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Zu den „Betroffenen“, den „Opfern“, den Akteuren, sowie den Gründen
der Finanzkrise
Der erste Betroffene dieser Krise, die jetzt bald zwei Jahre alt ist,
war und ist nach wie vor das Finanzkapital, das im großen Stil seine
eigene Akkumulation in nichts auflöst. Die Aussage sollte nicht sein,
dass dies den vielen kleinen Leuten egal sein könnte. Fragt man sich,
in welcher Hinsicht diese betroffen sind – und das gilt eigentlich für
jede Krise –, stellt man fest, dass sie sowohl selber darauf kommen als
auch vorauseilend darauf hingewiesen werden. Sie werden angesprochen
als Arbeitsplatz„besitzer“, als Sparer oder Zwangsversicherte, als das
Krisenmanagement begutachtende Wähler. Was sich bei diesem letzten
Thema die Menschheit so denkt, geht schon aus den begriffslosesten
Sympathieumfragen hervor. Die Charaktere, die da aufgerufen werden,
oder die Hinsichten, unter denen die Menschen als Betroffene rangieren,
betreffen all die Dienste, die die berühmten kleinen Leute in dieser
Gesellschaft zu verrichten haben. Nie geht es um ihre wirkliche
materielle Existenz in dem Sinn, dass sie etwas vom Leben haben
möchten, sondern es geht um die zwangsweise gesetzten Bedingungen, zu
denen sie sich anlässlich der Krise erst richtig affirmativ stellen
sollen. Beim Arbeitsplatz leuchtet es gleich ein. Wir haben es immer
für fragwürdig erachtet, ausgerechnet dann, wenn Leute entlassen
werden, diesen klar machen zu können, wie übel ihnen mitgespielt wird.
Denn das Interesse, auf das sie dabei festgelegt sind, ist nichts
anderes als die Unterwerfung unter die gesetzten Bedingungen, einen
Arbeitsplatz zu brauchen, für jemanden Dienst tun zu müssen, um
überhaupt über die Runden zu kommen. Das Interesse an einem
Arbeitsplatz ist einerseits das notwendigste, andererseits, wenn es zum
Gegenstand seines Interesses wird, das alleraffirmativste. Wenn Merkel
den Leuten verspricht, im nächsten Jahr alles für den Erhalt der
Arbeitsplätze zu tun, verspricht sie den Leuten ihren Status als Dienst
tuendes Proletariat. Im Falle der Arbeitslosigkeit kann man schon
einmal darauf aufmerksam machen, dass die Leute existenziell auf Arbeit
angewiesen sind, so etwas wie eine Garantie aber nicht existiert, muss
aber aufpassen, nicht den Wunsch nach einer Garantie, der normalerweise
folgt, zu erwecken.
Wie der Name Geldkrise schon sagt, scheinen ja die entscheidenden
Subjekte in der Gesellschaft betroffen zu sein. Die Kategorie der
Betroffenheit trifft dieses Verhältnis aber nicht richtig. Man kann
zwar sagen, dass jeder immer auf die eine oder andere Art und Weise vom
Geld und seiner Krise betroffen ist, wenn Geld das allgemeine
Geschäftsmittel ist. Dass deshalb insbesondere auch die Geldsubjekte
betroffen sind, ist jedoch falsch. Betroffenheit ist eine Kategorie des
Opfers, desjenigen, der von einer Entwicklung getroffen wird, zu der er
nichts kann, der er ziemlich ohnmächtig gegenüber steht und mit der er
jetzt fertig werden muss. Dies hat seine Wahrheit beim (Finanz-)Kapital
nur deshalb, weil es die eine Seite der Konkurrenz ist, die allen als
äußerlicher Zwang gegenüber tritt (Marx). Wenn man von Betroffenheit
redet, darf man nicht vergessen, dass sie die Konkurrenz selbst
veranstalten. Es sind die Konkurrenzsubjekte, die jetzt zu den
Betroffenen ihrer eigenen Geldgeschäfte, ihrer eigenen Spekulation und
als produzierende Kapitalisten ihrer ganzen Rechnungen mit Geld und
Kredit usw. werden. Betroffen sind sie in dem Geldvermehrungswesen, das
sie selbst betreiben.
Bei der Lohnarbeiterseite redet man über deren Ohnmacht gegenüber den
Rechnungen, denen sie unterworfen sind. Auch hier trifft die Kategorie
der Betroffenheit nicht als das gültige Urteil über deren Verhältnisse
zu. Betroffenheit ist eine Stellung, die man dazu einnimmt. Zum einen
ist es das praktische Verhältnis, als Mittel, als Manövriermasse von
Geschäftsrechnungen eingeplant zu sein. Das ist etwas anderes als
ohnmächtige Opfer zu sein, die jetzt mit einer Entwicklung fertig zu
werden haben. Dies ist schon die falsche Stellung, die sie selber dazu
einnehmen. Schaut man sich an, wie jemand betroffen ist, streicht man
damit die Kategorie der Betroffenheit (= Opfer einer Entwicklung) auch
gleich wieder durch.
— Was ist der
Unterschied zwischen Opfer und
Manövriermasse?
Bei Opfer wird die Figur, der für Lohn arbeitende Mensch, wie ein
Nicht-Agent dessen betrachtet, worin er befangen ist. Sicher stellt er
nicht die Rechnungen auf, aber in der Organisation einer Gewerkschaft
hat er ein Bewusstsein davon, nicht einfach ohnmächtig betroffen zu
sein. Diese drückt aus, dass er als Einzelner das Opfer dieser
Rechnungen ist und sich deswegen zusammentun muss, um in diesen
Verhältnissen sein Interesse geltend zu machen. Betroffenheit ist eine
Kategorie, dass das Interesse ausgeliefert ist, man mit den eigenen
Interessen nur noch als abhängiger Variable anderer umgeht und sich
darauf einstellt. Betroffenheit ist eine Kategorie des
Sich-Hinein-Findens in die Verhältnisse. Theoretisch heißt es, jemanden
nur als den Ausgelieferten und nicht als ein Moment des
Ausbeutungssystems, des Kapitalverhältnisses selbst, zu nehmen; was
nichts von dessen Schädigung wegnimmt. Es ist die Kategorie des
Arbeitsplatzes mit den beiden Seiten, als Arbeiter Teil der
Manövriermasse einer Rechnung zu sein, andererseits täglich hin zu
gehen und sich als Betroffener aufzuführen, der damit fertig werden
will. In dieser Stellung wird er laufend agitiert und bestätigt. Er
soll seine Rechnungen gleichsetzen mit dem wieder in Gang kommen der
Rechnungen der (Finanz-)Kapitalisten; dieses In-Eins-Setzen der
Rechnungen beider Seiten durch die Betroffenen ist die ganze Leistung.
Betroffenheit ist eine schlechte Abstraktion dessen, wie der
Kapitalismus funktioniert. Es gilt den Unterschied festzuhalten
zwischen den Verhältnissen als solchen und davon, dass es zugleich ein
Willensverhältnis ist, in dem diese Menschen sich bewegen, in das sie
sich hineinfinden und in dem sie sich herumtreiben mit allen möglichen
bestätigten und geförderten Stellungen, die in Gestalt von Ideologien
auch ständig präsent sind.
Das Proletariat ist objektiv ein einziger Fehler, nämlich eine
produktive Mannschaft, die eine Gewalt über sich selbst produziert. Aus
Kapitalsicht sind sie Manövriermasse, vom Standpunkt der christlichen
Soziallehre hauptsächlich in der Dialektik zwischen Opfer und Tugend
eingeordnet; in der faschistischen Betrachtungsweise im Spannungsfeld
von Tugend und Opfer. Objektiv sind sie die Produzenten dieses ganzen
Systems, die die Herrschaft über sich selbst produzieren.
Die subjektive Stellung dazu erschöpft sich gar nicht darin, dass sie
sich als ohnmächtig begreifen. Denn zu sagen: „Die machen alles kaputt,
und wir müssen es wieder ausbaden!“, ist nicht der Standpunkt eines
ohnmächtigen Opfers, sondern hat schon mehr mit einer beleidigten
Zuständigkeit zu tun. Es gibt ein ganz verkehrtes Bewusstsein davon,
dass man als Lohnabhängiger durchaus die materielle Basis dieses Ladens
schafft. Aber das ist schon der halbe Übergang zu dem sachlichen
Gesichtspunkt, der heute nachgereicht werden sollte.
Bundespräsident Köhler plädiert nicht nur dafür, dass ‘die Banker
wieder Bankiers heißen sollen’, sondern untermauert das mit der von der
Öffentlichkeit begierig aufgegriffenen Aussage, diese hätten sich in
die Illusion verirrt, es gäbe Reichtum ohne Arbeit, aber: “Nur die
Arbeit schafft Reichtum!“ sagt ausgerechnet der ehemalige IWF-Chef,
wozu ihm sehr viele linke Stimmen unter Hinweis auf Marx’ Kapital auch
noch applaudieren. Was ist daran verkehrt ?
— Es ist ein
affirmatives Lob der Arbeit und keine
Kritik, dass die Arbeit für die Reichtumsproduktion hergenommen wird,
sondern eben positiv gewendet: das ist in Ordnung.
— Da wird die Arbeit
von der Gebrauchswertseite (GW)
her angesprochen und enthält den moralischen, jedermann einleuchtenden
Spruch: Man muss was tun fürs Geld. Dabei wird die ökonomische Realität
der Arbeit, die Schaffung des abstrakten Reichtums, ausgeklammert.
Den Leuten ist aber kein Unterschied bewusst zwischen Gebrauchswerten
und dem Geld, mit dem man diese kaufen kann.
Sachlich geht es darum, ob man nicht selbst bei Marx gelernt hat, dass
jeder Wert letztlich vergegenständlichte Arbeit ist. Bezogen auf die
GW-Seite ist es, nach Marx, nicht nur die Arbeit, sondern auch die
Natur, Wissenschaft und Technik, die Reichtum schafft. Die Bourgeoisie
habe aber allen Grund, die Arbeit als einzige Quelle des Reichtums zu
loben, denn für den in dieser Gesellschaft zählenden Reichtum kommt es
in der Tat auf Arbeit in einer besonderen Einseitigkeit an, weil es
hierbei um den abstrakten Reichtum, um Tauschwert (TW), diese Kategorie
des quantifizierten Eigentums, geht. Güter werden für andere
geschaffen, nicht im Rahmen einer Arbeitsteilung, sondern als
Privatarbeit; das Produkt ist, unter dem Vorbehalt des Eigentums, ein
nützliches Gut. Ein Austausch zwischen Eigentümern, die die Gegenstände
ihres Eigentums vergleichen, ist unterstellt. Es ist nur das
verausgabte Quantum Arbeit, das gleichgesetzt wird und den TW der Waren
begründet. Die in ihnen steckende Privatarbeit für andere macht die
Güter vergleichbar, begründet die quantitative Gleichsetzung im Preis
oder TW. So ist dann die Arbeit Substanz des TWs, die Quelle all
dessen, was einen Preis bekommt und im Geld vergegenständlicht wird.
Aber, was ist verkehrt an dem durchaus affirmativen Bewusstsein, in
jedem TW stecke Arbeit? Das ist nicht die von Marx beabsichtigte
Aussage wenn er sagt, konkret betrachtet sei Arbeit eine Produktivkraft
neben anderen, kapitalistisch betrachtet die Quelle des Werts.
Bürgerlich gedacht ehrt das die Arbeit und ist die anständige,
produktive Seite des Systems.
— Es handelt sich um
eine Arbeit, die nicht über ihre
eigenen Resultate verfügen kann. Die Produzenten werden über die
Eigentumsform vom Produkt ihrer Arbeit getrennt, vom Reichtum, den sie
schaffen, ausgeschlossen. Darauf kommt es in dieser Ökonomie an. An der
Arbeit ist nichts zu loben.
— Wenn man sagt, aus
der Arbeit kommt der Reichtum,
ist die Trennung schon angesprochen. Sonst wäre ja das Arbeitsprodukt
selbst der Reichtum.
Das ist sehr formell ausgedrückt. Der Satz, Arbeit ist die Substanz des
Werts, ist – so betont – unweigerlich ein Kompliment. Ist die Arbeit
Substanz des Werts, die nur als Quelle fremden Eigentums zählt, nicht
als notwendige Tätigkeit, um der Natur etwas abzugewinnen, zählt sie
nur als Mittel des Werts, der in solch einer Formel als eine aus der
Arbeit hervorgehende, aber ihr gegenüberstehende und sie beherrschende
Macht unterstellt ist. Die Behauptung, die Substanz von allem sei die
Arbeit, ist ein Schwindel, mit dem man immer beim Kompliment an die
Arbeit, auf die es so ankomme und die man deshalb pfleglich behandeln
müsse, landet. Umgekehrt ist richtig, dass Arbeit im Kapitalismus von
vorneherein unter dem Kommando der Kategorie Wert steht, Mittel zum
Zweck seiner Vermehrung ist.
Marx verwendet seine Anstrengung nicht auf diesen Satz, sondern auf die
Form der Arbeit, für die dieser Satz gültig ist, und ihre Bestimmung,
die zugleich Kritik ist, als abstrakte Arbeit. Für Marx ist Arbeit der
zweckmäßige Umgang mit der Natur. Wie gibt es diese, wenn die Arbeit
den Mitteln, an denen sie sich betätigt und die als Eigentum in der
Hand eines anderen existieren, gegenübersteht? Dieselben, die an der
einen Stelle sagen, es komme alles aus der Arbeit, behaupten an anderer
Stelle, letztlich komme alles aus dem Kapital, weil ohne das in dieser
Gesellschaft nichts geht. Auch dieser Spruch hat viel Recht, weil er
betont, Arbeit sei nur Mittel für Wert und nur in der Hand eines
Kapitalisten tätig, der über die Mittel verfügt und den Zweck setzt,
unter dem die Arbeit als produktive Kraft gesellschaftlich gewürdigt
wird.
Was mit dem Lob der Arbeit anfängt, schließt die Aussage ein, das
Finanzkapital habe sich emanzipiert von seinem eigentlich Dienst, der
Realwirtschaft zu dienen. Die Krise zeige, dass es eigentlich auf die
Warenproduktion ankäme, dass das Finanzkapital sein Recht im
Kapitalismus nur darin habe, diese zu unterstützen. In seiner
eingebildeten Freiheit von seiner Basis habe es aber irrsinnige
Luftgebäude aufgebaut. Das Platzen der Blase zeige nun dessen
Haltlosigkeit.
Wie steht es wirklich mit dem Verhältnis von Finanzkapital und
Realwirtschaft?
Die Vorstellung, es sei etwas schief gelaufen, lebt von dem Ideal eines
– früher noch vorhandenen – Maßes, das Finanzkapital und Realökonomie
in ein vernünftiges Verhältnis setzen würde, jetzt aber aus dem Ruder
gelaufen sei.
— Da wird ein Bild
aufgemacht von einer
Realwirtschaft, die Güter produziert, und der Kredit des Finanzkapitals
ist das Mittel dafür. Aber die Realwirtschaft hat gar nicht den
unterstellten Zweck, sondern sie produziert Kapital, Geld, Reichtum.
— Das Finanzkapital
hat ja nicht den Standpunkt, dass
es für die Realwirtschaft da sei; es steht nicht auf dem Standpunkt der
Dienstleistung, sondern die Bedürfnisse der Realwirtschaft sind für das
Finanzkapital ein Mittel, um sein Geschäft zu machen.
Diese Dialektik von Dienst und Gewinnstreben fällt noch in das Kapitel
‚Privatarbeit für andere’: soweit Privatarbeit, geht es immer um den
Gewinn, soweit für andere, geht es immer um einen Dienst, was im
Kapitalismus immer zusammen gehört. Keiner schafft die Produktion von
Reichtum, wenn er nicht einen anderen dafür interessiert, dem er damit
einen Dienst erweist. Der andere wiederum bekommt den Dienst nur, wenn
er die Geschäftsvorstellungen des Verkäufers mit seinem Geld
realisiert. Das ist in jedem kapitalistischen Gewerbe so.
Klärend könnte vielleicht das Verhältnis vom 4. Kap., Bd. I und dem 24.
von Bd. III sein. Im I. Band macht Marx das Problem auf, woher das G’
des Kapitals kommt: Betrug, Umverteilung etc. kann es nicht sein, des
Rätsels Lösung für den Zuwachs ist die Mehrarbeit des Proleten oder
umgekehrt das Kapital in seiner Anwendung. Das Geheimnis des G-G’ ist
das, was dazwischen ist, G-W-G’, ohne die Arbeit dazwischen geht
nichts. Im 3. Band, 24. Kapitel, hat man dagegen die Formel G-G’ ohne
etwas dazwischen, keine ökonomische Operation, keine Produktion:
Verliehenes Geld kommt vermehrt zurück; der Rechtsakt generiert den
Strich. Damit hat man den Unterschied bezeichnet und die Identität.
— Wenn man die
beiden Formeln vergleicht: G-W-G’ und
G-G’, besteht der Dienst darin – da beide denselben Zweck haben, aus
Geld G’ zu machen –, dass die produktiven Kapitalisten für diese
Transformation den vorweggenommenen Reichtum benötigen, um G in einen
Produktionsprozess zu verwandeln, der G’ erbringt. Der Dienst besteht
darin, das, was die Realwirtschaft will, aus G G’ machen, ihnen als
Mittel zur Verfügung zu stellen.
— Ich sehe darin
keinen großen Unterschied dazu, dass
der Kredit das ermöglicht. Was das Finanzkapital vorschießt, ist doch
Eigentum der Gesellschaft, weil das Bankkapital das bei sich zentriert
und der Gesellschaft als Kredit zur Verfügung stellt. Der Unterschied
ist, dass sie mit fremdem Eigentum diesen Vorschuss leistet.
Wenn gesagt wird, das Finanzkapital finanziere die Produktion, ist der
Einwand, dass das doch das eingesammelte Geld der Gesellschaft sei,
richtig. Was für eine Tätigkeit ist dieses Einsammeln aber? In der
Öffentlichkeit existiert sie als ehrenwertes Vermitteln der Ressourcen
an die richtige Stelle. Damit ist aber erst das Problem benannt. Was
ist dessen ökonomischer Gehalt?
Ist es, anders gefragt, der Dienst fürs Finanzieren der Realwirtschaft,
womit die Hedgefonds, die Vehikel und die Erfinder von ‚Collateralized
Dept Obligations’ sich seit 10 Jahren befassen und ermächtigt sind,
diese Zahlen mit endlos vielen Nullen in die Welt zu setzen?
— Das ist wieder
das, was als Irrtum des
Finanzkapitals gekennzeichnet wird. Wir wollten doch aber den
Zusammenhang mit der Realwirtschaft klären, wieso braucht es da die
Erinnerung an die eigenen Geschäfte des Finanzkapitals?
Wenn man behaupten will, das Finanzkapital sei eine Sorte Geschäft, ob
sie die Realwirtschaft finanzieren oder ihre eigenen Erfindungen
vertreiben seien nur verschiedene Aktivitäten nach derselben
finanzkapitalistischen Logik, darf man dies nicht selbst wieder
trennen. Dabei ist der eigentümliche Ausgangspunkt nicht mehr der
Dienst an anderen Branchen, sondern ihr Gewinninteresse. Wobei man hier
sagen muss, wie sich dieses realisiert, wenn sogar das Aufblasen einer
Blase für das Bankkapital ein ehrenwertes Geschäft ist, das sich im
Prinzip von der Finanzierung eines produktiven Mittelständlers gar
nicht unterscheidet. Was diese scheinbar so schlichte Tätigkeit des
Geldeinsammelns und damit Kreditgebens für das ausführende Subjekt
heißt, muss man so bestimmen, dass darin deutlich wird, inwiefern diese
Überbaugeschäfte Varianten des Geldeinsammelns und -verleihens sind.
Diese Branche erbringt gewinnorientiert Dienstleistungen.
— Nach beiden Seiten
ruft die Bank erst ins Werk, dass
alles G die Quelle von G’ sein kann. Sowohl wenn sie Geld von der
Gesellschaft einsammelt, macht sie erst aus deren – ansonsten untätig
herum liegendem – Geld ein Geld anderer Qualität. Als auch auf Seiten
des Leihkapitals macht die Bank das Geld, das sie den Kapitalisten
vergibt, zur Quelle eines Überschusses. Die Bank verwirklicht die in
beiden Fällen irrationale Formel G-G’.
Mit dem Einsammeln des Geldes der Gesellschaft macht sich die Bank zum
Schuldner und ihr Verfügen darüber unterstellt ihr Versprechen, mehr
dafür zu geben. Sie ist die Geldquelle der Einleger. Eine Instanz macht
sich zum universellen Schuldner der Gesellschaft. Für einen normalen
Menschen sind Schulden ein Drangsal. Anständige Menschen versuchen
daher Schulden zu vermeiden, müssen dafür aber vorher Verzicht üben und
sparen, damit sie irgendwann nicht mehr zu verzichten brauchen. Beides,
Schulden machen oder verzichten und sparen, sind die üblichen Varianten
des Umgangs mit der Armut.
Die Bank ist ein ökonomisches Subjekt eigener Art, weil sie mit den
Schulden, die sie macht, die Verfügungsgewalt über alles Geld der
Gesellschaft bekommt. Sie ist auf der anderen Seite damit das Subjekt,
nicht mehr die Gesellschaft, die das Geld abgeliefert hat, und kann
dieses dem Rest der Welt anbieten. Natürlich zu ihren Bedingungen. Sie
ist nicht Verteilungsinstanz – wie eine volkswirtschaftlich-idyllische
Metapher es glauben machen will –, sondern Subjekt für die Ausstattung
der Menschheit mit den benötigten Zahlungsmitteln. Sie macht dabei
keinen Unterschied zwischen Kapitalisten, die den Zins aus erwarteten
Gewinnen, und anderen Konsumenten, die ihn aus ihrem Gehalt zu zahlen
versprechen. Sie ist das Subjekt, das über prinzipiell unbeschränkte
Massen Geldes verfügt. Sie als Bank garantiert, dass sie jedem, der
Geldkapital als Vorschuss für sein Geschäft braucht, dieses zur
Verfügung stellen kann.
— Dass sie sich bei
der Gesellschaft verschuldet, gibt
ihr die ökonomische Macht, die Gesellschaft bei sich zu verschulden.
Ihre Schuldner setzen auch darauf, dass die Banken aufgrund ihrer
Fähigkeit, sich selbst zu verschulden, ausreichende Mittel haben, um
sie mit Kapital auszustatten. Wenn sie bei ihr Schulden machen,
verfügen sie über eine Geldsumme, mit der sich etwas anfangen lässt.
Eine Bank hat die Potenz, Kapitalisten dazu zu befähigen, Geschäfte
aufzuziehen oder zu erweitern. Sie zentralisiert das Geld der
Gesellschaft bei sich, um es ihr wieder verfügbar zu machen. Sie sorgt
dafür, dass die ganze politische Ökonomie der Gesellschaft auf ein
doppeltes Schuldenverhältnis aufgebaut ist: Sowohl wenn sie Geld nimmt
wie wenn sie es verleiht fungieren Schulden als Geldkapital.
Es sei an die mit Sicherheiten belegten Wertpapiere, die ‚Asset Backed
Securities’, die Derivate, deren Platzen für den Anfang der Finanzkrise
gestanden hat, erinnert. Irgendein vorgestellter Fonds tritt auf den
Weltfinanzmärkten auf, um sich dort zu verschulden. Die
aufgeschriebenen Schulden heißen dann Wertpapiere und das
Verschuldungsverhältnis besteht im Verkauf eben dieser Papiere,
Rückzahlung nach gewisser Zeit mit Zinsen versprochen. Eine Sekretärin
lanciert am Telefon z. B. folgendes Angebot: Wir verkaufen
Wertpapiere, Laufzeit halbes Jahr, 6 %. Die Finanzwelt vergleicht
es mit anderen Angeboten und greift ggf. zu. Dieses ökonomische Subjekt
macht also Schulden mit Verzinsungsgarantie. Was macht es mit dem an
sich gezogenen Geld? Es kauft wieder Schulden, die andere bei der Bank
gemacht haben, in diesem Fall waren es Hypothekenschulden, also auch
nichts anderes als verliehenes Geld, das weg ist, aber im Grundbuch ist
eine Hypothek eingetragen. Wer diesen Hypotheken-Kredit vergeben hat,
kann seinerseits dieses Verhältnis zum Handelsartikel machen. Das kann
nicht jeder! In der Finanzwelt aber können Schulden auf einen Zettel
aufgeschrieben werden, der dann soviel wert ist, wie diese Schulden
samt Zinsen; und schon ist aus dem Schuldverhältnis eine handelbare
Ware geworden. Diese Papiere kauft jetzt das vorgestellte ökonomische
Subjekt. Aus den Zinsen, die es kassiert, bezahlt es die Zinsen, die es
schuldet. Dabei muss es darauf achten, spätestens zum Zeitpunkt des
Rückkaufs der Papiere – weil es da Geld hergeben muss, das es nicht
hat; denn dafür hat es die (Hypotheken-)Schulden gekauft, die Zinsen
abwerfen sollen – dieselben Wertpapiere neu zu verkaufen. Dann kann es
den ersten Gläubigern das Geld zurückzahlen. Das ist das
Geschäftsmodell.
Das Geld der Gläubiger ist zu Geldkapital geworden, aufgewertet zu
einem Zins tragenden Wertpapier. Auf der anderen Seite hat das Vehikel
durch Abkaufen von (Hypotheken-)Schulden, über die die Bank bisher
verfügt hat, das G’ für die Bank quasi abgeliefert und verfügt jetzt
selbst über diese Schulden als Geldquelle. Das Vehikel lebt von der
Zinsdifferenz, kassiert mehr Zinsen, als es zahlt, erzielt also eine
permanente Einnahme dadurch, dass es nach zwei Seiten hin Schulden in
Geldkapital verwandelt hat. Es erzielt einen Anteil an dem Zinsertrag.
Auf die Frage, was dieses Vehikel wert sei, könnte man antworten, dass
es nichts wert ist, weil ja nur aus einer Sekretärin mit Telefon,
Werbeträgern und Aufpassern bestehend. Dieses Ding erzielt jedoch eine
regelmäßige Einnahme, vielleicht nur 1 % des Vermögens; wenn das
aber aus 1 Mrd. besteht, sind das auch noch 10 Millionen. Alles bezogen
auf einen Kapitalvorschuss nahe Null und darauf, 1 Mrd. Schulden zu
verwalten. Das ist für alle finanzkapitalistisch Rechnenden höchst
attraktiv.
Eine Gesellschaft, die diese Operationen vollführt, kann ihren eigenen
Wert deklarieren. Mit einer Einnahme von 10 Millionen, die aus den
Zinsgeschäften gesichert sind, kann sie sich selbst noch einmal zum
Verkauf stellen. Sie ist so viel wert wie ein Kapital, das sich mit 10
Million pro Jahr verzinst. Bei großzügig gerechneten 10 % ist die
Zweckgesellschaft mit ihren 10 Mio. Einnahmen pro Jahr 100 Millionen
wert, dafür kann sie gekauft werden. Das ist eine Investition, die
garantiert 10 Millionen im Jahr abwirft und einem Kapitalwert von 100
Millionen gleicht.
Es ist damit eine Gesellschaft in der Welt, die nichts anderes macht,
als Schulden zu verdoppeln, nach beiden Seiten hin Schulden als
Geldkapital wirken lässt und damit ihren eigenen Kapitalwert fingiert,
der vorher gar nicht existierte, jetzt aus dem 1 % Zinsgewinn
rückgerechnet ist und zig Millionen Euros ergibt. Welche Bank möchte
sich da nicht einmischen?
— Da wird mit
Null-Kapital-Vorschuss fiktives Kapital
geschaffen. Ich fand es aber andersrum ausgedrückt einleuchtender: Wenn
alles Geld in der Gesellschaft seinen Witz darin hat, Kapital zu sein,
dann ist ein G’ auch immer etwas, was ein G zur Grundlage hat.
Das ist derselbe Gedanke volkswirtschaftlich und nicht
betriebswirtschaftlich gedacht. Eine Bank macht nichts anderes als das
eben an dem Vehikel Beschriebene. Sie fordert alle Welt auf, ihr Geld
zu geben, nimmt das Geld und kauft dafür Schulden, kauft sich Schuldner
oder verleiht das Geld oder kauft anderen ihre Schulden ab
(Investmentbanken). Sie lebt von dem Zinserlös und errechnet aus den
Zinsdifferenzen, die sie an sich zieht, ein Stück ihres eigenen Werts.
Der Unterschied zu einer richtigen Bank ist, dass diese mit einem
dicken Eigenkapital antritt; dass sie für dieses Geschäft gesetzlich
verpflichtet ist, eine Sicherheit zu bieten; dass das Geschäft auch
ewig seinen Gang gehen kann und dass sie sich nicht alle halbe Jahre,
wenn der Wertpapierbestand fällig wird, um neue Abnehmer sorgen muss,
sondern dies in ihrem laufenden Geschäft alles eingeschlossen ist. Wenn
ein Schuldner ausfällt, hat die Bank anderswo eine Rendite erzielt und
kann den Verlust wegstecken. Wenn ein Einleger die Einlage abzieht, hat
sie an der anderen Stelle einen, der etwas einzahlt. Insgesamt hat sie
für die Differenzen das Eigenkapital als Sicherheit, um all das zu
überbrücken. Für die Refinanzierung gibt es ein handfestes Kriterium:
Sie muss für alle Forderungen liquide sein, Geldreserven haben oder
sich welches ausleihen können. Das ist der ganze Unterschied eines
Geschäfts, dessen Formel heißt, Schulden als Geldkapital wirken zu
lassen und aus dem Gewinn, der daraus erzielt wird, selbst abzuleiten,
dass man einen Wert repräsentiert, den man sich auch als Vermögen
gutschreiben kann.
— Noch einmal zurück zu dem
Punkt, bei dem es darum ging, dass
die Banken das Geld der Gesellschaft einsammeln und es verteilen. Das
klingt ganz harmlos, aber was ist der Gehalt dieses Dienstes? Die Bank
verschuldet sich über das Einsammeln bei der Gesellschaft und wird
darüber zum Subjekt des eingesammelten Reichtums. Das Kriterium, unter
dem sie die Gesellschaft dann wieder mit Geld versorgt, ist, ob
derjenige garantiert, dass damit auch G’ gemacht wird, und diesen
Maßstab setzt sie gnadenlos durch. Die Härte an diesem Verteilen ist
mir nicht klar.
Es ist etwas anderes erst Geld einzusammeln und es dann wieder
zweckmäßig zu verteilen, als wenn eine Bank als Geschäftssubjekt
dazwischen steht, die Schuldenverhältnisse eingeht, um dann nach allen
Seiten wieder solche aufzumachen. Wer wie viel kriegt, eine korrekte
Rückzahlung garantiert etc., sind konsequenterweise Kriterien dieser
Art Geldversorgung. Bevor man an den Zwang denkt, den eine Bank auf
ihre Schuldner ausübt, sollte man bedenken, dass sie diese zu
Geschäften befähigt. Den Zwang, eine anständige Rendite zu
erwirtschaften, erlebt sowieso jeder Kapitalist in seiner Konkurrenz.
In dem Kredit ist die Ermächtigung zum Wachstum und zum Sich-Behaupten
in der Konkurrenz enthalten, dafür muss dann natürlich etwas bezahlt
werden. Es ist nicht richtig zu sagen, die Banken würden den Maßstab
G–G’ in der Gesellschaft durchsetzen, den hat diese schon selbst, das
Finanzkapital ist der Motor für die Eskalation.
Dass man überhaupt vom Geld der Gesellschaft redet, über das die Banken
Regie führen, ist eine vorläufige Aussage, richtiger ist zu sagen, dass
alle Geldvermehrung in dieser Gesellschaft auf Basis von Schulden
passiert. Die Vorstellung, die Bank sammle das Geld der Gesellschaft
ein, mit dem sie wirtschaftet, bis es aufgebraucht ist, unterschätzt
die Stellung der Bank im Zentrum des Geschehens, wenn sie sich das
Verfügungsrecht über das Geld der Gesellschaft erwirbt, indem sie sich
zu deren Schuldner erklärt. Mit diesen Schulden hat sie ihre
Geschäftsmasse und ist das Subjekt, das alle Geldeinleger mit der
Zusage bedient, aus deren Geld mehr zu machen und dies auch zu
garantieren, wofür ihre Liquidität das Kriterium ist. Wie weit ihre
Fähigkeit reicht, ihre Schuldner mit Zahlungsfähigkeit auszustatten,
darf jeder Schuldner der Bank überlassen. Sie macht aus der
Verfügungsmacht über den Reichtum der Gesellschaft eine Schuldenquelle,
deren Solidität vom Staat permanent überprüft werden muss. Für jeden
Kredit, den sie vergibt, muss sie in ihren Büchern etwas vorweisen, das
als Guthaben zählt, aber entscheidend ist, dass sie als ökonomisches
Subjekt dazwischen steht und über die Macht verfügt, nach allen Seiten
Schulden als Geldkapital wirken zu lassen und Gewinne hochzurechnen zu
einem Kapital, das sich in Form dieser Gewinne verzinst.
Bei dem Modell einer Gesellschaft, die ‚securities’ verkauft,
verspricht die Bank, regelmäßig Zinsen zu zahlen und irgendwann das
Geld zurück zu erstatten. Dieses Versprechen der Zinszahlung wird
verkauft, so wie sie selber mit dem eingesammelten Geld
Schuldverhältnisse kauft; mit denen sie die Rechnung aufmacht, aus dem
einstmals verliehenen Geld und den jetzt gezahlten Zinsen einen
Kapitalwert zu ermitteln, der sich seinerseits aus unterschiedlichen
Größen wie den versprochenen Zinsen, der Restlaufzeit und allen
möglichen Modalitäten wie der (Un-)Sicherheit des Schuldners errechnet.
Ob das der Höhe nach dem ursprünglich verliehenen Geld entspricht, ist
nebensächlich demgegenüber, dass die Bank es schafft, aus versprochener
Zahlung ein gegenwärtiges Kapital zu schöpfen, nämlich ein Wertpapier,
das sich wie Geldkapital verkaufen lässt. Jedes Wertpapier ist somit
eine kleine Geldvermehrungsmaschine und die Bank bürgt dafür, dass ein
bloßes Schuldverhältnis auch tatsächlich als solches fungiert. Das sind
Varianten davon, eine versprochene Geldeinnahme als Geldkapital
fungieren zu lassen, welches das Prinzip des ganzen ausufernden
Überbaus von geschäftlichen Aktivitäten ist.
Wie die Finanzakteure zur Vergrößerung der Spekulationsblase beitragen,
zeigt das Beispiel mit der schon erwähnten Zweckgesellschaft, bei der
eine unterbezahlte Sekretärin Schulden kauft und verkauft, und ein
Banker, der das eingerichtet hat und aus den Transaktionen eine Rendite
von x Millionen, also unendlich viel Prozent kassiert. Jeder, der sich
mit einer solchen Zweckgesellschaft einlässt, weiß um sein Risiko. Was
macht ein Finanzkapitalist in so einem Fall? Er versichert das Risiko,
indem er es verbrieft; einen Käufer dafür findet, der mit seinem
Vermögen im Fall des Falles für das riskante Wertpapier gerade steht,
dafür dann aber auch 30 % statt 10 % Zins will. Mit den
schlechteren, also weniger gut verzinsten Papieren macht die
Gesellschaft dann einen bombensicheren Geldmarktfonds auf, der Renten
und Pensionskassen bezahlt; das Risiko trägt schließlich irgendein
Hedge-Fonds, der dafür seine 30 % bekommt. Der Hedge-Fonds hat
jetzt ein hoch verzinstes Vermögen, das er refinanziert, indem er bei
irgendeiner Geschäftsbank Schulden macht, für die er dann auch wieder
Zinsen zahlt. Banken integrieren dieses Geschäftsmodell der hohen
Zinsen für hohes Risiko in ihr Geschäft genauso wie sie es auslagern,
dann der Hedge-Fonds das Risiko trägt, für das er vielleicht auch
wieder einen Käufer findet. Eine Bank kann auch ein ‚gemischtes’
Portfolio auflegen, also einen Mix machen aus schlechten, aber
hochverzinsten Papieren mit anderen, die niedriger verzinst, aber
sicherer sind, und mit denen dann wieder auf den Finanzmarkt gehen –
und so zu. Auf diese Art kommen diese Billionen an Summen zustande.
Das Kriterium für das Gelingen dieser absurden Operationen ist die
Liquidität solcher Gesellschaften. Wenn dann der Verkauf von
Wertpapieren oder Zinszahlungen aufs Portfolio ausfallen, lässt sich
das verkraften, solange sie liquide bleiben. Das Ganze funktioniert so
lange wie dieses Geschäft nicht nur seinen Gang geht, sondern seine
Fortsetzung findet.
Das Geschäft der Banken ist nicht nur darauf angelegt, dass es dauernd
Schulden gibt, sondern darauf angewiesen, dass die Schuldverhältnisse
die Potenz der Gesellschaft, ihr Geld zu überlassen, und den Bedarf der
Gesellschaft, bei der Bank Schulden zu machen, – vermehren. So ein
Vehikel ist nicht darauf angelegt, auf- und irgendwann wieder
zuzumachen, sondern immer mehr Kunden zu finden, immer mehr Schulden
aufkaufen zu können und nie in die Verlegenheit zu geraten, einmal
keinen Nachschub mehr an Schulden oder an billigen Einlegern zu haben.
Angesichts des Tatbestands, dass Einnahmen zu fiktivem Kapital
hochgerechnet werden, bedeutet Abrechnung, dass keine Einnahmen mehr
fließen, womit es dieses fiktive Kapital dann nicht mehr gibt. Dann
sind alle Seiten bezahlt, aber die Eskalation des Vermögens ist wieder
heruntergefahren. Das Schlimmste, was einer Bank passieren kann, ist,
dass das Geldkapital nicht mehr als Geldkapital gewürdigt wird und sie
plötzlich Schulden begleichen muss. Auch ein Vehikel, dem keiner mehr
die eigenen Wertpapiere abkauft, muss diese zurücknehmen und sie
auszahlen – es kann ja schlecht sein mit mehr oder weniger riskanten
Papieren bestücktes Portfolio an seine Kunden weiterreichen. Um zahlen
zu können, muss es seinen Wertpapierbestand verkaufen, was mehr als
schwierig ist, wenn man schon die darauf gegründeten eigenen
Wertpapiere nicht los kriegt; dann verwandelt sich Geldkapital in
einzulösende Schulden und ein Plus, das aus regelmäßigen Einnahmen
errechnet war, verwandelt sich in eine womöglich unbezahlbare Schuld.
In der Öffentlichkeit oder auch bei den Linken wird der Grund der Krise
nicht unbedingt im mangelnden Zufluss von echtem Geld aus der
Realwirtschaft gesehen, sondern darin, dass die Banken sich nichts mehr
leihen. Tatsache ist, dass sich die verschiedenen Subjekte des
Finanzmarkts wechselseitig ihre Wertpapiere nicht mehr abkaufen. Das
ist etwas anderes als dass da ein Saldo offen bliebe, vielmehr findet
die Verwandlung von Schulden in verkäufliches Geldkapital nicht mehr
statt, weil diese Papiere nicht mehr gekauft werden. Das Ganze muss in
Schwung bleiben – sobald Wertpapiere fällig werden, müssen neue gekauft
werden, sonst erstirbt ein Stück Geschäft. Das Stichwort in der
bürgerlichen Geschäftswelt für dieses Hin und Her von Kauf und Verkauf
heißt Vertrauen. Sie vertrauen darauf, dass der, dem sie ein Wertpapier
abkaufen, auch dafür gerade steht, dass man damit Geldkapital in der
Hand hat. Die Macht der Banken, Schulden als Geldkapital fungieren zu
lassen, kann man auch formulieren in Termini des Vertrauens, sie setzen
ganz praktisch auf das stete Wachstum der in den Papieren enthaltenen
Schuldenverhältnisse.
Insofern ist die Frage der Bild-Zeitung: „Wo ist das ganze Geld
geblieben?“ beantwortet: Das „Geld“ sind eben die Schulden, die nichts
zu tun haben mit dem Geld des kleinen Mannes, der immer ziemlich genau
weiß, wo es geblieben ist: in seinem Portemonnaie, um es alsbald wieder
zu verlassen, um irgendwelche Ausgaben zu bestreiten, die zu Einnahmen
auf der anderen Seite werden, die prompt wieder auf der Bank landen.
Die Bank ihrerseits ‚arbeitet’ mit dem eingesammelten Geld: Sie macht
es zu ihrem Eigentum dadurch, dass sie es zu ihren Schulden macht und
schickt es auf eine gute kapitalistische Mission – sie leiht es aus
oder kauft dafür die Verzinsungsversprechen anderer Banken. Das Geld
ist also in dem Verarbeitungsprozess von lauter aufeinander bezogenen
Schulden geblieben und diese Schulden bezahlen die Banken mit den
Erlösen aus Schulden, die sie mit dem Geld, das sie sich geliehen
haben, kaufen. So geht der Zirkel des Finanzgeschäfts.
— In der bisherigen Diskussion
ist die Frage nach der
Notwendigkeit, dass die Spekulationsblase platzt, angerissen, aber noch
nicht befriedigend beendet worden. Eine Antwort war: ‚Solange genug
Liquidität da ist, ist es kein Problem, aber wenn die Bank die
Zahlungsverpflichtungen nicht mehr einlösen kann, erweist sich, dass
das, was sie als Kapital hochgerechnet hat, nichts weiter als Schulden
sind.’ Andererseits wurde gesagt, dass das Problem schon da losgeht, wo
die Bank seitens ihrer Kunden auf Zahlung verpflichtet wird, denn die
ganzen Geschäfte, die da eingegangen worden sind, waren nicht auf
Auszahlung berechnet. Das kommt mir wie ein Zirkel vor.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Varianten ist nicht sonderlich.
Eine Bank muss immer wieder einmal etwas auszahlen, ein Fonds läuft
aus, Wertpapiere müssen zurückgegeben werden oder ein Kredit platzt –
das gehört zum Alltag und dafür muss eine Bank, die in der Regel hinter
einem Vehikel steht, gewappnet sein und aus ihren akkumulierten
Überschüssen solche Verluste tragen. Anständige Banken schaffen das
auch eine Zeit lang, die tun ihr Bestes bis hin zu betrügerischen
Manövern der Abrechnungskunst – die ihnen im Zweifelsfall von der
Regierung erlaubt werden –, mit denen sie ein größeres Eigenkapital
vorspiegeln als sie haben und so Zahlungsfähigkeit fingieren. Wenn
nötig schießt der Staat Geld in den Finanzsektor und kauft den Banken
wertlose Wertpapiere ab, damit sie liquide bleiben. Dem ist allerdings
ein Platzen von Krediten und eine Nötigung zum Aufkaufen von
emittierten Wertpapieren in solch einer Größenordnung vorausgegangen,
dass es eine Bank nach der anderen erwischt. Das Platzen der
Spekulationsblase ist also eine Frage der Größenordnung und nicht einer
Notwendigkeit, die an einem bestimmten Punkt eintritt. Für die Frage
nach der Notwendigkeit gilt die schlichte Auskunft: derselbe Grund, der
zu dieser Blase geführt hat, führt auch zu ihrem Platzen.
Zu fragen, wie lange das gut geht, ist erlaubt, wenn damit gemeint ist,
wie das funktioniert und was passiert. Fiktives Kapital wird
akkumuliert; hinter dieser Fiktion steht die Macht der Banken, die sie
dazu befähigt, errechnetes, aus zinsähnlichen regelmäßigen Einnahmen
heraus postuliertes Kapital wie existierende Wertsummen zu behandeln,
als Vermögen aufzuschreiben und sogar Handel damit zu treiben und mit
diversen Techniken der Verbriefung in die Höhe zu hebeln. Ihre Macht,
repräsentiert in ihrem Vermögen, muss groß genug sein, um die diversen
Fährnisse des Geschäfts zu bestehen und gegenüber Forderungen
geradestehen zu können. Wenn die Krise dann ihren Gang geht und eine
Bank das nicht mehr schafft, stehen sofort diejenigen Banken, die Teile
ihres Vermögens aus Verschuldungen, also Aktien oder Wertpapieren
dieser Bank abgeleitet haben, vor einem größeren Problem.
Angesichts der Krise, wie sie gerade abläuft, sind Überlegungen über
deren Notwendigkeit mindestens überflüssig: Was sich im jetzigen
Zusammenklappen erweist, ist, dass das Ganze ein Berg von fiktivem
Kapital ist, der darauf gegründet ist, dass er wächst, und wenn er
nicht genug wächst, zusammenbricht; dieses wenn – dann ist die ganze
Notwendigkeit. Mit dem Wachstum der Blase wächst auch die Gefährdung
dieser verrückten Veranstaltung, deren Krise am Anfang ganz
unspektakulär ablief: Auf Grundlage von Gerüchten über die mangelnde
Zahlungsfähigkeit der US-Häuslebauer gingen Banken aus Papieren, die
mit US- Immobilienkrediten besichert waren. Der Fortgang war, dass sich
dies Misstrauen in eine bestimmte Sorte Papier zu einem Misstrauen
gegenüber dem Emittenten entwickelte, dann gegenüber einer Kategorie
von Emittenten und für jeden dieser Fortschritte war die Illiquidität
eines Akteurs das Argument. Dieser Zirkel eskalierte bis zu dem Punkt,
an dem die totale Illiquidität aller Banken eine realistische Gefahr
war.
Die Staaten haben die Gefahr der Illiquidität des gesamten
Bankensektors und damit der kapitalistischen Ökonomie der wichtigsten
Länder ins Auge gefasst. Anhand dieser Gefahr kann man das wirkliche
Verhältnis zwischen Finanzkapital und Realwirtschaft noch einmal
beleuchten. Wenn durch die Finanzkrise der Umschlag des Kapitals in
anderen Branchen gefährdet wird oder zum Erliegen kommt, ist das die
Demonstration, dass alle anderen Branchen nicht einfach mit verdientem
Geld wirtschaften – da wären sie ja auch schon längst konkurrenzunfähig
–, sondern mit Schulden, die auf der Macht der Banken gegründet sind,
ihnen jede beliebige Summe zur Verfügung zu stellen.
Der Staat kann jetzt den Banken Liquidität zur Verfügung stellen, damit
sich der elementare Geschäftsverkehr der Gesellschaft noch abwickeln
lässt. Derzeit brauchen die Banken Geld, um Forderungen zu begleichen.
Momentan haben sie untereinander dermaßen viele Forderungen offen, dass
ihr Geschäft zum Erliegen kommt, weil sie nur noch damit befasst sind,
Wertpapiere abzuwickeln und alle anfallenden Schulden zu bezahlen. Da
kann der Staat durch die Notenbankkredite, durch das Geld, das er in
den Bankensektor schießt und durch das Abkaufen von schlechten Papieren
die Zirkulationsfähigkeit der Warenwelt durchaus aufrechterhalten.
Was der Staat mit dem Hineinschießen von Liquidität in den Finanzsektor
nicht kann, ist, die Liquiditätsquelle, nämlich dieses eskalierende
Geschäft, wieder in Gang zu bringen. Das ist zwar das Ideal und das
Projekt, aber das Geld gestattet nicht mehr als eine ordentliche, die
allgemeine Geldversorgung sichernde Abwicklung des ganzen riesigen
Geschäfts – wobei Abwicklung so zu verstehen ist wie bei der Ostzone:
es wird alles heruntergefahren und stillgelegt. Dieses Geld ist also
das Mittel einer geordneten Stilllegung dieses Finanzüberbaus, wobei
‚geordnet’ bedeutet, dass der Zahlungsverkehr, den die Gesellschaft zu
ihrem Überleben braucht – dass die Krankenkassen ihre Überweisungen
tätigen können und die Renten ausgezahlt werden –, dadurch garantiert
bleibt, dass die Kosten der Stilllegung dieses Riesenhaufens fiktiven
Kapitals von der Notenbank leihweise übernommen werden – mit der
ideellen Perspektive, dass das Geschäft der Banken wieder von neuem
losgeht. Das aber ist nicht die Leistung des Geldes, das der Staat
jetzt hineinschießt, und es ist auch nicht eine Frage der Menge,
sondern es ist eine Frage dessen, wo es herkommt und wo es hingeht. Das
ist eben ein Geld, das nicht aus den Gewinnen aus Wertpapiergeschäften
entsteht und auch nicht dafür taugt, neue Wertpapiergeschäfte zu
initiieren – einfach deswegen, weil diese Geschäfte gerade dabei sind,
von allen Beteiligten gekündigt zu werden. Wenn in den Zeitungen steht,
dass die Banken einander misstrauen und sich kein Geld mehr leihen,
heißt das nicht, sie säßen untätig auf ihren mehr oder weniger faulen
Wertpapieren herum, sondern sie sind hauptberuflich damit befasst, sich
wechselseitig zum nächstmöglichen Termin ihre Wertpapiere zu kündigen.
Dass darunter nicht das Kommando der Geldwirtschaft über die Arbeit und
den ganzen Lebensprozess der Gesellschaft leidet, ist die Leistung
dieses staatlichen Zuschusswesens. Das bedeutet aber auch die geordnete
Überführung der Finanzkrise in eine allgemeine.