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Noch einmal zum Grund der Krise
— Letztes Mal fiel
der Satz, dass jede Akkumulation Überakkumulation in sich
einschließt. Ist das so zu verstehen, dass in der Konkurrenz, die
sich die Kapitalisten wechselseitig aufherrschen, sie alle ein
zunehmend größeres Kapital vorschießen müssen, um
das Verhältnis von Kostpreis zu Marktpreis zu ihren Gunsten zu
verbessern, und dass das die Konsequenz hat, die Marx kennzeichnet als:
sie betrachten die Bedingungen der unmittelbaren Produktion als
identisch mit denen der Realisierung? Das heißt also, sie
müssen durchaus die Investitionen unabhängig davon
tätigen, was der Markt hergibt. Insofern trägt jede
Akkumulation den Keim der Überakkumulation in sich, als jeder
Kapitalist das rücksichtslos gegen die Realisierung verfolgen muss.
Du redest gewissermaßen über den zweiten Akt der Konkurrenz
zwischen den Kapitalisten. Der erste Akt war: Sie wenden mehr Kapital
auf, um die Rate der Kapitalverwertung zu steigern. Zum zweiten Akt
dieser Konkurrenz gehört schon, dass die zahlungsfähige
Nachfrage nicht schrankenlos ist. Die andere Wirkung der Konkurrenz
gehört aber unbedingt dazu, nämlich die Notwendigkeit der
Egalisierung des Vorsprungs in Sachen Profitrate, den der Avantgardist
anfänglich für sich herausholt, die für alle
gleichermaßen die Notwendigkeit eines gestiegenen Vorschusses zur
Folge hat. Der Kampf darum, sich über Investitionen für
rentable Arbeitsplätze einen Vorteil in der Konkurrenz zu
erwirtschaften, stellt sich für die Kapitalisten dar als Kampf
gegen ihresgleichen um Marktanteile. Der Grund für die
Notwendigkeit des tendenziellen Falls der Profitrate liegt in der
Eigenart des Kapitals, was Marx als Widerspruch am Verwertungsdrang des
Kapitals ausdrückt, nämlich dass die Methoden der
Akkumulation gleichzeitig der angestrebten Rate der Akkumulation
entgegenwirken. Das stellt sich am Markt dar als eine Akkumulation, die
mit ihren Realisierungsbedingungen in Konflikt gerät. Wenn Marx
diesen Widerspruch grundsätzlich bestimmt, redet er nicht von
einem Konflikt zwischen Produktion und Realisation, sondern sagt
folgendes: „Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht
darin, dass die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz
einschließt nach absoluter Entwicklung der Produktivkräfte,
abgesehen vom Wert und dem in ihm eingeschlossenen Mehrwert, auch
ungeachtet der gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer
die kapitalistische Produktion stattfindet; während sie
andererseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und seine
Verwertung in höchstem Maß (d.h. stets beschleunigten
Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat.“ (K III, S. 259) Jetzt denkt man
doch, dass das dasselbe ist – die Produktivkräfte entwickeln ist
doch gerade das Mittel für den ‚stets beschleunigten Anwachs
dieses Werts’. Aber die Marx’sche Aussage ist, dass der fundamentale
Widerspruch besteht zwischen der gigantischen Entwicklung der
Produktivkräfte auf der einen Seite und der Erhaltung und
Vermehrung des engagierten Werts und sogar beschleunigtes Anwachsen
dieses Werts, also Steigerung der Profitrate als Ziel, auf der anderen
Seite.
Dass als Konsequenz der Entwicklung der Produktivkräfte der Markt
mit Waren überfüllt wird, stellt per se noch keinen
Widerspruch dar; zu klären wäre, wann und warum aus der
Schwemme auf dem Markt eine Überschwemmung wird – im Übrigen
spielt sich sowieso alles auf dem Markt ab, insofern ist jede Trennung
dazwischen künstlich, aber manchmal ist sie für die
Klärung der Sache hilfreich, zumal dann, wenn es darum geht, wo,
in welcher Weise und warum generiert das Kapital im Zuge seiner
Akkumulation seine Widersprüche und wo und wie stellen die sich
dar? Das ist nun mal Prinzip und Durchführung, die im Kapitalismus
immer in einem merkwürdigen Verhältnis zueinander stehen.
Vielleicht ist es daher sinnvoll, sich klar zu machen, was eigentlich
die Phänomene sind, die zur Erklärung anstehen. Dass es alle
paar Jahre in der Marktwirtschaft eine Rezession gibt, die darin
besteht, dass die Unternehmer ihre Waren nicht mehr zu kostendeckenden
Preisen loskriegen, ist keine Theorie, sondern eine Erfahrungstatsache
– dieser durchaus interessante Tatbestand, dass diese auf Wachstum
programmierte Wirtschaft periodisch in ihrem Wachstum erlahmt oder
sogar ins Minus rutscht, um dann wieder neu anzufangen. Dass die Krise
darin besteht, dass die Kapitalisten ihre Waren nicht mehr
profitträchtig versilbern können, dass im Vergleich zu ihrem
Interesse die zahlungsfähige Nachfrage zu wünschen übrig
lässt, dass dann ein Riesenstreit anfängt, ob das an der
Zahlungsfähigkeit oder an der Nachfrage liegt oder ob die
Sparquote zu hoch oder das Geld zu wenig ist, gehört alles zum
Sumpf bürgerlicher Gesellschaft und Marktwirtschaft dazu.
Auch die Tendenz zum Fall der Profitrate gehört nicht in den
Bereich der grauen Theorie, sondern ist ein Befund, der sich an allen
möglichen Ecken auch immer wieder zeigt und eigentlich nichts
anderes beinhaltet als die Trivialität, die in der
öffentlichen Debatte manchmal so auftaucht: Rentable
Arbeitsplätze werden immer teurer. Wenn Industriellenverbände
sich über so etwas beschweren, wissen sie nicht, dass sie auf ihre
Art von der Tendenz zum Fall der Profitrate reden. Man soll aber nicht
umgedreht denken, nur, weil die Tendenz zum Fall der Profitrate bei
Marx im 3. Band immer unter der Perspektive des Werts auftritt, sei sie
eine Sache, die er als historisches Gesetz hätte beweisen wollen,
und dann lässt man sich darauf ein und fragt danach, ob der Beweis
stimmt. Man muss sich erst mal auf den Standpunkt stellen, was ist die
Sache im Kapitalismus. Da sind Krisen die Sache, in denen sich
herausstellt, dass das, was die Kapitalisten bis gestern noch für
einen rentablen Arbeitsplatz gehalten haben, sich als nicht rentabel
erweist, weil die zahlungsfähige Nachfrage nach ihrer Ware zu
wünschen übrig lässt, so dass sie Kredite von ihrer
Hausbank brauchen oder überhaupt pleite gehen; weil sich also
herausstellt, dass die getätigten Investitionen, um in der
Konkurrenz mit billigen Waren zu gewinnen, sich doch nicht rentiert
haben, oder nur für eine kleine radikale Minderheit von
Kapitalisten, die auch noch in der Krise ihr Geschäft machen, weil
sie sowieso schon an der Spitze lagen. Das alles gehört in den
Bereich der zu erklärenden Tatsachen. Man hat in der Empirie, die
zu erklären ist, den Zusammenhang zwischen Markt,
zahlungsfähiger Nachfrage und den Produktionsverhältnissen,
die die Kapitalisten in ihren Betrieben einrichten – an all dem ist
bisher nichts abgeleitet, sondern das ist erst einmal eine
Bestandsaufnahme, wie wunderbar diese Marktwirtschaft funktioniert.
Man kann auch noch ein bisschen üble Nachrede dranhängen, die
dieses System verdient, und man kann sich auch mal wundern, erstens
über die Tatsache und zweitens über die öffentliche
Meinung: Erstens über die Tatsache, dass es in diesen Krisenzeiten
für einen großen Teil der Gesellschaft zu richtigen
Schüben von Verelendung kommt, dass für einige Jahre auch
beim besser gestellten Teil Vermögenswerte zusammenbrechen und
dass das Ganze nicht einem über die Gesellschaft hereingebrochenen
Mangel geschuldet ist, sondern der Tatsache, dass von allem zu viel da
ist. Krise besteht darin, dass es zu viel Reichtum gibt, dass Ware
übrig bleibt, dass gestern noch als rentabel angesehene Anlagen
geschlossen werden müssen, weil sie überflüssig sind und
in den Zeitungen steht, dass es zu viel angelegtes Kapital gibt. Man
kann sich also wundern über diese Verrücktheit, dass Leute
mit ihrem Lebensunterhalt lahm gelegt werden, weil sie nur die
Manövriermasse des jetzt zu viel gewordenen Reichtums darstellen.
Fast noch erstaunlicher ist zweitens, dass diese Gesellschaft seit 150
Jahren eine Krise nach der anderen erlebt, ohne dass ein Bewusstsein
über diesen Irrsinn als allgemeine Kenntnis vorausgesetzt werden
kann. Da merkt man wieder mal, dass Menschen aus Erfahrung nicht klug
werden... Das war die Abteilung üble Nachrede zu diesem Befund.
Jetzt möchte man schon wissen, was der Grund für dieses
periodisch wiederkehrende und für den Großteil der
Bevölkerung ziemlich ungemütliche Phänomen ist.
Darüber gibt es bürgerliche Theorien, die i. d. R. darin
bestehen, dass sie den Ablauf der Sache zum Grund erklären – es
ist immer vom Konjunkturzyklus die Rede und in diesem Bild des Auf und
Ab der Bewegung ist schon der Konjunkturzyklus als sein eigener Grund
gefasst. Die Regelmäßigkeit der Krise gehört auch noch
zu dem Erfahrungstatbestand, aus dem keiner klug wird – die
bürgerlichen Sachwalter und Beobachter wundern sich ja, wenn dies
Phänomen einmal ausbleibt. Es stellt sich also die Frage nach
deren Notwendigkeit.
— Ist an dieser
Stelle nicht der Schluss fällig, dass diese Notwendigkeit an der
Produktionsweise selber liegt, sie selber bringt das hervor, die Krise
ist nichts von außen Kommendes oder eine Art Verirrung , wie in
bürgerlichen Theorien oft aufgemacht, sondern ein und dieselbe
Produktionsweise bringt es fertig, seit 150 Jahren periodisch beides,
Wachstum und Rezession, zu produzieren. Das ist zwar ein sehr formeller
Schluss ...
So formell ist er gar nicht – wenn in der Krise immer von allem zu viel
da ist, ist offenbar das Wachstum irgendwie ursächlich dafür,
dass es umkippt, erlahmt oder sich in sein Gegenteil verkehrt. Dass
Akkumulation Überakkumulation ist, kann man auch noch zu den
Erfahrungstatbeständen zählen, darin ist noch keine
Notwendigkeit erfasst, sondern dieser Zusammenhang erst einmal
festgehalten. Das Wachstum bricht nicht ab, weil sich die Kapitalisten
mal eine Auszeit gönnen, sondern im Gegenteil, es beruht ja gerade
auf dieser erbitterten, ständigen und erst mal überaus
erfolgreichen Anstrengung, immer mehr, immer rentabler zu produzieren,
sich immer mehr Marktanteile zu erobern, den Markt für die eigene
Branche auszuweiten im Gleichklang mit anderen Branchen oder auch gegen
sie. Und weit und breit ist kein externer Grund für das periodisch
erfolgende Umkippen von Wachstum in Krise auszumachen, muss also
sozusagen ‚intern’ an der Produktionsweise liegen.
Man kann den Widerspruch auch noch zuspitzen: Was machen die
Kapitalisten denn, wenn sie sich um das Wachstum bemühen? Sie
machen praktisch mit dem Ernst, was sie rechnerisch immer in ihrer
Profitrate unterstellen, nämlich, das, was an Profit bei ihrem
Geschäft rauskommt, ist nicht nur rechnerisch zu beziehen auf
ihren Einsatz an Kapital, sondern es ist auch die Frucht dieses
Einsatzes: Durch Investitionen in neue Technologien wird der
Produktionsprozess verbilligt – Arbeitsplätze werden rentabler
gemacht, es wird sich um bessere Absatzwege gekümmert,
Großhändler und Industrielle erpressen sich gegenseitig zu
Verbilligung etc. und alle handeln nach der Maxime: wenn sich
hierzulande alles kaufen lässt, dann lässt sich auch die
Verbilligung der Produktion kaufen, was ja auch stimmt, sofern genug
Kapital für Investitionen vorhanden ist. Sie gehen also praktisch
davon aus, dass ihr Kapital neues Kapital generiert. Anders
ausgedrückt: Sie handeln nach der Maxime, dass es der Einsatz von
Kapital ist, der den Profit generiert. Wenn Kapitalisten ihr Kapital
als die Quelle seiner Verwertung und erhöhten Kapitaleinsatz als
Quelle einer vergrößerten Verwertung – sowohl quantitativ
als auch hinsichtlich seiner Effektivität – behandeln, wie kann es
dann dazu kommen, dass der Profit trotzdem sinkt?
Wenn man nachfragt, wofür die Kapitalisten ihr vermehrtes Kapital
verwenden, kommt man drauf, dass sie es sehr zielstrebig für die
Entfaltung der Produktivkräfte der Arbeit einsetzen, weil die
ihnen gehören, weil sie die für die Produktivkräfte des
Kapitals halten. Was sie aber damit bewerkstelligen, ist die Steigerung
der Produktivkraft der Arbeit, die sie anwenden; das geht hin bis zu
Fabriken, die sie mit Maschinerie ausstatten, durch die sich der
Einsatz menschlicher Arbeit fast schon herauskürzt. Sie entwickeln
die Produktivkräfte der Arbeit in der Weise, dass sie die Arbeit
selber und ihre Entlohnung, die für sie ja auch ein Kostenposten
darstellt, möglichst verringern. Das gibt Aufschluss darüber,
aus welcher Abteilung ihres Kapitals sie tatsächlich die
Vermehrung ihres eingesetzten Kapitals herauswirtschaften. Sie
betrachten und handhaben es als Effektivierung der Produktivkraft des
Kapitals, das, worauf sie damit einwirken, ist die Produktivkraft der
von ihnen eingekauften Arbeit. Das ist wie das Eingeständnis, aus
welcher Quelle sie immer mehr an Ertrag abschöpfen wollen und an
welcher Stelle sie den Hebel ansetzen, damit sie aus dieser Quelle mehr
abschöpfen können. Oder anders: Wenn schon immer mehr Kapital
immer mehr Profit ergeben soll und das ist nicht der Fall, muss man
sich nur einmal anschauen, wofür sie immer mehr Kapital ausgeben
und wofür deswegen weniger. Eine Abteilung dessen, wofür sie
Kapital ausgeben, sinkt ja durchaus. Das ist ein erster Hinweis darauf,
was tatsächlich beim Anwenden ihres Kapitals die Quelle des
Zuwachses, des neu geschaffenen Eigentums, ist und was nur der
Effektivierung dieser Quelle dient. Die eingesetzte Arbeit muss
produktiver und nebenher billiger gemacht werden, weil offenbar sie die
Quelle dessen ist, worauf es ihm ankommt. Diesen Schluss zieht Marx
daraus. Die Kapitalisten setzen die Potenz ihres Kapitals ein, um
dessen Produktivkraft – die Profitrate ist der Ausweis – darüber
zu steigern, dass sie die Produktivkraft der Arbeit steigern. Bei jeder
Reflexion über die Rentabilität des Arbeitsplatzes
übersetzen sie die Produktivität des Kapitals, auf die sie
scharf sind, in die Produktivität der Arbeit, die sie anwenden.
Der Hauptfetisch des Kapitals, das seine Profitrate erhöhen will,
ist die Produktivität der Arbeitsplätze, deren
Rentabilität. Das ist der Widerspruch: Dafür, dass sich der
Einsatz der Leute besser lohnt, ist erst einmal nichts zu teuer. Der
Kapitalist macht eine Stückkostenrechnung: Wenn er eine Maschine
anschafft und die Arbeitskräfte entsprechend dran einsetzt, kann
er mehr Stück zu niedrigeren Kosten herstellen. In dieser Rechnung
ist eingeschlossen, dass es einen riesigen Aufwand an Maschinerie,
Technologie usw. braucht. Dieser Aufwand wird ins Verhältnis
gesetzt zu den Kosten für Lohn, die sich damit einsparen lassen.
Die Rechnung, die der Kapitalist anstellt, enthält einen Fehler:
Es ist also gar nicht unterschiedslos, was er mit seinem Kapital macht.
An Arbeit sparen ist nur die andere Formel dafür, die
Produktivkraft der Arbeit zu erhöhen. Der Widerspruch des ganzes
Unterfangens liegt darin, um sein Kapital produktiver zu machen,
steigert er die Produktivkraft der Arbeit, senkt das Quantum der Arbeit
und das Resultat ist, dass er einen Vorsprung in Sachen Verwertung
seines Kapitals erwirtschaftet, der sich wieder herauskürzt. Wie
dieses Herauskürzen funktioniert, steckt schon im Ausgangspunkt.
Die Konkurrenz egalisiert den Vorteil dessen, der früher
rationalisiert hat, sie senkt die Profitrate wieder auf den
Durchschnitt ab und übrig bleibt der erhöhte Aufwand für
die Produktivität der Arbeit. Die Produktivkraftsteigerung geht,
negativ ausgedrückt, immerzu gegen die Verwendung von
Arbeitskräften, und, positiv ausgedrückt, in eine
Neugestaltung der Arbeitsplätze so, dass weniger Arbeit nötig
wird, um etwas aus ihr herauszuholen. Das Ergebnis ist eine geringere
Profitrate allgemein – über die Masse brauchen wir uns jetzt nicht
zu unterhalten. Die Fakten, die auf dem Markt zu beobachten sind,
werden darüber zu einem Rätsel, dass diese Art, Wachstum zu
bewerkstelligen, zielstrebig und periodisch ins genaue Gegenteil
mündet. Es kommt zu viel Kapital zustande, als dass es sich noch
verwerten könnte, es kommt zu diesem tendenziellen Fall der
Profitrate. Die Erklärung dafür liegt darin, allgemein und
methodisch gesprochen, dass die Methoden der Steigerung der
Produktivität des Kapitals dieser entgegenwirken. So wird aus dem
Tatbestand der fallenden Tendenz der Profitrate überhaupt ein
Gesetz, wie Marx sagt, eine Notwendigkeit.
Der Tatbestand – Konkurrenzvorteile einer Firma durch einen besseren
Arbeitseinsatz kürzen sich mehr oder weniger schnell wieder raus –
gehört zur Erfahrung. Eine Firma darf sich in der Konkurrenz nicht
auf den einmal eingerichteten Konkurrenzvorteil ausruhen. Und zu den
Erfahrungstatbeständen gehört auch, wie sich hier der
Ausgleich der Profitrate durch die Bemühungen der Konkurrenten
bemerkbar macht. Darüber nämlich, dass sie auch preiswerter
oder zum alten Preis eine bessere Ware anbieten können, wenn die
Kaufkraft der Gesellschaft das hergibt. Dann führen sich alle
wechselseitig an die Schranken der Zahlungsfähigkeit der
Gesellschaft heran, weil sie für sich größere Teile
davon okkupieren. Die Konkurrenz vollzieht sich über den Markt,
aber es ist die Konkurrenz um die Produktivität des Kapitals, die
sich über den Markt abspielt. Das ist Alltag im Kapitalismus. Mit
ihren Bemühungen um Produktivitätsfortschritte senken sie
notwendigerweise die Quelle ihres Profits und damit die Profitrate, die
Steigerung der Profitrate ist also zugleich die Senkung der Profitrate
– dieses Paradox exekutieren sie ständig. Diese Senkung führt
dazu, dass das Kapital in anderen Sphären nach anderen, besseren
Anlagemöglichkeiten sucht. Dies ist die Verallgemeinerung des
Kapitals, so dass dann zwischen den verschiedenen Branchen immerzu um
die Profitrate konkurriert wird und mit dieser Konkurrenz um die
Profitrate ein tendenzieller Ausgleich der Profitrate
herbeigeführt wird. Dieser Ausgleich vollzieht sich über die
Schranken des Marktes, über den sie ihren Schrott abzusetzen
gedenken. Das Geheimnis dieses Zyklus’ und dass es immer wieder in eine
Krise mündet, verdankt sich dem Umgang der Kapitalisten mit den
Schranken des Marktes, die sie sich wechselseitig mit ihrer Konkurrenz
aufherrschen.
Es gibt Mittel, wie sie diesen Widerspruch zwischen Mehraufwand und
sinkender Profitrate für sich überwinden können: Das
Finanzkapital mit seinen Krediten oder der Kapitalmarkt, auf dem
Schulden als Kapital gehandelt werden und die Firma ihr eigenes
Geldbedürfnis glatt verkaufen kann. Im aktuellen Fall von Fiats
Interesse, Chrysler und Opel aufzukaufen, obwohl es selbst keine
Gewinne macht, liegt die Rechnung vor, so eine Erfolg versprechende
Größe hinzubekommen und dann die Mittel in der Hand zu
haben, eine entsprechende Rentabilität zu organisieren, um neben
VW und anderen auf der Welt bestehen zu können. Man hat hier
anschaulich vor sich, dass Größe des Kapitals das
Erfolgsmittel der Firmen ist. Die Wahrheit ist es deswegen noch lange
nicht, denn Größe allein ist keine Garantie, wenn die Arbeit
zu teuer ist, die Arbeitsplätze unrentabel sind.
Dass sich die Kapitalisten mit Kredit die erforderliche
Größe einkaufen können, ist eine Leistung des Kredits.
Des Weiteren leistet er neben anderem die Beschleunigung des Umschlags
und er erlaubt das Wachstum über die Schranken des eigenen
Gewerbes hinaus. Dies letztere in der doppelten Hinsicht: Eine Firma
erobert sich neue Geschäftsfelder, und ein Kapitalist legt das
Geld, das er in seiner Firma nicht rentabel unterbringen kann, in
anderen Geschäftszweigen an.
Dieser Widerspruch, für den der tendenzielle Fall der allgemeinen
Profitrate steht, und der in seiner allgemeinen Fassung heißt:
Die Methoden der Steigerung der Produktivkraft des Kapitals wirken
dieser entgegen, macht sich in der Marktwirtschaft über die
Konkurrenz der Kapitalisten, also darüber geltend, dass sie
dauernd in der Konkurrenz gegen ihresgleichen mit den Schranken der
Zahlungsfähigkeit des Publikums zu tun haben – sei es des
kapitalistischen Publikums, das Maschinerie und Luxusgüter kauft,
sei es am Ende auch mit der beschränkten Zahlungsfähigkeit
der kleinen Leute. Wenn Marx davon redet, der letzte Grund der Krise
ist die Armut der arbeitenden Klassen, dann geht dies nicht nur auf
Zahlungsfähigkeit, sondern er meint damit den Widerspruch, wie die
Arbeit als Mittel der Akkumulation des Kapitals beansprucht wird.
Dieser Widerspruch, dass Steigerung der Produktivkraft der Arbeit
gleichzeitig Minderung der angewandten Arbeit als Quelle des Reichtums
einschließt, macht sich am Kapital als tendenzieller Fall der
Profitrate bemerkbar. Bei der Arbeiterklasse macht er sich bemerkbar
als im Maße der Steigerung der Produktivkraft ihrer Arbeit
wachsender Ausschluss vom Produkt; und zwar nicht bloß von den
produzierten Sachen, sondern von dem geschaffenen Geldwert, in dem sich
die Ware realisiert. Diesen Widerspruch hat Marx im Auge, wenn er sagt,
der letzte Grund aller Krisen ist die Lage der arbeitenden Klasse als
diese Manövriermasse, deren profitable Benutzung Ausschluss vom
Produkt im Sinne vom neu geschaffenen Eigentum bedeutet. Wenn vom
letzten Grund der Krise gesprochen wird, meint dies den eigentlichen
Grund – heutzutage würde man vom systemischen Grund sprechen. Die
Notwendigkeit der Krise liegt in dieser Konstruktion, in dieser
Doppelnatur der Arbeit: Als Quelle neuen Eigentums und als eine, die
wegen des Interesses des Kapitals an Produktivkraftsteigerung laufend
reduziert wird. Damit senkt das Kapital nicht bloß seine
Profitrate, sondern es verschärft den Ausschluss der arbeitenden
Klasse vom gesellschaftlichen Eigentum. Profitrate und Verelendung sind
die beiden Seiten derselben Sache.
Gehen wir jetzt der Funktion des Finanzkapitals nach und betrachten den
Kredit als Motor der Akkumulation und Überakkumulation. Das
Hinausschieben der zahlungsfähigen Nachfrage, das Finanzieren des
Absatzes der Waren mit Konsumentenkrediten oder Wechseldiskontierungen
ist, von der Seite der geschäftlichen Transaktionen her
betrachtet, allenfalls der kleinste Teil seiner Leistung. Gerade wenn
es aufs Wachstum des Kapitals ankommt, steigt das Finanzkapital an
einer ganz anderen Stelle ein.
— Da befreit es das
Kapital nicht von den Schranken der zahlungsfähigen Nachfrage,
sondern von den Schranken seiner bestehenden Größe. Die
Leistung des Finanzgewerbes an dem Punkt ist Geld als Kapital.
An dieser Stelle – bei der vorher der Ausgangspunkt war, dass das
Kapital sich als Quelle der Verwertung behandelt und seine wachsende
Größe als Mittel einer steigenden Verwertung – stiftet das
Finanzkapital Unabhängigkeit von der schon erreichten
Größe. Dank des Kredits kann das Kapital über seine
Verhältnisse leben.
Im K III äußert Marx, dass unter dem Regime des
Finanzkapitals alles vorgeschossene Kapital als geborgtes erscheint.
Denn sogar in dem, was das Kapital sich selbst aus seinem Kreislauf
vorschießt, stecken schon Antizipationen von Zahlungen, die noch
gar nicht erfolgt sind. Aber vor allem, wenn es neue Investitionen
tätigt, die Arbeitsplätze rationalisiert, braucht es
dafür Kapital unabhängig von dem, was es hat. Dieses
Hinausschieben der Marktschranken ist die entscheidende Leistung des
Finanzkapitals. Seine eigentliche Funktion in der Marktwirtschaft
für das Kapital ist, es unabhängig zu machen von den
Schranken des Marktes, der Akkumulationssphäre des Kapitals.
Umgekehrt: Wenn Akkumulation stattgefunden hat, das Kapital in allen
Branchen zu neuen Ufern aufgebrochen ist, seine Extraprofite
erwirtschaftet und wieder verloren hat, wenn die Konkurrenten
angesichts der Schranken der zahlungsfähigen Nachfrage sich
wechselseitig dazu zwingen, ihre Waren entweder nicht mehr
profitträchtig oder gar nicht mehr zu verkaufen, wenn das Ergebnis
eintritt, dass sie am Ende wirklich auch den Markt überfüllt
haben – dann ist das Finanzkapital darin mindestens in 3-facher Weise
involviert:
1.) Das Finanzkapital ist betroffen, denn es hat dem Kapital Kredite
vergeben, damit es seine Profitrate steigert. Wenn das nicht zustande
kommt, werden die Kredite notleidend. Wenn der Schuldner nicht zahlen
kann, hilft dem Gläubiger nicht sein Recht auf Zahlung. Der Kredit
wird wacklig, es wird fraglich, ob er überhaupt noch etwas wert
ist.
2.) Dabei wartet das Finanzkapital nicht bloß ab, bis
endgültig keine Zahlungen mehr reinkommen, sondern es
unterhält volks- und betriebswirtschaftliche Abteilungen, die
immer sondieren, wie es um die Verwertungschancen ihres Kredits steht.
Deswegen macht sich für kapitalistische Unternehmungen der bisher
behandelte Widerspruch und sogar die Schranke des Marktes, die sie sich
wechselseitig als Konkurrenten so spürbar machen, bemerkbar. Die
Finanzkapitalisten sind die Akteure, die den Unternehmen klarmachen,
wie es um ihre Chancen steht, die Konkurrenz niederzuringen, oder um
die Aussichten, ihr zu erliegen. Von sich aus streicht kein Unternehmen
freiwillig die Segel, sondern wenn es ins Hintertreffen kommt, macht es
wieder die Rechnung auf: Mehr Kapital bringt mich aus der Verlustzone.
Gerade, wenn es auf eine Krise zugeht, wird der Bedarf nach Kapital, um
die Marktschranken zu überwinden – nicht nur im Sinne von mehr
Absatz, sondern mehr Power, um die jeweiligen Konkurrenten
niederzumachen – größer. Da steigt die Nachfrage nach
Kredit, und umgedreht werden die Finanzunternehmen immer skeptischer,
immer vorsichtiger und kritischer. Komplementär als Betroffener
der Krise sind sie also Urheber – nicht in dem Sinne, dass sie die
Ursache wären, sondern sie sind Auslöser. Dieselbe
Tätigkeit, mit der sie die Akkumulation befördern, ist die,
mit der sie die Überakkumulation befördern, und es ist
deswegen auch ihre Entscheidung, da einmal einen Schlusspunkt zu
setzen. Ab jetzt misstrauen sie der Chance, dass noch mehr Kapital die
Profitrate dieses oder jenes Unternehmens repariert, streichen ihm
seine Kreditlinien gerade dann, wenn es die für sein weiteres
Wachstum am nötigsten braucht.
Wenn auch so ein riesiges Unternehmen wie General Motors in seine Krise
gerät, an die Schranken des Marktes stößt, weil die
Konkurrenz besser ist, hat man darin das Anschauungsbeispiel, dass
nicht nur die Größe allein zählt. Dann ist eben auch
das Bedürfnis nach Kredit sowohl zur Rettung des Bestandes wie
für einen neuen Aufbruch entsprechend gigantisch.
— Wenn die Banken
nicht der Grund der Krise sind, aber der Auslöser, steckt in dem
so was drin wie sie verallgemeinern die Krise, weil Kredit eben das
allgemeine Mittel der Akkumulation ist?
Sie sind also – 3.) – Multiplikatoren der Stockung und des Niedergangs,
nämlich in dem Maße wie sie mit betroffen sind. Einerseits
sind sie diejenigen, die das Urteil über die Akkumulation in der
Realwirtschaft fällen, dass sich da vieles nicht mehr lohnt,
Geschäfte mit ihnen eingeschränkt werden. In dem Maße
führen sie natürlich Notwendigkeiten herbei, Zwangslagen in
der Firmenwelt, die ihre Kredite dann notleidend machen – umgedreht: In
demselben Maße ist es irgendwann gar nicht mehr Sache ihres
freien Urteils zu entscheiden, wen sie noch finanzieren, sondern es ist
eine Frage ihres Vermögens. Das merkt man, wenn man den Blick von
dem unmittelbaren Kreditverhältnis zwischen einer Firma und ihrer
Hausbank abwendet und sich vergegenwärtigt, wie die Finanzierung
wirklich bedeutender Unternehmen, von denen die halbe Konjunktur ganzer
Länder abhängt, funktioniert. Die finanzieren sich am
Kapitalmarkt dadurch, dass sie selber vermittels eines
Bankenkonsortiums ihre Aktien, Anleihen, überhaupt ihre
verschieden sortierten Schulden, vermarkten, darüber dass sie
Investoren finden, die ihnen ihre Anleihen abkaufen. Wenn sich der
Verdacht anbahnt, dass die Geschäfte in der Realwirtschaft nicht
mehr so richtig klappen, spüren das die Unternehmen, die Kapital
für sowohl die Erhaltung ihres Betriebes wie für dessen
fällige Erweiterung und Effektivierung brauchen, an der
Zurückhaltung der Investoren. Die werden erst recht kritisch, wenn
sie womöglich schon aus allen möglichen anderen Quellen
Verluste zu verbuchen haben.
Da merkt man in der Sphäre der Kapitalmärkte: die
Bereitschaft und die Fähigkeit von Finanzkapitalisten, die
Anleihen, die Aktienemissionen etc. von kreditbedürftigen Firmen
aufzukaufen, beide sind betroffen. Ab wann es Krise ist und bis wann
noch normale Konkurrenz, soll nicht definiert werden, aber vielleicht
gehört zu einer Krise, dass mangelnde Bereitschaft des
Finanzkapitals, den Unternehmen, auf die es ankommt, zur
Unabhängigkeit in Sachen Kapitalausstattung zu verhelfen, und
Unfähigkeit, da überhaupt noch für das nötige
Kapitalaufkommen zu sorgen, zusammenfallen. Wenn es erst einmal so
beteiligt ist, dann wirkt es auch als Multiplikator der Krise, dann ist
die Beschädigung des Kredits, die aus der einen Ecke der
Realwirtschaft auf die Finanzunternehmen auf dem Kapitalmarkt zukommt,
schon der Grund dafür, dass ihnen Mittel oder die Bereitschaft
oder beides ausgehen, anderen Abteilungen des marktwirtschaftlichen
Geschehens Kredit zur Verfügung zu stellen.
Direkt ablesbar ist das immer an der Börse. Das ist ja das
prominenteste Stück Kapitalmarkt, an der die zur Aktie
verarbeiteten Dauerschulden großer Firmen permanent bewertet
werden. In dem Maße wie die Zukunftsaussichten der dort notierten
Firmen gut sind, werden die Aktien besser notiert. Banken, die diese
Aktien besitzen, können es als Plus in ihre Bilanzen schreiben und
auf der Basis selbst für neue Investitionen gerade stehen. Die AG
selbst ist in der Lage, damit die eigene Akkumulationskraft zu
stärken, kann neue Aktien ausgeben und sich darüber Geld
verschaffen, oder sie kann zinsgünstige Anleihen aufnehmen. An der
Börse ist in guten Zeiten die Aufwärtsspirale des
Finanzkapitals anschaulich. Wachstum des Aktienwerts in Spekulation auf
die Zukunft der Firma ist so gut wie eine bessere Aussicht der Firma
selbst und deswegen Grund für einen höheren Aktienwert. Da
stärkt der gute Stand der Firma das Finanzkapital, das da
investiert ist, und das gestärkte Finanzkapital hat Mittel zur
Verfügung, für weiteres Wachstum (z.B. an der Börse) zu
sorgen. Deswegen bleibt es dann in der Regel nicht bei dem Wachstum
eines Aktienwerts, sondern, wenn er kräftig genug wächst,
‘zieht’ er die Börse insgesamt nach oben, vermittelt über die
Spekulation derer, die da zugange sind.
— Bei der jetzigen
Krise war doch eine Krise der höheren Sphären der
Finanzspekulation der Ausgangspunkt der Krise beim produktiven Kapital.
Es wäre aber verkehrt, es so zu verstehen, als hätte die
Betroffenheit des produktiven Kapitals von der Kontraktion des Kredits,
die jetzt allenthalben stattfindet, nichts mit dem zu tun, wie die
ihrerseits ihr Wachstum betreiben. Wie hängt also das anfangs
Festgehaltene – in der Art wie das Produktive Kapital sein Wachstum
bewerkstelligt, liegt der Grund der Überakkumulation – mit dem,
wie diese Krise ausgelöst wurde, zusammen?
Wie diese Krise ausgelöst wurde und worin sie besteht, wie sich
jetzt die Krise des Finanzkapitals auf die anderen Abteilungen
auswirkt, sind zwei Sachen. Noch einmal die drei Aspekte von vorhin:
Das Finanzkapital ist von notleidenden Krediten in den Potenzen, die es
zur Verfügung hat, Investitionen zu tätigen, betroffen, wirkt
insofern als Multiplikator des Niedergangs; löst die Krise aber
auch mit seinem Urteil über die Ökonomie aus. Mit oder ohne
Urteil darüber, wie viel und wie vertrauenswürdig die eine
oder andere Firma im reproduktiven Sektor sein mag, die Investoren
werden kritischer und sie haben nicht mehr so ohne weiteres die Potenz
zur Verfügung, die die Firmen brauchen, um ihren Konkurrenzkampf
weiterzuführen. Worauf man den Akzent legt, ob man sagt, mit ihrer
jetzigen Zurückhaltung – die aus ihrem eigenen Desaster kommt –
decken die Finanzkapitalisten auf oder führen sie herbei, was sie
schon an Überakkumulation selber mit ihrer bisherigen
fleißigen Kredittätigkeit herbeigeführt haben, ist
egal.
— Noch einmal zum
Verhältnis vom produktiven – zum Finanzkapital: Zwar nimmt die
Potenz der Investoren ab, aber man weiß doch: sie schaffen sich
ihre eigenen Geschäftssphären. Ist es so, dass sie mit
abnehmender Potenz auch das Vermögen einschränken, ihre
eigene Geschäftstätigkeit untereinander auszuweiten?
Ja, es ist immerhin eine Basis für ihr Geschäft
untereinander, dass sie am Reproduktionsprozess der Gesellschaft
verdienen, dass der ihnen die Mittel abgibt für ihr Geschäft.
Wenn an der Stelle was ausfällt, sind sie natürlich kritisch
und trösten sich nicht damit, dafür ein paar mehr Derivate
auszugeben. Die amerikanische „Hypothekenkrise" ist ein drastisches
Beispiel dafür. Die Turbulenzen dieses kleinen Untersektors der
Realwirtschaft – der für sich egal ist, aber nicht für das,
was die Finanzwelt alles darauf begründet hat – sind der
Auslöser dafür, dass jetzt überhaupt Vorsicht angesagt
ist; nicht bloß gegenüber der Basis, sondern Vorsicht
gegenüber dem gigantischen Überbau an Derivaten, den sie
selbst konstruiert haben. Wenn dann aber deswegen der Handel mit diesem
Schrott zu Ende geht, Anleihen nicht mehr neu verkauft werden
können, darüber wertlos werden – beschönigend
ausgedrückt: "Man weiß nicht, was sie wert sind, weil der
Markt dafür kaputt ist" –, schädigt das wiederum die Macht
dieses Sektors, weiterhin als Banken tätig zu bleiben.
— Gesagt wurde,
zwischen Aufdecken und Herbeiführen muss man nicht unterscheiden.
Wenn (z. B.) die Autokonzerne nicht überakkumuliert
hätten, hätte sich die Finanzkrise nicht derart ausgewirkt.
Damit ist also doch der tendenzielle Fall der Profitrate der Grund
für die jetzigen verheerenden Wirkungen. Wie passt das aber zu der
Aussage: Sie führen herbei, dass auch im industriellen Sektor ein
großes Maß an zu viel Kapital vorhanden ist?
Was heißt eigentlich Über- bei der Akkumulation an dem
Punkt: Das Kapital braucht für seine weitere Akkumulation
Finanzmittel, die sich nach dem erreichten Stand der Profitrate nicht
lohnen, weil schon zu viel Kapital in der Konkurrenz um Profit
beteiligt ist? Der Schluss des Kapitalisten daraus heißt: Dann
brauche ich noch viel mehr Kapital. Das Urteil des Finanzkapitals
heißt: von wegen; es ist absehbar, das neue gute Geld lohnt sich
erst recht nicht. Der Status ist todsicher in der Autoindustrie
erreicht. Anlässlich der Finanzkrise ist gar nicht mehr nur die
Autoindustrie betroffen ist, sondern abgesehen von ein paar
Krisengewinnlern schrumpft insgesamt die Wirtschaft. Stagnation
überall, angefangen bei den Zulieferern der Autoindustrie. Auf
einmal erfährt man, wer alles mit der Autoindustrie – festgemacht
wird das am Gebrauchswert – zusammenhängt. Etwas ökonomischer
ist der Zusammenhang der Stagnation des Geschäfts in diesem Sektor
mit dem Kredit. Das Urteil des Finanzkapitals ist kritischer und sein
Vermögen, für Wachstum zu sorgen, ist beschädigt.
— Es treffen hier
zwei Krisengründe zusammen: Einmal ist es der, den die
Finanzkapitalisten selbst zustande gebracht haben. Da war die Aussage,
diese Krise hat nichts mit der Krise im Realsektor zu tun und zeigt
auch in keiner Weise eine Abhängigkeit von dieser Abteilung. Aber
trotzdem ist das Zusammentreffen mit der Krise durch den tendenziellen
Fall der Profitrate in der realen Akkumulation doch jetzt darin
gegeben, dass mögliche Investoren z. B. für die Autoindustrie
im Augenblick zwei Gründe haben, dort nicht zu investieren. Einmal
die schlechten Aussichten und dass sie überall anderswo auch
Ausfälle zu vermelden haben im Bereich der Finanzwirtschaft, zum
andern, dass der Aufwand immer größer wird, um unter diesen
Bedingungen noch eine Größe zustande zu bringen, die auch
Aussicht auf erfolgreiche Durchsetzung auf diesen beschränktem
Markt verspricht.
Das Entscheidende dafür, dass jetzt in der Realwirtschaft nichts
mehr läuft, ist: Sobald das Finanzkapital die Bereitstellung von
Mitteln für das erforderte Wachstum schuldig bleibt, wird aus dem
dort angelegten Kapital ein ‘über’. Ob es das schuldig bleibt,
weil es nicht mehr kann oder andere Sorgen hat, oder ob sein Urteil
über diese Sphäre ist: Das lohnt sich nicht, das ist für
das Ergebnis dieses Urteils: ‘Hier herrscht Überakkumulation’
egal. Vielleicht kann man sogar so weit gehen zu sagen: Das Urteil
Überakkumulation könnte das Kapital in jeder Phase der
Konjunktur fällen, weil Überakkumulation ja immer die
Ermessensfrage ist: Lohnt es sich noch etwas rein zu tun? Das ist nicht
so zu verstehen, dass es Zufall ist oder die freie Entscheidung des
Finanzkapitals, wann jetzt Krise ist. Scheitern und Beurteilen des
Scheiterns gehören da zusammen. In diesem Fall beurteilt das
Finanzkapital die Lage des gesamten reproduktiven Sektors als
untauglich für seine Zwecke und dieses Urteil gilt. Es entlarvt
jetzt also den reproduktiven Sektor als überakkumuliert, weil es
mit sich selbst nicht im Reinen ist. Das ist der jetzige Ausgangspunkt.
Die Aussage, dass das zwei Krisengründe wären, ist aber nicht
richtig. Die aufgeführten 3 Punkte, wie der Kredit beteiligt ist –
betroffen, dann Kreditentzug und Kredit als Multiplikator – kann man
auch anders ausdrücken: Der Kredit ist das Subjekt der ganzen
Affäre. Es gibt den tendenziellen Fall der Profitrate gar nicht,
ohne dass der Kredit ihn produziert. Die Auswirkungen auf den Kredit
sind eigentlich ihrer logischen Natur nach etwas anderes: Er produziert
das Wachstum dadurch, dass eben zwischen Vorschuss und Kredit gar nicht
mehr zu unterscheiden ist. Wenn jedes Geschäft mit Kredit geht,
ist der das Subjekt davon und deswegen ist zwischen Aufdecken und
Produzieren kein Unterschied. Deswegen ist dann auch das, was das
Finanzkapital selbst an Akkumulation darauf häuft, so entscheidend
dafür, ob und wie der Kredit sich als Diener der Akkumulation
bewährt.
In dem Fall sind Aufdecken und Produzieren nicht zwei logisch
unterschiede Sachen, weil der tendenzielle Fall der Profitrate sich
nicht in der Krise ereignet, sondern die Krise ist selbst nichts
anderes als die Aufdeckung des Falls der Profitrate.
— Zu den
Alternativen Aufdecken und Herbeiführen lässt sich
feststellen: Wenn man sagen würde, das Finanzkapital führt
die Krise herbei, und würde es so verstehen, dass das
Herbeiführen nichts zu tun hat mit der Art und Weise wie das
Kapital wächst, dann wäre das verkehrt. Umgekehrt wäre
verkehrt, aufgedeckt als: Da wird bloß aufgedeckt, was bei den
andern schon unabhängig vom Finanzkapital existiert, zu nehmen.
Das kann man als Leistung des Kredits ausdrücken. Es liegt
natürlich in der Logik des Kapitals selbst, dass seine
Akkumulation immer Überakkumulation ist und sein will, weil es ist
ja die ganze Zeit Steigerung der Profitrate mit Methoden betreibt, die
die Profitrate senken. Der tendenzielle Fall der Profitrate ist der
Widerspruch, der in der Identität von Akkumulation und
Überakkumulation steckt. Und die Krise ist quasi das Ausbrechen
dieses Widerspruchs, nachdem er lange genug versteckt worden ist.
Versteckt in Sinne von: er ist lange genug finanziert worden, lange
genug seinen Gang gegangen, bis das Finanzkapital – das den Widerspruch
die ganze Zeit angeheizt hat – zu dem Urteil kommt, dass jetzt mal
Schluss sein müsse, weil sie immer mehr vertröstet
würden, immer mehr Geld gefordert würde und nur Minus
rauskommt. Das Finanzkapital zieht die Bilanz über die
Wachstumsanstrengungen seiner Anlagesphäre, nachdem es jahrelang
gute wie schlechte Bilanzen mit dem Schluss quittierte, noch mehr
reinzubuttern. Die ganze Zeit vollzieht sich der Widerspruch der
Steigerung der Verwertungsrate des Kapitals durch immer mehr Kapital
und in Wirklichkeit kommt sie gar nicht zustande. Die Krise bringt das
Auseinanderlaufen zum Eklat und führt es durch Entwertung des
Kapitals wieder zusammen, damit es wieder neu losgeht.
Insofern ist die Ursache der Krise die ganze Zeit unterwegs. Dass sie
jetzt ausgebrochen ist, als Krise eklatiert ist, liegt einerseits wie
immer am Urteil des Finanzkapitals über diese Sphäre. Dass es
dieses Urteil fällt, auch dass es so drastisch ausfällt, dass
es von vorneherein so allgemein ist, dass es nicht einfach ein
Konjunkturzyklus ist, sondern fette 6 % Minus am Bruttosozialprodukt
zustande kommen und die Streichung von Arbeitsplätzen gleich in
die Millionen geht, liegt an dieser besondern Krise, die einen ganz
eigenen Ausgang hat, der noch nicht geklärt ist.
— Noch einmal. Wenn
man sagt: das Kapital in der Realwirtschaft unterliegt dem
tendenziellen Fall der Profitrate, das Finanzkapital unterliegt dem
nicht, hat seinen eigenen Krisengrund, dann sind das zwei
unabhängig voneinander existierende Krisengründe. Und es gibt
die Notwendigkeit des Ausgleichs der Profitraten und zwar
überhaupt zwischen allen Sphären. In der Autofirma steckt der
Finanzinvestor, das merkt man, dass das so gar keine zwei verschiedenen
Sphären sind, der Ausgleich ständig stattfindet. Trotzdem
haben wir theoretisch gesagt, es sind 2 Abteilungen, die verschiedene
Krisengründe haben.
So verschiedene Welten sind es nicht. An dieser Krise kann man
feststellen, was die Finanzkapitalisten da angestellt haben. Sie
scheitern gar nicht an geplatzten Krediten der normalen Firmenwelt mit
ihrer Kreditvermehrung, sondern an Dingen, von denen man bis vor Kurzem
nichts wusste, mit ihrer eigenen Logik von Akkumulation und
Überakkumulation. Es ist aber auf der anderen Seite nicht so, dass
bei der normalen Krise das Finanzkapital nicht involviert und betroffen
wäre – es ist von der Krise, die es über das reproduktive
Kapital ausruft, durchaus auch selbst der Leidtragende, damit macht es
auch seine Basis kaputt. Dass es das Kapital im Allgemeinen
repräsentiert, ist zugleich das Urteil, dass es an dessen
Schicksal teilnimmt, es lenkt es bis zu einem gewissen Grad, kann aber
nicht gegen den tendenziellen Fall der Profitrate anfinanzieren.
Was das Finanzkapital selbst macht und wie es sich damit in eine Krise
wirtschaften kann, die mit dem tendenziellen Fall der Profitrate nichts
zu tun hat, muss noch besprochen werden. In dieser Welt entsteht der
Reichtum des Finanzkapitals nicht aus Arbeit und deren Ausbeutung,
sondern aus der Vermarktung von Schulden. Das ist der schlichte
Tatbestand, wenn man sich eine Bankbilanz anschaut. Die schreiben sich
nicht die Profite von sonst wem auf, sondern wie viel Geld sie ge- und
verliehen haben. Und aus diesen beiden Posten machen sie eine Bilanz,
bei der 25 % Profit rauskommt. Was ist davon die Quelle? Diese
Geschäfte: Schulden machen und die Welt bei sich verschulden,
Kredite, die aufgenommen werden, selbst finanzieren und an Investoren,
die Geld übrig haben (v. a. aus den Reihen der Banken selbst) als
Anlagepapier weiterzureichen, Kapitalanlagepapiere zu produzieren...,
alles lebt davon: hier hat man die Sphäre vor sich, die fürs
reproduktive Kapital im Allgemeinen Unabhängigkeit von seinem
Stand stiftet, die verfügt über das Geld der Gesellschaft und
über Mechanismen, dieses Geld der Gesellschaft zugänglich zu
machen für jeden, der es braucht, sogar sich zu emanzipieren von
der umlaufenden Geldmenge, sogar neuen Kredit zu stiften. Auf der Basis
macht das Finanzkapital schlicht aus den Rechtsakten Ausleihen und
Verleihen ein wahnsinniges Geschäft. Das ist zwar von A bis Z
spekulativer Natur, weil es Schulden wie vorhandenes Geldkapital
betrachtet, aber das macht ihnen glatt nichts aus. Das ist die Eigenart
dieses Geschäfts und wenn das in die Krise gerät, dann gibt
es dafür erstens ganz eigene Gründe und zweitens ergeben sich
daraus ganz eigene Konsequenzen.
Das muss noch weiter ausgeführt werden. Es sollte aber klar
geworden sein, dass es hier um eine Sorte Geldvermögen geht, das
mit Ausbeutung der Arbeit und tendenziellen Fall der Profitrate (nur)
als seine Basis zu tun hat. Wenn das Geld sich an der Stelle nicht als
seine eigene kapitalistische Quelle bewähren würde,
wären die Banken aufgeschmissen. Aber aus dieser Basis machen sie
Zeugs, das mit Ausbeutung von Arbeit nur im Sinne der Grundlage und
nicht im Sinne des Stoffs zu tun hat, den sie bei sich verbuchen. Auch
da ist die Überakkumulation nichts anders als das negative
Spiegelbild der Akkumulation. Nächstes Mal mehr.