpapier
geschaffen. Die Verwandlung von Schulden in Zahlungsfähigkeit geht
hier denkbar direkt. Die Besonderheit liegt darin, womit der Staat
für sein Versprechen haftet, dass diese Wertpapiere bei jedem, der
sie kauft, als Geldkapital fungieren. Wenn man sich die Schulden- und
Finanzpolitik der Staaten näher anschaut, kann man noch nicht
einmal sagen, dass er mit zukünftigen Steuereinnahmen für
seine Schulden haftet. Denn es gehört zur Gewohnheit jeden
anständigen Staates, dass er die Schuldenbedienung – die
Verzinsung und Rückzahlung der Schulden – mit neuen Schulden
bezahlt. Das, was sich der Staat außerdem über seinen
Schuldenhaushalt hinaus noch leistet, trägt dann den schönen
Namen Nettoneuverschuldung und bezeichnet den zusätzlichen Zugriff
des Staates auf Geldmittel, die er dadurch in die Welt setzt, dass er
den Kapitalmärkten gleich ein Geldkapital anbietet.
Der Staat hat im Finanzkapital eine Institution sich gegenüber,
die auf nichts anderes ihr Geschäft gründet als auf Schulden,
Geldbedarf, der in Form von Wertpapieremissionen angemeldet wird. Dass
das so angemeldet werden kann, ist eine Errungenschaft des
Finanzwesens. Es prüft diesen Geldbedarf, managt die Verwandlung
von Geldbedarf in Geldkapital und organisiert die Märkte, auf
denen dies als Kauf und Verkauf von Wertpapieren, als Kapitalanlage
vonstatten geht. Dieses Verfahrens zwischen Finanzkapital und allen
übrigen Abteilungen der Geschäftemacherei bedient sich der
Staat.
Der Staat leistet sich mit seinem Haushalt zunächst einmal die
Finanzierung seiner Aufgaben: Soldaten in Afghanistan, Lehrer usw.
Damit erschöpft sich nicht, was ein Staat treibt. Spätestens
wenn man darüber informiert wird, dass ca. 50 % des
Bruttosozialprodukts irgendwie über den Staat laufen, wird klar,
dass der Staat mit seinem Haushalt den Kapitalismus seiner ganzen
Gesellschaft bewirtschaftet, und zwar nach beiden Seiten hin: Mit dem,
was er an Steuer herauszieht, mit dem, was er an Kredit schöpft,
und mit allem, was er an Haushaltsmitteln ausgibt, ist er ungefähr
die Hälfte der kapitalistischen Wirtschaft.
Mit dieser Bewirtschaftung des Kapitalismus durch den Staat
erübrigt sich jede Vorstellung, es gäbe erst einmal einen
Selbstlauf des Kapitals mit seinem Auf und Ab und dann kommt der Staat
als externe Größe irgendwie hinzu. Er ist in alle Belange
der kapitalistischen Akkumulation eingemischt: Auf der einen Seite als
Investor, der etwas kauft, der ganze Branchen dadurch finanziert, dass
er dort seinen Bedarf abholt; und auf der anderen Seite verteilt er
enorme Geldmassen um, weil er sie per Steuern an sich zieht und
für Sachen ausgibt, an die die ursprünglichen Geldverdiener
überhaupt nie gedacht haben. Er stellt mit seinen Schulden etwas
an, was nicht Abzug von dem ist, was in der Gesellschaft vonstatten
geht, sondern ein zusätzlicher Beitrag zu dem, was auf den
Kapitalmärkten passiert; er stellt ein Investment zur
Verfügung. Dies ist beim Finanzkapital sehr beliebt, weil diese
Art von Wertpapieren als besonders sicher gelten – ausgerechnet
deswegen, weil kein kapitalistisches Geschäft dahinter steckt.
Es gibt die Vorstellung, dass das Geld, gegen das der Staat seine
Schuldpapiere verkauft, dann doch ein Abzug sei. Der, der es in den
staatlichen Wertpapieren angelegt hat, hätte es sonst
womöglich woanders angelegt, und insofern beeinträchtige der
Staat mit seiner Wertpapieremission die Leistungsfähigkeit der
Kapitalmärkte. Dazu der zweite Nachtrag. Wenn das die Wahrheit
wäre, dass der Staat mit der Emission seiner Wertpapieren die
Leistungsfähigkeit des Finanzgewerbes beschränkte, weil er
sich von dem Geld nimmt, das dieses Gewerbe für etwas anderes dann
nicht mehr zur Verfügung hätte, dann müsste man sagen,
dass das Finanzgewerbe das erste Gewerbe auf der Welt wäre, das
unter Umsatz leidet. Den Kapitalisten möchte man sehen, der zu
einer Bestellung von Lokomotiven aus China sagt: „Na ja, das ist ja
ganz schön, aber andererseits schlecht, weil wir dann die deutsche
Bundesbahn nicht damit beliefern können.“ Ein anständiger
Kapitalist, bei dem eine Bestellung eingeht, der er noch nicht
gewachsen ist, nimmt sich Kredit und baut seine Firma so schnell es
geht aus, damit das Wachstum funktioniert. Das als Erinnerung an die
generelle Logik eines kapitalistischen Gewerbes: Da ist der Umsatz kein
Abzug, sondern das, worauf es den Firmen ankommt, weil es die Quelle
ihres Profits ist und sie darüber wachsen.
Was macht ein anständiger Kapitalist, wenn die Nachfrage nach
seinen Produkten steigt? Er macht sie natürlich teurer, so teuer
wie es die Konkurrenz erlaubt. Insgesamt ist der Markt ein permanentes
Unternehmen von Kapitalisten, sich möglichst viel Geld aus der
Gesellschaft abzugreifen; überall, wo die Nachfrage steigt, wird
ständig ausgetestet, wie viel Preiserhöhung der Markt
hergibt. Davon sind Kreditunternehmen keine Ausnahme. Wenn gesagt
wurde, der Staat zahlt mehr Zinsen, wenn das für seinen Kredit
nötig ist, dann darf man das Subjekt nicht rauslassen, das den
Preis macht. Auch auf diesem Sektor definiert nicht der Kunde den Preis
– zumindest ist es hier ein Kräftemessen zwischen den Beteiligten.
Die Banken, die dem Staat Geld gegen seine Wertpapiere zur
Verfügung stellen sollen, stoßen dabei nicht an Schranken.
Sie machen ihre Rechnungen auf.
Man sollte sich das Abgehandelte mal so klarzumachen: Die Leistung des
privaten Kreditgewerbes ist, Geld zur Ware zu machen, Geld zu
verkaufen. Zins ist der Preis dafür. Es stattet Verfügung
über Geld mit einem Preis aus und macht dadurch die Macht des
Geldes für Kunden verfügbar. Damit ist ein Verhältnis
etabliert zwischen der Macht des Geldes und dem Preis des Geldes; das,
was als Zins verlangt wird, steht im Verhältnis zur Macht des
Geldes, sich zu verwerten.
Vor ein paar Sitzungen hatten wir schon geklärt: Es ist nicht so,
dass das Finanzgewerbe schon vorhandenes Geld aus der Gesellschaft
einsammelt, quasi in einen Topf gibt und dieses Geld bei Nachfrage
gegen Zins wieder raus gibt. Es ist vielmehr so, dass das
Finanzgewerbe überhaupt Zahlungsfähigkeit in die Welt gibt.
Die Zahlungsfähigkeit besteht im Wesentlichen in Forderungen an
die Banken. Das Geld, das in der Gesellschaft zirkuliert und den Umsatz
von Waren, Dienstleistungen etc. bewerkstelligt, muss nicht als
vorhandener gegenständlicher Repräsentant gesellschaftlichen
Reichtums existieren und dann gegenläufig zu den Waren die
Hände wechseln.
Das ist wichtig für den Punkt, wie es das Finanzkapital schafft,
Geld als Ware für jeden, der es braucht, bereitzustellen.
Technisch gesehen eben dadurch, dass es gar kein Geld, sondern
Forderungen an sich zur Verfügung stellt, eben Zahlungsversprechen
für bei ihm in Ziffern bestehenden Guthaben. Früher wurden
diese Zahlungen abgewickelt im Weiterreichen von Schecks heute mit
elektronischen Buchungen. Das hebt natürlich nicht auf, das dass,
worüber das Finanzgewerbe verfügt, Konten sind und das darauf
notierte Geld erst mal einer verdienen muss, also nicht einfach
erfunden werden kann. Der Punkt ist die Freiheit zur Kreditvergabe, die
sich das Finanzkapital darüber verschafft, dass es die
Zahlungsfähigkeit, über die es disponiert, gleichzeitig als
Grundlage seiner Kreditvergabe zur Verfügung hat (Kap. I,
Finanzkapital, GS 3-08). Kurz gesagt: Das Umlaufsmittel im modernen
Kreditsystem ist kein Bestand von etwas, das das Finanzkapital immer
neu einsammeln muss, um es auszugeben, sondern es ist ein Derivat aus
dem Kredit, den es emittiert. Der ist die Quelle des Geldes, das das
Finanzkapital verkauft. Es nutzt seine Freiheit der Verfügung
über alles, was in dieser Gesellschaft vom wem auch immer verdient
wird, um für die zum Großteil selbst produzierte Nachfrage
nach Kredit, fürs Bereitstellen von Zahlungsfähigkeit
für alle möglichen Zwecke, auch fürs Ankaufen von
Staatsanleihen, Geld in Form von Schulden zur Verfügung stellen zu
können. Das Geld besteht aus Forderungen ans Finanzkapital oder
Versprechen, dafür gerade zu stehen.
Hier ist ein Funktionalismus des Geldes etabliert: dass die Banken das
Geld verwenden, ist der Ursprung dafür, dass es Geld gibt, die
Verwendung ist vor der Sache. Dass das nicht einfach Willkür
bedeutet, sieht man an dem riesigen Bestand an Regelungen, denen die
Banken gehorchen müssen. Die Regelungen gelten alle diesem
Funktionalismus: Wie viel Zahlungsfähigkeit darf eine Bank
schöpfen; in welchem Verhältnis muss die Kreditvergabe zu
ihrem Eigenkapital stehen, welches Verhältnis ist einzuhalten
zwischen den diversen Einlagen und dem Vielfachen davon, was sie an
Kredit vergeben können? Dieses Ensemble an Vorschriften gestaltet
den Funktionalismus des Geldes seriös. Es werden nicht
willkürlich Ziffern aufgeschrieben, aber es ist dieses absurde
Verhältnis, dass der Kreditbedarf, der Handel mit Geld, die Quelle
der Zahlungsfähigkeit ist, die in der Gesellschaft geschaffen
wird.
— Stimmt
insofern das Argument, dass die Banken
ihre Macht als Sammelstelle des verdienten Geldes der Gesellschaft
gewinnen?
Wenn man es nicht so denkt, dass sie Münzen oder Geld einsammeln,
schon. Das Geld ist natürlich immer irgendwie verdient oder
geliehen. Wird geliehenes Geld verausgabt, wird wieder daran verdient.
Und für die Bank ist das wieder eine Einlage, die sie in den
Schranken der gesetzlichen Regelungen als Quelle der Bereitstellung
neuer Zahlungsfähigkeit betrachtet. Als Umlaufsmittel ist dieses
Geld ein Derivat des Kredits.
Wie geht die Kreditvergabe vor sich? Man bekommt eine Ziffer auf dem
Konto gutgeschrieben, in diesem Rahmen haftet die Bank für die
eigene Zahlung. Wo war da Geld? Dass die Bank zahlungsfähig ist,
ist unterstellt. Aber die Zahlungsfähigkeit der Bank richtet sich
im modernen Zahlungswesen nach ganz anderen Gesichtspunkten als dem,
wie viel Gold sie im Keller hat. Im Zweifelsfall könnten sie
natürlich nicht alle Forderungen rausrücken, weil inzwischen
eben die genannten gesetzlichen Regelungen an Stelle des Vorhandenseins
von Geldmaterie getreten sind. Es gibt ein ganzes Ensemble von
Definitionen von verfügbarer Zahlungsfähigkeit, die die Bank
vorhalten muss, damit sie Kredit ausgeben kann. Alle diese Regelungen
sind auf der Grundlage dessen erwachsen, dass sie die
Zahlungsfähigkeit in Form von Einräumen von Konten bei sich
stiftet, dass sie in Form von Schulden der Banken existiert.
— So sind die
staatlichen Regelungen – z.B.
Eigenkapital im Verhältnis zur Kreditvergabe - in dem Sinn keine
Beschränkungen, sondern sie setzen gerade diese Fähigkeit ins
Recht.
Das ist das Entscheidende. Wie wird dieses schwindelhafte Verfahren,
Kredit zu schöpfen, dadurch, dass man selbst als haftender
Schuldner agiert, von Staats wegen ins Recht gesetzt? Natürlich
auf Basis dessen, dass alle Einkünfte der Gesellschaft über
Bankkonten laufen. Das wird in dieser Vielzahl gesetzlicher Regelungen,
die Lizenz mit Einschränkung verbinden, dafür Konditionen
formulieren, anerkannt. Das Entscheidende ist die materielle Art der
Beglaubigung, dadurch dass der Staat das von ihm definierte und
geschaffene gesetzliche Zahlungsmittel in die
Liquiditätsbewirtschaftung der Banken einspeist. Also in die
Frage, wie liquide müssen Banken sein, um ihr Geschäft
ausdehnen zu können, wie verhalten sich Verbindlichkeiten der
Banken zu ihrer Zahlungsfähigkeit und wie muss diese beschaffen
sein. Es werden Grade der Liquidität definiert, wie schnell etwas,
das die Bank in ihrem Portefeuille hat, als Zahlungsfähigkeit
verfügbar sein muss, für wie flüssig ihre Mittel
erachtet werden. Alles wichtige Fragen für die Beglaubigung des
Kredits, den die Banken als handelbares Geld in die Welt setzen.
In das klinkt der Staat sich vermittels seiner Notenbank ein und
leistet selbst seinen Beitrag. Er verpflichtet sogar die
Geschäftsbanken dazu – oder bietet es ihnen an zur Refinanzierung
ihres Liquiditätsbedarfs –, das Geld der Notenbanken als Beitrag
zu ihrer Liquidität in bestimmten Proportionen zu verwenden. Der
Staat definiert nicht wie früher Edelmetall-Gewichtseinheiten z.B.
als Taler. Der Euro repräsentiert kein Stück Gold oder
Silber, sondern der Euro ist die Setzung der beteiligten Staaten: diese
Einheit soll Qualität und Quantität verknüpfen,
nämlich die Maßeinheit des gesellschaftlichen Reichtums und
natürlich nicht nur diese, sondern auch noch das praktisch
verwendete Material des gesellschaftlichen Reichtums sein. Mit seiner
Hoheit hat es der Staat dahin gebracht, dass jeder im Prinzip das
anerkennt.
Was kommt dabei raus, wenn der Staat selbst Geldeinheiten definiert und
sie über die Beglaubigung und Ausstattung der
Liquiditätsmanagementskünste seiner Bankenwelt in seine
Gesellschaft gibt? Dazu gehört dann, dass auch ein bestimmter
Bestand an Bargeld vorhanden sein muss: bei jedem Kredit wird ein
Anteil definiert, erfahrungsmäßig sind hierzulande 10 %
Bargeldumlauf, in Bosnien mehr, in Amerika weniger. So wie früher
auch die kleine Zirkulation das Feld war, in dem noch Gold- oder
zumindest Kupfermünzen zirkulierten, so ist das staatlich als
Bargeld Definierte auch ein Bestandteil der
Liquiditätsbevorratung, die der Staat den Banken auferlegt. Das
Ergebnis ist die Verrücktheit, dass das Umlaufmittel auch in
seiner Eigenschaft als Maß der Werte, seiner Verwendung als
Mittel des Kredits untergeordnet ist.
Wie gibt es das, dass das Geld weniger wert wird? Die Einheit
ändert sich auch bei Inflation nicht, 1 € bleibt 1 €.
Zurückbezogen auf den Ausgangspunkt: Geld hat einen Preis, Geld
als Kredit hat als Preis den Zins, schon da hat man beides: einmal die
Potenz des Geldes, sich zu verwerten, das andere Mal den Preis, der
dafür zu zahlen ist. Der ist für 1000 € bei 10 % Zins nach
einem Jahr 1100 €. Da trennt sich schon der Preis, der für eine
Geldsumme zu entrichten ist, von der kapitalistischen Potenz, die sie
darstellt; wie überhaupt im Kreditgewerbe, die Macht des Geldes
und was diese kostet. Wenn das Geld weniger wert wird, hat sich die
Macht des Geldes, sich über ein kapitalistisches Geschäft zu
vermehren, von dem Preis dafür getrennt.
Das Umlaufsmittel mit seinen definierten Geldeinheiten, die als
Maß der Werte funktionieren, ist in der modernen Welt dem
Kreditsystem subsumiert. Das hat die Konsequenz, dass sich auch am
staatlichen Zahlungsmittel eine Differenz aufmachen kann. Die
Größe hängt von der Verwendung des Kredits ab, aber
insgesamt ist eine Unschärferelation in das Geld eingeführt,
zwischen der Macht, die es als Kapital ist, und der in Einheiten
ausgedrückten Summe, die dafür zu zahlen ist. Das, was im
normalen Kreditgeschäft immer der Zins leistet, schlägt sich
im modernen Geschäftsleben mit diesem vom Staat als Hilfsmittel
für den Kredit definierten Zahlungsmittel in der Differenz
zwischen der Macht des Geldes und seinem Preis nieder. Das ist der
banale Begriff der Inflation. Man braucht mehr, um dasselbe
Geschäft aufzuziehen, weil alles teurer geworden ist.
Das könnte studierte Marxisten irritieren, weil Maß der
Werte eigentlich nicht eine Funktion des Geldes ist, in dem Sinne, es
so oder auch anders verwenden zu können. Maß der Werte zu
sein, ist der Begriff des Geldes selbst als allgemeines
Äquivalent. Aber wenn das die ganze Wahrheit wäre, gäbe
es keine Inflation. Dass das in denselben Einheiten gemessene Geld
nicht mehr soviel kaufen kann wie früher, merkt jeder. Das
Maß der Werte ist offenbar veränderlich. Das kann nicht an
der teurer gewordenen Produktion liegen, die wird tendenziell billiger.
Wovon hängt die Variabilität ab? Klar war schon: Die Existenz
des Geldes ist seiner Verwendung als Kredit nachgeordnet, wie viel
Masse davon unterwegs ist, richtet sich danach, wie viel davon
nachgefragt und benutzt wird. Der Staat bestimmt, es gibt kein anderes
Geld als das, was die Bankinstitute als Geld zirkulieren lassen; er
ordnet sogar das Geld, das er durch seine Notenbank emittieren
lässt, der vorhandenen Menge, seiner Verwendung als Kredit unter.
Damit ist die prinzipielle Unschärfe in der Welt, dass das, was
das Geld leistet, und das, was es als Summe kostet, zwei Sachen sind.
— Es kommt
also letztlich darauf an, wie sehr
mit der, im Kredit ausgeliehen, Macht des Geldes die Verwertung gelingt.
Und vor allem was für eine. Es kommt darauf an, wie viel es mehr
ist. Wie bekommt das ein Kapitalist hin. Ein Kapitalist verdient sein
Geld dadurch, dass er sein Produkt möglichst teuer verkauft. Jeder
verkauft es so teuer, wie es geht. Er verkauft es allein schon deswegen
teurer als letztes Jahr, weil ihm für alle seine Investitionen
Zinsen berechnet werden. Es gibt tatsächlich geschlossene
Kreisläufe des wechselseitigen Teurermachens, das ist
gewissermaßen die Empirie der Inflation, wie sie vonstatten geht.
Den teureren Preis, den ein Kapitalist dem nächsten in Rechnung
stellt, stellt dieser dem übernächsten in Rechnung, am Ende
dem Endverbraucher. Manche werden dadurch reicher, die Kapitalisten
sind ja auch Kunden und kaufen das Teurere, weil sie selbst mehr
verdient haben, aber wenn sich das Proletariat manchmal glatt eine
Angleichung des Lohns 'erstreikt', jammert alle Welt über die
Lohn-Preis-Spirale.
Die entscheidende Messlatte im kapitalistischen System ist die Bilanz
des Unternehmers; was da als verdientes Geld steht. Da unterscheidet er
schon, habe ich mehr losbekommen, höheren Umsatz erzielt, oder es
bloß teurer verkauft. Wenn es ihm gelungen ist, höhere
Preise durchzusetzen, ist das schön für seine Bilanz. So wird
reihum immer mehr Geld verdient und das Mittel dafür ist – wie
überhaupt für jedes Geschäft – der Kredit. Diese Macht,
die sie im Kauf wie im Verkauf ihrer Produkte geltend machen,
befähigt sie, die höheren Preise ihrer Lieferanten zu zahlen.
Damit finanziert das Finanzgewerbe, indem es nach Bedarf
Zahlungsfähigkeit zur Verfügung stellt, Wachstum auch in der
Form der allgemeinen Teuerung.
Wie betrachten Unternehmer dieses Phänomen einer allgemeinen
Teuerung? Einerseits gibt es keinen anderen, der sie veranstaltet; aber
keiner bezieht sich darauf als sein eigenes Werk. Die Teuerungsrate ist
ja auch nicht das Werk des Einzelnen, sondern das Gemeinschaftswerk.
Auf die bezieht sich jeder einzelne Geschäftsmann wie auf eine ihm
vorgegebene Entwicklung, die er in seine Preisgestaltung einrechnen
muss, weil er höhere Preise vorgesetzt bekommt und seine
zukünftigen Gewinne planen muss. Die Anhaltspunkte seiner
Preispolitik sind die Preise, die ihm berechnet werden, die Zinskosten,
die er aufbringen muss und der Vorblick in die Zukunft, dass ihm die
schon stattgefundenen Preiserhöhungen und die, mit denen er in
Zukunft zu rechnen hat, seine Bereicherung erlauben. Er liefert sich
nicht einfach dem Marktgeschehen aus, sondern antizipiert es, um ihm
gewachsen zu sein, und das ist am Ende die Rate, die rauskommt.
Um es mal so auszudrücken: Die Inflation kommt deswegen zustande,
weil alle sie erwarten. Darin löst es sich aber nicht auf, weil
der Ausgangspunkt allemal ist, dass alle versuchen, für ihr Zeug
möglichst viel zu verlangen, also das Drängen auf maximale
Bereicherung. Woran aber orientiert sich diese Profitwirtschaft jedes
Einzelnen? In der Inflationsrate, die sich aus dem Wirken aller ergibt,
erfährt der einzelne Kapitalist ein Moment seiner
Abhängigkeit vom ganzen Markt. Er macht zwar seine Preispolitik,
aber er muss die Wirkung des Handelns aller mit in Rechnung stellen.
Der Markt ist die Sphäre der Abhängigkeit aller Konkurrenten
voneinander. Die Art dieser Abhängigkeit sieht auch so aus, dass
man die Inflationsrate erwartet und in die eigene Preispolitik mit
einrechnet, um sich dagegen zu wappnen, natürlich damit die
Bereicherung weiter wie geplant funktioniert.
— Der
Kapitalist muss zwar damit rechnen, dass
sein Kostpreis im Lauf der Zeit steigt, zugleich muss er aber auch
damit rechnen, dass die Konkurrenten ihre Preise anders gestalten. Er
kann also nicht voraussetzen, dass er seine höher kalkulierten
Preise durchsetzen kann.
— Das ist auch
meine Schwierigkeit: Wenn gesagt
wurde, dass die Preise deswegen steigen, weil alle einen höheren
Preis erwarten, ist das doch eine Tautologie. Und wenn es wegen der
Konkurrenz keine Selbstverständlichkeit ist, dass die höheren
Preise am Markt durchgesetzt werden können, woher kommt dann der
Spielraum, die Preise steigen zu lassen?
Es wird ständig probiert, Preissteigerungen durchzusetzen, indem
sich auf jedes Moment von Nachfrage gestürzt wird. Daneben gibt es
den Versuch, die Konkurrenz zu unterbieten, um sie aus dem Feld zu
schlagen. Die Kapitalisten müssen eben ihren Vorteil in
Abhängigkeit von der Vorteilssuche aller anderen suchen. Das ist
Planung im Kapitalismus. Es sollte auch nicht gesagt sein, dass jede
Preissteigerung immer gelingt.
Der materielle Grund der Inflation liegt aber schon darin. Das Kapital
wächst, egal ob über Preiserhöhungen oder über neue
Anlagen, immer mit Kredit. Der ist das Mittel dafür, dass sie
diesen Standpunkt wahr machen können. Denn aus dem laufenden
Geschäft sind Preiserhöhungen nicht einfach zu bezahlen, dann
wäre Reduktion des Geschäfts nötig. Der Kredit ist das
materielle Mittel, das diesen vorweggenommenen Standpunkt, selber
Preise zu erhöhen, weil mit Preiserhöhungen zu rechnen ist,
gültig macht.
Jeder Kapitalkreislauf bedient sich des Kredits, ob mit dem
altertümlichen Wechsel, mit dem der endgültige Kauf einer
Ware antizipiert wird, oder der modernen Form der Vorausberechnung, ist
egal. Deswegen jammern alle, dass bei Kreditschwierigkeiten schon die
Reproduktion des Kapitals nicht klappt und gleich nicht das Wachstum,
auf das jedes anständige Unternehmen setzt. Das Mittel dafür,
dass der Kapitalismus rund läuft und das Wachstum funktioniert,
ist, dass immer zusätzliches Kapital zu kaufen ist.
Heute sollte es um die Frage gehen, wo beim Finanzkapital, das die
ganze Welt mit Kredit und damit mit den Mitteln zur Erwirtschaftung
seines Wachstums ausstattet, der Grund dafür liegt, dass Wachstum
auch den Charakter einer allgemeinen Teuerung haben kann, dass also die
Reproduktion der Macht des Kapitals nicht mehr zusammenfällt mit
dem Wachstum der Ziffern. Gemäß den Regeln, die Marx
herausgefunden hat, müsste eigentlich bei einem Kapital, das eine
Profitrate von 10% erwirtschaftet, auch dessen Kapitalmacht um 10 %
gewachsen sein. Jetzt hat man in der modernen Welt das Phänomen,
dass ein Kapital um 10% wächst, aber die Hälfte davon
für die Teuerung draufgeht, es also eigentlich gar nicht in dem
Maße gewachsen ist. Die Macht des Kapitals, sich zu vermehren,
trennt sich offensichtlich von der Vermehrung des Geldes, mit dem
dieser ganze Kreislauf ja in Gang gehalten und vorangebracht wird.
Derselbe Kreislauf reproduziert die Macht des Kapitals, aber mit einem
immer höheren Aufwand an Zahlungsmitteln. Das ist die
Verrücktheit: Wachsende Summen bewegen eine nicht so stark
wachsende Masse von Kapital. Der Grund für diese Trennung liegt
darin, dass es das Geld, das den ganzen Kapitalkreislauf bewegt, das
Geld als Umlaufsmittel, in dem Maße gibt, wie Kredit verlangt und
gegeben wird – eben auch für diese Verteuerungskunststücke,
die alle Kapitalisten sich wechselseitig antun. Geld hat seinen Preis
und wird ausgegeben für alles, was sich den Banken als lohnend
darstellt. Sie sind dann auch die ersten, die eine allgemeine
Teuerungsrate als Problem ins Auge fassen, denn eine Bank mit ihren
Wertpapieren und Krediten ist in ihren ganzen Beständen dadurch
geschädigt, wenn diese Ziffern, die sie sich so schön
verbucht hat, weniger an Verwertungsmacht repräsentieren. Deswegen
sind sie auch die ersten, die sich dagegen absichern, erstens in ihrer
Zinsgestaltung und zweitens durch die permanente Neubewertung der
Wertpapiere, die in ihrem Besitz sind.
Die Produktionsmittel eines produzierenden Kapitals zählen auch
als Wert, als Geldsumme, die sich vermehren und verwerten soll. Und
jetzt hat man eine ganze Ökonomie vor sich, die an der Bilanz –
sei es der eines Betriebes oder der nationalen – die Unterscheidung
zwischen nominalem und realem Wachstum macht. Letzteres fällt
immer kleiner aus aufgrund der Inflationsrate, die kein Konstrukt ist,
sondern als Durchschnittswert branchenspezifisch oder für
bestimmte ökonomische Bereiche oder für eine Nation errechnet
wird, jedenfalls ist das dann eine Größe, die für alle
Kapitalisten als Prozess erscheint, dem sie gegenüberstehen,
obwohl sie ihn doch selber machen. Das ist nicht einfach ihr Konstrukt,
das sie genauso gut lassen könnten, sondern bedeutet, dass sie mit
einem Durchschnitt an Preiserhöhung in ihrer Branche oder
insgesamt zu rechnen haben. Das ist ein Moment in ihrer
Abhängigkeit von der Konkurrenz mit allen anderen: So, wie
ihnen die Konkurrenz das Leben schwer macht, wenn sie dieselbe Ware
billiger anbietet, so kommt durch gelungene Formen der
Preiserhöhung auf dem Markt auf jeden Teilnehmer dieser
Veranstaltung, möglichst viel Geld verdienen zu wollen, der
durchschnittliche Effekt dieser Betätigung wie eine Art
Naturereignis auf ihn zu – eben, weil es ihr Werk und zugleich das Werk
eines ganzen Ensembles ist.
Der Kredit ist für den ganzen Kreislauf des Kapitals da, für
alle Formen und Methoden des Wachstums, also auch für die Senkung
der Stückkosten zwecks Eroberung von Marktanteilen – und kaum hat
er Anteile erobert, schaut der Kapitalist, dass er die Preise wieder
erhöht. Die Verbilligung der einzelnen Ware soll das Mittel
dafür sein, mehr davon zu verkaufen und so den Gesamterlös zu
steigern. In diesem ganzen Konkurrenzzirkus, wo sich diverse Effekte
dann mischen, hat man auch den Effekt einer Teuerungsrate, die immer
ihren Ausgangspunkt darin hat, dass ein Anbieter höhere Preise
durchsetzen kann. Dann ist die Frage, welche Bereiche betroffen sind:
bei einer Erhöhung der Erdölpreise sind es so ziemlich alle,
höhere Energiekosten haben garantiert eine Preissteigerungswelle
zur Folge. Was nach Meinung der Experten natürlich am
preistreibendsten wirkt, sind die ekelhaften Gewerkschaften, wenn sie
Lohnerhöhungen durchsetzen, dabei sind die wirklich nur das
Anhängsel davon, dass den Lohnabhängigen (wie dem Rest der
Welt auch) die Waren teuerer gemacht werden. Sie sind ja gar nicht in
der Position, dass sie frei einen Preis berechnen können für
die, die an ihrer Arbeit interessiert sind.
Was ist der Begriff der Inflation? Es ist dasselbe Geld, aber seine
Potenz, sich zu verwerten, einen Überschuss zu erwirtschaften,
wird – in demselben Geld gemessen – teuerer. Für dieselbe
Rendite wird ein höherer Aufwand nötig. Das, was man verdient
hat, gibt die Fortführung des Geschäfts womöglich gar
nicht mehr her. Da ist dann zu einem gesellschaftlichen Gesamteffekt
geworden, was im Prinzip des Kreditwesens seinen Ursprung hat,
nämlich, dass die Macht des Geldes einen davon verschiedenen Preis
hat. Es ist dasselbe Geld, aber seine Macht und was man dafür als
Geldsumme aufzuwenden hat, sind zwei verschiedene Sachen. Und diese
Trennung schlägt sich bei der vollständigen Subsumtion des
Umlaufmittels unter das Kreditsystem so nieder, dass das Maß der
Werte in Mitleidenschaft gezogen ist. Geld ist der gesellschaftliche
Reichtum und dass es das Maß des gesellschaftlichen Reichtums
beinhaltet, gehört zum Geld mit dazu. Wie kann es dann
‚aufgeblasen’ oder andersrum: weniger wert werden, wenn es doch das
Maß der Werte ist? Aber das liegt eben daran, dass die Macht des
Geldes und die Bezifferung dieser Macht auseinander treten. Das ist der
banale Inhalt von: das Geld wird weniger wert. Es gibt ein Interesse,
das dazu führt, Geld so zu verwenden, dass im Endeffekt die Macht
des Geldes schwindet, und das ist das schlichte Interesse der
Kapitalistenklasse: Möglichst viel Geld für das angebotene
Produkt zu bekommen, ist seine Maxime und es versucht, dieses Interesse
durchzusetzen. Und das geht eben nur in der Form, dass aufs Ganze
gesehen, die Potenz des Geldes sich von der Ziffer, die dafür
steht, trennt, dass die Ziffern größer werden und die Macht
des Geldes dieselbe bleibt. Dass sich so etwas am Geld unterscheiden
lässt, ist grundgelegt im Kreditgewerbe, das das Vorhandensein von
Geld abhängig macht von seiner Verwendung als kapitalistische
Potenz. Das schließt diese Weichheit des Maßes der Werte
mit ein.
— Ein objektives
Maß für die Inflation gibt es
nicht?
Die ergibt sich als Durchschnittswert, der aus x verschiedenen
Warenkörben errechnet wird. Es geht immer auf das Umlaufsmittel –
was lässt sich mit diesem bewegen? Und das beliebteste ist, das an
der Figur auszudrücken, die überhaupt kein Geschäft
damit anstellt, also am Endverbraucher, der ‚nur’ in seinem
Lebensunterhalt geschädigt ist. Unterschiede gibt es sicher je
nach Branche – das wäre auch noch schöner, wenn es in der
kapitalistischen Anarchie der Märkte eine einheitliche
Größe gäbe.
Die Inflation beim Außenhandel, also dem Verkehr der Staaten
untereinander, ist ein Kapitel für sich. Sie spielt da auch eine
Rolle – die billigen Waren der Chinesen haben eine Inflation senkende,
das teuere Öl der Scheichs die gegenteilige Wirkung –, aber
prinzipiell spielt sie sich nach demselben Muster ab wie innerhalb
einer Nation: die Veranstalter der Preiskonkurrenz sind konfrontiert
mit ihrer Abhängigkeit von dem, was bei der Preiskonkurrenz der
Kapitalistenmafia herauskommt.
— Das Umlaufsmittel ist
sozusagen ein Derivat des
Kreditsystems, also das Zurverfügungstellen des Geldes als Kredit
ist nicht abhängig davon, dass das Geld tatsächlich in
Münzen oder so vorhanden ist, sondern nur in dem Maß, wie es
für den Umlauf vorhanden sein muss. Mir ist nicht klar, wie da der
Zusammenhang zur Inflation ist.
Vielleicht zielt die Frage auf folgenden Sachverhalt: die Preise
steigen insgesamt – wie lassen sich diese bezahlen? Das geschieht auf
die Weise, wie Preise überhaupt bezahlt werden, nämlich nicht
einfach aus dem, was schon verdient worden ist, sondern – das ist die
Leistung des Bankgewerbes – aus dem, was man als zukünftigen
Verdienst jetzt schon verbuchen kann. Dass das geht, liegt an der Macht
des Finanzkapitals, Kredit zu vergeben und dafür auch Umlaufmittel
zu schöpfen. Der Kapitalismus geht seinen Gang und wächst in
seinem Kreislauf unter Inanspruchnahme der Umlaufsmittel, die es
für diesen braucht und die von den Banken zur Verfügung
gestellt werden. Jetzt hat man hier schon die Verrücktheit, die
Zahlungsfähigkeit, die den Kapitalismus in Schwung hält, ist
selber eine käufliche Ware und dass man dafür etwas zahlen
muss, ist quasi schon das Programm: es soll ja auch alles wachsen –
das, was man dafür zahlen muss, will man in Zukunft ja
zusätzlich verdient haben. Da hat man die Abhängigkeit des
Umlaufmittels von seiner Anwendung als Kapital. Marx war seinerzeit mit
folgendem Faktum konfrontiert: Die Masse des Umlaufsmittels ist
beschränkt durch einen Bezug auf das vorhandene Gold und wenn im
internationalen Handelsverkehr eine Nation Gold wegzahlen muss, weil
sie eine negative Handelsbilanz hat, dann muss man die
Verfügbarkeit des Umlaufsmittels beschränken; das bedeutet
eine Beschränkung des Kapitalkreislaufs und so wird aus der
Minderung eines Goldschatzes ein Einbruch in der Reproduktion des
gesellschaftlichen Kapitals. Über diese Abhängigkeit des
Umlaufsmittels vom Goldbestand ist der moderne Kapitalismus durch die
staatliche Einrichtung einer Notenbank weit hinaus: Diese versorgt die
Geschäftsbanken mit der benötigten Liquidität - die
Frage nach einem Goldbestand für den Fall des Falles ist obsolet
geworden. Geld ist jetzt endgültig eine Ware, die nach
Maßgabe des vom Staat anerkannten und unterstützten Bedarfs
an Kredit, an geliehenem Geld, bereitgestellt werden kann.
— Inwiefern spielt die
Staatsverschuldung eine Rolle bei
der Inflation? Ist es einfach so, dass die Staatsverschuldung als ein
großes Quantum zusätzlicher Zahlungsfähigkeit auch in
diesen Kreislauf mit eingeht?
Ja, wenn von der Inflationsrate als dem funktionstüchtigen
Normalfall einer kapitalistischen Akkumulation die Rede ist, spielt der
Staat schon eine wichtige Rolle – er ist ja in jede Akkumulation
beschränkend und fördernd eingemischt und da ist er nicht
mehr und nicht weniger als ein wichtiger Posten in diesem
Geschäftsgebaren des Finanzkapitals. Er trägt mit seinen
Wertpapieren viel dazu bei, dass es sich stark genug fühlt, Kredit
mit Verweis auf seine eigene Zahlungsfähigkeit zu vergeben.
Da sind die Schulden des Staates als sichere Wertpapiere eine wichtige
Sache und vor allem, dass er anerkennt, dass das, was die Banken an
Zahlungsfähigkeit in die Welt setzen, gültiger Ersatz
für seine gesetzlichen Zahlungsmittel ist. Dann führt der
Staat ja auch einen Haushalt, mit dem er Schulden macht und trägt
so zur Inflationsrate bei – gemacht wird die allerdings durch die
Kapitalisten, die die Preise erhöhen und zu denen gehören
federführend die Bankkapitalisten, die ja schließlich immer
darauf aufpassen müssen, dass ihr Vermögen unter der
Inflation nicht leidet und dass sie entsprechend hohe Zinsen verlangen.
Was ist, wenn das Wachstum kaputt geht, wenn die Kreisläufe des
Kapitals selber an ihre Schranke stoßen, wenn
Überakkumulation eingerissen ist und sich so etwas wie Minderung
des Geschäfts und Krise anbahnt? Es gibt verschiedene
Konsequenzen, aber eines steht fest: Was der Staat sich über
seinen Kredit besorgt, wird nicht so schnell heruntergefahren. Auch in
einer Rezession bleiben seine Bedürfnisse erhalten – im Gegenteil,
er hat sogar mehr zu leisten: Kompensation von Steuerausfällen,
‚Betreuung’ von mehr Arbeitslosen und schließlich hat jeder
ordentliche Staat das Bedürfnis, gegenzusteuern, also jetzt erst
recht mit Schulden zu klotzen, damit seine Ökonomie ‚wieder an
Fahrt gewinnt’. In solch einer Situation gibt es neue interessante
Verhältnisse zwischen dem kreditfinanzierten Kreislauf des
Kapitals und dem Kredit, den der Staat dann schafft. Wenn die
Verwandlung von Kredit in Kapital zu wünschen übrig
lässt – wobei die Finanzkapitalisten wieder die ersten sind, die
irgendwelche Investitionen misstrauisch beäugen –, lohnen sich
Staatspapiere zwar immer noch, nur gerät dann deren Vermehrung in
ein vom Finanzkapital selber als problematisch erachtetes
Verhältnis zu dem, was überhaupt noch durch die Wirtschaft an
Wachstum zustande kommt. Das sind dann die Ausnahmefälle, in denen
die Inflation für die vom Staat angeleierte
Akkumulationsaffäre zum Problem wird.
Noch mal zusammenfassend das Verhältnis des Staates zu seinem
Finanzkapital: Die Art und Weise, wie das Finanzkapital die Geld- und
Kreditversorgung der Gesellschaft betreibt, bekommt den staatlichen
Segen, sie ist damit die ökonomische Sache der Nation, an der der
Wirtschaftskreislauf und das materielle Überleben und Vorankommen
der Gesellschaft hängen. Mit dieser Anerkennung macht der Staat
eine national hochwichtige Sache zum Privatgeschäft dieses
Sektors. Dafür hat er gute Gründe: Er stellt sich zu dem
Geldversorgungszirkus so, als ob in diesem gleich ein Sachzwang zum
erfolgreichen Wirtschaften, quasi ein Sachzwang zum Akkumulieren
eingebaut sei. Er achtet schon auf alles, aber eben auch darauf, dass
es als privates Geschäft funktioniert; so greift er in ‚Notzeiten’
des Bankengeschäfts - also, wenn diese beim Geldverdienen am
Kreditbedarf der Gesellschaft für ihre Belange zu wenig
herauswirtschaften – mit Maßnahmen zu deren
Überbrückung ein, macht deren Privatgeschäft also kein
Ende. Auch, wenn er aus Gründen einer regionalen Förderung
eine Landesbank gründet, soll diese wie eine Privatbank ihr
Geschäft mit dem dort wie überall herrschenden Kreditbedarf
machen.
Der Staat hat also dieses Verhältnis eingerichtet: Er anerkennt
und benutzt ein Kreditgewerbe, das Geld zur Ware macht und sogar Geld
als Maß der Werte – also das ganze Umlaufsmittel – abhängig
macht von der erfolgreichen Verwendung dieses Geldes als Kapital.
Deswegen macht er den Erfolg dieses Gewerbes zur nationalen Sache, die
unbedingt funktionieren muss und richtet darauf sein Eingreifen in den
kapitalistischen Akkumulationsprozess und seine Bewirtschaftung der
ganzen Gesellschaft ein. Das wäre in dem Kapitel „Staat und
Finanzkapital“ der dritte Teil: wie der Staat auf Grundlage dieser
doppelten Gleichung – die nationale Sache wird Privatgeschäft und
deshalb dieses wiederum zur nationalen Sache – sein Hineinregieren in
den nationalen Kapitalismus einrichtet. Der Hauptnenner dafür ist
extrem banal: er tut alles für das Wachstum. Im Folgenden geht es
also darum: welcher Art sind die Probleme, die sich damit auftun und
was macht der Staat, um ihnen beizukommen?