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Noch einmal zum Grund der Krise

  — Letztes Mal fiel der Satz, dass jede Akkumulation Überakkumulation in sich einschließt. Ist das so zu verstehen, dass in der Konkurrenz, die sich die Kapitalisten wechselseitig aufherrschen, sie alle ein zunehmend größeres Kapital vorschießen müssen, um das Verhältnis von Kostpreis zu Marktpreis zu ihren Gunsten zu verbessern, und dass das die Konsequenz hat, die Marx kennzeichnet als: sie betrachten die Bedingungen der unmittelbaren Produktion als identisch mit denen der Realisierung? Das heißt also, sie müssen durchaus die Investitionen unabhängig davon tätigen, was der Markt hergibt. Insofern trägt jede Akkumulation den Keim der Überakkumulation in sich, als jeder Kapitalist das rücksichtslos gegen die Realisierung verfolgen muss.
Du redest gewissermaßen über den zweiten Akt der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten. Der erste Akt war: Sie wenden mehr Kapital auf, um die Rate der Kapitalverwertung zu steigern. Zum zweiten Akt dieser Konkurrenz gehört schon, dass die zahlungsfähige Nachfrage nicht schrankenlos ist. Die andere Wirkung der Konkurrenz gehört aber unbedingt dazu, nämlich die Notwendigkeit der Egalisierung des Vorsprungs in Sachen Profitrate, den der Avantgardist anfänglich für sich herausholt, die für alle gleichermaßen die Notwendigkeit eines gestiegenen Vorschusses zur Folge hat. Der Kampf darum, sich über Investitionen für rentable Arbeitsplätze einen Vorteil in der Konkurrenz zu erwirtschaften, stellt sich für die Kapitalisten dar als Kampf gegen ihresgleichen um Marktanteile. Der Grund für die Notwendigkeit des tendenziellen Falls der Profitrate liegt in der Eigenart des Kapitals, was Marx als Widerspruch am Verwertungsdrang des Kapitals ausdrückt, nämlich dass die Methoden der Akkumulation gleichzeitig der angestrebten Rate der Akkumulation entgegenwirken. Das stellt sich am Markt dar als eine Akkumulation, die mit ihren Realisierungsbedingungen in Konflikt gerät. Wenn Marx diesen Widerspruch grundsätzlich bestimmt, redet er nicht von einem Konflikt zwischen Produktion und Realisation, sondern sagt folgendes: „Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin, dass die kapitalistische Produktionsweise eine Tendenz einschließt nach absoluter Entwicklung der Produktivkräfte, abgesehen vom Wert und dem in ihm eingeschlossenen Mehrwert, auch ungeachtet der gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer die kapitalistische Produktion stattfindet; während sie andererseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und seine Verwertung in höchstem Maß (d.h. stets beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat.“ (K III, S. 259) Jetzt denkt man doch, dass das dasselbe ist – die Produktivkräfte entwickeln ist doch gerade das Mittel für den ‚stets beschleunigten Anwachs dieses Werts’. Aber die Marx’sche Aussage ist, dass der fundamentale Widerspruch besteht zwischen der gigantischen Entwicklung der Produktivkräfte auf der einen Seite und der Erhaltung und Vermehrung des engagierten Werts und sogar beschleunigtes Anwachsen dieses Werts, also Steigerung der Profitrate als Ziel, auf der anderen Seite.
Dass als Konsequenz der Entwicklung der Produktivkräfte der Markt mit Waren überfüllt wird, stellt per se noch keinen Widerspruch dar; zu klären wäre, wann und warum aus der Schwemme auf dem Markt eine Überschwemmung wird – im Übrigen spielt sich sowieso alles auf dem Markt ab, insofern ist jede Trennung dazwischen künstlich, aber manchmal ist sie für die Klärung der Sache hilfreich, zumal dann, wenn es darum geht, wo, in welcher Weise und warum generiert das Kapital im Zuge seiner Akkumulation seine Widersprüche und wo und wie stellen die sich dar? Das ist nun mal Prinzip und Durchführung, die im Kapitalismus immer in einem merkwürdigen Verhältnis zueinander stehen.
Vielleicht ist es daher sinnvoll, sich klar zu machen, was eigentlich die Phänomene sind, die zur Erklärung anstehen. Dass es alle paar Jahre in der Marktwirtschaft eine Rezession gibt, die darin besteht, dass die Unternehmer ihre Waren nicht mehr zu kostendeckenden Preisen loskriegen, ist keine Theorie, sondern eine Erfahrungstatsache – dieser durchaus interessante Tatbestand, dass diese auf Wachstum programmierte Wirtschaft periodisch in ihrem Wachstum erlahmt oder sogar ins Minus rutscht, um dann wieder neu anzufangen. Dass die Krise darin besteht, dass die Kapitalisten ihre Waren nicht mehr profitträchtig versilbern können, dass im Vergleich zu ihrem Interesse die zahlungsfähige Nachfrage zu wünschen übrig lässt, dass dann ein Riesenstreit anfängt, ob das an der Zahlungsfähigkeit oder an der Nachfrage liegt oder ob die Sparquote zu hoch oder das Geld zu wenig ist, gehört alles zum Sumpf bürgerlicher Gesellschaft und Marktwirtschaft dazu.
Auch die Tendenz zum Fall der Profitrate gehört nicht in den Bereich der grauen Theorie, sondern ist ein Befund, der sich an allen möglichen Ecken auch immer wieder zeigt und eigentlich nichts anderes beinhaltet als die Trivialität, die in der öffentlichen Debatte manchmal so auftaucht: Rentable Arbeitsplätze werden immer teurer. Wenn Industriellenverbände sich über so etwas beschweren, wissen sie nicht, dass sie auf ihre Art von der Tendenz zum Fall der Profitrate reden. Man soll aber nicht umgedreht denken, nur, weil die Tendenz zum Fall der Profitrate bei Marx im 3. Band immer unter der Perspektive des Werts auftritt, sei sie eine Sache, die er als historisches Gesetz hätte beweisen wollen, und dann lässt man sich darauf ein und fragt danach, ob der Beweis stimmt. Man muss sich erst mal auf den Standpunkt stellen, was ist die Sache im Kapitalismus. Da sind Krisen die Sache, in denen sich herausstellt, dass das, was die Kapitalisten bis gestern noch für einen rentablen Arbeitsplatz gehalten haben, sich als nicht rentabel erweist, weil die zahlungsfähige Nachfrage nach ihrer Ware zu wünschen übrig lässt, so dass sie Kredite von ihrer Hausbank brauchen oder überhaupt pleite gehen; weil sich also herausstellt, dass die getätigten Investitionen, um in der Konkurrenz mit billigen Waren zu gewinnen, sich doch nicht rentiert haben, oder nur für eine kleine radikale Minderheit von Kapitalisten, die auch noch in der Krise ihr Geschäft machen, weil sie sowieso schon an der Spitze lagen. Das alles gehört in den Bereich der zu erklärenden Tatsachen. Man hat in der Empirie, die zu erklären ist, den Zusammenhang zwischen Markt, zahlungsfähiger Nachfrage und den Produktionsverhältnissen, die die Kapitalisten in ihren Betrieben einrichten – an all dem ist bisher nichts abgeleitet, sondern das ist erst einmal eine Bestandsaufnahme, wie wunderbar diese Marktwirtschaft funktioniert.
Man kann auch noch ein bisschen üble Nachrede dranhängen, die dieses System verdient, und man kann sich auch mal wundern, erstens über die Tatsache und zweitens über die öffentliche Meinung: Erstens über die Tatsache, dass es in diesen Krisenzeiten für einen großen Teil der Gesellschaft zu richtigen Schüben von Verelendung kommt, dass für einige Jahre auch beim besser gestellten Teil Vermögenswerte zusammenbrechen und dass das Ganze nicht einem über die Gesellschaft hereingebrochenen Mangel geschuldet ist, sondern der Tatsache, dass von allem zu viel da ist. Krise besteht darin, dass es zu viel Reichtum gibt, dass Ware übrig bleibt, dass gestern noch als rentabel angesehene Anlagen geschlossen werden müssen, weil sie überflüssig sind und in den Zeitungen steht, dass es zu viel angelegtes Kapital gibt. Man kann sich also wundern über diese Verrücktheit, dass Leute mit ihrem Lebensunterhalt lahm gelegt werden, weil sie nur die Manövriermasse des jetzt zu viel gewordenen Reichtums darstellen. Fast noch erstaunlicher ist zweitens, dass diese Gesellschaft seit 150 Jahren eine Krise nach der anderen erlebt, ohne dass ein Bewusstsein über diesen Irrsinn als allgemeine Kenntnis vorausgesetzt werden kann. Da merkt man wieder mal, dass Menschen aus Erfahrung nicht klug werden... Das war die Abteilung üble Nachrede zu diesem Befund.
Jetzt möchte man schon wissen, was der Grund für dieses periodisch wiederkehrende und für den Großteil der Bevölkerung ziemlich ungemütliche Phänomen ist. Darüber gibt es bürgerliche Theorien, die i. d. R. darin bestehen, dass sie den Ablauf der Sache zum Grund erklären – es ist immer vom Konjunkturzyklus die Rede und in diesem Bild des Auf und Ab der Bewegung ist schon der Konjunkturzyklus als sein eigener Grund gefasst. Die Regelmäßigkeit der Krise gehört auch noch zu dem Erfahrungstatbestand, aus dem keiner klug wird – die bürgerlichen Sachwalter und Beobachter wundern sich ja, wenn dies Phänomen einmal ausbleibt. Es stellt sich also die Frage nach deren Notwendigkeit.
  — Ist an dieser Stelle nicht der Schluss fällig, dass diese Notwendigkeit an der Produktionsweise selber liegt, sie selber bringt das hervor, die Krise ist nichts von außen Kommendes oder eine Art Verirrung , wie in bürgerlichen Theorien oft aufgemacht, sondern ein und dieselbe Produktionsweise bringt es fertig, seit 150 Jahren periodisch beides, Wachstum und Rezession, zu produzieren. Das ist zwar ein sehr formeller Schluss ...
So formell ist er gar nicht – wenn in der Krise immer von allem zu viel da ist, ist offenbar das Wachstum irgendwie ursächlich dafür, dass es umkippt, erlahmt oder sich in sein Gegenteil verkehrt. Dass Akkumulation Überakkumulation ist, kann man auch noch zu den Erfahrungstatbeständen zählen, darin ist noch keine Notwendigkeit erfasst, sondern dieser Zusammenhang erst einmal festgehalten. Das Wachstum bricht nicht ab, weil sich die Kapitalisten mal eine Auszeit gönnen, sondern im Gegenteil, es beruht ja gerade auf dieser erbitterten, ständigen und erst mal überaus erfolgreichen Anstrengung, immer mehr, immer rentabler zu produzieren, sich immer mehr Marktanteile zu erobern, den Markt für die eigene Branche auszuweiten im Gleichklang mit anderen Branchen oder auch gegen sie. Und weit und breit ist kein externer Grund für das periodisch erfolgende Umkippen von Wachstum in Krise auszumachen, muss also sozusagen ‚intern’ an der Produktionsweise liegen.
Man kann den Widerspruch auch noch zuspitzen: Was machen die Kapitalisten denn, wenn sie sich um das Wachstum bemühen? Sie machen praktisch mit dem Ernst, was sie rechnerisch immer in ihrer Profitrate unterstellen, nämlich, das, was an Profit bei ihrem Geschäft rauskommt, ist nicht nur rechnerisch zu beziehen auf ihren Einsatz an Kapital, sondern es ist auch die Frucht dieses Einsatzes: Durch Investitionen in neue Technologien wird der Produktionsprozess verbilligt – Arbeitsplätze werden rentabler gemacht, es wird sich um bessere Absatzwege gekümmert, Großhändler und Industrielle erpressen sich gegenseitig zu Verbilligung etc. und alle handeln nach der Maxime: wenn sich hierzulande alles kaufen lässt, dann lässt sich auch die Verbilligung der Produktion kaufen, was ja auch stimmt, sofern genug Kapital für Investitionen vorhanden ist. Sie gehen also praktisch davon aus, dass ihr Kapital neues Kapital generiert. Anders ausgedrückt: Sie handeln nach der Maxime, dass es der Einsatz von Kapital ist, der den Profit generiert. Wenn Kapitalisten ihr Kapital als die Quelle seiner Verwertung und erhöhten Kapitaleinsatz als Quelle einer vergrößerten Verwertung – sowohl quantitativ als auch hinsichtlich seiner Effektivität – behandeln, wie kann es dann dazu kommen, dass der Profit trotzdem sinkt?
Wenn man nachfragt, wofür die Kapitalisten ihr vermehrtes Kapital verwenden, kommt man drauf, dass sie es sehr zielstrebig für die Entfaltung der Produktivkräfte der Arbeit einsetzen, weil die ihnen gehören, weil sie die für die Produktivkräfte des Kapitals halten. Was sie aber damit bewerkstelligen, ist die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit, die sie anwenden; das geht hin bis zu Fabriken, die sie mit Maschinerie ausstatten, durch die sich der Einsatz menschlicher Arbeit fast schon herauskürzt. Sie entwickeln die Produktivkräfte der Arbeit in der Weise, dass sie die Arbeit selber und ihre Entlohnung, die für sie ja auch ein Kostenposten darstellt, möglichst verringern. Das gibt Aufschluss darüber, aus welcher Abteilung ihres Kapitals sie tatsächlich die Vermehrung ihres eingesetzten Kapitals herauswirtschaften. Sie betrachten und handhaben es als Effektivierung der Produktivkraft des Kapitals, das, worauf sie damit einwirken, ist die Produktivkraft der von ihnen eingekauften Arbeit. Das ist wie das Eingeständnis, aus welcher Quelle sie immer mehr an Ertrag abschöpfen wollen und an welcher Stelle sie den Hebel ansetzen, damit sie aus dieser Quelle mehr abschöpfen können. Oder anders: Wenn schon immer mehr Kapital immer mehr Profit ergeben soll und das ist nicht der Fall, muss man sich nur einmal anschauen, wofür sie immer mehr Kapital ausgeben und wofür deswegen weniger. Eine Abteilung dessen, wofür sie Kapital ausgeben, sinkt ja durchaus. Das ist ein erster Hinweis darauf, was tatsächlich beim Anwenden ihres Kapitals die Quelle des Zuwachses, des neu geschaffenen Eigentums, ist und was nur der Effektivierung dieser Quelle dient. Die eingesetzte Arbeit muss produktiver und nebenher billiger gemacht werden, weil offenbar sie die Quelle dessen ist, worauf es ihm ankommt. Diesen Schluss zieht Marx daraus. Die Kapitalisten setzen die Potenz ihres Kapitals ein, um dessen Produktivkraft – die Profitrate ist der Ausweis – darüber zu steigern, dass sie die Produktivkraft der Arbeit steigern. Bei jeder Reflexion über die Rentabilität des Arbeitsplatzes übersetzen sie die Produktivität des Kapitals, auf die sie scharf sind, in die Produktivität der Arbeit, die sie anwenden. Der Hauptfetisch des Kapitals, das seine Profitrate erhöhen will, ist die Produktivität der Arbeitsplätze, deren Rentabilität. Das ist der Widerspruch: Dafür, dass sich der Einsatz der Leute besser lohnt, ist erst einmal nichts zu teuer. Der Kapitalist macht eine Stückkostenrechnung: Wenn er eine Maschine anschafft und die Arbeitskräfte entsprechend dran einsetzt, kann er mehr Stück zu niedrigeren Kosten herstellen. In dieser Rechnung ist eingeschlossen, dass es einen riesigen Aufwand an Maschinerie, Technologie usw. braucht. Dieser Aufwand wird ins Verhältnis gesetzt zu den Kosten für Lohn, die sich damit einsparen lassen.
Die Rechnung, die der Kapitalist anstellt, enthält einen Fehler: Es ist also gar nicht unterschiedslos, was er mit seinem Kapital macht. An Arbeit sparen ist nur die andere Formel dafür, die Produktivkraft der Arbeit zu erhöhen. Der Widerspruch des ganzes Unterfangens liegt darin, um sein Kapital produktiver zu machen, steigert er die Produktivkraft der Arbeit, senkt das Quantum der Arbeit und das Resultat ist, dass er einen Vorsprung in Sachen Verwertung seines Kapitals erwirtschaftet, der sich wieder herauskürzt. Wie dieses Herauskürzen funktioniert, steckt schon im Ausgangspunkt. Die Konkurrenz egalisiert den Vorteil dessen, der früher rationalisiert hat, sie senkt die Profitrate wieder auf den Durchschnitt ab und übrig bleibt der erhöhte Aufwand für die Produktivität der Arbeit. Die Produktivkraftsteigerung geht, negativ ausgedrückt, immerzu gegen die Verwendung von Arbeitskräften, und, positiv ausgedrückt, in eine Neugestaltung der Arbeitsplätze so, dass weniger Arbeit nötig wird, um etwas aus ihr herauszuholen. Das Ergebnis ist eine geringere Profitrate allgemein – über die Masse brauchen wir uns jetzt nicht zu unterhalten. Die Fakten, die auf dem Markt zu beobachten sind, werden darüber zu einem Rätsel, dass diese Art, Wachstum zu bewerkstelligen, zielstrebig und periodisch ins genaue Gegenteil mündet. Es kommt zu viel Kapital zustande, als dass es sich noch verwerten könnte, es kommt zu diesem tendenziellen Fall der Profitrate. Die Erklärung dafür liegt darin, allgemein und methodisch gesprochen, dass die Methoden der Steigerung der Produktivität des Kapitals dieser entgegenwirken. So wird aus dem Tatbestand der fallenden Tendenz der Profitrate überhaupt ein Gesetz, wie Marx sagt, eine Notwendigkeit.
Der Tatbestand – Konkurrenzvorteile einer Firma durch einen besseren Arbeitseinsatz kürzen sich mehr oder weniger schnell wieder raus – gehört zur Erfahrung. Eine Firma darf sich in der Konkurrenz nicht auf den einmal eingerichteten Konkurrenzvorteil ausruhen. Und zu den Erfahrungstatbeständen gehört auch, wie sich hier der Ausgleich der Profitrate durch die Bemühungen der Konkurrenten bemerkbar macht. Darüber nämlich, dass sie auch preiswerter oder zum alten Preis eine bessere Ware anbieten können, wenn die Kaufkraft der Gesellschaft das hergibt. Dann führen sich alle wechselseitig an die Schranken der Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft heran, weil sie für sich größere Teile davon okkupieren. Die Konkurrenz vollzieht sich über den Markt, aber es ist die Konkurrenz um die Produktivität des Kapitals, die sich über den Markt abspielt. Das ist Alltag im Kapitalismus. Mit ihren Bemühungen um Produktivitätsfortschritte senken sie notwendigerweise die Quelle ihres Profits und damit die Profitrate, die Steigerung der Profitrate ist also zugleich die Senkung der Profitrate – dieses Paradox exekutieren sie ständig. Diese Senkung führt dazu, dass das Kapital in anderen Sphären nach anderen, besseren Anlagemöglichkeiten sucht. Dies ist die Verallgemeinerung des Kapitals, so dass dann zwischen den verschiedenen Branchen immerzu um die Profitrate konkurriert wird und mit dieser Konkurrenz um die Profitrate ein tendenzieller Ausgleich der Profitrate herbeigeführt wird. Dieser Ausgleich vollzieht sich über die Schranken des Marktes, über den sie ihren Schrott abzusetzen gedenken. Das Geheimnis dieses Zyklus’ und dass es immer wieder in eine Krise mündet, verdankt sich dem Umgang der Kapitalisten mit den Schranken des Marktes, die sie sich wechselseitig mit ihrer Konkurrenz aufherrschen.
Es gibt Mittel, wie sie diesen Widerspruch zwischen Mehraufwand und sinkender Profitrate für sich überwinden können: Das Finanzkapital mit seinen Krediten oder der Kapitalmarkt, auf dem Schulden als Kapital gehandelt werden und die Firma ihr eigenes Geldbedürfnis glatt verkaufen kann. Im aktuellen Fall von Fiats Interesse, Chrysler und Opel aufzukaufen, obwohl es selbst keine Gewinne macht, liegt die Rechnung vor, so eine Erfolg versprechende Größe hinzubekommen und dann die Mittel in der Hand zu haben, eine entsprechende Rentabilität zu organisieren, um neben VW und anderen auf der Welt bestehen zu können. Man hat hier anschaulich vor sich, dass Größe des Kapitals das Erfolgsmittel der Firmen ist. Die Wahrheit ist es deswegen noch lange nicht, denn Größe allein ist keine Garantie, wenn die Arbeit zu teuer ist, die Arbeitsplätze unrentabel sind.
Dass sich die Kapitalisten mit Kredit die erforderliche Größe einkaufen können, ist eine Leistung des Kredits. Des Weiteren leistet er neben anderem die Beschleunigung des Umschlags und er erlaubt das Wachstum über die Schranken des eigenen Gewerbes hinaus. Dies letztere in der doppelten Hinsicht: Eine Firma erobert sich neue Geschäftsfelder, und ein Kapitalist legt das Geld, das er in seiner Firma nicht rentabel unterbringen kann, in anderen Geschäftszweigen an.
Dieser Widerspruch, für den der tendenzielle Fall der allgemeinen Profitrate steht, und der in seiner allgemeinen Fassung heißt: Die Methoden der Steigerung der Produktivkraft des Kapitals wirken dieser entgegen, macht sich in der Marktwirtschaft über die Konkurrenz der Kapitalisten, also darüber geltend, dass sie dauernd in der Konkurrenz gegen ihresgleichen mit den Schranken der Zahlungsfähigkeit des Publikums zu tun haben – sei es des kapitalistischen Publikums, das Maschinerie und Luxusgüter kauft, sei es am Ende auch mit der beschränkten Zahlungsfähigkeit der kleinen Leute. Wenn Marx davon redet, der letzte Grund der Krise ist die Armut der arbeitenden Klassen, dann geht dies nicht nur auf Zahlungsfähigkeit, sondern er meint damit den Widerspruch, wie die Arbeit als Mittel der Akkumulation des Kapitals beansprucht wird. Dieser Widerspruch, dass Steigerung der Produktivkraft der Arbeit gleichzeitig Minderung der angewandten Arbeit als Quelle des Reichtums einschließt, macht sich am Kapital als tendenzieller Fall der Profitrate bemerkbar. Bei der Arbeiterklasse macht er sich bemerkbar als im Maße der Steigerung der Produktivkraft ihrer Arbeit wachsender Ausschluss vom Produkt; und zwar nicht bloß von den produzierten Sachen, sondern von dem geschaffenen Geldwert, in dem sich die Ware realisiert. Diesen Widerspruch hat Marx im Auge, wenn er sagt, der letzte Grund aller Krisen ist die Lage der arbeitenden Klasse als diese Manövriermasse, deren profitable Benutzung Ausschluss vom Produkt im Sinne vom neu geschaffenen Eigentum bedeutet. Wenn vom letzten Grund der Krise gesprochen wird, meint dies den eigentlichen Grund – heutzutage würde man vom systemischen Grund sprechen. Die Notwendigkeit der Krise liegt in dieser Konstruktion, in dieser Doppelnatur der Arbeit: Als Quelle neuen Eigentums und als eine, die wegen des Interesses des Kapitals an Produktivkraftsteigerung laufend reduziert wird. Damit senkt das Kapital nicht bloß seine Profitrate, sondern es verschärft den Ausschluss der arbeitenden Klasse vom gesellschaftlichen Eigentum. Profitrate und Verelendung sind die beiden Seiten derselben Sache.
Gehen wir jetzt der Funktion des Finanzkapitals nach und betrachten den Kredit als Motor der Akkumulation und Überakkumulation. Das Hinausschieben der zahlungsfähigen Nachfrage, das Finanzieren des Absatzes der Waren mit Konsumentenkrediten oder Wechseldiskontierungen ist, von der Seite der geschäftlichen Transaktionen her betrachtet, allenfalls der kleinste Teil seiner Leistung. Gerade wenn es aufs Wachstum des Kapitals ankommt, steigt das Finanzkapital an einer ganz anderen Stelle ein.
  — Da befreit es das Kapital nicht von den Schranken der zahlungsfähigen Nachfrage, sondern von den Schranken seiner bestehenden Größe. Die Leistung des Finanzgewerbes an dem Punkt ist Geld als Kapital.
An dieser Stelle – bei der vorher der Ausgangspunkt war, dass das Kapital sich als Quelle der Verwertung behandelt und seine wachsende Größe als Mittel einer steigenden Verwertung – stiftet das Finanzkapital Unabhängigkeit von der schon erreichten Größe. Dank des Kredits kann das Kapital über seine Verhältnisse leben.
Im K III äußert Marx, dass unter dem Regime des Finanzkapitals alles vorgeschossene Kapital als geborgtes erscheint. Denn sogar in dem, was das Kapital sich selbst aus seinem Kreislauf vorschießt, stecken schon Antizipationen von Zahlungen, die noch gar nicht erfolgt sind. Aber vor allem, wenn es neue Investitionen tätigt, die Arbeitsplätze rationalisiert, braucht es dafür Kapital unabhängig von dem, was es hat. Dieses Hinausschieben der Marktschranken ist die entscheidende Leistung des Finanzkapitals. Seine eigentliche Funktion in der Marktwirtschaft für das Kapital ist, es unabhängig zu machen von den Schranken des Marktes, der Akkumulationssphäre des Kapitals.
Umgekehrt: Wenn Akkumulation stattgefunden hat, das Kapital in allen Branchen zu neuen Ufern aufgebrochen ist, seine Extraprofite erwirtschaftet und wieder verloren hat, wenn die Konkurrenten angesichts der Schranken der zahlungsfähigen Nachfrage sich wechselseitig dazu zwingen, ihre Waren entweder nicht mehr profitträchtig oder gar nicht mehr zu verkaufen, wenn das Ergebnis eintritt, dass sie am Ende wirklich auch den Markt überfüllt haben – dann ist das Finanzkapital darin mindestens in 3-facher Weise involviert:
1.) Das Finanzkapital ist betroffen, denn es hat dem Kapital Kredite vergeben, damit es seine Profitrate steigert. Wenn das nicht zustande kommt, werden die Kredite notleidend. Wenn der Schuldner nicht zahlen kann, hilft dem Gläubiger nicht sein Recht auf Zahlung. Der Kredit wird wacklig, es wird fraglich, ob er überhaupt noch etwas wert ist.
2.) Dabei wartet das Finanzkapital nicht bloß ab, bis endgültig keine Zahlungen mehr reinkommen, sondern es unterhält volks- und betriebswirtschaftliche Abteilungen, die immer sondieren, wie es um die Verwertungschancen ihres Kredits steht. Deswegen macht sich für kapitalistische Unternehmungen der bisher behandelte Widerspruch und sogar die Schranke des Marktes, die sie sich wechselseitig als Konkurrenten so spürbar machen, bemerkbar. Die Finanzkapitalisten sind die Akteure, die den Unternehmen klarmachen, wie es um ihre Chancen steht, die Konkurrenz niederzuringen, oder um die Aussichten, ihr zu erliegen. Von sich aus streicht kein Unternehmen freiwillig die Segel, sondern wenn es ins Hintertreffen kommt, macht es wieder die Rechnung auf: Mehr Kapital bringt mich aus der Verlustzone.
Gerade, wenn es auf eine Krise zugeht, wird der Bedarf nach Kapital, um die Marktschranken zu überwinden – nicht nur im Sinne von mehr Absatz, sondern mehr Power, um die jeweiligen Konkurrenten niederzumachen – größer. Da steigt die Nachfrage nach Kredit, und umgedreht werden die Finanzunternehmen immer skeptischer, immer vorsichtiger und kritischer. Komplementär als Betroffener der Krise sind sie also Urheber – nicht in dem Sinne, dass sie die Ursache wären, sondern sie sind Auslöser. Dieselbe Tätigkeit, mit der sie die Akkumulation befördern, ist die, mit der sie die Überakkumulation befördern, und es ist deswegen auch ihre Entscheidung, da einmal einen Schlusspunkt zu setzen. Ab jetzt misstrauen sie der Chance, dass noch mehr Kapital die Profitrate dieses oder jenes Unternehmens repariert, streichen ihm seine Kreditlinien gerade dann, wenn es die für sein weiteres Wachstum am nötigsten braucht.
Wenn auch so ein riesiges Unternehmen wie General Motors in seine Krise gerät, an die Schranken des Marktes stößt, weil die Konkurrenz besser ist, hat man darin das Anschauungsbeispiel, dass nicht nur die Größe allein zählt. Dann ist eben auch das Bedürfnis nach Kredit sowohl zur Rettung des Bestandes wie für einen neuen Aufbruch entsprechend gigantisch.
  — Wenn die Banken nicht der Grund der Krise sind, aber der Auslöser, steckt in dem so was drin wie sie verallgemeinern die Krise, weil Kredit eben das allgemeine Mittel der Akkumulation ist?
Sie sind also – 3.) – Multiplikatoren der Stockung und des Niedergangs, nämlich in dem Maße wie sie mit betroffen sind. Einerseits sind sie diejenigen, die das Urteil über die Akkumulation in der Realwirtschaft fällen, dass sich da vieles nicht mehr lohnt, Geschäfte mit ihnen eingeschränkt werden. In dem Maße führen sie natürlich Notwendigkeiten herbei, Zwangslagen in der Firmenwelt, die ihre Kredite dann notleidend machen – umgedreht: In demselben Maße ist es irgendwann gar nicht mehr Sache ihres freien Urteils zu entscheiden, wen sie noch finanzieren, sondern es ist eine Frage ihres Vermögens. Das merkt man, wenn man den Blick von dem unmittelbaren Kreditverhältnis zwischen einer Firma und ihrer Hausbank abwendet und sich vergegenwärtigt, wie die Finanzierung wirklich bedeutender Unternehmen, von denen die halbe Konjunktur ganzer Länder abhängt, funktioniert. Die finanzieren sich am Kapitalmarkt dadurch, dass sie selber vermittels eines Bankenkonsortiums ihre Aktien, Anleihen, überhaupt ihre verschieden sortierten Schulden, vermarkten, darüber dass sie Investoren finden, die ihnen ihre Anleihen abkaufen. Wenn sich der Verdacht anbahnt, dass die Geschäfte in der Realwirtschaft nicht mehr so richtig klappen, spüren das die Unternehmen, die Kapital für sowohl die Erhaltung ihres Betriebes wie für dessen fällige Erweiterung und Effektivierung brauchen, an der Zurückhaltung der Investoren. Die werden erst recht kritisch, wenn sie womöglich schon aus allen möglichen anderen Quellen Verluste zu verbuchen haben.
Da merkt man in der Sphäre der Kapitalmärkte: die Bereitschaft und die Fähigkeit von Finanzkapitalisten, die Anleihen, die Aktienemissionen etc. von kreditbedürftigen Firmen aufzukaufen, beide sind betroffen. Ab wann es Krise ist und bis wann noch normale Konkurrenz, soll nicht definiert werden, aber vielleicht gehört zu einer Krise, dass mangelnde Bereitschaft des Finanzkapitals, den Unternehmen, auf die es ankommt, zur Unabhängigkeit in Sachen Kapitalausstattung zu verhelfen, und Unfähigkeit, da überhaupt noch für das nötige Kapitalaufkommen zu sorgen, zusammenfallen. Wenn es erst einmal so beteiligt ist, dann wirkt es auch als Multiplikator der Krise, dann ist die Beschädigung des Kredits, die aus der einen Ecke der Realwirtschaft auf die Finanzunternehmen auf dem Kapitalmarkt zukommt, schon der Grund dafür, dass ihnen Mittel oder die Bereitschaft oder beides ausgehen, anderen Abteilungen des marktwirtschaftlichen Geschehens Kredit zur Verfügung zu stellen.
Direkt ablesbar ist das immer an der Börse. Das ist ja das prominenteste Stück Kapitalmarkt, an der die zur Aktie verarbeiteten Dauerschulden großer Firmen permanent bewertet werden. In dem Maße wie die Zukunftsaussichten der dort notierten Firmen gut sind, werden die Aktien besser notiert. Banken, die diese Aktien besitzen, können es als Plus in ihre Bilanzen schreiben und auf der Basis selbst für neue Investitionen gerade stehen. Die AG selbst ist in der Lage, damit die eigene Akkumulationskraft zu stärken, kann neue Aktien ausgeben und sich darüber Geld verschaffen, oder sie kann zinsgünstige Anleihen aufnehmen. An der Börse ist in guten Zeiten die Aufwärtsspirale des Finanzkapitals anschaulich. Wachstum des Aktienwerts in Spekulation auf die Zukunft der Firma ist so gut wie eine bessere Aussicht der Firma selbst und deswegen Grund für einen höheren Aktienwert. Da stärkt der gute Stand der Firma das Finanzkapital, das da investiert ist, und das gestärkte Finanzkapital hat Mittel zur Verfügung, für weiteres Wachstum (z.B. an der Börse) zu sorgen. Deswegen bleibt es dann in der Regel nicht bei dem Wachstum eines Aktienwerts, sondern, wenn er kräftig genug wächst, ‘zieht’ er die Börse insgesamt nach oben, vermittelt über die Spekulation derer, die da zugange sind.
  — Bei der jetzigen Krise war doch eine Krise der höheren Sphären der Finanzspekulation der Ausgangspunkt der Krise beim produktiven Kapital. Es wäre aber verkehrt, es so zu verstehen, als hätte die Betroffenheit des produktiven Kapitals von der Kontraktion des Kredits, die jetzt allenthalben stattfindet, nichts mit dem zu tun, wie die ihrerseits ihr Wachstum betreiben. Wie hängt also das anfangs Festgehaltene – in der Art wie das Produktive Kapital sein Wachstum bewerkstelligt, liegt der Grund der Überakkumulation – mit dem, wie diese Krise ausgelöst wurde, zusammen?
Wie diese Krise ausgelöst wurde und worin sie besteht, wie sich jetzt die Krise des Finanzkapitals auf die anderen Abteilungen auswirkt, sind zwei Sachen. Noch einmal die drei Aspekte von vorhin: Das Finanzkapital ist von notleidenden Krediten in den Potenzen, die es zur Verfügung hat, Investitionen zu tätigen, betroffen, wirkt insofern als Multiplikator des Niedergangs; löst die Krise aber auch mit seinem Urteil über die Ökonomie aus. Mit oder ohne Urteil darüber, wie viel und wie vertrauenswürdig die eine oder andere Firma im reproduktiven Sektor sein mag, die Investoren werden kritischer und sie haben nicht mehr so ohne weiteres die Potenz zur Verfügung, die die Firmen brauchen, um ihren Konkurrenzkampf weiterzuführen. Worauf man den Akzent legt, ob man sagt, mit ihrer jetzigen Zurückhaltung – die aus ihrem eigenen Desaster kommt – decken die Finanzkapitalisten auf oder führen sie herbei, was sie schon an Überakkumulation selber mit ihrer bisherigen fleißigen Kredittätigkeit herbeigeführt haben, ist egal.
  — Noch einmal zum Verhältnis vom produktiven – zum Finanzkapital: Zwar nimmt die Potenz der Investoren ab, aber man weiß doch: sie schaffen sich ihre eigenen Geschäftssphären. Ist es so, dass sie mit abnehmender Potenz auch das Vermögen einschränken, ihre eigene Geschäftstätigkeit untereinander auszuweiten?
Ja, es ist immerhin eine Basis für ihr Geschäft untereinander, dass sie am Reproduktionsprozess der Gesellschaft verdienen, dass der ihnen die Mittel abgibt für ihr Geschäft. Wenn an der Stelle was ausfällt, sind sie natürlich kritisch und trösten sich nicht damit, dafür ein paar mehr Derivate auszugeben. Die amerikanische „Hypothekenkrise" ist ein drastisches Beispiel dafür. Die Turbulenzen dieses kleinen Untersektors der Realwirtschaft – der für sich egal ist, aber nicht für das, was die Finanzwelt alles darauf begründet hat – sind der Auslöser dafür, dass jetzt überhaupt Vorsicht angesagt ist; nicht bloß gegenüber der Basis, sondern Vorsicht gegenüber dem gigantischen Überbau an Derivaten, den sie selbst konstruiert haben. Wenn dann aber deswegen der Handel mit diesem Schrott zu Ende geht, Anleihen nicht mehr neu verkauft werden können, darüber wertlos werden – beschönigend ausgedrückt: "Man weiß nicht, was sie wert sind, weil der Markt dafür kaputt ist" –, schädigt das wiederum die Macht dieses Sektors, weiterhin als Banken tätig zu bleiben.
  — Gesagt wurde, zwischen Aufdecken und Herbeiführen muss man nicht unterscheiden. Wenn (z. B.) die Autokonzerne nicht überakkumuliert hätten, hätte sich die Finanzkrise nicht derart ausgewirkt. Damit ist also doch der tendenzielle Fall der Profitrate der Grund für die jetzigen verheerenden Wirkungen. Wie passt das aber zu der Aussage: Sie führen herbei, dass auch im industriellen Sektor ein großes Maß an zu viel Kapital vorhanden ist?
Was heißt eigentlich Über- bei der Akkumulation an dem Punkt: Das Kapital braucht für seine weitere Akkumulation Finanzmittel, die sich nach dem erreichten Stand der Profitrate nicht lohnen, weil schon zu viel Kapital in der Konkurrenz um Profit beteiligt ist? Der Schluss des Kapitalisten daraus heißt: Dann brauche ich noch viel mehr Kapital. Das Urteil des Finanzkapitals heißt: von wegen; es ist absehbar, das neue gute Geld lohnt sich erst recht nicht. Der Status ist todsicher in der Autoindustrie erreicht. Anlässlich der Finanzkrise ist gar nicht mehr nur die Autoindustrie betroffen ist, sondern abgesehen von ein paar Krisengewinnlern schrumpft insgesamt die Wirtschaft. Stagnation überall, angefangen bei den Zulieferern der Autoindustrie. Auf einmal erfährt man, wer alles mit der Autoindustrie – festgemacht wird das am Gebrauchswert – zusammenhängt. Etwas ökonomischer ist der Zusammenhang der Stagnation des Geschäfts in diesem Sektor mit dem Kredit. Das Urteil des Finanzkapitals ist kritischer und sein Vermögen, für Wachstum zu sorgen, ist beschädigt.
  — Es treffen hier zwei Krisengründe zusammen: Einmal ist es der, den die Finanzkapitalisten selbst zustande gebracht haben. Da war die Aussage, diese Krise hat nichts mit der Krise im Realsektor zu tun und zeigt auch in keiner Weise eine Abhängigkeit von dieser Abteilung. Aber trotzdem ist das Zusammentreffen mit der Krise durch den tendenziellen Fall der Profitrate in der realen Akkumulation doch jetzt darin gegeben, dass mögliche Investoren z. B. für die Autoindustrie im Augenblick zwei Gründe haben, dort nicht zu investieren. Einmal die schlechten Aussichten und dass sie überall anderswo auch Ausfälle zu vermelden haben im Bereich der Finanzwirtschaft, zum andern, dass der Aufwand immer größer wird, um unter diesen Bedingungen noch eine Größe zustande zu bringen, die auch Aussicht auf erfolgreiche Durchsetzung auf diesen beschränktem Markt verspricht.
Das Entscheidende dafür, dass jetzt in der Realwirtschaft nichts mehr läuft, ist: Sobald das Finanzkapital die Bereitstellung von Mitteln für das erforderte Wachstum schuldig bleibt, wird aus dem dort angelegten Kapital ein ‘über’. Ob es das schuldig bleibt, weil es nicht mehr kann oder andere Sorgen hat, oder ob sein Urteil über diese Sphäre ist: Das lohnt sich nicht, das ist für das Ergebnis dieses Urteils: ‘Hier herrscht Überakkumulation’ egal. Vielleicht kann man sogar so weit gehen zu sagen: Das Urteil Überakkumulation könnte das Kapital in jeder Phase der Konjunktur fällen, weil Überakkumulation ja immer die Ermessensfrage ist: Lohnt es sich noch etwas rein zu tun? Das ist nicht so zu verstehen, dass es Zufall ist oder die freie Entscheidung des Finanzkapitals, wann jetzt Krise ist. Scheitern und Beurteilen des Scheiterns gehören da zusammen. In diesem Fall beurteilt das Finanzkapital die Lage des gesamten reproduktiven Sektors als untauglich für seine Zwecke und dieses Urteil gilt. Es entlarvt jetzt also den reproduktiven Sektor als überakkumuliert, weil es mit sich selbst nicht im Reinen ist. Das ist der jetzige Ausgangspunkt.
Die Aussage, dass das zwei Krisengründe wären, ist aber nicht richtig. Die aufgeführten 3 Punkte, wie der Kredit beteiligt ist – betroffen, dann Kreditentzug und Kredit als Multiplikator – kann man auch anders ausdrücken: Der Kredit ist das Subjekt der ganzen Affäre. Es gibt den tendenziellen Fall der Profitrate gar nicht, ohne dass der Kredit ihn produziert. Die Auswirkungen auf den Kredit sind eigentlich ihrer logischen Natur nach etwas anderes: Er produziert das Wachstum dadurch, dass eben zwischen Vorschuss und Kredit gar nicht mehr zu unterscheiden ist. Wenn jedes Geschäft mit Kredit geht, ist der das Subjekt davon und deswegen ist zwischen Aufdecken und Produzieren kein Unterschied. Deswegen ist dann auch das, was das Finanzkapital selbst an Akkumulation darauf häuft, so entscheidend dafür, ob und wie der Kredit sich als Diener der Akkumulation bewährt.
In dem Fall sind Aufdecken und Produzieren nicht zwei logisch unterschiede Sachen, weil der tendenzielle Fall der Profitrate sich nicht in der Krise ereignet, sondern die Krise ist selbst nichts anderes als die Aufdeckung des Falls der Profitrate.
  — Zu den Alternativen Aufdecken und Herbeiführen lässt sich feststellen: Wenn man sagen würde, das Finanzkapital führt die Krise herbei, und würde es so verstehen, dass das Herbeiführen nichts zu tun hat mit der Art und Weise wie das Kapital wächst, dann wäre das verkehrt. Umgekehrt wäre verkehrt, aufgedeckt als: Da wird bloß aufgedeckt, was bei den andern schon unabhängig vom Finanzkapital existiert, zu nehmen.
Das kann man als Leistung des Kredits ausdrücken. Es liegt natürlich in der Logik des Kapitals selbst, dass seine Akkumulation immer Überakkumulation ist und sein will, weil es ist ja die ganze Zeit Steigerung der Profitrate mit Methoden betreibt, die die Profitrate senken. Der tendenzielle Fall der Profitrate ist der Widerspruch, der in der Identität von Akkumulation und Überakkumulation steckt. Und die Krise ist quasi das Ausbrechen dieses Widerspruchs, nachdem er lange genug versteckt worden ist. Versteckt in Sinne von: er ist lange genug finanziert worden, lange genug seinen Gang gegangen, bis das Finanzkapital – das den Widerspruch die ganze Zeit angeheizt hat – zu dem Urteil kommt, dass jetzt mal Schluss sein müsse, weil sie immer mehr vertröstet würden, immer mehr Geld gefordert würde und nur Minus rauskommt. Das Finanzkapital zieht die Bilanz über die Wachstumsanstrengungen seiner Anlagesphäre, nachdem es jahrelang gute wie schlechte Bilanzen mit dem Schluss quittierte, noch mehr reinzubuttern. Die ganze Zeit vollzieht sich der Widerspruch der Steigerung der Verwertungsrate des Kapitals durch immer mehr Kapital und in Wirklichkeit kommt sie gar nicht zustande. Die Krise bringt das Auseinanderlaufen zum Eklat und führt es durch Entwertung des Kapitals wieder zusammen, damit es wieder neu losgeht.
Insofern ist die Ursache der Krise die ganze Zeit unterwegs. Dass sie jetzt ausgebrochen ist, als Krise eklatiert ist, liegt einerseits wie immer am Urteil des Finanzkapitals über diese Sphäre. Dass es dieses Urteil fällt, auch dass es so drastisch ausfällt, dass es von vorneherein so allgemein ist, dass es nicht einfach ein Konjunkturzyklus ist, sondern fette 6 % Minus am Bruttosozialprodukt zustande kommen und die Streichung von Arbeitsplätzen gleich in die Millionen geht, liegt an dieser besondern Krise, die einen ganz eigenen Ausgang hat, der noch nicht geklärt ist.
  — Noch einmal. Wenn man sagt: das Kapital in der Realwirtschaft unterliegt dem tendenziellen Fall der Profitrate, das Finanzkapital unterliegt dem nicht, hat seinen eigenen Krisengrund, dann sind das zwei unabhängig voneinander existierende Krisengründe. Und es gibt die Notwendigkeit des Ausgleichs der Profitraten und zwar überhaupt zwischen allen Sphären. In der Autofirma steckt der Finanzinvestor, das merkt man, dass das so gar keine zwei verschiedenen Sphären sind, der Ausgleich ständig stattfindet. Trotzdem haben wir theoretisch gesagt, es sind 2 Abteilungen, die verschiedene Krisengründe haben.
So verschiedene Welten sind es nicht. An dieser Krise kann man feststellen, was die Finanzkapitalisten da angestellt haben. Sie scheitern gar nicht an geplatzten Krediten der normalen Firmenwelt mit ihrer Kreditvermehrung, sondern an Dingen, von denen man bis vor Kurzem nichts wusste, mit ihrer eigenen Logik von Akkumulation und Überakkumulation. Es ist aber auf der anderen Seite nicht so, dass bei der normalen Krise das Finanzkapital nicht involviert und betroffen wäre – es ist von der Krise, die es über das reproduktive Kapital ausruft, durchaus auch selbst der Leidtragende, damit macht es auch seine Basis kaputt. Dass es das Kapital im Allgemeinen repräsentiert, ist zugleich das Urteil, dass es an dessen Schicksal teilnimmt, es lenkt es bis zu einem gewissen Grad, kann aber nicht gegen den tendenziellen Fall der Profitrate anfinanzieren.
Was das Finanzkapital selbst macht und wie es sich damit in eine Krise wirtschaften kann, die mit dem tendenziellen Fall der Profitrate nichts zu tun hat, muss noch besprochen werden. In dieser Welt entsteht der Reichtum des Finanzkapitals nicht aus Arbeit und deren Ausbeutung, sondern aus der Vermarktung von Schulden. Das ist der schlichte Tatbestand, wenn man sich eine Bankbilanz anschaut. Die schreiben sich nicht die Profite von sonst wem auf, sondern wie viel Geld sie ge- und verliehen haben. Und aus diesen beiden Posten machen sie eine Bilanz, bei der 25 % Profit rauskommt. Was ist davon die Quelle? Diese Geschäfte: Schulden machen und die Welt bei sich verschulden, Kredite, die aufgenommen werden, selbst finanzieren und an Investoren, die Geld übrig haben (v. a. aus den Reihen der Banken selbst) als Anlagepapier weiterzureichen, Kapitalanlagepapiere zu produzieren..., alles lebt davon: hier hat man die Sphäre vor sich, die fürs reproduktive Kapital im Allgemeinen Unabhängigkeit von seinem Stand stiftet, die verfügt über das Geld der Gesellschaft und über Mechanismen, dieses Geld der Gesellschaft zugänglich zu machen für jeden, der es braucht, sogar sich zu emanzipieren von der umlaufenden Geldmenge, sogar neuen Kredit zu stiften. Auf der Basis macht das Finanzkapital schlicht aus den Rechtsakten Ausleihen und Verleihen ein wahnsinniges Geschäft. Das ist zwar von A bis Z spekulativer Natur, weil es Schulden wie vorhandenes Geldkapital betrachtet, aber das macht ihnen glatt nichts aus. Das ist die Eigenart dieses Geschäfts und wenn das in die Krise gerät, dann gibt es dafür erstens ganz eigene Gründe und zweitens ergeben sich daraus ganz eigene Konsequenzen.
Das muss noch weiter ausgeführt werden. Es sollte aber klar geworden sein, dass es hier um eine Sorte Geldvermögen geht, das mit Ausbeutung der Arbeit und tendenziellen Fall der Profitrate (nur) als seine Basis zu tun hat. Wenn das Geld sich an der Stelle nicht als seine eigene kapitalistische Quelle bewähren würde, wären die Banken aufgeschmissen. Aber aus dieser Basis machen sie Zeugs, das mit Ausbeutung von Arbeit nur im Sinne der Grundlage und nicht im Sinne des Stoffs zu tun hat, den sie bei sich verbuchen. Auch da ist die Überakkumulation nichts anders als das negative Spiegelbild der Akkumulation. Nächstes Mal mehr.