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Wahlen in Deutschland und Afghanistan
1.
Wahlen ín Deutschland
Um zum Thema Wahlen nicht erneut eine Demokratietheorie auszubreiten
(nachzulesen in GS 1-94), bietet sich ein prinzipieller Vergleich
zweier Extreme, also der Wahlen in einer gefestigten Demokratie und dem
ganz anders gearteten Wahlzirkus in Afghanistan an.
Der hierzulande in der Öffentlichkeit breitgetretenen Beschwerde,
wie todlangweilig diesmal der Wahlkampf sei – Bild: Yes, we gähn
–, könnte man ein paar Argumente entnehmen, wie sich Krise,
Krisenzustand, politische Verwaltung der Krise in den Wahlen
widerspiegeln. Auffallend ist, dass dieselben, die sich sonst bei
Wahlen beschweren, dass es zu wenig sachlich zugehe, zu viel Polemik
beklagen, jetzt tönen: Wo bleiben die sichtbaren Alternativen, die
Abgrenzung der Politiker?
— Es wird das Ideal von
Demokratie vorstellig gemacht: Der Bürger hat verschiedene
Alternativen in den Programmen der Parteien, wie die anstehenden
Aufgaben zu bewältigen sind, und kann mit seiner Entscheidung
für eine Alternative seine vom Volke ausgehende Macht
ausüben. Diesmal beklagen sie, dass dieser Schein nicht
eingelöst wird.
Es ist aber nicht so, dass sie auf eine inszenierte Lüge wert
legen und Alternativen für die Bürger sehen wollen, sondern
sie gehen davon aus, dass es keine gibt. Wenn es im Prinzip hierzulande
nicht um Alternativen geht, ist klar, es gibt also auch keine
prinzipiellen Einwände, die diejenigen zu lancieren hätten,
die sich über die Langweile beschweren. Was sie Interessantes
haben wollten, wie sie sich die Politik vorstellen würden, kommt
nicht aufs Tapet. Es ist klar, es geht 1. von oben nach unten, und 2.
steht da alles fest. Dann kommt erst das, dass man bei einer Wahl auch
etwas mehr will.
— Es soll aber auch gar
keine Alternativen geben; denn wenn die Linke z. B. sagt, raus aus
Afghanistan, kommt so etwas für die Journalisten gar nicht in
Frage.
Also, die kleinen Momente sachlicher
Alternativen, die es gibt: die Linke, mit ihrer Vorschlägen – die
Krisenbewältigung zu ihrem Gelingen sozialer zu gestalten,
Reichtum für alle, raus aus Afghanistan, Mindestlohn –, ist nicht
gefragt. Im Gegenteil.
Für das Bedürfnis nach einem interessanten Wahlkampf gibt es
zwei Argumente. Das generellere heißt, damit die Leute nicht
wahlmüde werden. Eine nette Auskunft über das Verhältnis
von Herrschaft und Wählen, dass das Interessante an der Demokratie
erst dort angesiedelt ist, wo sachlich bei der Herrschaft nicht alles
feststeht. Das zweite, für diese Wahl speziellere, Argument
lautet: Es braucht diese Alternativen, damit nicht ausgerechnet die
Linke als die einzige überhaupt vorhandene Alternative auftreten
kann.
— Sie legen auf den
inszenierten Schein so viel Wert, weil es ihnen auf das
Legitimationsverfahren ankommt. Einerseits sagen sie, da sei der
Wähler eh nur Zuschauer eines Spektakels und ohnmächtig, aber
andererseits kommt es sehr darauf an, dass das Spektakel auch
stattfindet, weil die nächste Regierung gebildet werden muss; auf
das Resultat sind sie scharf.
Was stört also an Wahlmüdigkeit? Die Regierung kommt doch
zustande?
— Der Wähler, der
nichts anderes macht als seinen Willen per Wahlkreuz zu delegieren,
soll sich gerade in diesem Akt als Aktivist der Zustimmung zum
Staatswesen bewähren. Der Widerspruch soll durch eine
entsprechende Wahlbeteiligung wahr gemacht werden: Ich unterwerfe mich,
aber selbstbewusst, indem ich selbst entscheide, wer mich regieren
soll.
Sie sagen aber nicht, man soll sich willentlich unterwerfen, sondern
man soll die Personalentscheidung als eigene prinzipielle Entscheidung
über Politik nehmen. Sie schreien ganz offensichtlich nicht nach
der sachlichen Programmatik, sondern der formellen, dass sich da
Personen als Alternative präsentieren. Das war im Fernsehduell
Merkel/Steinmeier und den Kommentaren dazu offensichtlich. Gefragt
wird: Wo bleibt die Programmantik, damit die eine oder der andere
überhaupt so dasteht, dass man sich dafür entscheiden kann.
Zur sachlichen Frage, warum sie den üblichen Zirkus nicht machen,
obwohl sie das doch könnten. Denn bekanntlich sind Politiker keine
vornehmen Leute, die sich in Schlammschlachten, in demokratischen
Konkurrenzgemeinheiten nicht auskennen würden. Es geht um die
wichtige, wie programmatisch genommene demokratische Stilfrage, wie sie
diesmal ihren Konkurrenzkampf führen. Was ist der sachliche Kern
dieser Art von Wahlkampfführung, über den die
Öffentlichkeit klagt: Die Merkel sitzt das aus, schlachtet nur
ihren Kanzlerbonus aus; weil sie letztes Mal so polarisiert und dabei
fast verloren hat?
— Beide Seiten wollen
beweisen, dass sie sich in der Krise um das große Ganze
kümmern, da sind parteiliche Interessen und Gegensätze fehl
am Platz.
Dann sollten sie halt sagen: Deutschland ist in der Krise, wir haben
eine nationale Notlage, also müssen alle zusammenstehen,
Gegensätze zurücktreten. So aber treten sie nicht an. Der
Vorwurf lautete, dass sie beide sagen, sie seien mit ihrer bisherigen
Arbeit sehr zufrieden: Wir haben gemeinsam gut regiert.
— Es sind auch
wahltaktische Überlegungen, weil beide, SPD und CDU, nicht
ausschließen können, dass sie die große Koalition nach
den Wahlen fortsetzen müssen.
Dann hätte es letztes Mal die große Koalition nie geben
dürfen, so wie sie sich damals beschimpft haben. Dass
demokratische Konkurrenz im Schlechtmachen der Konkurrenten besteht und
die eigene Leistung immer heißt, das an der Schlechtigkeit der
Alternative zu beweisen, ist doch ein Hauptschlager. Eben diese
schäbige Veranstaltung, die jetzt vermisst wird und noch nie eine
Koalition verhindert hat. Wahltaktisch ist das schon, aber in einem
anderen Sinn. Die haben offenbar diesen Wahlkampf nach dem Motto
geführt: Wir demonstrieren, dass wir die Krise im Griff haben. Das
geht so weit, dass das Krisenthema regelrecht zu einem Unterpunkt wird.
Da geht es nicht um Deutschland in Not und welche Härten auf die
Menschen zukommen. Dass es demnächst massenweise Entlassungen
gibt, ist selbstverständlich, wird aber nicht zu einem Thema
gemacht. Im Gegenteil ist das positive Versprechen: weiter so, also
Optimismus, das Wahlargument. ‚Wir haben eigentlich eine gute Leistung
für Deutschland erbracht.' Sie haben beschlossen, wenn sie
über ihren Koalitionspartner herfallen, machen sie ihre eigene
gestrige Regierung schlecht, dann fällt die Kritik in Sachen
Krisenbewältigung auf sie selbst zurück. Erst auf der Basis
kommt dann das – der Öffentlichkeit langweilig erscheinende –
aber: demnächst wollen wir dafür gewählt werden.
Wahltaktisch ist das im Sinne von: welchen Stil sie wählen,
welches Argument sie lancieren, wie sie für sich werben. Bei
dieser Wahl heißt das: Wir demonstrieren unsere
Führungsstärke nicht wie üblich gegeneinander.
Eigentümlich ist dabei, mit welchem Argument sie in Sachen Krise
unterwegs sind: Wir reden nicht über die Opfer, sondern über
die Bewältigungsleistungen der Politik in Sachen Krise. Die
kennzeichnen sie so offensiv als erfolgreich, dass darauf eine
Schlammschlacht untereinander nur ein schlechtes Licht fallen lassen
würde. Das Krisengerede von neulich ist hinfällig, die Sache
ist bei der Politik in guten Händen. An diesem Eindruck ist ihnen
so sehr gelegen, dass sie Differenzen verwässern. Der eine
verspricht 4 Mio. Arbeitsplätze, die andere ein Vorankommen
Deutschlands mit großem Pakt zwischen Gewerkschaften, Kapital und
Politik. Das ist bemerkenswerter als die Frage, welche – eh
offensichtliche – Taktik dahinter steckt. Beide wollen mit den
behaupteten Erfolgen der Regierung Eindruck machen. So geben sie
Auskunft über eine Grundlage der demokratischen Wahl, eine
Grundlage des Erfolgs, auf den sie spekulieren und den sie dann auf
ihre Art und Weise über die Wahlstimmen bekommen. Wir sagen euch
von oben, die nationale Sache ist bei uns in guten Händen, es geht
wieder vorwärts mit Deutschland und das ist die Leistung der alten
Regierung und jede Seite betont ihren maßgeblichen Anteil daran.
Interessant ist, was darin an Unterstellungen über das
Verhältnis von Politik und Volk, sowohl der Sache nach wie der
demokratischen Ansprache nach, steckt.
— Wer sagt, das ist
langweilig, tut so, als würde er seine Zustimmung von einem
Geschmacksurteil abhängig machen.
Er hat ja wirklich ein politisches Geschmacksurteil eigener Art,
nämlich wen er interessanter findet. Wenn keiner so recht
interessant ist, bleibt er als Wähler gefragt, sich auszudenken,
warum er trotzdem wählt. Mancher geht gar nicht.
— Der Wähler
vollbringt eine ziemliche Abstraktionsleistung von all den Zumutungen,
die alternativlos in nächster Zeit auf ihn zukommen werden, und
wünscht sich einen glaubwürdigen Verkauf dieser Zumutungen.
Glaubwürdigkeit hat einen sehr methodischen Inhalt, der die
Stellung zur politischen Führung betrifft. Es geht um einen
Führungsanspruch, und zwar einen, der denen zugeschrieben wird,
die für den Wähler überzeugend sein müssen. Ganz
banal müssen sie als solche überzeugen, die das Heft in der
Hand halten und selbstverständlich alles Notwendige entscheiden.
Das hat zwei Seiten; die eine betrifft die Sache, auf die sich
Führung bezieht, die andere die Führung selbst. Wenn man
sagt, die Führung soll energisch, ordentlich, für mich
vertrauensvoll sein, was ist da die Aussage in der Sache?
— Es wird ein Sachzwang
von den zuständigen Bewältigern dieser Sachzwänge
vorgestellt, alle möglichen Notwendigkeiten, die politisch
durchexerziert werden. Nötige Opfer sind unterstellt.
Also, das Wichtige an der Wahl ist doch nicht das, was da 'alternativ'
zu entscheiden ist, sondern was entschieden ist. Wenn ein Mensch nach
glaubwürdiger Führung ruft, ist darin die
Selbstverständlichkeit eingeschlossen, dass er als Mitglied eines
vollständigen, national organisierten kapitalistischen Ladens
herumläuft, in dem die Herrschaft alles regelt.
— Es ist gerade die
Aufgabe glaubwürdiger Politiker, sich von den Interessen der
Bürger unabhängig zu machen. Und der Wahlakt ist die
Bestätigung, dass der Bürger dafür ist, dass er dieses
Interesse in der Wahl abgibt. Der Politiker muss so frei sein, weil er
keine Interessen materieller Natur berücksichtigen darf, wenn es
um eine ordentliche Führung des Staatswesens geht.
— Die Interessen kommen
aber schon vor. Es gibt sogar im Krisenwahlkampf Alternativen. Die
sehen aber dementsprechend aus, Stichwort: politisiertes Interesse. Es
gibt Auseinandersetzungen über sowieso Feststehendes und wie die
Politiker das am glaubwürdigsten bewältigen. Das findet auf
einer Ebene statt, die weit weg ist von einem Bürger-Interesse.
Das Thema Steuersenkung wird nicht so besprochen, dass die Bürger
dann mehr Geld in der Tasche hätten, sondern in erster Linie als
Problem des Staates: Kann, soll er sich das leisten, dient es dem
Wachstum?
— Dabei werden die
Interessen doch scheinbar vermittelt: Der Bürger hat mehr und
gleichzeitig wird das Wachstum angekurbelt, das auch ihm zugute kommt.
Die FDP läuft mit der Parole rum: Mehr Netto vom Brutto.
Dieselben, die sagen, alles für die Wirtschaft, verkünden
gleichzeitig, dass sie die einzig Sozialen sind, weil ohne Vorankommen
der Wirtschaft gar nichts geht. Diese selbstverständlichen
Banalitäten, dass Gleichungen – Wachstum = Arbeitsplatz –
behauptet werden und damit ständige Übersetzungen oder
Abstraktionen stattfinden. Alle aufgemachten Sachzwänge in Sachen
Standort Deutschland durchzuziehen ist der einzige und richtige Weg,
die Interessen der Bürger – so wie sie überhaupt nur gehen –
zur Geltung zu bringen. Die Politik nimmt sich dessen an. Die
unzufriedenen Leute bekommen Recht: Ihr habt Grund zur Sorge, aber wir
kümmern uns erfolgreich darum. Das ist die unterstellte, aber
ständig neu provozierte Leistung der Wahlkämpfer, wenn sie
dem Volk erläutern, was es an guter Führung hat. Die
Selbstverständlichkeit, dass der national organisierte
Kapitalismus das einzige und deswegen gutzuheißende Lebensmittel
des Volkes ist.
Also lebt dieser demokratische Zirkus über den wenig interessanten
Wahlkampf von der Selbstverständlichkeit, dass Beschwerden von
unten schon politisiert sind und gehören. Und politisiert ist
diese Übersetzungsleistung. Nichts anderes als beständig
darauf anzuspielen, dass der Mensch weiß, dass er mit seinen
Interessen daran hängt, was die Politik und die Wirtschaft in
Deutschland = für Deutschland zustande bringen. Dabei wird die
Gleichung Standort voranbringen = Arbeitsplätze auch nicht dadurch
unglaubwürdig, dass dafür Opfer notwendig sind. Über die
wird aber nicht geredet, stattdessen durch die bisherige Politik das
Versprechen ausgegeben: Es geht wieder aufwärts. Als Urteil
über Kapitalismus heißt das: Krise wäre die
Katastrophe, aber Aufschwung, den wir gerade wieder in Gang setzen, das
ist das größte Versprechen, das ein Volk von seiner
Führung erwarten kann.
Das ist so etwas wie die verlässliche Grundlage für Wahlen in
gefestigten Demokratien. So zeigt sich die Bedeutungslosigkeit der
Wahlfreiheit – bzgl. Entscheidungen über Politik –, dieses
elementaren Freiheitsakts demokratischer Bürger; aber zugleich
inwiefern dieser Freiheitsakt so unverzichtbar ist. Weil da die
Zustimmung – zu all dem, was da als politisierte Fassungen der
Interessen des Volkes seiner Unzufriedenheit angeboten wird – von oben
abgerufen und von unten bestätigt wird.
Von oben ist das Ergebnis klar: Es gibt hinterher eine Regierung und im
Prinzip Einigkeit mit den paar immanenten Alternativen. Es sei denn –
aber dagegen gibt es viele Vorkehrungen –, es gibt Parteien, die
radikalere Alternativen aufmachen, die werden bekämpft. Aber
ansonsten ist von oben – und in diesem besondern Wahlkampf bei den
beiden Hauptparteien – sehr demonstrativ Einigkeit und damit Opposition
gegen die – wenn man so will – einzige überhaupt gebotene
Alternative, die da in den Linken existiert, erklärt. Für
unten gibt es vor der Wahl den Spruch: Wer nicht wählt, soll auch
nicht meckern; und danach heißt es: Jetzt gibt es nichts mehr zu
meckern, weil die Regierung ist gewählt und legitimiert.
Am nach politischer Sicht vorläufig erfolgreich abgewickelten Fall
Opel wird demonstriert: Wenn wir mit staatlicher Unterstützung ein
erfolgreiches Unternehmen schmieden, dann ist das der Dienst, den die
Bevölkerung von uns erwarten kann; dann ist das die Leistung
für Arbeitsplätze – und zugleich wird vermeldet, wie viel
Tausend davon der Erhalt des Standorts kostet – aber 'zugemacht wird wo
anders'. Der Streit geht höchstens ums Gelingen und ob das
glaubwürdig dem nationalen Standort dient. So sind
Standortinteressen und staatliches Sinnen, wie sie es mit unserem
kapitalistischen Elementarbestand halten wollen (was erhalten, was, wie
fördern) das betätigte Wahlversprechen ans Volk.
Diese Selbstverständlichkeit hat ihre sachliche Grundlage darin,
dass der Staat seinen Kapitalismus organisiert, verwaltet, kommandiert,
voranbringt und darin, dass die Leute in ihm ihren Lebensumkreis (mit
allen schlechten Seiten) haben, also darauf angewiesen sind. Ihre
Abhängigkeit wird zum positiven Argument verwandelt.
— Die Politiker kommen da
nicht vor als die Macher, die an der Entstehung der Krise mitgewirkt
haben, die Opfer verwaltet und geschaffen haben, sondern als Löser
der Probleme und Diener am Volk.
Also diese schale Dialektik, die zur politischen Demonstration von
Führungskraft dazu gehört: Für die Unzufriedenheit
schürenden vergangenen Sachen können wir nichts, aber das zu
managen, die entsprechend umdefinierten Probleme angehen, das
können wir, das versprechen wir und das haben wir in der
Vergangenheit erfolgreich getan.
— Wenn politische
Alternativen in einem funktionierenden kapitalistischen demokratischen
Staat nichts anderes sind als Wahlprüfsteine, nämlich
Alternativen für das gleiche, für den Fortgang des
kapitalistischen Wachstums und seiner politischen Betreuung, dann passt
die Wahl dazu, dann ist diese Sorte Herrschaftsbestellung genau die
Richtige. Dazu braucht es als Grundlage, dass die Bürger ihre
Interessen so weit politisiert haben, dass sie die in den
Wahlargumenten der Parteien wiedererkennen, also sich positiv dazu
stellen.
— Das durchgesetzte
Bewusstsein ist, dass ich auf das kapitalistische Wachstum angewiesen
bin, weil das für mich mein Lebensmittel ist, und das auf der
anderen Seite dieses Bedürfnisses eine glaubwürdige und
tatkräftige Herrschaft braucht. Deshalb braucht die Herrschaft
mein Kreuz, deshalb gehe ich da hin, damit nicht weniger Geeignete
drankommen.
Das wird abgerufen, die Leute werden als Parteigänger der
Selbstverständlichkeiten aufgerufen, die eine gute nationale
Führung ihnen vorsetzt.
2.
Wahlen in Afghanistan.
Die Wahlen dort haben offensichtlich einen ganz anderen Charakter: es
geht um andere Leistungen der Demokratie, um Abstraktionen anderer Art.
Es gibt keinen Kapitalismus, in den die Leute als Arbeitsplatzbesitzer
oder Arbeitslose irgendwie eingebunden wären. Es gibt nicht diese
prinzipielle Einigkeit der Herrschenden wie in einer westlichen
Demokratie, keine durchgesetzte Staatsmacht oder ein Gewaltmonopol in
dem Sinn, dass hier ein Volk einer Herrschaft untergeordnet ist, es
gibt noch nicht einmal in den Führungskreisen einen gefestigten
Nationalismus, die Leute definieren sich nicht als Bürger, sondern
als Mitglieder eines Volkes oder Stammes; eine Trennung von Staat und
Konkurrenz-Gesellschaft, die vom Staat mit dem Erlassen von Rechten und
Pflichten verwaltet wird, gibt es nicht. Das Land ist über den
Krieg weitgehend zerstört, weit entfernt von jeder Art
‚Zivilgesellschaft’.
Aber auch dort gehen die Leute wählen und der Formalismus der Wahl
– sie sollen ihr Kreuzchen machen – scheitert weniger an ihnen als an
der Herrschaft selber. Also auch unter diesen wüsten
Verhältnissen wird zum Wählen aufgerufen, dem wird gefolgt,
einer wird gewählt und so als Herrscher-Figur legitimiert. Auch
diese Leute schaffen also die Abstraktion von ihrer jeweiligen
Lebenslage, gehen auf das ‚Angebot’ einer Wahl ein und machen ihr
Kreuz. Offensichtlich wird auch mit solch einer allerseits kritisierten
Wahl Legitimität gestiftet.
Worum geht es dann bei solch einer Wahl, die jedenfalls nicht der
Bestätigung der Herrschaft durch ein demokratisch erzogenes Volk
dient und auch kein Akt der Souveränität der dortigen
Herrschaft ist? Wenn es das nicht ist, geht es also um Bedürfnisse
von außen und die Wahl als deren Folge. Bush hat seinerzeit
überall mit dem Ruf nach Wahlen von außen eingewirkt, eine
Opposition aufgezogen und Regierungen delegitimiert, weil die jeweilige
Regierung den USA nicht genehm war. Der moderne Imperialismus ist eben
so erfolgreich und deshalb so anspruchsvoll, dass er auf die inneren
Verhältnisse anderer Staaten Einfluss nimmt; z. B. wurde in
die früheren Ostblockstaaten – Ukraine, Georgien usw. –
hineinregiert, die Regierung für untragbar erklärt und es
wurde eine Oppositionsbewegung gesponsert, die sich diesen US-Anspruch
– ausländische Herrschaften haben sich per Demokratie und Wahl vor
uns zu bewähren – zum Programm machten. Die USA als kompetente
Instanz – die Wahlbeobachter sind die dazu gehörende offizielle
Institution – nahmen die Wahlen also als Prüfstein, ob ihnen
Regierungen genehm waren oder nicht, natürlich mit parteilichem
Urteil – welche Wahlen lassen wir als legitim gelten, welche nicht?
In Afghanistan war es anders, da wurde nicht per Zersetzung eingewirkt,
sondern die Wahlen sind im Gefolge eines Krieges gegen eine unliebsame
Regierung angesetzt worden, und zwar gegen den wachsenden Widerstand
der Taliban und mitten in einem Krieg, der ja weiterläuft. Das
wird auch so besprochen und gesagt, dass die Wahlen deshalb umso
wichtiger seien. Was sind das für Wahlen, die durch eine schon
genehme Regierung abgehalten werden sollen und das auch noch mitten im
Krieg?
— Es kommt der
Besatzungsmacht auf den Beweis an, dass man nach dem Krieg
Verhältnisse installiert hat, denen das afghanische Volk zustimmt.
Sie will bestätigt kriegen, dass sie den Krieg im Namen eines
übergeordneten Interesses geführt hat, nämlich für
die Freiheit des afghanischen Volkes und nicht wegen Interessen der USA.
Eine Besatzungsmacht legitimiert sich also in einem ziemlich
verrückten Verfahren und erzeugt dort einen Schein; das ist ein
anderer demokratischer Schein als hier, wo so getan wird, als ginge es
um die furchtbar wichtige Entscheidung zwischen den Alternativen Merkel
oder Steinmeier und der Wähler habe viel zu bestimmen. Im Fall
Afghanistan ist es der Schein, dass das, was dort gewaltsam als
Herrschaft etabliert wurde, nicht dem eigenen Interesse geschuldet,
sondern im Dienste des afghanischen Volkes passiert ist. Das
Verrückte ist, dass die Zustimmung zu einer Herrschaft organisiert
wird, die nicht auf dieser in den imperialistischen Ländern
selbstverständlichen Zustimmung beruht, die ihre Grundlage in den
eingerichteten kapitalistischen Verhältnissen hat, sondern auf
einem Interesse und einer Macht von außen, die die Figuren
aussucht und zur Wahl stellt. Die Zustimmung zu diesem Stück
nation building hat keinerlei materielle Grundlage, ist im Willen des
Volkes überhaupt nicht existent. Nichtsdestotrotz – es wird
gewählt und die Stimme abgegeben für die Installation einer
Führungsfigur, deren ganze Macht, soweit sie ein Element von
Staatsmacht ist, wesentlich getragen ist vom Willen von außen;
über diese Figur soll erst einmal eine Art Zentralgewalt und im
Volk einen Bezug zu ihr hergestellt werden.
— Also wenn ein
Stammesführer durch die Zusage der Stimmen seiner Mannschaft
für seinen Clan was herausschlägt oder ein Warlord sich mit
dieser Zusage einen Posten in der Regierung ergattern will, dann sind
das irgendwelche Machtkalküle, aber dann verhält er sich doch
noch lange nicht als Untertan eines von Karsai geführten Staates?
Das sollte ausgedrückt sein mit: hier wird die Verrücktheit
einer demokratischen Legitimationsveranstaltung einer Herrschaft durch
eine Volksmannschaft inszeniert, die gegenüber dieser Führung
überhaupt nicht als Volk auftritt. Das sieht man den gerade
erwähnten Kalkülen ja auch an.
Von der Tatsache, dass diese Wahl unter Bedingungen und mit Methoden
stattfindet, die den Gepflogenheiten einer demokratischen Wahl ins
Gesicht schlagen, und Karsais Machtbereich sich mehr oder weniger auf
seinen Palast in Kabul beschränkt, wird abgesehen, wenn über
die Wahl eine Zentrale zustande kommt, die über den Wahlakt gar
nicht in einer Macht bestätigt ist, die sie von ihrem eigenen
Staat her hat, sondern die sie von außen bekommt: Eine
Führung wird bestätigt, die – von der Besatzungsmacht
eingesetzt und erhalten – mit dieser kalkuliert.
Der implizite Vergleich mit den Leistungen einer Wahl, die man
ansonsten von der Demokratie kennt, bringt nicht viel, weil hier nicht
ein Volk zur Wahl gebracht worden ist, das in einem materiell und
deshalb auch ideell, also willensmäßig organisierten
Verhältnis zu einer Staatsmacht steht. Die Wahl ist nicht das
Resultat und damit eine Bestätigung für irgendeine Art von
Befriedung in Afghanistan, sondern sie ist ein Stück Ersatz
dafür. Sie findet nicht statt wegen ihres ursprünglichen
demokratischen Gehalts – ein Volk bestätigt seine Herrschaft, weil
es in ihr seine Lebensgrundlage sieht –, sondern ist die organisierte
Fiktion, dass der Krieg und die Macht, die die USA ausüben, so
etwas wie eine innere Befriedung Afghanistans zustande gebracht und ein
Stück Zustimmung zu einer Zentrale geschaffen hätten. Aber
auf diesen Schein kommt es an, einerseits schon auch gegenüber dem
afghanischen Volk – das ist aber eher ein Untergesichtspunkt (eine Art
von Arrangement mit den Clans und deren Insassen zu finden, ist Karsai
in den vier Jahren nicht gelungen) – andererseits gegenüber der
übrigen Staatenwelt: Dass die USA als die Besatzungsmacht
legitimiert ist, über Afghanistan zu entscheiden. Die Leistung der
Wahl liegt also nicht im Verhältnis des afghanischen Volks zu
seinem Staat, sondern im Außenverhältnis, indem sie zu einem
Argument in der imperialistischen Konkurrenz wird.
Eine Leistung der Wahl nach innen ist: Egal, wie die Warlords samt
Gefolgschaft abstimmen, wir blamieren die Taliban. Das hat zum einen
das negative Moment eines Beweises, dass die jedenfalls keine legitime
Herrschaft haben. Zum anderen beweist man dadurch, dass man die Leute
zur Wahl bringt, dass diese gegen den Widerstand der Taliban
durchgeführt werden kann, dass die zurückgedrängt werden
und so im Land ein Stück eigener Ordnung errichtet wird. Insofern
ist die Wahl nicht nur eine ideologische Legitimation im Sinne von: man
will ein Bild erzeugen, sondern – zumindest dem Programm nach – ein
Stück weit die Etablierung von etwas, das mehr ist als bloß
Besatzungsmacht. Das ist – und da merkt man den Zynismus dieser Wahl –
Teil einer Gesamtstrategie bezüglich Afghanistan (s.a. GS 3-09)
und die heißt, das Land ist weiterhin ein vor allem
militärischer Hauptkampfplatz. Trotzdem wird an dem laufend
blamierten, aber deshalb noch lange nicht aufgegebenen Ideal
festgehalten, das Land selbstständiger und die Besatzungsmacht ein
Stück weit überflüssig zu machen und Ordnungskräfte
im Land zu etablieren, die den ganzen Aufwand minimieren. Die
Perspektive soll immer noch eine Herrschaft vor Ort sein, die sich
natürlich wieder nicht an ihrem Erfolg als Regierung eines Landes
misst, sondern daran, was sie an Ordnungsdiensten für außen
leistet. Zum Zynismus eines legitimen, weil Ordnung schaffenden Krieges
gehört auch, dass die Warlords mit ihren jeweiligen Berechnungen,
mit denen sie sich auf Karsai beziehen und für die sie die Stimmen
ihrer Stammes-Untertanen hernehmen, als Teil dieser Strategie
willkommen sind, wenn sie sich in das Ordnungsprogramm Afghanistan
einbauen lassen. Ziel ist ein Arrangement der politischen Kräfte,
das irgendeine, dem Ideal nach besser haltbare politische
Ordnungsleistung erbringt. Das Ganze während eines Krieges gegen
die Taliban, der ja nicht nachlässt, sondern heftiger wird und die
paar Lebensgrundlagen der Leute zunehmend ruiniert.
Die offizielle Ankündigung von Obama war, nicht nur vermehrt Krieg
zu führen, sondern diesen durch den Aufbau von
Ordnungskräften im Land, durch zivile Leistungen, die im
Wesentlichen auf mehr Militär und Sicherheitskräfte
hinauslaufen, zu ergänzen, um so eine Art politischer Verwaltung
zustande zu bringen und die Wahl ist ein Teil dieses Projekts.
Die Wahl hat ohne größere Massaker stattgefunden, die Leute
haben irgendwie ihr Kreuz gemacht, man könnte sie also als
gelungen bezeichnen. Trotzdem stellt man fest, dass im Land allgemeine
Unzufriedenheit herrscht und der Betrugsvorwurf die Runde macht: Mehr
Stimmen wurden abgegeben als es Wähler gibt, Urnen waren nicht
versiegelt, mit der nicht abwaschbaren Tinte hat es nicht geklappt etc.
Der Grund für die Betrügereien ist, dass sowohl Karsai als
auch A. Abdullah einschließlich der jeweiligen Mannschaft wissen,
dass derjenige, der die Wahl gewinnt, die Adresse für außen
ist, und das ist viel entscheidender als wenn man ein paar Warlords
hinter sich versammeln kann – das kann man dann sowieso, weil man die
Adresse ist, die ein Stück von Macht und Pfründen verwaltet.
An der Legitimation von außen hängt das Stück
Herrschaft, das man dann ausübt, und auch das, was man im Gefolge
dessen nach innen an Arrangements zustande bringt. Deswegen wird nicht
einfach auf den Ausgang der Wahl gewartet, sondern ein bisschen
nachgeholfen. Der Vorwurf des Wahlbetrugs kommt so notwendig wie die
Verteidigung und es ist keine Frage der Wahl, wer da Recht bekommt.
Auch hier geht es um die Machtfrage: Wer hat sich hier legitimiert oder
delegitimiert? Es wird behauptet, dass das mit der Wahl entschieden
werden soll, aber es wird mit der Wahl fragwürdig. Auch diese
Entscheidung weist nach außen.
Zum Vorwurf, dass die Wahl gefälscht (oder nicht gefälscht)
ist: Im Irak war dies auch schon so. Was ist dies für eine Sorte
Vorwurf, der offenbar auch international Geltung erhält? Die
bisherige Auflösung heißt, dass, wer das Argument
durchsetzen kann, er sei gewählt, die Adresse für außen
ist und damit der Verwalter dieses Moments von Macht, das über die
Besatzungsmacht gestiftet wird, also nach innen die Adresse für
alle Machtarrangements, die unter den Figuren in diesem Land
stattfinden. Man sieht an der internationalen Würdigung der Frage
nach der Wahlfälschung, wie hart gesotten Demokraten sind.
— Sie sagen, dass die
Wahrheit der Wahl darin besteht, dass sie das Mittel ist, eine
Herrschaftsfraktion zu ermächtigen.
Ja, und zwar zu einer eindeutigen, von allen anerkannten
Ermächtigung. Zweifel kommt von oben, den kann das Volk gar nicht
aufmachen. Es ist die Frage, ob sich die Herrschaftskonkurrenten
über das Verfahren einig geworden sind, dass hier einer
ermächtigt ist. Auch im Falle der Wahl zwischen Bush und Al Gore
gab es den Vorwurf des Wahlbetrugs. Damals hat es den Händedruck
Al Gores und die Anerkennung seiner Niederlage gebraucht, dann erst war
die Wahl perfekt. Über diese Anerkennung werden sie sich in
Afghanistan nicht einig, weil zu viel an unversöhnlichem,
personalisiertem Machtinteresse an dieser Entscheidung hängt.
Daher werden Wahlen zu einem Element in der Machtauseinandersetzung.
Wahlbeobachter, die EU, die UNO, eigene im Land, sind ja schon von
Anfang an dabei. Nun stehen die auswärtigen Interessenten am
Ausgang dieser Wahl vor der Frage, wie sie sich dazu stellen. Es kommt
Kritik an Karsai auf. Vom Kontrahenten Abdullah hat man nur erfahren,
dass er möglicherweise zu Recht den Vorwurf erhebt, dass bei den
Wahlen viel schief gelaufen ist. Es kommt nichts davon vor, was diese
beiden Kandidaten für das Volk, sondern was die beiden mit ihrer
Konkurrenz, ihrem Streit für uns leisten. Der Vorwurf an Karsai
lautet, er dürfe nicht zwei Wochen nach der Wahl behaupten, er
habe gewonnen. Dazu sind nur die Außenbeobachter befugt, was auch
immer seine Wahlkommission und sein Verfassungsgericht dazu sagen.
Ihnen ist Karsai nicht recht, sie haben bloß keine brauchbare
Alternative zu ihm. Diese Unzufriedenheit schleppt sich weiter. Das,
was sie an Karsai stört, liegt am selbst eingerichteten
Verhältnis. Karsai will als Führer gefragt werden, darin ist
er der Besatzungsmacht lästig. Er soll deren Gehilfe sein, sonst
nichts.
Zitat: „In der Nato ist die Empörung über Präsident
Karsai groß, der unablässig die fremden Truppen für ihr
Verhalten anprangert, kein Wort aber findet zur Gewalt der Taliban.
Karsai wird unterstellt, er betreibe auf Kosten der internationalen
Truppe Wahlkampf und schüre die Stimmung gegen die fremden
Soldaten. Gleichwohl hält sich die internationale Gemeinschaft mit
Kritik am afghanischen Präsidenten zurück, weil sie
befürchtet, dass eine öffentliche Auseinandersetzung als
Einflussnahme in den Wahlkampf verstanden würde und so noch mehr
die Legitimation der Fremden im Land untergrabe.“
Die Unzufriedenheit von außen wirft ihm Versagen dabei vor, dass
er den Übergang zur geordneten Herrschaft nicht zustande bringt,
für die er an die Macht gebracht wurde und respektiert wird. Zwar
hat man keine rechte Alternative, doch macht man sich nicht von ihm
abhängig, wenn es zugleich einen anderen gibt, der dasselbe macht.
Die äußeren Betrachter stehen also vor der Frage, wie sie
diese Wahl nach ihren zwei Leistungen beurteilen sollen: Erstens ist es
gut, dass sie überhaupt stattfindet, sie soll aber ordentlich
ablaufen; und zweitens stellt sich die Frage nach der Legitimität
und Anerkennung der Figur. Damit ist ein Sack von Berechnungen
aufgemacht, der auch öffentlich besprochen wird. Demokratie ist
endgültig beim Streit von beobachtenden Instanzen gelandet. Ginge
es um den Maßstab wahrer Demokratie, dann müssten sie die
Wahlen in Afghanistan sofort für absurd erklären. Sie sagen
jedoch etwas anderes: Wie ist das Wahlverfahren so zu regeln, dass es
irgendwie für irgendeine Art Befriedung seinen Dienst tut. Der
Erfolg, dass die Wahl von den Taliban nicht verhindert werden konnte,
wird durch den internen Streit der zur Wahl gestellten Konkurrenten
durch die Unzufriedenheit von außen mit deren Status und
Leistungen relativiert. Jetzt kommt es zu einem verrückten Streit
unter den imperialistischen Veranstaltern, wie sie dies regeln wollen,
wer hier was zu entscheiden hat – wie immer.
Zur Öffentlichkeit.
Zitat: „Gleich nach den Präsidentenwahlen in Afghanistan war noch
leichtfertig von einem Erfolg die Rede. Schließlich hatten trotz
massiver Drohungen der Taliban verhältnismäßig viele
Afghanen ihre Stimme abgegeben. Klar war auch, dass in einem so armen,
unterentwickelten, vom Krieg geschundenen Land, in dem vor allem
Stammesloyalitäten zählen, nicht alles mit rechten Dingen
zugehen würde. Das Ausmaß frivoler Wahlfälschungen, das
nach und nach ans Licht kommt, überrascht aber doch. Schlimmer
noch, Präsident Karsai steht als Hauptsünder da. Die
internationale Gemeinschaft, die seine Regierung mit bedeutenden
finanziellen Mitteln und nunmehr fast 100 000 Soldaten stützt, die
für Afghanistan täglich ihr Leben riskieren, steht vor einem
Dilemma. Sie kann Karsai nicht weiter unterstützen, aber auch
nicht einfach fallen lassen. Der beste Ausweg ist immer noch, dem
Wahlergebnis durch Überprüfungen bestmögliche
Legitimität zu verschaffen. Wenn möglich auch durch einen
zweiten Wahlgang, selbst wenn er erst im nächsten Frühjahr
stattfinden könnte.“
Sie bereden gleich gar nicht, was die Wahl in Bezug auf das afghanische
Volk heißt. Sondern was sie als Dilemma ausdrücken, ist, ob
diese Wahl das leistet, was mit ihr verbunden wurde: Dass über die
Wahl vor Ort eine Mannschaft abgesichert wird, die mit uns kalkuliert
und mit unserer Hilfe zu irgendwelchen Ordnungsleistungen befähigt
werden kann, und dass darüber der imperialistische Einsatz
legitimiert wird. Das hat gelitten.
Zitat aus der FAZ: „Etwa ein Viertel der Stimmzettel, die bei der
Präsidentenwahl in Afghanistan abgegeben wurden, ist nach Abgaben
der EU-Wahlbeobachter gefälscht. Das ist verheerend. Es wirft die
Frage auf, ob die internationale Gemeinschaft mit Präsident
Karsai, offenbar Hauptprofiteur des Betrugs, guten Gewissens noch
zusammenarbeiten kann, und es untergräbt die schwache
Legitimität der Zentralregierung und damit ihre
gleichermaßen schwache Autorität im Land. Zwei Fragen
stellen sich. Gibt es eine Alternative zu Karsai? Das müssten
eigentlich die Afghanen selbst entscheiden mit so wenig Einmischung von
außen wie möglich. Das aber birgt das Risiko gewaltsamer
Konflikte. Daraus ergibt sich die zweite, prinzipielle Frage. Ist es
klug, in instabilen Staaten mit einem Regierungsmodus, der westlichen
Vorstellungen nicht entspricht, auf Wahlen als zentrales Instrument der
Legitimation zu setzen? Statt das Land in die Turbulenzen und Konflikte
eines Wahlkampfes zu stürzen, hätte man besser daran getan,
rechtstaatliche Institutionen zu stärken und die Korruption
energisch zu bekämpfen.“
Eine demokratische Öffentlichkeit redet über das Institut
Demokratische Wahlen. Sie sagen erstens, dass in Afghanistan
natürlich nichts normal zugeht; es sich nicht an ordentlichen
demokratischen Maßstäben messen lässt; uns es aber
dennoch auf die Leistung der Wahlen als Entscheidung von
Machtkonkurrenz ankommt. Aber leider ist das dort immer so schwer.
Dabei wird die Lüge, dass es irgendwie um demokratische Wahlen
ginge, ernst genommen, wenn geklagt wird, dass diese aber als
Äußerung des Volkswillens nicht richtig in Ordnung gehen.
Oder man kommt wie die FAZ zu dem Standpunkt, dass, wenn die Wahlen
ihre geforderte Leistung nicht erbringen, sie vielleicht das falsche
Mittel sind, bzw. die gewählte Reihenfolge (erst muss die
Herrschaftsordnung institutionalisiert sein, dann kann man Wahlen
veranstalten) falsch ist. Wenn sie selbst sagen, dass es eine
verrückte Veranstaltung ist, Machtkämpfe mit Wahlen
entscheiden zu wollen, dann sagen sie das aber vom auswärtigen
Interesse an einer solchen Entscheidung her. Sie reden eigentlich
darüber, dass Wahlen als Ersatz von Krieg, als Regelung von
Machtauseinandersetzungen prinzipieller Natur, nicht taugen, beschweren
sich aber über etwas anderes, nämlich darüber, dass die
Ergebnisse in unserem Sinne wenig Ordnung stiftend sind. Dies auf der
Grundlage, dass die Kriegführenden laufend zuschlagen, dabei das
Volk mitschädigen, ihm also wenig gute Argumente für eine
Zustimmung liefern. Geklagt wird dabei nicht über das Volk, das
auch als Subjekt nicht ernst genommen wird, sondern über die
Herrschaftskonkurrenten, die man mit der Wahl in ein nützliches
Verhältnis für außen bringen wollte.
Im neuen GS (3-09) werden in dem großen Artikel zur neuen
Obama-Politik u. a. sowohl der Nahe Osten als auch Afghanistan
angesprochen.