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1. Inflation und die Rolle des Staates 2. Nachtrag zu Obama

1. Inflation und die Rolle des Staates

Letztes Mal wurde davor gewarnt, den Standpunkt, dass Inflation ein Problem sei, gleich mitzumachen. Inflation, erstmal schlicht in allgemeine Teuerung übersetzt, ist die Abstraktion von dem Umstand, dass es dafür Interessen und Subjekte gibt. Als würde sich die Konkurrenz der Kapitalisten – die Profiteure und Geschädigte hat – um ein Maximum an Profit aus der Frage völlig herauskürzen, wie es das gibt, dass nationale Gelder im Zeitlauf an sich selbst gemessen tendenziell weniger wert werden. Dass bei den offiziellen Berechnungen allemal ein Warenkorb veranschlagt wird, in dessen Zusammensetzung nicht bloß Bedürfnisse, sondern auch viele Interpretationen davon einfließen, ist dabei unerheblich. Aber es ist doch so, dass das Geld kein in der Zeit unverrückbarer Maßstab des gesellschaftlichen Reichtums ist, obwohl es andererseits für diesen gar kein anderes Maß gibt als das Geld. Beliebte Aufstellungen darüber, wie viele Prozente der Haushalte eine Waschmaschine besitzen, sollen zwar eine Messlatte für gesellschaftlichen Reichtum sein, messen aber offensichtlich etwas anderes. Das Geld ist also das verbindliche Maß des gesellschaftlichen Reichtums, obwohl gleichzeitig dieses Maß nicht feststeht, sondern im Zeitverlauf eine Verfallstendenz aufzuweisen hat. Dieser Frage soll man sich widmen, erst mal getrennt von den Überlegungen, wem das welches Problem bereitet.
Weiter ging es darum, dass es zwei völlig verschiedene Sachen sind, ob man bei Inflation an eine Rate zwischen 1 und 10 % denkt, über die man von namhaften Verantwortlichen erfährt, dass sie bis zu einem gewissen Grad in Ordnung geht, oder an ein Phänomen, wie es v. a. in 3.-Welt-Ländern allgemein zu registrieren war, dass dort die nationalen Währungen, die sowieso im Welthandel keine Rolle spielen, auch für den internen Gebrauch so rasant an Wert verlieren, dass sie eigentlich als Geschäftsmittel nichts taugen. Diese beiden Phänomene: ob Geld nichts taugt, oder ob seine effektive kapitalistische Verwendung damit verknüpft ist, dass es in mäßigen Raten an Wert verliert, sind inkommensurabel.
Zur Ergänzung: Wenn landläufig über Inflation geredet wird, wird alles Mögliche vermischt. Zu klären ist aber nicht, dass dieser oder jener Preis, der in den Rechnungen beim Aufstellen des Warenkorbes mit eingeht, höher wird. Zu klären ist der generelle Wertverlust des Geldes an sich selbst, der Verlust an Kaufkraft, den das Geld darstellt. Es geht um das, was dort als abstraktes Ergebnis rauskommt. Jeder weiß, dass es eine Rate des Wertverlusts des Geldes gibt, das soll man nicht verwechseln damit, dass der Ölpreis steigt. Inflation heißt nicht, dass dieser oder jener Preis hochgeht, sondern sie ist das generelle, sich ändernde Missverhältnis vom Geld zu seiner Kaufkraft. Das ist deswegen wichtig, weil es zur Ideologie der Inflation dazugehört, dass der Normalmensch darunter leidet und auf die Energiekonzerne schimpft. Es geht um etwas qualitativ anderes, obwohl es als Phänomen wie dasselbe erscheint. Inflation ist eine Abstraktion von den einzelnen steigenden oder fallenden Preisen. Wenn der Benzinpreis steigt, ist immer noch die Frage, ob Kaufkraft dafür von anderswo abgezogen wird. Das Phänomen selbst ist ins Auge zu fassen und nicht Umstände und Art, wie Inflation gemessen wird. Sonst ist man dabei – wie Linke Kritiker es machen -, eine richtig berechnete Inflationsrate einzufordern, die höher sei für den Normalmenschen, und ist von der Inflation weg bei einer Wirkung von Preiserhöhungen auf den Alltagslohn.
Das Zweite war, man soll sich von der Vorstellung eines durcheinander geratenen Gleichgewichts verabschieden. Das ist nur die Ideologie einer Geldpolitik, die mit der Behauptung antritt, sie müsse für so etwas wie ein Gleichgewicht sorgen. Das als Gleichgewicht behauptete geldpolitische Ideal hat mit der Realität nichts zu tun. Dafür stand die Erläuterung: Sobald mal stabile Preise drohen, herrscht überall Aufregung, weil dann in der Welt des Geldes etwas nicht stimmt.
Natürlich geht es über die Bestimmung des Geldes als Kaufmittel, dass sich das Geld als Maßstab der Preise im Verhältnis zu sich selbst ändert; irgendwie aufs Einkaufen ist der Warenkorb schon bezogen. Aber es ist eine Sache, wie einzelne Waren ihren Preis verändern und es da laufend Verschiebungen gibt. Bei der Subventionierung des Autokaufs wird jetzt beklagt, dass das Geld der Konsumenten in die eine Ware fließt und die Verkäufer der anderen Ware das Nachsehen haben. Das Geld, das als Kaufkraft in der Gesellschaft zirkuliert, wird nicht dadurch mehr, wenn irgendwas teurer wird. Eine andere Sache ist, wie es so etwas gibt, dass insgesamt die Preise steigen können und dennoch nicht weniger verkauft wird; dass sogar offenbar eine insgesamt steigende Nachfrage die Steigerung der Preise gestattet, viele Anbieter eine Chance sehen, die Preise hoch zu setzen, und dass so etwas dann insgesamt zu einem flächendeckenden Phänomen wird. Natürlich kann man das auf irgendeinen Warenkorb beziehen und verschiedene Inflationsraten ausrechnen, aber dass es das Phänomen gibt und insgesamt die kindische Vorstellung etwas für sich hat: 2001 war der Euro noch ein voller Kuchen und jetzt ist schon ein ganzes Stück verfuttert, ist an dieser übergeordneten zusammenfassenden Betrachtung erklärenswert. Es heißt ja immerhin nichts Geringeres, als dass das Geld als Maß des gesellschaftlichen Reichtums, auch in seiner Qualität als Kaufkraft, als Maßstab der Warenpreise nicht unverändert bleibt. Deswegen stimmt die volkswirtschaftliche Kindervorstellung nicht: Geld diene nur als bequemes Hilfsmittel für den allgemeinen Warentausch. Auch die Vorstellung – die man aus K I mitnimmt. Geld sei nichts anderes als der realisierte Warenwert – klärt nicht, wie es dann als Maß der geschaffenen Werte so weich sein kann. Das hat beim heutigen Geld andere Ursachen als in früheren Zeiten, wo Gold allgemeine Geldware war und je nach den Produktionsbedingungen von diesem Stoff auch insgesamt das Geld mehr oder weniger wert war.
Was ist heute der Grund dafür, dass das Geld als Maß der Werte eine Tendenz an sich hat, seinen Wert zu mindern? Inflation als Begleiterscheinung des kapitalistischen Wachstums, die das Wachstum schmälert, aber es nicht gleich zunichte macht, ist es eine Nebenwirkung der Produktivkraft des Finanzgewerbes. Die Verwendung des Geldes als Kaufmittel in kapitalistischer Hand, als Vorschuss, ist dank der Leistungen des Kreditgewerbes befreit von der Bestimmung des Geldes, der realisierte Warenwert zu sein. Es kann als Vorschuss für Produktionsmittel, Arbeitskraft etc. fungieren und Werte wirksam antizipieren, auf deren Zustandekommen der kapitalistische Produktionsprozess erst setzt. Das wurde letztes Mal schon mit der elementaren Bestimmung des Geldes verknüpft, dass schon dieser verselbständigte, in all seine Abstraktheit vergegenständlichte Warenwert, nichts anderes zum Inhalt hat als Zugriffsmacht. Geld in seiner Eigenschaft als Kaufmittel ist zwar ein anfassbares Ding (deswegen als Fetisch beschimpft), hat aber seine inhaltliche Bestimmung nicht in dem Geldschein oder der Münze, sondern darin, dass sie Zugriffsmacht auf gesellschaftlichen Reichtum repräsentiert. Das ist das, was Geld als Geld kennzeichnet. In so höflichen Bestimmungen wie allgemeines Äquivalent oder Kaufmittel ist die Grundlage des ganzen in einem gesellschaftlichen Gewaltverhältnis – dass hier Macht privatisiert wird, Geld die private Macht über die Möglichkeit aller in Warenform vorliegenden Bedürfnisse ist – stillschweigend vorausgesetzt. Geld ist keine nachzählbare Summe an Arbeitsstunden, die drinstecken, sondern es ist die Verfügungsmacht über ein gewisses Quantum an gesellschaftlich notwendiger Arbeit, die sogar selbst darüber entscheidet, wie viel die Arbeit, die in den Produkten drinsteckt, überhaupt zählt. Die Praxis des Kaufens entscheidet über den Wert, der in der gekauften Ware drinsteckt. Das ist das wirkliche Verhältnis zwischen Geld als privater Macht und den Objekten, auf die es sich bezieht und aus deren Produktion es entspringt. Mit dieser Bestimmung des Geldes ist auch verbunden, dass sein eigentlicher Sinn und Zweck such nicht darin erschöpft, es dafür auszugeben, irgendeine Ware an sich zu bringen und zu verbrauchen. Sondern wenn es ums Geld als gesellschaftliche Verfügungsmacht geht und die Ware nur das Instrument ist, aus dem diese Macht entsteht, um sich wieder auf neue Ware zu richten, dann – leitet Marx ausführlich ab – geht es beim Geld darum, dass es nicht einfach gegen Ware ausgetauscht wird, sondern darum, mehr zu werden. Dass diese Macht dann ihre Bestimmung darin hat, sich als Macht zu betätigen und nicht zugrunde zu gehen mit dem zufälligen Objekt, in das es verausgabt wird, das ist kurz gefasst die Marxsche Ableitung vom Geld zum Kapital. Vom Standpunkt des Finanzkapitals aus ist das wie eine Rückerinnerung zusammengefasst. Was Marx als die Logik des Kapitals erläutert (G – G'), genau darauf kommt es dem Finanzkapital an. Es schießt es vor, damit aus ihm mehr wird, und dass aus ihm mehr wird, rechtfertigt den Vorschuss. Das zur Wiederholung.
Inwiefern ist darin als Nebenwirkung so etwas wie eine Aufweichung der Qualität des Geldes als Maß der Werte/Maßstab der Preise enthalten? Im Prinzip ist jetzt die Umkehrung vollzogen: Auch als Kaufmittel steht es im Dienste der Vermehrung. Seine produktive Verwendung als Vorwegnahme des Ergebnisses ist die Wahrheit übers Geld. Der Kredit wird zum Ursprung des kapitalistischen Wachstums, der Geldproduktion.
Wie viel sich verstetigender Überschuss der per Kredit geschaffenen Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft über das damit hergestellte und verkäufliche Produkt hinaus entsteht, ist mit diesem prinzipiellen Verhältnis überhaupt nicht entschieden. Aber die Möglichkeit einer Inflationsrate ist mit dieser Priorität der Verwendung des Geldes als Geschäftsmittel vor seiner Eigenschaft als Kaufmittel und Maßstab der Preise eingeschlossen. Ob und wie viel tatsächliche Inflationsrate daraus wird, ist eine andere Frage, nämlich eine Angelegenheit der Konkurrenz der Kapitalisten. Das hängt letztlich sogar davon ab, wie schnell die Kapitalisten bei der Umwandlung des Vorschusses einer zusätzlichen Zahlungsfähigkeit in zusätzliche Ware – die die Zahlungsfähigkeit dann an sich zieht – sind; wie schnell sie mit ihren Preiserhöhungen sind, wie sie das durchsetzen können usw. Die Möglichkeit der Inflation als Nebenwirkung der Leistungsfähigkeit des Finanzkapitals und die Wirklichkeit einer Inflationsrate, die davon abhängt, wie im allgemeinen Geschäftsgang einer Nation, eines Währungsraums, die Verwendung des Vorschusses klappt, sollte man auseinanderhalten. Wobei gar nicht unbedingt ausgemacht ist, je besser sie klappt, um sie größer ist die Inflationsrate. Aber, je flotter das Wachstum, umso größer ist doch die Gefahr, dass eben ein sehr gewaltiger Vorschuss sein Werk als Zahlungskraft in den Händen der Kapitalisten tut wie am Ende dann auch in den Händen der von ihnen gekauften Arbeiter. Das ist im Zuge eines größeren Aufschwungs eine Masse von Zahlungsfähigkeit, die erst mal flächendeckend Preiserhöhungen größeren Kalibers gestattet. So wird dann auch z. B. an China beobachtet, dass da zwar üppige Inflationsraten herrschen, die aber ein noch viel üppigeres Wachstum begleiten. Da zeigt sich die Leistungsfähigkeit des Finanzgewerbes, das so riesige Vorschüsse kreiert, mit denen dann in dieser Nation tatsächlich gewirtschaftet wird, und sich durch die Wachstumsraten, die damit zustande gebracht werden, rechtfertigen.
Was ist umgedreht das Problem, wenn ein Finanzgeschäft scheitert, die Banken einen Vorschuss an einen Kapitalisten gegeben haben, dem sein Geschäft nicht gelingt? Mit Inflation hat das nichts zu tun. Dann ist der Kreditnehmer pleite, der Kreditgeber geschädigt, die geschaffene Zahlungsfähigkeit hat sich weder in einen Gewinn noch in eine verkäufliche Ware verwandelt, ist also nicht geeignet gewesen, dazu beizutragen, die gesellschaftlichen Preise zu erhöhen. Die Inflation ist insoweit eine Nebenwirkung der Produktivkraft des Finanzgewerbes. Dass in der allenthalben ein Scheitern eingeschlossen ist, heißt für den Kapitalismus nichts Besonders. Es heißt aber durchaus etwas für die Konkurrenz, in der Preiserhöhungen durchgesetzt werden müssen; es heißt womöglich auch etwas für die Inflationsrate, die rauskommt. Aber um die Frage, wie hoch die Inflationsrate am Ende ist, sollte man sich besser nicht kümmern. Dafür gibt es kein anderes Gesetz als die Rangeleien der Konkurrenz um die zu erzielenden Preise.
Zur Frage, was der Staat mit seinen Steuern und Schulden damit zu tun hat, kann man bequemerweise erst mal das andere Phänomen einer 'galoppierenden Inflation' ins Auge fassen, bei der eine Währung tatsächlich untauglich wird über ihre riesige Inflationsrate, wenn z. B. ein Geldschein nach einer Woche nur noch die Hälfte wert ist. Dass solche Phänomene ein Werk einer Staatsbank sind, ist klar, denn wer druckt das gesetzliche Zahlungsmittel und setzt es in die Welt. Was ist die Bestimmung einer solchen Inflation? Das gesellschaftliche Zahlungsmittel verliert so rasant seinen Wert, dass es als Kaufmittel nur tageweise taugt, als Aufbewahrungsmittel für gesellschaftlichen Wert, also als Maß und Inbegriff des gesellschaftlichen Reichtums und als Geschäftsmittel schon überhaupt nichts mehr. Schon damit ist klar, ein kapitalistisch rechnendes Kreditgewerbe bringt so eine Inflation sicher nicht zustande, was auch an der Materie der Inflation sichtbar ist. Es sind dann die staatlich in die Zirkulation geworfenen Zettel, die von der staatlichen Notenbank zu verantwortenden Ziffern, die täglich von Staats wegen aufgeblasene Menge an Zahlungsfähigkeit, die dazu führt, dass diese nichts taugt. Dieser Effekt entsteht, weil es kein Wachstum gibt, keine produktive Arbeit in der Gesellschaft, keinen Produktionsprozess, der diese Schöpfung von Zahlungsfähigkeit irgendwie rechtfertigen würde. Da hat man das (begrifflich gesprochen) simple Phänomen vor sich, dass eine vom Staat auf dem einen oder anderen Weg per Schulden in die Welt gesetzte Zahlungsfähigkeit das Wachstum des wirklichen Reichtums ersetzt. Sei es direkt durch die Notenbank als gesetzliches Zahlungsmittel, sei es, dass der Staat sich erst von der Notenbank diese abholt und als Großkonsument in die Zirkulation wirft, seine Angestellten als einzig produktive Tat damit bezahlt. Es ist da nicht so, dass die vom Kreditgewerbe geschöpfte Zahlungsfähigkeit das Wachstum des Kapitals begleitet, sondern dass vom Wachstum des Kapitals gesamtgesellschaftlich nicht die Rede sein kann. Der Mangel, auch der an käuflicher Ware wird von Staats wegen kompensiert durch eine Fiktion von Zahlungsfähigkeit, durch eine nur aufgeschriebene Kaufkraft, der die private Macht des Zugriffs, die der Staat formell auch da noch seinem Geld zuspricht, praktisch nicht innewohnt, weil es die zu kaufende Ware nicht gibt. Das ist ein Phänomen des Mangels, aber nicht im Sinne einer klassischen Hungersnot, bei der es das Zeug ganz einfach nicht gibt, sondern eines Mangels, den der Staat zu kompensieren sucht durch die Schaffung immer neuer, zusätzlicher Massen von Zahlungsfähigkeit, die, weil es (für sein Geld) nichts zu kaufen gibt, auch nichts taugen. Es gibt nichts zu kaufen, auch nicht für Kapitalisten, die auf ein lohnendes Geschäft warten.
 — Das verstehe ich nicht, denn wenn der Staat sein Geld ausgibt, gibt es dafür doch wohl was zu kaufen?
Aber dem Geld ist die Zugriffsmacht abhanden gekommen, obwohl der Staat sie eigentlich weiterhin dekretiert. Da ist kein Produktionsprozess im Gang, der dieses Dekret des Staats – man soll damit auch einkaufen können – realisiert. Das ist die Kehrseite des vorhin Erklärten: die Zugriffsmacht des Geldes ist natürlich ihrerseits nichts wert, wenn es nicht die Möglichkeit der Genüsse und der produktiven Anlage, auf die sie sich richtet, gibt. Wenn der Staat dann trotzdem daran festhält, dass sein Geld diese Zugriffsmacht eröffnen soll, dann zieht er daraus den (übrigens auch dem Finanzgewerbe entlehnten und seiner Kenntnis der kapitalistischen Verhältnisse entstammenden) irrsinnigen Schluss: Wenn für einen Tausender die Zugriffsmacht nicht langt, tun es vielleicht 10 davon. Die sich daraus ergebende galoppierende Inflation geht allemal darauf, dass irgendwann dieser ganze Irrsinn gestoppt und alles, was der Staat inzwischen an Schulden auf seine Rechnung notiert hat, mitgestrichen wird. Das ist eine Art, wie der Staat sich entschuldet.
 — Mir ist der Unterschied nicht klar von der Erklärung der Inflation aus der Vorwegnahme kapitalistischen Wachstums durch die Banken und jetzt durch die Staatsverschuldung. Ist es etwas völlig anderes oder ist der Unterschied nur quantitativ?
Die beiden Fälle sind qualitativ unterschieden. Im ersten Fall ist es die Vorwegnahme kapitalistischen Wachstums durch den Kreditschöpfer und -geber. Im zweiten Fall handelt es sich um den Ersatz nicht stattfindenden kapitalistischen Wachstums durch einen Kreditgeber. Und so einen Kreditgeber findet man nur in Form des Staates. Es gibt kein Bankinstitut, das mehr als einmal ausbleibendes Wachstum durch Kredit ersetzen würde. Zwar steht auch eine Bank immer, wenn ein Bankkunde pleite zu gehen droht, vor der Entscheidung: Lasse ich ihn pleite gehen und schreibe meinen Vorschuss ab, oder traue ich ihm zu, mit neuem Kredit endlich ins Geschäft zu kommen. Wenn die Bank letzteres tut und er doch pleite geht, dann hat sie sehr unwillentlich ein ausgebliebenes Wachstum durch den zusätzlichen Kredit ersetzt. Die Bank versucht dann im Konkursverfahren noch das Beste herauszuholen. Es gibt aber keine Inflation, sondern die Bank muss etwas abschreiben. Dass so etwas flächendeckend eine ganze Gesellschaft so bestimmt, dass allen Ernstes das Geld in solch einem Maß darunter leidet, dass die darin vergegenständlichte Macht in kurzer Frist zerbröselt – für einen solchen Ersatz von Wachstum durch Kredit gibt es nur ein Subjekt: Den Staat, der meint, dass er auf die Art irgendwie doch noch, obwohl eigentlich alles zu spät ist, seinen nationalen Kapitalismus deichselt. Bei einem aufgeklärten Staat steckt dabei allemal die Berechnung dahinter, dass er auf die Tour Schulden los wird und demnächst mit einer neuen Währung, z. B. der Rentenmark, neu anfängt.
Das haben alle Staaten gelernt, dass es für die Nation ein Geld braucht, das Zugriffsmacht, Zahlungsfähigkeit repräsentiert, und das gebraucht wird, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen; dass es auch einen Vorschuss braucht: die Verwendung von Geld als Kredit; und dass man sich nicht gleich irritieren lassen darf, wenn zwar der Vorschuss da ist, das Wachstum aber unterbleibt. Ein moderner Finanzminister wird den Teufel tun und sich zum Sparen entschließen. Er muss es sich stattdessen leisten, die Kreditvergabe zu erleichtern, damit doch Wachstum zustande kommt. Hier hat man jetzt die Verbindung zwischen beiden Sachen. Erst wenn man den qualitativen Unterschied hat zwischen dem Anstoßen von Wachstum als Sache des privaten Bankgeschäftes, und flächendeckend nicht stattfindendes Wachstum Ersetzen als Notmaßnahme einer Staatsgewalt, dann kommt der dritte Fall zustande.
Die bürgerliche Welt der Kommentatoren verdächtigt grundsätzlich jede Staatsschuld – außer der vielleicht für EADS und für große Firmen, die im internationalen Wettbewerb stehen ‑, sie wäre nicht dazu gut, kapitalistisches Wachstum anzuleiern, sondern zu ersetzen. Auch ein Wirtschaftsminister zu Guttenberg reagiert erst einmal so. Dies findet sich z. B. in der Formel wieder, der Staat sei doch kein guter Unternehmer. Wenn aber der Staat Schulden macht und damit ein nationales Wachstum wirklich anstößt, so dass hinterher sein Bruttosozialprodukt und seine Steuereinnahmen wachsen, spielen seine Schulden keine Rolle mehr. Der Anteil der Schulden am Bruttosozialprodukt bleibt gleich, die Bedienung der Schulden durch das Steueraufkommen passt in den Haushalt hinein. So kann man die Logik der Kreditvergabe zwecks Wachstum auch auf den Staat übertragen. Wir reden jetzt noch immer über die Besichtigung dieses Phänomens, und so steht neben dem Verdacht, dass jede Staatsschuld eigentlich Wachstumsersatz ist, der andere Standpunkt, dass bis zu einer gewissen Grenze die Staatsschuld Wachstumsmotor und dadurch gerechtfertig ist. Wie viel da dran ist und an welcher Stelle der Umkipper passiert, dazu kann man sich z. B. bei den Erfindern der Maastricht-Kriterien erkundigen. Hier zeugt die Meinungsvielfalt der bürgerlichen Betrachter auch von einer Wahrheit, dass es nämlich eine quantitativ bestimmbare Grenze nicht gibt; sie ist das Steckenpferd bürgerlicher Volkswirte. Weil der Staat an der Verschuldung prominent mitwirkt und seine Verschuldung im Hinblick darauf macht, dass auch sie sich nach den Maßstäben des Kreditgewerbes durch erzeugtes Wachstum rechtfertigt, ist damit die ganze Palette staatlicher Kreditschöpfung und Geldverausgabung eröffnet, bei der man sich meistens erst im Nachhinein den Kopf zerbrechen kann, ab wann die Funktion dieser Staatsschulden, nicht stattfindendes Wachstum zu ersetzen, die schöne Funktion, Wachstum in Gang zu bringen, erschlagen hat.
Um die Rolle des Staates noch einmal zu bestimmen: Vorgriff auf Wachstum heißt ja nicht, dass es demnächst zustande kommt, vorher wird kreditiert und das Wachstum folgt dann. Vorgriff ist etwas anderes, es ist ein Akt der Spekulation. Und Spekulation heißt, es wird darauf vertraut, dass mit dem Kreditieren selber ein Geschäft gemacht wird, indem andere mit dem Kredit etwas anstellen. Es hängt am Vertrauen auf das künftige Wachstum, darauf, wie sich die Kreditbedingungen und -umstände auswirken; das macht Schulden zu Kapital. Spekulation ist nicht das unmittelbare Verhältnis, dass der Vorgriff zur Wahrheit wird. So wird kapitalistisches Wachstum per Kreditverhältnisse produziert. Beim Staat liegt anderes vor. Er macht seine Schulden mit Blick darauf, dass durch sie Wachstum angestoßen wird. Aber schon hier ist es ein anderes Verhältnis als beim Kredit, denn keiner, der Kredit vergibt, will Wachstum in der Gesellschaft anstoßen, er will vielmehr sein Geschäft damit machen. Der Staat will mit seinen Schulden das gesellschaftliche Wachstum anstoßen, und schon an dem, wie er seine Schulden macht, zeigt sich dies, er verwandelt sie in Geschäftsmittel des Finanzkapitals. Allerdings hat er erstens die Macht darüber und zweitens auch lauter gute Gründe, diese Macht wahrzunehmen: Er als Subjekt von Geldverhältnissen macht nämlich seine Schulden nicht nach den ökonomischen Konditionen und Schranken einer alltäglichen Kreditvergabe; dass sie für das Wachstum sind, heißt noch lange nicht, dass er sie abhängig macht vom Vertrauen oder Misstrauen ins Wachstum. Beim Staat ist es genau andersherum: Je größer das Misstrauen ins Wachstum wird, umso mehr sieht er sich aufgerufen, für das Wachstum tätig zu werden. Und am Ende ersetzt er glatt Wachstum. Darüber kommt dieses Missverhältnis zwischen Wachstumsziffern und Staatsschulden in die Welt. Weiterhin findet der Staat in seinem Bestand lauter Notwendigkeiten, die es ihm gar nicht erlauben, im Verschuldungswesen rücksichtsvoll zu sein, siehe z. B. Zimbawe: der Staat soll am Laufen gehalten werden. Hier handelt es sich nicht einmal darum, Wachstum durch Staatsschulden zu ersetzen, sondern allein darum, den Staatsbestand überhaupt zu sichern. Der Staat nimmt also eine Sonderstellung ein bei der Frage, wo die Inflation herkommt.
Den Übergang von dem, dass Inflation das Phänomen ist, das das Wachstum begleitet, zu einem dauerhaft flächendeckenden Schaden, macht kein privates Geschäft. Die Banken machen pleite, oder man hat das jetzige Phänomen einer Krise. Die Finanzinstitute machen zunächst lauter Geschäfte und annullieren dann selber, durch Vertrauensverlust, Stornierung des Geschäfts usw., das Wachstum, das sie bis dahin zustande gebracht haben. Das Resultat ist dann auch keine Inflation, sondern ein flächendeckender Zusammenbruch dieses Geschäfts verbunden mit der Gefahr eines Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Geldzirkulation. Das nationale Geschäft geht in der Folge zugrunde, nicht das Geld. In dieser Situation sieht der Staat es als notwendig an, nicht Wachstum zu ersetzen, sondern einen Zusammenbruch verbuchten Wachstums irgendwie zu deichseln, indem die Verluste der Banken zumindest teilweise ersetzt werden. Es ist eine Ersatzvornahme, die mit dem Fungieren des Geldes als Kaufkraft in Kapitalistenhand für Waren, die die Warenzirkulation wieder in Gang bringen, erst einmal nichts zu tun hat. Damit hat ihr Konjunkturprogramm etwas zu tun, mit dem sie ausbleibende Nachfrage ersetzen. Dass es dadurch keinen inflationären Effekt gibt, liegt daran, dass die Firmen auf ihren Waren sitzen, die sie nicht loswerden und vor ihrer Entwertung stehen.
Eine nationale Krise auf Staatskredit zu bewältigen, kann sich nicht jede Nation leisten. Darüber sind lateinamerikanische Währungen im vorigen Jahrhundert reihenweise kaputt gegangen. Die gesamte internationale Geschäftswelt hatte sich auf den Standpunkt gestellt, dass hier nichts anderes vorliegt als Ersatz nicht stattfindenden Wachstums durch staatliche Geldschöpfung. Und dies begründete erst recht ihr Misstrauen in das Wachstum dort und das dortige Geld als das Verfügungsinstrument darüber. Damit war deren Währung nichts mehr wert und die einzelnen Länder insgesamt kreditunwürdig.
Wenn staatlich geschöpftes Geld als Lohn an die Staatsangestellten ausgegeben wird, die ungefähr zwei Drittel der Gesellschaft ausmachen und damit einkaufen gehen und für das, was sie gestern noch an Geld bekommen haben, heute nichts mehr bekommen, weil die Inflation so hoch ist, und der Staat akzeptiert diese Rechnung, indem er am nächsten Tag eine 2 statt eine 1 auf die Scheine druckt, dann hat man das folgende Phänomen: Die, die noch Ware zu verkaufen haben, rücken sie für dieses Geld nicht mehr heraus. So verliert dieses Geld seine Kommandomacht über das, was es an Warenreichtum in der Gesellschaft gibt. In Ländern wie z. B. Argentinien ist das unter Umständen damit verträglich, dass es für einen, der z. B. Dollar hat, alles zu kaufen gibt. Die Rechnung derer, die über den Warenreichtum gebieten, der Geschäftswelt, die unter Umständen durchaus noch einen produktiven Zirkel in Gang hält, die unterscheidet zwischen der Kommandomacht des Geldes, das der eigene Staat druckt, und der man wegen der Aufblähung im Staatsdienst den Charakter eines Repräsentanten von Wert nicht mehr zutraut, und einem anderen Geld, mit dem noch wunderbare Geschäfte gemacht werden können. Die Konkurrenz der Nationen stellt sich hier dar als Konkurrenz zwischen Warenverkäufern und Käufern um die bessere Währung, in der man abrechnet. Das sind die normalen Begleiterscheinungen einer Inflation des zweitens Typs, die den Wert des Geldes insgesamt ruiniert.
 — Die Redeweise ‚das Geld des Staates findet nichts zu kaufen vor’ steht doch dafür, dass der sich verschuldende Staat nicht über eine ordentliche, Geld produzierende Geschäftsgrundlage verfügt. Im vorher geschilderten Fall, versucht der Staat, sein Geld als Kommandomittel über die Funktionen, die er in seiner Gesellschaft haben will, zu benutzen – deshalb druckt er es und bringt es in Umlauf -, aber es tut sein Werk nicht mehr. Oder er versucht mit dem Geld Wachstum anzuleiern, was der erfolgreichere Staat auch tut. Das besteht da aber darin, das Geld für lauter Voraussetzungen auszugeben – z. B. wenn er ausländisches Kapital anziehen will -, die aber nur solche bleiben.
Wobei – Stichwort ausländisches Kapital – bei den lateinamerikanischen und vielen anderen Staaten gar nicht nur die Frage ist, wie viel Ökonomie in dem Land stattfindet, sondern, wem sie gehört und wem sie zu Gebote steht. Wenn der Staat die Freiheit eröffnet, seine Ökonomie auch mit fremdem Geld auszunutzen, dann ist es nicht mehr sein Geld, das die Materie ist, in der der nationale Reichtum wächst. Wenn es anderes Geld ist, dann hat der Reichtum seine Bilanz in einer anderen Währung und man hat den Effekt, dass die Produktion zwar im Land stattfindet, aber der Staat materiell, mit seinem Geld, gar nicht über sie gebietet. So kann es dann nebeneinander zu dem Effekt kommen, dass für Dollars alles zu haben ist, aber mit den Pesos, die der Staat druckt, kein sonderliches Geschäft zu machen ist.
 — Und die Verschuldung dieses Staates passiert dann auch gleich in fremder Währung.
Wenn er sich in der Weise verschuldet, dass er selber Geld druckt und seine Bürger zur Annahme dieses zunehmend wertlosen Zahlungsmittels zwingt, verschuldet er sich in seiner eigenen Währung. Sobald er außerhalb seines Territoriums etwas kaufen will, versagt seine Währung, er muss sich in einer fremden Währung verschulden. Das ist dann der endgültige Indikator dafür, dass sein Geld international nichts wert ist. Seine Verschuldung ist auch keine lockere Angelegenheit, weil er als Kreditnehmer auftritt, bei dem die ganze Welt darauf achtet, wie solvent er ist.
 — So sehen dann ja auch die anderen Fälle von Rettung in der Finanzkrise aus, dass Ungarn auf einen IWF-Kredit angewiesen ist, die entsprechenden Auflagen zu erfüllen hat. Durch Förderprogramme das eigene Wachstum anzukurbeln, wird dem Land nicht gestattet.
So eine Aktion wie vorher beschrieben – ein Staat produziert irrsinnige Massen von Schulden, um die Finanzkrise zu deichseln – muss er sich erst einmal leisten können. Das Paradox dabei ist, dass er vor genau der Spekulanten-Mafia bestehen muss, die er gerade gerettet hat; denn kaum hat er sie gerettet, sind sie ja die kritische Instanz, die überprüft, ob sie der Schulden-Materie, mit der der Staat sie gerade gerettet hat, mehr zutrauen sollen als den toxischen Wertpapieren, die er gerade gerettet hat. So kommt es dann, dass z. B. England um das Triple-A-Rating seines Pfund bangen muss, weil es ja so viel davon für die Rettung der Instanzen ausgegeben hat, die jetzt darüber befinden, was das taugt. Solange die Staaten diese Richter-Funktion der Finanz-Mafia als ihre Geschäftsbedingung anerkennen, läuft es eben so. Die Alternative – die auch immer als Schlimmstes befürchtet wird – wäre ein Protektionismus im Finanzwesen.
 — Bei Wachstum gibt es eine Inflationsrate und da befruchten sich die beiden Seiten wechselseitig – je größer das Wachstum, desto mehr Vorschuss wird gegeben und das Inflationäre ist damit schon benannt: Vorschuss im Verhältnis zum realisierten Überschuss.
Dabei ist der Vorschuss immer mehr als das, was schon produziert worden ist; ob das in Warenform schon irgendwo herumlagert oder ob es tatsächlich so etwas wie den berühmten Kaufkraftüberhang zustande bringt, der dann im Zuge des Wachstums Preiserhöhungen gestattet – das ist dann eine Frage der Konkurrenz.
Andererseits gilt das Szenario, dass die Preise nicht steigen und womöglich eine Deflation droht, zu Recht als die größere Gefahr, weil das ja bedeutet: Die, die Geld haben, enthalten es dem Wirtschaftskreislauf vor. Oder die Banken geben angesichts einiger fallierender Geschäfte weniger Kredite als die Wirtschaft nachfragt. Dass ein Konsument sich keinen Schrank kauft, mag relativ langweilig sein, aber wenn womöglich auch deswegen die Kapitalisten ihr Geld nicht mehr investieren, dann unterbleibt nach der Seite hin Wachstum. Das ist allemal viel schlimmer als wenn das Kreditgewerbe für überschießende Vorschüsse sorgt, die dann das Wachstum anleiern.
Unter der Hand ist vorher ein anderes Thema eingeflossen, nämlich das des internationalen Vergleichs der Gelder. Bei der Inflation verliert das Geld Wert im Verhältnis zu sich selber, weil es das national gültige, alternativlose Geschäftsmittel ist. Der heutzutage laufend stattfindende Vergleich der Gelder aneinander ist etwas anderes, da werden sie als Geschäftsmittel verglichen, das ist in einem ganz anderen Sinn ein qualitatives Urteil. Dass da die Inflation eingeht, mag sein, aber sie werden vom internationalen Finanzwesen als Anlage- und Geschäftsmittel verglichen, und das sollte man auseinander halten.
Dazu gehört noch ein Unterkapitel, das auch schon angesprochen war. Die Staatsschulden sind hinsichtlich ihrer inflationären Wirkungen betrachtet worden, nämlich, was der Staat, der sie macht, damit anrichtet und was er damit ausrichtet. Ist es ein Beitrag zum nationalen Wachstum oder artet es aus in eine Kompensationsmaßnahme, mit der der Staat die mangelnde Kommandomacht seines Geldes dadurch ausgleichen will, dass er mehr davon druckt? Er steigert das Quantum gesetzlicher Verfügungsmacht, um das qualitative Versagen seines Zahlungsmittels als Kauf- und Geschäftsmittel zu kompensieren – eine missliche Situation für einen Staat. Gerade, damit das Letztere nicht passiert, haben sich die modernen kapitalistischen Staaten auf eine bestimmte Art von Staatsverschuldung festgelegt und das Gelddrucken vertraglich verboten. Damit die Freiheit, die sie sich mit der Verschuldung eröffnen, nicht zu einer Kompensationsmaßnahme der obigen Art gerät, soll das Finanzkapital die staatlichen Schulden aufkaufen; die Finanz-Mafia soll also darauf spekulieren, dass das, was der Staat mit seinen Schulden macht, für sie zuverlässig ist, was irgendwie das Urteil mit einschließen soll, dass durch diese staatlichen Schulden in Sachen kapitalistischer Reichtumsproduktion auch etwas in die Gänge kommt und floriert.
Der moderne Staat baut gewissermaßen eine Abhängigkeit von der Spekulanten-Mafia in seine Verschuldung ein, weil er das Urteil des Finanzkapitals als Kriterium dafür anerkennt und wertet, ob seine Verschuldung in dem Sinn, wie jetzt erörtert, produktiv ist und als Anreiz für gesellschaftliche Bereicherung ihren Dienst tut oder – wenn sie als Bereicherungsmittel abgelehnt würde – eben nichts wert ist. Letzteres lässt natürlich kein Staat auf sich sitzen – wenn die Finanzwirtschaft ihm seine Schulden nicht abkauft, muss das eben die eigene Notenbank tun.
Die moderne Form des Gelddruckens geht so, dass der Staat die Konditionen so ausgestaltet, dass die Finanzwelt ihm die Schulden abnimmt; dazu muss er seine Zinsen erhöhen. Er will sich seine Verschuldung allen Ernstes nur dann leisten, wenn das Finanzkapital sie als Stoff für sein Wachstum akzeptiert. Damit – so kalkuliert der moderne Staat – kann bei seiner Verschuldung schon mal nichts mehr schief gehen, weil die, die für das nationale Wachstum sorgen, ja dann seine Schulden als Wachstumsmittel für sich anerkennen – es ist ein bisschen so, als wolle er sagen: Die wissen schon, was sie tun. Er bemüht sich also darum, dass das spekulierende Finanzkapital seinen Schulden den Charakter eines fiktiven Kapitals zuerkennt – dann, meint er, hat er die Garantie, dass das kapitalistisch in Ordnung geht. Es ist ja auch in gewisser Weise eine Korrekturinstanz, aber immer in dem Hin und Her, dass der Staat Rückmeldung vom Finanzgewerbe bekommt und dass er darauf wieder mit einer Neugestaltung der Konditionen seiner Verschuldung reagiert. Irgendwann ist er aber auch damit am Ende – siehe Ungarn: Alle Konditionen, mit denen der dortige Staat seinen Forint ausstattet, überzeugen keinen Kapitalisten mehr.
 — Das ist das Zweischneidige an verbesserten Konditionen: welchen Schluss die Spekulantenwelt daraus zieht – ob diese Konditionen gute sind oder ob sie signalisieren, dass es bergab geht mit dem Staat, der sie ausgibt. Im Fall Ungarn war es ja zwischenzeitlich so, dass ihm seine Anleihen auf dem Kapitalmarkt nicht mehr abgekauft worden sind. Die USA sind dazu übergegangen, gerade nicht ihre Konditionen zu verbessern, sondern sich ihre Schulden von der Zentralbank abkaufen zu lassen. Es zeugt von einer extremen Finanzmacht, dass solch ein Manöver nicht als Indiz für einen schlechten Dollar genommen wurde.
Genau die Rückmeldung kommt jetzt aus China. Die haben angemahnt, dass die US-Regierung nicht einfach zum Drucken übergeht, sondern den Wert des Dollar und damit ihrer Schulden aufrecht erhält. Hier hat man die Besonderheit, dass sich ein Staat mit einem anderen Staat als Gläubiger auseinandersetzt.
Was die Inflation bedeutet, zeigt sich weniger an der Rate als an der Bewertung der staatlichen Schulden durch das international vergleichende Finanzkapital. In diese spekulative Rechnung mit den Schulden der Staaten fließt dann auch die Bewertung der Inflationsrate mit ein, die man in dem Land vorfindet. Das ist eben keine statistische Größe, die aus dem Warenkorb herausgerechnet ist, sondern die Kritik des spekulativen Kapitals bewertet, wie ein Land mit seiner Verschuldung und mit seiner Inanspruchnahme der nationalen Währung im Vergleich der Nationen dasteht. Das beweist, Inflation ist nicht das Problem, auch international nicht. Spekulanten, die die Staatsschulden vergleichen, lassen sich nicht von der Höhe der Zinssätze betören, die ist da ein Datum für die Tauglichkeit der Schulden eines Staates als Kapital.
(In der Ableitung des Finanzkapitals käme jetzt nach dem 2. Kapitel im letzten GS noch ein Kapitel über das Finanzkapital und den Staat, da ist die Inflation ein Unterpunkt und dann in der Abfolge – wie oben am Beispiel China schon angerissen – das Verhältnis des Staates nach außen.)

2. Nachtrag zu Obama.

Bei den Überlegungen, was denn neu ist an Obamas weltpolitischer Linie – und neu ist sie, er kritisiert ja laufend Bushs Politik – wurde festgehalten, dass man – gerade bei Ankündigungen, wenn sie sehr idealistisch daherkommen – gut daran tut, nicht zu fragen, ob das auch ehrlich gemeint ist, sondern nach dem Inhalt dieses Idealismus. Das sollte nicht so aufgefasst werden: das Neue ist eigentlich die Methode, mit der Obama die alten Ziele der USA, die Welt zu ordnen und im Griff zu behalten, durchsetzen will. Das Stichwort, das in diesem Zusammenhang fiel, nämlich Vereinbarkeitsbeschluss, ist wackelig, weil man natürlich sagen kann, dass es letztlich Obama um das Gleiche geht wie Bush, nämlich weltweite Führungsrolle der USA – worum denn auch sonst? Was Obama ändert, ist aber nicht zu fassen als: Das probiere ich jetzt mal auf eine andere Tour, sondern es gibt drei Gesichtspunkte, unter die man das, was er vorhat, besser fassen sollte: Seine Bedrohungsanalyse, als deren Resultat die teilweise Neudefinition der US-Führungsrolle, aus der sich eine Neusortierung der Machtmittel ergibt.
Obama kritisiert Bush, dieser sei von einer falschen Bedrohungsanalyse ausgegangen: Zwar sei Terrorismus eine Bedrohung, aber man müsse sie anders definieren als Bush. In allen Konflikten weltweit lauert ein antiamerikanischer Wille. Obama möchte eine realistische Bedrohungsanalyse haben und da steht nicht hinter jeder Abweichung einer anderen Nation ein brennender Antiamerikanismus, der fertiggemacht werden muss, sondern er will unterscheiden: Man müsse zuschauen, was die anderen Nationen so treiben und die eigentliche Bedrohung Amerikas genauer fassen. Für die Bedrohungsanalyse von Obama ist seine Prager Rede wichtig und seine Neueinstufung des Terrorismusproblems, einschließlich der Neueinstufung des Iran.
Beim Iran war es ja sehr deutlich, dass es ihm da nicht darum geht, dass das Regime weg muss. Dass es Atomwaffen will, nimmt er nicht allein als endgültigen Beweis, wie antiamerikanisch es ist. Obama öffnet sich zumindest für die Alternative: Das Regime mag bleiben, es soll aber die Finger von den Atomwaffen lassen. In der Bedrohungsanalyse seiner Prager Rede bestimmt er neben dem Verhältnis zum Iran auch das zu Russland: Dass Russland seine Atomwaffen noch hat, diese pflegt und auf deren Brauchbarkeit achtet, dass x-tausend Atomsprengköpfe auf amerikanische Städte gerichtet sind, ist eine Bedrohung für die USA, die man nicht einfach à la Bush für nicht beachtenswert halten und darauf warten kann, bis in Russland nichts mehr funktioniert. Sondern man muss sich damit auseinandersetzen, dass in Russland wieder allerhand funktioniert und dass man in Putin eine Figur vor sich hat, die die Macht Russlands zu vergrößern gedenkt. Auf der Grundlage sind diese Unmassen von Atomwaffen als Bedrohung ernst zu nehmen. Auch die Proliferation soll nicht mehr nach dem Schema eingeordnet werden: Wenn Anti-Amerikaner nach der Atomwaffe streben, ist es ganz böse, bei Pro-Amerikanern kann man das wohlwollend besichtigen und vielleicht sogar fördern. Sondern es muss ein Regime über die Atomwaffen her, auch um den Preis, dass die USA auf diesem Sektor Abrüstungsschritte unternehmen. Dass dem zugrunde liegt, dass Amerikas militärische Zugriffsmacht auf Atomwaffen nicht angewiesen ist, gehört mit in diese Rechnung, das nimmt aber nichts davon weg, dass Obama ein neues Konzept darüber entwirft, wovon er Amerika bedroht sieht.
Aus diesem neuen Konzept ergibt sich teilweise auch eine neue Definition der Art der Führungsrolle der USA. Statt mit Fronten, die man der Welt aufmacht, Ordnungspolitik zu machen, werden die Interessen der Nationen erst einmal grundsätzlich für vereinbar mit dem eigenen Standpunkt erklärt, um dann auf die Nationen zuzugehen und sie so lange politisch zu bearbeiten, bis man Punkte der Gefolgschaft mit ihnen erreicht hat. Die Welt wird also nicht mehr aufgeteilt in eine Koalition der Willigen, belanglose Außenstehende und Schurkenstaaten. Das ist eine neue Methode der Weltordnung, aber die schließt durchaus ein, dass Amerika für sich neu definiert, was überhaupt Inhalt von globaler Führungsrolle sein soll.
Aus der Bedrohungsanalyse und der Neudefinition ihrer Führungsrolle ergibt sich dann eine Neusortierung der Machtmittel der Nation; da klotzt man mit militärischen Mitteln, wo der Restbestand von Terrorismusgefahr zu Hause ist, in Afghanistan und in Pakistan, wo sich Terrorismus womöglich mit der atomaren Bedrohung verknüpft. Aber ansonsten wird genau eingeteilt, wo Militär am Platz ist und welche Machtmittel auch ziviler Art wo zum Einsatz kommen.
Zur Neudefinition seiner Führungsrolle gehört auch, dass Amerika sein Verhältnis zu Europa neu definiert. Man merkt, dass Obama abrückt von dem Schema: Das neue Europa ist sowieso auf unserer Seite und mit diesen Ländern treiben wir unsere Konfrontationspolitik gegen Russland voran. Er leistet sich eine Neueinschätzung der Führungsriege des neuen Europa – von Saakaschwili angefangen bis zu den Litauern – und stellt sich auf den Standpunkt, dass mit solchen Figuren der US-Führungsrolle nicht gedient ist. Überhaupt soll das Verhältnis zu den Europäern neu eingerichtet werden, und zwar nicht mehr nach dem Motto: Wer ist für uns und wer ist gegen uns? Gerade Frankreich und Deutschland kann man nicht nach diesem Schema einordnen, dazu sind die womöglich zu wichtig – so Obamas Urteil ‑, jedenfalls wichtiger als mit einer Front gegen Russland den halben Ex-Ostblock einzukaufen und dann lauter unzuverlässige Kleinstaaten am Hals zu haben.
Seine neue Formierung der amerikanischen weltpolitischen Linie besteht also nicht darin, sich ein paar neue Tricks und Methoden für die alte Politik auszudenken, sondern es ist schon eine strategische Neubesichtigung der Welt unterwegs, was vor allem die Bedrohungsanalyse und die Neudefinition der Führungsrolle der USA einschließt.