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1. Fragen zum Gegenstandpunkt, 2. Obamas „change" in der Weltpolitik

1.  — Im GS 1/09 wird in der Fußnote S. 56 Gretchen Binus wie folgt kritisiert: – „Die Politik der Verarmung breiter Schichten habe zwar die Renditen der Unternehmen gesteigert – und darum geht es ja wohl im Kapitalismus –, aber auf eine Weise, die die Produktion von Massengütern weniger rentabel gemacht und dadurch das Wachstum der Produktion beschädigt habe – als ob die Produktion Zweck der kapitalistischen Wirtschaft wäre.“ – Die Kritik des GS unterstellt also G. Binus die Behauptung, dass die Produktion Zweck der kapitalistischen Wirtschaft sei. Diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen.
Binus Behauptung ist, das Kapital mit seiner Akkumulation stürze in eine Krise, weil es zu viel Kapital, das es durch Verelendung akkumuliert, nicht mehr in die – unrentabel gewordenen – produktiven Sektoren steckt, sondern in das unproduktive Finanzkapital. Darin steckt die Unterstellung, dass eigentlich die Produktion von Waren und deren wachsender Absatz die krisenfreie Akkumulationsbedingung für das Kapital sei.
  — Das ist doch eine funktionalistische Gleichgewichtsvorstellung: das Ganze funktioniert nur, wenn die Kapitalisten nicht zu sehr den Lohn drücken. Es ist also im ureigensten Interesse des Kapitals, auf ein ausgeglichenes Verhältnis von Kapital und Arbeit in der Realwirtschaft zu achten.
Es soll in seinem Interesse sein, auf ein Gleichgewicht zwischen Akkumulation und Absatz der Waren an die arbeitende Masse zu achten. Auf die Idee, dass das die Funktionsbedingung kapitalistischer Akkumulation sei, kommt man nur von einem Versorgungsidealismus her – um diese müsste es dem Kapital bei seiner Akkumulation gehen. Wenn das Wachstum des Kapitals daran scheitert, dass es diese Funktionsbedingung verletzt, dann steckt darin ein Urteil darüber, worum es dem Kapital bei seiner Akkumulation eigentlich gehe, wovon es abhängt und was es leisten muss, damit es auf seine Kosten kommt.
  — Im GS 2/09 S. 51, steht: „In den Bilanzen des Finanzgewerbes stellt sich die Gesamtertragskraft eines kapitalistischen Geschäftslebens als die ökonomische Leistung des Geldkapitals dar.“. Das ‚Gesamt-’ ist mir nicht klar – das eine ist der Ertrag eines kapitalistischen Geschäftslebens, das andere sind die Bilanzen des Finanzkapitals, da ist die ganze Spekulation darauf noch mit drin. Das sind doch zwei verschiedene Sachen.
Das sind auch zwei verschiedene Sachen, sie stehen aber in einem bestimmten Verhältnis zueinander, weshalb man sie nicht als Gegensatz formulieren sollte. Was geben die Ziffern der Zeitungen wieder, die den Geldbesitzern als Informationsgrundlage dienen und die in eng bedruckten Seiten mitteilen, wie es um Aktien- und Rentenfonds, den DAX und einzelnen Aktienkursen steht? Sie geben immer schon die Kombination wieder aus den Erträgen, die irgendwo erwirtschaftet werden und die Spekulation auf die Firmen, die diese Erträge zu erwirtschaften versprechen – und daran orientieren sich Geldbesitzer. Das fängt im Börsengeschehen selber an, wenn Figuren im Auftrag ihrer Bank – und die Bank hat wieder Aufträge ihrer Kundschaft – auftreten und sagen, dass bei einem bestimmten Wert eine Aktie ge- bzw., verkauft wird. Inzwischen lässt sich ja per Computertechnik im voraus festlegen, dass bei einem bestimmten Stand einer Spekulation die (Ver)Kaufsorders in Kraft treten – das ist nur die Technisierung dessen, woran sich die Welt der Investoren orientiert. Was spiegelt der Kurs einer Aktie wider? Die Kursbestimmung einer Aktie enthält zwei Momente: Das eine ist, was ein Unternehmen erwirtschaftet, wie es in der Konkurrenz in der Vergangenheit dastand und zukünftig (voraussichtlich) dastehen wird, welche Umsatzrendite es erwirtschaftet – das ist immer die Grundlage für das, was der Aktienkurs ausdrückt. Das andere, das in den Aktienkurs eingeht, ist die Spekulation auf die zukünftige Entwicklung des Unternehmens, in die alle möglichen Umstände eingehen. Erst im Band III des „Kapital“ ist die Rede davon, dass der Verwertungsprozess eines Kapitals, der in irgendeinem Unternehmen passieren soll, selber spekulativ bewertet wird. Wenn eine Aktie auf das Dreifache hoch spekuliert wird, dann wird offensichtlich drauf gesetzt, dass sich das lohnt, man sie also um den dreifachen Preis noch verkaufen kann.
An der Börse werden durch die dortige Investoren-Mannschaft Verwertungsprozesse – von denen sie keine sonderlichen Kenntnisse zu haben braucht – bewertet, und zwar im Hinblick auf die Chancen, die dieser Verwertungsprozess im Vergleich zu anderen für die Zukunft verspricht. Die Aussage dieses Artikels über das Finanzkapital im GS soll gerade sein, dass in der fertigen kapitalistischen Welt die Bewertung kapitalistischer Verwertungsprozesse kein nebensächlicher Zusatz ist, den man der Spekulanten-Mafia überlassen und von dem sich ein ehrlicher Kapitalist fernhalten könnte. Die Bewertung, die diese praktisch durch das Kaufen und Verkaufen von Wertpapieren mit den tatsächlichen Verwertungsprozessen des Kapitals einer Nation oder auch Region vornimmt, ist das Entscheidende. Im KI hat man gelernt, dass der Verwertungsprozess durch Einsaugung unbezahlter Arbeit die Verwertung des Kapitals zustande bringt, aus der sich dann eine Rendite ergibt, die in der Marx’schen Nomenklatur Profitrate heißt. Die Behauptung ist jetzt, dass das alles im fertigen Kapitalismus dadurch relativiert ist, dass es vom Standpunkt des Finanzkapitals diese eigentlich entscheidende Bewertung erfährt.
Die Ausgabe von Aktien ist eine besondere Art der Kreditaufnahme: Das ist kein rückzahlbarer Kredit, sondern es wird Geld eingenommen, das unwiderruflich in der Firma selbst bleibt. Dafür bekommt der Geldeinleger einen Schein, den er weiterverkaufen kann – er verfügt also weiterhin über sein Eigentum. Die Trennung zwischen dem Eigentum des Aktionärs und dem Eigentum der Firma ist in der Aktie institutionalisiert. Das Kapital, mit dem die Firma wirtschaftet, ist die Grundlage für die Verwertungsprozesse, die sie anstellt. Der Aktionär seinerseits freut sich an der Dividende und deren Anwachsen und über das Anwachsen des Vermögens der Firma, mit dem der Anteilsschein darauf mit wächst. Dazwischen steckt allerdings immer das Urteil der Spekulantenwelt – u. U. sieht sie irgendwelche furchtbaren Schwierigkeiten für die Firma heraufziehen und gibt ein negatives Urteil ab über deren Wachstum und das schlägt durch auf die Aktie. Sie repräsentiert also den spekulativ bewerteten Verwertungsprozess der Firma, und zwar von Anfang, also vom Gründungsakt, an: Beim Börsengang stellt sich die spannende Frage, wie hoch der Aktienkurs überhaupt angesetzt wird, denn selbst wenn „50 Euro“ auf der Aktie steht, heißt das noch lange nicht, dass der erste Kurs an der Börse genau 50 Euro ist. (In der Fußnote 9 wird kurz beschrieben, wie so etwas läuft: Firmen machen Testverkäufe oder fordern die Banken auf, Angebote zu machen, was testet, wie die Geldanleger das Geschäftsvorhaben bewerten.)
Die spekulative Bewertung eines Unternehmens hat für dieses einige Konsequenzen bezüglich dessen, wie es in der Konkurrenz dasteht, mit wie viel Kapital es wirtschaften kann, wie kreditwürdig es ist, ob es überhaupt in der Lage ist, neue Aktien herauszugeben, mit denen es neue Vorhaben finanzieren kann oder eben auch nicht.
Es falsch, eine Trennung zu machen zwischen dem Gewinn, den ein Unternehmen erwirtschaftet, und dem durch Spekulation erreichten Wertzuwachs. Denn es gibt die in der Wirtschaft tätigen Firmen ausschließlich als Objekt einer Spekulation, die entscheidet über ihr Wirtschaften, angefangen von der Ausstattung mit Kredit bis zum Handel an der Börse, an der sich der Erfolg oder Misserfolg des Wirtschaftens einer ganzen Nation zusammenfasst. Deswegen wird tagtäglich an der Börse zwar auch gefragt, wie es um dieses oder jenes Unternehmen steht, aber im Prinzip geht es darum, ob der DAX steigt oder fällt, wie es also um das Wachstum der Nation bestellt ist. Das hat dann Konsequenzen für das Wirtschaften der Unternehmen. Das obige Zitat ist ein resümierender Satz, eine Zusammenfassung, die die ganzen Ausführungen, die jetzt noch mal gemacht worden sind, unterstellt.
Diese Ausführungen im Artikel hätte man gut auch als die praktischen Lehren aus der Krise darstellen können. Was bedeutet die ständig vorgebrachte Sorge, dass die Wirtschaft in eine Kreditklemme geraten könne, weil die Banken bei der Vergabe von Krediten so heikel sind? Man bekommt da doch täglich den Umstand serviert, dass der Akkumulationsprozess des realen Kapitals mit der Zuwendung des Finanzkapitals steht und fällt. Die Formen der Kreditvergabe mögen verschieden sein, aber auf jeden Fall wird der Satz von Marx anschaulich vorgeführt, dass im fertigen Kapitalismus jedes vorgeschossene Kapital geborgtes Kapital ist (Fußnote 6). Und dann ist nicht nur der Rechtsakt des Borgens dazwischen, sondern in diesem Rechtsakt ist der gesamte spekulative Eifer, auch die spekulative Kritik des Geldkapitals an seinen Investitionsgelegenheiten enthalten. Erst über die Spekulation bekommt die kapitalistische Gewinnemacherei ihre Bedeutung – das ist eine der fortgeschrittenen – aber sehr logischen – Verrücktheiten des Kapitals, wenn es bei allem Produzieren sowieso nur auf das Geld ankommt. Es ist nicht so, dass das Finanzkapital eine völlig neue Qualität in das kapitalistische Gewese bringt, sondern es ist die Realisierung der Absurdität, die im schlichtesten Kapitalismus im Sinne von KI schon enthalten ist. Wenn es im ganzen Lebensprozess einer Gesellschaft ausschließlich darauf ankommt, wie sich womit Geld verdienen lässt, dann ist es logisch, dass die, die über das Geld verfügen und es leihweise in diesen Prozess hineinstecken, darüber entscheiden, was in diesem Prozess wie viel wert ist; und dann ist die Frage, was die gesellschaftliche Reproduktion in kapitalistischer Form für die Spekulanten taugt, das Entscheidende.
Alle bürgerliche und linksbürgerliche Kritik hat den Mangel, dass die Bedeutung des Finanzkapitals nicht begriffen worden ist. Sie haben offensichtlich nicht mitbekommen, dass im Kapitalismus der Überbau den Unterbau regiert. Sie trennen zwischen den dienstbaren Leistungen des Kredits für die Produktion und der Spekulation, so verpassen sie, dass das Kreditgeben selber ein Teil der Spekulation ist, wenn alles Anlageobjekt ist. Das kommt davon, wenn man von dem Ideal einer krisenfreien Geldwirtschaft nicht lassen mag, in der die Produktion der Zweck ist und das Geld das Mittel (sofern nicht ‚übertrieben’ damit spekuliert wird).
Die Unterscheidung, was ordentlich erwirtschaftet und was nur spekulativ ist, kommt überhaupt erst auf, wenn das Spekulative zusammenkracht – bis dahin ist alles ganz normaler Beitrag zum Wachstum und wird in der Gesamtbilanz einer Nation nicht getrennt. Insofern kann das Schiefgehen durchaus lehrreich sein: Solange alles seinen normalen Gang geht, gehört die Illusion, der ganze Kapitalismus sei doch dazu da, damit die Gesellschaft sich ordentlich reproduziert, zum verkehrten Alltagsbewusstsein und schlägt sich in Auslassungen der Art: „Der Kapitalismus bereichert die Menschheit und ernährt sie“ nieder, und das ist nicht nur eine Grundweisheit aller VWL-Professoren, sondern der Standpunkt jedes mündigen Mitglieds dieser Gesellschaft. Die Krise könnte insofern aufklärend wirken, als da deutlich wird, dass der Reproduktionsprozess der Gesellschaft völlig subsumiert ist unter das Wohlergehen des Gewinnemachens und dieses wieder subsumiert ist unter die Selbstvermehrungsmacht des Geldes, wie sie im Geldkapital als Norm für alles Wirtschaften existiert. Aber lieber jammert man über die Gier der Banker, als dass diese Einsicht mal um sich greift. Und auch alles, was sich heutzutage als links begreift, ist nicht bereit zu der Einsicht, was für eine abgeleitete, x-fach funktionalisierte Größe der gesellschaftliche Reproduktionsprozess einschließlich der Erhaltung der Massen im Kapitalismus nur ist – stattdessen wird an dem Idealismus festgehalten, dass es eigentlich hierzulande darum ginge und dieses ‚eigentlich’ wird gegen alles gehalten, was einem an Ungutem so auffällt.

2. Obamas „change" der Weltpolitik

Der Mann ist in aller Welt beliebt und hat auch schwer darauf geachtet, dass er sich beliebt macht, indem er einen „change“ ansagt: Jetzt sollen amerikanisches Wohlwollen und Entgegenkommen, allgemeine Freundlichkeit und das Vergessen aller alten Kontroversen die Weltpolitik beherrschen; er personifiziert, dass die schlechte Behandlung der Welt durch die USA mit ihm ein Ende hat und ein neuer Aufbruch ansteht.
Es gibt eine Art, sich auf solche Verlautbarungen von Politikern zu beziehen, indem gefragt wird, wie ernst oder ehrlich das gemeint ist. Solch eine Frage haben wir schon immer für falsch gehalten, weil sie den Idealismus mitmacht und zur Messlatte für das erklärt, was da angekündigt wird. Ausgerechnet das Irreale solch einer Ankündigung wird zum Leitfaden gemacht. Dann will man sich nur vergewissern, wie groß der Abstand von dem ’Eigentlichen’ zur Realität ist, um enttäuscht oder eine Zeitlang zufrieden zu sein. Es lohnt sich mehr zu klären, was mit diesem Idealismus angekündigt ist.
- Zum Beispiel der Reagan-Parole „Freiheit oder Sozialismus“ vernimmt man die Gleichung zwischen Freiheit und Weltraumbewaffnung und nimmt nicht das Letztere zum Einwand gegen das Erstere, sondern lässt sich darüber aufklären, dass mit Freiheit eine Konfrontation angesagt ist – deswegen auch gleich:  “oder Sozialismus“. Aus dieser Parole hört man nicht heraus, dass sie vielleicht nicht ernst gemeint ist. Vielmehr merkt man, dass sie bitter ernst gemeint ist, denn sie setzt eine Scheidelinie in die Staatenwelt und kündigt eine Sorte Engagement für die Weltordnung an, die anhand einer Frontlinie vollstreckt wird, nämlich zwischen der freien Welt und der sozialistischen.
- Die „war on terror“‑Parole von Bush jun. kündigte eine Art demokratischen Djihad gegen das Welt-Böse in Gestalt des Terrorismus an. Auch da konnte man sich die falschen Fragen à la „Meint er das ehrlich oder will er nur das Öl?“ stellen. Wenn US-Politiker idealistisch werden und verkünden, sie hätten eine Idee, „how to make the world a better place“, lohnt es sich, darauf zu achten, was für eine imperialistische Agenda da angekündigt wird: Bei der Parole von Bush jun. handelte es sich um die Verkündigung einer Frontlinie, an der sich die Staatenwelt sortierte.
- Dagegen ist die Ankündigung von Obama: Eigentlich sind alle guten Bestrebungen in Amerika gut aufgehoben. Das schönste Beispiel war sein Auftritt in Kairo, wo er anmerkte, dass der wahre Islam nicht zuletzt seine eigentliche Heimat auch in Amerika habe und dass man keinen Krieg gegen den Islam führe. Die Diagnose von Obama ist: Es liegt vieles im Argen, weil Bush eine falsche Konfrontationspolitik betrieben hat. Er wollte die Welt ordnen, indem er den Staaten eine Frontlinie aufgezwungen hat. Diese Methode ist gescheitert und hat Amerika in die Bredouille gebracht, statt ihm zu nützen. Was bedeutet das, wenn ein neuer US-Präsident alle Drangsale auf der Welt und alle Rückschläge in der US-Weltpolitik auf die falsche konfrontative Methode seines Vorgängers zurückführt? Die leichte Hälfte der Antwort ist: Obama macht eine Bestandsaufnahme und die besagt, dass die meisten Weltordnungsprogramme der letzten acht Jahre mehr oder weniger schief gegangen sind. Bush ist daran gescheitert, eine Weltordnung herzustellen, in der Amerika die entscheidende führende Rolle spielt und darin auch von den anderen Nationen anerkannt ist. Dabei wird die falsche Methode von Bush zum Grund dafür, dass die anderen Staaten nicht mitgemacht haben und nicht, dass die vielleicht was anderes wollten.
In so ziemlich allen Reden von Obama kommt vor, dass es verkehrt sei, anderen Staaten ihre Staatsform vorzuschreiben, oder ihnen die Demokratie überstülpen zu wollen wie im Irak. Amerika maße sich nicht an, besser zu wissen als die Völker dieser Welt, wie sie regiert werden wollen. Und dann kommt das ‚Aber’: Aber eine Überzeugung lässt er sich nicht nehmen, nämlich, dass alle Völker scharf darauf sind, gut regiert zu werden, und stabile Regierungen hat man nun mal nur in den demokratisch regierten Ländern. Ganz prinzipiell stimmt also das Bedürfnis der Völker überein mit dem, was in der US-Verfassung steht. Das ist die idealistische Seite der Vereinnahmung, die er genauso beherrscht wie Bush. Offensichtlich ist ihm die amerikanische Zuständigkeit dafür, wie in der Staatenwelt politische Gewalt überhaupt gebraucht und wie in ihr regiert wird, völlig selbstverständlich.
  — Er äußert doch den Anspruch, die Staatenwelt zu sortieren, so wie das vorher auch geschehen ist, aber auf eine andere Art und Weise. Er verkauft es auf die Tour, dass er klarstellt, dass es immer besser ist, wenn der Untertan mit seiner Obrigkeit zufrieden ist – also muss man dafür sorgen, dass es auf der Welt auch so zugeht.
Und wie will er dafür sorgen? Der Anspruch auf die Durchsetzung eines Regimes über den Gewaltgebrauch der Staatenwelt, zu dem er die USA berufen sieht – das ist wie bei Bush in der Ankündigung enthalten –, ist durch die Methode Bush nicht nur nicht zu realisieren, sondern geht dadurch kaputt.
Bisher wurde amerikanische Weltpolitik immer mit Unvereinbarkeitsbeschlüssen, mit der Konstruktion einer Front, an der die Staatenwelt sich in richtige und falsche sortiert, gemacht. Wenn Obama jetzt sagt, Völker verlangen gute Regierungen, wartet man schon auf eine nachfolgende Auskunft, wo sie falsch regiert werden und welche Front jetzt fällig ist. Dazu sagt er aber, eine Front aufzumachen, wäre Bushs falsches Rezept gewesen. Der imperialistische Inhalt seines Geredes ist so etwas Seltsames wie ein totaler Vereinbarkeitsbeschluss: Er dekretiert die vollständige Vereinbarkeit aller anständigen Bestrebungen der Staatenwelt, der er ansonsten keine Vorschriften machen will, mit dem, was Amerika an Ordnung in der Welt durchzusetzen gedenkt.
Dieser angesagte Vereinbarkeitsbeschluss hat zwei Momente: Er ignoriert die Möglichkeit unvereinbarer Interessen mit seiner Nation – die er nur Bush anlastet – und sagt der Staatenwelt: Eure recht verstandenen Interessen stehen zu Amerikas Interessen nicht in einem Widerspruch – das ist etwas äußerst Anspruchsvolles.
  — Am Beispiel Iran ausgedrückt sagt er, man dürfe nicht Bushs Fehler machen und Nationen den ihnen zukommenden Platz in der Staatenwelt nicht zubilligen. Dabei legt er aber gerade fest, was ihnen zukommt.
Das Prinzipielle, dass Amerika der Platzanweiser der Staatenwelt ist, ist bei ihm so gewichtig wie bei allen amerikanischen Präsidenten. Aber er verkündet diesen Anspruch eben so, dass er behauptet, es müsse kein legitimes staatliches Interesse geben, das in einem unvereinbaren Widerspruch zu Amerikas Interessen stünde
  — Die Aufforderung: 'Vergesst den Antiamerikanismus, wir wollen doch letztlich alle dasselbe', ist die Verpflichtung, sich entsprechend zu verhalten.
In dieser quasi idealistischen Ausdrucksweise steckt der Anspruch – von dem Obama nicht abrückt –, dass Amerika für alle Staaten auf der Welt ihren Ort und ihre Aufgabe weiß. Aber das Entscheidende ist, dass er damit eine Art großes imperialistisches Experiment ansagt: Weltordnung ohne Vollstreckung der Frontlinie. Im Gegensatz zu Bush, der an der Front gegen Schurkenstaaten die Welt sortiert hat, sagt Obama das Experiment an, eine Weltordnung im Sinne Amerikas herzustellen, nicht darüber, dass Amerika mit seiner überlegenen militärischen Gewalt die Welt einteilt, sondern indem es allen Staaten zusagt, bei keinem Staat lockerzulassen bis nicht der Konsens mit Amerika gefunden und festgelegt ist. Also der Standpunkt: Interessen, die den amerikanischen widersprechen, will ich nicht kennen. Das hat natürlich das Moment von: das billige ich diesen Staaten nicht zu; aber das soll nicht per Konfrontation passieren. Das ist die eigene Art neuer Imperialismus, die Obama offenbar jetzt probieren will.
Moralische Grundsätze in der Weltpolitik sind immer die diplomatische Ansage imperialistischer Ansprüche. Wenn ein US-Präsident Freiheit sagt, dann ist die Konfrontation mit dem Staatenblock angesagt, den er als unfrei deklariert. Wenn er sagt: Kampf fürs Gute, Krieg dem Terrorismus, dann ist damit die Eröffnung einer Frontlinie gegen Schurkenstaaten angesagt. Der moralische Idealismus ist die diplomatische Form, imperialistische Ansprüche in die Welt zu setzen. Bei Obama hat man eine Moral, die sagt, mit Amerikas Interesse ist alles, was Völker und gut regierende Staatsgewalten wollen, voll vereinbar – ohne Namen zu nennen, wer nicht dazugehört.
Dieser absolute Vereinbarkeitsbeschluss, den er in die Welt setzt, ist ein Nichtanerkennungsbeschluss nationaler Interessen, die sich gegen Amerika richten. Nicht bloß in dem Sinn, nicht daran glauben zu wollen, sondern denen keine Gültigkeit zuzubilligen. Aber nicht, um gegen die, die doch Gegensätze zeigen, eine Front zu eröffnen, an der entlang die Staatenwelt sortiert wird, sondern es ist umgekehrt die Absage an jede Frontbildung:
  — In diesem Beschluss, dass im Prinzip der Rest der Welt die gleichen Interessen hat wie Amerika, ist auch ein Moment substanzieller Anerkennung der anderen Staaten enthalten.
Ja, er verspricht, alle Interessen, die Nationen vertreten, unter dem Gesichtspunkt der unterstellten Vereinbarkeit mit amerikanischen Ordnungsinteressen anzuerkennen. Das will er verkündet und akzeptiert haben, als formelle Prämisse für alle Diplomatie, die dann erst losgeht: Hier habt ihr es mit einer amerikanischen Regierung zu tun, die davon ausgeht, dass eure nationalen Eigeninteressen nicht in einem substanziellen Widerspruch zum amerikanischen Weltordnungsinteresse stehen; und mit einer amerikanischen Diplomatie, die nicht lockerlässt, bis sie diesen Punkt der Vereinbarkeit gefunden hat. Das ist nicht die Verkündigung eines Desinteresses an anderen Staaten im Sinn von: macht doch, was ihr wollt, sondern es ist die Ansage, für jedes Problem, das zwischen Amerika und dem Rest der Welt auftaucht, eine einvernehmliche Lösung zu suchen. Und das nicht nur als Abgrenzung gegen Bush.
  — Man muss noch dazusagen, worauf sich denn dann die Zusammenarbeit mit anderen Nationen konzentriert. Da gibt es neben den Atomwaffen den gewalttätigen Extremismus. Der ist aber nicht mehr derselbe wie bei Bushs Antiterrorkrieg, der einfach Antiamerikanismus so bezeichnet hat, sondern bei Obama soll gewalttätiger Extremismus enger, nur als Taliban oder Al Kaida, gefasst sein,
Das ist der Unvereinbarkeitsbeschluss, den Obama noch kennt. Da hat er natürlich seine Schwierigkeiten mit Nordkorea, dem Iran, anderseits auch den Israelis: Diese substanziellen Interessengegensätze sind nicht so leicht zu einer Vereinbarkeit zu führen. Als Linie angesagt, hat es dann aber den Charakter eines Experiments.
  — Es ist die Formulierung eines gemeinsamen Interesses aller gegen Extremisten. Das ist etwas anderes als zu sagen, Amerika führt einen Krieg gegen Terror.
Eigentlich müsste es sich die gesamte Staatenwelt zum Anliegen machen, den gewalttätigen Extremismus und die Verbreitung der Atomwaffen zu bekämpfen. Dabei scheidet er nicht die Staatenwelt in gute und Schurkenstaaten, sondern verspricht, sogar beim Iran zu versuchen, ihn in seine Weltordnung mit einzubinden.
Welche Angebote dann im Einzelnen an die verschiedenen Staaten erfolgen, wird man schon sehen. Für die Palästinenser hat er das Angebot, ernst zu machen mit ihrem eigenen Staat und auch die Israelis zu einer gewissen Vertragstreue zu verpflichten. Das durchaus ernstzunehmende Angebot an die alten Schurkenstaaten ist: Ihr werdet aus diesem Status entlassen und das verbinde ich mit der Erwartung, dass es demnächst mit euch den Punkt des Einvernehmens gibt.
Am Beispiel atomwaffenfreie Welt: Obama greift ein Ideal der Friedensbewegung auf, stellt sich dahinter und verkündet in seiner Prager Rede, dass Amerika – gerade als Macht, die als einzige die Atomwaffe kriegerisch eingesetzt hat – darauf hinwirken will, dass Atomwaffen – zumindest irgendwann mal – aus der Welt verschwinden. Wie gesagt, da sollte man nicht fragen, ob er das ernst meint und in Wirklichkeit die eigenen behalten will, sondern es als Ansage begreifen. Es ist ein interessanter Blick auf die Welt unter dem Gesichtspunkt der obersten strategischen Waffen, die noch aus der Konfrontation von vorgestern – Freiheit gegen Sozialismus – übrig geblieben sind. Diese Arsenale existieren nun mal. Der Vorschlag der atomwaffenfreien Welt hat drei Abteilungen, die er in seiner Rede exemplifiziert: Er enthält erstens ein neues Verhältnis zu Russland: Diese Erbschaft aus der alten Konfrontation soll weg. Zweitens der Aspekt der Proliferation, der Verbreitung atomarer Rüstung in der Staatenwelt: Es soll unterbunden werden, dass es zusätzliche Atommächte gibt. Drittens: Es soll auf alle Fälle verhindert werden, dass atomares Material in die Hände von Terroristen gerät.
Das ist der große Vereinbarkeitsbeschluss: atomwaffenfreie Welt ist wirklich ein Interesse, in dem alle Staaten sich zusammenfinden können.
  — Ein russischer General hat dazu gesagt, angesichts der Einkreisung von Russland durch Nato und zentralasiatische Feindschaften wäre die atomare Abrüstung die Aufgabe jeder Gegenschlagsmöglichkeit, weil auf allen anderen Feldern die hoffnungslose Überlegenheit des Westens greifen würde. Er hat das als Selbstentwaffnung gekennzeichnet.
Da merkt man, an welches Interesse der Gegenseite dieser Vorschlag tatsächlich rührt. Was ist das Angebot, das Obama macht? Er sieht eine strategische Lage, die ein Moment von vorgestern enthält, nämlich Atomwaffen in Amerika und Russland, die für eine Sorte Krieg entwickelt worden sind, den keine Seite mehr ernsthaft plant; für Krieg als Schlagabtausch. Diese Art der Bewaffnung stammt aus einer Welt der Todfeindschaft zwischen ebenbürtigen Mächten, ebenbürtig in der entscheidenden Frage der gegenseitigen Vernichtungsfähigkeit. Dass dieses Arsenal zu der Welt von heute nicht mehr passt, ist seit ca. 1989 Standpunkt der Weltpolitiker, aber dieser Widerspruch ist nicht weltpolitisch bearbeitet worden. Die Amerikaner haben vielleicht eine Zeitlang darauf gesetzt, dass sich das durch die Veralterung der russischen Atomwaffen von selbst erledigen würde.
  — Was man von den Amerikanern in Afghanistan, Irak etc. in den letzten Jahren mitbekommen hat, was sie an konventioneller Bewaffnung inzwischen auf die Beine gestellt haben, ist eine Gewaltmaschinerie, wie sie sie für das jetzige gewaltmäßige Weltordnen für notwendig und effektiv erachten. Dafür sind die alten Wuchtbrummen untauglich.
Das ist der Punkt, an dem Obama ansetzt, deswegen hat er auch die Start-Verhandlungen neu eröffnet. Das ist eine Absage an die Vorgänger-Politik, Bush hat das dilatorisch behandelt und stattdessen darauf gesetzt, damit anzufangen, einen Raketenschirm um Russland zu entwerfen. Das war noch ein Moment von konfrontativer Linie. Die stellt Obama durchaus zur Debatte, wie auch, dass er neu einsteigt in eine neue Stufe der Abrüstung der Atomraketen.
Er will eine Einigkeit darüber, dass ein Schlagabtausch, für den man die Arsenale von tausenden von Atomraketen unterhalten muss, eine Konfrontation auf dieser allerobersten, absurden Ebene der wechselseitigen Vernichtungsfähigkeit, keinem nützt, weil keine Seite damit mehr eine sinnvolle Perspektive verbinden kann. Dass er damit dieses Moment von Ebenbürtigkeit, das die Russen nur noch auf dieser obersten Ebene besitzen, aus der Welt haben will, ist das amerikanische Interesse. Aber er offeriert das der anderen Seite mit dem Standpunkt, dass dieses Arsenal für eine Konfrontation gegenstandslos geworden sei.
Dabei will er auch das Einvernehmen mit der russischen Seite, die sich keiner derartigen Gegnerschaft Amerikas mehr ausgesetzt sehen muss, Obama offeriert ihnen gewissermaßen die Garantie. Dass das natürlich Amerikas Stellung in der Welt nicht schwächt, sondern stärkt, ist das, was die Russen gleich raushören, weil eben diese Sorte Atomwaffen das einzige Feld sind, auf dem sie wirklich noch ebenbürtig mit Amerika sind. Dagegen sagt ihnen Obama, dass diese Ebenbürtigkeit ein Witz ist, weil sie auf eine Konfrontation bezogen ist, die er mit ihnen gar nicht mehr eingehen will und von der er sicher ist, dass die Russen sie auch nicht eingehen wollen. Es sei heute nicht mehr eine Konfrontation in der Welt, die das Risiko wechselseitiger Vernichtung noch irgendwie rechtfertigen könnte. Das war damals, als Amerika dort noch das falsche System bekämpft hat, aber seit die sich bekehrt haben, sind sie zwar überall Konkurrenten, aber ‚Mutual Assured Destruction’ braucht es heute nicht mehr, und Obama ist sich sicher: Das ist auch nicht in Russlands Interesse.
Die Russen sind da in einer verzwickten Lage, weil sie selbst nicht mehr einen Atomkrieg mit den USA planen. In den 70er Jahren war man damit konfrontiert, dass zwei bis an die Zähne atomar bewaffnete Nationen Schritt für Schritt mit Erstschlag und gesicherter Zweitschlagskapazität die komplette Durchführung einer atomaren Weltvernichtung geplant haben. Rüstungskontrollverhandlungen wurden von amerikanischer Seite mit dem Bestreben betrieben, auf russischer Seite sicherzustellen, dass die den Krieg genauso planen und deshalb die Finger davon lassen. Das wurde dann fortgesetzt bis zum nächsten Schritt einer garantierten Abwehrmöglichkeit gegen feindliche Atomwaffen: Reagans Star-Wars-Idee.
  — Wobei diese Ebenbürtigkeit der Russen heute nicht mehr besteht. Es herrscht ein unterschiedliches Niveau, d. h. die Russen haben noch ihr Zeug rumstehen, aber es ist für sie eine Anstrengung das Potenzial aufrecht zu halten.
Die Hoffnung des Westens, der Laden zerfällt und seine Atomraketen gehen genauso unter wie seine maroden U-Boote, hat sich aber als trügerisch erwiesen. Die Russen sind nicht mehr so in einem inneren staatlichen Verfall begriffen, dass man ihnen am Ende noch die letzten Atomraketen abtransportieren kann. Sondern Russland baut sich wieder als ernstzunehmender Rivale in allen möglichen Sektoren auf; natürlich nicht mehr als die große Gegenmacht des Kalten Krieges.
Obama will deswegen anders damit umgehen. Er versucht zu bereinigen, dass es da ein Arsenal gibt, das für die USA noch immer die Qualität einer Unhandlichkeit der Weltordnung an sich hat. Denn dieses Arsenal hätten sie zu fürchten, wenn es auf der anderen Seite einen gäbe, der die Konfrontation wieder aufnähme. Also will er eine Ebene der möglichen strategischen Konfrontation beseitigen, die es so nur aus Erbschaftsgründen gibt.
Es gibt auf der nächsten Ebene noch andere Einsatzfelder für Atomwaffen, die, die mit der Ankündigung – sowohl der amerikanischen wie auch der russischen Seite: wir behalten uns den Ersteinsatz von Atomwaffen vor – angesagt sind. Das ist – von amerikanischer Seite – gar nicht berechnet darauf, den Todfeind im Osten fertig zu machen, sondern auf Kriegsschauplätze, in denen der Atomwaffeneinsatz militärisch Sinn macht, z. B. um einen Sieg zu beschleunigen, um die Gefahr einer Niederlage abzuwenden, um – unter Bush – eine prompte und vollständige Bestrafung einer Nation durchzuexerzieren, um Widerstand zu brechen. Für diese Ebene des militärischen Sinns und Zwecks von Atomwaffen hat Obama den nächsten Vorschlag: Er will die Zahl der Nationen einfrieren und zurückführen, bei denen sich die amerikanische Militärmacht einer Atomwaffe in feindlicher Hand gegenüber sieht: v. a. Iran, Nordkorea und demnächst Pakistan. Da ist sein nächster Vorschlag über eine atomwaffenfreie Welt: Es kann in keines Staates Interesse sein, dass ringsum atomar bewaffnete Staaten existieren. Das Problem mit der Atomwaffe ist hier folgendes: Staaten verfügen damit über eine zwar äußerst fragwürdige, aber – letztlich doch – über eine Garantie der Unhandhabbarkeit, eine Waffe des letzten Refugiums der Souveränität, selbst wenn es nur negativer Art ist. Dass ein Staat wie der Iran den Einsatz einer Atomwaffe nicht überleben würde, hat schon Chirac weltöffentlich verkündet. Aber dass ein Staat so etwas hat, macht ihn in gewisser Weise respektabel auch für eine so überlegene Militärmacht wie die USA – jedenfalls unberechenbar in einer letzten Hinsicht. Das ist das praktische, strategische Problem der USA.
Und auch da ist die Politik Obamas nicht die, eine Front gegen Staaten, die im Verdacht stehen, sich demnächst Atomwaffen zu beschaffen, zu eröffnen, sondern er will alle Staaten vereinnahmen für ein wirklich ernsthaftes, nachprüfbares, operativ durchführbares Regime über alles nukleare Potenzial, das für Atomwaffen in Frage kommt. Da denkt Obama, dass sich mit diesem Vereinnahmungsstandpunkt tatsächlich Weltordnung müsste machen lassen. Plausibilität bekommt das alles aus dem Scheitern der konfrontativen Versuche Bushs.
  — Mir fehlt noch der imperialistische Ertrag, den die Amerikaner dabei haben. Ist das bei den Atomwaffen der Anspruch, dass dies – vermittelt über ihre Zusage der Ausarbeitung einer Vereinbarkeit von Interessen – die Zuständigkeit der Amerikaner für diese Waffengattung festlegt?
Noch prinzipieller: Obama sagt: Wir machen einen weltweite Kontrolle der atomaren Mittel, wir unterbinden ernsthaft den dual use, wir bieten allen Staaten an, die Kernkraft zivil nutzen zu dürfen; aber den militärischen Verzicht verlangen wir ihnen ab. Und das alles machen wir in ihrem eigenen Interesse, denn einige Staaten berufen sich genau auf diese rein zivile Nutzung. Das will er verlässlich organisieren, er will an einem Regime basteln, das über die Kontrolle der Mittel geht, der ganze Brennstoffkreislauf soll unter internationale Kontrolle. Bush dagegen war nicht für Verhandlungen mit dem Iran über dessen Atom. Die atomare Kontrolle war da ein Element der Feindschaftsansage: diesem Staat trauen wir eine rein zivile Nutzung nicht zu.
Obama macht das anders und genereller. Er sagt, wenn wir ein internationales Regime über die atomaren Mittel errichten, dann machen wir keine spezielle Feindansage, sondern dann sorgen wir dafür, dass die Möglichkeit der Atombewaffnung prinzipiell unterbunden wird. Wenn dann noch welche danach streben, dann werden sie aber auch international verlässlich geächtet und bestraft. Wir erfinden also auch ein internationales Sanktionswesen. Das ist einerseits ein Angebot an die Russen, als Hauptproliferanten, wie auch an die anderen europäischen Atommächte. Zugleich ist es das Interesse, mit ihnen gemeinsam so etwas wie ein Regime aufzurichten, das natürlich dann, weil es von Amerika ausgeht, auch ein Stück organisierter Weltkontrolle ist über die Atommittel. Dem, dass Russland die Frage – wem was zusteht –, anders definiert, wird das gemeinsame Interesse entgegengehalten: 1. Alle Staaten werden in ihren Ambitionen zurückgeschraubt, und zwar mit dem Angebot: die wirklich nur zivile Nutzung wird garantiert. 2. Damit ist gleich das gemeinsame Interesse mitorganisiert, dass Proliferation an Terroristen nicht zustande kommt.
Sollte dieser Vorschlag verwirklicht werden, wäre der Nutzen für Amerika eine organisierte Weltkontrolle der Atombewaffnung. Über das Angebot: Wir beteiligen die potenten Atommächte daran, weil auch die ein Interesse an Kontrolle haben, definiert Amerika dann, welche Interessen eben als gemeinsame gültig sind. Auf die Weise stellt er klar, wie er sich Weltordnung künftig vorstellt: unter Einschluss anderer Staaten, die nicht mehr per Krieg in eine Koalition der Willigen gezwungen werden, sondern per gemeinsamer Interessen zum verlässlichen Mitmacher gemacht werden sollen.
  — Es sind aber doch nicht wirklich gemeinsame Interessen, an die Obama da appelliert?
  — Die Interessen sind nicht mit den amerikanischen deckungsgleich, was Obama aber ignoriert. Er sagt nicht einfach: Wir wollen die Atomwaffen kontrollieren, sondern drückt es aus als: Da kann doch niemand was dagegen haben, oder? Jemand, der sich diesem Interesse nicht anschließt, sich außerhalb dessen stellt, was als gemeinsames Interesse der ganzen Menschheit definiert ist, kennzeichnet sich damit selbst als Feind der Menschheit.
Man kann das Moment von Drohung schon rauspräparieren, es sollte aber erst mal die andere Seite bedacht werden, weil die die Grundlage für die Konfrontation im Land selbst ist. Die innere Opposition in den USA wirft Obama grenzenlose Naivität vor. Sie bestreitet, dass Obamas Versuch, eine Politik ohne Drohungen zu probieren, überhaupt verantwortbar ist. Das ist aber genau sein Experiment, weil seine Diagnose ist, dass die Politik der Warnungen und Drohungen alle, die sich davon nicht genügend beeindrucken ließen – Europäer, Russen, Chinesen etc. –, gestärkt hat. Und das ist nur die friedliche Abteilung: In sämtlichen Kriegen bluten amerikanische Soldaten nutzlos, nicht mal das Ölgeschäft im Irak klappt. Da ist seine Bestandsaufnahme der multipolaren Weltordnung – so kann es nicht weitergehen. Bush hat diesen Befund anders gedeutet: Wenn es so ist, müssen wir der Welt noch hässlicher kommen. Obama befindet dagegen: Hässlich sind wir genug, wir brauchen eine andere Linie. Das ist nicht nur Schönfärberei und in Wirklichkeit steht doch die Drohung dahinter, sondern angesagt ist ernsthaft das Experiment einer nicht konfrontativen Weltordnungspolitik. Dass die Ziele der Weltordnung genau die selben sind wie bei Bush, stand von Anfang an fest und zeigt sich an allen Unterpunkten. Aber genau das in einer Weise, die nicht durch die Eröffnung einer Front vorangebracht wird, sondern durch die Ansage, diplomatisch an all diesen Ecken nach Punkten der Vereinbarkeit, vielleicht auch Vereinnahmbarkeit anderer Nationen zu suchen.
Wie haltbar das ist, wie lange er selbst seinen Gegnern standhält, wollen wir nicht prognostizieren. Die angesagte Linie ist nicht: Imperialismus weichgespült, denn die Ansprüche sind so hoch wie immer, aber das Rezept dafür ist ein anderes, und nur daran soll es liegen, dass die Welt Amerika folgt. Gegen das untaugliche Rezept der Konfrontation probiert er das Konzept der universellen Vereinnahmbarkeitserklärung.
Da steckt die Absage daran, antiamerikanische Interessen gelten zu lassen, allemal mit drin, aber jedes antiamerikanische Interesse wird auf eine Stimmungsschwankung runterdefiniert, die Bush verschuldet hat. Darin liegt die Härte dieses Anspruchs: Die Durchführung von antiamerikanischen Interessen lassen wir nicht gelten. Diesen Standpunkt durchzuexerzieren nicht per Konfrontation, sondern per Vereinnahmung, das ist der Widerspruch, an dessen Durchführung Obama sich abzuarbeiten verspricht. Und natürlich ist das ein Widerspruch: Allen Staaten auf den Kopf zuzusagen: Ihr mögt zwar denken, ihr habt mit uns unvereinbare Interessen, wollt womöglich Atomwaffen und seid nicht zufrieden damit, eure Direktiven in Washington abzuholen, aber ich – z.B. als glaubwürdiger Neger – sage allen Negern in Afrika: Vertraut auf uns, ihr braucht keine Konfrontation mit uns zu haben. Und das sagt er auch allen Südamerikanern, die sich gerade dazu entschlossen haben, zumindest teilweise antiamerikanische Politik zu machen. Das ist eine Ansage, die den harten Kern hat: Antiamerikanische Interessen will ich nicht kennen, lasse ich nicht gelten. Aber die Form, in der er das nicht bloß ideologisch ansagt, sondern auch zu probieren verspricht, heißt: Ich bringe euch bis dahin, dass ihr merkt, wir werden uns einig.