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1. Der Amoklauf in Winnenden
Zu der derzeitigen öffentlichen Diskussion gibt es kein Argument,
das nicht auch schon im Artikel GegenStandpunkt 2-02
(Der Amoklauf in Erfurt)
irgendwo vorkäme, aber gerade bei Erklärungen wie in diesem
Fall kommt es darauf an, dass man sie in die richtige Reihenfolge
bringt, nicht zu früh aufhört und keine Kurzschlüsse
macht – und da ist allerdings einiges in der öffentlichen
Diskussion zu beklagen.
Wie immer bei Anlässen dieser Art fühlen sich Kritiker aller
Art aufgerufen: Gesellschafts- und Schulkritiker und ein gar nicht so
blöder Gewaltkritiker in der SZ, sogar ein paar schüchterne
Stimmen gegen die Schützenvereine sind laut geworden. Viele sind
darauf gekommen, dass es kein Wunder ist, dass sich so etwas in der
Schule abspielt, weil sie als Vorbereitung auf die bürgerliche
Konkurrenzgesellschaft eine ziemlich harte Angelegenheit für die
nachwachsende Generation ist, die vermittels der Schule auf ein Leben
in dieser Gesellschaft vorbereitet und eingewiesen wird. Da wird viel
über den zu großen Leistungsdruck geklagt, dem die Kinder
ausgesetzt seien. Diese Schulkritik hat zwar gemerkt, dass es nicht
einfach um Vermittlung von Wissen und Können geht, sondern um
Wissen und Können als Material einer Leistungsbeurteilung, weshalb
dann immer der Ratschlag folgt, man solle es damit nicht
übertreiben. Das ist eine Verharmlosung, denn es kommt beim
Schulunterricht nicht auf die Leistung, sondern auf den
Leistungsvergleich an, und dass immer welche nicht mitkommen, ist nicht
ein Nebenprodukt der Überforderung, sondern der Zweck der
Veranstaltung – es sollen ja nicht alle solange traktiert werden, bis
sie einen gewissen Leistungsstandard erreicht haben, sondern es sollen
Unterschiede an den Kindern hergestellt werden zwecks Vorbereitung auf
die Gesellschaft mit ihrer Hierarchie der Berufe und Positionen, auf
die sie verteilt werden. Es findet eine Vorsortierung statt für
das Unterscheidungswesen, das die bürgerliche Konkurrenz mit ihnen
veranstaltet. Dieser Zweck wird ungern genannt und schon gar nicht von
deren Akteuren, weil dieser Widerspruch: Wissen und Können als
Mittel für Leistung, schon groß genug ist für einen
normalen Lehrer. Dessen Ethos – schulbehördlich auch abgesegnet –
besteht in der Umdrehung, dass die Leistung, die er ihnen abverlangt,
funktional dafür sei, dass sie später einmal was wissen und
können. Das verhindert aber den gar nicht so schwierigen
weitergehenden Schluss, dass solch ein Verhältnis von Wissen und
Können zu Leistung, wo dann immer wieder einmal eine
Überforderung stattfindet, nicht der Witz an der Schule ist,
sondern dass es allein darum geht festzustellen, für welchen Teil
der Schüler sich die Anforderung als Überforderung
herausstellt.
Der zweite Gedanke in dieser Abfolge, der dem ersten – die Wahrheit der
Überforderung – sehr nahe ist, hat auch zu tun mit dem oben
erwähnten Ethos: Dass Differenzen das Resultat der Anstrengungen
von Lehrern und Schülern sind, ist kein Geheimnis. Dass es um sie
geht, wird nicht so gerne akzeptiert, oder wenn doch, dann unter dem
dubiosen Motto, dass diese ja nicht von der Schule hergestellt, sondern
nur ermittelt würden. Denn das seien die Differenzen, die die
Schüler aufgrund von Anlage und Umwelt schon in die Schule
mitbringen würden. Es sei also nicht Inhalt der Schulbildung, eine
Vorsortierung vorzunehmen, sondern jedem das Seine als Ergebnis seines
Ausbildungswerdegangs zu offerieren und die Unterschiede zum Tragen zu
bringen, die letztlich schon an den Kindern dran seien. Das
Eingeständnis, dass es Unterschiede gibt – für die man auch
letztlich ist –, ist nie direkt parteilich dafür, dass es Herr und
Knecht, oben und unten in der Gesellschaft geben muss, sondern es ist
eingetaucht in das Ethos, dass man so den unterschiedlichen Begabungen
der Kinder gerecht würde. Auch die Kritik: Da lässt die
Schule schwer zu wünschen übrig, walzt manche Begabungen
nieder und vereinseitigt andere, gehört zu diesem Ethos dazu und
ist nie ein Widerruf der Idee, dass es eigentlich um Ermittlung und
nicht um Herstellung von Unterschieden ginge, weshalb diese immer in
einer idealisierten Fassung auftauchen (das Lebensglück des einen
liegt im Gärtnerberuf, des anderen mehr im Heilen und Helfen als
Arzt ...).
Der dritte Gedanke, der sich von der gängigen Kritik an der Schule
abhebt, ist: Die Wahrheit dieses Vorgangs, von dem immer behauptet
wird, dass er nur das herauskitzle, was die Schüler sowieso
ausmacht, besteht darin, dass sie genötigt werden, sich selber mit
ihrem Willen, ihren Fähigkeiten und Interessen zu behandeln als
Werkzeug für das, was in der Schule von ihnen verlangt wird. Die
Konkurrenz ist nie eine Sache, der der Mensch nur ausgesetzt wird,
sondern eine, die er gezwungen ist zu betreiben – er muss sich die
Bewährung in ihr zur Aufgabe machen, sich dafür
instrumentalisieren und letztendlich mit dem, was ihn sonst noch
ausmacht an Vorlieben und Bedürfnissen bis hin zur Einteilung der
Schlaf- und Freizeit, kalkulierend umgehen. Die
Selbstverständlichkeit der Konkurrenz: Mach dich zu deinem
Instrument – du bist dein Werkzeug!, wird da als Praxis eingeübt.
Für einen ‚Normalbegabten’ ist das Sich-Bewähren in der
Schulkonkurrenz eine Anstrengung, die meist begleitet wird von der
anderen, das Ganze so zu praktizieren, dass man da noch irgendeinen
Punkt des eigenen Interesses auffindet. Den Zynismus: Dann mache ich
eben 13 Jahre lang bis zum Abi Konkurrenzkampf, bringt einfach keiner
hin. Stück um Stück wird einem abgenötigt, darauf zu
verzichten, die Momente von Können und Wissen, an denen entlang
das Ganze ja exekutiert wird, als Sache zu betrachten, die um ihrer
selbst willen betrieben wird. Zwar ist Letzteres von den Lehrern
durchaus erwünscht und wird gefördert, aber – abgesehen
davon, dass solch ein bestimmtes Interesse ziemlich bald ‚den Rahmen
des Unterrichts sprengen’ würde – es gelingt nur den relativ
wenigen Figuren, denen die in der Schule abverlangten Leistungen mehr
oder weniger leicht fallen. Jemandem, der er schafft, den
Unterrichtsgegenstand mit eigenen Interessen zusammenzubringen, muss
also nicht unbedingt der Spaß am Lernen vergehen durch den
dauernden schulischen Leistungsvergleich. Aber das ist eben nicht das
Gros – das gehört ja gerade zur Ungerechtigkeit der Konkurrenz mit
dazu.
Der vierte Gedanke: Die Schulzeit ist keine Konkurrenzveranstaltung,
der man am Vormittag ausgesetzt ist und ansonsten ein anders
definiertes Leben führt, sondern Schüler zu sein ist eine
ziemlich umfassende und abschließende Definition, der der Mensch
viele Jahre lang unterliegt. Analog zum Berufsleben, wo die Frage: „Was
machst Du?“ auch immer meint: „Welche Konkurrenzveranstaltung bestimmt
dein Leben?“, ist der Schüler rund um die Uhr mit der Einteilung
seiner Arbeits- und Freizeit, mit der Sortierung seiner Vorlieben und
Interessen, mit der Ausrichtung seines Willens beschäftigt. Das
ist die faktische, täglich praktizierte Allgemeinheit der
schulischen Konkurrenz und die hat einen ziemlich umfassenden
Charakter. Sie bestimmt die gesamte Lebenswelt des Schülers bis
hin zum Cliquenwesen im jeweiligen Ausbildungszweig samt dem
dazugehörenden Selbstbewusstsein.
Dieser objektiv umfassende Charakter des Sich-Einrichtens in der
schulischen Konkurrenz ist die Grundlage für den psychologischen
Übergang, dass sich der Schüler mit dem, was er da treibt,
identifiziert und das, was er so treibt, auch gewürdigt wissen
möchte – das ist also das Moment von Anerkennung, um die es dem
Menschen in der Konkurrenz geht. Insofern ist die Schule
gewissermaßen ein Abbild der Gesellschaft, in der ein Mensch dann
Anerkennung erfährt oder nicht – er ist anerkannt als Person, als
das, was er willentlich und begabungsmäßig aus sich macht.
Das ist dieser eigentümliche, aber total gewöhnliche Umschlag
von Konkurrenz um den Erfolg über den Gedanken: „Den habe ich mir
selber zu verdanken. Ich muss mich dafür anstrengen und
instrumentalisieren“, und den nächsten Zwischengedanken:“ Was aus
mir wird und auf welcher Hierarchiestufe ich in und nach der Schule
lande, liegt letztlich an mir“, zu dem: „Hier entscheidet sich
überhaupt mein Wert.“ Die pädagogische Parole: „Du bist ein
wertvoller Mensch, egal, wie deine Noten sind“, ist ein Reflex darauf,
dass das Abschneiden in der schulischen Konkurrenz den Menschen nicht
nur objektiv ziemlich absorbiert, sondern über den
Zwischenschritt, dass er über die Schule den Wert seiner
Persönlichkeit ermitteln und sich in ihr bewähren soll, zu
dem Standpunkt führt: „Darin entscheidet sich meine Anerkennung,
in der und durch die Gesellschaft.“ Das ist der feine Umkipper vom
Kampf um Erfolg in der Gesellschaft zum Kampf um Anerkennung durch die
Gesellschaft. Vom Schulerfolg hängt mehr oder weniger das ganze
spätere Leben ab, aber in diesem Übergang zur Konkurrenz um
Anerkennung wird er so behandelt, als sei er nur ein Bestandteil der
Anerkennung der tüchtigen Persönlichkeit, um die es
eigentlich ginge.
Es gibt niemanden, der sich an diesem Übergang nicht abarbeitet –
vielleicht noch am wenigsten die in der Schule Erfolgreichen, weil da
die Anerkennung durch die Schule mit ihrem Selbstwertgefühl
schön zusammenfällt. Aber auch einen 1-er Schüler
lässt der Streber-Vorwurf nicht kalt, weshalb er auch in anderen
Sphären als der Notenkonkurrenz die Vortrefflichkeit seiner Person
unter Beweis zu stellen sucht. Wie sehr der Mensch unter die
Bedingungen der Konkurrenz subsumiert ist, zeigt sich daran, dass
dieses Bestehen darauf, dass man auch außerhalb der schulischen
Konkurrenz ein anerkennenswertes Mitglied der Gesellschaft sei, sich
nie anders äußert als in der Eröffnung eines anderen
Feldes der Konkurrenz, wo man also den Leistungsvergleich zu seinen
Gunsten entscheiden kann. So und nur so wird die (Nicht)Anerkennung,
die dem Schulerfolg beigemessen wird, relativiert.
Dass eine Note mehr ist als eine (mehr oder weniger) objektive
Beurteilung einer Leistung, merkt man daran, wie sehr sie von den
Betroffenen als Urteil über ihre Persönlichkeit genommen
wird. Da tut sich ein ganzes Spektrum des Umgangs mit ihr auf: Die
einen – i. d. R. die Erfolgreichen – nehmen die Anerkennung, die in der
Note ausgesprochen wird, als Anerkennung ihrer Person, akzeptieren sie
als Lohn für ihre Anpassungsleistungen in der Gesellschaft und
sind dann stolz darauf, dass sie gute Schüler sind. Das Spektrum
geht über alle möglichen Zwischenstufen bis dahin, dass man
dem Urteil der Schule – gerade, weil es ein Urteil in Sachen
Anerkennung der eigenen Person ist – seinerseits die Anerkennung
verweigert und diese in alternativen Sphären sucht. In der Note
wird das Resultat des Vergleichs, dieser Anstrengung, der sich die
Schüler da unterwerfen, bewertet. Das ist was anderes als: diese
Anstrengung wird selber als Wert einer Persönlichkeit genommen.
Die Wertschätzung, die jemand erfährt, wird
ausschließlich in die Bewährung in der Konkurrenz gelegt.
Diese Konkurrenz um Anerkennung, die teils in der Schule, teils
alternativ zur Schule stattfindet, ist aber auch dann immer auf sie
bezogen als Kampf um eine Gemeinschaft – Anerkennung ist ja immer ein
Gemeinschaftsakt – und gibt noch nicht den Übergang zum Amoklauf
her. Ein Übergang Richtung Amoklauf ergibt sich aber dadurch, dass
ein Mensch angesichts der Nicht-Anerkennung, die ihm immer wieder
widerfährt, darauf besteht, dass er doch ein Recht darauf
hätte, Anerkennung zu finden. Es ist nicht unwesentlich, ob ein
Abiturient die Schule als Feld eines wenigstens teilweisen Erfolgs
inklusive einiger Enttäuschungen und Misserfolge hinter sich
lässt oder ob er den Übergang dazu macht, alle Momente der
Nicht-Anerkennung – gleich, ob wirklich erlebt oder eingebildet – als
Verweigerung einer Anerkennung zu interpretieren, die ihm
zustünde. Das zweischneidige Lehrer-Lob „Du bist wertvoll“ ist ein
Hinweis darauf, was für eine moralische und psychologische
Bedeutung der Schulerfolg tatsächlich hat, so dass die Schule
neben dem, dass sie die Leute so selektiert, gleichzeitig meint, Trost
spenden zu müssen, damit nicht einer durchdreht und meint, er sei
wirklich nur das, was die Noten über ihn aussagen. Die Schule
reagiert also darauf, dass einer über das Maß an
(Nicht)Anerkennung, das er in der Schule erfährt, enttäuscht
ist, und diese Enttäuschung soll aufgefangen, nicht zugespitzt
werden. Das obige Lob ist die pädagogische Beschwichtigung, die
dem enttäuschten Anerkennungsbedürfnis nachgereicht wird. Es
ist schon eine Glanzleistung, wenn Pädagogen hinterher die Schule
als Einrichtung ermahnen, sie sollte mit ihren Noten das
Selbstwertgefühl der Schüler nicht zerstören. Denn dies
ist vielmehr der Hinweis darauf, wie erfolgreich die Schule die Kinder
unter ihre Erfolgskriterien subsumiert hat.
— Jeglicher Trost setzt
das Anerkennungsbedürfnis voraus.
Es ist zweifelhaft, ob es solche Knalltüten gibt, die bei der
Verabschiedung nach obiger Art auf den Gedanken kommen, dass man ihnen
die Anerkennung, auf die sie meinen, ein Recht zu haben, vorenthalten
hat. Wichtig ist, es gibt diesen Übergang, die Nichtanerkennung,
die einem in der Schule widerfährt, als Verweigerung einer
Anerkennung zu interpretieren, die einem zusteht. In der Regel wird
dies an einzelnen Lehrern festgemacht, die einen irgendwie nicht recht
leiden können, nicht aber an der Institution. Kein Amokläufer
war je schlau genug, seinen Amoklauf im Kultusministerium anzufangen,
geschweige denn im Parlament oder beim Grundgesetz. In
rückblickenden Abrechnungen mit der Schule ist dieser
Übergang selber auch noch ziemlich allgemein.
Die Lehrer sind selber auch nicht viel besser. Wie sollen die es denn
hinbekommen, die Schüler immer nur nach Leistung zu beurteilen, wo
sie sich doch selber daran abzuarbeiten haben, dass es gar nicht um
Leistung, sondern um die Herstellung von Leistungsunterschieden geht?
Dies legen sie sich zurecht als eine Art und Weise, wie sie dem
Schüler gerecht werden. Dauerhaft daran zu zweifeln, dass man als
Lehrer dieser Aufgabe nie gerecht werden kann, ist nicht auszuhalten.
Mit der freien Entscheidung, was sich ein Mensch als Verweigerung einer
Anerkennung durch einen anderen zurechtlegt, eröffnet er eine neue
Sorte Konkurrenz, einen Kampf um Anerkennung, ganz gleich auf welchem
Feld. Diese Felder haben schon mit dem Umkreis der Schule als
Lebenswelt zu tun, aber nicht mehr unbedingt mit den Noten; sogar eine
polemische Stellung zu den Noten ist drin. Hier liegt ein qualitativer
Übergang vor, vom Kampf um Erfolg zum Kampf um Anerkennung. Dass
diese ganz entscheidend an den Schulnoten und an der Würdigung
durch die Lehrer hängt, ist in den objektiven Verhältnissen
eines Schulalltags inbegriffen. In die Freiheit der Betroffenen
fällt es, dies zu all den anderen Feldern der Konkurrenz um
Anerkennung zuzuordnen, die sich alltäglich in der Schule
abspielt. Weil man weiß, dass die Lehrer eine Autorität
sind, an deren Urteil nicht bloß die Note als solche, sondern
auch eine gehörige Portion Anerkennung hängt, gibt es das
unausrottbare Bedürfnis, den Lehrer lächerlich zu machen.
Der Mensch ringt neben dem, dass er sich um gute Zensuren bemüht,
tagaus tagein um Anerkennung; er macht seinen Willen praktisch, was die
Erfüllung der Leistungsanforderungen betrifft, und bemüht
sich, auf welchem Feld auch immer, moralisch um ein Mindestmaß an
Applaus – und wenn schon nicht um Applaus, dann um Respekt, den man
sich z. B. auch durch eine Keilerei erwirken kann. Dieser Mensch
erbringt die moralische Anspannung seines Willens – in der Schule und
um sie herum. Dies ist die Grundlage für den Übergang dazu,
dass man die Nichtanerkennung, die man ja laufend auch erfährt,
als eine Sache des bösen Willens der anderen nimmt, als
Verweigerung. Das kann im Einzelfall sogar stimmen. Von der Konkurrenz
um Anerkennung dazu überzugehen, diese als sein Recht
einzufordern, hat das Zeug zur Zuspitzung in sich, denn zumeist hat
derjenige dann schon eine genaue Vorstellung davon, wer ihm diese
Anerkennung verweigert. Hier liegt der Übergang zum Gedanken an
Rache, wobei der Rachegedanke deutlich weiter verbreitet ist als seine
Realisierung. Diese letzte ist dann eine Frage, wie sehr sich einer
darunter subsumiert, borniert, alle anderen Berechnungen im Alltag
beiseite lässt. In diesem Bereich der Befangenheit herrscht
Freiheit.
Die Überlegungen eines Selbstmörders haben den Idealismus der
Rache zum Inhalt: „Wenn ich dann weg bin, dann merken die anderen erst,
was ihnen fehlt. Sie sollen merken, wie sehr sie mir Unrecht getan
haben.“ Das ist eine sehr defensive Art der Rache, deswegen aber auch
sehr beliebt. Der Täter selber reflektiert seine Tat durchaus
etwas anders, er will seine Rache selber genießen. Für die
meisten reicht allein schon diese Vorstellung.
Liest man den o. a. Artikel über den Amoklauf in Erfurt, ist
festzustellen, dass in der öffentlichen Reaktion das Moment von
Kritik offenbar noch ziemlich vorherrschend ist. Diese Kritik hat
Gedanken nur in verharmlosender Fassung zum Inhalt, nämlich so,
dass alle hier jetzt angesprochenen Übergänge vorkommen
können, dann aber an jeder Stelle gesagt wird, dass da die
Verantwortlichen versagt haben. So wurde z. B. in Erfurt gefragt, ob es
denn sein müsse, dass – wenn einer zweimal vom Abitur
zurückgestellt wird – er nie wieder eine Chance auf ein Abitur
habe... Heute findet sich in der öffentlichen Meinung, nachdem die
Arien der Fragen nach der Schuld vorbei sind, der Standpunkt, dass an
all dem die gesellschaftlichen Instanzen nicht schuld sind. Es ist wie
das Bedürfnis, noch etwas Antikritisches sagen zu dürfen. Was
will der Gedanke, dass man diese Angelegenheit nicht erklären
könne und man sich deshalb der Trauer hingeben können soll,
positiv sagen? In dem Trauer-Artikel in der SZ ist der Übergang
ins Fromme zu finden. Die alten Kirchenkritiker haben gesagt, der
Glaube ist die Zuflucht der Unwissenheit – wenn man nicht weiß,
was los ist, denkt man sich einen obersten Chef, der alles irgendwie
deichselt. Hier hat man gar nicht den Glauben als Zuflucht der
Unwissenheit, sondern die Forderung, man solle sich gefälligst
unwissend dazu verhalten, damit die Forderung nach dem Glauben
plausibel wird.
— Was ist der Wert eines
Menschen? Das ist doch die Anerkennung seiner Existenz, dass er sein
darf.
Was ein Mensch meint, was er ist, was er von sich selber hält und
was die Welt von ihm halten soll: das ist doch mehr als nur, dass er
überhaupt existieren darf. So, wie er in dieser Welt steht, sich
in ihr bewährt, ist er etwas wert, so sieht er sich. Das ist es,
was er sich willentlich zum Inhalt seines Konkurrenzstrebens nimmt; das
ist einerseits das, was ihm vorgegeben wird, andererseits auch das, was
man sich willentlich, auch willkürlich als Feld der Bewährung
aussucht.
Was ist das für eine Angelegenheit, wenn bürgerliche Subjekte
ziemlich frühzeitig gelernt haben, auch dazu erzogen worden sind,
dass sie sich in einem Konkurrenzkampf um Anerkennung befinden. Alles,
was verlangt wird oder sie sich einbilden, was sie selber von sich
verlangen, wird zum Feld der Demonstration, dass sie in der Welt etwas
darstellen und die ihnen etwas schuldig ist. Die Welt ist da als die
Instanz anerkannt, die darüber urteilt. Beim Recht auf Anerkennung
ist es so, dass derjenige unterstreicht, er weiß, was er ist,
also auch weiß, was die Welt ihm an Anerkennung schuldet. Er
hält das eigene Urteil über sich – egal wie erfunden – fest
und weiß dann, dass die Welt ihm das schuldig ist. Und
normalerweise ist die Welt dann ein einziges Sammelsurium von Leuten,
die ihm genau dies schuldig bleiben. Das ganze Selbstbewusstsein eines
Menschen, der in der bürgerlichen Welt steht, bedeutet also mehr.
— Ich habe vorhin die
Grundidee gemeint, dass der Mensch einen Wert habe, und dies als
Grundlage für dieses ganze Thema angesehen.
Nein, dann ist man im Bereich der Ideologen, die daraus ein
menschenrechtliches Prinzip verfertigen, und dies ist etwas anderes als
das, wie bürgerliche Menschen ticken. Dieses Prinzip ist eine
Übertreibung davon: Theoretiker machen sich darüber her und
sagen, der Mensch wäre jenseits dessen, was er leistet, doch als
Mensch anerkennenswert. Dies ist eine Sumpfblüte des
bürgerlichen Egalitarismus. Es gehört zum Selbstbewusstsein
der Gesellschaft, dass sie, gerade weil sie die Leute nach Leistung
gnadenlos sortiert, sich daneben das Ideal hält, dass es darauf
letztlich gar nicht ankäme. Das ist dieser bürgerliche
letztlich-Gedanke. Aber für den, der in dieser Konkurrenz befangen
ist, ist es nicht das Letztlich, was noch übrig bleibt, wenn alles
andere kaputt geht, sondern da ist es das, wofür man das alles
doch veranstaltet. Wo sich der Einzelne seine Anerkennung sucht, liegt
in seiner Freiheit.
Hegel hätte sich in Sachen Anerkennung so ausgedrückt: Die
Suche nach Anerkennung ist eine Stufe bei dem, dass der Geist zu sich
selber kommt, und die Konkurrenz ist eine defizitäre Form der
Suche um Anerkennung, die in einem kooperativen Staat seine bessere
Ordnung bekommt. Hier steht dann alles auf dem Kopf. Die Idee der
Anerkennung als Rechtsperson ist, vom Begriff des Rechts her
gesprochen, die rechtliche Fassung der Konkurrenz. In der Praxis sind
die Menschen in die Konkurrenz gestürzt. Dass die natürlich
von A bis Z rechtlich verfasst ist, ist klar. Aber dieses Befangensein
in der Konkurrenz, die Nötigung, schon als Schüler diese
ganze Ochsentour durchzumachen, ist die Sache. Die Anerkennung soll die
Quintessenz sein aus der Bewährung in der Konkurrenz und nicht
einfach das Absehen davon und das Zurückführen auf diese
leere Abstraktion, dass der Mensch, wenn man alles andere weg
lässt, aber immer noch eine Würde hat. Dies ist eine leere
Anerkennung, der einzelne Mensch verlangt aber eine, die aus dem
Umkreis seiner Lebensverhältnisse entspringt. Diese Quintessenz
kann auch Ehre genannt werden. Da führt sich der Mensch auf wie in
einem Stand.
Man darf die Prinzipien, wie man den Staat erklärt, von welchen
Abstraktionen her der Staat seine Gesellschaft ordnet, nicht nehmen als
einen Standpunkt, auf den der Einzelne am Ende quasi zurückfallen
könnte. Nicht nur, dass er den nicht kennt, weil er ja gerade
darin befangen ist, ihn zu exekutieren, sondern er arbeitet sich auch
in der Konsequenzenmacherei vom Prinzip der Sache immer weiter weg.
— Z. B. wenn sich
jemand verletzt fühlt, weil ihn der andere durch seinen Blick
entwürdigt hätte. Bei einem, der dann zuschlägt, ist
unterstellt, dass er sich eine Sphäre der Anerkennung und
Bewährung in der Konkurrenz ausgesucht hat, die im Bereich der
körperlichen Gewalt liegt; im Bekanntenkreis spielt er den
großen Macker. Dies macht er besonders gern, wenn ein Publikum
vorhanden ist. Deswegen kann man nicht sagen, dass er eine leere
Abstraktion seiner persönlichen Würde vor sich her
trägt, die er dann verteidigt.
Dies ist eindeutig ein Fall von Selbstjustiz in Sachen Recht auf
Anerkennung. Darin stecken allemal die vorher schon erwähnten
Erfahrungen und Schlüsse, wie er sich in der Konkurrenz
bewähren will; hier eine weniger höfliche Art davon:
Anerkennung wird erkämpft, es wird sich Respekt verschafft. Diese
Vorstellung von Ehre, die er aus seinem bisherigen Leben mitgebracht
hat, braucht gar nicht mehr die Erfahrung zu machen, dass einer ihm
diesen Respekt verweigert, sondern er ist darauf scharf, für sich
dieses Recht zu vollstrecken. Die Ökonomie dieses Verhaltens
besteht darin, dass jemand den Anspruch auf Anerkennung praktiziert
haben will, ihm jemand diese tatsächlich entgegenbringt. Der Punkt
ist da, man sucht dadurch Anerkennung zu erfahren, dass die
Gesellschaft einem bestätigt: man ist wer. Das ist die Logik der
Provokation. Provoziert wird ein Respektserweis.
Man sollte sich vor Kurzschlüssen derart hüten, dass die
Looser in der Notenkonkurrenz die potenziellen Amokläufer seien.
Auch die haben sich eine Welt der Konkurrenz, die selbst aus
verschieden Stufen besteht, dazwischen aufgemacht. Am aktuellen
Beispiel gehörte es zu den kleinen Gemeinheiten der Besprechung
festzustellen, dass der Täter ja sogar einen Abschluss und eine
Lehrstelle hatte, als wäre bei einem Durchfaller der Übergang
zur Gewalt klar. Es gibt auch Urteile über die Schulkonkurrenz,
die heißen: Das sind ohnmächtige Opfer der Konkurrenz, wobei
das in der Stufenfolge erklärte Moment der Selbstbeteiligung
entfällt. Es ist vielleicht ihr Urteil, dass sie jetzt mal zum
Machtausüben berufen sind, aber das ist nicht die Wahrheit der
Konkurrenz. Auch andere Fehlschlüsse kommen aus dem
Nichtauseinanderhalten dieser Stufenfolge. Es wird ein Bild der
Konkurrenz aufgemacht, als sei das keine um Noten mit
Leistungsvergleich, sondern gleich eine mehr auf moralischem Feld; als
ginge es nur darum, sich als großer Max aufzuführen und
andere schlecht zu machen. Das ist die Vermischung der Ekligkeiten der
Anerkennungskonkurrenz mit dem, was die Schule selbst als Konkurrenz
veranstaltet.
— Die Bezeichnung als
Opfer ist inzwischen ein Schimpfwort geworden. Einem wird vorgeworfen,
sich zum Opfer machen zu lassen. Nicht Looser, sondern sich zum Opfer
zu machen ist das Schlimmste, was man einem nachsagen kann.
Das ist nicht alternativ, sondern es gibt in einer Gesellschaft, die
seit Jahrzehnten psychologisch indoktriniert ist, Lerneffekte.
Irgendwann war die Unterscheidung von Loosern und Gewinnern eine
große Entdeckung, dann wurde entdeckt, auch im Looser stecke was
Wertvolles, später folgte die Entdeckung, wer sich bloß als
Looser abstempeln lässt, dem geschieht recht. Nur als Opfer
definiert zu sein, ist sein Fehler, er soll sich auf das besinnen, was
in ihm steckt. Die Pädagogik mahnte die Schule, den Kindern
Selbstwertgefühl beizubringen. Das ist wie eine Antwort auf die
Entwicklungsstufe des psychologisierten Selbstbewusstseins. Da gab es
Fortschritte der psychologisierten öffentlichen Moral. Solche
Übergänge sind weitere absurde Unterübergänge in
der Psychologie des Anerkennungsstrebens.
— Die Psychologie tut so,
als würde sie zu dem Konkurrenzgewese eine Methodologie des
glimpflichen Zurechtkommens bieten.
Die Technologie des Zurechtkommens wird den Betroffenen selbst und v.
a. den Betreuern offeriert. Jetzt sind sie damit beschäftigt, die
Trauer zu betreuen, das stiftet Gemeinsamkeit.
— Zum Thema
Computerspiele: Was ist am Spiel selbst dran und welchen Genuss findet
ein Amokläufer, der sich in einen Rachegedanken reingesteigert
hat, in dem Spiel? In den Spielen hat man das Moment der
Geschicklichkeit und dass man sich darin bewährt, Strategien zu
entwickeln, wie man möglichst viele, schnell und grausam umbringen
kann. Ein Spiel ist umso besser, je realistischer die Darstellung ist.
Die Diskussion darüber schwankt um die beiden Aussagen, einmal: es
ist ja nur ein Spiel, oder: es ist Gewalt.
Die können lange streiten, weil es beides ist. Ist „Mensch
ärgere dich nicht“ eine Entspannung, oder regt es auf – na wenn es
schon so heißt, gewaltfrei ist das nicht. Und nun erwägen
sie an den neueren Spielen auf immer höherer Stufenleiter: Fluch
oder Segen?! Dass die Spiele immer gewalttätiger und immer
realistischer würden, kann man hinterfragen. Es wird doch eine
Fantasiewelt ausgemalt. Man wird aktiver Teil, aber in der Fantasie.
Was ist ein Videogame gegen ein Fußballspiel in der Bezirksliga,
bei ersterem bekommt man zumindest keinen Beinbruch durch die
„Blutgrätsche“ des Gegners beigebracht. Die Fantasie und die
Exekution von Gewalt sind ziemlich äquivalent. Da kann man bei
allem fragen: Ist das Entspannung oder Scharfmacherei – wenn
Zufriedenheit erst nach der Keilerei im Eishockey eintritt –, das sind
eben die Vergnügungen des in der Konkurrenz befangenen
Individuums.
Es ist doch kein theoretisches Problem, sondern immer das
Verhältnis von einem Gewaltübergang und daneben einer Welt
der spielerischen Bedienung von solchen Bedürfnissen. Das wird
immer ins Verhältnis zueinander gesetzt: Ist das eine der Grund
fürs andere? Das wirkliche Verhältnis ist, dass man so etwas
auch vergnüglich machen kann. Psychologen debattieren dabei
über Triebabfuhr, diese könne auch nützlich sein, weil
sie sich da austoben können und es nicht in der Realität
machen müssen. Sie rechnen damit, dass so ein Bedürfnis
immerzu in der Welt ist, und stellen Ursache und Wirkung auf den Kopf.
— In dem SZ-Artikel mit
der Überschrift: „Verletzte Ehre, … über die Versuche,
Amokläufer nicht zu verstehen“ (Th. Steinfeld, 13.03.) waren ein
paar richtige Punkte gegen die psychologische Erklärung des
Amoklaufs. Da gab es zu den Computerspielen das Argument, man
müsse nur Krimis anschauen, es geht überall in der
Gesellschaft gewalttätig zu. Aber da ist auch unterstellt, ein
Amokläufer braucht ein Vorbild; zur Umsetzung muss dazukommen,
dass er die Gewalt irgendwo sieht oder lernt.
Natürlich haben sie lauter Beispiele, aber nicht ausgerechnet in
Krimis oder Spielen, das Leben bietet sie alltäglich. Gewalt in
ihrer rechtlichen Form macht den Alltag der Konkurrenz aus. Die
Vergnügungsindustrie ist der Multiplikator der
Selbstverständlichkeit, dass die Vollstreckung eines Rechts
allemal eine Gewaltfrage ist. Davon leben auch die Computerspiele,
sogar dann, wenn einer sich den Luxus leistet, mal zu den Bösen
gehören zu wollen. Das ist auch das Spiel mit der
Selbstverständlichkeit, nichts schöner als gerechte Gewalt,
weil die nun mal das Mittel der Gerechtigkeit ist und nur dieser Seite
zusteht, aber von ihr auch gebraucht wird, weil die andere Seite sich
ungerechterweise auflehnt. Wenn man sich die Freiheit nimmt, die
Kriterien einmal auszutauschen und zu den herrschenden
Gerechtigkeitskriterien ein ablehnendes Urteil zu fällen, weil man
bei denen schlecht abschneidet, sich dagegen lieber seine eigene Welt
der Anerkennungssuche macht, kann man auch in diesem Zirkus der Gewalt
des Verbrechers allemal was abgewinnen. Das geht wieder in die
psychologische Verarbeitung, für die die Öffentlichkeit mit
ihrem Unterhaltungsangeboten ein wichtiges Vehikel ist.
Die ganze Debatte über die Wirkung von Umwelt, Videospielen usw.
lebt da wieder von einem abgrundtiefen Verständnis für die
Grundlage, dass ein Mensch mit Gewaltfantasien herumläuft. Wie man
an sich selbst merkt, kann man Krimis auch mal genießen, ohne
sich was grundsätzlich Falsches daraus zu drehen.
2. Weltwirtschaftskrise
Vorlage zum 2. Punkt
Der „Gegenstandpunkt“ zur
Weltwirtschaftskrise 3/09
1. Die Krise besteht darin, dass das Geschäft mit Kredit
eingebrochen ist. Der Handel mit Kapital ist zum Erliegen gekommen. An
eintretenden wie befürchteten Wirkungen stellen unmittelbar
Beteiligte wie interessierte Beobachter fest, dass die Dienstleistung
des Finanzgewerbes eine andere Bedeutung hat als die Gastronomie und
die Gebäudereinigung. Das Versagen dieser Branche unterbindet
alles Geldverdienen, legt also die „Marktwirtschaft“ lahm.
2. Die Krise demonstriert ihren Opfern, in welchem Gemeinwesen sie –
natürlich jeder nach seiner Facon – es sich gemütlich gemacht
haben. Und zusätzlich zur nachdrücklichen Belehrung
darüber, dass Geld die Welt regiert – einen entsprechenden
Verdacht hatte es immer wieder gegeben –, bietet die ökonomische
Katastrophe die nähere Auskunft hinsichtlich der
Verwaltungsarbeit, die mit der Herrschaft des Geldes verbunden ist. Die
wird von Fachkräften verrichtet, die sich auf die Verwendung des
Geldes zum Zwecke seiner Vermehrung verstehen.
3. Wie sie das tun, welche Techniken das Finanzgewerbe zum Einsatz
bringt, welch riskante Rechnungen da in Anschlag gebracht werden –
darüber und über die elaborierte Terminologie wird jeder
zeitungslesende Bürger ausführlich aufgeklärt. Und doch
erfüllt die Informationsflut den Tatbestand der
Gegenaufklärung, da sie samt und sonders mit dem Interesse am
Funktionieren befrachtet ist. Die grundlegenden Leistungen des Handels
mit der Ware Kapital werden nicht einmal erwähnt, jede Menge
anderer – vermeintlicher wie wirklicher – Leistungen gnadenlos
gewürdigt.
4. Dem Staat ist aufgrund der Zerstörung von Kapital aller Art,
von dessen Geschäftserfolgen er und wir alle leben, eines klar:
Die durch Misswirtschaft stornierten Dienste der Geldinstitute sind
eine, wenn nicht die Säule des Allgemeinwohls. Die
ökonomischen Potenzen des Finanzgewerbes sind zu erhalten bzw.
wiederherzustellen; sie sind zum Gebrauch ihrer Finanzmacht zu
befähigen, weswegen sich alle moralische Kritik an den
Verfehlungen der Branche bricht an der Schlüsselrolle im „System“
= der ökonomischen Staatsraison. Ihre Rettung erfolgt durch
hoheitliche Bereitstellung von Mitteln, zu deren Erwirtschaftung sie
ermächtigt sind und gewöhnlich auch fähig, jetzt aber
nicht. Darüber hinaus kommt die Erhaltung der „realen“
Reichtumsquellen in den Blick; am Umfang dieser Opfer der Bankenkrise
entscheidet sich die Tauglichkeit des Standorts für unseren
Wohlstand auf dem Weltmarkt: „Wie gehen wir aus dieser Krise heraus?“
u.ä.
5. Als wären die Widersprüche, die sich im Rettungsprogramm
auftun und in Güterabwägungen der grundsätzlichsten wie
kleinlichsten Art niederschlagen, nicht Prüfung genug für die
Regierenden, leisten die sich mitten in der Katastrophe eine Runde
Globalisierung. Sie befrachten die Bewältigung ihrer nationalen
Not mit der Tugend, ihren Standort für die internationale
Konkurrenz zu rüsten. Die Kosten, Risiken und Wirkungen ihrer
Maßnahmen unterwerfen sie dem zusätzlichen Gesichtspunkt,
was sie für den Weltmarkt taugen. Außenpolitische
Begegnungen – ob turnusgemäß oder extra veranstaltet –
stehen unter dem Motto „gemeinsame Bewältigung der Krise“,
worüber dann eine offene Auseinandersetzung stattfindet. Die
Einheit Europas erfährt eine weitere Absage, jedoch nicht ohne die
Perspektive, dass sich mit der sortierenden Wirkungen der Krise auf die
Nationen die Einsicht in die Notwendigkeit einheitlicher Regie
durchsetzt.
In Rechnung zu stellen sind hier ideologische Übertreibungen,
ebenso aber das nationale Schutz- und Rechtsbewusstsein, das sich gegen
die „kapitalistische Vernunft“ behauptet. Der Gemeinspruch von den
nationalen Alleingängen, Protektionismus etc., die alles nur noch
schlimmer machen (1929ff!!), ist schließlich mit gutem Grund das
geläufige Wort – eine ökonomische und/oder politische
Kenntnis stellt er nicht dar.
Debatte:
Zum Verständnis der 5 Punkte der Vorlage ein paar kurze, nicht
erschöpfend ausgeführte Hinweise dazu, was wir an der
Weltwirtschaftskrise erklärenswert finden:
Der 1. Punkt handelt über die politökonomische Sachlage. Was
erfährt man dazu über Abhängigkeitsverhältnisse in
der Ökonomie? Worin besteht die ‚Dienstleistung’ des
Finanzgewerbes? Was heißt eigentlich ‘systemrelevant’? – das
wären Fragen, mit denen man sich den Stoff erschließen
könnte. Es ließe sich auch ein Vergleich mit dem, was Marx
über die Krise und ihre Notwendigkeit sagt, durchführen. Bei
ihm gibt es für das, was mit ‘systemisch’ gemeint ist, eine
Formulierung, die heißt: das Kapital im Allgemeinen. Da ist der
Begriff dessen, wie aus Konkurrenzniederlagen eine Krise wird, die
über den Kredit organisierte Verallgemeinerung; die
Verallgemeinerung dessen, was jedes einzelne Kapital treibt. Er
schließt anlässlich der Krise auf den Zusammenhang, in dem
die einzelnen Kapitale untereinander stehen, sowohl, wenn sie
miteinander konkurrieren, als auch, wenn sie im Kreditsystem
miteinander verbunden sind. Die von Marx erschlossene Allgemeinheit des
Kapitals, bewerkstelligt durch alle möglichen Verknüpfungen
wechselseitiger Abhängigkeit, ist in der jetzigen Krise der
selbstverständliche Ausgangpunkt der Sache. Hier fängt es bei
der Allgemeinheit an, die Stück für Stück alle
Einzelteile mit reinreißt. Sehr kurz gesagt, ist das die
objektive Krisenlage.
Punkt 2. Bemerkenswert ist daran, dass die Krise, die diesen
ökonomischen Inhalt hat, einen Schluss auf den Zweck hergibt, dem
alles Leben in der Marktwirtschaft, jenseits aller privaten
Prioritäten der Menschen, gehorcht. Jeder normale Mensch steht auf
dem Standpunkt: Geld ist das, was ich damit anfange, zwar immer zu
wenig, aber das Mittel der eigenen Freiheit. Was lehrt die Krise? Von
wegen: ‚Jeder nach seiner Facon’! Zwei Stufen dessen, worin der Mensch
sich in dieser Gesellschaft einrichtet, was seinen freien Umgang mit
dem verdienten Geld wirklich bestimmt, sollen angedeutet sein: Das
Regime des Geldes über das, was in der Gesellschaft an Produktion
und Konsum passiert, findet so statt, dass ein gewisses Gewerbe
über das Geld bestimmt, wo es landet, wer es wofür verwendet.
Der zweite Punkt ist als die harte Aufklärung, die die
ökonomische Sachlage über die Existenzbedingungen in der
freien Marktwirtschaft offenbart, gedacht. Dadurch, dass die Bedingung
fehlt, dass das Finanzkapital das Geld als Kapital verteilt – Punkt 1
–, wird von der Allgemeinheit des Mangels her deutlich, worauf es in
dieser Gesellschaft wirklich ankommt: aufs Regime des Geldes und
deswegen auch der Instanzen, die über die Benutzung des Geldes
bestimmen.
Punkt 3 beleuchtet diesen Tatbestand von der komplementären Ecke
her: Jetzt wird an allem und jedem in der Gesellschaft herumkritisiert.
Die Krise ist eine Hochzeit der Kritik. Dabei gibt es sicher keine, die
nicht auf das Wiederfunktionieren der Sachen scharf wäre. Dabei
sagt niemand, die Krise muss sein, sondern diese Krise musste sein,
weil alle möglichen Instanzen Fehler gemacht haben. Diese
Notwendigkeiten spielen sich gerade ab, der Bankensektor ist
systemrelevant, unentbehrlich, weil er das Kapital im Allgemeinen ist.
Die auflebenden Kritik, die immerzu herausfinden will, was sie vergeigt
haben, was nicht gut gehen konnte, enthält lauter
Funktionsgedanken. Alles, was eine Funktion in dem Gewerbe hat, wird
irgendwann zur Krisenursache erklärt, weil es falsch gehandhabt
wurde. Vom Interesse daran, amerikanische Menschen in Häusern
unterzubringen bis zu unkontrollierten Derivatekonstruktionen mit
Kreditversicherungen, vom Versagen des Staates bis zu den gierigen
Bankern, alles ist mal als Krisenursache vorgekommen und alles verdankt
sich dem Interesse am Wiederfunktionieren.
— Bei den ersten beiden
Punkten und dem, was die Krise den Opfern alles demonstriert, denke
ich, dass man das doch schon dazu denken muss, wenn man sich klar
machen will, was heißt das Kapital im Allgemeinen.
Man kann auch einfach so denken: Man erfährt, das Finanzkapital
kommt mit seinen eigenen Schulden nicht mehr zurecht und die
Welthungerhilfe prognostiziert 50 Millionen zusätzliche Hungertote
im nächsten Jahr als Folge davon! Was ist da dran? Was fehlt
eigentlich, wenn die ihre Derivate streichen und von ihren Zertifikaten
eingestehen, dass die Entlehnung aus dem Lateinischen – von wegen
Sicherheit – erlogen war? Es fehlt der Industrie an der Fähigkeit,
weiter Schulden zu machen. Ein interessantes Problem. Was bleibt dieser
Dienstleistungssektor dem Markt schuldig? Noch nicht mal Geld, sondern
die Chance, bei ihnen Schulden zu machen! So wird bei uns
gewirtschaftet; und das alles bricht zusammen, wenn die Industrie keine
Schulden mehr machen kann – höflich ausgedrückt, keinen
Kredit mehr bekommt. Das heißt eben, ihnen wird nicht mehr das
Recht zugestanden, sich bei denen, die über das Geld der
Gesellschaft verfügen, quantitativ ausreichend zu verschulden.
Weil die bei sich selbst nicht mehr die Schulden unterbringen
können, weil sie offenbar zu viel von ihnen gemacht haben.
Davon hängt das ganze Leben in dieser Gesellschaft ab. Denn woran
fehlt es dann dem Rest der Menschheit? Wenn die keine Schulden mehr
machen dürfen, fehlt es am Geld als Lebensmittel! Gerade hat man
erfahren, man ist von der Verschuldung der Industrie abhängig, die
lässt einen dafür gerade stehen, dass man mit seinem
Arbeitsplatz die Kreditbedienung seines Unternehmens erwirtschaftet –
und dann soll man dafür sein, dass das wieder klappt?! Man merkt,
woran die Bedingungen der Existenz in diesem Laden zusammengesetzt
sind. Das macht die öffentlich breitgetretene Sorge ums
Wiederfunktionieren zu einem verwerflichen Zynismus.
Punkt 4: Die praktische Parteinahme des Staates fürs
Wiederfunktionieren. Was ist eigentlich die Intention der staatlichen
Maßnahmen, Beispiel Hypo Real Estate? Steinbrück sagt, die
Bank müsse verstaatlicht werden, Westerwelle warnt davor. Was kann
man daraus lernen; was wollen Merkel und Steinbrück eigentlich
retten und wovor fürchtet sich Westerwelle? Die eine Seite rettet
die Macht des Sektors über das Geld, übers Schuldenmachen,
die andere Seite fürchtet um den privaten Charakter dieser Macht
und tut glatt so, als wäre der private Charakter der Bankenmacht
ihr wichtiger als das, dass es sie überhaupt gibt. Das ist
natürlich gelogen, die Rettung ist allen erst mal wichtiger, sie
sind sich sicher, den privaten Charakter bringen sie schon wieder hin.
Vielleicht kommt es ja auch für die Funktion des Bankensektors gar
nicht so darauf an, dass es immer sofort in privates Einkommen
umschlägt. Aber das ist es, worum es geht: die Macht des Sektors
retten, indem man ihm seine Bilanzen in Ordnung bringt – damit sie
wieder ihre Macht über alle anderen Gewerbe ausüben
können, damit die Kreditvergabe wieder produktiv wird. Also ein
Bekenntnis zur Produktivkraft der Macht, die in den Bilanzen der Banken
begründet ist. Der Konflikt zwischen ‘Macht, aber privat!’ hier
dargestellt als einen in der öffentliche Debatte.
Entsprechend wird auf der nächst größeren Ebene Obamas
Finanzminister Geithner tätig: Er will den nicht mehr
stattfindenden Handel, der den Papieren erst Wert gegeben hat,
ersetzen, damit die Banken retten und bekommt das Problem: Was sind die
wert? Die staatliche Intervention ist ungeeignet, diesen
Schrottpapieren einen kapitalistischen Wert zuzumessen, Banker der
angekündigten Rettung entnehmen, einen hohen Preis verlangen zu
können. Für weniger rücken sie sie also erst mal nicht
raus. Das Drangsal des Staates – das sich als nicht richtig
ermittelbarer Preis darstellt – ist ein Indiz dafür, dass der
Staat zwar Geld reinpumpen, aber nicht die Funktion des Handels
restaurieren kann, damit aus wertlosen Papieren wieder brauchbares
Geldkapital wird. Da liegt ein Widerspruch drin.
Dasselbe findet auf der Ebene darunter statt, wenn der Staat
anfängt, Autofirmen zu retten, aber bei der nötigen Rettung
das schöne Drangsal bekommt, dass der Erhalt der Kapitalanlage mit
ihrer Tauglichkeit als Kapitalanlage streitet.
Was sagt also dieser stattfindende Irrsinn über die Gesellschaft,
in der wir leben?!
Punkt 5. behandelt die Verrücktheit: Sie werden mit ihrer Krise
nicht fertig, Staaten gehen pleite oder stehen kurz davor, das Baltikum
steht beim IWF Schlange, und die potenteren Staaten denken an
später: Wir wollen stärker aus der Krise herausgehen, als wir
hineingegangen sind. Jetzt ist sie noch nicht mal fertig! Dieses
imperialistische Auftrumpfen inmitten dessen, dass sie mit ihren
Rettungsmanövern nicht reüssieren, hat die zwei Seiten: Es
findet eine Sortierung durch die Krise statt, da scheiden sich die mit
von denen ohne Überlebenschance – siehe Hungertote. Die Staaten,
die es sich leisten könnten, setzen auf die Unterschiede, die sich
sowieso herstellen, und beabsichtigen, damit aufzutrumpfen. Ein
schönes Beispiel dafür, dass die immer nur das eine denken.
Es kann passieren was will, sie denken an ihre Macht und wie sie die
vergrößern: Wenn die einen fallen, stehen sie umso besser
da. Da wird sich doch was draus machen lassen, wenn die neuen
EU-Mitglieder schwanken – was, wissen sie noch nicht, aber dass die
Welt zukünftig mehr nach ihrer Pfeife tanzen soll, ist klar. Die
Chinesen wollen sie benutzen, die sollen jetzt bei unserem Mittelstand
ordentlich einkaufen und die Abu Dhabis sollen mit ihren
Ölmilliarden bei uns alles kapitalisieren – natürlich
möglichst ohne, dass sie etwas zu sagen haben sollten. Wenn die
mit ihren Riesenkrediten den Internationalen Währungsfonds retten,
hat das sofort die andere Seite: Man muss vorsichtig sein, dass die
nichts durcheinander bringen.
Auch diese imperialistische Seite wäre eher in die Richtung zu
besprechen, was das über diese Welt sagt, als immer
einschätzen zu wollen, was wohl daraus wird.