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Zum Beginn einer Krise
Die offenen Fragen beim letzten Jf gingen in die folgende Richtung: Ist
die jetzige Krise, die so eindeutig eine des Finanzkapitals ist, eine
ganz andere als die normale kapitalistische Krise? Was hat die jetzige
Krise mit der Überakkumulation zu tun? Woran, wenn schon nicht am
tendenziellen Fall der Profitrate, die für das Finanzkapital gar
nicht zuständig ist, scheitert denn jetzt die
Geschäftemacherei in diesem Sektor?
– Ist es denn so, dass die
jetzige Krise nur durch das
Finanzkapital hervorgerufen worden ist? Wir haben doch schon die
letzten Male festgehalten, dass Krisen aus der Überakkumulation
zum kapitalistischen System dazugehören. Kann es denn nicht auch
sein, dass zufälligerweise eine Krise durch Überakkumulation,
die ja schon vorher im Anrollen war, mit dieser Krise, die sich das
Finanzkapital selber bereitet, zusammenfällt? In der
öffentlichen Besprechung ist immer klar, dass Krisen nie etwas mit
dem System zu tun haben, sondern durch besondere Zufälligkeiten,
dem Öl z. B., hervorgerufen werden. Dieses Mal sei die Krise nun
durch das Finanzsystem ausgelöst worden, was auch wieder nicht zum
System dazugehört. Für ein zeitliches Zusammentreffen der
beiden Arten von Krise spricht die Schärfe und die schnelle
globale Verbreitung, mit der die jetzige Krise auftritt.
Wie passt dieser Beitrag und die Aussage, dass normalerweise die Krise
durch Überakkumulation stattfindet, zu der Feststellung vom
letzten Mal: Akkumulation ist Überakkumulation, es ist ein und
dasselbe. Die letzten Male haben wir über den tendenziellen Fall
der Profitrate geredet und was das heißt. Inwiefern im
tendenziellen Fall der Profitrate die Notwendigkeit der Krise steckt,
ist so ohne Weiteres noch nicht klar und schon gar nicht ist klar, wie
aus einer Überakkumulation heraus eine Krise entsteht. Wie
entsteht eine Krise? Wie tritt sie auf? Das sind zwei verschiedene
Sachen.
Im tendenziellen Fall der Profitrate steckt ein Widerspruch: Die
Entwicklung der Produktivkräfte als Mittel, die Profitrate zu
steigern und mit dem Wachstum voranzukommen, dafür die gnadenlose
Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte voranzutreiben
– und der Effekt ist, die Profitrate zeigt eher sinkende Tendenz, statt
dass sie kontinuierlich weiter steigt. Aus einem Vorschuss eine
möglichst wachsende Rendite herauszuwirtschaften wird immer
schwieriger. Kapitalisten jammern, dass rentable Arbeitsplätze
immer teurer werden; das ist eine aus dem betriebswirtschaftlichen
Erfahrungstatbestand geschöpfte Ausdrucksweise für dieses
Phänomen. Einerseits bemühen sie sich, wie Marx es
ausdrückt, die Mehrwertrate voranzubringen, also aus bezahlter
Arbeit immer mehr herauszuwirtschaften, was als verdientes Geld, als
Eigentum beim Unternehmen zu Buche schlägt, und der Effekt ist
nicht, dass auch die Rate des Profits, also die Rentabilität des
eingesetzten Kapitals dauernd steigt, sondern im Gegenteil. Die Rate
des Mehrwerts, das, was man aus bezahlter Arbeit herauswirtschaften
kann, steigt und die Profitrate, also die Rate, mit der ein
eingesetztes Kapital sich rentiert, sinkt. Dies sind zwei Seiten
derselben Sache. Von Krise ist an der Stelle noch gar nicht die Rede.
Es ist der Alltag der Konkurrenz, dass sich Unternehmen übernommen
haben, von ihrer Hausbank keine Kredite mehr bekommen und liquidiert
werden. Das hat mit Krise nichts zu tun. Und wenn sich dies
verallgemeinert, ist der Punkt erreicht, wo man gründlicher werden
muss. Wenn eine Bank eine solche Verallgemeinerung merken sollte, gibt
es für sie verschiedene Handlungsalternativen: Die Extreme sind,
zu klotzen, also noch mehr Kredit zu vergeben, oder keinen mehr zu
vergeben. Von dem Pleitebetrieb Opel verlangt der Wirtschaftsminister
sogar mitten in der Krise ein Konzept, also ein Programm zur
Produktivitätssteigerung. Firmen, auf die es heute ankommt,
verkaufen auf dem Kapitalmarkt eine Anleihe; bei dieser Emittierung
sind die Banken dabei, also dabei, einen Investor zu finden. Das
Wirtschaften im Kapitalismus geht doch gar nicht so, dass die Firmen
von Tag zu Tag schauen, was sie wieder verkauft haben, und in der
nächsten Woche bei ihrer Hausbank antreten und anmelden, ob die
Profitrate höher als die Zinsrate ist, und wenn dem nicht so ist,
macht die Bank den Geldhahn dicht. So läuft es nicht, und so
würde nebenbei daraus auch nie eine Krise werden. Und so
würde auch noch nicht einmal die Profitrate insgesamt sinken. Die
Aussage über den tendenziellen Fall der Profitrate hat immer mit
dem Argument operiert, dass zu Anfang, wenn einer einen
Rationalisierungsvorsprung erzielt hat, seine Profitrate auch gestiegen
ist. Er holt aus jedem Stück mehr Profit heraus. Dass die
Konkurrenz diesen Vorsprung aufholt, liegt daran, dass sie in ihrer
Produktivitätssteigerung nachzieht, indem sie von ihrer Bank oder
dem Kapitalmarkt neues Geld locker macht, um weiter investieren zu
können. Nur darüber stellt sich der Effekt ein, dass dann
insgesamt die Extraprofite des Ersten sich wieder herauskürzen und
ein neues Preisniveau für das Produkt zustande kommt und über
einen längeren Zeitraum ein tendenzieller Fall der Profitrate.
An der Börse gehen im Aufschwung die Aktien nach oben, und in dem
Maße, wie sie steigen, steht jede Firma besser da. Die Höhe
der Aktien ist ein Ausweis dafür, wie sehr sich ihr Kapital
für die Spekulantengemeinde lohnt, und das ist das Entscheidende.
Wenn eine Firma dann für eine neue Investition, um sich in der
Konkurrenz zu verbessern, neues Kapital braucht, hat sie es bei einem
hohen Börsenkurs ihrer Aktien leicht, eine Anleihe aufzulegen usw.
Zudem erobert eine Firma dann, wenn es in einem Markt mit ihrem
Wachstum nicht so gut klappt, neue Geschäftsfelder. Anders als
durch so einen permanenten Aufschwung kommt die fallende Tendenz der
Profitrate gar nicht zustande. Diesen Spruch „unbedingte Entwicklung
der gesellschaftlichen Produktivkräfte“ muss man wirklich ernst
nehmen. Es geht um all die gesellschaftlichen Sphären, in denen
irgendetwas produziert wird; das muss sich erst einmal herstellen, dass
die Steigerung der Produktivkräfte in allen Sphären zu einer
einheitlichen Größe wird.
Worauf achtet das Finanzkapital, wenn es sich an dieser Steigerung der
Produktivkräfte beteiligt? Das zerbricht sich jedenfalls nicht den
Kopf des Firmenvorstandes. Der Finanzkapitalist hat ein höheres
Kriterium als der produktive Kapitalist, der erste beurteilt die
Machenschaften des Unternehmens, die der zweite leitet. Der
Finanzkapitalist beurteilt, ob das, was der produktive Kapitalist
macht, ihm langt, dabei gibt es eine ganze Hierarchie von Kriterien.
Das schlichteste, das noch nahe an der Profitrate des Unternehmens ist,
lautet: Traue ich dem zu, dass er den Kredit über die Laufzeit
gescheit verzinst. Dies ist bei einer am Kapitalmarkt verkauften
Anleihe oder gar bei Aktien schon anders: Hier wird zwar auch auf eine
üppige Dividende geschaut, aber wesentlich ist die Frage nach der
Kursentwicklung des Papiers. Der Finanzkapitalist schaut natürlich
auf die möglichen Gewinne des produzierenden Kapitalisten, aber
als Garantie für sein Geschäft. Er kalkuliert quasi doppelt:
Wenn er einen Kredit vergibt und diesen refinanzieren muss, muss der
Gewinn des produktiven Kapitalisten nicht nur für diese
Refinanzierung ausreichen, sondern er soll dem Finanzkapitalisten
selber ja auch noch einen Gewinn für seinen vergebenen Kredit
abwerfen. In dem Maße, in dem sich das Finanzkapital einmischt,
kommen also neue Gesichtspunkte bei der Beurteilung der Gewinne der
produktiven Kapitalisten zum Zuge. Dieser Blick auf die gesamte
Firmenwelt muss mitbedacht werden, bevor man so etwas behaupten kann
wie, dass es insgesamt in der kapitalistischen Ökonomie
überhaupt so etwas wie die Profitrate gibt, die außerdem
noch eine sinkende Tendenz zeigt.
— Wie geht dies, gegen den
Markt zu produzieren?
Marx sagt, die Trennung zwischen Produktion und Markt ist die
Möglichkeit der Krise, aber bei der Wirklichkeit, geschweige der
Notwendigkeit ist man dann noch lange nicht. Kapitalisten gehen das
Risiko ein, weil sie die Chance, damit Kapital zu sparen, höher
einschätzen. Dabei ist man zunächst noch auf der Ebene des
kommerziellen Kredits, also des Wechsels. Die Möglichkeit ist
damit eröffnet, aber sie machen dies, weil sie auf die andere
Möglichkeit, die Chance, setzen. Wenn sie ihr Unternehmen mit
Kredit, mit Mitteln, die sie noch gar nicht erwirtschaftet haben,
ausdehnen, betreiben sie dies auf höherer Stufenleiter. Woher
kommt dieser Optimismus? Schon wieder hat man einen Punkt, dass sie
damit erst recht die Möglichkeit schaffen, gegen den Markt zu
produzieren.
Es ist nicht richtig, von den Schranken des Marktes zu reden und so zu
tun, als sei der eine vorgegebene Größe, auf den sich
Kapitalisten beziehen, dann mit Kredit produzieren und dann gibt es von
allem ‚zu viel’. Der Witz ist: Sie produzieren den Markt doch selbst.
Mit jedem Kredit wird Zahlungsfähigkeit auf dem Markt gestiftet,
der Markt erweitert. Wer mit Kredit wirtschaftet, kauft was auf dem
Markt. Das ist neue, mit Kredit geschaffene Zahlungsfähigkeit. Wer
produziert, tritt mit Hilfe des Kredits gleichzeitig als Käufer
und Verkäufer auf.
Es ist gar nicht so, dass Kapitalisten laufend etwas herstellen und,
weil sie Kredit haben, sich nicht um ihren Absatz kümmern. Marx
spricht davon, dass gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verausgabt
wird; in dieser Kategorie steckt das Bedürfnis. Absatz müssen
die Waren schon finden. Man kann es sogar so ausdrücken: Alle
produzieren für den Markt und haben dabei das zahlungsfähige
Bedürfnis im Auge. Dabei ist Bedürfnis wie auch
Zahlungsfähigkeit eine flexible Größe. Kapitale
beziehen sich auf die materiellen Bedürfnisse, die sie nicht
bedienen, aber ausnutzen wollen. Unter diesem Gesichtspunkt sind sie im
Visier der Kapitale, so sehr, dass diese sogar Forschung betreiben,
welches Bedürfnis noch geweckt werden kann. Wenn sie nur Bedarf
decken wollten, wäre es mit Brötchenbacken u. Ä.
erledigt. Sie wollen stattdessen am Bedarf verdienen, erfinden deswegen
sogar neue Bedürfnisse und sind nie zufrieden mit dem, was es
gibt. Alle Bedürfnisse – auch die es noch nicht gibt – kommen vor
als Mittel zum Zweck.
Genauso flexibel ist die Zahlungsfähigkeit: Kapitalismus ist eine
Wachstumsmaschinerie. Von Jahr zu Jahr wird Profit gemacht,
reinvestiert und die Gesellschaft immer mit neuen Zirkulationselipsen
beglückt. Der Markt wird ausgeweitet, neue Märkte geschaffen.
Das ist die zivilisatorische Leistung dieses schlechten Systems.
Geschaffen wird die Zahlungsfähigkeit durch das Wachstum und durch
das per Kredit antizipierte Wachstum. Wenn Bedürfnisse durch die
Warenproduktion bedient werden, werden sie dafür ausgenutzt – das
ist die Verschiebung von der Bedürfnisbefriedung zum Absahnen von
Zahlungsfähigkeit.
Jetzt sind wir bei der anderen, nicht so elementaren Verschiebung: der
vom Profitkalkül der Kapitalisten – die auch dafür immer mit
mehr Geld wirtschaften wollen, als sie verdient haben, die Konkurrenz
macht es ihnen zum Anliegen, sogar zur Notwendigkeit – zu einer anderen
Art von Kalkül, nämlich dem der Kreditgeber: Wie kann man das
Gewinnkalkül der Firmen zum Instrument für das eigene
Gewinnkalkül machen, ohne dabei die anderen Parameter aus dem Auge
zu verlieren. Eine Bank ist beim Investieren fremden Geldes schon
großzügiger als beim eigenen, da ist das Risikokalkül
ein anderes. Neue sachliche Gesichtspunkte spielen in dieses
Kalkül hinein: Wie stellt sich die Investition in diese Firma dar
im Verhältnis zu alternativen Anlagen? Eine Anleihe in deutsche
Staatsanleihen ist natürlich risikoärmer als eine bei Opel,
dafür die Rendite geringer – das wird verglichen. Auf einmal
gelten andere Gesichtspunkte für Investitionsentscheidungen, da
spielt die Frage nach dem Gewinn der Firma ihre Rolle, aber nur eine
innerhalb einer Menge von Überlegungen, die vom Standpunkt des
Finanzkapitals aus immer heißen: Was wird aus meinem
Geschäft des Geldverleihens oder –anlegens?
Dieser reale Standpunkt, die Kapitalistenwelt unter den schlichten
Kriterien – Rendite und Risiko – zu mustern, ist der Grund für das
universelle Vergleichen aller Branchen samt Firmen; nur darüber
gibt es überhaupt so etwas wie eine Profitrate. Zwar nicht als
bestimmte Ziffer, die alle Unternehmen in Deutschland ungefähr
erwirtschaften würden, aber als Querschnitt. Auf diese ideelle
Größe kommt es an, sie existiert aber nur als der permanente
Vergleich, den das Finanzkapital zwischen seinen verschiedenen
Anlagesphären anstellt. Da gibt es nicht eine Zins- oder
Renditerate, sondern das dauernde Abgleichen zwischen Risiko und
Rendite.
— Ausgangspunkt war: Das
Verwertungsinteresse des
produktiven Kapitals ist die Geschäftsgrundlage fürs
Finanzkapital. Deren Profiterwartungen, deren höherer
Gesichtspunkt machen den Maßstab auf, unter welchen Bedingungen
der produktive Kapitalist den Kredit für sein Verwertungsinteresse
bekommt. Sein Verwertungsinteresse muss dem Maßstab des
Finanzkapitals genügen. Aber es gibt auch vom produktiven Kapital
her kein anderes Kriterium, als das, eine höchstmögliche
Profitrate zu erzielen.
Von dieser Elementarweisheit ausgehend heißt der nächste
Schritt: Um möglichst dauerhaft eine maximale Profitrate zu
erzielen, muss man in der Konkurrenz überlegen sein, das verlangt,
mehr Kapital einzusetzen, als man hat, vom kommerziellen Kredit
angefangen bis zur Überlegung, auf dem Kapitalmarkt eine AG
aufzumachen und darüber mehr fremdes Geld zu akquirieren. Das
Mittel, um maximalen Profit zu machen, ist, fremdes Geld anzuziehen. Da
kommen die Überlegungen der anderen Seite, die das Geld dafür
hergeben soll, ins Spiel, die heften sich an die des produktiven
Kapitalisten an unter allen möglichen zusätzlichen
Gesichtspunkten, die die Verwendung des zu beschaffenden Geldes mit
reflektieren. Darüber kommt ein universelles Vergleichen zustande,
eine Normalität, in der jedes Risiko zu jeder Rendite ins
Verhältnis gesetzt wird.
Als nächstes kommt die Frage, wie der Gesichtspunkt des
Finanzkapitals auf die Gewinnerwirtschaftung der Unternehmen
zurückwirkt. Der Begriff des ‚shareholder value’ ist ein Ausdruck
dafür. Der leitende Gesichtspunkt ihrer Profitmacherei ist dann
auch für die in der Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens
engagierten Unternehmen, wie sie es schaffen, für
finanzkapitalistische Geldgeber interessant zu sein. Sie ziehen sich
diesen übergeordneten Gesichtspunkt ihrer Financiers an, schauen
gleichzeitig auf ihre Profitrate, die sie Jahr für Jahr in ihrem
Betrieb erwirtschaften, und daneben auf Fragen wie: Wie stehen meine
Aktien an der Börse? Wie schätzen die Anleihemärkte bei
mir das Verhältnis von Risiko und Rendite ein? Ist diese hoch
genug, damit der Risikoaufschlag für meine Anleihen möglichst
gering ist? Kann ich zur bisher erwirtschafteten Rendite ein
riskanteres Geschäft riskieren? Der Ausgangspunkt der Firmenwelt
ist maximaler Profit, aber wenn sie sich dahin entwickelt haben,
ständig mit Kredit zu operieren, machen sie sich auch den
Gesichtspunkt des Finanzkapitals zueigen mit Überlegungen, wie sie
im Produktionsprozess und ihren anderen Betätigungsfeldern ein
Verhältnis zwischen Rendite und Risiko schaffen, so dass sie am
Kapitalmarkt, wann immer nötig, Anleihen zu einem niedrigen
Zinssatz oder Aktien zu einem Höchstkurs absetzen können.
Diesen Standpunkt legt zwar auch das Finanzkapital an ihn an, aber
dennoch ist festzuhalten, dass sich hier zwei gegensätzliche
ökonomische Charaktere gegenüber stehen. Der eine
überlegt, wie er mit seinem Finanzkapital umgeht, welche Anlage er
da wählt. Der andere kalkuliert sein eigenes Unternehmen in Bezug
aufs Finanzkapital; er ist dessen Objekt und will es auf sich ziehen.
Deswegen macht er sich selbst die Gesichtspunkte seines Aktienwerts zum
Gegenstand. Er kämpft um seine Kreditwürdigkeit, die die
andere Seite beurteilt und ins Verhältnis zu der von andern setzt.
Der eine will sein Geschäft zum Objekt des Finanzkapitals machen,
weil es so besser wirtschaftet. Die andern beurteilen die Objekte ihrer
Anlagen. Das ist der Unterschied.
Es ist nicht nur das Achten darauf, wie sich am Markt die maximale
Rendite erlösen lässt – das ist nicht weg, wird aber im Zuge
der kapitalistischen Akkumulation und der Strategien, die dafür
unter der Intervention des Finanzkapitals zur Anwendung kommen, zu
einer Berechnung spekulativer Natur, die darauf gehen, was von gewissen
Unternehmen auf gewisse Fristen in Vergleich zu alternativen
Kapitalanlagen zu erwarten ist. Da muss ein Schuhproduzent es sich
gefallen lassen, mit einer mexikanischen Staatsanleihe verglichen zu
werden. Das geht aus von Überlegungen, wie und wo man die
Produktion von Schuhen am besten einrichtet, aber dann ist diese Firma
mit den anders gearteten Überlegungen eines Finanzkapitals
konfrontiert: Was das von einer Schuhfabrik hält, die noch in
Deutschland produziert, ob es der den Standortwechsel nach Shanghai
finanzieren soll, oder gleich die Schuhfabrik dort oder stattdessen
lieber chilenische Staatsanleihen kauft. Da werden alle Geschäfte
zum Objekt solcher Kalkulationen. Wenn die einmal gelten, muss auch ein
hiesiger Schuhfabrikant sich nicht nur überlegen, wie er die
billigsten Schuhe produziert, sondern wie er seinen Produktionsprozess
und dessen Finanzierung so plant, dass er bei seiner Hausbank, am
Kapitalmarkt, der chinesischen Staatsbank oder sonstwo den Kredit
für seine weitere geschäftliche Fortentwicklung bekommt.
Die Orientierung an einer bestehenden Profitrate gibt es nicht, sondern
es gibt den ständigen Kampf der Unternehmen vor den Kalkulationen
der Finanzunternehmen zu bestehen, die Rendite und Risiko zueinander
ins Verhältnis setzen. Diese Vergleiche – angestellt, um daran zu
verdienen – haben den Effekt, dass sie die Akkumulation auf breiter
Front anheizen. Sie begleiten nicht nur die Akkumulationsleistungen der
Unternehmen, sondern das ist ihr Metier dafür, eigene Berechnungen
anzustellen und damit den produktiven Sektor anzutreiben und zu
übertreiben. Für die Schranken, die jedes Unternehmen
ständig spürt, nämlich die, die die Konkurrenz ihm
setzt, ist der Kredit das Hilfsmittel, und die Antwort auf das Problem,
dass die zusätzlichen Investitionen nicht unbedingt die
Rentabilität des Kapitals steigern, heißt: Dann ist nicht
genug investiert worden. Von daher stellt sich die Frage, wann wird
eine Krise daraus, schon anders. Die Profitrate zeigt nicht an, wann
sie endgültig überschritten ist.
— Erst mal sind doch die
Interessen von produktivem- und
Finanzkapital deckungsgleich, sie wollen beide möglichst viel
Rendite haben. Jetzt geht dieses Abwägen von Profit und Risiko
immer mehr zugunsten der Risikobereitschaft aus, weil ja der allgemeine
Fall der Profitrate für das anlagesuchende Kapital heißt, in
immer gewagtere Unternehmungen zu gehen Das ist diese spezielle
Leistung, dass das Finanzkapital immer rücksichtsloser gegen die
kaufkräftige Nachfrage antreibt.
Vom Effekt her, kann man schon sagen, dass das Finanzkapital mit seinen
Berechnungen die Maßlosigkeit der Akkumulation in allen anderen
Branchen freisetzt. Man muss den Kapitalisten zwar Maßlosigkeit
beim Gewinnemachen nicht beibringen, aber Mittel dafür brauchen
sie und die stellt das Finanzkapital aufgrund seiner maßlosen
Gewinnerwirtschaftungsinteressen. Vom Ausgangspunkt her sollte aber
betont werden: Das Interesse des Kreditgebers und –nehmers ist nicht
identisch; es stimmt überein, aber es sind vom Anfang an zwei
verschiedene Seiten. Der eine will fremdes Geld, der andere das fremde
Geschäft benutzen. An der maximalen Verwertung haben beide
Interesse, aber die ist je anderer Art.
Der Geldgeber steht viel freier zu der Gewinnerwirtschaftung des
bestimmten Unternehmens, als dieses selbst. Für den ist eine
Option, was für den anderen sein ganzes Geschäft ist. Das
heißt nicht, er ist großzügiger, sondern er hat seine
Kriterien des Vergleichs; das ist seine Souveränität. Schon
da soll man nicht darauf beharren, dass im Ausgangspunkt die Interessen
identisch sind, sondern da wird das Profitinteresse des einen zum
Material für das Renditeinteresse des anderen. Sogar wenn man
sagt, dass das bloß Teilhabe am Profit ist, bleibt doch das, am
fremden Erfolg teilzuhaben, eine andere Sorte Berechnung, als die von
dem, der ihn erwirtschaftet.
Als Einschub eine Erläuterung zur vorliegenden Gliederung 'Der GS
zur Weltwirtschaftkrise'. Wenn es im 1. Punkt heißt -
Die Krise besteht darin, dass das Geschäft mit Kredit eingebrochen
ist. Der Handel mit Kapital ist zum Erliegen gekommen. An eingetretenen
wie befürchteten Wirkungen stellen unmittelbar Beteiligte wie
interessierte Beobachter fest, dass die Dienstleistung des
Finanzgewerbes eine andere Bedeutung hat als die Gastronomie und die
Gebäudereinigung. Das Versagen dieser Branche unterbindet alles
Geldverdienen, legt also die "Marktwirtschaft" lahm.
- sollte man dazu folgendes überlegen: Es gibt eine bekannte
falsche Selbstverständlichkeit in der Welt, die sich einem
praktisch im marktwirtschaftlichen Alltag aufdrängt. Die
übliche Lebenspraxis bringt die Betrachtungsweise – man muss
zurechtkommen – mit sich. Die Selbstverständlichkeit heißt:
Es gibt Kredit, den braucht es, damit die Unternehmen wirtschaften
können. Dagegen wäre zu halten: Wenn ihr das so seht,
vollzieht ihr zwar bloß in Gedanken nach, was ihr täglich
treibt, aber ihr liegt falsch. Wenn ihr nämlich denkt, alles geht
so seinen Gang, dann zeigt das nur eure Anpassung an ein System, das
einer ganz anderen Logik folgt. Ihr lebt in einem System, in dem euer
Leben, die Selbstverständlichkeit des Geldverdienens, auf dem
Spiel steht, wenn der Handel mit Kapital zum Erliegen kommt. Leute
machen mit Schulden Geschäfte, und wenn das nicht mehr geht,
heißt es nicht, dann einfach ohne Kredit zu verkaufen, sondern
dann kommt alles zum Erliegen. Was ist überhaupt Kapital, das da
gehandelt wird; was kommt da zum Erliegen? Handel mit Kapital ist etwas
anderes als der mit Kapitalgütern. Der Handel mit Kapital ist
etwas, das materiell zum Produzieren, zum Verbrauch, zum Transport etc.
nichts beiträgt. Ist Kapital nicht eine Verwendungsweise von Geld,
das hergegeben wird, damit es mehr wird? Woher kommt das mehr, wie kann
man damit handeln? Es gibt offenbar eine Welt, in der ist Kapital weder
einfach das Geld, noch erst recht nicht das, was man von Geld kaufen
kann. Sondern da wird der Effekt der kapitalistischen Verwendungsweise
des Geldes vorweggenommen, dass aus Geld mehr Geld wird, und das wird
als ein Rechtstitel zur Ware. In dieser Welt lebt ihr, in der das
Recht, dass aus Geld mehr Geld wird, die Grundlage dafür ist, dass
überhaupt in dieser Gesellschaft Geld verdient werden kann. Steht
da nicht etwas auf dem Kopf?!
So etwas kann man sich an der Krise klarmachen. Dass man die dumme
Selbstverständlichkeit angreift, in der die Menschheit dauernd
lebt, abhakt und sich solchen Unsinn erzählen lässt, wie: Zur
Zeit frisst zwar das Finanzkapital die Realwirtschaft ziemlich auf,
aber im Prinzip ist es eine Dienstleistung. Dabei merken sie selbst,
davon kann nicht die Rede sein, wenn deren Papiere jetzt alle "toxisch"
sind. Aber die ganze Welt lernt daraus nur: Hoffentlich geht es bald
wieder normal weiter. Statt dass sie lernen, wie verrückt der
Normalfall ist, wenn das Funktionieren dieses Sektors Voraussetzung
für den gesamten Lebensprozess ist, von dem sie abhängen.
Andererseits wird über all das bei manchen Lesern des GS auf der
Ebene der Theorie mit derselben Selbstverständlichkeit der
Standpunkt vertreten: Das ist doch klar, den Finanzkapitalisten geht es
doch bloß darum, ihr Kapital zu vermehren, was denn sonst. Das
taugt auch nicht sehr viel, sich so gleich geistig souverän dazu
zu stellen. Das ist eine falsche Selbstverständlichkeit. Klar, das
Finanzkapital regiert über alles, hat die Sache im Griff und die
ganze Welt hängt davon ab, aber was das alles bedeutet und wie das
der Art, wie ein normaler Mensch sein Leben auffasst und führt,
total widerspricht, fehlt da. Das Papier soll eine Handreichung dazu
sein, wie man über die ganzen Selbstverständlichkeiten des
Daseins im Kapitalismus nachdenken soll: Da macht einen einmal die
Krise auf Abhängigkeiten aufmerksam, die sich nicht von selbst
verstehen, auch nicht für einen, der K I – III studiert hat.
Natürlich gibt es laufend Gelegenheit zum Nachdenken. Eigentlich
enthält die Konkurrenz, der Normalfall des Kapitalismus, dieselben
Aufklärungen. Aber in dieser Krise hat man den drastischen
Zusammenhang vor Augen: Nach 2 Jahren Finanzkrise ist es soweit, die
ganze Welt steht bang vor der Frage, ob sie morgen noch was kaufen
kann. Dann müssen die Staaten Summen ausspucken, da kommt man mit
dem Nachzählen der Nullen nicht mehr nach, aber die Billionen sind
dann da und nötig. Zunächst gibt von nichts weniger, nicht
weniger Produkte, schon gar nicht weniger Produktionsstätten, aber
wegen der Pleite einer Bank steht von heute auf morgen die ganze Welt
vor einem Abgrund. Und der besteht darin, dass tatsächlich die
normale marktwirtschaftliche Art des Geldverdienens und –ausgebens auf
einmal nicht mehr sicher ist. Vielleicht gibt es ja dieses
Schreckmoment, über das man einmal einen Menschen darauf
aufmerksam machen kann, wie der Laden hierzulande wirklich läuft,
vor dem jeder einzelne mit seiner Gestaltung seines Lebensalltags
wirklich nur ein falsch berechnendes Anhängsel ist. Falsch
berechnend, weil er ja zusehen muss, wie er seine Berechnungen so
einrichtet, dass er sich nach den Gegebenheiten richtet. Dann
möchte man aber bitte auch mal ein Interesse dafür wecken,
nach welchen Gegebenheiten man sich immer so strecken und seine
Berechnungen einrichten muss.
Jetzt zurück zu der Frage, wie wird aus diesem generellen
Widerspruch des tendenziellen Falls der Profitrate so etwas wie eine
Krise? Das Prinzip des tendenziellen Falls ist die Produktionsweise,
die maßlose Entwicklung der Produktivkräfte, ungeachtet
wofür sie da sind. Damit es eine Profitrate und ihren Fall gibt,
muss einiges passieren – das sind nicht einfach statistische, sondern
den Lauf des Kapitalismus bestimmende Größen. Wie also geht
der Übergang zur Krise? Wo fängt sie an, wo führt sie
hin?
Das Finanzkapital, die Kreditgeber, stellen mit den Profitraten, mit
der Rendite der Kapitale, die sie finanzieren, ihre Berechnungen an,
sie machen ihr Geschäft daraus. Und die Unternehmen selber machen
auch schon bei der Erwirtschaftung von Profit den Übergang, die
Maßstäbe des Finanzkapitals in Bezug auf ihren Laden zu
teilen, also selber das Kriterium anzuerkennen, ob sich ein Spekulant
für diesen interessiert. Wieder einmal das Beispiel Opel
hergenommen, da ist das erste Kriterium nicht, ob sie ihre Autos
losbekommen, sondern ob sie für einen potenten Geldgeber
interessant sind. Die Profitrate und ihr tendenzieller Fall ist also
nicht getrennt zu denken vom Finanzkapital, das immer schon eingemischt
ist und die ganze Welt des Profitemachens seinen Kriterien subsumiert
hat, das Kapital zuordnet und verteilt nach dem Gesichtspunkt, ob sich
das für das Finanzkapital lohnt. Die ganze Welt als
Kapitalanlagesphäre – das ist das Werk des Zusammenwirkens von
Finanz- und produktivem Kapital; wenn so viel Kredit in den Unternehmen
steckt, dann ist nicht einfach die Not der Zinszahlung da mit
eingeschlossen, sondern es sind die Kriterien des Finanzkapitals, die
über das Schicksal aller Kapitale entscheiden.
Der tendenzielle Fall der Profitrate als Grund, warum sich der
Kapitalismus regelmäßig in die Krise wirtschaftet, ist die
eine Sache, deren Verlaufsform ist vom Kalkül des Finanzkapitals
nicht zu trennen und bei dessen Kalkül ist die Profitrate bei den
verschiedenen Anlageobjekten nur ein Gesichtspunkt unter anderen – da
wird dann z. B. die Frage gewälzt, ob sich ein China-Boom
abzeichnet und welche wunderbaren Geschäftsmöglichkeiten das
eventuelle Ende der Kommunistenherrschaft birgt. Wenn
Kalkulationskriterien dieser Art eine Rolle spielen bei der
Begutachtung der ganzen Welt als Anlagesphäre, dann ist die
Profitrate zwar sehr wichtig, aber eben ein wichtiger Punkt unter
anderen. Von daher ist der Zweifel des Finanzkapitals an seinen
Anlagestrategien der Ausgangspunkt noch jeder Krise – das ist etwas
anderes als der Zweifel an seiner Kundschaft, da macht sich dieser an
dem einen oder anderen Unternehmen fest. Unter dem Regime des
Finanzkapitals gehen die Firmen kaputt, denen es seinen Zuspruch
entzieht, denen es – in der primitivsten Form – nicht mit seinem Kredit
über die nächste Gehaltsrunde hilft oder – in der
höchsten Form – deren Aktien nach unten spekuliert werden;
dazwischen spielen sich die Urteile des Finanzkapitals über die
Firmenwelt ab und die heißen angesichts einer fallenden
Profitrate erst einmal: Wir sorgen dafür, dass der Konkurrent, bei
dem wir investiert haben, Erfolg hat und schieben ggf. noch etwas
Kredit nach. Dasselbe machen die anderen Investoren natürlich
auch. Auf diese Weise wächst die Kreditblase.
Einerseits ist das Krisengeschehen von einer Regelmäßigkeit,
die den bürgerlichen Verstand sogar zu der Bildung des Wortes
„Konjunkturzyklus“ veranlasst hat (womit dieser mit seinem auf- und
ab-förmigen Stattfinden erklärt wäre, s. Jf 4.5.09).
Andererseits ist keine Krise wie die andere, sondern jede hat ihren
besonderen Auslöser, bei dem Zufälligkeiten zusammenkommen,
zu denen dann der bürgerliche Verstand rückblickend immer
sagen kann, dass es dazu gar nicht hätte kommen müssen,
z. B. wenn man den Ölpreis anders gestaltet hätte oder
wenn man – egal, ob bei der IT- oder der US-Immobilienblase – den
Spekulanten per Kontrolle rechtzeitig das Handwerk gelegt hätte
usw. Das Urteil des Finanzkapitals, dass sich sein Geschäft nicht
mehr lohnt, geht jeder Krise voraus, ist das Gemeinsame an ihnen –
sonst wäre es keine Krise, sondern nur ein Konkurrenzzwischenfall.
Wenn sich der Konjunkturzyklus mal wieder ‚rundet’, ist immer die
Börse affiziert, wenn die finanzkapitalistische Spekulation auf
ein Ensemble von Zufällen als ihren guten Grund verweisen kann,
weshalb sie jetzt an den Resultaten ihrer Tätigkeit irre wird und
die nicht mehr leiden kann. Und das heißt, nicht nur der
anfängliche Bereich – z. B. der IT-Sektor – ist betroffen,
sondern die Krise, die das Finanzkapital dann daraus macht,
verallgemeinert sich in andere Bereiche, die mehr oder weniger
affiziert werden, geht also über die Konkurrenzaffäre, die
jeweils Anlass war, hinaus.
Wenn der Finanzkapitalist an sich irre wird, macht er erst mal seine
Produkte kaputt, das kann man ja jetzt in aller Ausführlichkeit
besichtigen. Aber dann stellt er auch was mit dem produktiven Kapital
an, denn wenn da Kredite gestrichen werden, wenn die Finanzmasse, mit
der da operiert wird, nicht mehr stimmt, dann wird „die Marktwirtschaft
lahm gelegt“, denn es ist das Werk des Finanzkapitals, das drastische
Urteil zu fällen, dass nicht nur die eigenen Produkte, sondern
auch das, was in anderen Sphären produziert wird, zum
Gewinnemachen nicht mehr taugt. Damit würgt es auch dem
reproduktiven Kapital die fallende Tendenz der Profitrate in der Form
rein, dass das Ganze mal ein Stückchen rückwärts geht –
der bürgerliche Verstand sagt dazu Minus-Wachstum. Das ist der
typische Fall einer negativen Profitrate, denn es wird Kapital kaputt
gemacht statt verwertet. Krise ist das Ergebnis des tendenziellen Falls
der Profitrate in der Form, dass dieser Fall durch Entwertung
rückgängig gemacht wird. Die Krise ist das Heilmittel, das
vollzogene Urteil, dass das, was bisher finanziert worden ist, zu viel
ist. Da jede Akkumulation Überakkumulation ist, sind sie erst
einmal nicht voneinander zu unterscheiden. Das Unterscheiden findet
dann praktisch statt, wenn das Finanzkapital über seine ganzen
Anlagesphären einschließlich des reproduktiven Kapitals das
Urteil fällt, dass man nicht umhin kommt, großflächig
Wert zu streichen. Wenn sich das Finanzkapital in eine Krise
hineingewirtschaftet hat, fällt nicht mehr finanzieren wollen und
nicht mehr können zusammen, denn es streicht ja seine Finanzmittel
zusammen. Dann ist Entwertung angesagt; sie ist der praktische Vollzug
dessen, dass inzwischen über die Verhältnisse der Profitrate
hinaus akkumuliert worden ist. Das ist wie der rückwirkende
Vollzug des tendenziellen Falls der Profitrate als riesige
Streichungs-Aktion. Der Fall der Profitrate ist durch das Storno des
Finanzkapitals, ohne dass es eine Ahnung davon hätte, revidiert.
Es ist genug Kapital vernichtet, so dass das Ganze auf niederer
Stufenleiter wieder anfangen kann.
— Beim Vollzug des Falls
der Profitrate ist also nicht
einmal das Kapital in seinem Wert reproduziert worden, also der Erhalt
des Kapitals zustande gekommen.
Und zwar, weil all das, was bisher dank des Kreditvorschusses
akkumuliert worden ist, gestrichen wurde. Die Rechtfertigung einer
ganzen Abteilung Kapital durch die Profitrate, die das Finanzkapital
durch seine Kreditvergabe bewerkstelligt hat, wird widerrufen.
— Es stellt sich also dann
heraus, dass ein Gutteil des
Kapitals wie auch des Profits reine Schuld ist.
Was übrigens ein Licht darauf wirft, was das Finanzkapital bis
dahin geleistet hat, nämlich Schulden zu Kapital zu machen, und so
hat es auch beim produktiven Kapital im Sinne der ihm eigenen
Maßlosigkeit Schulden zu Kapital gemacht. Wenn das Finanzkapital
anfängt, an der Kapitalqualität seiner Produkte zu zweifeln –
eigentlich wollte man doch bloß die Derivate aus amerikanischen
Hypothekenschuldnern abschreiben, aber dann fing ein Finanzinstitut
nach dem anderen an zu kriseln, dann ging Lehman Brothers pleite,
inzwischen haben alle Banken Riesenschulden und es ist nichts mehr mit
Wertpapiervermögen –, dann ereilt dieser Zweifel die produktiven
Kapitalisten in der Form, dass alles, was die an Kapital
aufgehäuft oder auch schon an Produktionsmitteln gekauft und an
Löhnen gezahlt haben, sich als durch den erwirtschafteten Profit
überhaupt nicht gedeckte Schulden erweist. Die rückwirkende
Annullierung der Gleichung, dass Schulden Kapital seien, geht als
Entwertung eines Unternehmens an der Börse vor sich oder als
Ausbleiben der Kredite, was für ein Unternehmen bedeutet, dass es
auf dem bisherigen Niveau nicht mehr weitermachen kann. Das Stocken der
Märkte verdient nur dann den Namen Krise, wenn stattfindet, was in
der ersten These (siehe obigen Einschub) steht und was keine
Besonderheit dieser Krise ist, nämlich, dass der Handel mit
Kapital zum Erliegen gekommen ist, was gleichbedeutend ist mit der
Entwertung der Produkte, die auf dem Kapitalmarkt gehandelt werden. An
der Börse wird dieses Stocken der Märkte und Streichen von
Wert auf die absurdeste Weise quantifiziert; das bekommt alles sein
Maß, denn die Spekulation geht ja weiter. Mit dem
Herunterspekulieren des Werts von Unternehmungen aller Art vollziehen
die Spekulanten das Irrewerden des Finanzkapitals an seinen Produkten.
— Zu sagen, ein
Unternehmen stößt an die
Schranken des Marktes, ist also ein ganz anderer Befund als zu sagen,
die Kapitalakkumulation wird durch die Kriterien des Finanzkapitals,
das seinen Berechnungen auf diese Akkumulation und auch der eigenen
Akkumulation misstraut, zum Erliegen gebracht. Und das Sinken der
zahlungsfähigen Nachfrage gehört mit zu den Wirkungen?
Ja – zu all dem kann man sagen: da widerruft das Finanzkapital das, was
es bisher bewerkstelligt hat, nämlich, dass das produktive Kapital
über die Schranken seiner Rendite, über die Schranken dessen,
was es an Profit aus dem Markt herausholen konnte, hinausgewirtschaftet
hat. Es hat die fallende Tendenz der Profitrate quasi immer vertagt und
dem produktiven Kapital zugesichert, dass die Schulden, die es bei ihm
macht und die es als Kapital verwenden kann, über die
Mindereinnahmen auf dem Markt mit seinen Schranken hinweghelfen.
Für das Kapital heißt ja Marktschranke nicht, dass man seine
Waren nicht mehr loskriegt, sondern die Frage ist dann: Lohnt sich der
Verkauf noch? Wenn nicht, wird er lohnend gemacht über
Rationalisierungen im Betrieb, immer und immer wieder ermöglicht
durch Schulden, die als Kapital eingesetzt werden. GM z. B.
schrieb schon seit Jahren rote Zahlen, hat aber immer wieder Geldgeber
gefunden, die diese Defizite finanzierten und es ermöglichten,
sich über die Schranken des Marktes hinwegzusetzen, immer unter
der Perspektive, dass das Geschäft nächstens wieder losgeht.
Am Beispiel GM kann man sich die Disparatheit der Kalkulationen
zwischen produzierendem und Finanzkapital gut klarmachen: Die ersteren
treibt die Frage um, wie man sich mit seinem Produkt – vielleicht ein
kleineres, umweltfreundliches, weniger Sprit fressendes Auto? – ‚auf
dem Markt positioniert’, also gegen die Konkurrenz durchsetzt. Die
Spekulation des Finanzkapitals dagegen ist folgender Art: Wir haben so
viel in die Firma investiert – sollen wir das abschreiben oder noch
etwas nachschieben in der Hoffnung, dass sich das neue Produkt
durchsetzt? Oder sollen wir die Kredite in eine Beteiligung an der
Firma verwandeln? Sollen wir darauf setzen, dass sich die
Währungsrelation zwischen China und Japan einerseits, die USA
andererseits durch die Intervention eines demokratischen Senats so
verschiebt, dass fernöstliche Autos teuerer werden und in den USA
produzierte billiger? Zur Zeit sind allerdings solche Überlegungen
dadurch relativiert, dass die Finanzinstitutionen selber ihren
Machenschaften misstrauen und in ihrer Potenz, so etwas zu
bewerkstelligen, also eine Abschreibung einfach einmal so zu verdauen,
geschädigt sind.
Worauf soll man beim Thema Krise aufmerksam machen? Es ist z. B.
nicht günstig, auf die Notwendigkeit der Krise im Kapitalismus
abzuheben, denn dass Krisen zum Kapitalismus gehören, ist ja in
dem goldenen Wort vom Konjunkturzyklus als Notwendigkeit schon
anerkannt – gehört eben auch dazu, genau wie der Aufschwung.
Besser ist die Richtung: anhand der Krise kann man Schlüsse daraus
ziehen, wie der Laden hier läuft – Agitation ist ja im Prinzip
nichts anderes, als dass man den Einrichtungen des Kapitalismus ihre
Selbstverständlichkeit nimmt. Im Sinne der zweiten These des
Papiers sollte man eher fragen, was das für eine Gesellschaft ist,
in der es Kapital als Handelsartikel gibt und wo dieser Handel die
Praxis ist, von deren Gelingen die ganze Marktwirtschaft und das ganze
Leben, an das man sich so recht und schlecht angepasst hat,
abhängt.
— Vielleicht widerlegt das
schon einiges, wenn man sagt,
dass, so gesehen, das gute produzierende Kapital nur eine Sphäre
des Finanzkapitals ist?
Das taugt schon, wenn dann der Zusammenhang zwischen produzierendem und
Finanzkapital erklärt wird und dass das eine, so wie es
wirtschaftet, keineswegs das Opfer des anderen ist. Die braven
produktiven Kapitalisten haben als verlängerter Arm des
Finanzkapitals ihre Gewinne gemacht. Das muss aber sauber erklärt
werden, damit das ‚nur’ nicht verstanden wird als das falsche ‚alles
ist vom Finanzkapital abhängig!’ samt der immer darauf folgenden
Sortierung in gutes, der Realwirtschaft dienendes, und schlechtes, weil
gieriges Finanzkapital.
Es ist also verkehrt, zu sagen (siehe ersten Spiegelstrich am Anfang):
Es gibt einen tendenziellen Fall der Profitrate auf der einen Seite und
jetzt kommt noch die Krise des Finanzkapitals dazu. So nicht
auseinanderdividieren, nämlich als ob in der Realwirtschaft immer
schon eigentlich das Gesetz der Krise geherrscht hätte und jetzt
kommen zwei Krisen zusammen.
Wenn Marx sagt, dass in der Krise das loanable capital gegen das
industrielle stehe, dann heißt das: Wenn das Finanzkapital die
Krise vollzieht und das industrielle Kapital zum Leidtragenden macht,
dann deckt es an diesem auf, was es selber dort hergestellt hat,
nämlich eine Akkumulation auf Schuldenbasis, deswegen ist jede
Krise in ihrem Verlauf eine Finanzkrise. Bei der derzeitigen Krise ist
die Besonderheit eigentlich nur, dass sie mit diesen absurden Derivaten
angefangen hat und es anderthalb Jahre gedauert hat, bis sie sich
verallgemeinert hatte und klar war, dass alles nichts mehr wert war.
Solche Besonderheiten hat jede Krise – die asset backed securities
konnten erst platzen, nachdem sie erfunden worden waren, aber diese und
andere wunderbare Wertpapiere haben die Finanzblase ausgemacht, die 10
Jahre lang aufgeblasen wurde und jetzt geplatzt ist. Die Akkumulation
beim produktivem Kapital mittels Verwendung von Schulden als Kapital
wird rückwirkend zunichte gemacht – das ist der Begriff der Krise,
den Marx aus dem tendenziellen Fall der Profitrate abgeleitet hat. Wie
bei jeder Krise gibt es dann Besonderheiten der Abwicklung und der
Durchführung; das Besondere dieser Krise ist ihre
Universalität – wie gehen die Staaten damit um? Das ist das
nächste Thema.