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Gazakrieg

1. Öffentliche Besprechung (siehe anhängende Artikel) und 2. der Krieg selbst

a) SZ
Die öffentlichen Verlautbarungen, worum es bei diesem Krieg ginge, sind falsch und parteilich – die zynische Gemeinheit ist unerträglich. Doch wie entkräftet man sie? Bei der unmittelbar aufkommenden elementaren Empörung über die einseitige Sicht – das Plus an Israel und das Minus an die Hamas werden ziemlich auffällig verteilt – kann man es nicht belassen. Stattdessen wäre zu klären, wie die das nur immer schaffen, so eindeutig Noten zu verteilen in Bezug auf die Kriegsparteien. Damit soll auch der Gefahr begegnet werden, sich mit einer falschen Korrektur des Aufrechnens selbst daran zu beteiligen.
Absatz 1)
Israel ist in seiner Existenz bedroht – es muss, wg. der Raketen, Hamas eine Lektion erteilen. – Damit ist ein Weltbild fix und fertig. Der Ausgangspunkt, dass hier ein hochgradig einseitiges Gewaltverhältnis vorliegt – die Unverhältnismäßigkeit der Gewaltarsenale: hie Raketenterror da hoch gerüstete Armee –, ist nicht zu übersehen. Wie aber wird die Lage beurteilt? Israel ist in seiner Existenz bedroht, hat daher zur Tat zu schreiten.
  — Es wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass ein Raketenbeschuss auf Israel, auch wenn er vergleichsweise wenig Schaden anrichtet, nicht sein darf. Israels Existenz ist dasselbe wie seine Unverletzlichkeit.
Die Unverhältnismäßigkeit der Beurteilungsweise ist offensichtlich. Auf der einen Seite der Raketenterror, gegen den eine (wie positiv vermerkt wird) ganz anders gerüstete Armee zurückschlägt und eine Lektion erteilt. Das ist keine Beurteilung der Lage, sondern eine Bewertung, die sich der israelischen Definition der Lage anschließt, nämlich den Sicherheitsanspruch Israels wiedergibt, das auf seiner Unverletzlichkeit besteht.
Dagegen sollte man nicht mit der Umkehrung antworten, und die Aktionen der Hamas zur bloßen Gegenwehr erklären, die gegen die israelische Bedrohung ihr Widerstandsrecht wahrnimmt. So kommt man aus dem Rechtfertigungszirkel illegitimer Gewalt nicht heraus.
  — Für den Sicherheitsanspruch wird nur das Argument der überlegenen Gewalt angeführt; diese ist zum Zuschlagen berechtigt.
Legitim ist der israelische Gewalteinsatz für die westliche Öffentlichkeit nicht, weil er über die überlegenen Mittel verfügt (vgl. Russland vs. Georgien), sondern weil Israel bedroht ist. Damit ist ihre Hochrüstung ihr gutes Recht und ihr Mittel, über die sie zum Glück verfügen.
Das erste und bleibende Argument, dass Israel einer Bedrohung ausgesetzt ist, gegen die es sich zu verteidigen hat, ist der Terror, der von den Raketen der Hamas ausgeht. Dass es einem Terrorangriff ausgesetzt ist: diese Behauptung ist die Übernahme des Standpunkts der israelischen Regierung – und der amerikanischen und deutschen, denn die sehen die Sache genauso. Die Parteilichkeit für Israel kommt also nicht aus irgendwelchen Argumenten: für die parteiliche Sicht wird nicht argumentiert, es steht von vornherein fest, dass Israel bedroht ist: Verteidigung hie, hinterhältiger Angriff da, von dem fertigen Urteil wird ausgegangen.
Bebilderungen der Grundüberzeugung, dass Israel bedroht sei, sind z.B., dass es seine Bürger schützen müsse, das Recht auf Selbstverteidigung habe und sich im Antiterrorkrieg befinde. Jeder weiß, beim Leute-Schützen hätten die Palästinenser viel zu tun. Die dürfen aber kein Recht auf Selbstverteidigung für sich reklamieren, Schutz der Bürger gilt da nicht, da weiß man im Gegenteil hierzulande, dass die Führer sich hinter ihren Bürgern verschanzen. So sind Legitimität und Illegitimität von Gewalt fix und fertig verteilt und zugewiesen. Dem lässt sich entnehmen, dass es nicht um eine Ablehnung von Gewalt geht: keiner will den Krieg, aber alle reden drüber ob er legitim ist oder nicht.
Absatz 2)
Israel erteilt eine Lektion und bombt sich damit in eine Sackgasse. Es hat nämlich vor Beginn des Kriegs 3 Fragen nicht beantwortet:
a) Kann es das Kriegsziel nicht auch ohne Armee erreichen?
b) Wie will es die Proportionen beim Gewalteinsatz wahren?
c) Ist das Kriegsziel überhaupt zu erreichen?
Die Fragen werfen lauter Probleme auf, die Israel bestimmt nicht hat: das sind nicht die gültigen Standpunkte der Kriegführung. Es sind sachfremde, ideologisch gefärbte, erfundene und verständnisvolle Standpunkte zu der Gewaltaffäre.
Ad a) Mit der Hamas, das sagt Israel und auch unsere Öffentlichkeit an anderer Stelle selbst, ist doch überhaupt nicht zu verhandeln. Was soll also die Frage, ob vorher lange genug verhandelt worden sei?
Krieg als Scheitern der Verhandlung zu beklagen, ist die Propaganda für das Erreichen des Kriegsziels ohne Krieg, das Ideal erfolgreicher Politik. Noch jeder Krieg wird begleitet von dem Bedauern, dass die friedliche Erpressung nicht funktioniert hat – und das ist keine Relativierung des Kriegszwecks: die Hamas soll mit friedlichen Mitteln zum Schweigen gebracht werden.
Außerdem kündigt sich hier schon der Einmischungstitel der Europäer an.
Ad b) Zum 2. Argument: Ein Krieg muss die Proportionen wahren. Wie kritisiert man das Aufrechnen der Leichen, ohne selber rumzurechten?
  — Der Krieg, die Gewalt ist abgehakt und ein absurder Maßstab wird angelegt. Welches Verhältnis der Toten würde ihnen denn passen? Daran, dass die einzige Kritik die Disproportion ist, erkennt man das Verständnis für Israel.
Dass sich Israel mit den toten Palästinensern ins Unrecht setzt, wird als Sackgasse, als Schaden für die eigene Sache ausgedrückt. So wird die Ebene der Legitimität verlassen, es wird als Problem Israels verhandelt, sich damit doch nur seine Legitimität zu erschweren! – So ein Argument wird man bei den erklärten Feinden Israels, der Hamas, nie vernehmen: dass sie sich mit egal wie vielen Toten in irgendeine Sackgasse manövrieren! – Wer Recht hat und wer Unrecht, hängt nicht von der verantwortungsvollen Beachtung der Kriterien des Gewalteinsatzes ab: Israel soll sich ja wehren dürfen, schadet aber seiner eigenen Sache, wenn es dabei nicht auf seinen guten Ruf beim Töten achtet.
Ad c) Die Lektion, die Israel mit seiner Hightech-Armee der Hamas erteilt, wird an einem hohen Maßstab, nämlich lauter erfundenen Kriegszielen gemessen: Ob sie so die Hamas zum Schweigen bringen, ist zu bezweifeln – und dass sie mit ihrem Treiben eher der Hamas wieder Zulauf verschaffen, anstatt einen Keil zwischen die Terrorgruppe und die Bevölkerung zu treiben, ist doch höchst wahrscheinlich. Hier wird wieder so etwas wie ein Sicherheitsanspruch Israels zum Kriegszweck erklärt, um an ein paar Raketen festzustellen, ihren Kriegszweck – einen Terrorismus so auszurotten, dass er keinen Mucks mehr macht, also Prävention vor jeglichem Anschlag – hätten sie nicht erreicht.
  — Es wird davon ausgegangen, dass die Menschen im Gaza-Streifen von ihrer politischen Führung, die sie gewählt haben, nichts zu halten haben. Eine Differenz zwischen ihnen ist gefordert, die Leute sollen selbst die Hamas absägen. Weil sie es aber nicht machen, würde nun Israels Armee Krieg führen, um die verlangte Verrücktheit zustande zu bringen.
So wird der Krieg an dem Ideal gemessen, was mit dem richtigen Einsatz von Gewalt alles zu erreichen sei. Die Frage nach der Effektivität der israelischen Gewalt: das Volk hat sich von der Hamas abzuwenden – aber ob das mit Bomben geht? – ist brutal und zynisch, geht aber am Kriegszweck ziemlich vorbei. Der heißt nicht: lasst von eurer Führung ab!
Bei Kriegen, v. a. zwischen Staaten, ist das Volk immer das Opfer. Sowohl des eigenen Staats, der es als Material für die Kriegführung einsetzt, als auch des fremden, der mit der Erschütterung und Dezimierung der Staatsbasis den gegnerischen Staatswillen brechen will.
Absatz 3)
Israel ist unempfänglich für internationale (d.h. die nationalen) Aufrufe zu einer Waffenruhe.
Hier steht „Sackgasse“ dafür, dass man einen Ersatz für einen nicht-erfolgreichen Weg wüsste, das heißt einen nationalen Ratschlag anzubieten hätte, wie Israel seine (unterstellten) Kriegsziele erreichen kann. (Wie beim Irakkrieg: hätte Bush nur damals auf uns gehört, dann sähe es jetzt im Irak anders aus.)
  — Bemerkenswert ist, dass wenn hier mal ein Bedauern für die Opfer aufkommt, dann gilt das sowieso nur für die zivilen Opfer.
Der „erschreckenden Mitleidslosigkeit Israels für die zivilen Opfer“ kann man also entnehmen, dass es die Hamas-Bösewichter zu Recht trifft.
Mit der Vermutung, dass Israel sich allein gelassen fühlen könnte, äußert man zugleich Verständnis für seine schwierige Situation und Distanz, wie es mit dieser Bedrängnis umgeht. Wir lassen sie jedenfalls nicht im Stich, aber dann sollten sie auch ein bisschen auf uns hören.
  — Einen Krieg fair und Zivilisten schonend zu führen, ist eigentlich der Israel unterstellt Maßstab. Wenn es trotzdem so anders agiert, kann das nur daran liegt, dass es sich in die Ecke getrieben fühlt und böse Sachen macht, obwohl es doch eigentlich auf der Seite der Guten steht.
Die Quintessenz ist ein unermesslicher Schaden. Damit ist das Argument „Sackgasse“ fertig. Israel sieht die Fruchtlosigkeit seiner Bestrebungen ein, weiß aber leider keinen anderen, humaneren Weg. Die Parteilichkeit besteht also nicht in Kritiklosigkeit: Ausgehend vom Standpunkt des israelischen Anliegens, seiner Bedrohung Herr zu werden, wird mit lauter erfundenen Gesichtspunkten die Sache kritisiert, problematisiert und rumgerechtet, ob das, was man im ersten Satz unterschreibt, auch in Ordnung geht. Neben viel Verständnis, werden Israel Ratschläge erteilt und es bekommt Kritik zu hören.
Absatz 4)
Nachdem Israel gegen den Iran allein dasteht und die internationale Gemeinschaft versagt hat, muss es an der Hamas einen Stellvertreterkrieg gegen den Iran führen.
Bei dem jetzt abzuschreckenden Gegner erscheint die inhumane Kriegführung gleich in neuem Licht und mehr Verständnis gegenüber dem im Stich gelassenen Israel ist angesagt. Die Logik der Unverhältnismäßigkeit wird weitergesponnen: bei einem größeren Gegner stellt sich die Frage, wie viel Gewalt da nötig und rechtens ist, neu. Auch bei dem größeren Gegner ist wieder Parteilichkeit für Israel unterstellt: wem legitimerweise Atomwaffen zustehen und wem nicht, ist klar. Israels existente Atomwaffen geraten nicht ins Visier, sondern die verbotenen des Iran, die noch gar nicht fertig sind. Weil sich der Schurkenstaat unerlaubte Mittel beschaffen will, muss Gaza aus dieser Perspektive betrachtet werden – und geht die Erledigung seiner Hilfstruppe in Ordnung.
Obama, der zur Zeit aus dem Machtvakuum Gespräche mit dem Iran ankündigt, hat in Israel für Schrecken gesorgt. Da ist es selbstverständlich, dass die angeblich machtfreie Zeit, in der die USA weder in Nahost noch sonst wo auf der Welt das Heft in der Hand hätten, Israel die Chance eröffnet, seine Interessen wahrzunehmen.
Absatz 5)
Der Krieg ist sinnlos, weil er 1. den Antisemitismus bestärkt und 2. die Annahme naiv ist, die Hamas könnte zerstört werden.
Der Zweifel bzgl. des Erreichens des Kriegsziels rankt sich an einem erfundenen Maßstab entlang: Dass auf Israel keine Raketen fallen dürfen, ist das Bild für den israelischen Anspruch auf Unbehelligtheit.
Dass der Krieg den Antisemitismus (weil der böse und unzulässig ist, braucht sein Verbot keine Begründung) stärkt, ist ganz schlimm, weil Israel nicht die Öffentlichkeit beachtet, die sich hier selbst zum Thema macht: Befördern sie mit dem Krieg ihr Ansehen in der Öffentlichkeit oder schüren sie nicht Strömungen gegen Israel? Israel, das unsere Parteilichkeit genießt, hat sich dann aber auch an unseren Maßstäben zu bewähren – an denen sie sich stattdessen blamieren und so Wasser auf die Mühlen ihrer Gegner gießen: Warum machen sie es uns nur so schwer – und hätte Israel nicht in Israel einen besseren Anwalt seiner Sache verdient?
Am Schluss nutzen die Kritiker das schlechte Bild, das Israel abgibt, aus (wie die Rattenfänger in der Krise, die Linken) – und dann lebt die Hamas von Israels Krieg, wenn sie von Israel zusammengebombt wird. Israel geht Hamas auf den Leim und fördert deren Zweck. Jetzt ist die bekriegte Mannschaft Nutznießer des Kriegs gegen sie – wer ist hier eigentlich der Wahnsinnige? Mit dem Terrorismusvorwurf an die Hamas ist ihr politischer Zweck um die Ecke gebracht, was sie treibt, ist der pure religiöse Wahn, der mit dem Märtyrertod Israel hinterhältig und berechnungslos schaden will, obwohl aufgrund der Unterlegenheit rationalerweise längst Aufgeben angesagt wäre.
b) FAZ
Während sich bisher Ratschläge, Warnungen und Blamagen Israels ausgedacht wurden, werden in diesem Artikel die Notlagen Israels in den Vordergrund gerückt. Da gibt es die Wirkung von Bildern, die Israel das Leben schwer machen – vor allem dann, wenn es mit Luftangriffen operiert, die zu Kollateralschäden führen. Die Bevölkerung zu verschonen ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, wenn der Gegner kein Staat, sondern eine paramilitärische Gruppe ist, die aus der Deckung operiert. Die Hamas führt feige Krieg, zieht das Volk mutwillig in seinen Krieg hinein und verweist dann auf die Opfer. – Israel hat also mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die ihm die Einhaltung von humanitären Maßstäben nicht leicht machen: den Schwierigkeiten einer asymmetrischen Kriegführung. Die Empfindlichkeiten des Westens sind hier ein Schwachpunkt der israelischen Strategie. Der Westen ist nun mal empfänglich für Kritik – und wenn die Öffentlichkeit eingeschaltet wird, ist die weitere Unterstützung Israels durch den Westen fraglich.
Die Bosheit der Hamas ist es, sich in der Bevölkerung zu verschanzen. Und schon leidet Israel unter der Frage nach den Opfern. Der Krieg hat zwar nichts mit der humanitären Frage zu tun, auch nicht mit einer ordentlichen Trennung zwischen dem Feind und der Zivilbevölkerung – zur Legitimität des Kriegs gehört das Wälzen solcher Fragen sehr wohl. Dann erkennt man die perfide Kriegführung der Opferseite, den guten Willen der Gegenseite auszuschlachten, der stets auf humane Rücksichtnahme sinnt – und es ist an der Zeit, davor zu warnen, auf die Hamas reinzufallen. – Hier spricht ein öffentlicher Anwalt einer gegenteiligen psychologischen Kriegführung, auf die es die Hamas abgesehen hat.
Krieg unter humanitäre Gesichtspunkte zu stellen fördert das Durchhalten der Hamas. Mit der Beachtung eines verhältnismäßigen Mitteleinsatzes schadet Israel sich selbst, eine humane Kriegführung stärkt die Hamas und stellt den Krieg Israels in Frage. Die Wahrheit ist, dass Israel sich nicht um Humanität schert. Angenommen, es ginge ihm darum, die Abschreckung so human wie möglich zu gestalten, kann man nur zur Vorsicht raten vor zu vielen humanen Einwänden.
*
Wie geht die parteiliche Beurteilung von Gewaltaffären? Es wird vom Ausgang der Parteilichkeit her argumentiert – mit erfundenen sachfremden Kriterien und Maßstäben, denen die Gewalt zu gehorchen hätte. Diese geben für die Urteile aber gar nicht den Beurteilungsmaßstab ab, sondern werden parteilich verwendet. Erfundene Kriegsziele und -methoden dienen als Bilder für die entschiedene Legitimitätsfrage. Man führt Beweise für das unberechtigte Anliegen der Hamas auf und vernimmt andererseits den leider schlecht ausgeführten Kriegszweck Israels. Schließlich landet man beim Endzweck des Problematisierens: Israel hat Probleme, macht Fehler, die ihm der Feind aufzwingt. Die Enttäuschung, dass Israel so wenig auf die Ratschläge hört, landet bei der Selbstbesprechung der Öffentlichkeit, die vor falscher Anwendung der Maßstäbe und der Schwierigkeit warnt, die Parteilichkeit für Israel gegen alle Maßstäbe festzuhalten. Diese Maßstäbe dürfen das Urteil nicht abgeben.
Von der Nicht-Zulassung der Öffentlichkeit durch Israel lässt man sich nicht beeindrucken, nimmt das vielmehr als Beweis für die eigene Objektivität und beharrt darauf, als Informationsinstanz selber hinzusehen und die Leichen nachzählen zu dürfen. Darin ist die Lüge enthalten, man hätte mit den Maßstäben von Humanität seine objektiven Entscheidungskriterien.

2. Der Krieg selbst

Ein paar Erläuterungen dazu, was wirklich vorliegt, bleiben einem also nicht erspart.
a) Israels Kriegszweck
Was in den parteilichen Besprechungen so verwandelt vorkommt, ist, dass Israel einen asymmetrischen Abschreckungskrieg nach dem Muster des Antiterrorkriegs der USA führt.
  — Der Krieg hat das Ziel, die politische Führung der Hamas auszulöschen. Deswegen wird auch nicht verhandelt – also anders als bei anderen Kriegen, wo der Wille eines Staates gebrochen wird und dann Verhandlungen stattfinden.
Das ist die an der Hamas wahr gemachte Terrorismusdefinition; dass man den Raketenbeschuss durch die Hamas ein für alle Mal unterbinden müsse, ist ein Bild für den Sicherheitsanspruch Israels, dass der Gazastreifen als Sicherheitszone zu funktionieren hat – ein Anspruch, den sie im Übrigen vor zwei Jahren auch an den Libanon hatten. Gegen was wird da der Kampf geführt?
  — Die Hamas ist nicht bereit, sich als Manövriermasse der Beschlüsse Israels auf Grundlage von deren jeweiliger Sicherheitsdefinition zu betrachten und sich vom israelischen Verteidigungsministerium vordefinieren zu lassen, was bei ihnen zu geschehen hat.
Der Inhalt der Terrorismusdefinition ist, dass man es mit einem politischen Anspruch zu tun hat, der keine Gültigkeit zu haben hat, und das Verbrechen liegt darin, dass dieser Anspruch sich – wie ohnmächtig auch immer – bemerkbar macht. Die Abbas-Mannschaft hat weitgehend kapituliert und setzt darauf, dass durch irgendwelche Arrangements auf Grundlage von internationalen Abkommen, jedenfalls durch Nicht-Gewalt und durch Abschwören vom Kampf gegen Israel, etwas zu erreichen wäre; das bedeutet allerdings nicht, dass sie sozusagen als Gegenmodell und Gegenmannschaft gefördert werden würde. Es ist also auch eine Eigenart dieses Krieges, dass die Willfährigkeit der unterlegenen Seite nicht eine Politik zur Folge hat, die beweist, dass sich diese auch lohnt: Israel wirft der Abbas-Mannschaft vor, dass diese versagt habe, und nimmt sein Anliegen selber in die Hand. Der Inhalt des Anliegens: der politische Standpunkt eines wenn auch noch so ohnmächtigen Widerstands gegen Israel hat aufzuhören – und das geschieht über die physische Erledigung dieses Standpunkts. Dass diese Strategie Israels nichts Neues ist, merkt man an deren früheren Aktionen: Israel zog sich aus dem Gaza-Streifen zurück, um ihn von außen zu kontrollieren, zu drangsalieren und zu bekriegen; man kennt sich gut dort aus und das macht es leicht, das Ideal der ‚präzisen Schläge’ zu realisieren, nämlich Hamas-Führer in ihren Autos hochgehen zu lassen (dass es ein Ideal ist, merkt man an den dann auch noch herumliegenden ‚Kollateralschäden’). Jetzt ist der Beschluss offensichtlich, dass das, was bisher an gewaltsamen Aktionen gelaufen ist, noch nicht ausreichend war, und jetzt geht es darum, die Zerstörung und die Gewalt, die da schon seit einiger Zeit unterwegs sind, ihrer Zweckmäßigkeit nach zu beurteilen (und so auch wieder parteiliche Übertreibungen à la „Die vernichten ein ganzes Volk!“ zu vermeiden).
Nicht erst jetzt, sondern spätestens seit der Wahl der Hamas, wird der Gaza-Streifen mit dem wenigen, was es an Infrastruktur dort gab und – zielsicher dezimiert – noch gibt, von Israel als bedrohliche Ressource der Hamas betrachtet und entsprechend bekämpft. Dabei ist der Gaza-Streifen ein Gebilde, das angewiesen ist auf und abhängig von israelischer Zulassung, die ihm schon seit einiger Zeit bestritten worden ist: Der Vorlauf für den Krieg war Blockade, Austrocknen, das Entziehen der Mittel, so dass die Hamas zurückgeworfen war auf die paar Gewaltmittel, die sie über Schmuggel oder sonst woher bekam. Die Blockade, die unter dem Firmenschild „Waffenstillstand“ lief, war schon eine alternative Sorte Kriegsführung, die kein ziviles Leben im Gaza-Streifen mehr zuließ. Er ist ein Geschöpf israelischer Gewährung und auswärtiger Berechnungen (und entsprechender Zuwendungen, zum Beispiel der EU), alleine per se nicht lebensfähig und durch die feindseligen Aktionen der Israelis – dauernde Kontrolle, Auf- und wieder Zuschließen, An- und Abschalten von Strom, Zerstörung der Infrastruktur, der Moscheen, der Hochschule etc.- zu einer Art Lager verkommen. Hier die „Infrastruktur des Terrors“ zu entdecken und zu liquidieren, ist auch eine Art praktischer Demonstration, dass im Gaza-Streifen Leben unmöglich ist, wenn Israel es nicht will; wenn die Hamas sich wehrt, büßt es die ganze Mannschaft.
Zur Logik von Antiterrorkriegen – die Amerika ja auch zur Genüge führt – gehört nicht, dass die, die da als abhängige Mannschaft eingerichtet wurden, zum Nutznießer irgendeiner Art Wiederaufbau werden, sondern sie sind die mit lauter Ordnungsaufträgen versehenen, laufend kritisierten Wächter über den Terrorismus; zur Logik von Antiterrorkriegen gehört andererseits, dass immer wieder der Beschluss gefällt wird, dass man selber hin muss. Beispiel Irak und Afghanistan: Diese Regierungen leben nur von dem auswärtigen Ordnungsauftrag und werden laufend kritisiert, weil sie ihn nicht erfüllen. Ähnlich – eher noch ein Stück negativer – ist das Verhältnis Israels zur Abbas-Mannschaft, die nur dann und soweit geduldet wird, wie sie sich zum Bekämpfer der Hamas macht und damit auch das Bekenntnis ablegt, dass sie keine Ansprüche mehr an Israel als Staat hat, sondern dass sie als Sicherheitsdienst für Israel funktioniert – ein Auftrag, den sie – s. o. – immer nicht gut genug erfüllt.
Keine Rede von einer Niederlage Israels, aber ein Moment von Selbstkritik steckt schon im israelischen Vorgehen: Ihr ausgreifender Zweck ist nicht ausreichend genug aufgegangen, denn die Hamas hat sich in Gaza als abgespaltene Palästinenser-Fraktion installiert und seit zwei Jahren gehalten – das wird als „untragbar“ beurteilt. „Die Lehre, die aus dem Libanonkrieg gezogen wurde“, als trotz Blockade durch die ‚internationale Gemeinschaft’ die Hisbollah nicht kleingekriegt wurde – lautet: internationale Aufsicht sorgt nicht dafür, dass der Libanon als Sicherheitszone Israels funktioniert. Das ist der imperialistische Außenanspruch Israels, dass um es herum lauter von ihm abhängige Gebilde entstehen, Mannschaften, die – je nach dem mit oder ohne Bedrohung – Israels Sicherheitsansprüche bedienen. Der israelische Befund ist, dass das im Gaza-Streifen noch nicht der Fall ist, also ist der Kriegszweck, der Hamas endgültig die Mittel und damit die Fähigkeit zu zerstören, wenn schon der Wille nicht korrigiert werden konnte.
b) Die Weiterungen
Auch dieser Krieg hat seine Weiterungen, die von den Presseberichten verständnisvoll-kritisch begleitet werden. Das eine ist die schon oben erwähnte Demonstration gegenüber den Rest-Palästinensern: Ihr habt bei der Erledigung der Hamas versagt, also gibt es keinerlei Verständigung mit Euch. Alles, was an Initiativen unterwegs war und ist, die auf ein politisches Gebilde mit einer Art Staatlichkeit für Palästina hinauslaufen, wird torpediert.
Das andere ist die Demonstration gegen den Iran und Syrien: Die von euch geförderten anti-israelischen Umtriebe machen wir fertig, überführen sie der Machtlosigkeit und treffen damit euch auch. Israel bereinigt hier eine Front in seinem unmittelbaren Herrschaftsbereich, weil es schon einen anderen Feind im Visier hat – sicher nicht ganz zufällig erfährt man jetzt, dass die USA Israel Bunker-durchschlagfähige Bomben für einen Schlag gegen iranische Atomanlagen nicht gegeben hat.
Auch hinsichtlich der imperialistischen Länder hat der Krieg seinen guten weltpolitischen Zweck und ist eine Demo zum einen gegenüber den USA: Die in der Presse immer so schön als „Machtvakuum“ bezeichnete Übergangszeit zwischen den beiden Präsidenten wurde genutzt, um Fakten zu schaffen, so dass Obama gar nicht anders kann als im israelischen Sinne mit diesen umzugehen; man erspart ihm so, dass er Stellung zum Krieg beziehen muss, dafür kann er sich dann schwer in die Vermittlung reinhängen, was er ja auch schon angekündigt hat.
Gegenüber Europa wird der Standpunkt demonstriert: wir lassen Einmischung nicht zu, bzw. erst dann, wenn wir die Lage gewaltsam definiert haben, und dann nur so, wie wir es brauchen können. So abgemeldet war die EU mit ihrem imperialistischen Programm, sich im Mittelmeerraum einen Hinterhof zu schaffen – zumindest, was diese Region betrifft – noch nie.
c) Grundsätzliche Bemerkungen zu Israel
Noch ein paar grundsätzliche Bemerkungen zu Israel: Es ist eine imperialistische Großaffäre unterwegs: Israel hat den Charakter einer Gewaltmaschinerie und eines Militärstaates und das ideologische „Israel – immer schon und immer noch bedroht – verteidigt sein Existenzrecht gegen die Hamas und den Iran „ spricht parteilich den Grund für diese ‚Dauerbedrohung’ aus: Israel ist ein imperialistischer Staat, aber ein Sonderfall in der Staatenkonkurrenz, weil es als Staatsprogramm – inzwischen sehr weit gediehen – die Etablierung und Durchsetzung einer jüdischen Vormacht im Nahen Osten hat, also eine vollwertige Herrschaft über Land und Leute nach innen und eine potente Macht nach außen, und zwar gegenüber einer umliegenden Staatenwelt, mit deren feindseligen und konkurrierenden Ansprüchen es dann zu tun hat. Das ist der Grund für das ständig zu verteidigende Existenzrecht Israels: es ist immer noch dabei, jüdische Vormacht im Nahen Osten durchzusetzen.
Der Gaza-Krieg ist dabei ein Hinweis auf den erreichten Stand dieses Programms: Israel ist nicht saturiert, aber eine konsolidierte Staatsgewalt: in den eigenen Grenzen hat es die völkischen Problemfälle ausgegrenzt und ins Westjordanland und nach Gaza ausgelagert, und es hat seinen Anspruch auf Jerusalem zementiert. Die Eindämmung und Auslöschung konkurrierender Ansprüche von Seiten der Opfer dieser Staatsgründung und deren Unterwerfung unter ein umfassendes israelisches Kontrollregime ist also im Wesentlichen gelungen. Das palästinensische Staatsprogramm ist zur Karikatur verkommen – es war ja auch ein reiner Akt internationaler Zuteilung und israelischer Zulassung, die Israel jetzt praktisch rückgängig gemacht hat. Das ist gediehen bis zur Spaltung der Palästinenser aufgrund der Ausweglosigkeit ihrer Lage – beide Vorgehensweisen sind vergeblich, weil machtlos: Abbas, der über das Sich-Arrangieren versucht hat, Anerkennung und die Mittel für seine Herrschaft zu bekommen, und auf der anderen Seite der ohnmächtige Widerstand der Hamas. Beide haben die Subsumtion des palästinensischen Friedensprozesses unter den Antiterrorkrieg im Nahen Osten erfahren. Darin sind die Interessen der USA und Israels deckungsgleich: Es soll kein unzuverlässiges Palästinenser-Gebilde unter falschem Einfluss im Nahen Osten geben.
Israel hat es zur etablierten Regionalvormacht gebracht. Die arabische Staatenwelt hat den Kampf gegen Israel aufgegeben; sie geht von einer etablierten israelischen Macht aus und konkurriert auf dieser Basis um eine eigene Rolle in der Region. Der Krieg im Gaza-Streifen wird von ihnen als auf die dortige Gegend begrenzter israelischer Krieg behandelt, in den sie nicht eingreifen. Darüber bekommen sie ein Problem mit ihrer eigenen Bevölkerung und deren anti-jüdischer Haltung.
Israel kalkuliert offen damit, dass das Ergebnis ihrer Kriege von Ägypten mitbetreut zu werden hat: Es soll sich darum kümmern, dass im zerstörten Gaza-Streifen keine anti-israelischen Umtriebe mehr aufkommen.
Im Programm der USA nimmt Israel nach wie vor eine Sonderrolle ein: die einzigen ernsthaften Konkurrenten, Iran und Syrien, sind mit ihrem anti-imperialistischen Programm die ziemlich isolierten Hauptfeinde der imperialistischen Vormacht, denen gegenüber sich Israel mit Berufung auf die USA als verlässliche und gewaltbereite Macht aufführt.
Auch in der Relativierung europäischer Einmischungsversuche ist Israel weiter gekommen: Jeder Übergang zur Gewalt hat dazu geführt, dass die EU ein Stück weit Abstand davon genommen hat, sich per Finanzierung der Palästinenser einzumischen. Sie hat erfahren, dass Israel ihre Projekte zerschlägt, und hat sich hinsichtlich der Hamas auf den Standpunkt gestellt, dass diese kein taugliches Instrument europäischen Einflusses in der Region ist, weshalb diese finanziell ausgetrocknet worden ist. Vor kurzem war Steinmeier in der Region, wies auf die humanitären Folgen für den Gaza-Streifen hin – bekundete also durchaus den europäischen Einmischungswillen – und verband das mit dem Angebot, nach dem Ende der Kämpfe Ägypten bei der Kontrolle der Grenze zum Gaza-Streifen zu unterstützen. Man merkt, dass der Inhalt der Einflussnahme sich geändert hat: Dienstbereitschaft hinsichtlich Israels Notwendigkeiten im Zusammenhang mit Ägypten – das ist was anderes als den Palästinensern Flughäfen zu bauen.
All das bedeutet nicht, dass Israel nun in seinen Sicherheitsinteressen saturiert wäre, vielmehr ist das der derzeitige Stand und der Ausgangspunkt dafür, die beanspruchte und betätigte Freiheit seiner Vormachtambitionen weiter zur Geltung zu bringen, zum einen, indem es mit dem Rest des Widerstands aufräumt, und zum anderen, indem es den Iran als zu erledigende Gegenmacht aufs Tapet bringt. Die Vorstellung ist verkehrt, dass Israel erst einmal damit zu tun hat, als Staat fertig zu werden, ehe es nach außen auftritt. Im Gaza-Streifen führt Israel einen Abschreckungskrieg – Abschreckung im Sinn von: wir beweisen unseren Zerstörungswillen und die Fähigkeit dazu, wir machen die Gegenseite ohnmächtig und das beinhaltet gleichzeitig eine Drohung gegenüber den verbliebenen Feinden.
Leseempfehlung: GS 3/06 (Libanon-Krieg) und 4/06 (europäische Position). Die beiden Artikel sind der Vorlauf zu dem, was jetzt im Gaza-Streifen passiert.

Anhang – SZ- und FAZ-Artikel

Blutige Warnung an Iran (SZ vom 12.1.09)
Tel Aviv – Im Stellvertreter-Krieg: Israels Kampf im Gaza-Streifen richtet sich nicht nur gegen die Hamas, sondern erst recht gegen Teheran.
Israel sieht seine Existenz bedroht. Die 11.000 Raketen und Granaten, die in den vergangenen acht Jahren vom Gaza-Streifen aus abgefeuert wurden, sind nicht in jüdischen Siedlungen im besetzten Westjordanland gelandet, sondern im Staatsgebiet. Der Raketenterror der Hamas, die Israel zerstören will und von Iran ausgebildet und finanziert wird, schwächt Israels Abschreckungspotenzial. Mit einer der bestausgerüsteten Armeen der Welt erteilt Israel der Hamas nun eine Lektion – und bombt sich dabei selbst in eine Sackgasse.
Das Land ist in den Krieg gezogen, ohne drei grundlegende Fragen positiv beantwortet zu haben. Wer einen Krieg startet, muss zuvor sämtliche Möglichkeiten genutzt haben, ohne Armee-Einsatz sein Ziel zu erreichen. Ein Krieg muss zudem die Proportionen wahren. Und er muss die Chance in sich bergen, das Kriegsziel erreichen zu können. In allen drei Punkten steht Israel schwach da. Israel hat nie mit Hamas versucht zu reden, 820 tote Palästinenser und 13 tote Israelis sprechen für sich, und ein konkretes Kriegsziel hat die Regierung bis heute nicht formuliert.
Beim Kampf gegen die Islamisten-Guerilla zeigt sich Israel unempfänglich für die internationalen Aufrufe zu einer Waffenruhe. Das Land und seine Politiker haben sich abgeschottet, Kritik perlt an ihnen ab. Beim gnadenlosen Einsatz von Luftwaffe, Marine und Bodentruppen sieht sich Israel im Recht. Die Mitleidlosigkeit mit den zivilen Opfern des Krieges ist erschreckend. Sie könnte daher rühren, dass Israel sich allein gelassen fühlt und niemandem traut, nur noch sich selbst. Ein Offizier gab jetzt zu, die Armee sei ,,sehr gewalttätig‘‘ und schrecke vor keinen Mitteln zurück, denn Soldatenleben schützen sei wichtiger als das palästinensischer Bürger. So wird Israels Krieg gegen Hamas auch zu einem Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Unendliches Leid wurde bislang verursacht, unendlicher Hass hervorgerufen. Der Schaden ist unermesslich.
Israel weiß das, und sieht dennoch keinen anderen Ausweg. Der Alleingang Israels, die Härte und die Taubheit gegenüber internationaler Kritik hat einen weiteren Grund: Im Gaza-Streifen kämpft Israel einen Stellvertreter-Krieg gegen Iran. Die Milizen von Hamas im Gaza-Streifen und Hisbollah im Libanon sind Vorposten Irans. Israels Gaza-Krieg ist eine blutige Warnung an Teheran, dass Israel auch ohne US-Unterstützung iranische Atomanlagen angreifen würde. In Jerusalem hat sich das Gefühl manifestiert, dass Israel wie im Falle der Hamas auch im Bezug auf Iran allein dasteht. Aus Sicht Israels hat die internationale Staatengemeinschaft versagt. Ungeachtet von Warnungen und Sanktionen hält Iran unbeirrt an seinem Atomprogramm fest. Israel sieht darin die größte Gefahr für seine Existenz. Die folgenlosen Versuche der westlichen Welt, Iran vom Bau von Atomwaffen abzubringen, bestärken Israel darin, es müsse um seine Existenz kämpfen. Dass der kommende US-Präsident Barack Obama diplomatische Gespräche mit Teheran aufnehmen möchte, ist in Jerusalem mit Schrecken registriert worden. So hat die Regierung das gefährliche politische Vakuum zwischen den beiden US-Präsidentschaften genutzt für den Krieg gegen Hamas, den man auch als Kriegserklärung an Teheran verstehen kann.
Die Sinnlosigkeit des Gaza-Kriegs, der weltweit antisemitische und antiisraelische Strömungen verstärkt, zeigt sich am fortgesetzten Raketenbeschuss Israels durch Hamas-Terroristen. Es ist naiv zu glauben, Israel könne Hamas zerstören. Deren Kämpfer fürchten sich nicht vor Israels Truppen, weil der Tod als Märtyrertum verklärt wird. Hamas braucht Israels Krieg, um zu existieren. Die wichtigste Waffe im Kampf gegen Hamas hat Israel bis heute nicht eingesetzt: Worte, Verhandlungen, Diplomatie, Grenzöffnungen. Früher oder später aber wird verhandelt werden müssen. Hoffentlich früher. Ein Kommentar von Thorsten Schmitz
Israel gegen Hamas – Die Frage der Verhältnismäßigkeit von Abschreckung (FAZ, 8.1.09)
Das Drängen auf eine „Waffenruhe“ in Gaza und die internationalen Bemühungen, Israel zur Einstellung seiner Kampfhandlungen zu bewegen, bezeichnen zwei Probleme der israelischen Aktion: den Zeitfaktor und die Wirkung der Bilder von Tod, Not und Zerstörung im angegriffenen Gebiet. Israel führt Krieg in Gaza mit hohen Verlusten auch der Bevölkerung, um den Feind Hamas entscheidend zu treffen, dessen Fähigkeit zu Raketenangriffen gegen israelische Ortschaften gegen null zu reduzieren und so auch die im Libanon-Krieg 2006 geschwächte eigene militärische Fähigkeit zur Abschreckung wiederherzustellen. Die israelische Außenministerin Livni hat dieses Ziel mit dem Satz auf den Punkt gebracht, Hamas müsse erkennen, „dass sie Israel nicht länger angreifen oder bedrohen kann“. Verteidigungsminister Barak hatte bei Beginn der Operation deren Fortsetzung „bis zum bitteren Ende“ angekündigt, also eine konsequente Aktion ohne Unterbrechung – kurze Feuerpausen zur humanitären Versorgung der Zivilbevölkerung und als politisches Signal nicht ausgeschlossen.
Die palästinensische Bevölkerung von Gaza, unter der die Aktivisten der Hamas leben, in deren Ortschaften sie ihre Bunker, Waffenlager und Versorgungstunnel angelegt haben, soll dabei nicht direkt angegriffen, sondern, so weit wie möglich, verschont werden. Wie lange dies gelingen kann, wenn die israelischen Truppen im dichter besiedelten Gebiet in Kämpfe gezogen werden und Widerstand brechen müssen, ist eine andere Frage.
Schon die mit offenkundiger Präzision und begrenztem Umfeldschaden ausgeführten Luftangriffe haben der Bevölkerung Verluste zugefügt, das Leben der anderthalb Millionen Einwohner von Gaza desorganisiert und eine allgemeine Notlage geschaffen. Wie soll es also, von Israel aus gesehen, weitergehen? Wo liegt in diesem Konflikt zwischen einem „angegriffenen Staat“ (Livni) und einer politisch-paramilitärischen, terroristisch aktiven Organisation, die aus der Deckung durch die Bevölkerung operiert, die Ziellinie des „bitteren Endes“, die Hamas zu der „Erkenntnis“ bringen soll, dass sie ihre Angriffe gegen Israel nicht fortsetzen kann oder darf? Was ist das Kriterium für die Hamas-Führer: Der Umfang der Zerstörung, die Not der Bevölkerung, die eigene Gefährdung, die verminderte Handlungsfähigkeit? Oder zählt die Hamas-Führung auf die sich ausbreitenden Proteste, vor allem in den arabischen Ländern, gegen die als „Aggression“, zumindest aber als „unverhältnismäßig“ bezeichnete israelische Machtdemonstration? In der Empfindlichkeit der westlichen Regierungen für Empörung über massive Gewaltanwendung liegt der Schwachpunkt der israelischen Strategie, die eine Notfalloperation in Verbindung mit den im Februar bevorstehenden israelischen Wahlen ist.
Die politische Gegenstrategie der Hamas wird als propagandistisch-psychologische Kriegführung des militärisch Schwächeren gegen den Stärkeren und auf dem weiten Feld der humanitären Unterstützung von außen geführt. Dabei ist auch das benachbarte Ägypten unter Druck gekommen, die Grenze zu Gaza zu öffnen, um „den Palästinensern“ zu helfen, das heißt, sie politisch zu unterstützen, damit faktisch auch die Hamas in ihrem Widerstand. Allein schon die Freigabe der Grenzüberfahrt von 80 Lastwagen mit Hilfsgütern und die Wiederaufnahme der Erdölversorgung Gazas durch Israel am zehnten Tag der Operation „Gegossenes Blei“ weisen auf die politischen Risse in der Gießform hin und auf die Grenzen, die Israel gezogen sind, Grenzen, die bei einer Fortsetzung der Aktion immer zwingender werden dürften.
Damit tritt der Zeitfaktor als das kritische Moment des akuten Konflikts hervor. Im Libanon führte Israel 34 Tage Krieg gegen die Hizbullah, bei mäßigem operativen Erfolg wegen des zu sparsamen Kräfteansatzes, der verspäteten und im zerklüfteten Gelände nicht mit ausreichender Infanteriestärke vorgetragenen Bodenoffensive, ohne seine Ziele zu erreichen. Die Raketenangriffe auf Israel hörten nicht auf. Hizbullah überlebte, zwar militärisch geschwächt, aber politisch gestärkt, rief sich zum Sieger aus und ist trotz der internationalen Sicherheitspräsenz als Staat im Staate Libanon an der Macht beteiligt. Die Hamas wird sich von diesem Beispiel leiten lassen, solange sie den militärischen Druck im Untergrund aushalten kann. Schon deshalb riskiert Israel den Erfolg, wenn es diesen Offensivdruck abschwächt oder durch Hilfe für die Bevölkerung auszugleichen sucht oder internationale Hilfe Ausgleich schaffen lässt. Hier liegt ein Dilemma.
Abschreckung kann proportional zu den Angriffsmitteln des Feindes sein. Diese „Verhältnismäßigkeit“ war stets eine Option in der Ost-West-Konfrontation wegen der nuklearen Eskalationsrisiken und der Vorteile eines begrenzten Krieges. Doch der Westen legte sich nie auf eine „Verhältnismäßigkeit“ der Mittel fest, sondern hielt den Fächer der militärischen Erwiderungen bis zum Ende des Konflikts 1990 weit aufgeschlagen: Alle Optionen blieben offen. Die Sowjetunion hielt es genauso. Der russische Gegenangriff auf Georgien, der zwar begrenzt blieb, lehrte 2008 wie zuvor der Tschetschenien-Krieg, dass dies unverändert russisches Denken ist.
Graduelle Abschreckung ist wie graduelle Eskalation in einer Intervention – das lehren die Beispiele von Afghanistan und Irak – mit einem schwer kalkulierbaren Erfolgsrisiko behaftet. Die „Powell-Doktrin“ von 1990/91, anlässlich des Kuwait-Krieges gegen Irak vom damaligen Vorsitzenden der amerikanischen Generalstabschefs und späteren Außenminister Colin Powell formuliert, besagt, dass zur Abwehr eines Angriffs, zur Beseitigung einer Bedrohung und damit für Abschreckung „überwältigende“ Überlegenheit einzusetzen ist und alle verfügbaren Mittel anzuwenden sind.
Die Begrenzung des Krieges ist notwendig, schon aus humanitären Gründen und nach dem Kriegsvölkerrecht, doch eine hohe Kunst mit großem Risiko. Bei fanatischen Feinden wie Hizbullah oder Hamas steigt dieses Risiko wegen der andersartigen Rationalität und den absolut gesetzten Zwecken dieser Kriegsparteien. Das gilt besonders, wenn der Gegner jeden dauerhaften Frieden ablehnt und – wie Hamas – das Existenzrecht Israels nicht anerkennt. „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ bedeutet dann in letzter Konsequenz Verzicht auf Erfolg und Verlust der Fähigkeit zur Abschreckung. Solange seine Truppen in Gaza sind, ist Israel ohnehin verantwortlich für die Ordnung und Versorgung der besetzten Gebietsteile und muss sich dort als fremde Okkupationsmacht mäßigen. Auch dies kompliziert die Operationen und den Erfolg des Feldzuges, von den späteren politischen Folgen ganz abgesehen. – Gegen die Macht der Bilder von Tod und Elend kann sich das Militär nur schwer durchsetzen. / Von Lothar Rühl
Ein Massaker oder ein Akt der Selbstverteidigung? (FAZ, 8.1.09)
Über den Beschuss dreier Schulen in Gaza fehlen noch immer unabhängige Quellen. Israels Armee macht von ihrer Feuerkraft eher mehr als nötig Gebrauch. – Noch immer fehlen über den Beschuss dreier Schulen in Gaza Berichte aus unabhängigen Quellen. Auskunft über den Vorgang geben nur die Betroffenen
Jerusalem – Immer mehr Zivilisten werden in den Konflikt zwischen Israel und der islamistischen Hamas hineingezogen. Dreimal schon schoss offenbar die israelische Armee auf Schulen der UN-Flüchtlingsorganisation UNWRA. Beim jüngsten Angriff auf die Fachoura-Schule im Flüchtlingslager Dschabalia wurden am Dienstag zwischen 30 und 42 Palästinenser getötet. Diese Nachricht raste als „Eilmeldung“ über die Agenturticker der Welt – doch in den israelischen Zeitungen vom Mittwoch nahm der Vorfall keine herausragende Stellung ein.
In Israel hat man sich daran gewöhnt, dass bei Kriegen – etwa gegen die schiitische Hizbullah oder die sunnitischen Islamisten der Hamas – die Kämpfer aus dem Schatten der Zivilbevölkerung gegen Israel antreten. Auch zu Beginn der „zweiten Intifada“ in den besetzten Gebieten schossen Kämpfer aus der zweiten Reihe, operierten im Schutz von Frauen und Kindern, die derweil ohne Waffen gegen die israelische Besatzung zu demonstrieren hatten.
Die israelische Armee nimmt diese Opfer in Kauf. Vor allem im Gazastreifen lässt sie die Soldaten lieber in Schulen schießen als sich selbst in Gefahr zu bringen: „Seit etwa dem Hamas-Putsch im Juni 2007 werden im Generalstab Pläne für eine Invasion in den Gazastreifen gemacht. Dass diese Pläne bisher nicht umgesetzt wurden, hängt doch auch damit zusammen, dass jeder Einsatz im eng besiedelten Gazastreifen ungemein gefährlich für unsere Soldaten ist“, sagt ein Sprecher der Armee. „Die Politik stimmte dann im vergangenen Juni der Waffenruhe zu, obwohl jeder wusste, dass die Hamas diese Frist zum Aufbau ihrer Terrorarmee nutzen würde. Und so weiß auch jeder jetzt, dass die Hamas besser als vor zwei Jahren auf die israelische Invasion vorbereitet ist.“ Die Armee müsse „mit äußerster Vorsicht“ tätig sein.
Diese „Vorsicht“, heißt es in einem Bericht der Zeitung „Haaretz“, habe immensen Schaden zur Folge; denn eine Armee, die möglichst geringe Risiken für ihre eigenen Soldaten eingehen wolle, schieße eher mehr als unbedingt nötig. In der Erinnerung an das Trauma im Libanonkrieg 2006, in dem viele Soldaten ihr Leben ließen, gehe die Armeen zum Schutz ihrer Leute lieber mit aller Aggressivität im Gazastreifen vor. Dort träfen die Soldaten auf uniformierte Hamas-Kämpfer, aber schon lange mehrheitlich auf nicht mehr uniformierte Guerillakämpfer sowie die Frauen und Kinder an deren Seite. In der Armee hoffe man nur, dass möglichst viele Zivilisten vor dem israelischen Feuersturm geflohen seien.
Aus ihren zerstörten Häusern und den umkämpften Straßen flohen diese Schutzsuchenden nicht zuletzt in die Schule des UN-Flüchtlingshilfswerks UNWRA. Das sind meist deutlich gekennzeichnete, mit einer meist blau gestrichenen hohen Mauer oder einem in blauer Farbe gehaltenen Zaun umgebene Gebäude. Über den Bauten weht zudem noch die blaue Fahne der Vereinten Nationen. In Kriegszeiten, wo Strom und Wasser nicht mehr fließen, können die Flüchtlinge hier – vielleicht – den Schutz der Vereinten Nationen, Decken, etwas Nahrung und womöglich eine Heizung finden. 400 Personen suchten Zuflucht in jener Schule in Dschabalija, als diese von den israelischen Geschossen getroffen wurde.
Nur gut zwei Stunden nach den Schüssen auf die Schule verschickte die israelische Armee eine Meldung an die Presse. Sie enthielt einen Internet-Link, der zu einem Kurzfilm vom Oktober 2007 führte. Die Kamera in einer Drohne hatte da aus der Luft drei Männer gefilmt, die direkt an der Wand im Schutz eines höheren Gebäudes, das wie eine Schule aussieht, drei Mörsergranaten abschossen. Dann klappten sie den Dreifuss für die Granaten wieder zusammen und verließen das ummauerte Areal in Richtung Straße. Auch wenn die Armee selbst daraufhin wies, dass dieser Film schon mehr anderthalb Jahre alt ist, suggerierte sie doch, dass der jüngste Vorfall ähnlich abgelaufen war. Die Armee hatte auf Granaten „aus einer Schule“ oder von der „Nähe einer Schule aus“ in „Selbstverteidigung geantwortet“, hieß es.
Unabhängige Quellen zu dem Vorgang fehlen. Weiterhin darf die Weltpresse nicht in den Gazastreifen. Stattdessen sind die Berichterstatter auf palästinensische Augenzeugen angewiesen, auf Mitarbeiter der UN und die israelische Armee. Die palästinensischen Augenzeugen sprechen von einem „Massaker“ der Armee gegen Schutz suchende Zivilisten. Israel habe auf brutale Weise schon 600 Zivilisten getötet. Ein Sprecher des UN-Hilfswerks sagt, im Gegensatz zu den israelischen Angaben „sind wir zu 99,9 Prozent sicher“, dass keine palästinensischen Kämpfer in dem Gebäude verschanzt waren. Die Vereinten Nationen sehen zudem die Integrität ihrer UN-Einrichtungen beschädigt. Die Schule sei eindeutig gekennzeichnet. Es seien mittlerweile schon drei Schulen im Gazastreifen beschossen worden. Der israelische Armeesprecher berichtet hingegen, aus der Schule sei „nach vorläufigen und noch nicht abgeschlossenen“ Untersuchungen mit Mörsergranaten auf die drei Kilometer entfernte israelische Armee geschossen worden. Israelische Panzer hätten den Beschuss beantwortet. Die Hamas nutze „in zynischer Weise“ immer wieder zivile Einrichtungen, um Israel zu treffen.
Am Tag nach dem Beschuss der Schule darauf forderten die Vereinten Nationen in New York eine umfassende Klärung des Vorfalls, während der amtierende israelische Ministerpräsident Olmert daran denkt, sich bei den Vereinten Nationen zu beschweren. Es gehe nicht an, dass die Vereinten Nationen ihre Institutionen nicht vor Terroristen verschlössen, sondern es vielmehr zuließen, dass von dort aus gegen den Auftrag der UN, Zivilisten zu schützen, auf Israel geschossen werde. – Von Jörg Bremer