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Zum Gaza-Krieg und zu Obama
1. Gaza-Krieg
Was ist an diesem Krieg erklärungsbedürftig? Was für
eine Botschaft ist bei so einem Thema rüberzubringen? Auf alle
Fälle zu erklären wäre das Verhältnis zwischen der
grundsätzlichen Parteilichkeit und der Wahrnehmung und Darstellung
dieser Affäre. Aber gibt es noch Erklärungsbedarf der Sache
selbst?
— Die Kriegsziele Israels
bezogen auf das palästinensische Volk sind mir nicht klar. Es wird
als völkische Basis der als Terror definierten Aktionen der Hamas
behandelt, insofern ist es ein Vernichtungskrieg gegen dieses Volk.
Aber ist das wirklich der Zweck der Sache? Die Zweistaatenlösung
ist aus der Sicht Israels weitgehend abserviert, wie also soll die
Rolle dieses Volkes – von israelischer Sicht aus betrachtet – aussehen?
Das eine ist, dass nach deren Vorstellungen in diesem Lager unter der
Leitung eines botmäßigen Führers ein irgendwie
gearteter anti-israelischer Wille keine Chance und auch keine Mittel
mehr haben soll. Andererseits ist es den Israelis sicher kein
Geheimnis, dass, je mehr sie flächendeckend vorrücken, um so
jeden palästinensischen Staatsgründungsgedanken
praktisch aus der Welt zu schaffen, die Sympathie für das, was sie
als Terror definiert haben, wach gehalten wird oder auch anwächst.
Beim Führen eines Krieges gibt es die Überlegung nicht, damit
dem feindlichen Regime Anhänger zuzutreiben – ein Krieg geht
gerade davon aus, dass dieses Regime eine völkische Basis hat, die
man zerstören muss. Der Gedanke, dass durch den Krieg der
feindliche Wille noch feindlicher werden könnte, ist politikfremd.
— Der Kriegsführung
konnte man ja auch entnehmen, dass kein sonderlicher Unterschied
gemacht wurde zwischen der palästinensischen Führung und dem
Volk – siehe die Bombardierung ziviler Objekte. Die Frage anders
gestellt: wie ist die Perspektive von israelischer Sicht aus, wie mit
diesem prinzipiell störenden Volk und seinem Rest an Staatswillen
umgesprungen werden soll?
Das Ziel der israelischen Politik gegenüber den
Palästinensern ist eine friedlich selbstverwaltete, halbwegs
subsistenzfähige Gemeinde. Wenn sich Widerstände regen, ist
die Antwort schlicht und einfach Abschreckung. Sozialpsychologische
Überlegungen, ob es für die Befriedung einer Bevölkerung
der richtige Weg sei immerzu drauf zu hauen, gehören zur Ideologie
des Staates, der kein anderes Rezept als Abschreckung kennt, die erst
dann aufhört, wenn der unterworfene Wille gelernt hat, sich selbst
zu beherrschen. De facto wird der widerspenstige palästinensische
Wille derzeit dafür bestraft, dass er sich noch nicht
genügend von seiner Hamas-Herrschaft losgesagt hat bzw. durch die
Wahl der Hamas die Falschen an die Herrschaft gebracht hat.
Das sachliche Rätsel über die israelischen Kriegsziele kommt
vielleicht von der Frage nach einer definitiven Lösung, die
anzustreben man Israel unterstellt. Auch den höflichen Berichten
über das Vorgehen Israels ist zu entnehmen, dass es in beiden
Abteilungen des Palästinensergebiets immer unmöglicher wird,
so etwas Ähnliches wie ein halbwegs funktionierendes Gemeinwesen
hochzuziehen – alles, was mehr ist als eine Art palästinensischer
Großkommune unter israelischer Aufsicht wird gewaltsam
verhindert. Dann ist das wohl in etwa das israelische Ziel. Die Frage,
was die Israelis eigentlich wollen, beruht auf der Vorstellung, das
könne doch nicht das Ende der Geschichte dort sein. Auch der
sozialpsychologische Gedanke von oben beruht auf der Überlegung,
die Palästinenser gäben sich damit nicht zufrieden, weshalb
dieser Unruheherd bestehen bliebe. Für die Israelis ist das, was
sie immerhin schon seit Jahrzehnten praktizieren, kein unhaltbarer
Zustand, vielmehr ärgerlich, mit Kosten und auch Gefahren
verbunden, solange es noch einen autonomen Winkel gibt, von dem aus die
Hamas-Leute ihre Raketen abschießen können. Die Antwort
darauf heißt eben Abschreckung und deren Vervollkommnung, auch
wenn die ganze Welt noch so sehr meint, das sei ein ungelöster
Konflikt und sie hätten doch mal die Zwei-Staaten-Lösung
akzeptiert.
Was die Israelis an diesem Zustand stört und sie als Antwort
darauf haben, fällt ganz in die Kriege, die sie führen, die
Siedlungen, die sie aufbauen, die zunehmende Isolierung und Entmachtung
der Palästinenser, die sie betreiben – eine Spaltung zwischen
ihnen haben sie ja schon geschafft. Man könnte von lauter
israelischen Fortschritten reden; die ausgeübte Gewalt ist alles
andere als unproduktiv. Die andere Seite wird laufend geschwächt,
die diplomatischen Bemühungen sind mehr oder weniger ruiniert und
dass Jerusalem zu Israel gehört und nie mehr aufgegeben wird, ist
mehr oder weniger Fakt; ihre Unzufriedenheit betätigte sich im
letzten Krieg, in dem der jetzige Zustand hergestellt wurde – das ist
die israelische Antwort, das ist der Zustand, den sie haben wollen. Und
es gibt keinen gültigen, machtvollen Einspruch dagegen, was sie
auch laufend austesten.
— Die immer von der
internationalen Gemeinschaft geforderte Zwei-Staaten-Lösung
würde für Israel eine, wenn auch formelle, Anerkennung des
palästinensischen Nationalismus bedeuten, der - als Staat ein
Stück weit ins Recht gesetzt - entsprechende Ansprüche
geltend machen würde. Das kann doch überhaupt nicht im israelischen
Interesse sein.
Jedes Stück palästinensischer Souveränität ist ein
Stück Aufgabe israelischer Kontrolle über einen Feind. Auch
wenn sie es so weit brächten, dass die Feindschaft sich nicht mehr
betätigen könnte und – der optimale Fall – unter
einheimischer Kontrolle wäre, ist das noch lange kein Grund, die
Feindschaft aufzugeben. Die ganzen Schwierigkeiten kommen von einer
Vorstellung von Lösung, die nicht zur Kenntnis nimmt, dass
ungefähr so etwas wie jetzt, bloß ohne palästinensische
Gegenwehr, für Israel bis auf weiteres die Lösung ist.
Jede Nation, die einen Krieg anfängt, hat natürlich das Ziel,
den Zustand wieder herzustellen, der in der pazifistisch-idealistischen
Vorstellungswelt Frieden heißt - nämlich dann, wenn man sich
gegen den feindlichen Willen durchgesetzt und den Widerstand gebrochen
hat und eigene Figuren dort regieren lässt. Das zu übersetzen
in das Kriegsziel, alle Konflikte quasi ungeschehen zu machen und
für Harmonie zu sorgen, ist zwar eines der Grunddogmen der
demokratischen Öffentlichkeit, aber eine ziemlich idealistische,
um nicht zu sagen kindliche Betrachtung des Weltgeschehens.
Nochmals: Was ist der Grund und Zweck der anfangs erwähnten
deutschen Parteilichkeit? Mindestens zwei Ebenen gehen durcheinander,
an einer Bemerkung Merkels Richtung Papst, die Leugnung des Holocaust
widerspreche der deutschen Staatsräson, zu konstatieren. Was hat
der Holocaust der Juden mit der deutschen Staatsräson zu tun und
das wieder mit dem päpstlichen Fanatismus, diese Pius-Bruderschaft
mit ihrem grundsoliden christlichen Antisemitismus wieder eingemeinden
zu wollen?
— In Deutschland gibt es
eine verordnete Parteilichkeit für Israel, die Antisemitismus und
Kritik am israelischen Staat gleichsetzt.
Was wird hier alles vermengt?
— Es gibt eine
Parteilichkeit für Israel, die mit dem Holocaust gar nichts zu tun
hat, sondern die darüber zustande kommt, dass man es gut findet,
dass es im Nahen Osten eine westliche Vormacht gibt. Daneben gibt es
das Bedürfnis – und das hat seine Konjunkturen-, nicht nur als
Unterstützer Israels, sondern als übergeordnete Instanz im
Nah-Ost-Konflikt mitzumischen.
Es gibt eine gewisse Ambivalenz in der europäischen und deutschen
Politik, wobei man von der deutschen Seite den Eindruck hat, dass sie
diese zur ersten Seite hin auflöst: Wenn die Israelis schon die
stärkere Seite sind, lassen wir den Vorbehalt mit dem
Störenfried und versuchen, denen unseren Nutzen einzupflanzen,
indem wir unsere Ordnungsvorstellungen und Interessen mit deren
Abschreckungsinteressen vor Ort koordinieren und im Idealfall
verschmelzen. Andere Staaten stellen sich, ohne gleich des
Antisemitismus bezichtigt zu werden, auf den Standpunkt, für ihre
Interessen in der Region, für deren Funktionalität z.B. in
Sachen Öl, sei Israel ein Störenfried. Im Westen gibt es
allerdings keine Nation, die ausschließlich diesen Standpunkt
vertritt, weil diesem gegenüber steht, dass Israel als
stärkste anti-arabische Macht ein Erstarken des arabischen
Nationalismus, der den wirtschaftlichen und strategischen Zugriff auf
die Region womöglich erschwerte, verhindert.
Für die USA hat Israel durchaus einen dauerhaften strategischen
Nutzen und auch den, europäische Ambitionen in der Region
einzudämmen. Andererseits stellen sich die USA gegenüber
Israel immer wieder mal auf den Standpunkt, dass es auch nur ein
Element in der Ordnung ist, deren oberste Instanz sie sind. Aber auch
für die USA ist Israel manchmal hart an der Grenze zum
Störenfried, wobei es sich in diesem Fall um ein von den
Amerikanern ausgestattetes und protegiertes Land handelt, mit dem diese
zuweilen unzufrieden sind. Bezüglich Europa kann sich Israel pur
als Macht über dessen Vorstellungen hinwegsetzen und
demonstrieren, dass Europa keine Macht dagegen aufzubieten hat, solange
und weil die US-Macht hinter Israel steht.
Im Fall Deutschlands hat man es zusätzlich zu dieser politischen
Parteilichkeit noch mit einem Überbau zu tun, den man sich klar
machen muss. Was hat es mit diesem Stück moralischer Verpflichtung
und deutscher Staatsräson auf sich?
Selten hat ein Staat den Völkermord seines Vorgängerstaates
dermaßen umgemünzt in die Pflicht - und damit das Recht -
zur Meinungsbildung nach innen und zur Bevormundung aller abweichenden
Meinungen im Inneren und nach außen. Staaten legen eigentlich nie
ein Schuldbekenntnis ab. In den Nachkriegsjahren – die
‚Mördergeneration’ war noch ‚unter uns’ - stand so etwas sozusagen
im Raum und wurde deshalb von deutscher Seite bis in die 60er Jahre
vermieden, den Regierungsmannschaften aber immer wieder von außen
aufgenötigt und war ein dauernder Streitpunkt. Diese Zeiten sind
endgültig vorbei und entsprechend hat sich auch der Charakter des
Holocaust-Arguments verändert – das lässt sich übrigens
zeitlich fast koordinieren mit der Einbürgerung des Ausdrucks
Holocaust (engl. Massenmord, Zerstörung) - das passende Fremdwort
für eine Betrachtungsweise, die überhaupt nichts mehr von
Schuldeingeständnis an sich hat.
Das geht einher mit einem gewissen Fortschritt in der israelischen
Staatsideologie, ursprünglich vom Zionismus, der nicht vom
Holocaust, sondern von den verfolgten Juden in Europa, von einer
exzentrischen Stellung dieses durch seine Religion definierten Volkes
ausging, die endlich ein Ende finden muss durch eine
Überführung dieser Völkerschaften in ein normales
modernes Gemeinwesen, aufgeladen mit allerlei religiöser Bedeutung
(Zion – das Gelobte Land). Die Idee des Ganzen war, aus dem
jüdischen Gemeinwesen ein normales Mitgliedsland der modernen
Völkergemeinschaft zu machen, weshalb es sich zeitweise
sozialistisch verstanden hat. Das soll nicht heißen, dass das die
israelische Staatsideologie ist. Diese geht viel mehr in die Richtung,
das Land ginge eigentlich bis zum Jordan und das greift sich Israel
jetzt wieder, sozusagen in kleinerem Maßstab eine Wiederholung
dessen, was die Amerikaner auf dem nordamerikanischen Kontinent mit den
Indianern praktiziert haben.
Für den Gebrauch in der Weltpolitik hat Israel irgendwann den
Holocaust entdeckt, so dass es aufgrund seiner Geschichte auf einem
Ausnahmerecht beharrt: Sein Existenzrecht muss laufend nach vorne
verteidigt werden, da sonst ein neuer Holocaust drohe; Existenzrecht
und Ausweitung des israelischen Territoriums werden gleich gesetzt. Auf
diese Weise munitioniert es sich moralisch für seinen regionalen
Sub-Imperialismus.
Was ist die Logik dieser Idee bei den Deutschen?
— Das Gemeinsame ist doch,
dass ein vergangenes Ereignis – die Ermordung von Juden – dafür
hergenommen wird, einen aktuellen imperialistischen Anspruch
Deutschlands zu rechtfertigen, nämlich als besonders
zuverlässiger Bündnispartner Israels Mitspracherechte bei
dem, was Israel so anrichtet, zu haben. Nach innen wird der
Holocaust-Gedanke als Kritikverbot an der Unterstützung Israels
produktiv gemacht und nach außen eben als diese besondere Art der
Bündnispartnerschaft.
— Wenn der Holocaust
integraler Bestandteil der deutschen Staatsräson geworden ist, so
dass Merkel schon reflexartig alles kommentiert, was als Abweichung
daherkommt, und sogar den Papst bevormundet, dann ist dies doch
umgreifender als nur auf Israel bezogen. Siehe dazu diesen genialen
Einfall Fischers beim Jugoslawienkrieg: Das heutige Deutschland
entnimmt als Rechtsnachfolger eines Unrechtsstaates aus dem Holocaust
den Auftrag, sich überall dort, wo in der Welt ähnliche
Anlässe sind, verantwortlich einzumischen.
Diesen Einfall Fischers, um seine grüne Moralistenmannschaft auf
Linie zu bringen, soll man nicht übertreiben. An den
Schauplätzen, an denen Deutschland im Moment militant unterwegs
ist, wird diese Rechtfertigung nicht angewendet. Solch einen
Stellenwert hat dieses Argument wieder nicht, dass man sich bei jeder
außenpolitischen Aktion darauf berufen würde. Wenn
Deutschland nach Afghanistan geht, Piraten jagt oder einen G7- oder
G20-Gipfel ausrichtet, spielt der Holocaust nicht einmal ideologisch
irgendeine Rolle.
Mit dieser Papst-Affäre hat man einen anderen Fall vor sich. Nicht
um die Zuständigkeit für Israel, sondern um die Frage bzw.
das Dogma geht es, mit der Leugnung des Holocaust verstoße jemand
nicht nur gegen geschichtliches Wissen und einen Erfahrungstatbestand
der Menschheit, aus dem man ein paar schöne Schlüsse ziehen
könnte, sondern beginge eine in Deutschland nicht zu duldende
Sünde.
Schuld, wie sie den Deutschen nach der Niederlage im Krieg aufgezwungen
wurde, enthält das Moment von Scham. So etwas macht keine Nation
von sich aus; sie lässt sich dazu zwingen, und wenn sie sich
schämt, dann heuchelt sie. Diese Heuchelei haben wir 20 Jahre lang
erlebt. Der Tatbestand, den man heute notiert, wenn vom Holocaust die
Rede ist, ist ein Auftrumpfen als Wächter eines moralischen
Dogmas. Wenn jemand wie Goldhagen in seinem Buch über die
deutschen Mittäter den Nachweis zu führen versucht, alle
Deutschen wären dabei gewesen und hätten sich dessen, wegen
der zu damals bestehenden Kontinuität, nach wie vor zu
schämen, geht ein Riesenprotest durch die deutsche Welt. Wenn aber
im Zuge der Eingemeindung der Pius-Bruderschaft in die katholische
Kirche die Sichtweise des Bischofs Williamson thematisiert wird, erhebt
sich ein anderer Aufschrei in Deutschland. So etwas wie eine
Kontinuität von damals zu heute ist da nicht drin, das ist vorbei.
Hieran kann man sich klar machen, wie so etwas wie ein Schlussstrich
unter die Geschichte geht. Die Vorstellung unserer Elterngeneration,
ein Schlussstrich bedeute, nicht mehr darüber zu reden, ist, einen
Nationalideologen betreffend, ziemlich daneben. Ein Schlussstrich im
Sinne von „Schwamm drüber“ ist völlig untauglich. Die
Deutschen machen vor, wie man ganz anders einen Schlussstrich unter die
Geschichte zieht, indem man sie laufend bespricht. Scham und Schuld
werden vielleicht noch rhetorisch beschworen, sind aber nicht mehr die
Sache. Wegen des Vernichtungswahns, dem dieses Volk in seiner
Eigenschaft als Juden ausgesetzt war, ist es einschließlich des
Staates, den sie begründet haben, heute, völlig
unabhängig von diesem Ereignis, moralisch im Recht. Das ist die
eigentümliche Gleichung, die wie das Gegenbild dazu ist, dass die
Tat, ein Verbrechen zu verüben, den Täter ins Unrecht setzt.
— Solch eine
Schlussfolgerung wäre bei den verfolgten Kommunisten auch gegangen.
Zu solch einem Schluss gehört Zweierlei. Einmal, dass es politisch
opportun ist, sich überhaupt auf deren Seite zu stellen, und dann,
dieser ideologischen Überhöhung auch einen Platz in der
eigenen Nationalideologie einzuräumen.
Die Sichtweise der wohlmeinenden Volksverbesserer, die Deutschen
hätten sich an den Juden vergriffen und dies wäre falsch
gewesen, ist obsolet. Die Mehrheit, die darauf bestanden hatte, einen
Schlussstrich zu ziehen, es wäre genug darüber geredet
worden, zeugt noch von Scham und Betroffenheit. Davon ist heute nichts
mehr zu sehen.
In Jerusalem gibt es das Yad Vashem, das Denkmal an die
Judenvernichtung. Dies hat immer so etwas moralisch Vereinnahmendes
für sich, dass man sich nämlich als Jude daran erinnert, nur
unter dem Gesichtspunkt, dass es Juden waren, sind Millionen Leute
umgebracht worden. Dafür wird diese Gedenkstätte
eingerichtet. Es mag sein, dass dies ein moralisches Gedenken an diese
grauenhafte Vergangenheit ist. Etwas anderes ist die Funktionalisierung
dieses Gedenkens, die man anlässlich eines Staatsbesuches in
Israel präsentiert bekommt. Wenn der Staatsbesucher die Opfer von
damals ehrt, ist der Sinn dieser Ehrung eine israelische Heuchelei,
deren Zweck darin besteht, im Namen der damaligen Opfer für alles,
was Israel heute ist und anstellt, Recht zu bekommen. Diese Heuchelei,
die zur Diplomatie gehört, erbringt jeder Staatsmann auch dann,
wenn er sich woanders vor der Fahne verbeugt.
Dass ein Staat sich einen solchen moralischen Absolutismus leistet, ist
nichts Außergewöhnliches. Dass aber ein anderer einen
solchen Titel für sich übernimmt, ihn zum ungefähr
selben Absolutismus seiner Nation macht, ist im Falle Deutschland
erklärenswert. Auch von deutscher Seite wird Wert darauf gelegt,
diese jüdischen Opfer stellten etwas Einzigartiges dar, weswegen
Deutschland es als seine einzigartige Position ansieht, wie es den
Juden und ihrem moralischen Recht heute verpflichtet ist. Das ist die
perfekte Entpolitisierung der ganzen Geschichte. Vom Antifaschismus des
Nachkriegsdeutschland bleibt nicht viel übrig. Antifa sind die
linken Zecken, vielleicht noch wir mit dem Buch über den
Faschismus und dass wir ihn damit kritisieren, Opfer des Naziregimes,
Kommunisten und andere aus der linken Sektiererecke. Es ist gelungen,
dem inneren Ausrottungskrieg der Nazis gegen die Juden jede politische
Qualität zu nehmen, ihn auch zu trennen von dem Faschismus als
politischer Linie Deutschlands. In dem Maße, in dem die Kritik am
Faschismus langweilig geworden ist, sich in die Sozialpsychologie des
autoritären Charakters verflüchtigt hat und jede
Kontinuität zwischen Demokratie und Faschismus uninteressant
geworden ist, ist auf der anderen Seite der Judenmord als das
große Verbrechen unter dem Titel Holocaust, unter dem schon gar
nichts mehr von politischen, verwerflichen, kritisierbaren Gründen
in dem Ausdruck erkennbar ist, immer wichtiger und zum Fetisch
geworden. Der Holocaust und dessen Dogmatisierung ist der deutsche
Schlussstrich unter die Nazivergangenheit.
— Es gibt doch diese
Formulierung des ‚Zivilisationsbruchs’, so etwas wie eine irgendwie
nicht weiter zu erklärende Katastrophe.
Es gab einmal die Singularitätsdebatte zwischen Habermas und
Nolte; Historikerstreit hieß dies damals, der nicht um
geschichtliche Ereignisse, sondern nur um ihre moralische Deutung ging;
dürfe man dem Judenmord durch die Gründe, die er in der
Politik der Nazis hatte, seine absolute Unverständlichkeit, seinen
Charakter eines schwarzen Lochs, das gleichzeitig ein moralischer
Höchstwert ist, nehmen. Das war wie das abschließende
Gefecht in der Frage, ob dieses Thema noch so viel Kontinuität
enthält, dass wir uns dessen noch irgendwie schämen
müssten. Nolte wollte sich natürlich nicht schämen; er
wollte dies aber über den Gesichtspunkt rechtfertigen, sie
hätten politische Gründe, die aus dem Ruder gelaufen waren,
gehabt. Es wäre der vorauseilende Widerstand gegen den
Sowjetkommunismus, gegen diese asiatische Herrschaftsform, gewesen,
wobei die Juden unter die Räder geraten wären. Daran hat
Habermas das Moment von Erklärungsinteresse angegriffen, nicht die
Absurdität dieser Erklärung. Mit Hilfe des damaligen
Weizsäcker und der deutschen Richtlinienkompetenz in Sachen Moral
hat sich der Standpunkt durchgesetzt, dieses Thema sei nur unter dem
Gesichtspunkt der ungeheuren Opfer, deswegen heute ein ungeheurer
Rechtstitel, der an keiner Stelle irgendetwas von Kritik und Einspruch
gegen die Politik und die Art und Weise der Bundesrepublik Deutschland
enthält, abzuhandeln. Sie haben es offenbar heute geschafft, aus
dem Argument Holocaust die Verbrechen der Nazis als Erblast
herauszustreichen und von einem deutschen Schuldbekenntnis zu einem
beanspruchten Richterstandpunkt Deutschlands über das richtige
Verhältnis zu den Juden und der Judenfrage zu machen. Deutschland
verwaltet diesen Richtertitel. Angewandt wird er je nach den sich
einstellenden Fällen, immer jedoch, wenn über Israel
geurteilt wird. Im letzten Fall ist es wie ein Kritikverbot der
Öffentlichkeit, bevor man irgendetwas sagt.
Woran erkennt man und kritisiert heutzutage die Neonazis? Man kann
ihnen erstens nachsagen, sie wollten unsere wunderbare,
freiheitlich-demokratische Grundordnung beseitigen, und zweitens den
Holocaust leugnen. Dieses Den-Anfängen-Wehren hatte einmal die
Bedeutung, darauf aufzupassen, wo Leute faschistische Ideen entwickeln:
Wo sie z. B. Politik in Schuldfragen überführen; wo sie das
Wörterbuch des Unmenschen benutzen; wo sie politisch unliebsame
Auffassungen vertreten - diese Punkte wurden angegriffen. Welchem
Anfang muss man bei den Neonazis wehren? Es ist nichts anderes, als
dass sie den Holocaust leugnen. Das ist vom Antifaschismus übrig
geblieben.
Wovon lebt denn der Vorwurf an die Rechten, wenn man sagt, sie wollten
das Gedenken an das Massaker von Dresden politisch funktionalisieren?
— Der Vorwurf ist, dass
sie die Opfer für ein falsches Argument benutzen.
Das Gedenken darf keine moralische Verurteilung der damaligen
Alliierten zum Inhalt haben. Hier soll die Gleichung, Täter seien
per se im Unrecht, nicht gelten, obwohl wir auf der Seite der Opfer
waren. Die Moral heißt in dem Fall, dass alle diese moralischen
Gleichungen zu unterbleiben haben, weil die Täter gerade unsere
Freunde von heute sind. Beim Erinnern an Dresden ist man immer
bemüht, gleich zu sagen, man wäre - mit dem kindischen
Argument, nicht zu vergessen, wer den Krieg angefangen hat - nicht ganz
unschuldig. Das ist wie ein Reflex auf die vorher abverlangte
aberwitzige moralische Gleichung: die Opfer sind im Recht.
— Dass Dresden das
herausragende Beispiel ist, liegt nicht daran, dass die Bombardierung
besonders grausam war, sondern weil es nach den Maßstäben
der Zweckmäßigkeit der Kriegführung für
überflüssig erachtet wird: keine maßgebliche Industrie,
außerdem der Krieg schon gewonnen und: wertvolle Kulturstadt.
Das spricht eigentlich alles für beide Gleichungen, Täter im
Unrecht, Opfer im Recht, die man in dem Fall nicht gelten lassen will.
Wenn der Holocaust geleugnet wird, hat man bloß die Umdrehung des
Standpunktes vor sich, dass, wer Opfer geworden ist, alles Recht auf
seiner Seite hat. Die Umkehrung muss dann das Opfersein bestreiten,
wenn man ihnen das Recht bestreiten will. Diesen Widerlegern – sie sind
die einzigen, die noch an Scham und Schande denken - fällt auch
nichts anderes ein als ein Faktum anzuführen. Sie sind genauso
dogmatisch, ziehen keine Schlüsse draus.
So, wie das Argument heute in Deutschland noch eine Rolle spielt, ist
es nicht die Reue darüber, dass man Täter war, sondern
umgekehrt besteht die Täterschaft heute darin, das Recht der Opfer
hochzuhalten.
Das Motiv aller nicht-deutschen Holocaust-Leugner ist, dass da eine
Partei absolut ins Recht gesetzt wird, die gerade ihren Interessen
fundamental entgegensteht. Die Heuchelei, einerseits das Existenzrecht
Israels anzuerkennen, andererseits zu verlangen, sie sollten sich in
ihrem wohlverstandenen Eigeninteresse auf Tel Aviv zurückziehen,
steht auch Israelgegnern leicht zu Gebote.
— Die Neonazis denken
doch, Hitler war gut, aber zu dem massenhaften Judenmord möchten
sie ungern stehen, diese Sache finden sie unschön.
Nein, sie stehen auf dem Standpunkt, die Juden setzten die Deutschen
laufend ins Unrecht, was man als solcher nicht auf sich sitzen lassen
könnte. Erstens bekämen sie immer recht, zweitens würden
sie Deutschland die Schuld zuweisen. Die Neonazis leugnen den Holocaust
nicht, weil sie diese Schande auslöschen, sondern weil sie den
heutigen Rechtstitel der Juden bekämpfen wollen. Insofern ist es
kein faux pas, den sie nicht auf Deutschland sitzen lassen wollen,
sondern das Bestreiten dieses Rechtstitels, mit dem sie laufend
konfrontiert sind. Sie wollen verhindern, dass Deutschland immer noch
büßen soll.
— Welchen Grund haben die
Piusbrüder den Holocaust zu leugnen? Machen sie das einfach, weil
sie katholisch sind? Auch wenn sie jetzt gesagt haben, dass sie ihn gar
nicht leugnen und Williamson den Mund verboten haben. Aber sie sagen,
es soll öffentlich in der katholischen Kirche gesagt werden
dürfen, dass die Juden Christus-Mörder sind, und man deswegen
sagen darf, die haben die falsche Religion.
Sie stören sich durchaus am moralischen Bonus des Judentums, der
die Juden jeder Kritik enthebt, und jetzt hat das Zweite Vatikanische
Konzil aus deren Optik das auch noch unterschrieben.
— Dagegen protestieren
sie, dass der Papst und die katholische Kirche diese Sonderrolle
unterschrieben haben und dass es eine Toleranz unter den Religionen
geben soll. Und der Papst findet es in Ordnung, Bischöfe zu
integrieren, die darauf beharren, dass der katholische Glaube das
einzig Senkrechte ist.
Er hat seine Bewerbungsrede vor dem Kardinalskollegium über die
Verwerflichkeit des Relativismus gehalten.
NB: Am 12.3. wird es eine Veranstaltung zum Thema „Gazakrieg“ geben!
2. Obama
Was könnte man einem Bewunderer Obamas entgegen halten? Wofür
steht das 'Change – we can believe in'? Das 'believe in' heißt
ebenso wie das 'Yes, we can', wir müssen an uns glauben.
Wofür steht das ‚change’?
— In jedem Wahlkampf geht
es um Wechsel, und das sagt immer die Opposition.
Es steht für die konstruktive Fassung für jede
Unzufriedenheit, weswegen es auch die Parole jeder Opposition ist. Die
Behauptung, in der Demokratie hinge alles nur von guter politischer
Führung ab, ist sicher übertrieben. In der negativen Fassung
stimmt es aber schon. Eine Opposition tritt immer - dafür war
Obama ein Begriff - als Sammelbecken jeglicher Unzufriedenheit an.
Jedes materielle Elend ist ebenso angesprochen, wie jede
Unzufriedenheit damit, als Amerikaner nach acht Jahren Bush in der Welt
nicht mehr so gut angesehen zu sein. Die Parole anders zu sein, klingt
inhaltslos formell, was aber gerade ihre Stärke ausmacht, denn ihr
wird die Aussicht entgegengestellt, mit der richtigen Wahl könne
sich alles ändern.
— Mit 'we can' sagt er
doch: Das ist unser Gemeinschaftswerk, nicht von oben dem Volk
vorgesetzt.
Das gemeinsame Werk besteht nur in der Wahlstimme. 'We can' ist die
Formel, mit der man den Inhalt der Sache dementiert. Sich zur Wahl zu
stellen als Repräsentant des Wechsels ist das Gegenteil von
Gemeinschaftswerk, nämlich die schlichte Kundgabe, die
Unzufriedenheit von unten zu beseitigen, indem man einen anderen Mann
an die Spitze setzt, damit er sie von oben beseitigt. Mit dem
Bedürfnis nach Wechsel einen Präsidenten zu wählen, ist
das denkbar offensivste Bekenntnis dazu, dass jeder wirkliche Wandel in
der Gesellschaft, wie sie ist, von nirgendwo anders ausgehen kann und
soll als von der Spitze des Staates. Die wird gewählt, darin
erschöpft sich das, was 'man kann'.
An Obama kann man lernen, wie ein demokratischer Staat mit
Unzufriedenheit umgeht. Der amerikanische bietet periodisch alle vier
Jahre die Gelegenheit, alle Unzufriedenheit, die sich in der
Regierungszeit akkumuliert hat, in diesem Staat insofern gut aufgehoben
zu sehen, als man einen von Staats wegen angebotenen Vertreter
dafür hat, der diese einsammelt. Aber die eigentliche
Leistungsfähigkeit der Demokratie im Umgang mit ihrem Volk besteht
darin, die Unzufriedenheit nicht zurückzuweisen, sondern den
Leuten recht zu geben, weil auch der alternative Chef unzufrieden ist
und dafür steht, alles zu ändern.
Worauf kommt es bei dem ‚believe in’ an?
— Die Person Obama ist die
glaubwürdige Verkörperung all der Change-Ideen.
Durch die große Unzufriedenheit mit der Bush-Regierung hat der
Wille zum Wechsel ein exzentrisches Gesicht bekommen hat: ein echter
Schwarzer. Mit diesem Angebot wird der Stellenwert der Unzufriedenheit
definiert. Das Argument von oben heißt, der Unzufriedenheit, der
Politik des alten Chefs geschuldet, wird recht gegeben, der neue Chef
macht alles anders. Der Grad der Unzufriedenheit hat sich in diesem
Fall in einen riesigen Vertrauensvorschuss für einen Neuen
übersetzt. Da waren das Schwarz-sein und seine sonstigen Insignien
die dafür angebotene, gepflegte und inszenierte Adresse, der
Unzufriedenheit mit einem neuen Mann abgrundtiefes Vertrauen
entgegenzubringen. Dazu ist Glaubwürdigkeit die passende
Kategorie: Der Neue ist mit Bush wirklich nicht zu verwechseln, er
repräsentiert wirklich den Change.
Die Sache mit der Volksbetörung, also das Entgegenkommen ans
unzufriedene Volk, das im 'Change' angesprochen ist, war der eine
Beweis für die Leistungsfähigkeit der Demokratie. Die zweite
Sache, die die Demokratie so gut hinbekommt wie keine andere
Staatsform, ist, dass nicht nur das Volk unzufrieden war, sondern auch
die verschiedenen konkurrierenden Sachwalter der Republik einen Wechsel
der amerikanischen Politik gefordert haben. Jede Regierung provoziert
auch eine Unzufriedenheit ganz oben. Und das muss gar nicht nur die
Unzufriedenheit damit sein, dass ein anderer dran ist als man selbst.
Es gibt auch eine sachlich begründete Unzufriedenheit alternativer
Parteien damit, wie die Nation dasteht. Im Laufe der letzten acht Jahre
haben sich in Amerika ziemliche Misserfolge akkumuliert, durchaus vom
Standpunkt der Sachwalter der Nation und ihres Erfolgs. Die
Außenpolitik Bushs hatte wenig Erfolg bei der Sortierung dieser
Welt. Am Ende wollte man auch noch mit Steuererleichterungen für
die Reichen usw. die Wirtschaft flott machen, stattdessen kam ein
riesiges Finanzdesaster heraus. Gründe zur Unzufriedenheit mit dem
Erfolg der Nation gab es in den höheren Etagen der politischen
Klasse genügend. Eine zweite Glanztat der Demokratie ist es, in
jeder Wahl der regierenden Mannschaft selbst eine Gelegenheit zu geben,
nicht bloß pur die Machtfrage zu stellen, sondern zu
überprüfen, ob die Nation noch auf dem richtigen Weg sei oder
ob man andere Methoden brauche.
Die Bestreitung, der Neue würde einen substantiellen Wandel
schaffen, wird dem wirklichen Leistungsvermögen der Demokratie gar
nicht gerecht, weil gerade sie die Gelegenheit dazu bietet, sich als
Nation in Gestalt einer konstruktiven Opposition zynisch abrechnend zu
ihren Taten der letzten vier bis acht Jahre zu stellen und
festzustellen, es hätte nicht geklappt, weswegen ein neuer Weg
gesucht werden müsse. Es ist nicht zu erwarten, dass dann gleich
die Staatsräson selbst und der Standpunkt, Amerika über
alles, weggeworfen wird. Der ist vielmehr der Leitfaden für die
Opposition und die Meßlatte für die Unzufriedenheit, wobei
nicht nur die des Volkes von jeder Opposition eingekauft wird, sondern
auch die der alternativen Herrscherfiguren. Mit den Verirrungen und
Niederlagen der eigenen Nation bekommen sie die Chance, jetzt mal
andere Rezepte auszuprobieren.
Obama vorzuhalten, er rede bloß vom 'change' und würde
nichts groß ändern, mag zwar grundsätzlich
bezüglich der Stellung der USA zum Rest der Welt stimmen. Er zeigt
aber einen anderen Weg auf unter dem Kriterium, den Erfolg der Nation
besser oder gar überhaupt wieder hinzukriegen, für den es
Alternativen gibt, für die jede Wahl eine sehr gute Gelegenheit
für eine ganze Nation bietet, mit ihrem Mist von gestern
abzurechnen.
Der dritte Punkt zum Lehrstück in Demokratie ist das Heikle an
ihr: die Entscheidung zwischen den Konkurrenten um die Unzufriedenheit
im Volk ist im Wahlakt abhängig von der Frage, wem es gelingt,
diese Unzufriedenheit einzukaufen. Es gehört zur
Volksbetörung, dass diejenigen, die der Unzufriedenheit ein
Angebot machen, nicht per se die Sieger sind, sondern die Gegenreaktion
der Regierung mit deren Standpunkt, besser keine Experimente zu machen,
herausfordern.
Obama ist ein Lehrstück für die Leistungsfähigkeit der
Demokratie, weil er genügend Wahlstimmen eingesammelt hat, um die
Politik nach eigenen Erfolgsrezepten umzumodeln. Dieser gelungene
Triumph der Opposition ist ablesbar an den Reaktionen auf den Wahlsieg.
Manche betreffen die Ansprache ans Volk, das jetzt seine
Unzufriedenheit gut bedient sehen soll, manche die Revision der
politischen Rezepte des Erfolgswegs der Nation, insbesondere nach
außen. Es gibt auch Reaktionen im Innern seitens der neuen
Opposition, was er schon alles falsch macht. Dies alles beurkundet,
dass eine Nation dabei ist, von ihrem Chef ziemlich neu aufgestellt zu
werden, die bereit war, einen Chef zu wählen, der seine
Machtmittel neu sortiert.
Die politische Reaktion des Rests der Welt ist dafür ein anderer
Beweis. Steinmeier schreibt einen öffentlichen Brief im Spiegel an den 'lieben neuen
Präsidenten: Den Change machen wir gemeinsam und ich sage, was ich
mir darunter vorstelle.' Die Neusortierung Amerikas wird berechnend
aufgegriffen mit dem öffentlichen Bekenntnis, die Deutschen
wären dabei. Vielleicht ist es gar ein
Schwächeeingeständnis und der neue Mann ist beeinflussbarer
als der alte. Sachlich ist es die Mischung aus einer Gelegenheit und
auch Notwendigkeit, neu Einfluss zu nehmen auf amerikanische Politik,
wenn deren Präsident seine Machtmittel neu sortiert und sich nicht
mehr auf die selbstverständliche imperialistische Macht und den
Konkurrenzerfolg amerikanischen Kapitals verlassen will. Wie man Obamas
Reden entnehmen konnte, will er das wieder neu von oben her in die Hand
nehmen mit einer Ansage an den Rest der politischen Welt, die sich
davon auf noch unklare Art und Weise herausgefordert sieht. Also
probieren alle – wie Merkel und Sarkozy in Sachen Nato – selber
Definitionen in die Welt zu setzen, wie es sich jetzt von Amerika aus
regiert gehörte. Zugleich befürchten und warnen alle vor der
anderen Seite der Beeinflussbarkeit, mit amerikanischen Forderungen und
Ansprüchen konfrontiert zu werden. Man muss sich nicht fragen, was
die Ansagen genau heißen – im Irak will er den Krieg beenden, in
Afghanistan ihn erst richtig führen, usw. -, es ist das Programm,
die Mittel durchzusortieren und der ganze Rest der Staatsführer
stellt sich darauf ein, möglichst Einfluss zu nehmen.
Dabei ist das 'Change - we can' das Gegenteil eines
Schwächeeingeständnisses, sondern die Ansage, das von ihm
konstatierte Scheitern der Nation gründlich zu revidieren.
Er hat tatsächlich bei seinem Volk einen Erfolg erzielt, das ihn
als Repräsentanten jeder Unzufriedenheit und großen
Hoffnungsträger und neuen Häuptling anerkennt. Deutlich wird
der Obama-Kult, wenn einfache Neger kundtun, wenn einer von ihnen
Präsident geworden ist, fühlten sie sich gut aufgehoben. An
das alberne, weil ich auch Neger bin und aus den Slums komme, bin ich
schon virtuell Präsident, kann er jetzt glauben.
Einer, der einen Aufsteiger bewundert, bekennt sich zur gesamten
Hierarchie. Es gibt keine härtere Affirmation der Konkurrenz, als
den Aufsteiger zu bewundern, weil man selbst zur breiten Basis, aus der
einer aufgestiegen ist, gehört.
— Dass einmal ein Neger
Präsident sein kann, widerlegt den Rassismus angeblich.
Sowohl die Bewunderung dessen, dass es ein Neger geschafft hat, als
auch das Erstaunen darüber sind nicht gerade Ankündigungen,
den Rassismus zu beenden. Sie sind zwar eine ziemlich gedemütigte
Minderheit, aber einer hat es geschafft; der eine ist der Trost
für den Normalfall.
Nebenbei kommt noch ein weiteres demokratie-typisches Moment zur
Anschauung. Eine Figur repräsentiert die Hoffnung durch alle
möglichen Merkmale, weil sie anders aussieht, anders aufs Volk
zugeht, ein neues 'we' vertritt. Als Führerfigur dies zu schaffen,
ist die Kombination aus Umständen und einer Person, die Merkmale
an sich erzeugt, die das Bedürfnis der Situation, die
Unzufriedenheit auf sich konzentriert mit der Aussicht auf Besserung.
Das kann man dann Charisma nennen.
— Es wird immer so getan, als ginge das Ganze von der
Führerperson aus. Dabei wird das andere Verhältnis, das
Bedürfnis einer Masse von Leuten, so eine Führerperson haben
zu wollen, verschwiegen.
Es ist das Zusammenfallen der Präsentation einer Person mit dem
Willen, diese als Repräsentanten auch so zu nehmen. Aber man muss
sich schon von ihm überzeugen lassen wollen.