Übersicht der Jour Fixe-Protokolle | Homepage | Impressum
Der Umgang des Staates mit der Finanzkrise
— Bei dem Thema Staat und
Finanzkrise besteht folgende Unklarheit: Was bewirkt der Staat mit
seinem Eingreifen und warum? Dass der Staat mit seinen Maßnahmen nicht
das bewirkt, was er will, ist bekannt. Weder der Interbankenhandel
wurde wieder angekurbelt, noch ein Übergreifen auf die Realwirtschaft
verhindert, auch Kredite werden weiter nicht gegeben. Die Verlaufsform
davon ist, dass es ein Rettungspaket nach dem andern gibt. Aber was
bewirkt er? Dazu wurde hier vor einigen Wochen gesagt, der Staat würde
so etwas wie eine kontrollierte Entwertung bewerkstelligen. Diese
Formulierung macht Schwierigkeiten. Der Staat will in seinen
Rettungsmaßnahmen nicht in die Rechnungsweisen des Bankkapitals
eingreifen. Entsprechend dieser sind die Banken – ob sie die Gelder des
Staates nehmen oder nicht –, mit der Abwicklung, also Entwertung der
nicht mehr verkäuflichen Papiere in Konkurrenz zueinander befasst. Das
Ergebnis ist, dass die staatlichen Erwartungen nicht erfüllt werden.
Dagegen kann man einwenden: Wenn man sich vorstellt, welchen Verlauf
die Krise genommen hätte, hätte der Staat nicht eingegriffen, also
verglichen damit, dass sonst der Geldverkehr der Gesellschaft
zusammengebrochen wäre, könne man sagen, dass der Staat mit seinen
Maßnahmen das Finanzsystem gerettet hat. Das ist nicht das Lob, das die
Politiker sich selbst als Retter der Wirtschaft zusprechen, aber man
kann doch sagen, dass der Staat, wenn er Bankpleiten verhindert, mit
seinem Eingreifen die Krise modifiziert (hat).
Dabei ist der Zweck des Staates natürlich nicht, die Entwertung
glimpflich zu gestalten, sondern er will den Kreditverkehr wieder in
Gang bringen. Die Auffassung, er beabsichtige dabei eine Entwertung,
wäre paradox. Da ist der krumme Gedanke nahegelegt, wenn er das nicht
hinbekommt, soll wenigstens die Entwertung nicht chaotisch passieren.
— Aber auch ohne an
Absicht zu denken, fällt am Resultat auf, dass der Staat mit seinen
Maßnahmen seinen Nationalkredit der Belastungsprobe aussetzt, ob der
bei der massiven Verschuldung seine Qualität beibehalten kann. Von
daher lässt sich wohl kaum der staatlichen Aktivität eine Kontrolle
über das, was abläuft, zusprechen.
Offensichtlich geht die Entwertung entgegen der staatlichen Absicht
immer weiter, ein erreichtes Ergebnis ist dabei noch gar nicht
festzuhalten. Das hat seine eigene Logik darin, dass eine Entwertung in
diesem Sektor nicht auf einen (ersehnten) Boden oder Nullpunkt zuläuft,
(von dem aus es wieder neu losgeht), sondern die Entwertung anderer
Kategorien von Geldkapital nach sich zieht, so dass der Staat zunächst
damit beschäftigt ist, das Bankensystem zu stabilisieren, Pleiten zu
verhindern. Die Krise geht also unter heftiger staatlicher Betreuung
ihren Gang; ‚kontrolliert' ist das höchstens in dem Sinn, dass nichts
passiert, was nicht sofort zum Gegenstand von Regierungsüberlegungen
wird, wie man wieder Herr der Lage werden könnte.
Die Entwertung der Vermögenspapiere durchkreuzt die staatliche Absicht,
Banken wieder zum Motor der Wirtschaft zu machen, damit sie ihren
verlangten Dienst im Kapitalismus erfüllen. Der Ausdruck 'kontrolliert'
(bei Entwertung) ist fragwürdig, weil er ein ’wenigstens’ enthält und
schon ein bisschen eine (gleich dementierte) Absicht mitdenkt. Deswegen
ist es besser zu klären, was der Staat von seinem Finanzsektor will,
wie die Krise des Sektors diese Funktion durchkreuzt und die
staatlichen Bemühungen zunichte macht.
— Wenn man sagt, der Staat
rettet (immerhin) die Zahlungsfähigkeit der Banken, ist dabei nicht
mitgedacht, dass diese normalerweise das Ergebnis ihrer Geldvermehrung
ist. Jetzt schafft der Staat eine Zahlungsfähigkeit neben deren
Geschäft aus dem Staatskredit heraus, weil er will, dass das Geschäft
darüber wieder geht.
Damit wäre man bei der sachlich aufschlussreicheren Überlegung, was das
für eine Zahlungsfähigkeit der Banken und der Gesellschaft insgesamt
ist, wenn sie gar nicht das selbstverständliche Produkt eines laufenden
Kreditgeschäfts ist, sondern das Ergebnis ständiger
Notenbankinterventionen: Es ist eine Aufrechterhaltung des
gesellschaftlichen Zahlungsverkehrs unter Krisenbedingungen, unter den
Bedingungen, dass die Banken den Dienst der Geldversorgung nicht
erbringen, Zahlungsfähigkeit auch kaputtmachen. Mit jedem
vorenthaltenen Kredit zerstören sie den Kapitalkreislauf.
— Die Zahlungsfähigkeit,
die der Staat stiftet, ist für die Banken nicht das Gleiche wie für den
Staat. Wenn diese damit ihre eigene Zahlungsfähigkeit in Konkurrenz zu
anderen aufrechterhalten, erfüllen sie nicht die verlangten
gesellschaftlichen Funktionen.
— Der Staat möchte, dass
sie die Zahlungsfähigkeit zum Ausgangspunkt von neuen Kreditgeschäften
untereinander und mit dem Rest der Welt machen.
Die Liquidität, die der Staat gibt, wenn er z. B. Bankanteile
kauft, ist für ihn was anderes als für die Bank. Sein Zweck ist, das
Geschäft wieder in Gang bringen. Den erreicht er nicht, weil die Banken
gerade in ihrer bekannten Notlage mit einer anderen Sache befasst sind:
Alles, was sie an Wertpapieren, also Geldkapital, in ihren Büchern
stehen haben, verwandelt sich jetzt in Schulden. Was sie bisher als
Wertpapier, als Geldkapital bei sich verbucht haben – weil sie einen
Schuldner hatten, der dafür gerade stehen sollte –, muss jetzt
gestrichen werden, weil der Schuldner (z. B. ein Vehikel, dem sie
die Schulden übertragen haben) nicht mehr funktioniert. Fällige
Wertpapiere werden an sie zurückgereicht und die Unterstellung, dies
mit der Ausgabe neuer Wertpapiere zu refinanzieren, geht nicht auf. Das
sind lauter Techniken der Rückverwandlung von Geldkapital in Schulden.
Um da als Bank überhaupt noch eine Bilanz führen zu können, die einer
Finanzprüfung standhält, muss sie Abschreibungen vornehmen und braucht
das, was der Staat ihnen einschießt, als positiven Gegenposten.
Dabei gleichen sich die Forderungen der Banken untereinander nicht aus.
Die Forderungen an die eine Bank müssen beglichen sein, wenn sie nicht
Pleite machen will, und Forderungen, die sie hat, kann sie u. U. nicht
eintreiben. Oder es ergibt sich der Zirkel, dass das Vehikel, bei dem
sie Forderungen eintreiben will, ihr eigenes Produkt ist, d. h. sie
müsste sich selbst was bezahlen, was sie sich bisher als Guthaben
bilanziert hat. Verkaufte eigene Schulden und Ansprüche an die Gewinne
ihres Vehikels – beides ist weg.
Dass die Banken mit der staatlichen Liquidität etwas ganz anderes
machen, als dieser beabsichtigt, ist nur die eine Seite der Bestimmung
der Eigenart dieser Liquidität. 1. Wie und warum kommt diese in die
Welt, und 2. wie wird sie verwendet, was bewirkt sie? Sonst besteht das
Refinanzierungsgeschäft darin, dass Banken wegen laufender oder
erweiterter Kreditgeschäfte sich mit Wertpapieren refinanzieren, womit
die Geldsummen, die der Staat für die Refinanzierung schöpft, Ausweis
von Kreditgeschäften sind. Jetzt brechen umgekehrt Kreditgeschäfte
zusammen, weswegen Banken Garantien, also Liquidität brauchen, die der
Staat ihnen ersatzweise zur Verfügung stellt. Er ersetzt das, was an
Finanzierung untereinander nicht mehr funktioniert, weil sie auf den
Status von Schuldnern und – was auch schlecht ist – Gläubigern
zurückfallen. Weil die Liquidität mit dieser unterschiedlichen Qualität
in die Welt kommt, fällt auch ihre Verwendung auseinander.
Wenn der Staat als Bundesbank mit seinen Geschäftsbanken einen
Geschäftsverkehr aufzieht, heißt das immer 'Refinanzierung' – aber was
ist im Normalfall Inhalt und Zweck dieser Geschäftsbeziehung? Es ist
keine Refinanzierung in dem Sinn, dass Banken fehlende Finanzmittel
bekommen, mit denen sie ihr Kundengeschäft bewerkstelligen können.
Insofern Aktivist des Kapitalmarktes zu sein, ist nicht die spezifische
Aufgabe einer Notenbank. Aber in der Krise merkt man, dass die
technischen Übergänge fließend sind und sie zum beinahe
ausschließlichen Financier wird, quasi die Refinanzierungsquelle für
den Geldbedarf der Banken. Daneben greift der Staat noch ein, stockt
das Eigenkapital der Banken auf, gibt Garantien für deren
Verbindlichkeiten und fungiert als Ersatz für den Kapitalmarkt, der die
Mittel für die Banken nicht mehr her gibt.
Im Normalfall ist die Refinanzierungsquelle für den Bankbedarf der
Kapitalmarkt, auf dem Wertpapiere nachgefragt und angeboten werden, sie
sich damit untereinander ihre Geschäftsmittel beschaffen. Die Funktion
der Notenbank ist auf einer höheren Etage angesiedelt.
— Sie leistet, das
Kreditgeld, das die Banken auftürmen, zu beglaubigen und mit wirklichem
Geld gleichzusetzen.
Die Notenbank attestiert dem die Qualität des nationalen Geldes,
'erklärt' praktisch die Kredite der Banken für austauschbar mit ihrem
Geld und setzt damit die Zahlungsfähigkeit, die die Banken geschaffen
haben, mit der Zahlungsfähigkeit, die der Staat bei ihr in Auftrag
gegeben hat, gleich. Das ist die Anerkennung der banktechnischen
Geldschöpfung als Geldversorgung in dem Sinn, in dem sich der Staat
seiner kapitalistischen Gesellschaft gegenüber für die Bereitstellung
des allgemeinen Geschäftsmittels haftbar erklärt. So bekommt seine
Gesellschaft das nötige Material zum verlangten Geldverdienen. Der
moderne Staat hat als seinen Königsweg entdeckt: Das Geschäftsmittel
für das Wachsen des abstrakten Reichtums zur Verfügung stellen, das
machen ja bereits die Banken. Indem die Banken den Zahlungsverkehr
organisieren und Geld durch ihre selbst geschaffene Zahlungsfähigkeit
ersetzen, stellen sie das Geschäftsmittel für das Wachsen des
abstrakten Reichtums zur Verfügung, was so gewollt ist, damit der
nationale Kapitalismus keinen Mangel für seine Akkumulation erleidet.
Das Eigeninteresse der Banken an ihrer Kreditschöpfung bürgt für die
Geldversorgung der Gesellschaft. Dieses positive Urteil über die Banken
praktiziert die Notenbank, wenn sie die Kredite der Banken nach
gewissen Regeln austauschbar macht mit dem gesetzlich verbindlichen
Zahlungsmittel.
Nur im Ausnahmefall einer Notlage, wenn die Summen zur Saldierung zu
groß werden, oder auch wenn zu bestimmten Terminen (z. B. zu
Steuerzwecken) viel Geld in die Gesellschaft rein muss, steht die
Notenbank bereit und gibt für einen Tag/eine Woche Liquidität in die
Gesellschaft. Das sind Konsequenzen. Die Sache aber ist das Moment der
Beglaubigung, die positive Stellung des Staates zu diesem Geschäft, aus
der sich die Hilfe bei besonderen Schwierigkeiten ergibt. Dass er
dieses Privatgeschäft als Vollzug der von ihm gewünschten
gesellschaftlichen Geldversorgung anerkennt, sogar schätzt, daraus
ergibt sich aber v. a. eine andere Konsequenz.
— Daraus ergibt sich der
Gesichtspunkt der Kontrolle. Es steckt doch im privaten
Bereicherungsinteresse der Banken zugleich immer der Übergang zum
Schwindelgeschäft. Da muss der Staat darauf achten, dass nicht eine
Schuld mit der nächsten bezahlt wird, sondern wirklich aus Schulden
Kapital wird.
Eine früher erlaubte private Banknotenemission wurde ja nicht umsonst
inzwischen verboten. Der frühere Staat hatte auch schon die Gleichung
von Geldversorgung durch die privat interessierte Kreditwirtschaft; die
Banken haben die Banknoten gleich selbst ausgegeben; das fungierte als
Geld. Das Privatgeschäft hatte damals mit dieser Emission von Banknoten
die zirkulierenden Mittel entwertet und die Zirkulation kaputtgemacht.
Auf Basis der Anerkennung dieses Geschäfts ist als nächster Schritt
Kontrolle angesagt. Der elementare Akt der Kontrolle besteht darin,
dass sich der Staat das wirkliche gesetzliche Zahlungsmittel vorbehält.
Definitives Geld, das Geld der Gesellschaft drucken, ist den Banken
verwehrt. Giralgeld schöpfen dürfen sie, aber in dem Akt der
Anerkennung durch Austauschbarkeit mit dem Notenbankgeld steckt auch
die Wahrung des exklusiven Privilegs der Notenbank: Nur deren Banknoten
sind das wirkliche Zahlungsmittel, die Geldware.
Dann kommt der nächste Schritt: Der Staat macht gerechterweise keinen
Unterschied zwischen Geldversorgung als Zirkulationsmittel und der
Leistung der Banken, Vorschuss zu produzieren. Die Geldversorgung fällt
für den Staat zusammen mit der Funktion des Kredits. Die Banken stehen
auch dafür gerade, dass es Zahlungsversprechen als Zahlungsmittel und
ein Geschäft auf Vorschuss gibt, dass Zahlungsfähigkeit nicht bloß als
Resultat gelaufener Geschäfte existiert, sondern auch als
Initialzündung für zu machende Geschäfte. Deswegen ist die Versorgung
mit Liquidität als Aufgabe des Bankensektors identisch mit dem Auftrag,
dass dieser Bankensektor die ganze Gesellschaft mit dem Geschäftsmittel
versorgen soll, das das kapitalistische Wachstum in der Gesellschaft
anleiert. Geschäftsmittel ist für den Staat gleichbedeutend mit
Wachstumsmittel, Versorgung mit Geld ist gleichbedeutend mit Versorgung
mit Kredit, Vorschuss, womit Wachstum produziert wird. Geldversorgung
ist nicht einfach das Schmiermittel für laufende Geschäfte, sondern
sofort auch ein Bereitstellen von Mitteln für das Anzetteln von
Geschäften.
— Dass die Notenbank die
Wertpapiere der Banken bei sich als Einlage akzeptiert und aufgrund der
Anerkennung dieser Wertpapiere die Banken mit Liquidität ausstattet und
so die Kreditschöpfung der Banken anerkennt, ist mir noch klar. Wie
hängt das aber mit dem Kapitalkreislauf zusammen; also dass das
Kapital, um sich in der Konkurrenz durchzusetzen, Vorschuss braucht,
den ihr die Bank in wachsendem Maße zur Verfügung stellt? Das sind doch
zwei verschiedene Sachen.
Wofür bekommen die Banken Notenbankgeld von der Zentralbank? In der
Elementarform, auf die die Notenbanken zunächst festgelegt sind, müssen
die Banken Sicherheiten bieten in Form von Wertpapieren. Das sind
Urkunden über die Sicherheit, dass dieser Kredit als Geldkapital
fungiert, was schon ein laufendes, gelingendes Bankgeschäft
unterstellt, damit sie überhaupt den Stoff haben, der ihnen als
Sicherheit dient, für die sie bei der Zentralbank Geld abholen können
(oder müssen – sie werden ja auch dazu verpflichtet, eine Reserve in
Notenbankgeld zu halten). Diese Wertpapiere, egal ob sie aus der
Produktion von Waschmaschinen oder aus der Rendite von anderen
Staatsschulden kommen, sind auf alle Fälle Dokumente eines gelungenen
Bankgeschäfts, für die die Notenbank in Bezug auf diese Sicherheiten
die selben Kriterien anlegt wie die Banken untereinander, wenn sie die
Papiere bewerten: Wie sicher ist der Emittent als Schuldner? Kann man
auf dessen regelmäßige Zahlungen so fest setzen, dass man dessen
Schuldschein als Geldkapital verbuchen kann? usw. Je größer das Risiko,
umso höher der Zins, je niedriger der Zins, um so besser muss der
Schuldner sein; da ist nicht ein Wertpapier so gut wie das andere.
— Dass die Notenbank auf
Zins gegenüber den Geschäftsbanken besteht, ist wie das Beharren
darauf, dass ihr Geschäft auch Ertrag abzuwerfen hat.
Das ist ein Moment von Erfolgskontrolle gegenüber den Banken. Wenn die
Nationalbank das Geschäft der Geschäftsbanken beglaubigt, dadurch dass
sie es für austauschbar erklärt mit ihrem Geld, dann will sie am
Geschäft teilhaben. Die Banken müssen die Tauglichkeit ihres Geschäfts
auch dadurch beglaubigen, dass sie in der Lage sind, der Nationalbank
die verlangten Zinsen zu zahlen. Das ergibt den Zusammenhang zur
Refinanzierung der Banken auf dem Kapitalmarkt, denn diese Maßregel –
zu diesen oder jenen Zinsen könnt ihr bei mir bestimmte Papiere in
gültige Liquidität tauschen – soll zugleich die Messlatte sein für die
Zinsen, die die Banken sich gegenseitig am Kapitalmarkt berechnen. Aber
das gehört in die Idee der Steuerung der Wirtschaft.
— Vom Staat her soll jedes
Geld, das auf die Welt kommt, mit dem Auftrag versehen sein, mehr zu
werden. Dieses Prinzip des Reichtums der Gesellschaft steckt mit drin.
Wenn die Bank Geld hergibt, dann mit der Forderung, das Geld habe Zins
abzuwerfen.
Dies ist ein Moment in dieser vorhin diskutierten Identität von
Geldversorgung und dem, dass jeder Geldschein als Träger eines
Verwertungsanspruchs in die Welt kommt, was im Zinssatz, den die
Nationalbank für ihre Banknoten berechnet, gleich mit festgeschrieben
ist. Man lernt mühselig, dass Geld das allgemeine Äquivalent,
Zugriffsmittel auf geschaffenen Reichtum ist, jede Nationalbank sagt
aber, das Erste und Entscheidende am Geld sei, Vehikel seiner eigenen
Vermehrung zu sein. Der Bankensektor haftet quasi mit den Prozenten,
die er an die Nationalbank abdrückt, für die Selbstverständlichkeit,
dass kein Geld unterwegs ist, das nicht als Geldkapital in die Welt
gesetzt worden ist. Der Staat überantwortet die hoheitliche Aufgabe der
Geldversorgung an die Geschäftsinteressen der Kreditschöpfer.
Wenn der Bankensektor, wie gerade jetzt, versagt, steht der liberalste
Staat nicht an, das in eigener Regie zu machen. Dass Geld auf dem
Kreditweg in die Gesellschaft muss, ist eine hoheitliche Aufgabe. In
weniger entwickelten Nationen gründet gleich der Staat die Bank. Bei
uns gibt es ein Überbleibsel davon in Gestalt der Landesbanken; es sind
staatliche Banken, die von dem Misstrauen des Staates in die
Leistungsfähigkeit seines Privatgewerbes zeugen: Reicht die Geld- und
Kreditschöpfung, die die Banken auf ihre Rechnung machen, dafür hin,
was der Staat alles an kreditinduziertem Geschäft in der Gesellschaft
haben will?
Bei der Landwirtschaft z. B. stört das Privatinteresse der Banken
schon seit ewigen Zeiten das Interesse des Staates an einer
Kreditversorgung der Bauern. Deswegen gibt es, von ihm mit initiiert
und gefördert, die genossenschaftlichen Raiffeisenbanken, ursprünglich
als Kreditunternehmen speziell für einen Stand, bei dem das Urteil war,
dass bei diesem Agrargeschäft das Bereicherungsinteresse der sonstigen
Privatbanken und des Großkapitals nicht hinreicht. Das letzte Beispiel
in großem Stil in unserer näheren Umgebung war die Erschließung der
Ostzone. Die erste Intervention des Kapitalismus in der DDR bestand
darin, mit dem Aufstellen von Containern auf jedem Marktplatz, auf
denen Dresdner Bank oder Deutsche Bank stand, einen Bankensektor zu
etablieren, der die Geldversorgung der Gesellschaft vom kleinsten
Privatkunden bis zu den neu geschaffenen Chipfirmen in Dresden
übernimmt.
— Die Schulden, die
z. B. die Bayerische Landesbank akkumuliert hat, sind nicht aus
Krediten an arme Bauern oder Infrastrukturprojekte im Osten entstanden.
Sie entstanden daraus, dass der Staat sie von diesen Aufgaben befreit
und sie aufgefordert hat, selber Global Player zu werden, genauso wie
die Dresdner Bank und sonstigen privaten Großbanken aus
Schuldverhältnissen Kapital zu machen. Auf diese Weise sollen sie für
den Staat Mittel heranschaffen.
Jetzt in der Krise will der Staat die Gleichung zwischen dem
Privatinteresse der Banken und ihrer Funktion für die Geld- und
Kreditversorgung der Gesellschaft wieder herstellen, wo die gerade
kaputt geht. Nicht, weil die Banken dies einfach nicht mehr mögen,
sondern weil sie das angesichts des Zusammenbruchs ihres
gutgeschriebenen Geldkapitals nicht hinbekommen.
Im Normalfall gehört zu dem Nutzen, den der Staat von diesem Sektor
haben will, neben der Alimentierung des nationalen Kapitalismus mit
Geschäftsmitteln, auch die Finanzierung des Staates selbst, der das
Verhältnis seiner kapitalistischen Akteure kopiert; er macht seine
Schulden auf dieselbe Manier wie gute Schuldner sonst. Er gibt
Wertpapiere aus, die eine Verzinsung versprechen und deswegen selber
den Charakter von Geldkapital haben. Dahinter steht der Staat mit
seiner Verfügungsmacht über den Reichtum der ganzen Gesellschaft;
bekanntlich sind das „unsere Enkel“, die dies dann zu zahlen haben. Die
„Enkel“ stehen dabei als Metapher für den Staat, seine Zinszahlungen so
zuverlässig zu garantieren, dass der Umstand, dass es sich doch gar
nicht um ein kapitalistisches Geschäft handelt, nicht gegen diese
Papiere, sondern für sie spricht; diese Papiere enthalten damit auch
nicht das Risiko eines sonstigen Kredits.
Wir sind an dieser Stelle noch bei dem Normalfall, die Staatspapiere
werden deshalb nicht mit der jetzigen Krisenlage von Wertpapieren und
Wertpapierbeständen verglichen. Staatsschulden sind auf der einen Seite
Mittel der staatlichen Geldbeschaffung, die Bedienung seines
Finanzbedarfs. Gleichzeitig merkt man, was Schulden in der
kapitalistischen Gesellschaft überhaupt sind, die Bedienung des
Finanzbedarfs macht nämlich niemanden eigentlich ärmer. Die Bedienung
des staatlichen Finanzbedarfs bedeutet eine Steigerung der Finanzmacht
des Finanzsektors. Der hat zwar Geld für die staatlichen Wertpapiere
hergegeben, verfügt aber stattdessen über eine von ihm erst einmal als
grundsätzlich sicher eingeplante Geldquelle. Der Staat hat sein Geld zu
Geldkapital gemacht, hat es seiner richtigen Bestimmung zugeführt,
indem es sich jetzt dadurch vermehrt, dass der Bankensektor es
weggegeben hat. Staatsschulden sind ein besonders solider Beitrag zur
Steigerung der Finanzmacht des Bankensektors.
Es gibt eine praktizierte Kritik an den Staatsschulden, wenn nämlich
der Kapitalmarkt, der eigentlich über die Staatsschulden seine
Finanzmacht stärkt, dazu übergeht, Risikoaufschläge bei der Verzinsung
von Staatspapieren zu verlangen; so muss z. B. Griechenland für
seine Staatspapiere schon viel mehr bezahlen als Dänemark, und Dänemark
schon mehr als der deutsche Finanzminister.
Wenn ein Staat so auftritt, dass er eigene Papiere emittiert, sich Geld
beschafft und dafür Geldkapital in den Händen seiner Gläubiger stiftet,
macht er damit eine prekäre Rechnung auf. Auf der einen Seite steigen
nämlich seine Verpflichtungen, die ihm aus der Verwandlung seiner
Schulden in Geldkapital erwachsen, denen auf der anderen Seite die
Quelle der Verzinsung seiner Papiere gegenüber steht, das Wachstum, das
in seiner Gesellschaft zustande kommt; ein Wachstum, als dessen
Zusammenfassung, als dessen reale Bilanz das Finanzgewerbe seiner
Nation fungiert. In seinem Geschäftserfolg, seinen Renditen fasst sich
der Geschäftserfolg der ganzen Nation zusammen. Jeder kapitalistische
Erfolg übersetzt sich in eine Steigerung der Finanzmacht, die in dieser
Nation verfügbar ist – verfügbar in diesem Bankensektor und bei allen,
die auf diesen Kapitalmärkten mit aktiv sind. Insofern ist der
Finanzsektor für den Staat nicht bloß das Vehikel, der Motor für seine
nationale Ökonomie, sondern diese Funktion, Motor für das Finanzieren
des nationalen Kapitalismus zu sein, fällt zusammen mit der Funktion
dieses Sektors, die reale Gesamtbilanz der Erfolge und Misserfolge des
nationalen Wachstums zu sein. Das Prekäre liegt darin, dass seine
Selbstverpflichtung, in Zukunft massenhaft Zinsen darauf zu zahlen, was
er als Geldkapital emittiert hat, vom Wachstum seiner Ökonomie abhängt.
Dass er die Finanzmacht dieses Sektors durch seine Schulden stärkt,
heißt zugleich, dass er die Leistungsfähigkeit seiner Gesellschaft
insgesamt durch die versprochenen Zinszahlungen belastet. In diesem
Punkt sind die Steuern der Ausweis dessen, dass der Staat tatsächlich
für seine Schulden auch geradestehen kann. Damit er das kann, braucht
er ein Wachstum, das sich in der Finanzmacht seines Bankensektors
niederschlägt. Für den Staat hat ein „gesunder“ Finanzsektor Bedeutung
sowohl als Motor der kapitalistischen Akkumulation als auch als
Zusammenfassung der kapitalistischen Erfolge der Nation, und in beiden
Hinsichten dient dieser Sektor dem Staat als Quelle für seinen eigenen
Finanzbedarf.
Für den Finanzsektor gibt es, außer bei der Abwägung, wie solide jemand
als Schuldner ist, nicht die Frage, wo einer sein Geld verdient hat.
Wenn jetzt von der ‚Realwirtschaft’ geredet wird und auch der
Bundespräsident Töne schwingt, wonach nur redliche Arbeit bleibende
Werte schaffe, merkt man, dass diese Kategorie, wenn sie sich im
bürgerlichen Bewusstsein einmal bemerkbar macht, nur das Derivat aus
dem Finanzgeschäft ist, dass nur aus dem Scheitern der Finanzgeschäfte
das Gegenbild solider Geschäfte entsteht, bei denen tatsächlich einmal
etwas produziert worden ist. Schon wenn es im nächsten Atemzug heißt,
dass diese Geschäfte kreditiert werden müssen, ist die Unterscheidung,
dass das Produzieren einer Ware solide, die Produktion von Schulden
aber unsolide ist, wieder weggewischt. Denn damit ist anerkannt, ohne
Schulden läuft beim Produzieren und Handeltreiben überhaupt nichts. Wer
ist jetzt wessen Derivat? Solange alles klappt, gibt es für die Banken
alle möglichen Kriterien für die Einteilung ihrer Kreditvergabe, aber
bei dem Unterschied zwischen Haus und Polstern auf der einen Seite, an
denen Marx den Tauschwert erläutert, und Kreditgeschäften der siebten
Ableitungsstufe auf der anderen Seite gibt es immer nur die Frage, wie
sicher das Geschäft und wie hoch die Rendite ist. Dass in einem Fall
Schulden zu Geldkapital werden, also zukünftiger Reichtum als
gegenwärtiges, sich verzinsendes Kapital fungiert, und im anderen Fall
der Preis einer Ware bzw. das, was aus ihr an Profit herauszuholen ist,
die Quelle einer Geldkapitalsumme ist, ist marktwirtschaftlich gesehen
völlig egal. Man könnte daraus eher den Schluss ziehen, welch windige
Sache der Tauschwert ist – von wegen der Tauschwert einer Ware sei ja
noch etwas Solides, der eines Wertpapiers bloß Schwindel. An der
Gleichgültigkeit dieser Wertbestimmungen für das Finanzkapital kann man
eher umgekehrt sehen, was für eine Gewaltfrage dieser solide, mit
Arbeitsstunden produzierte Tauschwert ist. Er ist doch selber nichts
Anderes als eine gesellschaftliche Zuordnung, eine Anerkennung als
gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.
Das auf dem Finanzsektor stattfindende Wachstum steckt dem Staat die
Grenzen seiner Verschuldung weiter, was aber auch heißt, ein solches
muss stattfinden, die Bedienbarkeit der wachsenden Staatsschulden
plausibel machen, für die Investoren hinreichend beglaubigen. Auf dem
Finanzsektor findet die Überführung des gesellschaftlichen Mehrprodukts
und der ganzen Spekulation auf dessen Vermehrung in Ziffern, die die
Finanzmacht der Nation darstellen, statt. Man kann das als
Bruttosozialprodukt zusammenrechnen, in der Finanzwelt sind diese
Ziffern jedoch nicht nur eine statistische Größe, sondern
repräsentieren eine real existierende Verfügungsmacht, wenn sie in den
Bilanzen der Banken stehen. Für den Staat ist das Finanzgewerbe die
Maschinerie des nationalen Wachstums und in der jetzigen Lage setzt er
sich über die Frage hinweg, ob das Wachstum der nationalen Ökonomie
auch in Zukunft seine Zinspflichten gewährleistet. Es ist eine
Ermessensfrage, wie viel er sich leistet; womit man bei der Konkurrenz
der Nationen ist – schließlich werden sie vom Finanzkapital bezüglich
der Glaubwürdigkeit ihrer Verzinsungsversprechen verglichen
— Was steckt hinter dem
merkwürdigen Einfall der „bad bank“? Was ist der beabsichtigte
Unterschied zwischen dem, dass die Zentralbank marode Kredite aufkauft
und einer Bank, die mit der Zentralbank nichts zu tun hat und nur zu
dem Zweck gegründet würde, um diese maroden Kredite aufzukaufen?
Vielleicht soll der Schein gewahrt werden, dass der Staat nicht direkt
einspringt, aber das ist doch albern, weil jeder weiß, was es ist.
Solch eine Aktion könnte man als kontrollierte Krisenbewältigung
bezeichnen. Das Ding heißt dann Sondervermögen und besteht aus lauter
Schulden. Der Zweck des Unterfangens ist, einen Dreh zu finden, wie man
erzwingt, dass das Geschäft wieder losgeht – und das angesichts dessen,
dass die Banken derzeit erst mal damit befasst sind, ihre Verluste
dosiert zu realisieren. Der Staat hat ja auch aus seinem Haushalt
diesen Sonderfonds (Soffin) ausgegliedert mit dem Zweck, das
haushaltstechnisch so zu handhaben, dass das Unterfangen kein Geld
kostet, sondern ein Rechtsweg eröffnet wird, Schulden von den Banken
weg zu verbuchen; auf diese Weise können diese wieder solide
wirtschaften und die Frage, wo die Schulden geblieben sind, wird erst
mal unter das Reglement einer staatlichen Behörde gestellt und
verschwindet so aus den Bilanzen der Banken. Möglicherweise schrumpfen
darüber dann die Bilanzen – es ist unwahrscheinlich, dass die Banken
die Schulden wie erfolgreich fortexistierende Wertpapiere verbuchen
können. Aber das sind alles finanztechnische Tricks zur Abwicklung der
Schulden.
— Noch mal zum Staat und
seiner Kreditaufnahme. Er erlegt sich selber eine Grenze auf, die
z. B. 3 % der Nettoverschuldung beträgt, die er aber in
wirtschaftlichen Notlagen auch gleich wieder überschreiten darf. Dann
hält er doch das Moment fest, dass er als Staat, der auf dem Geldmarkt
auftritt und Wertpapiere anbietet, verglichen wird – ist das der Grund
für die Staatsverschuldungsbegrenzung?
Es gibt einen diesem Vergleich vorgelagerten Grund, warum der Staat
nicht hemmungslos ist bei seiner Verschuldung. Das ist das Verhältnis
zwischen dem Wachstum seiner Schulden, also seiner Zinspflichten, und
dem Wachstum seiner nationalen Ökonomie, wozu auch gehört, dass die
Verschuldung in einem bestimmten Verhältnis zum Bruttosozialprodukt
bleiben soll. Vor jedem internationalen Vergleich der Nationen, ihrer
Finanzkraft und ihrer Verschuldungsfähigkeit sind die Auswirkungen der
staatlichen Verschuldung auf den Geldwert selbst, also die Inflation,
der erste Grund staatlicher Geldbewirtschaftung. Dies ist eine
mehrdeutige Angelegenheit, da im Zeitverlauf an sich selbst gemessen
das Geld des Staates immer weniger wert ist, was nicht der Zweck eines
Staates sein kann, der Wachstum als Ziel verfolgt.
— Also reflektiert er da
zwei sich widersprechende Gesichtspunkte: einmal, sich von dem
Steueraufkommen unabhängig zu machen, was seine Finanzmittel betrifft,
sich also zu verschulden, andererseits, die Wirkungen seiner
Verschuldung auf seinen Standort auch wieder zu berücksichtigen.
Die Wirkung ist durchaus erst mal positiv – sie trägt ja etwas bei zum
Wachstum dieses Sektors. Darum ist auch das Ideal, keine Schulden mehr
zu machen, finanzkapitalistisch völlig unsinnig, weil das der Stoff
ist, mit dem die Finanzmärkte wirtschaften und Reichtum akkumuliert
wird. Dem steht andererseits die Belastung des Staatshaushalts und
deren teilweise Umrechnung in Steuerpflichten gegenüber. Deshalb
beschwören dieselben Figuren einerseits die Notwendigkeit eines
schrankenlosen staatlichen Rettungspaketes für die Banken, andererseits
eine im Grundgesetz verankerte Verschuldungsbremse.
Ein Punkt noch neben der sachlichen Klärung. Es ging hier schon einmal
um die moralische Bedeutung der Krise, um ihre Verarbeitung in der und
für die öffentliche Meinung und welche Einschwörung auf das in die
Krise geratene System da passiert (siehe letzter GS). Inzwischen gibt
es nicht nur Dokumente für diese öffentliche Wahrnehmung, sondern sogar
für ihren Erfolg. Ob diese Einschätzung richtig ist, sollte man
überprüfen. Jetzt hat das ‚Superwahljahr 09’ mit der Hessenwahl
begonnen. Neben den Besonderheiten dieser Wahl – erfolgloses Taktieren
der Ypsilanti und ‚Einbruch’ bei der SPD, mittelprächtiges Abschneiden
der CDU mit Kotzbrocken Koch – fällt doch vor allem der große Erfolg
der FDP auf; dies gerade im Kontrast zu der Enttäuschung der Linken
Partei, die auch noch mit der hämischen Frage behelligt wird, warum sie
so wenig von der Krise des Kapitalismus profitiert habe. Ist dieses
Wahlergebnis, zusammen mit den Umfragen, die die FDP etwa gleich hoch
bewerten wie die SPD, ein Indikator dafür, dass das, was im letzten GS
als Gegenstand der öffentlichen Agitation bezeichnet worden ist,
tatsächlich verfängt? Wenn dauernd davon die Rede ist, dass wegen der
Finanzkrise die ganze Gesellschaft in die Krise gerät, sind genau zwei
Schlussfolgerungen möglich: Die eine ist die Kritik an einem derart
miesen Finanzsystem, das alles mit sich in die Krise reißt. Der
Verdacht, es könne so gedacht werden, war von Anfang an vorhanden und
die Agitation in den Zeitungen war ja auch entsprechend: Es wurde so
getan, als seien Montagsdemonstrationen unterwegs mit dem Slogan “Wir
sind das Volk und können die Finanzkapitalisten nicht leiden!“ – was
nicht auch nur andeutungsweise der Fall war. Also ist offensichtlich
die andere Schlussfolgerung gezogen worden: Wenn die Finanzkrise
absehbar die ganze Gesellschaft in die Krise reißt, dann kommt es
darauf an, dass die Finanzen wieder funktionieren.
— In dem Begriff
‚Realwirtschaft’, ist schon gar keine ökonomische Größe mehr enthalten,
sondern nur noch, sie sei etwas Gutes und verdiene es deshalb,
bedingungslos gerettet zu werden. Und in diesem Zusammenhang taucht der
Kredit auch gleich als gutes Lebensmittel für Arbeitgeber und -nehmer
auf.
Man könnte hier sogar noch die faschistische Konsequenz Realwirtschaft
kontra Finanzkapital ziehen. Wäre der Ackermann ein Jude, hätte das
Volk bei Finanzkapital garantiert eher an Schmarotzer gedacht und bei
BMW eher an die schönen Autos, die produziert werden, und nicht an
seine Leasing-Abteilung; der Gegensatz zwischen raffendem und
schaffendem Kapital wäre auf einmal wieder Thema geworden. Die
Journalisten bringen es fertig, ‚Realwirtschaft’ ohne einen Gegensatz
zwischen raffendem und schaffendem Kapital zu denken und ersteres –
unter Ausklammerung der gierigen Ausnahmen – vollständig unter „Dienst“
zu subsumieren.
Ein Artikel zur Wahl in Hessen als Eröffnung dieses ‚Super-Wahljahres’
müsste in etwa so gehen: Das fängt ja gut an, nämlich mit dem Erfolg
genau der Partei, von der jeder weiß, dass sie bedingungslos für das
Finanzkapital ist, und keiner nimmt es ihr übel – im Gegenteil. Das ist
ein Zeichen dafür, dass die agitatorische Gleichung: gerade wenn das
Finanzkapital mit seiner Krise alle reinreißt, kommt es um so mehr auf
sein Funktionieren an, verfangen hat. Jetzt gibt es eine noch
verrücktere Fortsetzung. Die Agitation gegen eine ‚bad bank’ – also die
Verantwortung den Banken zu überlassen – kommt überhaupt nicht von
Kritikern des Bankgewerbes, sondern genau von den Leuten, die sagen,
dass es gegen die Logik der Marktwirtschaft sei, wenn sich der Staat um
alles kümmere. In der FAZ liest sich das so, dass der Staat schon immer
der schlechtere Banker gewesen sei, der Staat also als Gefahr
beschworen wird. Beim Geld für die Rettung der Banken sei dabei
folgendermaßen zu unterscheiden: als Geld, das die Banken retten soll,
geht es in Ordnung, aber als Geld, das vom Staat kommt, fällt es unter
Sozialismusverdacht. Die Rede von der ‚Eigenverantwortung’ ist quasi
der moralische Titel für die geschäftliche Freiheit des Bankensektors,
die dafür sorgen soll, dass er wieder funktioniert. Die gleichzeitig
laufende Kritik, der Staat habe sich zu wenig um die Oberaufsicht
gekümmert, ist dazu zwar ein Widerspruch, der sich aber locker
geleistet wird, weil es in den Schematismus, die gute Seite der
marktwirtschaftlichen Freiheit zu retten, indem man ihre Auswüchse
unterbindet, hineinpasst.
Wie immer in der Demokratie schlägt die Unzufriedenheit über die nicht
richtig greifenden Rettungsmaßnahmen bei irgendeiner Oppositionspartei
positiv zu Buche und leicht erstaunt stellt die FAZ fest, dass das die
FDP ist – schließlich haben die Banker einiges in den Sand gesetzt.
Andererseits steht sie eben für Wirtschaftskompetenz und um die Rettung
der Wirtschaft geht es, weshalb sie diesen Zulauf bekommt. Eine Prüfung
der Maßnahmen der FDP oder dessen, was Westerwelle gesagt hat, findet
nicht statt. Dass die FDP die kapital-freundlichste Partei ist, weiß
man und findet es offensichtlich in Ordnung. Außerdem ist die FDP der
Garant dafür, dass nur die nötigsten staatlichen Maßnahmen erfolgen.
— In einem Interview hat
Westerwelle gesagt, dass es falsch sei, zu sagen, die FDP sei für
weniger Staat. Sie sei im Gegenteil für einen starken Staat, der sein
Handeln an wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht an der falschen
Rücksichtnahme auf seine Wählerklientel ausrichtet.
Dieses ‚Die Freiheit braucht einen starken Hüter’ hat noch ein paar
Fortsetzungen. Welche Partei schürt denn die Unzufriedenheit mit den
Milliarden, die jetzt für die Bankenrettung ausgegeben werden? Die
Linken sind es nicht – im Gegenteil, sie sagen, dass das alles viel zu
wenig sei; Gysi verlangt, dass die 40 Mrd. in einem Jahr ausgegeben
werden sollen und nicht in zweien. Das Verrückte ist, dass ausgerechnet
die FDP die Strategie der Regierung: Die Milliarden für die
Bankenrettung mit dem Argument ‚Damit werden Arbeitsplätze gerettet’
populär zu machen, in den Ruf bringt, eine soziale Tat zu sein. Und von
so was wisse man doch, dass sie für die, die eine soziale Tat nicht
nötig haben, also für die Leistungsträger oder die Mitte der
Gesellschaft, nur lauter Lasten bringe – also eigentlich verschleudert
seien und nur ‚unsere Enkel’ belaste. Das ist der derzeitige Schlager
dieser wunderbaren Partei. Dabei steht das Bild von den zukünftigen
Generationen nicht für die Sorge, wie die in 50 Jahren leben werden –
für diese Sorge hätten Klimaschützer und andere Sorgenträger bessere
Argumente –, sondern für den
zukünftigen Erfolg der Nation.
Zurück zur sachlichen Erörterung. Mit welcher Gefahr müht sich der
Staat mit seinen Interventionen ab? Das Positive, das Finanzgeschäft
solle wieder losgehen, wurde schon benannt. Die Gefahr, die durch die
Interventionen entsteht oder zumindest nicht beseitigt wird, ist das
Missverhältnis zwischen der staatlichen Verschuldung und der
Leistungsfähigkeit des nationalen Finanzsektors. Dabei grassiert
derzeit nicht so sehr die Sorge wegen der Inflation, sondern wegen des
Vergleichs, der aktuell zwischen den Nationen angestellt wird in Bezug
auf ihre Schulden im Verhältnis zur nationalen Finanzkraft und
festgemacht wird an der jeweiligen nationalen Währung. Die allgemeine
Frage ist, ob man einem Staat noch abnehmen kann, seine Schulden
abkaufen zu können in der Sicherheit, dann sich verwertenden Wert in
der Hand zu haben? Die andere Seite ist die Gefahr der Überschuldung,
also wenn die Masse seiner Schulden das Maß überschreitet, in dem der
Weltkapitalmarkt diese noch als Geldkapital honoriert. Er bekommt dann
vielleicht seine Schulden nicht mehr auf den Kapitalmärkten unter, hat
aber immer noch die Alternative, seine Schulden durchzustreichen, indem
er seine Währung streicht.
Eine Währungsreform ist natürlich kein Vorgang, den ein Staat mal so
macht – schließlich ist es das Eingeständnis, dass das Geld seiner
Gesellschaft nichts mehr taugt –, aber es ist gleichzeitig die
Etablierung eines neuen allgemeinen Äquivalents, das den Vorteil hat –
gerade bezüglich der Finanzmacht, die die mit neuem Geld ausgestattete
Nation dann zum Wirtschaften bekommt –, dass hinter ihm ein
schuldenfreier Staat steht. Die Ökonomie, über die dieser Staat dann
gebietet, ist allerdings auch ziemlich ‚gesund geschrumpft’ – das ist
der Nachteil. Aber es stimmt eben nicht, dass ausgerechnet ein Staat in
dieser Lage ohnmächtig wäre.
— Der Sachverhalt bei
einem Staatsbankrott ist mir noch unklar. Anders als ein Unternehmen
existieren Staaten nach einem Bankrott noch weiter – siehe Argentinien
und Mexiko. Besteht ein Bankrott darin, dass erklärt wird: Das Geld
dieses Staates taugt nichts mehr und wir schaffen ein neues?
Entweder machen die Staaten es am Geld, dann ist es eine
Währungsreform, also die Annullierung des Mittels, in dem die alten
Schulden notiert sind, wobei natürlich gleich die Frage auftaucht, wie
viel von den alten Schulden in der neuen Währung reanimiert werden. Die
andere Variante ist, dass ein Staat sich für zahlungsunfähig erklärt
und seine Schuldner vor die Alternative stellt, ein bisschen oder
überhaupt nichts zu bekommen – so hat es Argentinien gemacht.
Anders als ein Unternehmen löst sich ein Staat nicht auf, aber er wird
auch nicht einfach seine Schulden los, sondern die Umschuldung, die er
dann betreibt, ist zugleich auch ein Urteil über seine internationale
Verschuldungsfähigkeit. Argentinien hat bis heute keinen Zugang zum
internationalen Kredit bekommen, seine Kreditwürdigkeit hat entschieden
gelitten. Bei Mexiko sind andere Nationen mit ihrem Kredit offensiv
dafür eingetreten, dass Mexiko nicht Pleite ging und seine
Zahlungsfähigkeit aufrecht erhalten blieb.
Eine Währungsreform als Mittel der staatlichen Entschuldung
funktioniert natürlich nur, wenn ein Staat sich in seiner eigenen
Währung verschuldet hat. Ein Staat, der in dem Verdacht steht, sich zu
überschulden, also in seiner eigenen Währung mehr Schulden zu
akkumulieren als er aus seiner Hoheit über den nationalen Kapitalismus
je an Zinsen zahlen kann, bekommt schon von den Kapitalmärkten keinen
Kredit in seiner eigenen Währung mehr. Die Schulden, die Argentinien
mit der oben erwähnten Alternative heruntergeschraubt hat, waren
Dollar-Schulden, aus denen ein Staat durch eine Währungsreform nicht
herauskommt. Da stehen dann immer Verhandlungen an und bestenfalls
bleiben sie ergebnislos, was dann auch heißt, dass dieses Land keinen
Zugang mehr zu Dollar- oder anderen internationalen Krediten hat. Es
muss dann schauen, wie es in seiner eigenen Währung gleichzeitig einen
nationalen Kapitalismus aufzieht und seinen eigenen Finanzbedarf daraus
deckt, ohne dass es zu einer Inflation kommt, die sein Geld wieder
entwertet, also auch international zu einem untauglichen
Geschäftsmittel werden lässt.
Wenn die Währungsreform ihren Grund darin hat, dass die Verschuldung
eines Staates durch das Wachstum des sich auf dem Finanzsektor
akkumulierenden Reichtums der Nation nicht mehr zu beglaubigen ist,
dann steckt darin immer zum einen ein Urteil dieser Nation über die
Höhe der eigenen Schulden und zum anderen über das Wachstum, das sie
(nicht) zustande bringt.