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Fragen zum Finanz- und produktiven Kapital
– Es ist in
Diskussionen die Frage aufgetaucht, inwiefern man überhaupt noch
von einer eigenständigen ökonomischen Potenz oder
Qualität des industriellen Kapitals sprechen kann, nachdem alles
Kapital Kredit ist und das industrielle Kapital zu seiner Akkumulation
des Kredits bedarf. Vom Finanzkapital wird das industrielle als eine
Anlagesphäre unter vielen anderen betrachtet. Kürzt sich
deshalb nicht das industrielle Kapital als eigenständiges Subjekt
aus der kapitalistischen Ökonomie heraus?
– Der Gedanke, ob es
noch ein selbstständiges industrielles Kapital gibt, hat etwas
Albernes an sich. Es ist absurd, von dem theoretischen Problem, das man
mit dem Verhältnis haben mag, soweit zu gehen, die Existenz des
industriellen Kapitals zu bestreiten. Man braucht doch nur die Zeitung
aufzuschlagen; es ist eine eigene Sphäre, das ist nicht noch erst
zu beweisen.
Wenn es wirklich keine industriellen Kapitalisten mehr gäbe,
gäbe es die Waren auch nicht mehr, die auf dem Markt auftauchen.
Wenn das geklärt ist, bleibt noch die Frage, warum sie
überhaupt noch in ihrem Bereich anlegen, nachdem, was da so
über diesen Bereich gesagt wird.
– Die Schwierigkeit
liegt bei dem folgenden Übergang. Das produktive Kapital macht
sich die Kapitalgröße zum Mittel; dazu braucht es den
Kredit. Um kreditwürdig zu sein, muss es dem Finanzkapital
gegenüber laufend den Beweis dafür erbringen und sein
Unternehmen entsprechend zurichten. Dann war die Frage, wie das
produktive Kapital dies macht. Verlässt nicht dann das produktive
Kapital seine eigenen Kalkulationen, wie es G G’ macht, und
stellt sich auf den Standpunkt des Finanzkapitals?
Es wird hier doch die ganze Zeit mit zwei Parteien argumentiert; die
eine ist beweispflichtig, die andere ist entscheidungsbefugt. Es
handelt sich also um zwei Parteien, die sich einig werden müssen,
nicht um ein und dasselbe. Deren Interessen sind für alle
möglichen Konflikte gut. Ein Vorschlag dazu, wenn man auf so ein
Problem stößt. Denkt einmal an die Sachen, die man
tagtäglich erfährt. Was verlangt z. B. der
Wirtschaftsminister der Firma Opel ab, damit sie, jetzt sogar unter
staatlichen Auspizien, ihre langfristige Kreditwürdigkeit beweisen
kann? Es soll sich nicht einfach der Vorschuss rentieren, sondern der
industrielle Kapitalist muss sich über sein Interesse, den
Vorschuss zu verwerten, mit einem Geldgeber, einem Investor
auseinandersetzen. Der verlangt jetzt dieser Firma etwas ab. Der Staat
geht hier als Overlooker vom Standpunkt des Finanzkapitals her auf Opel
zu.
– Die Firma
Opel muss dokumentieren, dass sie sich in den nächsten Jahren
weltweit Wachstumschancen ausrechnet und wie sie das bewerkstelligt und
sich in der Konkurrenz zu anderen Firmen aufstellen will.
Eben. Und das wird immer verhandelt unter dem Gesichtspunkt, wie viele
Arbeitsplätze wegfallen. Immer wenn das industrielle Kapital im
Visier ist, kommt die Größe Arbeitsplätze auf. Dies ist
eine Gelegenheit, den eklatanten Kontrast zwischen dem, wie
öffentlich über Arbeitsplätze geredet wird, und dem, was
einer Firma in Bezug auf diese Arbeitsplätze abverlangt wird, zu
würdigen. Die öffentliche Betrachtungsweise z. B. bei Opel
ist, dass Arbeitsplätze wegfallen und dies der Preis ist. Dem
vorausgesetzt ist die Forderung des Finanzkapitals, hier vertreten
durch den Wirtschaftsminister, dass Opel dann, aber auch nur dann
kreditwürdig ist, wenn die zukünftigen Arbeitsplätze
granatenmäßig rentabel sind. Hier ist ein handfester
Anspruch vom Finanzkapital gestellt, den das industrielle Kapital mit
seinen Manövern zu erfüllen hat.
Wenn die Frage aufkommt, warum Banken General Motors weiter Kredit
gegeben haben, nachdem es doch schon 40 Milliarden Schulden hatte, dann
lohnt es, sich daran zu erinnern, dass als Folge der
Kreditverhandlungen ein jahrelanges Ringen von GM mit den
Gewerkschaften um die Finanzierung der Krankenversorgung der
Betriebsrentner stattfand. Dies ist ein riesiger Kostenberg, der die
Lohnbilanz von GM belastet, also rang GM im Interesse seiner
Kreditwürdigkeit darum, diesen los zu werden. Dies gehört mit
in das Thema rentable Arbeitsplätze. Die Auflösung damals
war, dass GM letztmals etliche Milliarden an die Gewerkschaft zahlt,
die es in einen Fonds speist und so hofft, damit die Krankenkosten
ihrer Rentner zu finanzieren. GM ist diese Verpflichtung los. Da hat
man die Art und Weise, wie ein in der gesellschaftlichen Reproduktion
engagiertes Unternehmen um seine Kreditwürdigkeit kämpft.
Dabei kürzt sich doch nie heraus, dass es sich dabei um zwei
Seiten handelt.
– Die Herstellung
einer Rentabilität, die höher ist als die der Konkurrenz,
liegt doch im ureigensten Interesse des Kapitals. Welcher
zusätzliche, verschärfende Rentabilitätsgesichtspunkt
kommt denn jetzt noch durch die Anforderungen des Finanzkapitals hinzu?
Für eine weitere, neue Kreditzusage wird z. B. an GM die Forderung
gestellt, seine bisherigen Produktions-, Ausbeutungsverhältnisse
weiter durchzurationalisieren und somit den
Rentabilitätsmaßstab zu erhöhen. Es soll eine bessere
Verwertung des Kapitals stattfinden als bei vergleichbaren
Anlagemöglichkeiten für das Kredit vergebende Kapital.
Für das Finanzkapital ist alles kommensurabel, es vergleicht
universell – das ist sein Entscheidungskriterium. Wenn nun GM damit
konfrontiert ist, hat es immer noch etwas anderes zu tun, als an der
Börse zu spekulieren, es muss mit den Gewerkschaften klarkommen,
seine Fabriken gescheit renovieren und Werbung für seine Autos
machen. Das bleibt sein Geschäft. Das Kriterium ist schon das,
dass es dem Finanzkapital Genüge tun muss. Darin sieht das
Unternehmen sein ganzes Heil, dass es auch diesem Kriterium
genügt. Aber die Identität des Kriteriums hebt nicht auf,
dass die eine Seite es der Firma abverlangt, und die andere Seite
zusehen muss, wie sie in ihrem Gewerbe diesen Mist deichselt. Dass die
industriellen Kapitalisten hinter fremdem Geld her sind, um damit ihr
Geschäft größer, rentabler und erfolgreicher zu machen,
hat nur so viel mit Unterwerfung unter das Finanzkapital zu tun, wie
die Tatsache, dass jemand seine Instrumente sachgerecht einsetzt.
Die Alternative wäre, dass ein Unternehmen es leid ist, ein
Unternehmen zu sein. Dann verkaufen die Eigentümer ihren Laden und
reihen sich ein in die Phalanx der Rentiers, von denen schon Marx
gesagt hat, dass die eine große Quelle für das Finanzkapital
sind. Solange wie sie diesen Entschluss nicht fassen, geht es darum,
mit den Waren Geld zu verdienen. Dies kürzt sich nicht dadurch
heraus, dass das Kriterium, mit dem sie dies erreichen wollen und
müssen, nicht mehr einfach die Verwertung des eigenen Vorschusses
ist, sondern dass sie sich inzwischen mit fremdem Geld voll gesogen
haben, um ihr Geschäft voranzubringen, und deshalb den
Eigentümern dieses Geldes beweisen müssen, dass sie es auch
verdienen. Bei diesem Beweis passen sie sich natürlich den
Kriterien an, die die andere Seite ihnen aufmacht. Es geht nicht mehr
einfach um eine schöne Rendite, sondern um den Beweis, dass es
auch dann eine schöne Rendite ist, wenn diese mit der Rendite
einer Goldgrube in Südafrika verglichen wird.
Der Fall Arcandor: Arcandor hat seine Grundstücke und Immobilien
verkauft mit der Berechnung, dass sie so Geld in die Kasse bekommen,
ihren Laden damit sanieren und davon dann die teuren Mieten locker
bezahlen können. Das war das Kalkül von Middelhoff – halten
wir ihm dies einmal zugute. Jetzt besteht ein Konflikt um die hohen
Mieten für das ehemalige Eigentum zwischen Arcandor und dem neuen
Eigentümer der Immobilien; Kalküle gehen eben im Kapitalismus
öfter nicht auf. Das darf man aber nicht zum Einwand gegen die
prinzipielle Überlegung machen, welche Kriterien in der
kapitalistischen Welt gelten.
Der Fall Porsche: Porsche hat 2008 sein Geld ganz nebenher mit seinen
Autos und ein x-faches davon mit seinen Aktienspekulationen verdient,
die jetzt im Nachhinein vielleicht doch schief gehen. Weil diese
Termingeschäfte sich in einen gigantischen Fehlschlag zu
verwandeln drohen, gerät Porsche jetzt in die Krise. Ein
Industrieunternehmen unterhält neben dem, dass es für
rentable Arbeitsplätze sorgen muss, eben noch eine
Finanzabteilung, die immer zwei Sachen nebeneinander erledigen muss:
Geld anlegen und Geld besorgen. Sie muss bei Porsche Geld an Land
ziehen, nicht nur um Produktionsstätten zu modernisieren, sondern
um das Finanzgeschäft vom Herbst gescheit über die Bühne
zu bringen. Die Verbesserung der Produktion selbst erfordert andere
Aktivitäten, als das Geld dafür zu besorgen: z. B. Technik,
gescheite Berater, die etwas von Ausbeutung verstehen.
An so etwas kann man einmal erinnern, wenn man mit dem
Gewerkschaftsargument zu tun bekommt, wonach den guten Kapitalisten
durch angloamerikanische Maßstäbe, das Shareholder-Denken,
eine üble Bilanztechnik aufgenötigt wird. Dagegen ist daran
zu erinnern, dass man einen Kapitalisten, der bloß für die
Produktion und den Warenhandel zuständig ist und überhaupt
nicht spekuliert, heutzutage nirgends mehr findet. Es gibt
genügend Spekulanten, die sich bloß mit Spekulation
befassen, aber Mittelständler, die sich z.B. bloß mit der
Entwicklung von verkaufbaren Impfstoffen befassen, gibt es schon kaum
mehr. Beides gehört zum industriellen Geschäft dazu.
Es gibt keinen Kapitalisten, der sich programmatisch um die
Mehrwertrate kümmert. Es ist zwar so, dass er mit all seinen
Bemühungen, rentable Arbeitsplätze herzustellen, in der Sache
nichts anderes macht, als, wie Marx es sagt, die Erhöhung der
Mehrwertrate zu bewerkstelligen. Aber seine Kalkulation ist 2
Bände später anders gekennzeichnet. Das ist deshalb wichtig,
weil dies schon der halbe Übergang zum Finanzkapital ist, dass
nämlich der Kapitalist, der ein Ausbeutungsunternehmen betreibt,
seinen Erfolg an seinem Vorschuss insgesamt misst, da es ihm um die
Profitrate geht. Von seinem Bewusstsein her sogar ganz in einem
primitiven Sinn, nämlich gemäß den dort üblichen
betriebswirtschaftlichen Rentabilitätsrechnungen. Das ist das
Widersprüchliche, Doppelte in der kapitalistischen Kalkulation:
was das industrielle Kapital betreibt, ist das ständige Arbeiten
an der Rentabilität der Arbeitsplätze, woran es seinen Erfolg
misst und womit es auch seinen Erfolg erwirtschaftet, ist das, was es
an Kapitalgröße zur Verfügung hat, um es diesem
schönen Zweck zu widmen. Wenn man das in Rechnung stellt, hat man
im Bemühen um die Profitrate das widersprüchliche Kriterium
des kapitalistischen Erfolgs: die Ausbeutung muss gelingen als Mittel
für etwas anderes, nämlich die Verwertung des vorgeschossenen
Kapitals.
Der Ausgleich der Profitraten, über den Marx redet, kommt aus der
gedanklichen Welt des Werts. Da ist die Gleichung von Wert als
gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit längst abgehandelt. Danach
redet er über organische Zusammensetzung und über
verschiedene Profitraten, die eine Tendenz haben, sich auszugleichen.
Wie gibt es so etwas? In der Mehrwertrate hat man, dass die da
geleistete Arbeit auf ein immer geringeres Maß reduziert werden
muss, und dann wird auf die Arbeit mit allen technischen Instrumenten
losgegangen. Der Kapitalist nimmt dies vom Standpunkt seines
Vorschusses wahr, bei dem er sich schon mit dem Überschuss, den er
aus seinem Vorschuss erwirtschaftet, mit allen anderen vergleicht; er
macht das schon. In der Profitrate steckt also schon die Abstraktion
von jedem besonderen Gewerbe, steckt ideell die Freizügigkeit
über alle Branchen und Anlagesphären hinweg drin. Dies ist
ein wichtiger Zwischengedanke, sowohl um den tendenziellen Fall dieser
Geschichte zu erklären, wie sich auch nach der anderen Seite hin
klar zu machen, woran das Finanzkapital anknüpft. Das ist der
Sachwalter dieser Abstraktion, dass das Verhältnis
Vorschuss/Überschuss sich wirklich von dem Stoff emanzipiert, an
dem es bei dem Industriellen hängt. Alle, deren Kapital sich
vermehren soll, vergleichen die Art und Weise der Geldvermehrung mit
anderen Branchen und auch mit dem des Finanzkapitals, wie umgekehrt
dies das Finanzkapital auch macht. Deswegen ist keinem industriellen
Kapitalisten der Übergang ins Finanzgeschäft fremd. Denn vom
bornierten kapitalistischen Standpunkt aus ist es allemal dieses
primitive G – G’, mit dem Marx anfängt. Diese Identität des
Standpunkts, die schon in der Profitrate drinsteckt und die
Einstiegsgröße für das Finanzkapital ist, hebt
überhaupt nicht auf, dass einer, der mit einer Produktion sein G’
erwirtschaftet, dabei auf Sachen achten muss, über denen der
Finanzkapitalist von vornherein darüber steht.
Fall Mannesmann/O2: Esser hat abschließend seine Belohnung nicht
dafür bekommen, dass er ein gigantisches Röhrengeschäft
abgeschlossen hat. Irgendwann hat Mannesmann beschlossen, dass das
Röhrengeschäft für die Firma einschließlich der
Shareholder und der Kreditgeber keine Zukunft hat. Dann
stößt man Geschäftsbereiche ab und kauft sich in neue
ein; so wird nach und nach aus einem Röhren- ein Telekomkonzern.
Am Ende zieht der Chef dieser Firma den Schluss, am meisten sei mit dem
Kapital, das in der Firma steckt, dadurch anzufangen, dass man sich
überhaupt von dem Stoff, mit man bisher Geld verdient, trennt. So
wird aus der produktiven Firma vollends ein Finanzanlageunternehmen.
Ein Beispiel, wie diese verschiedenen Anlagemöglichkeiten
zusammengehören, ist die Aktie. Auf der einen Seite steht die pure
Spekulation und auf der anderen Seite diese Spekulation als Mittel der
Firma für die Produktion. Beides ist in dieser Aktie
gebündelt. Und zugleich ist die Wahrheit dieses
Verhältnisses, dass die Produktion sich als Beweismittel für
das fiktive Kapital, für die Wertsteigerung der Aktie zu
bewähren hat.
– Letztes Mal
wurde einerseits als Grund der
Krise der tendenzielle Fall der Profitrate beim industriellen Kapital,
andererseits das Losgehen der Krise aus der Sphäre des
Finanzkapitals heraus bestimmt. Ich vermisse noch eine Erklärung,
wie die beiden Aussagen zusammengehen. Was macht den Ausgangspunkt in
der rein spekulativen Sphäre im Vergleich zu der Entwertung des
industriellen Kapitals aus? Wenn gesagt wurde: Das Finanzkapital
akkumuliert solange weiter, wie es der Verwertungsfähigkeit seiner
eigenen Produkte vertraut, hört sich das nach einem völlig
beliebigen Ausgangspunkt der Krise an. So kann es ja nicht sein. Die
Frage ist, ob die Finanzkapitalisten erkennen, was beim industriellen
Kapital stattfindet. Denn die Krise hat ihren Grund nicht darin, dass
das Finanzkapital selbst überspekuliert hat und an eine Mauer
stößt und feststellt, es geht nicht weiter. Das industrielle
Kapital akkumuliert bis zu dem Punkt, wo es seine Waren nicht mehr
profitabel absetzen kann.
Die Finanzkapitalisten hören natürlich nicht auf zu
spekulieren, nur manchmal heißt das, andersrum zu spekulieren,
weil sie der Zukunft nicht mehr trauen – das ist ihr Übergang.
– Der Frage
liegt der Gedanke zugrunde: Die
Krise muss beim industriellen Kapital anfangen, denn das Finanzkapital
könnte eigentlich immer so weiter machen. Besser wäre doch
der Ausgangspunkt: Was ist passiert, wenn sie ihre Spekulation mit
Hypothekenkrediten an die Wand fahren und dann über die
Verallgemeinerung die Krise ausrufen.
Dabei gibt es das auch nicht, dass industrielle Kapitalisten irgendwann
feststellen, die Märkte sind im großen Stil
überfüllt. Sie stehen nicht in einem Verhältnis zu dem
Markt, sondern zu ihren Konkurrenten, und bei Absatzschwierigkeiten
sind sie hauptsächlich damit beschäftigt, Erfolgsmittel ihrer
Konkurrenten zu kopieren, um sie zu überbieten. Dass sie sich u.
U. mit diesen Bemühungen in ein immer größeres
Finanzloch hineinwirtschaften, kann man bei GM besichtigen. Aber auch
da gibt es keine Rückmeldung, dass jetzt endgültig nichts
mehr abzusetzen ginge; die 40 Mrd. Schulden, die GM angehäuft hat,
sind dafür ein Beweis.
Dass die Kapazitäten der weltweiten Autoindustrie um 2/3 zu
groß sind, erzählen sie seit 10 Jahren. Und, was ist
passiert? Ein paar haben vielleicht aufgegeben, aber die Hauptfirmen
haben versucht, mit immer neuen Produkten und Verbilligung der
Produktion, ihren Anteil an diesem Laden zu vergrößern.
Jahrelang ist die Meldung, dass es kapazitätsmäßig viel
zu viel ist, immer mit der Kapitalismus gemäßen Reaktion
beantwortet worden, dann eben noch mehr reinzustecken. Dann wird ein
Werk in Frankreich zu – und in Rumänien aufgemacht, weil es da
neue Rentabilitätsbedingungen gibt. Alles wird finanziert mit
Kredit oder einer Aktienemission. Wann findet das statt, dass sich der
tendenzielle Fall der Profitrate in der Form rächt, dass ziemlich
allgemein in der kapitalistischen Ökonomie nichts mehr abzusetzen
ist? Wie bereits gesagt, findet das allemal darüber statt, dass
das Finanzkapital Vertrauen in die Firmen verliert und sie nicht mehr
weiterkreditiert. Woraus die diesen Schluss ziehen, ist deren Sache.
– Das Problem
war das: Der Auslöser der
Krise war etwas, was nicht in der Sphäre des produktiven Kapitals
lag, diese Hypothekenkredite; das Finanzkapital verlor dann sein
Vertrauen. Aber wie geht der Übergang dazu zu sagen, jetzt
misstrauen wir der ganzen Produziererei, die wir bis jetzt noch
kreditiert haben, wie wird das ein allgemeiner Zustand?
Wie ging das denn über die letzten zwei Jahre? Die Banken haben
nicht beschlossen, weil jetzt Hypothekenschulden nicht beglichen worden
sind, misstrauen wir grundsätzlich der ganzen Industrie, sondern
was ist von dem eigentümlichen Ausgangspunkt – zu dem man noch
sagen muss, dass gar nicht alle Hypothekenschuldner pleite gewesen sind
– losgegangen? Nicht mal das Hypothekengeschäft ist gleich
eingebrochen, sondern eines seiner Untersegmente. Damit wurde aber ein
ziemlich extremer Überbau über dieses Hypothekengeschäft
wacklig. Noch fern von jeder Kritik an einer Autofirma hat z. B. die
sächsische Landesbank die Schulden eines Vehikels auf den Bahamas
verdauen müssen. Das ging Monat für Monat so weiter, bis
jetzt die Prognose ist, die deutsche Wirtschaft schrumpft im Jahr 2009
um 6 %.
– Das
Finanzkapital vergleicht beständig
verschiedene Anlagen nach Rendite und Risiko, ist beständig auf
der Suche nach Faktoren, die diesen Vergleich beeinflussen
könnten. So wird aus der für sich harmlosen Tatsache, dass
100 000 Häuslebauer ihren Kredit nicht bezahlen, der Beginn eines
Misstrauens in diese Art von Papieren, die auf deren Schulden
aufgetürmt worden sind.
Warum die insolvent sind, ist nur wichtig, wenn man daraus evtl. auf
die nächste Zukunft schließen kann, was aus den Preisen
für Grundstücke wird, und ob die Hypotheken überhaupt
sicher sind. Weil daran alle möglichen Derivate, die darauf
gegründet worden sind, hängen. Die verlieren ihren Wert, der
Emittent muss sie zurücknehmen, dafür braucht er Geld. Er
hatte damit gerechnet, das aus dem Neuverkauf zu nehmen, der
unterbleibt; also hat er Schulden, dann müssen die Banken, die das
Vehikel finanziert haben, mit Geldern gerade stehen, dabei hatten sie
gedacht, daran zuverdienen. So sind Schritt für Schritt
Geschäftsbereiche der Banken kaputtgegangen. Einfach ohne die
weiterzumachen, geht nicht. Geschäftsfelder, aus denen die
Finanzkapitalisten sich dauernd Beiträge zu ihrem fruchtbaren
Portfolios ausgerechnet und so verbucht haben, schlagen auf einmal in
Pflichten zur Rücknahme von Papieren, zur Begleichung von Schulden
ihrer Vehikel um. Wie besorgen Banken sich Geld?
– Dazu
müssen sie Wertpapiere liquidieren,
Aktien verkaufen, das lässt die Preise dafür sinken. Wo sonst
Schulden als Kapital zirkulieren, ist jetzt die Umdrehung, dass das
Kapital sich als pure Schulden, die notwendig nicht mehr bedient werden
können, erweist.
Überakkumulation im Finanzsektor ist also dann, wenn soviel
Wertpapiere liquidiert werden sollen, dass das nur zu sinkenden Preisen
geht. Das ist der einzige praktische Beweis für das 'Über',
aber ein kräftiger. Dann muss nach der Logik eine Bank ein Vehikel
auslösen, braucht dafür liquide Mittel, um Investoren
abzufinden, um diese zu beschaffen, muss sie Wertpapiere liquidieren –
schon ist ein großes Angebot da. Wenn es daran noch ein
großes Interesse gäbe und sie könnte sie mit Gewinn
verkaufen, wäre die Sache erledigt. Dann wäre das bloß
eine Irritation des Finanzkapitals gewesen, alle können aufatmen.
Sie dachten ja auch zwischenzeitlich, wenn die Chinesen oder Araber
ihnen die Schrottpapiere abkaufen würden, wäre alles in
Ordnung, es gäbe keine Überakkumulation der Papiere, sie
wären wieder Wertpapiere. Wenn aber das 'Über' stattfindet,
ist schwer die Frage: Wann hört der Liquiditätsbedarf auf, so
dass man den Wertpapieren wieder vertrauen kann. Denn eine
Liquidierungsaktion zieht automatisch die nächste nach sich, das
Geschäft der Bank schrumpft, und die Frage ist, ob deren andere
Papiere, die Anleihen, die sie sonst noch verwaltet, noch das wert
sind, was sie bis gestern noch waren.
Den Übergang von dem Papier auf das Subjekt hat es bei den
Investmentbanken gegeben. Bei den ersten Instituten, bei denen
eigentlich der definitive Schluss von der Liquidierung der Papiere zur
Liquidierung des Instituts fällig war, hat der amerikanische
Finanzminister noch einen Deal arrangiert, dass die Bank of America
diese Investmentbanken übernimmt,die Liquidierung war als Rettung
gedacht. Das schlechte war, dass sich das dann auch noch auf die Bank
of America erstreckt hat. Dann hat der Staat große Institute
übernommen. Bei der Lehman Brothers Pleite war mal der Schluss von
den Papieren einer Bank auf die Bank selbst, dann ist die pleite
gegangen; das soll jetzt an allem Schuld sein soll. Dabei gehört
das alles in diese Kette. Man merkt, was für das Finanzkapital in
dieser eigenartigen Geschichte Überakkumulation ist. In ihrem
alltäglichen Handel mit ihren Wertobjekten stellt sich raus: seine
Liquidierung senkt den Wert. Dann wird das 'Über-' wieder
'ent-akkumuliert' oder so was. Da hat man ein Jahr lang im Handelsblatt
nachlesen können, welche Hoffnungen neu auftauchen und wie jetzt
jede Hoffnung zunichte gemacht wird, weil – sobald es wieder erlaubt
ist – gleich wieder welche auf weiteren Niedergang spekulieren.
– Zu dem
Übergang, wie wird aus dem Zweifel
an Hypothekenschuldnern letztlich ein Zweifel an GM, müsste man
sagen: Wenn das passiert, dann verlieren die Banken einen Teil ihrer
Finanzmacht, das heißt sie verlieren einen Teil ihrer
Fähigkeit, die Firmen mit weiteren Krediten auszustatten. Wenn
vorher jahrelang die Antwort auf die bekannten
Überkapazitäten war, die beteiligten Konkurrenten mit
weiteren Krediten zu unterstützen, ist dieses Verfahren so nicht
mehr praktizierbar, wegen der Lage der Banken.
In der Abwicklung der Überakkumulation auf dem Finanzsektor trifft
immer beides zusammen: dass die Substanz sich verflüchtigt, die
Firmen also nicht mehr können, und dass sie vorsichtiger sind. Das
kann man im GS 3/08 nachlesen: Vertrauen und Fähigkeit fallen
immer zusammen, beim Aufbauen dieses ganzen Schwindels wie beim
Abreißen. Klar ist, das Finanzkapital vergleicht alle seine
Anlagen, aber das hat auch die Betonung: Es vergleicht sie, macht also
Unterschiede. Dass es alles als Finanzanlage begutachtet, heißt
auf der anderen Seite, es unterscheidet sehr genau, aus welcher Quelle
dieses Papier stammt, ob es ein produktives -, ein Handelsunternehmen,
eine Bank oder ein Staat emittiert, aber dass dann, wenn Vertrauen und
Fähigkeit zu Investitionen schwinden, auch breit gestreut
Reduktion einreißt, ist klar.
Jede Krise hat ihren besonderen Auslöser und Ausgangspunkt (vgl.
GS 2-09), in dem treffen so viele Bedingungen zusammen, dass die
besorgte Welt überzeugt ist, das hätte es nicht gebraucht.
Einerseits gehen sie davon aus, dass es einen Konjunkturzyklus gibt und
dem Auf ein Ab folgt, gleichzeitig finden sie bei jedem Ab, dass es
diesen Auslöser aber nicht gebraucht hätte. Bei der letzten
Krise waren sie der Meinung, etwas Zurückhaltung beim
Hypothekenverkauf an zu arme Häusler, etwas mehr Staatsaufsicht,
dabei etwas weniger Bilanzvorschriften (Wenn man ihnen die Bilanzierung
erlassen hätte, hätte keiner gemerkt, dass der Schrott nichts
taugt, da hätte man die Überakkumulation quasi administrativ
annulliert!), solche Überlegungen gibt es notwendigerweise bei
jeder Krise.
Bei der Krise der 70er-Jahre, die autofreie Sonntage zur Folge hatte,
war ein hoher Ölpreis der Auslöser. Wann wird der hohe
Ölpreis zum Auslöser einer Krise, statt eines
Explorationsbooms (der kam später)? Darüber, dass da auch
wieder von der Spekulantenwelt des Finanzsektor her über die
Aktien der Produzierenden das Urteil gefällt worden ist: Wenn der
Ölpreis so steigt, dann ist mit industrieller Produktion in vielen
Bereichen kein gutes Geschäft mehr zu machen. Überall steckt
Öl und damit ein Ölpreis drin, diese Teuerung macht das
Geschäft so schwer, dass man dem erstmal nicht mehr vertraut.
Die gleiche Aussage bei der IT-Krise: Wenn man es da nicht
übertrieben hätte, wäre alles glatt gegangen, aber sie
mussten ja glatt Garagen, die Computerspiele herstellen, so
hochspekulieren, dass sie den Wert einer Autofabrik hatten. Hinterher
wusste jeder, das konnte nicht gut gehen.
Die Logik der Krise ist allemal die, dass das Finanzkapital seinem
Geschäft – darin eingeschlossen die kapitalistische Reproduktion
der Gesellschaft – sein Misstrauen erklärt. Was dafür der
Auslöser ist, ist die Spezialität jeder Krise.
Zur Frage bezüglich des tendenziellen Falls der Profitrate: Aus
dem Widerspruch zwischen den Mitteln der Steigerung der
Rentabilität und dem Effekt davon, zieht Marx den Schluss, dass
dem ein Gesetz zugrunde liegt. Das ist kein niedergeschriebenes Gesetz,
sondern ein Schluss auf den Widerspruch, der dem Kapital eigen ist, das
ist das gesetzmäßige daran. Das heißt aber nicht, dass
quasi eine Mauer existierte, an der das industrielle Kapital irgendwann
scheitert, sondern es hat die Verlaufsform, von der Marx sagt, da steht
das Leih-Kapital im Gegensatz zum angewandten. Dass dieser Widerspruch
als Krise eklatiert, dass dann offenkundig wird, die ganze Akkumulation
ist selbst schon eine Überakkumulation, die erwirtschaftete
Rendite eigentlich unhaltbar, wurde durch Kredit immer weiter in die
Zukunft vertagt. Da hat das Finanzkapital mal gezeigt, wie gut es
Schulden als Kapital wirken lassen kann. Beim industriellen Kapital ist
dann irgendwann mal Schluss, in der Form, dass das Finanzkapital in
einen feindlichen Gegensatz zu denen tritt, die Kreditschulden als
Hebel für Ausbeutung benutzen.
– Wie folgert
man die Notwendigkeit des
krisenhaften Verlaufs? Bei jedem Anlass der Krise heißt es in der
bürgerlichen Welt: Wäre dieser Anlass nicht passiert,
hätte es immer so weitergehen können. Sie leugnen, dass es
notwendigerweise immer wieder zur Krise kommt. Aber, wenn es so ist,
dass das Losgehen der Krise ein beliebiger Anlass ist, der heute oder
in 5 Jahren passieren kann, warum muss er überhaupt passieren?
Der letzte Grund der Krise ist der genannte Widerspruch, ein
Verlaufsgesetz kann man nicht benennen. Wenn die Finanzkapitalisten an
einer Ecke darauf kommen, ihren Machenschaften nicht mehr zu trauen,
dann sind sie nicht durch die Warenberge abgeschreckt worden. Sie tun
ja alles, geben Konsumentenkredite, begutachten, wo es Autohalden gibt,
wo Derivate weniger Absatz finden und wie es mit der Zukunft des
Welthandels, dem Vertrauen in die Banken aussieht und ob nicht
demnächst die Nordkoreaner eine Atombombe zünden – in diesem
Stoff treiben sich die Finanzkapitalisten die ganze Zeit herum. Aber
ein Verlaufsgesetz der Geschichte ist nicht zu haben.
Die Notwendigkeit ist anderer Art. Der Verlauf ist notwendig, wenn es
mal losgegangen ist, wenn die Überakkumulation offenkundig
geworden ist, dann läuft es meist nach dem Schema ab, dass das
Finanzkapital sich immer mehr in diese Kombination aus Unwilligkeit und
Unfähigkeit zum Kreditieren verstrickt. Die Täuschung der
Bürgerlichen ist, dass sie aus der Zufälligkeit des Anlasses
die Nichtexistenz eines Widerspruchs folgern. Aber aus der Einsicht in
die Tatsache eines Widerspruchs und die darin liegende Notwendigkeit
folgt kein Verlaufsgesetz.
Wer ist denn überhaupt das Finanzkapital – das besteht doch aus
lauter Konkurrenten. Dass sie miteinander Geschäfte machen und auf
den Erfolg der anderen angewiesen sind, hebt ihre blutige Konkurrenz
nicht auf. Die Deutsche Bank ist darauf angewiesen, dass die andern
reüssieren, aber sie gönnt ihnen keinen Euro. Jede
Bankenpleite reißt alle anderen rein, aber wer treibt eigentlich
die Pleite-Bank in ihren Ruin? Nicht der Markt, sondern wenn, dann all
die Marktteilnehmer, die die Papiere anderer Banken als schlecht
einstufen. Das ist keine einheitliche Körperschaft, die so die
Welt sieht, sondern, dass das Misstrauen unter den Instituten selbst
lebendig ist, dafür sorgen deren Macher. Der Einwand gegen die
staatliche Unterstützung der Banken war, dass die erste Bank, die
sich auf die Sanierungsaktion einlässt, nicht saniert, sondern
pleite ist, weil der Haufen von Konkurrenten aus deren Papiere flieht.
Und das gerade in dem Sektor, wo – auf der anderen Seite – das Kapital
der Gesellschaft wirklich vergesellschaftet ist, wo all die
großen Abstraktionen – das Kapital, die Profitrate – zum
täglichen Geschäft werden! Konkurrenz und Kredit – sagt Marx
– sind beide nötig für den Ablauf des Kapitalismus wie
für seine Krise. Unvorstellbar also, dass die auf ewig einfach so
weiter machen würden und ausmachten, einfach dichtzuhalten. Sie
verraten sich doch wechselseitig; es gibt keine Solidarität unter
Kapitalisten.
– Der
Widerspruch, der den Fall der Profitrate
ausmacht, hat den praktischen Punkt, dass es immer teuerer für die
industriellen Kapitalisten wird, Arbeitsplätze rentabel zu machen.
Das führt unterschiedlich je Branche dann dazu, dass die Gewinne
der Firmen sinken, was den Banken nicht entgeht. Der Anlass ist
einerseits zufällig, aber es existiert als Boden immer als
Vergleich die Gewinnsituation in der Wirtschaft. Es kann doch kein
Zufall sein, dass die Krisen alle 5 bis 10 Jahre stattfinden.
Aber den tendenziellen Fall der Profitrate gibt es doch nur als
wüsten Konkurrenzkampf, bei dem die Konkurrenten sich der Mittel
des Finanzkapitals bedienen, in dem Maße, wie das Finanzkapital
auf sie setzt. Dabei gehen laufend Konkurrenten kaputt, es werden
welche aussortiert, die anderen können sich einer geretteten
Profitrate erfreuen, weil der tendenzielle Fall einem Konkurrenten
aufgehalst wurde. Dann können die sich den bereinigten Markt mit
höherer Rendite aufteilen, bis wieder andere reindrängen. Das
sind an jeder Stelle Entscheidungsfragen der Konkurrenz und
Ermessensfragen des Finanzkapitals.
– Vielleicht
geht die Frage nach der
Notwendigkeit des Verlaufs darauf, den Kapitalismus mit seiner Krise zu
kritisieren. Unsere Kritik an ihm ist aber nicht, ihm vorzuwerfen, dass
er notwendigerweise in eine Krise führt.
Im GS 1-09 haben wir uns ausführlich mit den Fehlern der linken
Krisentheoretiker befasst, deren Frage nach der Notwendigkeit der Krise
aus diesem Geist kommt. Was sie dann nicht hindert zu behaupten,
Rezepte für einen krisenfreieren Kapitalismus zu haben.
Wie schon gesagt, es gibt einen notwendigen Verlauf: Wenn die Krise in
Gang kommt, dann bricht das Finanzkapital ein, dann stellt sich alles
als Schulden raus und wenn die bedient werden müssen, entwertet es
sich nicht nur bei einer, sondern als Guthaben der anderen Banken bei
denen auch; dann hat das seine Auswirkungen auf das industrielle
Kapital. Aber etwas prognostizieren wollen, weil hinterher doch auch
alles offen zutage liegt, ist falsch. Andersrum: Jetzt zeigt sich
natürlich die Notwendigkeit, man hätte sie auch vor 2 Jahren
prognostizieren können – das kann man immer, irgendeinen
Ausgangspunkt gibt es. Der jetzige stellt sich auch ‑ einerseits als
zufällig, andererseits mit seinen ganzen Auswirkungen – bloß
als Moment eines ganzen Überakkumulationsszenarios heraus. Wann
die Krise ausbricht und ob es nicht irgendwie einen eindeutigen Hinweis
aus dem Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion gibt, dass sie
fällig ist – zu Überlegungen der Art können wir nichts
beitragen.
Dazu kommt, dass sich die Staatsgewalt in die Krisen einmischt und den
Verlauf modifiziert. Die Konkurrenz zwischen den Nationen geht darum,
wie sie es schaffen können, die Krise vom eigenen Land abzuwenden.
Die Frage ist, wie weit sich die Entwertung, gerade des Finanzkapitals,
lokalisieren lässt. Das ist natürlich auch ein Widerspruch,
das Finanzkapital ist internationalisiert, hat sich einen
globalisierten Finanzmarkt geschaffen, für jedes seiner
Papiersorten einen. Wenn dann an irgendeiner Stelle, evtl. durch eine
Devisenspekulation mit ostasiatischen Währungen, eine Krise
ausbricht, versuchen sofort alle Nationen, gerade die potentesten, es
so zu deichseln, dass die Krise dann eben eine Ost-Asien-Krise wird.
Das kann man an den Krisen der letzten Jahre verfolgen. Bei letzterer
haben wir schon vor Jahren (GS 4-97 und 1-98) festgehalten, dass sie
eine Krise des Weltfinanzkapitals ist, bei der es aber den westlichen
Staaten mit sehr viel Geld und großer Anstrengung mehr oder
weniger gelungen ist, es so hinzudefinieren, dass darüber kleine
Tiger-Staaten verarmt wurden, die Abschreibung von Finanzkapitalwerten
diese Länder getroffen hat und Amerika und die Europäer noch
einigermaßen gut raus kamen aus etwas, was eigentlich auch schon
Krise und Lahmlegung des Weltgeschäfts war.
Jetzt erwischt die Krise eben auch mal die Zentren, die sofort all ihre
Bemühungen anstrengen, die Krise doch zu lokalisieren. Dabei
stößt die Regierung mit ihren Bemühungen, die Industrie
mit Kredit zu retten, bei den Industriellen, zumindest deren
Wortführern, auf Ablehnung. Es existiert gerade ein Moment von
Widerspruch in den staatlichen Aktionen, nämlich dass der Versuch
des Staates, die Wirtschaft durch Kreditvergabe und Konjunkturprogramme
zu retten, natürlich nicht die Sorte Akkumulation ist, die das
Kapital selbst zustande bringt. Mit diesem objektiven Widerspruch gehen
sie um. Kanzlerin Merkel rechtfertigt die Bürgschaften für
Opel damit, dass wir nicht zulassen können, dass unsere viel
besseren Autos auf dem Weltmarkt keinen Erfolg mehr haben, weil
'andere' 55 Milliarden in ihre Schrottindustrie stecken und damit
dafür sorgen, dass deren schlechtere Autos verkauft werden. Soviel
zur deutsch-amerikanischen Freundschaft.
Das ist ein Moment im sofort auflebenden Versuch: Krise ja, aber
anderswo. Wenn das Finanzkapital kritisch wird gegen die Autoindustrie,
soll die deutsche nicht betroffen sein. Da kennen sie auch keine
europäische Verwandtschaft. Der Zusammenhang zwischen Europawahl
und Krise hat deutlich gemacht, wie in der Krise erst recht der
Nationalismus auflebt. Sie versuchen, kein Sachgesetz des Ablaufs der
Krise gelten zu lassen, sondern das zu nationalisieren, also die
Staatsgewalt tritt als Unternehmen auf, mit dem Ziel der Krise ihre
Allgemeinheit abzukaufen, damit sie anderswo stattfindet.
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Noch eine Bemerkung zu dem ideologischen Highlight der letzten Wochen,
der Kurras-Debatte. Man sollte nicht in die Falle laufen, defensiv zu
argumentieren nach dem Motto: Die 68er waren besser, als ihnen
nachgesagt wird. Denn das Interessante an der Debatte ist, wie
heutzutage ideologisch argumentiert wird, wie grade bei den
Wortführern der Debatte in FAZ und Spiegel etc. eine
Diskussionsweise praktiziert wird, die glatt all den Aufruhr mit der
Adenauer-Republik, ihrer faschistischen Vergangenheit, ihren
imperialistischen Verwicklungen, ihrer kulturellen Borniertheit, ihrer
Militanz, ihrer Aufrüstung usw. sachlich unter die eine Bestimmung
subsumiert: Für ihren „Polizeistaat“-Vorwurf hätten die
Protestierenden nur einen Beleg gehabt: den Schuss von Kurras und vor
allem seinen Freispruch durch das Gericht. Alles wird darunter
subsumiert, mit dem bescheuerten Hinweis: Der war selbst so einer; die
Demonstranten hätten im Todesschützen quasi ihren
Gesinnungsgenossen wahrnehmen müssen. Jetzt habe man den Beweis,
die ganze Unzufriedenheit von damals war unberechtigt. Was leisten sie
mit dieser primitiven Art der Subsumtion, was stört sie
rückblickend an dieser 68er-Story dermaßen, dass sie noch im
Jahr 2009 meinen, es sei nicht zu spät, die nachträglich als
unberechtigt zu disqualifizieren? Das ist nicht aus irgendeiner
aktuellen Sorge zu erklären, dass es heute eine Kritik geben
könnte, die irgendjemand in der Politik das Leben schwer machen
würde; das verfolgt nicht einen politischen Zweck, sondern es ist
einfach das Ins-Recht-Setzen des Standpunkts: Unsere Republik war von
Anfang an unkritikabel. Diese Variante von Nationalismus kennt jede
Kritik nur als Nestbeschmutzung und als Urheber entweder die
Irregeführten und/oder die Feinde von außen.
Das passt zu dem genannten anderen Standpunkt all der ‚SZ’-Prantls, die
meinen, die Geschichte der 68er müsse nicht umgeschrieben werden,
denn damals habe es eine berechtigte Kritik gegeben und wir wären
noch heute die Nutznießer davon. So wird der heutigen Republik
das Gütesiegel ausgestellt, dass an ihr nichts mehr kritikabel ist.
Da streiten zwei Varianten von Nationalismus: Der, der Kritik
überhaupt für vaterlandslos hält, und der, der an dieser
Sorte Kritik wohlmeinend rausspürt, die habe doch zur
demokratischen Bewährung unseres wunderbaren Deutschlands einen
unverzichtbaren Beitrag geleistet. Das ist keine Debatte, in die man
sich unbefangen verwickeln lassen sollte.