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Zum Amoklauf in Winnenden und zur Weltwirtschaftskrise

1. Der Amoklauf in Winnenden

Zu der derzeitigen öffentlichen Diskussion gibt es kein Argument, das nicht auch schon im Artikel GegenStandpunkt 2-02 (Der Amoklauf in Erfurt) irgendwo vorkäme, aber gerade bei Erklärungen wie in diesem Fall kommt es darauf an, dass man sie in die richtige Reihenfolge bringt, nicht zu früh aufhört und keine Kurzschlüsse macht – und da ist allerdings einiges in der öffentlichen Diskussion zu beklagen.
Wie immer bei Anlässen dieser Art fühlen sich Kritiker aller Art aufgerufen: Gesellschafts- und Schulkritiker und ein gar nicht so blöder Gewaltkritiker in der SZ, sogar ein paar schüchterne Stimmen gegen die Schützenvereine sind laut geworden. Viele sind darauf gekommen, dass es kein Wunder ist, dass sich so etwas in der Schule abspielt, weil sie als Vorbereitung auf die bürgerliche Konkurrenzgesellschaft eine ziemlich harte Angelegenheit für die nachwachsende Generation ist, die vermittels der Schule auf ein Leben in dieser Gesellschaft vorbereitet und eingewiesen wird. Da wird viel über den zu großen Leistungsdruck geklagt, dem die Kinder ausgesetzt seien. Diese Schulkritik hat zwar gemerkt, dass es nicht einfach um Vermittlung von Wissen und Können geht, sondern um Wissen und Können als Material einer Leistungsbeurteilung, weshalb dann immer der Ratschlag folgt, man solle es damit nicht übertreiben. Das ist eine Verharmlosung, denn es kommt beim Schulunterricht nicht auf die Leistung, sondern auf den Leistungsvergleich an, und dass immer welche nicht mitkommen, ist nicht ein Nebenprodukt der Überforderung, sondern der Zweck der Veranstaltung – es sollen ja nicht alle solange traktiert werden, bis sie einen gewissen Leistungsstandard erreicht haben, sondern es sollen Unterschiede an den Kindern hergestellt werden zwecks Vorbereitung auf die Gesellschaft mit ihrer Hierarchie der Berufe und Positionen, auf die sie verteilt werden. Es findet eine Vorsortierung statt für das Unterscheidungswesen, das die bürgerliche Konkurrenz mit ihnen veranstaltet. Dieser Zweck wird ungern genannt und schon gar nicht von deren Akteuren, weil dieser Widerspruch: Wissen und Können als Mittel für Leistung, schon groß genug ist für einen normalen Lehrer. Dessen Ethos – schulbehördlich auch abgesegnet – besteht in der Umdrehung, dass die Leistung, die er ihnen abverlangt, funktional dafür sei, dass sie später einmal was wissen und können. Das verhindert aber den gar nicht so schwierigen weitergehenden Schluss, dass solch ein Verhältnis von Wissen und Können zu Leistung, wo dann immer wieder einmal eine Überforderung stattfindet, nicht der Witz an der Schule ist, sondern dass es allein darum geht festzustellen, für welchen Teil der Schüler sich die Anforderung als Überforderung herausstellt.
Der zweite Gedanke in dieser Abfolge, der dem ersten – die Wahrheit der Überforderung – sehr nahe ist, hat auch zu tun mit dem oben erwähnten Ethos: Dass Differenzen das Resultat der Anstrengungen von Lehrern und Schülern sind, ist kein Geheimnis. Dass es um sie geht, wird nicht so gerne akzeptiert, oder wenn doch, dann unter dem dubiosen Motto, dass diese ja nicht von der Schule hergestellt, sondern nur ermittelt würden. Denn das seien die Differenzen, die die Schüler aufgrund von Anlage und Umwelt schon in die Schule mitbringen würden. Es sei also nicht Inhalt der Schulbildung, eine Vorsortierung vorzunehmen, sondern jedem das Seine als Ergebnis seines Ausbildungswerdegangs zu offerieren und die Unterschiede zum Tragen zu bringen, die letztlich schon an den Kindern dran seien. Das Eingeständnis, dass es Unterschiede gibt – für die man auch letztlich ist –, ist nie direkt parteilich dafür, dass es Herr und Knecht, oben und unten in der Gesellschaft geben muss, sondern es ist eingetaucht in das Ethos, dass man so den unterschiedlichen Begabungen der Kinder gerecht würde. Auch die Kritik: Da lässt die Schule schwer zu wünschen übrig, walzt manche Begabungen nieder und vereinseitigt andere, gehört zu diesem Ethos dazu und ist nie ein Widerruf der Idee, dass es eigentlich um Ermittlung und nicht um Herstellung von Unterschieden ginge, weshalb diese immer in einer idealisierten Fassung auftauchen (das Lebensglück des einen liegt im Gärtnerberuf, des anderen mehr im Heilen und Helfen als Arzt ...).
Der dritte Gedanke, der sich von der gängigen Kritik an der Schule abhebt, ist: Die Wahrheit dieses Vorgangs, von dem immer behauptet wird, dass er nur das herauskitzle, was die Schüler sowieso ausmacht, besteht darin, dass sie genötigt werden, sich selber mit ihrem Willen, ihren Fähigkeiten und Interessen zu behandeln als Werkzeug für das, was in der Schule von ihnen verlangt wird. Die Konkurrenz ist nie eine Sache, der der Mensch nur ausgesetzt wird, sondern eine, die er gezwungen ist zu betreiben – er muss sich die Bewährung in ihr zur Aufgabe machen, sich dafür instrumentalisieren und letztendlich mit dem, was ihn sonst noch ausmacht an Vorlieben und Bedürfnissen bis hin zur Einteilung der Schlaf- und Freizeit, kalkulierend umgehen. Die Selbstverständlichkeit der Konkurrenz: Mach dich zu deinem Instrument – du bist dein Werkzeug!, wird da als Praxis eingeübt.
Für einen ‚Normalbegabten’ ist das Sich-Bewähren in der Schulkonkurrenz eine Anstrengung, die meist begleitet wird von der anderen, das Ganze so zu praktizieren, dass man da noch irgendeinen Punkt des eigenen Interesses auffindet. Den Zynismus: Dann mache ich eben 13 Jahre lang bis zum Abi Konkurrenzkampf, bringt einfach keiner hin. Stück um Stück wird einem abgenötigt, darauf zu verzichten, die Momente von Können und Wissen, an denen entlang das Ganze ja exekutiert wird, als Sache zu betrachten, die um ihrer selbst willen betrieben wird. Zwar ist Letzteres von den Lehrern durchaus erwünscht und wird gefördert, aber – abgesehen davon, dass solch ein bestimmtes Interesse ziemlich bald ‚den Rahmen des Unterrichts sprengen’ würde – es gelingt nur den relativ wenigen Figuren, denen die in der Schule abverlangten Leistungen mehr oder weniger leicht fallen. Jemandem, der er schafft, den Unterrichtsgegenstand mit eigenen Interessen zusammenzubringen, muss also nicht unbedingt der Spaß am Lernen vergehen durch den dauernden schulischen Leistungsvergleich. Aber das ist eben nicht das Gros – das gehört ja gerade zur Ungerechtigkeit der Konkurrenz mit dazu.
Der vierte Gedanke: Die Schulzeit ist keine Konkurrenzveranstaltung, der man am Vormittag ausgesetzt ist und ansonsten ein anders definiertes Leben führt, sondern Schüler zu sein ist eine ziemlich umfassende und abschließende Definition, der der Mensch viele Jahre lang unterliegt. Analog zum Berufsleben, wo die Frage: „Was machst Du?“ auch immer meint: „Welche Konkurrenzveranstaltung bestimmt dein Leben?“, ist der Schüler rund um die Uhr mit der Einteilung seiner Arbeits- und Freizeit, mit der Sortierung seiner Vorlieben und Interessen, mit der Ausrichtung seines Willens beschäftigt. Das ist die faktische, täglich praktizierte Allgemeinheit der schulischen Konkurrenz und die hat einen ziemlich umfassenden Charakter. Sie bestimmt die gesamte Lebenswelt des Schülers bis hin zum Cliquenwesen im jeweiligen Ausbildungszweig samt dem dazugehörenden Selbstbewusstsein.
Dieser objektiv umfassende Charakter des Sich-Einrichtens in der schulischen Konkurrenz ist die Grundlage für den psychologischen Übergang, dass sich der Schüler mit dem, was er da treibt, identifiziert und das, was er so treibt, auch gewürdigt wissen möchte – das ist also das Moment von Anerkennung, um die es dem Menschen in der Konkurrenz geht. Insofern ist die Schule gewissermaßen ein Abbild der Gesellschaft, in der ein Mensch dann Anerkennung erfährt oder nicht – er ist anerkannt als Person, als das, was er willentlich und begabungsmäßig aus sich macht. Das ist dieser eigentümliche, aber total gewöhnliche Umschlag von Konkurrenz um den Erfolg über den Gedanken: „Den habe ich mir selber zu verdanken. Ich muss mich dafür anstrengen und instrumentalisieren“, und den nächsten Zwischengedanken:“ Was aus mir wird und auf welcher Hierarchiestufe ich in und nach der Schule lande, liegt letztlich an mir“, zu dem: „Hier entscheidet sich überhaupt mein Wert.“ Die pädagogische Parole: „Du bist ein wertvoller Mensch, egal, wie deine Noten sind“, ist ein Reflex darauf, dass das Abschneiden in der schulischen Konkurrenz den Menschen nicht nur objektiv ziemlich absorbiert, sondern über den Zwischenschritt, dass er über die Schule den Wert seiner Persönlichkeit ermitteln und sich in ihr bewähren soll, zu dem Standpunkt führt: „Darin entscheidet sich meine Anerkennung, in der und durch die Gesellschaft.“ Das ist der feine Umkipper vom Kampf um Erfolg in der Gesellschaft zum Kampf um Anerkennung durch die Gesellschaft. Vom Schulerfolg hängt mehr oder weniger das ganze spätere Leben ab, aber in diesem Übergang zur Konkurrenz um Anerkennung wird er so behandelt, als sei er nur ein Bestandteil der Anerkennung der tüchtigen Persönlichkeit, um die es eigentlich ginge.
Es gibt niemanden, der sich an diesem Übergang nicht abarbeitet – vielleicht noch am wenigsten die in der Schule Erfolgreichen, weil da die Anerkennung durch die Schule mit ihrem Selbstwertgefühl schön zusammenfällt. Aber auch einen 1-er Schüler lässt der Streber-Vorwurf nicht kalt, weshalb er auch in anderen Sphären als der Notenkonkurrenz die Vortrefflichkeit seiner Person unter Beweis zu stellen sucht. Wie sehr der Mensch unter die Bedingungen der Konkurrenz subsumiert ist, zeigt sich daran, dass dieses Bestehen darauf, dass man auch außerhalb der schulischen Konkurrenz ein anerkennenswertes Mitglied der Gesellschaft sei, sich nie anders äußert als in der Eröffnung eines anderen Feldes der Konkurrenz, wo man also den Leistungsvergleich zu seinen Gunsten entscheiden kann. So und nur so wird die (Nicht)Anerkennung, die dem Schulerfolg beigemessen wird, relativiert.
Dass eine Note mehr ist als eine (mehr oder weniger) objektive Beurteilung einer Leistung, merkt man daran, wie sehr sie von den Betroffenen als Urteil über ihre Persönlichkeit genommen wird. Da tut sich ein ganzes Spektrum des Umgangs mit ihr auf: Die einen – i. d. R. die Erfolgreichen – nehmen die Anerkennung, die in der Note ausgesprochen wird, als Anerkennung ihrer Person, akzeptieren sie als Lohn für ihre Anpassungsleistungen in der Gesellschaft und sind dann stolz darauf, dass sie gute Schüler sind. Das Spektrum geht über alle möglichen Zwischenstufen bis dahin, dass man dem Urteil der Schule – gerade, weil es ein Urteil in Sachen Anerkennung der eigenen Person ist – seinerseits die Anerkennung verweigert und diese in alternativen Sphären sucht. In der Note wird das Resultat des Vergleichs, dieser Anstrengung, der sich die Schüler da unterwerfen, bewertet. Das ist was anderes als: diese Anstrengung wird selber als Wert einer Persönlichkeit genommen. Die Wertschätzung, die jemand erfährt, wird ausschließlich in die Bewährung in der Konkurrenz gelegt.
Diese Konkurrenz um Anerkennung, die teils in der Schule, teils alternativ zur Schule stattfindet, ist aber auch dann immer auf sie bezogen als Kampf um eine Gemeinschaft – Anerkennung ist ja immer ein Gemeinschaftsakt – und gibt noch nicht den Übergang zum Amoklauf her. Ein Übergang Richtung Amoklauf ergibt sich aber dadurch, dass ein Mensch angesichts der Nicht-Anerkennung, die ihm immer wieder widerfährt, darauf besteht, dass er doch ein Recht darauf hätte, Anerkennung zu finden. Es ist nicht unwesentlich, ob ein Abiturient die Schule als Feld eines wenigstens teilweisen Erfolgs inklusive einiger Enttäuschungen und Misserfolge hinter sich lässt oder ob er den Übergang dazu macht, alle Momente der Nicht-Anerkennung – gleich, ob wirklich erlebt oder eingebildet – als Verweigerung einer Anerkennung zu interpretieren, die ihm zustünde. Das zweischneidige Lehrer-Lob „Du bist wertvoll“ ist ein Hinweis darauf, was für eine moralische und psychologische Bedeutung der Schulerfolg tatsächlich hat, so dass die Schule neben dem, dass sie die Leute so selektiert, gleichzeitig meint, Trost spenden zu müssen, damit nicht einer durchdreht und meint, er sei wirklich nur das, was die Noten über ihn aussagen. Die Schule reagiert also darauf, dass einer über das Maß an (Nicht)Anerkennung, das er in der Schule erfährt, enttäuscht ist, und diese Enttäuschung soll aufgefangen, nicht zugespitzt werden. Das obige Lob ist die pädagogische Beschwichtigung, die dem enttäuschten Anerkennungsbedürfnis nachgereicht wird. Es ist schon eine Glanzleistung, wenn Pädagogen hinterher die Schule als Einrichtung ermahnen, sie sollte mit ihren Noten das Selbstwertgefühl der Schüler nicht zerstören. Denn dies ist vielmehr der Hinweis darauf, wie erfolgreich die Schule die Kinder unter ihre Erfolgskriterien subsumiert hat.
 — Jeglicher Trost setzt das Anerkennungsbedürfnis voraus.
Es ist zweifelhaft, ob es solche Knalltüten gibt, die bei der Verabschiedung nach obiger Art auf den Gedanken kommen, dass man ihnen die Anerkennung, auf die sie meinen, ein Recht zu haben, vorenthalten hat. Wichtig ist, es gibt diesen Übergang, die Nichtanerkennung, die einem in der Schule widerfährt, als Verweigerung einer Anerkennung zu interpretieren, die einem zusteht. In der Regel wird dies an einzelnen Lehrern festgemacht, die einen irgendwie nicht recht leiden können, nicht aber an der Institution. Kein Amokläufer war je schlau genug, seinen Amoklauf im Kultusministerium anzufangen, geschweige denn im Parlament oder beim Grundgesetz. In rückblickenden Abrechnungen mit der Schule ist dieser Übergang selber auch noch ziemlich allgemein.
Die Lehrer sind selber auch nicht viel besser. Wie sollen die es denn hinbekommen, die Schüler immer nur nach Leistung zu beurteilen, wo sie sich doch selber daran abzuarbeiten haben, dass es gar nicht um Leistung, sondern um die Herstellung von Leistungsunterschieden geht? Dies legen sie sich zurecht als eine Art und Weise, wie sie dem Schüler gerecht werden. Dauerhaft daran zu zweifeln, dass man als Lehrer dieser Aufgabe nie gerecht werden kann, ist nicht auszuhalten.
Mit der freien Entscheidung, was sich ein Mensch als Verweigerung einer Anerkennung durch einen anderen zurechtlegt, eröffnet er eine neue Sorte Konkurrenz, einen Kampf um Anerkennung, ganz gleich auf welchem Feld. Diese Felder haben schon mit dem Umkreis der Schule als Lebenswelt zu tun, aber nicht mehr unbedingt mit den Noten; sogar eine polemische Stellung zu den Noten ist drin. Hier liegt ein qualitativer Übergang vor, vom Kampf um Erfolg zum Kampf um Anerkennung. Dass diese ganz entscheidend an den Schulnoten und an der Würdigung durch die Lehrer hängt, ist in den objektiven Verhältnissen eines Schulalltags inbegriffen. In die Freiheit der Betroffenen fällt es, dies zu all den anderen Feldern der Konkurrenz um Anerkennung zuzuordnen, die sich alltäglich in der Schule abspielt. Weil man weiß, dass die Lehrer eine Autorität sind, an deren Urteil nicht bloß die Note als solche, sondern auch eine gehörige Portion Anerkennung hängt, gibt es das unausrottbare Bedürfnis, den Lehrer lächerlich zu machen.
Der Mensch ringt neben dem, dass er sich um gute Zensuren bemüht, tagaus tagein um Anerkennung; er macht seinen Willen praktisch, was die Erfüllung der Leistungsanforderungen betrifft, und bemüht sich, auf welchem Feld auch immer, moralisch um ein Mindestmaß an Applaus – und wenn schon nicht um Applaus, dann um Respekt, den man sich z. B. auch durch eine Keilerei erwirken kann. Dieser Mensch erbringt die moralische Anspannung seines Willens – in der Schule und um sie herum. Dies ist die Grundlage für den Übergang dazu, dass man die Nichtanerkennung, die man ja laufend auch erfährt, als eine Sache des bösen Willens der anderen nimmt, als Verweigerung. Das kann im Einzelfall sogar stimmen. Von der Konkurrenz um Anerkennung dazu überzugehen, diese als sein Recht einzufordern, hat das Zeug zur Zuspitzung in sich, denn zumeist hat derjenige dann schon eine genaue Vorstellung davon, wer ihm diese Anerkennung verweigert. Hier liegt der Übergang zum Gedanken an Rache, wobei der Rachegedanke deutlich weiter verbreitet ist als seine Realisierung. Diese letzte ist dann eine Frage, wie sehr sich einer darunter subsumiert, borniert, alle anderen Berechnungen im Alltag beiseite lässt. In diesem Bereich der Befangenheit herrscht Freiheit.
Die Überlegungen eines Selbstmörders haben den Idealismus der Rache zum Inhalt: „Wenn ich dann weg bin, dann merken die anderen erst, was ihnen fehlt. Sie sollen merken, wie sehr sie mir Unrecht getan haben.“ Das ist eine sehr defensive Art der Rache, deswegen aber auch sehr beliebt. Der Täter selber reflektiert seine Tat durchaus etwas anders, er will seine Rache selber genießen. Für die meisten reicht allein schon diese Vorstellung.
Liest man den o. a. Artikel über den Amoklauf in Erfurt, ist festzustellen, dass in der öffentlichen Reaktion das Moment von Kritik offenbar noch ziemlich vorherrschend ist. Diese Kritik hat Gedanken nur in verharmlosender Fassung zum Inhalt, nämlich so, dass alle hier jetzt angesprochenen Übergänge vorkommen können, dann aber an jeder Stelle gesagt wird, dass da die Verantwortlichen versagt haben. So wurde z. B. in Erfurt gefragt, ob es denn sein müsse, dass – wenn einer zweimal vom Abitur zurückgestellt wird – er nie wieder eine Chance auf ein Abitur habe... Heute findet sich in der öffentlichen Meinung, nachdem die Arien der Fragen nach der Schuld vorbei sind, der Standpunkt, dass an all dem die gesellschaftlichen Instanzen nicht schuld sind. Es ist wie das Bedürfnis, noch etwas Antikritisches sagen zu dürfen. Was will der Gedanke, dass man diese Angelegenheit nicht erklären könne und man sich deshalb der Trauer hingeben können soll, positiv sagen? In dem Trauer-Artikel in der SZ ist der Übergang ins Fromme zu finden. Die alten Kirchenkritiker haben gesagt, der Glaube ist die Zuflucht der Unwissenheit – wenn man nicht weiß, was los ist, denkt man sich einen obersten Chef, der alles irgendwie deichselt. Hier hat man gar nicht den Glauben als Zuflucht der Unwissenheit, sondern die Forderung, man solle sich gefälligst unwissend dazu verhalten, damit die Forderung nach dem Glauben plausibel wird.
 — Was ist der Wert eines Menschen? Das ist doch die Anerkennung seiner Existenz, dass er sein darf.
Was ein Mensch meint, was er ist, was er von sich selber hält und was die Welt von ihm halten soll: das ist doch mehr als nur, dass er überhaupt existieren darf. So, wie er in dieser Welt steht, sich in ihr bewährt, ist er etwas wert, so sieht er sich. Das ist es, was er sich willentlich zum Inhalt seines Konkurrenzstrebens nimmt; das ist einerseits das, was ihm vorgegeben wird, andererseits auch das, was man sich willentlich, auch willkürlich als Feld der Bewährung aussucht.
Was ist das für eine Angelegenheit, wenn bürgerliche Subjekte ziemlich frühzeitig gelernt haben, auch dazu erzogen worden sind, dass sie sich in einem Konkurrenzkampf um Anerkennung befinden. Alles, was verlangt wird oder sie sich einbilden, was sie selber von sich verlangen, wird zum Feld der Demonstration, dass sie in der Welt etwas darstellen und die ihnen etwas schuldig ist. Die Welt ist da als die Instanz anerkannt, die darüber urteilt. Beim Recht auf Anerkennung ist es so, dass derjenige unterstreicht, er weiß, was er ist, also auch weiß, was die Welt ihm an Anerkennung schuldet. Er hält das eigene Urteil über sich – egal wie erfunden – fest und weiß dann, dass die Welt ihm das schuldig ist. Und normalerweise ist die Welt dann ein einziges Sammelsurium von Leuten, die ihm genau dies schuldig bleiben. Das ganze Selbstbewusstsein eines Menschen, der in der bürgerlichen Welt steht, bedeutet also mehr.
 — Ich habe vorhin die Grundidee gemeint, dass der Mensch einen Wert habe, und dies als Grundlage für dieses ganze Thema angesehen.
Nein, dann ist man im Bereich der Ideologen, die daraus ein menschenrechtliches Prinzip verfertigen, und dies ist etwas anderes als das, wie bürgerliche Menschen ticken. Dieses Prinzip ist eine Übertreibung davon: Theoretiker machen sich darüber her und sagen, der Mensch wäre jenseits dessen, was er leistet, doch als Mensch anerkennenswert. Dies ist eine Sumpfblüte des bürgerlichen Egalitarismus. Es gehört zum Selbstbewusstsein der Gesellschaft, dass sie, gerade weil sie die Leute nach Leistung gnadenlos sortiert, sich daneben das Ideal hält, dass es darauf letztlich gar nicht ankäme. Das ist dieser bürgerliche letztlich-Gedanke. Aber für den, der in dieser Konkurrenz befangen ist, ist es nicht das Letztlich, was noch übrig bleibt, wenn alles andere kaputt geht, sondern da ist es das, wofür man das alles doch veranstaltet. Wo sich der Einzelne seine Anerkennung sucht, liegt in seiner Freiheit.
Hegel hätte sich in Sachen Anerkennung so ausgedrückt: Die Suche nach Anerkennung ist eine Stufe bei dem, dass der Geist zu sich selber kommt, und die Konkurrenz ist eine defizitäre Form der Suche um Anerkennung, die in einem kooperativen Staat seine bessere Ordnung bekommt. Hier steht dann alles auf dem Kopf. Die Idee der Anerkennung als Rechtsperson ist, vom Begriff des Rechts her gesprochen, die rechtliche Fassung der Konkurrenz. In der Praxis sind die Menschen in die Konkurrenz gestürzt. Dass die natürlich von A bis Z rechtlich verfasst ist, ist klar. Aber dieses Befangensein in der Konkurrenz, die Nötigung, schon als Schüler diese ganze Ochsentour durchzumachen, ist die Sache. Die Anerkennung soll die Quintessenz sein aus der Bewährung in der Konkurrenz und nicht einfach das Absehen davon und das Zurückführen auf diese leere Abstraktion, dass der Mensch, wenn man alles andere weg lässt, aber immer noch eine Würde hat. Dies ist eine leere Anerkennung, der einzelne Mensch verlangt aber eine, die aus dem Umkreis seiner Lebensverhältnisse entspringt. Diese Quintessenz kann auch Ehre genannt werden. Da führt sich der Mensch auf wie in einem Stand.
Man darf die Prinzipien, wie man den Staat erklärt, von welchen Abstraktionen her der Staat seine Gesellschaft ordnet, nicht nehmen als einen Standpunkt, auf den der Einzelne am Ende quasi zurückfallen könnte. Nicht nur, dass er den nicht kennt, weil er ja gerade darin befangen ist, ihn zu exekutieren, sondern er arbeitet sich auch in der Konsequenzenmacherei vom Prinzip der Sache immer weiter weg.
 — Z. B. wenn sich jemand verletzt fühlt, weil ihn der andere durch seinen Blick entwürdigt hätte. Bei einem, der dann zuschlägt, ist unterstellt, dass er sich eine Sphäre der Anerkennung und Bewährung in der Konkurrenz ausgesucht hat, die im Bereich der körperlichen Gewalt liegt; im Bekanntenkreis spielt er den großen Macker. Dies macht er besonders gern, wenn ein Publikum vorhanden ist. Deswegen kann man nicht sagen, dass er eine leere Abstraktion seiner persönlichen Würde vor sich her trägt, die er dann verteidigt.
Dies ist eindeutig ein Fall von Selbstjustiz in Sachen Recht auf Anerkennung. Darin stecken allemal die vorher schon erwähnten Erfahrungen und Schlüsse, wie er sich in der Konkurrenz bewähren will; hier eine weniger höfliche Art davon: Anerkennung wird erkämpft, es wird sich Respekt verschafft. Diese Vorstellung von Ehre, die er aus seinem bisherigen Leben mitgebracht hat, braucht gar nicht mehr die Erfahrung zu machen, dass einer ihm diesen Respekt verweigert, sondern er ist darauf scharf, für sich dieses Recht zu vollstrecken. Die Ökonomie dieses Verhaltens besteht darin, dass jemand den Anspruch auf Anerkennung praktiziert haben will, ihm jemand diese tatsächlich entgegenbringt. Der Punkt ist da, man sucht dadurch Anerkennung zu erfahren, dass die Gesellschaft einem bestätigt: man ist wer. Das ist die Logik der Provokation. Provoziert wird ein Respektserweis.
Man sollte sich vor Kurzschlüssen derart hüten, dass die Looser in der Notenkonkurrenz die potenziellen Amokläufer seien. Auch die haben sich eine Welt der Konkurrenz, die selbst aus verschieden Stufen besteht, dazwischen aufgemacht. Am aktuellen Beispiel gehörte es zu den kleinen Gemeinheiten der Besprechung festzustellen, dass der Täter ja sogar einen Abschluss und eine Lehrstelle hatte, als wäre bei einem Durchfaller der Übergang zur Gewalt klar. Es gibt auch Urteile über die Schulkonkurrenz, die heißen: Das sind ohnmächtige Opfer der Konkurrenz, wobei das in der Stufenfolge erklärte Moment der Selbstbeteiligung entfällt. Es ist vielleicht ihr Urteil, dass sie jetzt mal zum Machtausüben berufen sind, aber das ist nicht die Wahrheit der Konkurrenz. Auch andere Fehlschlüsse kommen aus dem Nichtauseinanderhalten dieser Stufenfolge. Es wird ein Bild der Konkurrenz aufgemacht, als sei das keine um Noten mit Leistungsvergleich, sondern gleich eine mehr auf moralischem Feld; als ginge es nur darum, sich als großer Max aufzuführen und andere schlecht zu machen. Das ist die Vermischung der Ekligkeiten der Anerkennungskonkurrenz mit dem, was die Schule selbst als Konkurrenz veranstaltet.
 — Die Bezeichnung als Opfer ist inzwischen ein Schimpfwort geworden. Einem wird vorgeworfen, sich zum Opfer machen zu lassen. Nicht Looser, sondern sich zum Opfer zu machen ist das Schlimmste, was man einem nachsagen kann.
Das ist nicht alternativ, sondern es gibt in einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten psychologisch indoktriniert ist, Lerneffekte. Irgendwann war die Unterscheidung von Loosern und Gewinnern eine große Entdeckung, dann wurde entdeckt, auch im Looser stecke was Wertvolles, später folgte die Entdeckung, wer sich bloß als Looser abstempeln lässt, dem geschieht recht. Nur als Opfer definiert zu sein, ist sein Fehler, er soll sich auf das besinnen, was in ihm steckt. Die Pädagogik mahnte die Schule, den Kindern Selbstwertgefühl beizubringen. Das ist wie eine Antwort auf die Entwicklungsstufe des psychologisierten Selbstbewusstseins. Da gab es Fortschritte der psychologisierten öffentlichen Moral. Solche Übergänge sind weitere absurde Unterübergänge in der Psychologie des Anerkennungsstrebens.
 — Die Psychologie tut so, als würde sie zu dem Konkurrenzgewese eine Methodologie des glimpflichen Zurechtkommens bieten.
Die Technologie des Zurechtkommens wird den Betroffenen selbst und v. a. den Betreuern offeriert. Jetzt sind sie damit beschäftigt, die Trauer zu betreuen, das stiftet Gemeinsamkeit.
 — Zum Thema Computerspiele: Was ist am Spiel selbst dran und welchen Genuss findet ein Amokläufer, der sich in einen Rachegedanken reingesteigert hat, in dem Spiel? In den Spielen hat man das Moment der Geschicklichkeit und dass man sich darin bewährt, Strategien zu entwickeln, wie man möglichst viele, schnell und grausam umbringen kann. Ein Spiel ist umso besser, je realistischer die Darstellung ist. Die Diskussion darüber schwankt um die beiden Aussagen, einmal: es ist ja nur ein Spiel, oder: es ist Gewalt.
Die können lange streiten, weil es beides ist. Ist „Mensch ärgere dich nicht“ eine Entspannung, oder regt es auf – na wenn es schon so heißt, gewaltfrei ist das nicht. Und nun erwägen sie an den neueren Spielen auf immer höherer Stufenleiter: Fluch oder Segen?! Dass die Spiele immer gewalttätiger und immer realistischer würden, kann man hinterfragen. Es wird doch eine Fantasiewelt ausgemalt. Man wird aktiver Teil, aber in der Fantasie. Was ist ein Videogame gegen ein Fußballspiel in der Bezirksliga, bei ersterem bekommt man zumindest keinen Beinbruch durch die „Blutgrätsche“ des Gegners beigebracht. Die Fantasie und die Exekution von Gewalt sind ziemlich äquivalent. Da kann man bei allem fragen: Ist das Entspannung oder Scharfmacherei – wenn Zufriedenheit erst nach der Keilerei im Eishockey eintritt –, das sind eben die Vergnügungen des in der Konkurrenz befangenen Individuums.
Es ist doch kein theoretisches Problem, sondern immer das Verhältnis von einem Gewaltübergang und daneben einer Welt der spielerischen Bedienung von solchen Bedürfnissen. Das wird immer ins Verhältnis zueinander gesetzt: Ist das eine der Grund fürs andere? Das wirkliche Verhältnis ist, dass man so etwas auch vergnüglich machen kann. Psychologen debattieren dabei über Triebabfuhr, diese könne auch nützlich sein, weil sie sich da austoben können und es nicht in der Realität machen müssen. Sie rechnen damit, dass so ein Bedürfnis immerzu in der Welt ist, und stellen Ursache und Wirkung auf den Kopf.
 — In dem SZ-Artikel mit der Überschrift: „Verletzte Ehre, … über die Versuche, Amokläufer nicht zu verstehen“ (Th. Steinfeld, 13.03.) waren ein paar richtige Punkte gegen die psychologische Erklärung des Amoklaufs. Da gab es zu den Computerspielen das Argument, man müsse nur Krimis anschauen, es geht überall in der Gesellschaft gewalttätig zu. Aber da ist auch unterstellt, ein Amokläufer braucht ein Vorbild; zur Umsetzung muss dazukommen, dass er die Gewalt irgendwo sieht oder lernt.
Natürlich haben sie lauter Beispiele, aber nicht ausgerechnet in Krimis oder Spielen, das Leben bietet sie alltäglich. Gewalt in ihrer rechtlichen Form macht den Alltag der Konkurrenz aus. Die Vergnügungsindustrie ist der Multiplikator der Selbstverständlichkeit, dass die Vollstreckung eines Rechts allemal eine Gewaltfrage ist. Davon leben auch die Computerspiele, sogar dann, wenn einer sich den Luxus leistet, mal zu den Bösen gehören zu wollen. Das ist auch das Spiel mit der Selbstverständlichkeit, nichts schöner als gerechte Gewalt, weil die nun mal das Mittel der Gerechtigkeit ist und nur dieser Seite zusteht, aber von ihr auch gebraucht wird, weil die andere Seite sich ungerechterweise auflehnt. Wenn man sich die Freiheit nimmt, die Kriterien einmal auszutauschen und zu den herrschenden Gerechtigkeitskriterien ein ablehnendes Urteil zu fällen, weil man bei denen schlecht abschneidet, sich dagegen lieber seine eigene Welt der Anerkennungssuche macht, kann man auch in diesem Zirkus der Gewalt des Verbrechers allemal was abgewinnen. Das geht wieder in die psychologische Verarbeitung, für die die Öffentlichkeit mit ihrem Unterhaltungsangeboten ein wichtiges Vehikel ist.
Die ganze Debatte über die Wirkung von Umwelt, Videospielen usw. lebt da wieder von einem abgrundtiefen Verständnis für die Grundlage, dass ein Mensch mit Gewaltfantasien herumläuft. Wie man an sich selbst merkt, kann man Krimis auch mal genießen, ohne sich was grundsätzlich Falsches daraus zu drehen.

2. Weltwirtschaftskrise

Vorlage zum 2. Punkt

Der „Gegenstandpunkt“ zur Weltwirtschaftskrise    3/09
1. Die Krise besteht darin, dass das Geschäft mit Kredit eingebrochen ist. Der Handel mit Kapital ist zum Erliegen gekommen. An eintretenden wie befürchteten Wirkungen stellen unmittelbar Beteiligte wie interessierte Beobachter fest, dass die Dienstleistung des Finanzgewerbes eine andere Bedeutung hat als die Gastronomie und die Gebäudereinigung. Das Versagen dieser Branche unterbindet alles Geldverdienen, legt also die „Marktwirtschaft“ lahm.

2. Die Krise demonstriert ihren Opfern, in welchem Gemeinwesen sie – natürlich jeder nach seiner Facon – es sich gemütlich gemacht haben. Und zusätzlich zur nachdrücklichen Belehrung darüber, dass Geld die Welt regiert – einen entsprechenden Verdacht hatte es immer wieder gegeben –, bietet die ökonomische Katastrophe die nähere Auskunft hinsichtlich der Verwaltungsarbeit, die mit der Herrschaft des Geldes verbunden ist. Die wird von Fachkräften verrichtet, die sich auf die Verwendung des Geldes zum Zwecke seiner Vermehrung verstehen.

3. Wie sie das tun, welche Techniken das Finanzgewerbe zum Einsatz bringt, welch riskante Rechnungen da in Anschlag gebracht werden – darüber und über die elaborierte Terminologie wird jeder zeitungslesende Bürger ausführlich aufgeklärt. Und doch erfüllt die Informationsflut den Tatbestand der Gegenaufklärung, da sie samt und sonders mit dem Interesse am Funktionieren befrachtet ist. Die grundlegenden Leistungen des Handels mit der Ware Kapital werden nicht einmal erwähnt, jede Menge anderer – vermeintlicher wie wirklicher – Leistungen gnadenlos gewürdigt.

4. Dem Staat ist aufgrund der Zerstörung von Kapital aller Art, von dessen Geschäftserfolgen er und wir alle leben, eines klar: Die durch Misswirtschaft stornierten Dienste der Geldinstitute sind eine, wenn nicht die Säule des Allgemeinwohls. Die ökonomischen Potenzen des Finanzgewerbes sind zu erhalten bzw. wiederherzustellen; sie sind zum Gebrauch ihrer Finanzmacht zu befähigen, weswegen sich alle moralische Kritik an den Verfehlungen der Branche bricht an der Schlüsselrolle im „System“ = der ökonomischen Staatsraison. Ihre Rettung erfolgt durch hoheitliche Bereitstellung von Mitteln, zu deren Erwirtschaftung sie ermächtigt sind und gewöhnlich auch fähig, jetzt aber nicht. Darüber hinaus kommt die Erhaltung der „realen“ Reichtumsquellen in den Blick; am Umfang dieser Opfer der Bankenkrise entscheidet sich die Tauglichkeit des Standorts für unseren Wohlstand auf dem Weltmarkt: „Wie gehen wir aus dieser Krise heraus?“ u.ä.

5. Als wären die Widersprüche, die sich im Rettungsprogramm auftun und in Güterabwägungen der grundsätzlichsten wie kleinlichsten Art niederschlagen, nicht Prüfung genug für die Regierenden, leisten die sich mitten in der Katastrophe eine Runde Globalisierung. Sie befrachten die Bewältigung ihrer nationalen Not mit der Tugend, ihren Standort für die internationale Konkurrenz zu rüsten. Die Kosten, Risiken und Wirkungen ihrer Maßnahmen unterwerfen sie dem zusätzlichen Gesichtspunkt, was sie für den Weltmarkt taugen. Außenpolitische Begegnungen – ob turnusgemäß oder extra veranstaltet – stehen unter dem Motto „gemeinsame Bewältigung der Krise“, worüber dann eine offene Auseinandersetzung stattfindet. Die Einheit Europas erfährt eine weitere Absage, jedoch nicht ohne die Perspektive, dass sich mit der sortierenden Wirkungen der Krise auf die Nationen die Einsicht in die Notwendigkeit einheitlicher Regie durchsetzt.
In Rechnung zu stellen sind hier ideologische Übertreibungen, ebenso aber das nationale Schutz- und Rechtsbewusstsein, das sich gegen die „kapitalistische Vernunft“ behauptet. Der Gemeinspruch von den nationalen Alleingängen, Protektionismus etc., die alles nur noch schlimmer machen (1929ff!!), ist schließlich mit gutem Grund das geläufige Wort – eine ökonomische und/oder politische Kenntnis stellt er nicht dar.

Debatte:

Zum Verständnis der 5 Punkte der Vorlage ein paar kurze, nicht erschöpfend ausgeführte Hinweise dazu, was wir an der Weltwirtschaftskrise erklärenswert finden:
Der 1. Punkt handelt über die politökonomische Sachlage. Was erfährt man dazu über Abhängigkeitsverhältnisse in der Ökonomie? Worin besteht die ‚Dienstleistung’ des Finanzgewerbes? Was heißt eigentlich ‘systemrelevant’? – das wären Fragen, mit denen man sich den Stoff erschließen könnte. Es ließe sich auch ein Vergleich mit dem, was Marx über die Krise und ihre Notwendigkeit sagt, durchführen. Bei ihm gibt es für das, was mit ‘systemisch’ gemeint ist, eine Formulierung, die heißt: das Kapital im Allgemeinen. Da ist der Begriff dessen, wie aus Konkurrenzniederlagen eine Krise wird, die über den Kredit organisierte Verallgemeinerung; die Verallgemeinerung dessen, was jedes einzelne Kapital treibt. Er schließt anlässlich der Krise auf den Zusammenhang, in dem die einzelnen Kapitale untereinander stehen, sowohl, wenn sie miteinander konkurrieren, als auch, wenn sie im Kreditsystem miteinander verbunden sind. Die von Marx erschlossene Allgemeinheit des Kapitals, bewerkstelligt durch alle möglichen Verknüpfungen wechselseitiger Abhängigkeit, ist in der jetzigen Krise der selbstverständliche Ausgangpunkt der Sache. Hier fängt es bei der Allgemeinheit an, die Stück für Stück alle Einzelteile mit reinreißt. Sehr kurz gesagt, ist das die objektive Krisenlage.
Punkt 2. Bemerkenswert ist daran, dass die Krise, die diesen ökonomischen Inhalt hat, einen Schluss auf den Zweck hergibt, dem alles Leben in der Marktwirtschaft, jenseits aller privaten Prioritäten der Menschen, gehorcht. Jeder normale Mensch steht auf dem Standpunkt: Geld ist das, was ich damit anfange, zwar immer zu wenig, aber das Mittel der eigenen Freiheit. Was lehrt die Krise? Von wegen: ‚Jeder nach seiner Facon’! Zwei Stufen dessen, worin der Mensch sich in dieser Gesellschaft einrichtet, was seinen freien Umgang mit dem verdienten Geld wirklich bestimmt, sollen angedeutet sein: Das Regime des Geldes über das, was in der Gesellschaft an Produktion und Konsum passiert, findet so statt, dass ein gewisses Gewerbe über das Geld bestimmt, wo es landet, wer es wofür verwendet. Der zweite Punkt ist als die harte Aufklärung, die die ökonomische Sachlage über die Existenzbedingungen in der freien Marktwirtschaft offenbart, gedacht. Dadurch, dass die Bedingung fehlt, dass das Finanzkapital das Geld als Kapital verteilt – Punkt 1 –, wird von der Allgemeinheit des Mangels her deutlich, worauf es in dieser Gesellschaft wirklich ankommt: aufs Regime des Geldes und deswegen auch der Instanzen, die über die Benutzung des Geldes bestimmen.
Punkt 3 beleuchtet diesen Tatbestand von der komplementären Ecke her: Jetzt wird an allem und jedem in der Gesellschaft herumkritisiert. Die Krise ist eine Hochzeit der Kritik. Dabei gibt es sicher keine, die nicht auf das Wiederfunktionieren der Sachen scharf wäre. Dabei sagt niemand, die Krise muss sein, sondern diese Krise musste sein, weil alle möglichen Instanzen Fehler gemacht haben. Diese Notwendigkeiten spielen sich gerade ab, der Bankensektor ist systemrelevant, unentbehrlich, weil er das Kapital im Allgemeinen ist. Die auflebenden Kritik, die immerzu herausfinden will, was sie vergeigt haben, was nicht gut gehen konnte, enthält lauter Funktionsgedanken. Alles, was eine Funktion in dem Gewerbe hat, wird irgendwann zur Krisenursache erklärt, weil es falsch gehandhabt wurde. Vom Interesse daran, amerikanische Menschen in Häusern unterzubringen bis zu unkontrollierten Derivatekonstruktionen mit Kreditversicherungen, vom Versagen des Staates bis zu den gierigen Bankern, alles ist mal als Krisenursache vorgekommen und alles verdankt sich dem Interesse am Wiederfunktionieren.
 — Bei den ersten beiden Punkten und dem, was die Krise den Opfern alles demonstriert, denke ich, dass man das doch schon dazu denken muss, wenn man sich klar machen will, was heißt das Kapital im Allgemeinen.
Man kann auch einfach so denken: Man erfährt, das Finanzkapital kommt mit seinen eigenen Schulden nicht mehr zurecht und die Welthungerhilfe prognostiziert 50 Millionen zusätzliche Hungertote im nächsten Jahr als Folge davon! Was ist da dran? Was fehlt eigentlich, wenn die ihre Derivate streichen und von ihren Zertifikaten eingestehen, dass die Entlehnung aus dem Lateinischen – von wegen Sicherheit – erlogen war? Es fehlt der Industrie an der Fähigkeit, weiter Schulden zu machen. Ein interessantes Problem. Was bleibt dieser Dienstleistungssektor dem Markt schuldig? Noch nicht mal Geld, sondern die Chance, bei ihnen Schulden zu machen! So wird bei uns gewirtschaftet; und das alles bricht zusammen, wenn die Industrie keine Schulden mehr machen kann – höflich ausgedrückt, keinen Kredit mehr bekommt. Das heißt eben, ihnen wird nicht mehr das Recht zugestanden, sich bei denen, die über das Geld der Gesellschaft verfügen, quantitativ ausreichend zu verschulden. Weil die bei sich selbst nicht mehr die Schulden unterbringen können, weil sie offenbar zu viel von ihnen gemacht haben.
Davon hängt das ganze Leben in dieser Gesellschaft ab. Denn woran fehlt es dann dem Rest der Menschheit? Wenn die keine Schulden mehr machen dürfen, fehlt es am Geld als Lebensmittel! Gerade hat man erfahren, man ist von der Verschuldung der Industrie abhängig, die lässt einen dafür gerade stehen, dass man mit seinem Arbeitsplatz die Kreditbedienung seines Unternehmens erwirtschaftet – und dann soll man dafür sein, dass das wieder klappt?! Man merkt, woran die Bedingungen der Existenz in diesem Laden zusammengesetzt sind. Das macht die öffentlich breitgetretene Sorge ums Wiederfunktionieren zu einem verwerflichen Zynismus.
Punkt 4: Die praktische Parteinahme des Staates fürs Wiederfunktionieren. Was ist eigentlich die Intention der staatlichen Maßnahmen, Beispiel Hypo Real Estate? Steinbrück sagt, die Bank müsse verstaatlicht werden, Westerwelle warnt davor. Was kann man daraus lernen; was wollen Merkel und Steinbrück eigentlich retten und wovor fürchtet sich Westerwelle? Die eine Seite rettet die Macht des Sektors über das Geld, übers Schuldenmachen, die andere Seite fürchtet um den privaten Charakter dieser Macht und tut glatt so, als wäre der private Charakter der Bankenmacht ihr wichtiger als das, dass es sie überhaupt gibt. Das ist natürlich gelogen, die Rettung ist allen erst mal wichtiger, sie sind sich sicher, den privaten Charakter bringen sie schon wieder hin. Vielleicht kommt es ja auch für die Funktion des Bankensektors gar nicht so darauf an, dass es immer sofort in privates Einkommen umschlägt. Aber das ist es, worum es geht: die Macht des Sektors retten, indem man ihm seine Bilanzen in Ordnung bringt – damit sie wieder ihre Macht über alle anderen Gewerbe ausüben können, damit die Kreditvergabe wieder produktiv wird. Also ein Bekenntnis zur Produktivkraft der Macht, die in den Bilanzen der Banken begründet ist. Der Konflikt zwischen ‘Macht, aber privat!’ hier dargestellt als einen in der öffentliche Debatte.
Entsprechend wird auf der nächst größeren Ebene Obamas Finanzminister Geithner tätig: Er will den nicht mehr stattfindenden Handel, der den Papieren erst Wert gegeben hat, ersetzen, damit die Banken retten und bekommt das Problem: Was sind die wert? Die staatliche Intervention ist ungeeignet, diesen Schrottpapieren einen kapitalistischen Wert zuzumessen, Banker der angekündigten Rettung entnehmen, einen hohen Preis verlangen zu können. Für weniger rücken sie sie also erst mal nicht raus. Das Drangsal des Staates – das sich als nicht richtig ermittelbarer Preis darstellt – ist ein Indiz dafür, dass der Staat zwar Geld reinpumpen, aber nicht die Funktion des Handels restaurieren kann, damit aus wertlosen Papieren wieder brauchbares Geldkapital wird. Da liegt ein Widerspruch drin.
Dasselbe findet auf der Ebene darunter statt, wenn der Staat anfängt, Autofirmen zu retten, aber bei der nötigen Rettung das schöne Drangsal bekommt, dass der Erhalt der Kapitalanlage mit ihrer Tauglichkeit als Kapitalanlage streitet.
Was sagt also dieser stattfindende Irrsinn über die Gesellschaft, in der wir leben?!
Punkt 5. behandelt die Verrücktheit: Sie werden mit ihrer Krise nicht fertig, Staaten gehen pleite oder stehen kurz davor, das Baltikum steht beim IWF Schlange, und die potenteren Staaten denken an später: Wir wollen stärker aus der Krise herausgehen, als wir hineingegangen sind. Jetzt ist sie noch nicht mal fertig! Dieses imperialistische Auftrumpfen inmitten dessen, dass sie mit ihren Rettungsmanövern nicht reüssieren, hat die zwei Seiten: Es findet eine Sortierung durch die Krise statt, da scheiden sich die mit von denen ohne Überlebenschance – siehe Hungertote. Die Staaten, die es sich leisten könnten, setzen auf die Unterschiede, die sich sowieso herstellen, und beabsichtigen, damit aufzutrumpfen. Ein schönes Beispiel dafür, dass die immer nur das eine denken. Es kann passieren was will, sie denken an ihre Macht und wie sie die vergrößern: Wenn die einen fallen, stehen sie umso besser da. Da wird sich doch was draus machen lassen, wenn die neuen EU-Mitglieder schwanken – was, wissen sie noch nicht, aber dass die Welt zukünftig mehr nach ihrer Pfeife tanzen soll, ist klar. Die Chinesen wollen sie benutzen, die sollen jetzt bei unserem Mittelstand ordentlich einkaufen und die Abu Dhabis sollen mit ihren Ölmilliarden bei uns alles kapitalisieren – natürlich möglichst ohne, dass sie etwas zu sagen haben sollten. Wenn die mit ihren Riesenkrediten den Internationalen Währungsfonds retten, hat das sofort die andere Seite: Man muss vorsichtig sein, dass die nichts durcheinander bringen.
Auch diese imperialistische Seite wäre eher in die Richtung zu besprechen, was das über diese Welt sagt, als immer einschätzen zu wollen, was wohl daraus wird.