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1. Fragen zum Finanzkapital in GS 3-08 und GS 2-09 und zu Obama,
2.
Inflation
1.
— In dem Artikel zum
Finanzkapital steht, dass der
Staat das Kreditgeld der Banken dadurch zum Reichtum der Nation
erklärt, dass er es mit seinem Staatsgeld gleichsetzt. Lässt
sich dieses Verhältnis vom Staat zum Finanzkapital so
auszudrücken, dass man sagt: Indem er es mit seinem Geld
austauschbar macht, setzt er das Bankengeld in Wert, oder ist in dem
‚indem’ zu stark betont, dass der Staat dadurch, dass er die Papiere
der Banken mit seinem Geld austauscht, dieses Geld erst zum allgemeinen
Äquivalent macht. Denn der Staat ist ja immer schon für diese
Sorte Geldvermehrung der Banken, darum geht es ihm, das
unterstützt er. Der Ausgangspunkt ist doch, das von den Banken
geschaffene Kreditgeld ist durch staatliche Erklärung das
gültige Geld und wird es nicht erst durch die Tat der Notenbank.
Wenn man gültiges Geld auf den Ausgangspunkt der Sache, die
„Geldschöpfung“ der Banken zur Bereitstellung von Zahlungsmitteln
für den gesellschaftlichen Zahlungsverkehr, zurückbezieht,
muss man „Geld“schöpfung (Geld als Materie des gesellschaftlichen
Reichtums) in Anführungszeichen setzen. Denn die Banken
bewerkstelligen die gesellschaftliche Geldzirkulation mit Geldersatz,
mit Zahlungsmitteln, die in dem Maße vergehen, wie sie entstehen,
nur die Transaktion von ausgetauschten Gütern bewerkstelligen.
„Geldschöpfung“ werden an dieser Stelle Buchungsvorgänge
genannt, mit denen die Banken den gesellschaftlichen Zahlungsverkehr
abwickeln, ohne dass sich in Form dieser Buchungsziffern irgendein
gewaltiger Reichtum anhäufen würde.
Der andere Ausgangspunkt, wofür das alles nur ein technisches
Hilfsmittel ist, ist, dass sie das Geld der Gesellschaft gleich doppelt
und dreifach verwenden; es als Guthaben verbuchen und gleichzeitig
weiterverwenden. Das ist der Prozess der Geldschöpfung, des
Kreditschaffens, der nicht einfach das technische Hilfsmittel des
Zahlungsverkehrs darstellt, sondern die Bereitstellung von noch nicht
verdientem Geld fürs Geldverdienen.
— Aber durch das
bargeldlose Entstehen und Vergehen
dieses Giralgeldes entsteht nicht der Reichtum der Gesellschaft. Das
sind doch Einkommen der verschiedensten Subjekte, die mit dem Geld
operieren, von Unternehmern, Lohnarbeitern, Kaufleuten bis hin zum
Staat, die bargeldlos verrechnet werden.
Es handelt sich um Buchungsziffern, von denen eigentlich klar ist, dass
sie einstweilen nur Geldersatz sind. Sie repräsentieren
geldförmiges Eigentum, lassen sich aber dank eines
fortgeschrittenen Bankwesens laufend wieder als Einkommen verwenden.
Von der Seite her betrachtet, dass dann auch diese Ziffern den wirklich
sich vermehrenden gesellschaftlichen Reichtum repräsentieren, hat
man erst die Differenz zwischen dem funktionalen Geldersatz und Geld
als real existierendem gesellschaftlichen Reichtum. Das, was die Banken
machen, ist, dass sie die Garantie geben, dass das eine für das
andere steht, dass das, was sie verbuchen, schon dadurch für jeden
Zweck verwendbarer gesellschaftlicher Reichtum ist.
— Dieser Widerspruch
bekommt in der 4. Gleichung des
Finanzkapitals (vgl. GS 3-08, S. 96) seine Bestätigung, dass
dieses Kreditgeld so gut ist wie das allgemeine Zahlungsmittel und
nicht nur ein Ersatz.
Diese Beglaubigung erspart der Bank die Haftung für die
aufgeschriebenen Ziffern, die als solche wirkliches Zahlungsmittel
repräsentieren. Wenn sie dafür nicht mehr haften kann, kann
sie zwar pleite gehen und hat Schulden, aber diese Ziffern betreffen
nicht einfach ihr Bankvermögen – so wie urtümliche Banknoten,
die eine Bank auf sich ausgegeben hat –, sondern sind das gesetzliche
Zahlungsmittel. Die frühere Freiheit, selbst Bankgeld in Form von
Banknoten zu schaffen, die nur auf diese Bank lauten und ihr
Vermögen, ihre Verschuldungsfähigkeit, gewissermaßen
ihren Kredit darstellen, ist ihnen inzwischen entzogen. Dafür
bekamen die Banken etwas viel Gewaltigeres: nämlich eine
Unterscheidung zwischen ihren Vermögen und den Ziffern, die als
solche nicht nur das Bankvermögen, sondern das Geld der
Gesellschaft repräsentieren. Das ist es, was der Staat mit seiner
Notenbank beglaubigt, unterstreicht, anerkennt. Das Bankvermögen
und wie die Bank damit wirtschaftet, was sie da an Kredit in die Welt
setzt und selbst an Schuldverhältnissen damit aufmacht, und das,
was sie auf diese Art an Zahlungsmitteln in die Welt setzt, ist erst
einmal getrennt. Soweit sie als Schuldner für die Zahlung in
diesen Zahlungsmitteln haftet, ist sie dran, soweit es aber das
Zahlungsmittel ist, das in dieser Gesellschaft seine Dienste tut, ist
es von Staats wegen garantiert; auch wenn es in nichts anderem
existiert hat als in Buchungen des Kreditgewerbes. Das ist die
raffinierte Unterscheidung und Garantie, die der Staat da erlässt.
(Dazu später mehr)
— Weitere Frage: Am
Anfang des 2.
Finanzkapitalartikels ist der Schwerpunkt darauf gelegt zu sagen, das
ganze Geschäft aus G G' zu machen, ist ein rechtsförmiger
Akt. Ist es richtig, wenn man sagt: Die eigentumsrechtliche Sache beim
Leihgeschäft liegt darin, dass dieses G G' gar nicht den Weg geht
über eine Vermehrung eines Reichtums, sondern als Summe selbst der
Rechtsanspruch auf sein Mehrwerden ist. Die Summe ist so gut wie das
Mehr, das aus ihr kommt, per se eine Sache mit Recht auf Vermehrung.
Im Finanzartikel ist der Punkt ernst gemeint, dass hier aus einem
Eigentumsrecht ein ökonomisches Vermehrungsverhältnis wird.
Das kommt aus dem Rechtsverhältnis eines Eigentümers zu einem
anderen, dem er die Verfügung über dieses Eigentum
bereitstellt, nicht dem Eigentumsanspruch als solchen, sondern die
Verfügung darüber, dieses Rechtsverhältnis gebiert beim
Finanzkapital das Plus. Wenn man aber sagt, G-G' ist schon ein
dokumentiertes Recht auf einen Strich, hat man es nicht von Eigentum
her als wirklichem Rechtsverhältnis ausgedrückt.
Die gestellte Frage betont die Unterscheidung zwischen der Vermehrung
des Reichtums und dem Recht auf Geldvermehrung, das keine wirkliche
Vermehrung darstellt. Die Geldsumme selbst, die mit Aussicht auf
Verzinsung verliehen wird und ein Rechtsverhältnis auf
Rückzahlung (je nach Art der Anlage) und Verzinsung eröffnet,
wäre gar keine Vermehrung des Reichtums. Dieser Akt ist aber auch
Vermehrung des Reichtums; eben gerade die Operation, mit der das
Finanzkapital sich bereichert. Das Wachstum des warenförmigen
Reichtums – bei dem im Ausgangspunkt Geld nichts anderes ist als der
verselbstständigte Warenwert –, ist dem Bankgeschäft
vorausgesetzt. Wenn man die Bereicherungsbilanzen des
Bankgeschäfts für sich betrachtet und fragt, was passiert bei
den Banken zwischen G und G', findet man im Bankgeschäft selbst
nirgends eine Vermehrung dieses gegenständlichen Reichtums. Da
entsteht keine Ware, sondern es entstehen Rechtsverhältnisse. Das
muss man ernst nehmen. Was da stattfindet, ist Vermehrung des Reichtums
durch das Rechtsverhältnis selbst, das im Bankgeschäft
wirksam wird.
Das ist ein Fortschritt gegenüber der Anfangsbestimmung des
Geldes, wie Marx es erklärt: dass Geld und Warenwert ungefähr
dasselbe sind, weil Geld der realisierte Warenwert ist. Über das
Bankgewerbe – mit seinen Kreditgeschäften und mit seiner Freiheit,
Zahlungsmittel für seine Kreditgeschäfte in die Welt zu
setzen – bekommt Geld einen anderen Charakter. Die Bank steht
dafür ein, dass es Geld als Verfügungsmacht über alles,
was käuflich ist in dieser Gesellschaft, gibt. Das ist nicht
realisierter Warenwert; das ist die Antizipation eines gelungenen
Geschäfts. Woraus dieses sein Gelingen finanziert, ist der Bank
egal. Es kann sein, dass es produktive Geschäfte finanziert, dann
löst der realisierte Warenwert den Vorschuss ein, es kann ein
Privatkredit sein, dann löst das verdiente Einkommen des
Schuldners – egal aus welche Quelle – dieses Versprechen ein, und es
kann das Geschäft der Banken untereinander sein, die sich
wechselseitig Teilhabe an ihrem Zuwachs an als Kapital fungierenden
Schulden versprechen, da kann die Zunahme dieser Titel die Art und
Weise sein, wie die Einlösung passiert. Auf alle Fälle
passiert da etwas mit dem Geld selbst.
Davon wird im Kapitalismus ausgegangen, dass Geld Verfügungsmacht
über nützlichen Reichtum ist, dass der Nutzen im Eigentum
versprochen ist und dass das, was erlöst wird, auch wieder
vergrößerte Verfügungsmacht ist. Nur, schon da kommt es
nicht auf den Warenwert im Sinne von realisierten Arbeitsstunden an,
sondern auf die darin realisierte Verfügungsmacht. Schon da steckt
die Ungleichung zwischen Reichtum im Sinne von produzierten Gütern
und Geld als Zugriffsmittel drin. Geld selbst ist schon das
Rechtsverhältnis. Wenn die Macht im Geld vergegenständlicht
ist, dann steht gerade nicht ein Faustrecht dahinter, sondern das Recht
des Staates.
Das ist die Grundlage für die Bestimmungen, die dem Geld im
Gebrauch durchs Bankkapital zuwachsen. Dass da die Vermehrung von
Verfügungsmacht in Geldform versprochen und eingelöst wird in
dem Maße wie das Bankgeschäft funktioniert. Da wird gerade
diese Ungleichung zwischen Reichtum und dem Recht darauf
aufgelöst: Reichtum im Kapitalismus ist Recht auf quantifizierte
Verfügung.
Ein Einschub: Im Zusammenhang mit jüngsten Gerüchten
über die Haltbarkeit des Dollar als Grundlage des Weltgeldes
spießen jetzt wieder alle möglichen Geldtheorien. Die
strotzen von Rückfällen ins 18., 19. Jhdt., von Vorstellungen
wie: müsste man nicht wieder zu einer richtigen Währung,
nämlich Gold, zurückkehren. Dazu hat der Chefkorrespondent
des 'Handelsblatt' aus einem kritischen Gedankengang heraus halbwegs
übersichtlich erklärt, wie die Geldschöpfung der Banken
funktioniert. Was er aufspießt und gleich vom VWL-Standpunkt aus
kritisiert, ist, dass da womöglich Geld entsteht, dem mal wieder
nichts entspricht. Da ist er ziemlich nah an der bürgerlichen
Inflationstheorie; was er aber von der Technik her erklärt, ist,
wie die Banken ihr Zahlungsmittel schöpfen und, mit welcher
Freiheit ausgestattet, sie die Zahlungsmittel – die sie untereinander
als Verrechnungsmittel benutzen – dann aufbrauchen, um sie für
verliehene vorgeschossene Kreditsummen zu verwenden. Und dass das
natürlich die gesellschaftliche Zahlungsfähigkeit bei den
Schuldnern vergrößert.
— Noch mal zu
vorher: Das Eigentümliche am
Finanzkapital ist also, dass das ökonomische Verhältnis
selber nichts anderes als ein eigentumsrechtlichtes Verhältnis
ist. Einmal am Geld ausgedrückt, weil da eine Trennung am Geld
gemacht wird, zwischen dem Eigentum an Geld und der Verfügung
über dieses Eigentum. Oder an den Subjekten ausgedrückt: dass
in diesem Schuldner-Gläubiger-Verhältnis (Bank nimmt Geld von
ihren Einlegern gegen ein G', verleiht es an Kapitalisten für mehr
Zins weiter) auch schon die gesamte ökonomische Vermehrung
vorausgesetzt ist. Von der Bank aus gesehen: dass darüber bereits
der Zuwachs entsteht, den sie vom Kapitalisten verlangt, getrennt
davon, wie viel Gewinn er mit seinem Kredit macht. Allein in diesem
eigentumsrechtlichen Verhältnis ist also die Vermehrung für
die Bank bereits festgeschrieben.
Eingelöst werden muss sie noch durch die Zahlung selbst. Da gibt
es aber auch Formen im Bankgewerbe, das zu handhaben. Wenn ein
Schuldner säumig bleibt, stellt sich die Bank die Frage, ob sie
das als weitere Vermehrung seiner Schulden akzeptiert oder ob sie den
fällig stellt (Rückzahlung fordert), dann stellt sich heraus:
Das Recht gilt zwar und ruiniert den Schuldner, aber inwieweit es dem
Gläubiger reicher macht, ist schwer die Frage. Aber im Falle des
Funktionierens hat man das Verhältnis: Der Schuldner hat das Geld
und der Gläubiger ein Recht darauf, sogar noch mit der
Schönheit, dass er dieses Recht auf Geld durchaus auch seinerseits
wieder als Zahlungsmittel verwenden kann.
— Dazu wird im
Finanzartikel II. (vgl. GS 2-09, S. 44)
beim Wertpapier auf eine Unterscheidung zwischen Kapitaleigenschaft
(aus dem Rechtsverhältnis) und Kapitalqualität verwiesen, die
sich erst dann beweist, wenn der Absatz des Papiers gelingt.
Unterstellt dabei ist, dass die Kapitalqualität, was hier als
Kreditwürdigkeit steht, die ökonomische Wahrheit birgt, dass
aus diesem (rechtlichen) Eigentumsverhältnis ein ökonomisches
Vermehrungsverhältnis wird.
In diesem Verhältnis ist eines klar: Diese Bereicherung, die die
Banken sich in ihren Bilanzen gutschreiben, hat von Anfang an
spekulativen Charakter, deswegen gibt es da so vielfältige
Unterschiede. Insbesondere den ungerechten Unterschied, dass je
schlechter der Schuldner, umso höher die von der Bank verlangte
Verzinsung ist.
Der Unterschied ist, dass in dem einem Fall – wenn Geld als Kapital
wirkt – es als Verfügungsmacht tätig ist, und im anderen Fall
die Verfügungsmacht selbst der Handelsgegenstand ist, der hier das
Geschäft ausmacht. Also, das zur Verfügung Stellen dieser
Macht des Geldes soll unterschieden sein, deswegen ist da betont: hier
ist ein Rechtsverhältnis unmittelbar ökonomisches
Bereicherungsmittel, weil es diese Macht des Geldes zur Verfügung
stellt.
Dabei ist für eine Bank das verliehene Geld allemal Kapital,
durchs Weggeben entsteht das Recht auf Verzinsung und in der Regel
Rückzahlung. Das ist Ursprung und Mittel ihrer Vermehrung. Dass
das insgesamt bei der Schuldnergemeinde kapitalistische Produktion
voraussetzt, also den Gebrauch der gesellschaftlichen Arbeit als
Eigentumsquelle, ist die eine Sache. Die andere ist: Für die Bank
selbst ist es egal, was die Schuldner mit dem Geld anstellen. Für
sie ist es Geldkapital aufgrund des Rechtsverhältnisses, ganz
unabhängig davon, was der Schuldner mit dem Geld anfängt. Und
es ist genauso gleichgültig, woher die Bank die Mittel hat, die
sie als Geldkapital nutzt. Ob aus dem Spargroschen oder dem
erfolgreichen kapitalistischen Geschäft. Alles ist für sie
Verfügungsmasse für solche Geldgeschäfte. Und alles wird
in ihren Händen zu Geldkapital, auch das umschlagende Geld selbst,
jeder Rechnung, die bezahlt wird und als Summe bei einer Bank verbucht
wird, sogar wenn diese selbst mit Kredit bezahlt wird.
Dass eine Bank einem Einleger seine Einlage gutschreibt und
gleichzeitig weiter verwendet, um einem anderen Zahlungsfähigkeit
einzuräumen, für einlaufende Forderungen das Geld des Ersten
nimmt und ihm weiterhin jederzeitige Verfügbarkeit seines Geldes
garantiert – gerade in der Entstehungsphase dieses Systems, war das
nahe am Betrug, weil die Bank das Geld ja gar nicht mehr hat. Solange
Vertrauen besteht, die Kunden nur soviel von ihren Konten abheben, wie
die Bank an Verfügungsmasse hat und nicht alle auf einmal kommen,
geht das gut. Das ist die Grundlage von dem, dass Marx sagt, dieses
Kapital hat etwas Fiktives an sich. Das sagt er nicht einfach zu der
Verdoppelung des Guthabens, sondern die Banken sind noch frecher und
behandeln alles, was ihnen in Zukunft eine Revenue verspricht, wie
vorhandenes Kapital. Sie bekommt ja für das weggegebene Geld
Zinsen und diese kapitalisiert stellen ein Vermögen dar, mit dem
sie für alle Forderungen der Einleger gerade gesteht. Weil in der
Regel die Zinsen, die sie für die Einlage zahlt, viel geringer
sind als die, die sie kassiert, ist das Kapital, das sie aus den
empfangenen Zinsen hochrechnet, größer als die Einlagen. Zu
dieser Kapitalisierungsrechnung sagt Marx: das ist fiktives Kapital;
die Bank schafft sich gewissermaßen dadurch eine
Geldkapitalsumme. Unbedarft betrachtet hat so etwas einen
betrügerischen Charakter, der Witz ist aber: Das ist von Staats
wegen ins Recht gesetzt; genau so soll mit Geld und Kapital verfahren
werden.
Das heißt natürlich, dafür Sorge zu tragen, dass die
Bank jederzeit zahlungsfähig bleibt. Da halten die Banken aus
eigenem Interesse ihre Erfahrungswerte ein und der Staat verordnet
sicherheitshalber ein paar Prozent mehr. Er achtet rechtlich darauf,
dass dieses eigentlich „betrügerische“ Verhältnis – dass die
Bank laufend Schulden hat, die sie gar nicht begleichen kann, weil sie
sich ja erst aus den künftigen Einnahmen ihr Vermögen
zusammenrechnet – nie auffällig wird, weil das
Liquiditätsmanagement stimmt. Wenn sich wie vor einer
nordenglischen Bank Schlangen bilden, alle ihr Geld wieder haben wollen
und somit die Bank der Illiquidität überführen, weil sie
das alles gar nicht leisten kann, wird rechtzeitig der Schalter
geschlossen und der Staat sorgt dafür, dass Mittel aus anderen
Banken einstweilen dahin fließen. Das ist die formelle Garantie,
die der Staat dafür institutionalisiert, dass dieser Schein der
Existenz von fiktivem Kapital als reale Verfügungsmacht existiert
und fungiert. Die materielle Garantie, die er dafür im
Alltagsgeschäft der Banken gibt, ist, dass er die Austauschbarkeit
von ausgesuchten Sonderposten des fiktiven Kapitals der Banken mit dem
von seiner Notenbank geschaffenen gesetzlichen Zahlungsmittel
dekretiert. Dass der Schein, den die Banken mit ihrem
Liquiditätsmanagement erwecken, tatsächlich das
gesellschaftliche Zahlungsmittel zum Inhalt hat, hat der Staat mit dem
Geschäftsverkehr zwischen Notenbanken und Geschäftsbanken
institutionalisiert.
Was leistet der Staat, wenn er zu ausgesuchten Posten des fiktiven
Kapitals der Banken die Garantie abgibt, dass sie diese bei der
Notenbank jederzeit zu Geld im Sinne des gesetzlichen Zahlungsmittels
machen können? Er bezieht sich auf die tägliche Notwendigkeit
der Bankenwelt, den Schein, alles, was bei ihr verbucht ist, wäre
als Geld auch wirklich da, funktionell aufrecht zu erhalten. In
Wahrheit ist das Geld unterwegs, als Kredit usw. Diesen Schein, sie
könnten alles bei ihnen Verbuchte auch als Zahlung leisten,
müssen zum einen die Banken mit ihrem Liquiditätsmanagement
hinbekommen. Was der Staat zum anderen hinzufügt ist nicht, dass
er sie im Zweifelsfall herauskauft – das macht er zwar in der
Krisensituation, aber selektiv –, er beglaubigt mit seinem
alltäglichen Geschäft mit den Geschäftsbanken, dass das
Geld, für das die Banken sich verantwortlich erklären, das
gesetzliche Zahlungsmittel der Gesellschaft ist.
In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es nichts Solideres als
dieses Geld. Man kann sich zwar einbilden, dass ein Frühstück
etwas Solideres wäre, weil man es essen kann, bloß ist diese
Sorte Eigentum, die wirklich einer Ware anhaftet, mit ihrem Verzehr
weg. Hingegen ist Geld im Sinne einer Verfügungsmacht, die
geschäftlich benutzt wird, durch seinen Gebrauch – außer bei
denen, die es nur für ihren Konsum verbrauchen – nicht weg. Die
Ware Geld hat die Bestimmung, mehr zu werden, und das ist das
eigentlich Solide am Kapitalismus. In dieser Welt des Kapitalismus, in
der Verfügungsmacht der Begriff des Reichtums ist, gibt es nichts
Solideres als den staatlichen Stempel auf einem spekulativen Zettel.
Der Reichtum stellt sich dar als eine gigantische Warensammlung,
untersucht man jedoch die Natur der einzelnen Ware, so stellt sich der
Warenwert gar nicht als das handfeste Ding heraus. Der Warenwert ist
die mit der drinsteckenden Arbeit erworbene Verfügungsgewalt
über die Möglichkeit des Konsums, die Zugriffsmacht auf den
gesellschaftlichen Reichtum. Macht kommt vor den Gegenständen, auf
die sie sich bezieht. Wenn man an den Verrücktheiten des
Bankkapitals etwas merken kann, dann ist es die Fortsetzung dieser
Elementarverrücktheit.
Der ‚Spiegel’ kommt wieder mit dem Titel ‚Die Gier ist zurück’.
Eine Albernheit, die gerade erwähnte Logik des Kapitals zu
übersetzen in eine Gier nach Gütern. Das Entscheidende ist,
dass es eine Verfügungsmacht über einen Zuwachs ist, Zuwachs
nicht an Autos u. Ä., sondern an Zuwachsmacht selber. Die Sache so
gesehen, würde keinen Sozialneid produzieren, sondern zumindest
eine gewisse Irritation bezüglich des Systems.
— Es geht um den
Fortschritt vom Leihen zum Wertpapier
in II. in GS 2-09. Am Wertpapier ist ja nicht das Neue, dass da die
Selbstvermehrungsmacht des Geldes drin steckt. Der Fortschritt liegt
doch in dem, dass das Versprechen, es komme ein Mehr heraus, selber zu
einer handelbaren Ware wird, die man kaufen kann. Dass also ein
Schuldverhältnis umgewandelt wird in eine Kapitalbeteiligung, an
der beide Seiten profitieren; das
Schuldner-Gläubigerverhältnis löst sich auf in ein
Geschäft nach beiden Seiten.
Das ist eine Variante von Wertpapieren, z. B. eine Aktie. Hier
findet eine Investition in ein getrennt von dem Betrieb laufendes
Geschäft statt. Das ist der Fortgang von dem Leihverhältnis,
bei dem das Kapital dadurch, dass es verliehen wird, produktiv wird, zu
dem, dass dieses Leihverhältnis selber, niedergelegt in
irgendeiner Form, z. B. verbrieft, vergegenständlicht und zur
käuflichen Ware wird. Wenn z. B. VW 4 Milliarden braucht,
heißt hier das Schuldenmachen Kapitalerhöhung. Sie sind sich
sicher, dass die Firma in der Zukunft so gewinnträchtig ist, dass
sie zu den schon umlaufenden Aktien noch neue schaffen können, die
sie dem Publikum anbieten. Sie machen ihre Gewissheit, dass ihr
Geschäft auch in Zukunft dauerhaft weiter läuft, zur
Grundlage für das Angebot, über die neu herauszugebenden
Aktien am Gewinn von VW beteiligt zu werden. Dies ist eines der
Beispiele für den in II. angesprochenen Fortgang. Hier wird das
Verhältnis von Gläubiger und Schuldner überwunden, als
wäre es etwas Verächtliches, von Seiten des Gläubigers
immer noch nachgucken zu müssen, ob der Schuldner auch seine
Zinsen abdrückt; und von Seiten des Schuldners immer einen zu
finden, dem gegenüber man quasi in der Position des Bittstellers
ist. Der Geldbedarf ist jetzt ein Angebot, also das
Schuldverhältnis als Warenangebot, das ist der Fortgang hier.
Dieser Fortgang dokumentiert die Macht und die Freiheit des
Finanzkapitals, dem bei seinen Leihgeschäften immer noch ein
Moment von Anhängsel an anderen Geschäften eigen ist. VW ist
so nicht einfach nur Schuldner, sondern bietet ein Investment, es ist
ein Emittent – lauter finanzkapitalistische Kategorien.
— Eine Nachfrage zum
Obama. Die Aussage war, dass er
antritt, aufgrund der von den USA selber so definierten Misserfolge der
Bush-Administration jetzt ein neues Verhältnis zum Rest der Welt
aufzumachen, das von vornherein keine Frontstellung mehr beinhaltet.
Nach ihm gibt es für keinen Staat aus deren eigenen
wohlverstandenen Interessen heraus einen Grund, gegen Amerika zu sein.
Das, was die USA als Misserfolge bilanzieren, hat insbesondere bei
Staaten im Nahen Osten ein Zerstörungswerk bedeutet, auf das Obama
sich jetzt beziehen kann. Die USA haben sich durch ihre Werke an vielen
Stellen der Welt viel mehr negativ bemerkbar gemacht, als zu Zeiten vor
Bush. Die Position Obamas ist so etwas wie ein objektiver Zynismus,
wenn er angesichts der bisherigen Zerstörungen sagt: „Friede sei
mit euch.“
Wo sind denn produktive Wirkungen des Zerstörungswerks zu
entdecken, auf die er sich beziehen kann?
— Die
Anrainerstaaten Afghanistans sind
hauptsächlich damit befasst, wie sie mit dem Ansinnen der
Amerikaner umgehen wollen. Die USA wollen dort Stützpunkte haben
und sie als Transferländer benützen. Im Nahen Osten sind es
Syrien oder auch der Irak.
Es gibt tatsächlich solche produktiven Momente für die USA,
bei denen Obama von Bushs Hinterlassenschaft profitieren kann. Im
Ganzen treten diese Momente aber für ihn – wohl auch nicht
unrealistischerweise – völlig zurück hinter der Diagnose,
dass das Ganze nicht bloß ein Fehlschlag, sondern ein
Rückschritt in Sachen amerikanischer Weltordnung war. So machen
auch die engen Verbündeten der USA nicht einfach Freude. Mit den
Israelis z. B. umgehen zu müssen, ist sicher ein hartes Brot;
Israel macht den USA echte Schwierigkeiten. So macht auch Bushs Treue
zum Judenstaat Obama das Leben nicht leichter. Es ist durchaus logisch
und ein Nebengedanke bei Honduras, dass Amerika mit dieser neuen
Weltpolitik durchaus Schwierigkeiten mit seinen alten Freunden bekommt.
Nicht so sehr, dass die mit Amerika über Kreuz geraten, sondern
dass Amerika da lauter unpassende Verbündete hat. Für die von
Obama durchzusetzende Linie taugen gewisse Gorillas und fanatische
Siedler nicht gut.
Es sind ja immer zwei Seiten: Welche disziplinierende Wirkung haben die
US-Kriege und die Bushpolitik entfaltet, und welche Fähigkeiten,
solche Dienste im Ordnungsprogramm der USA zu leisten, haben sie
geschaffen oder zerstört? Dass sie z. B. Pakistan mit
besseren Möglichkeiten und Potenzen ausgestattet hätten, ist
doch nicht der Fall. Pakistan ist kein endloser Quertreiber, sondern
nimmt sich in gewissen Sinn zu Herzen, dass sie nicht anders leben
können, als sich bestimmte Ordnungsansprüche Amerikas
irgendwie zu Eigen zu machen. Es fehlt aber an den Potenzen, nicht am
Willen. Auch hier war der amerikanische Krieg keine konstruktive
Gewalt, was kein Wunder ist, denn wenn man Abschreckungskriege
führt, stattet man keinen Staat mit neuen Fähigkeiten in
einem Ordnungsprogramm aus. Das bekommen sogar die Bürgerlichen
mit, wenn sie sich in Kräfteverhältnissen herumtreiben und
sagen, dass mit dem Irak sogar ein stabilisierender Faktor im Nahen
Osten zerstört worden sei und Amerika jetzt mit den Folgen zu
kämpfen habe.
2. Inflation
Was bezeichnet man so und was will die Bezeichnung eigentlich sagen?
Dazwischen besteht ein gewisser Widerspruch, den man nicht
vernachlässigen sollte. Was man damit gerne bezeichnet, ist eine
banale, ziemlich regelmäßige Erfahrung: Die Lebenshaltung
des normalen Menschen wird tendenziell teurer und in der Regel
hält der Verdienst damit nicht mit. Einen offiziellen Charakter
bekommt die Inflation durch die Berechnung des Preises eines
durchschnittlichen Warenkorbs; über die Jahre wird er immer
teurer. Diese Fassung der Inflation nimmt alles gleich von der Seite
des Geldes; das wäre die Größe, die immer weniger wert
wird. Und mit dem Wort stellen sich gleich Dreiviertel der
Erklärung ein: Da wird die Einheit immer weniger wert, weil es von
der Sache immer mehr gibt; immer zu viel gegenüber dem, was man
damit kaufen kann.
Schon das Stichwort Inflation lässt erstens etwas ganz Banales
beiseite, nämlich dass es irgendjemanden geben muss, der die
Preise erhöht. Die Preise muss jemand erst einmal verlangen und
auch durchsetzen. Zweitens wird die Erfahrung, dass alles teurer wird,
gleich überführt in eine gesamtvolkswirtschaftliche
Größe, dass nämlich Inflation das Verhältnis sei,
dass der Geldhaufen wächst und der Güterhaufen nicht und dies
nur bei steigenden Preisen zusammenpasst. Wenn das schon die ganze
Wahrheit wäre: Wertverlust wegen wachsender Menge, braucht man
dieselbe Gleichung bloß umgedreht zu lesen und fragt sich dann,
wo denn das Übel sein soll. Wenn die Einheit wegen
größerer Menge ihren Wert verliert, heißt dies ja,
dass der Wertverlust durch die größere Menge kompensiert
wird. Dann kostet es zwar mehr, aber man hat ja auch mehr. Dies ist
eine Hilfsüberlegung für das Folgende.
Für wen gilt dies eigentlich, dass es zu viel Geld in Bezug auf
die zu verkaufende Warenmenge gibt? Für den, der etwas verkaufen
will, gilt dies mit dem ‚zu viel Geld’ sicher nicht, er erhöht ja
gerade die Preise. Für die, die die betrübliche Erfahrung mit
einer allgemeinen Teuerung machen, gilt das mit dem ‚zu viel Geld’
schon gleich nicht, sonst hätten sie ja keinen Ärger. Wenn
von Inflation als Problem die Rede ist, soll von der schlechten
Erfahrung das Moment: ewige Teuerung ist ein Ärgernis, mitgenommen
werden. Aber worin das allgemeine Problem besteht, ist nicht so einfach
zu sagen.
— Man ist dann
gegenüber dem Ausland nicht mehr
konkurrenzfähig.
Dann ist es international ein richtiges Konkurrenzproblem. Wenn dann
aber z. B. die eigene Inflationsrate etwas niedriger ist als
anderswo, ist die eigene Inflation ein Vorteil. Inflation soll aber
für sich irgendwie schlecht sein.
— Es ist ein Urteil
über das Geld der
Gesellschaft, an dem stimmt etwas nicht. Das einzelne Geld soll sich
doch vermehren. Dieses Vermehren verliert seine Substanz.
Aber wenn es doch von der Einheit dann mehr gibt. Man kann das Wachstum
ja auch von der Inflation bereinigen. Und dann stellt sich
möglicherweise doch noch ein Wachstum heraus. Wo ist das
Problem?
— Die Arbeitskraft
verliert an Wert.
Das ist doch volkswirtschaftlich eher günstig.
— Es ist doch gar
nicht an eine rechnerische
Verschiebung gedacht, dass sich irgendwie das Zahlenverhältnis
zueinander verändern würde. Es ist doch so, dass das Geld
selber an Wert verliert.
In der volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung, die die Inflation so
groß bedauert, ist genau von dieser Frage abstrahiert. Das ist
auch das Verlogene an dieser Inflation, sie kennt nur Betroffene.
— Die Vermehrung des
Geldes, die keinen gewachsenen
Reichtum ausdrückt, ist das Problem. Wenn die Vermehrung nichts
anderes ausdrückt, als dass seine Einheit geringer ist, dann ist
der Zweck des Geldes, mehr zu werden, nicht erfüllt.
Insoweit es eine Inflationsrate gibt, die man herausrechnet, und dabei
noch herauslässt, wer sich von dem schwächer werdenden Geld
immer mehr greift, ist immer noch zu sagen, dass man nach allem
Herausrechnen prüfen kann, ob trotzdem noch eine gescheite
Vermehrung des Geldes übrig bleibt. Eine Firma ist bei ihrer
Bilanz nie damit zufrieden, dass es bloß durch die Inflation nach
mehr aussieht. Sie will schon inflationsbereinigt gewachsen sein.
— Die
außerhalb der eigenen Nation tätigen
Wirtschaftssubjekte fällen das Urteil, dass Anlagen in diesem
inflationierenden Geld sich nicht rentieren, weil der Maßstab des
Erfolgs nicht mehr klar ist.
Diese Kalkulation stellt auch jeder einheimische Kapitalist an. Und der
Ausländer muss sich die Inflationsbereinigung gefallen lassen und
überlegen, ob es sich noch lohnt.
Was z. B. die staatliche Verschuldung betrifft, so werden diese
Schulden durch die Inflation immer weniger. Entschuldung durch
Inflation hat schon so manche Währungsreform begründet.
Dieses Gleichheitszeichen zwischen Inflation und Problem ist ziemlich
verlogen. Es ist ein Appell an die Erfahrung mit der Teuerung, aber man
meint gar nicht die Erfahrung, sondern will ein volkswirtschaftliches
Problem benennen, bei dem auf alle Fälle die andere Seite, wer der
Nutznießer von diesem vermehrten Geld ist, einfach
herauslässt und die Auskunft, was daran eigentlich schlimm ist,
schuldig bleibt. Wenn Volkswirte sich damit beschäftigen, kommen
auch ganz andere Sachen zur Sprache als die Geldentwertung als solche
und dass da irgendwie der Maßstab der Preise weich würde.
Die Frage der Weichheit ist durchaus eine Frage des Maßes.
Wie viel Prozent Inflation betrachtet die EZB als stabil? Bei allem
unter 1 % Inflation im Jahr läuten bei den Volkswirten die
Alarmglocken, weil eine Deflation drohe. Dann werden psychologische
Theorien über die Kaufbereitschaft des Konsumenten ausgebreitet:
Er kaufe nicht, weil er auf eine weitere Verbilligung warte. Null
Prozent ist glatt ein Problem. So gesunde 2% ist die offizielle Linie
der EZB.
Dass Inflation wirklich zu einem Problem wird, kann man an Zimbabwe
oder Deutschland 1922 bebildern – bei einer ‚galoppierenden Inflation’
hat man es mit dem Phänomen zu tun, dass das Geld als Maß
der Werte überhaupt nichts mehr taugt; es ist zwar noch
Maßstab der Preise, aber dieser Maßstab verliert jedes
Moment von Zuverlässigkeit, da versagt das Geld als
Geschäftsmittel, das noch einigermaßen zuverlässig den
Reichtum der Gesellschaft repräsentiert. Aber das ist ein
Extremfall, der mit einer ‚gesunden’ Inflation von 2% gerade nichts zu
tun hat. Man sollte also skeptisch sein gegenüber der Rede von
Inflation als Problem, denn offensichtlich werden mit dem Stichwort
Inflation, auch wenn man es allgemein betrachtet, ganz verschiedene
Phänomene bezeichnet, die dann nur nach ihrer Quantität
unterschieden werden, wo eine qualitative Unterscheidung angebracht
wäre. Zwei oder 200% Inflation pro Jahr stellen nicht einfach
einen quantitativen Unterschied dar, sondern es liegt da –
volkswirtschaftlich betrachtet, was den Kapitalismus einer Nation
betrifft – etwas Verschiedenes vor. Die Tauglichkeit eines Geldes als
Geschäftsmittel wird durch eine als normal eingestufte
Inflationsrate überhaupt nicht beeinträchtigt – im Gegenteil,
eine Teuerungsrate wird ja gerade dann verlogen befürchtet, wenn
ein Boom beginnt: Dann steigen die Preise, weil die Wirtschaft so
rasant wächst. Das soll ja das Problem in China sein, dem eine
Inflationsrate von vielen Prozent nachgesagt wird, weil das Wachstum so
rasant ist, und es wird die Empfehlung gleich nachgeschoben, dass es
dieses bremsen müsse. Dabei ist ein Wachstum von 20%, von dem die
Inflation 10 % wegfrisst, immer noch hoch und allein darum geht es.
Die Inflation benennt immer das Geld einer Gesellschaft als
Sorgeobjekt, aber was da die Sorge begründet, sind ziemlich
inkommensurable Sachen, das alles wird nur gefasst als quantitativer
Unterschied – Höhe der Inflationsrate –, aber schon bei den
Mutmaßungen darüber, weshalb sie so hoch ist, merkt man,
dass entgegengesetzte Gründe als Problem und Grund für Sorge
angeführt werden. Also kann die Inflation als solche nicht der
Witz sein, sondern die Eigenschaft des Geldes, als Maß der Werte
zu fungieren. Wenn gesagt wird, das Geld entwertet sich, weil das
Wachstum so rasant ist, dann ist das das schlechte Nebenprodukt von
etwas eigentlich Positivem. Wenn umgekehrt der Fall eintritt, dass die
Inflation das Wachstum auffrisst und die Teuerung so rasant ist, dass
das ganze Volk sich nichts mehr kaufen kann – so war es wohl in
Zimbabwe –, dann macht offensichtlich der Umstand, dass in solch einem
Land mit dessen nationalem Geld überhaupt kein Geschäft mehr
läuft – zusammen mit staatlichen Kompensationsmaßnahmen –
diese wahnsinnig hohe Inflation aus. Dann ist also ausbleibendes
Wachstum und der trotz des staatlichen Eingreifens nicht wirklich
kompensierte Niedergang der Geschäfte das, was dann als Inflation
bezeichnet wird.
Man merkt, die Höhe der Inflationsrate verweist auf ganz disparate
Ursachen; was aber alle Sorten von Inflationen mit Geld als Sorgeobjekt
gemeinsam haben, ist die Abhängigkeit der Funktion des Geldes,
Maßstab der Preise zu sein, von der Verwendung des Geldes als
Geschäftsmittel in der nationalen Ökonomie. Diese
Elementarfunktion des Geldes, tauglich zu sein als Messlatte für
die vergegenständlichte Zugriffsmacht, in der im Kapitalismus der
Reichtum besteht, ist also zugleich eine abhängige Variable – das
ist an diesem Punkt das theoretisch Interessante.
Dann ist die Frage, wie es das gibt, wo ein kapitalistisches
Geschäft doch davon ausgeht, dass das, was man als Geld in der
Hand hat, auch zuverlässig als Kaufmittel taugt und prinzipiell
diesen Dienst erfüllt, eine zuverlässige
Kalkulationsgrundlage für den zukünftigen Gewinn
darzustellen, und zwar sowohl für das produzierende als auch
für das Finanzkapital. Es ist Bedingung und Forderung des
kapitalistischen Geschäftslebens, im Geld der Nation ein
zuverlässiges Maß des Reichtums in Händen zu haben.
Misslingt ein Geschäft, dann wird nicht das Geld weniger wert,
sondern dann hat ein Kapitalist sein Geld verloren – insofern steht
Geld als Maß des Reichtums über dem Ge- oder Misslingen des
Geschäfts, das einer damit betreibt. Wie kommt es zu der als
Inflation bezeichneten Umdrehung, dass die ge- oder misslingende
Verwendung des Geldes Auswirkungen hat auf das Geld in seiner
Eigenschaft als Maß des Reichtums? Die Überlegungen
hinsichtlich der Potenzen eines Landes – von den Rohstoffen bis zur
Arbeitskraft – helfen da nicht weiter, denn sie betreffen nur die
Frage, wie viel (oder wenig) dort an ihnen verdient wird – die
Eigenschaft des Geldes, den Reichtum zu messen, bleibt durch solche
Überlegungen unberührt.
Man muss sich erst einmal die Verrücktheit der Frage klar machen,
wie viel das Geld wert ist, wo es doch der Maßstab der Werte ist.
Man kann den Wert des Geldes doch gar nicht anders ausdrücken als
im Geld. Die Frage nach dem Wert des Geldes misst dieses auch am
benachbarten Geld, aber auch da ist nicht der Witz, dass ein Geld in
dem anderen bewertet wird; diese Gelder stehen in einem Verhältnis
zueinander und das war jahrzehntelang ziemlich stabil. Diese Frage
arbeitet sich an dem Phänomen ab, dass das Geld im Zeitverlauf an
sich selbst gemessen an Wert verliert. Dass es eine Teuerung als
allgemeine Tendenz gibt, ist die Grundvoraussetzung dafür, dass
man überhaupt die Frage aufwerfen kann, wieso das Geld als
Maßstab des Reichtums – auch des Warenreichtums – nicht konstant
bleibt. Jedes kapitalistische Geschäft geht davon aus, dass der
Reichtum, in Geld gemessen, sich vermehrt. Eine Stabilität des
Geldes als Messlatte ist dabei eigentlich vorausgesetzt, der Reichtum
kann mehr oder weniger werden, das ist aber immer eine Änderung
des Reichtums an derselben Messlatte gemessen. Jetzt hat man bei der
Inflation das Phänomen vor sich, dass die Messlatte offenbar
selber gar nicht stabil ist, sondern dass sie verändert wird. Die
inkommensurabel unterschiedlichen Grade der Veränderung sind ein
Hinweis darauf, dass es unterschiedliche Gründe für diesen
Wandel gibt, die aber alle ein und dasselbe Ding betreffen,
nämlich die Verwendung des Geldes in einer Gesellschaft als
Geschäftsmittel, als das, womit der Kapitalist seinen Reichtum
vermehrt.
— Wenn das Scheitern
der Tauglichkeit des Geldes als
Geschäftsmittel verschiedene Ursachen haben kann, dann ist
vielleicht eine dieser Ursachen, dass von den Banken Wachstumsmittel in
einem Maß in die Wirtschaft gepumpt werden, die nicht in dem
Maß die Tauglichkeit als Geschäftsmittel aufweisen, also als
solches gebraucht werden.
Wenn es so ist, dass die Banken Kredite geben, die nicht ordentlich
verwertet, sondern mit Pleiten quittiert werden, dann berührt das
den Maßstab der Preise überhaupt nicht; der Schuldner ist
pleite und die Bank hat einen Verlust – beides rechnet sich
ungerührt in demselben Geld.
— Aber es gibt doch
die Überlegung, dass das
Ausstatten der Geschäftsleute mit Geldmengen die Fähigkeit
zur Preiserhöhung mit sich bringt.
Die Fähigkeit hängt aber von der Nachfrage ab. Angenommen,
einem Geschäftsmann gelingt es, seine Ware teurer zu verkaufen,
dann zieht er mehr Kaufkraft auf sich und das Publikum hat weniger
Kaufkraft, um anderen was abzukaufen. Ob sich daraus eine allgemeine
Teuerung ergibt, ist noch schwer die Frage. Zur Zeit jammern ja die
Einzelhändler, dass wegen der Abwrackprämie die
Autohändler so viel Zahlungsfähigkeit an sich ziehen, dass
für Kleider und Uhren kein Geld mehr übrig bleibt. Eine
allgemeine Teuerung kommt da nicht heraus, sondern es findet eine
Umverteilung statt; es kommt laufend zu solchen Verschiebungen, dass
das eine teurer, das andere billiger wird, das ist aber etwas anderes
als das Phänomen, dass das Geld als Messlatte des
gesellschaftlichen Reichtums an sich selbst gemessen im Zeitverlauf an
Wert verliert – das ist erklärungsbedürftig.
— Vorher wurde
gesagt, die Normalität dessen,
dass das Geld immer weniger wert ist, hat damit zu tun, dass der Kredit
das Geschäftsmittel schlechthin ist. Jedes Geschäft
läuft über Kredite, dadurch erhöht sich die Geldmasse in
der Gesellschaft und darüber findet statt, dass das Geld weniger
wert ist, die Maßeinheit hat sich verändert. Und das
drückt sich aus als das, was vorhin als Sorgetitel besprochen
worden ist: unser Geld wird weniger wert.
Das ‚drückt sich aus’ ist allerdings noch keine sonderliche
Erklärung. Soviel ist sicher: Es ist offensichtlich nicht mehr so,
dass das Geld nichts anderes ist als bloßes Tauschmittel für
Warenwerte (so wie es die VWL, wenn sie das Geld erklärt, immer
behauptet). Es stimmt offenbar auch nicht – dasselbe in der
unzureichenden marxistischen Fassung –, dass das Geld nichts anderes
ist als der verselbstständigte Warenwert, weil dann können
Waren auch wertvoller werden in dem Maße wie sie schwieriger zu
beschaffen sind und umgekehrt, aber damit ändert sich das Geld als
Maß für die zu realisierenden Warenwerte nicht. Wenn
gesamtgesellschaftlich gesehen das Geld als Maßstab des Reichtums
seine Größe ändert, dann ist es mit ‚realisierter
Warenwert’ offenbar nicht mehr zureichend bestimmt. Dann ist man bei
der Verwendung des Geldes als Kredit (Geld immer noch unterstellt als
dies stabile Ding); da hat man noch das Verhältnis, dass da gerade
verfügbares Geld zum Vorschuss für Geschäfte wird, aber
auch da gibt es keine Verschiebung in der Eigenschaft des Geldes,
Maß der Werte zu sein.
Man muss auf die Umdrehung achten, die mit der Verwendung des Geldes
für Kredit, also als Vorschuss, vonstatten geht. Die Freiheit der
Banken, Kredit zu schöpfen, also Verfügungsgewalt über
Kapitalgüter in die Gesellschaft hineinzutun, die sich nicht aus
realisierten Warenwerten ableitet, sondern die zukünftigen
Reichtum zwecks Schaffung von
Zahlungsfähigkeit antizipiert, ist
die erste grundlegende Bedingung dafür, dass überhaupt eine
Ungleichung daraus wird.
— Es zirkuliert also
ständig ein Reichtum von
Seiten der Banken, der zugleich nur der Vorgriff auf zu schaffenden
Reichtum ist, also darin gar nicht sein Maß hat.
Sondern darin, wie weit die Spekulation reicht und was die sich
zutraut, an Mitteln zu schaffen, von denen sich die Gläubiger die
Realisierung von dem, was sie da in die Gesellschaft hineintun,
versprechen. Das erzkapitalistische an diesem Verhältnis ist die
Priorität der Kapitaleigenschaft des Geldes vor seiner
Eigenschaft, Maß der Werte zu sein, und seine Verwendung durch
das Bankgewerbe, das die im Geld steckende Verfügungsmacht zu
ihrem Instrument macht. Von der Ableitung her ist das eine Umkehrung,
von der Realität des Kapitalismus her hat es das Geld ja sowieso
bloß zum allgemeinen Maß des Reichtums gebracht, weil es
kapitalistisch verwendet wird.
Die bekannten gleichrangigen Bestimmungen des Geldes sind allgemeines
Äquivalent, Kauf- und Zahlungsmittel und Maßstab der Preise,
weil es der realisierte Warenwert ist; die quantifizierte
Verfügungsmacht, die in jeder Ware enthalten ist, für sich
verselbstständigt im Geld und in Geld gemessen. Jetzt hat man aber
das Phänomen vor sich, dass es offenbar so gar nicht ist, sondern
dass es so zu sein scheint, dass von den ganzen Bestimmungen des Geldes
die, Maßstab des Reichtums zu sein, zu den anderen Bestimmungen –
Kaufmittel und Geschäftsmittel – in einem gewissen
Abhängigkeits- oder Unterordnungsverhältnis steht. Im
Kreditverhältnis findet eben nicht nur Verwendung von verdientem
Geld für Kreditzwecke statt, sondern da verrichtet noch nicht
verdientes Geld sein Werk für die Vermehrung des Geldes. Da hat
man noch keine Inflationsrate oder eine Auskunft darüber, wie
stark das Geld sich entwertet, vielleicht hat man noch nicht einmal
eine Aussage darüber, ob es sich überhaupt entwertet, aber
man hat eine Rangfolge in dem, worauf es beim Geld im Kapitalismus
ankommt: Offenbar ist es so, dass die Verwendung von erwartetem Geld,
die Hochrechnung zukünftiger Erträge in eine jetzt
verfügbare Geldsumme und deren Verwendung durch das Finanzkapital
als Vorschuss, eine grundsätzliche Relativierung des Geldes in
seiner elementaren Eigenschaft als Maß des gesellschaftlichen
Reichtums mit sich bringt. Das ist auch sehr logisch –
schließlich ist Geld die gesellschaftliche Macht, über
alles, was hierzulande als Reichtum zählt, zu verfügen, es
ist also ein vergegenständlichtes, rechtmäßiges
Gewaltverhältnis, dessen Sinn darin besteht, dass es wächst,
so dass man den Irrsinn hat, dass dieses Gewaltverhältnis selber
die Quelle seiner Vermehrung ist. Diese Art der Geldverwendung ist das
Elementare an dieser Ökonomie und seinem Geld und da wundert es
einen schließlich nicht mehr, dass es davon immer so viel gibt,
wie an kapitalistischem Elan in der Gesellschaft herumtobt, und der
misst sich nicht mehr daran, was an gar nicht geldförmigem
sonstigem Reichtum geschaffen worden ist. Dann gibt es von dem Geld
tatsächlich so viel wie Kapitalisten sich an Verwertung ihres
Geldes zutrauen und von dem ist die Verwendung des Geldes als
Kaufmittel für sie selbst und für die von ihnen bezahlte
Arbeiterschaft eine abgeleitete Größe. Und dann tritt das,
was in der Gesellschaft an Kaufmitteln unterwegs ist, und das, was es
für Proleten wie für Kapitalisten an Gütern zu kaufen
gibt, prinzipiell auseinander. Denn das eine ist, was an Kaufmitteln in
der Welt unterwegs ist und das ist eine Frage dessen: was Kredit
schöpfende Finanzkapitalisten sich und dem von ihnen verwalteten
Geldvermögen der Gesellschaft an Wachstumspotenz zutrauen. Und das
andere ist die Frage dessen: was wird an Waren geschaffen? Das kann
quantitativ noch übereinstimmen, aber jetzt hat man zwei
verschiedene Bestimmungsgrößen dafür, was das Geld
leistet. Das Entscheidende ist, die Bestimmung des Geldes als die
Zugriffsmacht, deren Erfolg das Finanzkapital sich zutraut, steht vor
der anderen Bestimmung: Geld als Kaufmittel, das eigentlich nur den
Wert misst, der in den Waren schon vorhanden ist. (Nächstes Mal
mehr.)