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Wahlen im Iran
1. Die Beurteilung durch die hiesige
parteiliche Öffentlichkeit
Parteilichkeit heißt nicht, die Sache allein mit einem anderen
Vorzeichen zu versehen. Parteilichkeit geht anders, weil sie ein
parteilicher Blick auf die Sache selber ist.
a) Als Erstes ist hier aufgekommen, dass man im Iran nach Freiheit
drängt. Es sollen Menschen sein, die nach Demokratie streben, nach
westlicher Zivilisation, nach so etwas wie bei uns. Alles sind Bilder
für ihren Freiheitsdrang. Mussawi hat man als die Figur dafür
gefunden und vermutet, dass das wohl ein Reformmensch sei. Könnte
das nicht unser Mann und könnte seine Gefolgschaft nicht unsere
Massen vor Ort sein?
Dem folgte die Warnung auf dem Fuße: Vorsicht, keine falschen
Einbildungen. Er will doch nicht ganz das wie hier. Das war das eine
Muster an Stellungnahmen, die sich zwischen diesen beiden
Gesichtspunkten hin und her bewegten.
b) Die zweite Schiene fragt sich, was das für die
Außenpolitik heißt, für das Aufstellen Irans in Sachen
Atompolitik. Könnte da nicht ein kleiner Fortschritt passiert sein
und könnte man im Gegenkandidaten irgendwelche
Anknüpfungspunkte entdecken? Und wenn es bloß das ist, dass
er konzilianter ist. Hat nicht doch das ganze Sanktionswesen gewirkt
und kommt nicht das ganze Land darüber etwas zur Vernunft? Kaum
gesagt, folgt auch hier schon wieder die Warnung: Vorsicht, der will
doch auch dasselbe Atomprogramm. Ob von dem überhaupt ein
grundsätzlicher Wandel zu erwarten ist?
c) Die dritte Abteilung ist eine Stufe weiter. Sie hat sich zur
Parteilichkeit bekannt und gesagt, man müsse da doch Einfluss
nehmen. Wenn es schon nicht gleich die Unseren sind, könne man sie
über den Einfluss doch in ganz anderem Sinne vorantreiben, zu
unseren Figuren machen. Und auch zu diesem Bekenntnis kam gleich der
Hinweis hinzu: Vorsicht, wenn diese Einflussnahme zu offenkundig ist,
kann sie nach hinten losgehen und wirkt dann kontraproduktiv.
Dies sind drei Facetten dieses parteilichen Hin und Her. Das, was im
Iran los ist, ist etwas anderes als die behaupten. Und sie drücken
es selber auf ihre Art als dieses Hin und Her aus. Die Wirklichkeit
kommt überhaupt nicht vor. Nun könnte man aus dieser
Behandlung auch herauslesen, die westliche Öffentlichkeit
wäre sich in ihrer Einschätzung in gewisser Weise unsicher.
Bloß ist diese Sorge bei der Kommentierung gar nicht bemerkbar.
Denn die Zusammenfassung hat in der Öffentlichkeit allemal
Geltung: Wenn es dort Unruhe gibt, kann uns dies erstens nicht egal
sein und zweitens kann es uns durchaus recht sein.
Unterm Strich bleibt von dieser parteilichen Begutachtung: Gegen
Ahmadinedschad ist man prinzipiell, denn er steht für das Prinzip
der iranischen Insubordination, der muss weg. Beim Punkt c) mit dem Hin
und Her, ob Einflussnahme geht, bleibt ein gewisses Leiden an der
relativen Ohnmacht gemessen an den Maßstäben einer viel
weiter reichenden Einmischung übrig.
Obama sagte, er wüsste eigentlich gar nicht so recht Unterschiede
zu benennen zwischen Ahmadinedschad und Mussawi, sie würden sich
nur in Kleinigkeiten unterscheiden. Hat der Mann etwas gemerkt? Die
Wahrheit ist anders. Es ist die imperialistische Ignoranz dem
gegenüber, was im Iran inhaltlich passiert, weil keiner ein
passender Ansprechpartner für den Westen ist. Der Streit jetzt im
Iran ist doch wirklich nicht Nichts. Es sind nicht dieselben, die gar
nichts Unterschiedliches wollen.
Was also bleibt, ist die Hoffnung, das Setzen darauf, dass irgendeine
gewisse Zersetzung wohl stattfindet. Dieses Interesse trägt man
dieser Sache an. Darunter werden alle Ereignisse subsumiert. So sieht
das Szenario der parteilichen Betrachtungsweise aus.
2. Die rationelle Fassung dessen, was
im Iran unterwegs ist
Dort hat eine Wahl dahin geführt, dass hinterher die beiden
Kandidaten wechselseitig auf dem Sieg bestehen, und dies jenseits all
dessen, was sie damit aufrühren. Nicht nur die Oberen, sondern
auch die jeweils sich zuordnenden Massen stehen mit der gleichen
Forderung nach Sieg auf. Sie werden aktiv, steigen auf die Dächer
und gehen auf die Straße, die eine Gruppe nimmt gleich die
Knüppel mit. Dann kommt ein institutionalisierter Obermullah und
befindet, dass im Namen Gottes der eine gewonnen und der andere dies
gefälligst anzuerkennen habe, denn schließlich habe wieder
Frieden und Gehorsam zu herrschen. Und Mussawi sagt dann, dass er dies
einerseits zwar einsehe, andererseits aber überhaupt nicht. Dazu
erfährt man, dass sich verschiedene Institutionen darüber
streiten, wer jetzt die Wahl gewonnen hat und wie mit dem Konflikt
umzugehen ist. Eine eigenartige Wahl: Wo hat es das gegeben, dass
Wähler auf dem Votum bestehen, dass ‚mein Mann’ gewonnen haben
muss? Was ist da los?
— Man kann den im Iran
herrschenden Gegensatz in zwei Weisen
ausdrücken. Der eine ist ökonomisch. Es existieren
nebeneinander zwei Arten von Wirtschaft. Zum einen sollen die
existierenden Reichtumsquellen kapitalistisch benutzt werden, um damit
auf dem Weltmarkt Reichtum für die Nation einzufahren. Zum anderen
existiert eine Art Staatswirtschaft, die die Gesichtspunkte kennt,
Märtyrer zu versorgen, Arme zu unterstützen, die Menschen
nach sittlichen Kriterien in das Gemeinwesen einzubinden, damit sie
sich dann dem Islam mit seinen sittlichen Werten zuwenden können.
Dies widerspricht der kapitalistischen Einrichtung und Nutzung der
Gesellschaft. So ergibt sich z. B. die Frage, ob man für die
Bevölkerung das Benzin subventioniert, was aus kapitalistischer
Sicht eine lästige Kost ist, die zu streichen wäre. Die
zweite Weise, den Widerspruch zu fassen, liegt auf der politischen
Ebene und fasst sich schon im Begriff Islamische Republik zusammen. Auf
der einen Seite herrschen Rechtsgelehrte, die gemäß
Auslegung des Koran Entscheidungsbefugnis darüber haben, was der
islamischen Sittlichkeit entspricht. Auf der anderen Seite soll ein
Parlament regieren, das durch den Volkswillen legitimiert ist. Dabei
kann man die Kandidaten gar nicht immer nur einer Seite zuordnen, beide
bewegen sich innerhalb dieser Widersprüche.
Hier liegt also kein Streit um die eine oder andere Staatsräson
vor, sondern der Streit ist in der Staatsräson selber eingefasst.
Er gehört zu derem Wesen dazu, immer neu zu entscheiden, wohin die
Orientierung gehen soll, ob mehr die ökonomischen Notwendigkeiten
und Ansprüche oder aber die sittlich-islamischen Gebote den
Vorrang haben sollen. Beide Prinzipien sind glatt politisch auch
institutionalisiert: Die Herrschaft von sittlichen Wächtern
über das, was im Staat passiert, und daneben die Organisation
einer weltlichen Exekutive und eines gesetzgebenden Parlaments durch
Wahlen. Die Frage, wie etwas entschieden wird, so etwas wie die
Machtfrage, wer eigentlich über was und wie entscheidet, ist
institutionalisiert als dieses doppelte Institutionenwesen des Staates.
Beide Gesichtspunkte, das Sittliche wie auch das Ökonomische
sollen gleichermaßen gelten. Im Expertenrat und Wächterrat
kontrollieren sich die Mullahs wechselseitig und streiten über die
Art und Weise, wie sich beide Grundlagen dieser Nation am besten
miteinander funktionalisieren lassen. Dies geschieht auf der Basis,
dass diese beiden offensichtlich nicht so ohne Weiteres zueinander
passen, was von Anfang an schon den Gründern dieser Islamischen
Republik bewusst gewesen sein muss.
Die Herrschaft dort ist nicht als ein arbeitsteiliges Verhältnis
organisiert, sondern ein laufendes wechselseitiges
Kontrollverhältnis von verschiedenen Machtinstanzen, die
verfassungsmäßig verankert sind. Selbst die Frage, wer hier
wen kontrolliert, ist teils aufgeteilt, teils umstritten. Insofern ist
in dieser Republik von vornherein der Machtkampf institutionalisiert
ganz jenseits der Frage, ob man mehr für das Religiöse oder
mehr für das Weltliche ist. Jede Instanz hat sich beide
Gesichtspunkte zu eigen gemacht. Die Machtkonkurrenz, die da
institutionalisiert ist, findet jetzt auch zwischen Institutionen
statt. Es ist nicht eine Unterordnung unter das religiöse Prinzip.
— Ich kann nicht
nachvollziehen, dass es einen großen
Widerspruch gibt, zwischen den Prinzipien der Religion, was sie an
Sittlichkeit von den Leuten fordert, und dem, dass Eigentümer sich
bereichern können. Wieso soll der Verweis auf Gott, ein Hindernis
dafür sein, Öl zu verkaufen?
— Ein Streitpunkt ist
z. B. die Verwendung des
Staatshaushalts. Als der Ölpreis hoch war, wurde ein Ölfonds
beschlossen, der die iranische Nation voranbringen sollte, Raffinerien
sollten gebaut und sich auch gegen die US-Sanktionen zur Wehr gesetzt
werden. Dagegen hat v. a. Ahmadinedschad betrieben, von diesem Geld
sozial Schwache zu unterstützen, weil ein Prinzip ist, dass
soziale Mildtätigkeit einen praktischen Stellenwert in der Nation
hat.
Da war eben der Vorwurf Mussawis an Ahmadinedschad, dass diese
Auslegung ein einziges Hindernis dafür ist, aus den
Öleinnahmen ein ökonomisch erfolgreiches Programm zu machen.
Oder die Sache mit dem Zinsverbot, das im Koran steht: Das soll
einerseits gelten, andererseits sind die Rechtsgelehrten dabei sehr
einfallsreich, das anders zu interpretieren, so dass es nicht ein
Hindernis für die auf die Tagesordnung gesetzte
staatskapitalistische Verwertung des überkommenen Reichtums ist.
Bis dahin, dass es für den Erfolg der Nation auch so etwas wie
einen Privatkapitalismus geben soll.
Also, hier steht nicht Religion (mit ihren fest gefügten
Sittengesetzen) kontra weltliche Notwendigkeiten (mit ihren eigenen,
berechnenden, guten Gründen), sondern beides gilt. Beides setzt
sich ins Recht – auch ins religiös interpretierte – unter dem
allerhöchsten Gesichtspunkt, dass ein islamischer Gottesstaat, der
eine am Weltmarkt teilnehmende, antiimperialistisch definierte
Regionalmacht sein will, für sein Programm Mittel ansammeln muss.
Umstritten ist, was dafür an Kapital sittlich erlaubt und geboten
ist. Geboten, denn weil es für den Staat die Machtgrundlagen
schafft, ist es auch ein sittliches Prinzip.
Wie dieses Verhältnis zwischen Geistlichkeit und weltlicher Macht
gilt, ist sofort eine Grundsatzfrage, weil beides ins Recht gesetzt ist
und laufend entschieden wird. Fürs Entscheiden gibt es
institutionalisierte Instanzen, die sich deswegen laufend darum
streiten, wer was zu entscheiden hat.
Gottesstaat bedeutet eben nicht, dass gebetet wird und Frauen sich
verschleiern müssen. Das schon auch, aber das findet alles
für eine Macht statt, die ihren Volkszusammenhalt aus diesem
sittlichen Gebot – Wir sind eine Gemeinschaft, die der Staat verwaltet
und betreut – erhält. Die andere Seite ist: Es ist ein
Ölstaat mit einer Menge Volk. Dieses ist zu großen Teilen
für diesen Staat nicht beitragend und nützlich. Der Schah hat
damals eine westliche Gesellschaft und Kapitalismus entwickeln und das
Volk dafür benutzen wollen; dafür wurden alte
Verhältnisse zerschlagen, Leute verarmt, dann ist er von Chomeini
etc. weggeputscht worden. Die Mullahs lassen diesen Gegensatz nicht
gelten: Das Volk wird sittlich eingebunden, es bekommt erstens seinen
berechtigten Status im Land und dadurch wird zweitens das, was
ökonomisch gemacht wird, gerecht.
Da gilt nicht einfach Kapitalismus, sondern eben all solche, sich
widersprechende Fragen werden aufgeworfen. Es wird laufend gesagt, dass
es viel zu regeln gibt – von den
obersten Fragen des Staatshaushalts –
welche Firmen ins Land dürfen, ob ausländische Ölfirmen
Geschäfte machen dürfen – bis dahin, welche Wirkungen es hat,
wenn Telefone, Computer ins Land kommen, Fragen der Ausbildung, der
Berufe wie der sittlichen Abteilung. In der iranischen Nation gibt es
die laufenden Streitigkeiten, die ständig als Machtkampf
stattfinden. Dabei ist es nicht so, dass jetzt erst eine alternative
Staatsräson, die zum großen Streit in diesem Staat
führt, aufgekommen wäre. Von Anfang an ist in diesem
Staatswesen die Doppeltheit von Macht, antiimperialistische Macht in
Namen Allahs, institutionalisiert.
— Was nicht heißt,
dass sich die eine Position als
religiös gefärbter Sozialstaat definiert. Die Massen und ihre
Zustimmung zum Staat bekommen eine andere Bedeutung, als beim normalen
demokratischen Staat, weil dieser Staat sich ganz anders auf den Willen
der Massen zu ihm begründet. Die Opferbereitschaft der Massen ist
für die islamische Republik eine Grundlage, auf die diese Republik
nicht verzichten kann. Gerade die nicht so funktionelle Einbindung der
Massen als Lohnarbeiter in diesen Staat gibt dem Standpunkt, es brauche
eine besondere Stellung des Staates zu seiner Grundlage in der
Bevölkerung, ein Recht. Es ist also nicht ganz die Wahrheit, wenn
alle denken, Ahmadinedschad sei ein religiös denkender Volksfreund.
Um zur Wahl überzuleiten: Es gibt keine Auseinandersetzung im
Iran, ob die Religion die Politik bestimmen und diese sich der
Koran-Interpretation der islamischen Rechtsgelehrten unterwerfen soll
oder umgekehrt, dieser Staat weltlich organisiert sein und die Religion
quasi die rechtfertigende Legitimation der Herrschaft sein soll. Es
gibt eine andere Auseinandersetzung, die aus dem Widerspruch dieser
Staatsraison kommt. Seit Anfang der islamischen Republik gibt es die
unentschiedene – und theoretisch nicht zu entscheidende – Frage, auf
welche Art sich beide Grundlagen dieses Staatswesens am erfolgreichsten
funktionalisieren lassen. Da gibt es lauter sich widersprechende
Auffassungen darüber, wie dieses Verhältnis für die
Nation am erfolgreichsten zusammenzubringen ist. Das bleibt
natürlich nicht beim theoretischen Diskutieren, wie das wahre
Verhältnis zwischen Staat, Politik und Religion aussehen soll.
Wenn man eine Linie durchsetzen will, ist es nicht theoretisch oder
religiös zu entscheiden, sondern es ist per se eine Machtfrage. Da
geht es darum, wie weit einer der leitenden Mullahs sich gegen andere
Interpretationen per Machtfrage durchsetzt. Wenn es auf Wahlen zugeht,
ist es von vorneherein eine Wahl zwischen Alternativen, über deren
Zulassung vom Wächterrat entschieden wurde. Dennoch wird die Wahl
eine Machtfrage. Das liegt in der Grundlage dieses Staates, dass es das
hier Übliche – die Wahl hat stattgefunden, einer hat gewonnen, die
Staatsräson ist geheilt und es ist nur eine Frage des
demokratischen Geschmacks, wer die nächsten Jahre das Sagen hat –
notwendigerweise durch diese Konstruktion des Staates selbst schon
unterlaufen ist.
— Im Iran soll die Wahl
gleichzeitig ein Stück
Lösung des Konflikts sein – ein unmöglicher Auftrag.
Da sieht man, wie dort Demokratie funktioniert. Bei uns schließt
zwar das Verfassungsgericht auch mal Parteien aus, ansonsten herrscht
aber der Konsens der Parteien, die selbst Kandidaten aufstellen, die
man dann wählen darf. Im Iran ist schon das Aufstellen der
Kandidaten eine riesengroße Überprüfungsaktion. Wer
überhaupt zugelassen wird, ist ein Problem wegen der immerzu
präsenten Grundsatzfragen. Wenn einer gewählt wird, muss
vorher gesichert sein, dass der den sonstigen Institutionen zumindest
als islamisch zugelassene Alternative recht ist. Was aber den Streit um
die Wahl offenbar überhaupt nicht verhindert.
— Das Ergebnis gilt dort
ganz anders wie z. B. bei
amerikanischen Wahlen. Da sagt die unterlegene Partei, ich bin
beschissen worden, wirft aber nicht die Frage nach der Legitimität
der Herrschaft auf. Anders im Iran. Die halten daran fest, dass man mit
der Wahl noch mehr gemacht hat als bloß eine Stimme abgegeben.
— Die Machtfrage wurde
auch schon bei den vorigen Wahlen
gestellt. Aber diesmal ist es erstmalig, dass es einen Aufruhr gibt.
Die Frage ist, ob jetzt der Widerspruch an einen Punkt gekommen ist, an
dem der Erfolgsweg der Nation zur Debatte steht. Das andere ist, beide
Kandidaten Ahmadinedschad und Mussawi repräsentieren für sich
den Widerspruch der islamischen Staatsräson, aber im
ausgebrochenen Wahlkampf ist es doch so, als ob der eine ein Stück
weit für die Auflösung des Widerspruchs in die eine Richtung
steht, der andere in die andre. Mussawi sagt, mehr Liberalisierung,
Ahmadinedschad sagt, das Volk soll alimentiert werden, damit es
gläubig sein kann – damit ist dieser Machtkampf dann doch so etwas
wie die Entscheidung des Widerspruchs.
— Es gab schon auch
heftige Machtkämpfe zwischen
Chatami und Chomeini, nur die Austragung des Widerspruchs unterscheidet
sich. Außerdem muss man unterscheiden zwischen der
Herrschaftsfrage – die bisher nur behandelt wurde – und dem Volk. Schon
der Punkt, dass der Wächterrat die Kandidaten bestimmen muss, die
für den Machtkampf in Frage kommen, zeigt, dass es eine Menge
Ausgeschlossener gibt, die sich vielleicht auch eine andere
Staatsräson denken könnten. Und auch im Volk gibt es Teile,
die etwas anderes wollen. Um diese Massen hat Mussawi gekämpft.
— Die Schärfe dieses
Wahlkampfs ist, dass er in einem
erschwerten Umfeld stattfindet: der gesunkene Ölpreis, die
Wirtschaftskrise, die andauernden US-Sanktionen und Androhung von
Angriffen aus Israel. Da befindet sich die Nation schon in einer
Situation, wo die Frage, wer regiert das Land, aus der Sicht derer, die
darum konkurrieren, heikel ist.
Dieser schon grundsätzlich angelegte Widerspruch der
Staatsräson, dieses wechselseitigen Funktionalisierens von
religiöser Beglaubigung als praktische Identitätsstiftung der
Nation und den ökonomisch-politischen materiellen Sicherungen
dessen, was die in den Weltmarkt eingebaute Nation, zum
größten Teil aus ihren Einnahmen als Ölland kassiert,
wird verschärft. Die Frage, wer vertritt den Erfolg an dieser
wechselseitigen Funktionalisierung der widersprüchlichen Seiten
dieser Staatsmoral, spitzt sich zu, wenn sich der Streit bei wachsender
Unzufriedenheit mit dem Erfolg der Nation abspielt.
— Das Auftreten von
Mussawis Frau ist einerseits
lächerlich, andererseits ist es im Iran ein Angebot an
unzufriedene Leute: Bei ihm passt Islam und demokratische Gesinnung
wunderbar zusammen, wie man an seiner mitgebrachten modernen Ehefrau
sehen kann.
— Natürlich ist das
mit dem Regime-Change was anderes,
als hierzulande gewünscht wird. Die protestierenden Massen sind
einerseits Leute, die innerhalb des Regimes ihre Kritik haben. Auf der
anderen Seite gibt es welche, die sagen, dass die Religion eine zu
starke Rolle spielen würde und die Instanzen unterdrücken.
Die ihre Vorstellung von Freiheit und westlichen Werten haben, die
nicht unbedingt mit dem was zu tun hat, was im Westen los ist, sondern
Ideale davon sind.
Noch mal zum Ausdruck Staatsraison,
der in der Debatte unterschiedlich
gebraucht wurde. Man kann natürlich sagen, Staatsraison ist ein
hohes Wort für die im Staat gültigen Prinzipien der
Herrschaft, die von den Politikern exekutiert und vom Volk nicht immer
so genau gekannt werden. Das gilt irgendwie auch dort. Die eine
Abteilung ist, man redet darüber, die haben sich eine
eigentümliche Herrschaft institutionalisiert, gekennzeichnet als
machtvoller islamischer Gottesstaat, da hat man alle Seiten beisammen,
und zweitens als institutionalisiertes Entscheidungswesen, wo das
Zwiespältige in die Institutionen eingebaut ist. Von denen wird
erwartet, alles so zu regeln und entscheiden, dass dabei der machtvolle
Gottesstaat rauskommt.
Auch die Rolle des Volkes ist zwiespältig in diesem Staat. Nicht
nur ökonomisch, dass die einen arm sind und nicht gebraucht
werden, vom Staat her gesehen zwar Volk, aber nutzlos und betreut sind.
An die richtet sich Ahmadinedschad mit dem Standpunkt, das ist unser
Volk, egal, was es beiträgt; Armut wird gerecht von Staats wegen
geregelt. Daneben gibt es die Elite, die braucht es, die wird
ausgebildet, die ist in den Städten, da geht es anders zu. Das
Volk hat aber die Doppelrolle: Es ist berechtigt, auch ökonomisch
tätig zu sein, auch materiell nach Reichtum zu streben, sogar als
Bürger zwischen Leuten auszuwählen. Dann werden ihnen
verschiedene Mullahs vorgesetzt, darauf wird gehorcht.
Im Staat geht es also anders zu, als in der Religion. Die Bürger
dürfen wählen und die gewählten Kandidaten vertreten
dann ein sittliches Gehorsamsprinzip. Zugleich sind die
ausgewählten Kandidaten Repräsentanten dieses Volk und
Führung verbindenden Prinzips – und das ist nicht das des
freigesetzten, aber unter Staatsregie stehenden demokratisch in allen
Gegensätzen domestizierten Bürgers wie im kapitalistischen
Staat. Dem iranischen Bürger wird gesagt, der Staat betreut dich,
ist einerseits für dich da, andererseits bist du für den
Staat gefragt, darfst wählen – aber als Gläubiger.
Wie sich das Volk zurechtreimt, was es darf und was es muss, ist etwas
anderes als eine dezidierte Vorstellung von der Staatsraison, sondern
die Lesart, wie es in diesem Staat zurechtkommen, ob es
glaubensmäßig gerecht oder zu gläubig zugeht, die
eigenen Interessen beschnitten werden usw. Dass die Leute mit
westlicher Zivilisation in Berührung kommen, ist natürlich
ein Stachel für Ansprüche. Hier erfährt man dann,
draußen würden sie beten und daheim flotte Röcke
tragen. Man kann solchen Erzählungen entnehmen, wie dort das Volk
sich teils mit der Staatsräson arrangiert, teils sie offensiv
vertritt. Es gibt Mannschaften, die auf den Islam achten; die Kontrolle
des Volkes durch das Volk selber ist auch institutionalisiert als
Widerspruch im Volk: Es gibt Glaubenswächter, im Zweifelsfall als
Blockwart, daneben gibt es offenbar welche, die man nach dem Standpunkt
des Regimes auch im gewissen Sinne beaufsichtigen muss. Dieser
Standpunkt gehört zu dem umgedrehten: Hier herrscht eine aus dem
Islam begründete Gemeinschaftlichkeit von oben und unten. Da
gehört das Misstrauen und die Kontrolle zugleich dazu.
Deshalb wird auch die Wahl ständig unter den Vorbehalt gestellt,
ob das Volk überhaupt richtig wählt. Da kommen wir zu dem
Punkt, dass das Volk offenbar an die Wahl Erwartungen hängt, dass
es da um sie ginge. Das sind durchgedrehte Wähler, keine, die
sagen, ich nehme das Heft selbst in die Hand, sondern Untertanen,
elementarer Natur – aber aufgebrachte. Die ihr ganzes Weiß-Warum
auf den einen Kandidaten geschmissen haben. Alle möglichen
Interessen richten sich auf den, die werden zum Wahldebakel, zum
Anspruch von Wählern an demokratischen Erfolg. Das deckt
schlagartig wieder den eigentümlichen Charakter dieser Demokratie
auf, dass erstens institutionell der ganze Staat aufgerührt und
zweitens offenbar ideell die sittlichen Grundfragen auf dem Tapet
stehen, was darf wer fordern und verlangen, welcher Kurs ist
einzuschlagen und wie geht man damit um, dass das Volk sich jetzt
spaltet. Die Spaltungsfrage wurde nicht vom Westen aufgebracht, sondern
ist die Fortsetzung davon, darf hier überhaupt unter dem
Islamischen Gemeinschaftsgebot so ein Streit entstehen – das ist
aktuell die Frage, die alle Berechnungen durchzieht. Wie weit man es
treiben darf, ist selbst eine Frage, die gleich sittlich ist. Das geht
nicht einfach berechnend auf Durchsetzung, sondern von allen Seiten
geht es um höchste Werte dieses Staatswesens im Sinne, was sich
überhaupt dort gehört.
— Es ist ein Unterschied
in der Demokratieform, denn
Anliegen an Politiker hat hier auch jeder Wähler, aber dass ein
Anspruch daraus wird, ist schon eine Eigenart.
Aber auch der iranische Wähler verlangt nicht etwas Bestimmtes,
z. B. die Erlaubnis zum Röcketragen, sondern er verlangt den
Sieg seines Kandidaten. Das ist etwas anderes. Es sind Untertanen, die
an die Figur alles hängen – was der dann zu machen hat, wird nicht
gesagt. Auf den haben sie ihre Hoffnungen gesetzt; nur bei dem halten
sie ihr Wählervertrauen fest, allen anderen misstrauen sie als
Führer.
— Auch wenn es sich
unterscheiden mag, was die einzelnen
Gruppen wollen, es fasst sich zusammen in dem, dass sie sagen: Dass
unser Mann nicht gesiegt hat, ist das ganze Problem. Da kann man schon
fragen: Wie stehen solche Leute zu ihrem Anliegen, wenn davon nur
bleibt: unsere Figur hat sich nicht durchgesetzt.
Von der westlichen Öffentlichkeit werden die iranischen
Demonstranten vereinnahmt, das sind eigentlich unsere Leute. Mag ja
sein, dass einige von ihnen – wie schon gesagt – westliche Ideale
haben, doch auch an denen lässt sich der Widerspruch zeigen: Sie
protestieren dagegen, dass ihre Wahlstimme nicht zur Ermächtigung
ihres Führers geführt hat, ihnen also geklaut worden ist. Das
ist ein Wählervertrauen, das davon ausgeht: Mein Wunsch, Mussawi
soll das Sagen haben, ist vereinbar mit diesem Staatswesen. Nur, das
ist die eine Seite, die sofort in die andere übergeht: Aber wenn
mir das richtige Wahlergebnis gestohlen wird, dann allerdings stellt
sich die Frage, ob das Vertrauen, das ich in diese Republik gesetzt
habe – dass nämlich diese Republik meine Wahlalternative durchaus
auch verträgt – gerechtfertigt ist. Wenn dem nicht recht gegeben
wird, dann ist die Wahl ein Stück praktizierte Entzweiung. Das
alles auf der Basis, dass man sich durch nichts anderes artikuliert
hat; es kam ja nicht von unten der Ruf: Wir wollen einen anderen Iran,
sondern eine Wahl stand an.
— Die Wähler haben es
dort auch geschafft, ihre
diversen Vorstellungen und Anliegen unter ein Wahlkreuz zu subsumieren.
Bis dahin waren sie ja auch mit der Subsumtion so weit bedient, nur
dass jetzt ihr Kreuz nichts gilt – was hierzulande
selbstverständlich akzeptiert wird – wollen sie nicht.
Dem demokratischen Wähler ist das nicht fernliegend, weil er im
Ausgangspunkt weiß, er wählt den besten Menschen für
eine bessere Regierung. An deren Versprechungen knüpft er seine
Vorstellungen für eine gute Führung. Er vergleicht die Leute,
an denen alles hängen soll, um die Sache rechtet er nicht und
akzeptiert, dass die demokratische Konkurrenz keine um die Sache ist.
Dann klagt er auch nicht, wenn sein Kandidat nicht siegt, aber in eine
Koalition eingebaut wird oder auf Opposition macht.
So ist es im Iran nicht. Das erfahren sie auch von oben. Sie
müssen nicht verstanden haben, wie die Staatsräson im
einzelnen geht, wissen aber, dass es immer um gewisse Grundsatzfragen
geht, dass es darauf ankommt, wer hat hier wie viel zu sagen. Die
Demonstranten haben ihre Erwartungen an die Politik und erfahren von
oben: Alle sind für die islamische Republik, aber haben
Streitigkeiten, die immer zu sittlichen Fragen werden. Dazu kommt, dass
das alles unter Krisenbedingungen stattfindet. Dass es nicht mehr so
gut steht im Land, es auch den Leuten nicht so gut geht,
übersetzen sie sich, dass es darauf ankommt, welcher Mann
gewählt wird – denn: Die oben sagen es ja auch, dass es darauf
ankommt. Das ist anders als bei uns.
Ob es tatsächlich zu einer großen praktischen Entzweiung von
unten führt, dass ihre Stimme, die das Recht ihres Kandidaten auf
Sieg verkörpert, nicht zum Zug gekommen ist, ist noch sehr die
Frage. Es genügt aber, dass sich Politiker oben finden, die sich
so nicht abspeisen lassen wollen. Mussawi sagt: Wir bestehen auf
unseren Sieg. Damit ist von vorneherein der um seinen Wahlsieg
betrogene Wähler ins Recht gesetzt.
Man muss sich mal ganz banal in die Rolle eines iranischen Wählers
versetzen: Ihm wird gesagt, dass das Ereignis einer Wahl bevorsteht;
wie wichtig es ist, merkt er schon daran, dass eine große Zahl
Kandidaten ausgeschlossen wurde, die ja wohl irgendeine politische
Richtung repräsentiert haben. Dann ist der Wähler entweder
damit einverstanden, dass der Wächterrat darauf aufpasst, dass die
richtigen Kandidaten aufgestellt werden oder ist darüber
empört, dass sich ‚sein’ Kandidat überhaupt nicht aufstellen
lassen darf. Wie gesagt waren die Auseinandersetzungen kein Aufstand
von unten, sondern einer von unzufriedenen Wählern, die fest an
die Wichtigkeit ihrer Stimmabgabe glauben, zumal auch von oben der
Maßstab angelegt worden war, dass mit der Wahl zwischen den vier
genehmen Kandidaten eine wirkliche Entscheidung anstünde. Und der
unzufriedene Wählerwille bekommt auch noch dadurch recht, dass in
der Obrigkeit ein ‚Kampf zweier Linien’ stattfindet; die eine besagt –
etwas formell ausgedrückt –, dass alles noch viel entschiedener so
weitergehen müsse wie bisher, weil sonst die Republik bei den USA
zu Kreuze kriechen würde und das muss verhindert werden, die
andere besagt: Unsere islamische Republik verdient eine bessere
Diplomatie und wirkliche Reformen in der Wirtschaft und das
kostenträchtige Almosengewese ist auch kontraproduktiv. Es ist
institutionalisiert, dass mit dem Wählen nicht alles erledigt ist
– das merkt man schon daran, dass Sittenwächter und Volksmilizen
darauf achten, dass ordentlich islamisch gelebt wird – und dann ist
klar, dass politische Fragen sehr schnell zu Grundsatzfragen werden,
auch wenn sich beide Parteien auf die islamische Republik berufen.
Das ist eben kein Wahlkampf der gewohnten Art zwischen Parteien, die
sich prinzipiell darüber einig sind, worauf es bei der Nation
ankommen soll, sondern hier ist das Ganze versetzt mit einer ziemlichen
Zwiespältigkeit bezüglich dessen, worauf es der Nation
ankommen soll, wie man diesen Zwiespalt politisch beherrscht und
religiös austrägt und damit das Volk mit dessen Zustimmung
einbindet. Dabei geht es jetzt nicht mehr um einen inhaltlich
programmatischen Kampf wie der der Volksmudjahedin gegen Chomeini und
seiner angestrebten Mullah-Herrschaft nach der Beseitigung des Schah.
Jetzt begehren Wähler auf und deren Aufbegehren kann nicht besser
und nicht schlechter sein als das, was ihnen an politischen
Alternativen von oben geboten wird und wenn diese Alternativen durch
den Streit der Mullahs ziemlich ausschließlich werden, dann wird
auch das Votum, zu dem der Wähler aufgerufen wird, nie mehr zu so
etwas führen wie: die Wahl ist vorbei, der Präsident regiert
und alles geht seinen gewohnten Gang.
— Andererseits gibt es die
Reaktion von oben, es nicht bei der
Spaltung des Volkes zu belassen, sondern es heim zu rufen wie Chamenei
in einer Rede sagte, dass Demonstrationen in Ordnung seien, sie
dürften nur nicht gewalttätig werden und das Großartige
sei doch, dass das Volk hätte wählen können.
Ja, da kennen die Mullahs alle demokratischen Argumente: Wahl, aber
nicht Straße. Genauso die beiden Figuren Mussawi und
Ahmadinedschad – sie sind ein Angebot für die verschiedensten
partikularen Interessen in dieser Republik, die auf kapitalistischer
Bewirtschaftung des Volkes genauso beruht wie auf der Einordnung in den
Weltmarkt, wobei das diesem Land über die US-Sanktionen ziemlich
schwierig gemacht wird; deswegen hat die islamische Mildtätigkeit
durchaus die andere Seite, so etwas wie ein Notbehelf zu sein, weil
eine kapitalistische Entwicklung dort schon längst eingerissen
ist, und zwar so, dass ein Großteil der Bevölkerung seine
Subsistenz verloren hat, ohne in ein kapitalistisches
Benutzungsverhältnis zu kommen. Dieser Staat hat unter dem Dach
der islamischen Sittlichkeit einiges an Umwälzungen materieller
Art in seiner Nation hingekriegt.
Noch mal: Es ist falsch zu sagen, einerseits gäbe es im Iran den
lupenreinen Kapitalismus eines Rohstofflandes und daneben eine
islamische Staatsverfassung als moralischen Überbau, sondern
dieser Widerspruch durchtränkt auch das ganze ökonomische
Leben, auch dort ist er greifbar in einem eigentümlich
organisierten Kapitalismus.
— Dieser Kapitalismus hat sich
erst in den letzten Jahren
entwickelt, die ganzen Privatisierungen der Staatsfirmen sind immer
noch am Laufen und da gibt es die Auseinandersetzung, wie man mit der
Bevölkerung umgeht, die jetzt überzählig gemacht wird:
Soll man Gesetze machen, die es den neuen Besitzern erleichtern, die
Leute zu entlassen oder soll man – so wie der Ahmadinedschad das
versucht – Gesetze machen, die das verhindern? Und dass sich die Lage
jetzt bei der Wahl so zugespitzt hat, liegt auch daran, dass sich die
ganze Wirtschaftssituation so zugespitzt hat.
Wenn sich der Machtkampf jetzt so zugespitzt hat, dann nicht einfach
wegen der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, sondern wegen der
politisch-moralischen Interpretation dieser Lage – aus der Lage selbst
könnte man ja vielerlei Schlüsse ziehen. Die erste
Interpretation der Lage ist, dass das ein politischer Auftrag ist und
dass es am Umgang mit ihr hängt, ob sie für die Nation gut
bewältigt wird oder nicht. Das ist im Iran nicht nur die Frage der
Berechnung, wie man den Staat am besten voran bringt, sondern das ist
immer zugleich die als Streit quer durch alle religiösen und
staatlichen Instanzen institutionalisierte Frage, wie sich was in
diesem Land mit seinen vielen Widersprüchen geregelt gehört.
Und das sind andere Widersprüche als die einer kapitalistisch
verfassten Nation, wo die Staatsräson klar ist, nämlich, dass
es um das Wachstum des Kapitals geht; die Widersprüche, die daraus
resultieren und die Eigentumsfragen, die da anstehen, werden staatlich
bewältigt und geregelt und darum wird gestritten. Im Iran dagegen
wird darum gestritten, wie viel Geschäftemacherei es geben darf
und/oder muss. Wie viel Privatinteresse darf sich hier betätigen?
Wie schaut es mit der Stellung der Religion, der Stellung der Frau aus?
Das alles sind gleich wichtige und strittige Fragen dieser Nation.
— Es gibt einen Streit
darüber, wie das iranische
Staatswesen – ein islamischer Staat, der Kapitalismus macht –, nach
innen wie nach außen ausgerichtet sein soll. Das
repräsentieren doch der Mussawi und der Ahmadinedschad?
Beide Kandidaten sind sich im Prinzip einig, dass keiner von ihnen an
die Grundlagen dieses Staats rühren möchte und dann geraten
sie so aneinander, dass das bis hin zu den höchsten Gremien des
Staates, der obersten religiösen Entscheidungsinstanz, und auf der
anderen Seite bei den randalierenden Wählern zum Zerwürfnis
und zur Gefahr der Spaltung führt. Das ist auch kein Wunder, weil
hier nicht eine neue gegen eine alte Staatsräson kämpft,
sondern in diesem Staatswesen ist prinzipiell verankert, dass jede
Entscheidung im Lichte der Staatsgrundsätze getroffen wird.
Deswegen werden Lagen, die sich für diese Nation herausstellen
oder Fragen zu Grundsätzen der Außenpolitik oder zur
Privatisierung contra Staatswirtschaft sofort zu einem Streit, der
durch alle Institutionen geht. Für das Volk heißt das, dass
es einerseits als gläubige Untertanen und gleichzeitig als
wahlberechtigte Bürger behandelt wird, die durchaus Alternativen
vorgelegt bekommen, die aber wiederum alle islamisch vorsortiert sind –
so wird mit diesem Widerspruch in Bezug auf das Volk umgegangen.
Es ist nicht richtig zu sagen, dass die Wahl notwendig dazu führt,
dass die Mullahs um die staatliche Einheit fürchten müssen,
was jetzt aber eskaliert, sind die von Anfang an in diesem Staat
verankerten Widersprüche. Die jeweiligen mit der Wahl befassten
Instanzen haben diese von Anfang an zu einer Art Schicksalswahl
hochstilisiert und sie auch als solche den Massen nahe gebracht. Wenn
dann darüber dieser Aufruhr passiert, stehen die oberen Instanzen
erstens vor der Frage, wie sie eine Spaltung – auch in den eigenen
Reihen – vermeiden, zweitens, wie und unter welcher Führung das
Volk wieder zum Gehorsam gebracht werden kann und wie viel Gewalt
dafür nötig ist. Die Mullahs haben das Problem, wie sich die
Auseinandersetzung wieder in das institutionelle Gefüge
zurückführen lässt, aus dem sie ein Stück weit
herausgerutscht ist – und das ist für so einen Staat eine Art
politischer Betriebsunfall. Für das Volk gibt es nur die Frage,
wie es sein Anliegen durchsetzen kann – so weit ist es dann schon
radikalisiert.
Die Mullahs beherrschen alle Unarten der Demokratie, die diese zu einer
sowohl pflegeleichten wie effizienten Herrschaftsmethode macht,
nämlich das Volk einzubeziehen in die Zustimmung zu
Ausübungsalternativen der Herrschaft, deren Differenzen das Volk
nichts mehr angeht, sobald die Wahl vorbei ist. Allerdings sind die
Differenzen der Mullahs anderer Art als hier, so dass alle Instanzen
das Problem haben, wie sie das Volk nach dieser Wahl wieder zur
passiven Seite der Herrschaft machen, denn Mussawi ist nicht – wie bei
‚uns’ – unterlegen als Figur in der Konkurrenz um ein Amt in einem
Staat, über dessen Zweck man sich prinzipiell einig ist. Also
kommt das wunderbare Verhältnis heraus, dass von oben versucht
wird, den Wahlausgang politisch-agitatorisch zu beeinflussen,
gleichzeitig aber die Herrschaft der Mullahs nicht aus dem Ruder laufen
soll. Das sind lauter Vorläufe dafür, dass sich dieser
Dissens, den die Wahl aufgedeckt und ausgedrückt hat, nicht so
ohne weiteres zurücknehmen lässt.
Man sollte sich nicht in die Diskussion einmischen, ob im Iran
Wahlbetrügereien passiert sind oder nicht. Es gehört
offensichtlich mit zu dieser Konstruktion, dass man die Wahl als
Entscheidungsinstrument nicht einfach so belässt, sondern da
gehört die Vor-Auswahl der Kandidaten durch die religiösen
Instanzen und der Wahlbetrug, bzw. der entsprechende Vorwurf mit dazu.
In der Wahl betätigt sich von beiden Seiten aus ein abgrundtiefes
Misstrauen in die andere Seite und deren Staatsverlässlichkeit.
Nachdem das Ganze so weit eskaliert ist, geht jetzt der Streit in der
Polit-Oligarchie darum, wie man diesen Machtkampf in die üblichen
Bahnen eines befriedeten Gemeinwesens bringt. Das Ausland ist dabei ein
entscheidendes Argument. Es ist nicht die Wahrheit, dass die Leute, die
für ihr Privatleben mehr Freiheit von religiöser
Gängelung wollen und/ oder denen es die westlichen Lebensformen
angetan haben, so etwas sind wie die Kämpfer für westliche
Demokratie versus dem, was ihnen an religiöser Diktatur angetan
wird. Das merkt sogar die hiesige Öffentlichkeit, dass das nicht
eins zu eins zu nehmen ist, dass man leider nicht so recht die
passenden Einfallstore findet. Andererseits ist den Mullahs klar: Wenn
über diesen Streit eine Zersetzung des iranischen Staatswesens
stattfindet, dann ist das ein optimales Einfallstor für den
Westen. Also lautet der Beschluss: Mit unserem Streit schwächen
wir die Nation, wir müssen also einig sein. Das ist wiederum der
beste Grund für Streit und die Absicht, endlich den
Grundsatzstreit im eigenen Sinn zu entscheiden.