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1. Zu Einwänden gegen die Moral.
Es geht um die im Sommer begonnene Diskussion um die Einwände gegen die
Überlegungen zur bürgerlichen Moral im GS 1/95. Was soll der Mangel an
diesen Überlegungen sein?
— Ich meine,
es fehlt eine Erklärung, warum Leute dafür parteilich werden, dass man
seine Pflicht erfüllt, dass man anständig ist, wählen geht usw. In der
Psycho-Broschüre geht es drum, was da alles unterstellt ist, wenn man
anständig und erfolgreich sein will, es ist aber nicht erklärt, warum
man das will. Meiner Meinung nach geht das Ja zur Gesellschaft darüber,
deren Ideale auch gegenüber ihr hochzuhalten, und darin ist alles
Mögliche bejaht. Also besteht der Grund für diese Parteilichkeit darin,
dass die Leute etwas an den Idealen finden, was sie praktisch finden.
Es kann kein Zirkelargument der Art werden: weil sie Staatsbürger sind
oder weil sie Ideal-Fans sind, sondern es muss eine Erklärung aus einer
nicht so ideologischen Stellung kommen. Zum Beispiel: Warum wollen die
Bauern faire Preise? Sie meinen, sie könnten so ihr Interesse
voranbringen.
Und inwieweit unterscheidet sich das von den Erklärungen, die der
Artikel im GS andeutet? Da ist ausführlich von der Übersetzung von
Interessen in Rechte die Rede und der Leistung, die der „rechtschaffene
Bürger“ da erbringt. Man kennt diese Spezies, man hat sie in seiner
Umgebung, man entdeckt sie vielleicht sogar in sich selbst als inneres,
edles Gemüt. Einerseits ist das ein Mensch mit den Bedürfnissen, die
einem Menschen eigen sind – nicht nur mit seinen Naturbedürfnissen,
sondern auch mit denen, die er sich von seiner Umgebung abschaut und
die er sich zu eigen macht; die werden zu Interessen – Interesse ist
ein reflektiertes Bedürfnis, das man zum Gegenstand seines Willens
macht; das Bedürfnis wird auf seine Bedingungen, auch die seiner
Realisierung, hin geprüft. Daraus entwickelt sich ein Interesse, das
sich auf die Bedingungen richtet. An dieser Stelle geht es jetzt um den
Fortschritt vom Interesse zum Recht: „Als Bedingung dafür, dass er (der
rechtschaffene Bürger) nach Kräften seinem Interesse nachgehen kann,
gewinnt er dem obrigkeitlich verfügten Regelwerk ziemlich positive
Qualitäten ab – ihm Genüge zu tun garantiert schließlich die Betätigung
in allen möglichen Gewerben, zumindest in dem, in das es einen
verschlagen hat.“ (S. 186) Man muss hier die – deswegen auch kursiv
gedruckte – Kategorie der Bedingung ernst nehmen. Um auf das obige
Beispiel zurückzukommen: Woran denkst Du, wenn Du sagst, die Bauern
versprechen sich etwas davon für ihr Interesse, wenn sie dieses als
allgemeines Anliegen (das steckt im ‚fair’) hinstellen?
— Sie wissen,
dass in dieser Gesellschaft ihr Interesse per se nicht so einfach gilt
und dass sie etwas anderes anführen müssen als das, dass ansonsten ihr
Schaden herauskäme. Dies andere ist die Reflexion darauf, dass das
Gemeinwohl gilt und dass sie irgendwelche Argumente dafür bringen
müssen, warum ihr Interesse da besser aufgehoben sein solle. Dass das
Gemeinwohl gilt, ist korrekt, falsch finde ich, dass man einfach sagt:
ich nehme das Recht zu meinem Mittel – das passt so nicht ganz, das ist
nämlich laufend ein Idealismus des Rechts, den die Leute sich da
konstruieren. Mal ist das Recht sein Mittel, mal nicht und insofern
trifft der Übergang nicht, dass einer dem Recht als solchem lauter
positive Qualitäten abgewinnt.
Vor irgendwelchen Übergängen muss zuerst geklärt werden, ob bei
folgendem Gedanken Einigkeit herrscht: Ein Mensch erfährt sein eigenes
Wohlverhalten, durchaus auch eins, das sein unmittelbares Interesse
beschränkt oder sogar opfert, als Bedingung dafür, seine Interessen zu
realisieren. Das ist die Grundfigur des rechtschaffenen Bürgers. Man
kann diesen Tatbestand von zwei Seiten her beleuchten: Man kann ihn
staatstheoretisch nehmen, also vom Gedanken her: wie funktioniert ein
Gemeinwesen? Man hat da die Hegel’sche Ableitung, dass das Gemeinwesen
zuallererst über die Gewalt des Rechts funktioniert, über die Normen,
die da etabliert werden, über allgemeine Verhaltensregeln, an die der
Mensch sich halten muss; damit ist die Funktionsfähigkeit des
Gemeinwesens erst einmal nur eine Frage der Gewalt. Ein modernes
Gemeinwesen setzt darauf, dass die Bürger diese Regeln als Mittel ihres
Fortkommens akzeptieren. Dazu gehören zwei Sachen: Die Anerkennung des
Materialismus, also die Grußadresse an jedes Interesse, dass es ganz
prinzipiell in diesem Gemeinwesen seinen Platz hat; dann kommt das
‚aber’ – aber man muss sich an Regeln, an Bedingungen der
Verwirklichung des eigenen Interesses halten. Zum rechtschaffenen
Bürger reift der Materialist im Menschen dadurch, dass er das nicht nur
als äußerlich gesetzte Schranke beigebracht bekommt; er wird in dem
Maße Bürger, wie er das als Maxime seines Verhaltens akzeptiert.
Wenn man umgedreht fragt, wie dem Menschen das beigebracht wird – dies
ist die zweite Seite –, kommt man auf Sitte, auf Gewohnheiten, die in
der Gesellschaft schon etabliert sind und denen der Mensch als Kind
zuallererst begegnet.
— Ich finde
die Fragestellung: wie wird einem Menschen das beigebracht?, etwas
komisch. Das ist seine eigene Parteilichkeit, die er da entwickelt. Das
kann man einem nicht beibringen. Klar kann man ihn unter Bedingungen
setzen ...
Eben, das kennt man doch, dass der Mensch – zumal der ‚Anfänger-Mensch’
– unter Bedingungen gesetzt wird, wo sein Wohlverhalten objektiv die
Bedingung des Erfolgs seines Interesses ist, so lernt er dieses
Paradox, dass Beschränkung seines Interesses Mittel dieses Interesses
ist. Wie wird ein Mensch auf so etwas dressiert? Soziologisch nennt man
das Sozialisation. Man kann sagen, dass das Betrug an seinem
Materialismus ist, aber er erfährt doch allenthalben – erstmal jenseits
vom Recht und Gericht – Beschränkung als Mittel seines Erfolgs. Wenn
zum Beispiel ein Kind etwas will und sich mit seinem Geschwister
streitet, bekommt es todsicher von seinen Eltern gesagt: „Wenn du dem
was abgibst, bekommst du selber was“. Das ist eben das Unheilvolle an
der Erziehung – und beibringen muss man diesen ‚Anfängern’ schließlich
einiges –, dass das Aufmerksam machen auf objektive Beschränkungen, die
in der Natur der Sache liegen, und Beschränkungen, die in der Willkür
der Machthaber in der Familie liegen, ineinander gehen. Nichts ist
unmöglicher, als im Umgang mit Kindern Erziehung und Agitation zu
trennen. Der Übergang vom Vorgehen gegen kindliche Uneinsichtigkeit
(die berühmte heiße Herdplatte) über das kindgemäße Beibringen von
Wohlverhalten (mal mit Belohnung, mal auch nicht) bis zum
Vertrautmachen mit den hierzulande herrschenden Gewohnheiten bezüglich
Anstand und Sitte ist in der bürgerlichen Erziehung eben total
fließend. Da hat auch niemand vorher im Gesetzbuch nachgeschaut, aber
diese Sitte ist die objektive Schranke der Betätigung eines eigenen
Interesses.
— Noch einmal
zu deinem anfänglichen Beispiel
mit den Bauern und dem fairen Milchpreis. Bei dir hört es sich so an,
als ob das Interesse für sich noch nichts Gesellschaftliches an sich
hat, und dann arbeitest du dich an der Frage ab, warum solch ein
Interesse darauf kommt, gerade in den Regeln dieses Ladens sein Mittel
zu sehen. Dabei ist das Interesse eines Milchbauern, mit einem
anständigen Preis über die Runden zu kommen, so wie er es äußert,
zurecht gemacht und bezogen auf die hiesigen gesellschaftlichen Regeln.
— Das
Interesse ist den Regeln entsprungen –
weder im Feudalismus noch im Kommunismus will man einen fairen
Milchpreis haben, den will man nur in einer Gesellschaft, in der es
Privateigentum und Geld gibt. Sein Interesse ist zwar insofern geprägt,
als er in der Konkurrenz zurecht kommen will, aber die Anerkennung der
Beschränkung – ich möchte doch nur meinen gerechten Anteil – ist da
noch nicht drin. Ein Prolet z. B. muss ja auch nicht so auftreten:
Ich will ja bloß eine proletarische Existenz, der will mehr Lohn. Ein
Milchbauer tritt doch nicht auf als einer, der nur seine Existenz als
Bauer erhalten will, er will mehr Geld für seine Milch.
— Nicht in der
Stellung, die einer zu seinem
Interesse einnimmt, ist der Bezug zur Gesellschaft enthalten, sondern
die Behauptung soll sein, dass der Bezug an dem Interesse selber dran
ist, weil es ein vom Staat gesetztes und definiertes ist. Wenn man als
Milchbauer zurechtkommen will, braucht es einen Markt, wo er seine
Milch verkaufen kann, er muss die andere Seite, den Großabnehmer, der
die Milch kaufen soll, einkalkulieren. In der Form des Interesses ist
man bereits bezogen auf den vom Staat gesetzten Gesamtzusammenhang. Du
denkst Interesse als puren Materialismus ohne jede gesellschaftliche
Prägung und schlägst dich deswegen mit der Frage herum, wie dieser
Materialismus darauf kommt, in der Beschränkung sein Mittel zu sehen
Dieses Votum noch mal mit anderen Worten ausgedrückt: Wenn jemand ein
Interesse geltend macht, sind das lauter Bezugnahmen auf den
gesellschaftlichen Zusammenhang. Es ist nicht damit getan, dass ein
Milchbauer seine Milch ganz toll findet und möchte, dass andere sie
auch trinken, sondern er will sein Produkt verkaufen, das ist sein
Bezug zum gesellschaftlichen Zusammenhang; dieser hat den Charakter des
‚do ut des’ ‑ ich gebe, damit der andere gibt. Diese Formel mal nicht
als Grundfigur des Rechts, sondern auf ihren Inhalt hin betrachtet, hat
man dann das Paradox eines Zusammenhangs vor sich: für andere arbeiten,
aber in der Weise eines Gegensatzes, Ausschluss als Modus des
Füreinander-Arbeitens. Da hat man die Verfremdung, dass man dem anderen
gegenüber eine Beschränkung aufmachen muss, um mit ihm in Verkehr zu
kommen. Das ist das objektive Charakteristikum der bürgerlichen
Gesellschaft und von daher jedem Interesse immanent, nämlich dass
dieser Widerspruch des Tauschhandels – für andere eine Ware
bereitstellen, aber den anderen erst einmal davon ausschließen und den
Preis als Bedingung setzen – die Grundfigur ist, die man auch selber
erfährt.
Dass das kein Erpressungsverhältnis ist, sieht man schon am Recht: da
wird Tauschhandel von Erpressung eindeutig unterschieden. Das
moralische Etikett ‚Erpressung’ einmal weggelassen, merkt man: die
Bedürftigkeit der anderen ist das eigene Mittel und das ist die
Grundfigur, nach der die hiesige Gesellschaft objektiv funktioniert.
— Genau,
die Bedürftigkeit des anderen ist
mein Mittel, das ist doch eine Welt voller Gegensätze, in der jeder
seinen Vorteil sucht. Und wenn einer da sagt, ein fairer Preis soll
sein, dann tut er das, weil er das als einzigen Weg für sein Interesse
sieht, die entscheidende Instanz, das Allgemeinwohl, auf seine Seite zu
bringen und ihr Angebote zu machen, wie das besser mit seinem Interesse
zusammenginge. Er fügt sich dem, weil er mitkriegt, dass es eben so
läuft. Ob man darüber parteilich wird und sagt: so muss es sein, ist
noch die Frage, aber wenn einer sagt, dass er einen fairen Preis will,
dann ist er implizit damit auch für den Preis. Das ist eine positive
Stellung zum Preis. Er hat akzeptiert, dass es hier so zugeht –
akzeptiert heißt nicht positiv, sondern nur, dass man das als seine
Lebensbedingung akzeptiert, weil es nun mal hierzulande so läuft, und
das ist noch keine prinzipielle Akzeptanz der Bedingungen.
— Du sagst, da
sind lauter Interessen ins Recht
gesetzt und wenn man sich die Interessen anschaut, entdeckt man, dass
diese ziemlich gegensätzlich sind und jeder so drauf ist, dass, wenn es
um die Verfolgung seines Interesses geht, er eigentlich keine Schranke
haben mag. Gleichzeitig ist er in einem Gemeinwesen zugange, das alle
Interessen beschränkt. Wie kann er überhaupt für dieses Gemeinwesen
sein? Der Gegensatz, an dem du herumlaborierst, ist: wie kann so einer,
der ein unbeschränktes Interesse hat, für die Beschränkung von
Interessen Partei ergreifen?
— Das kann er,
indem er gegen die Schranken, die
er bemerkt, das Allgemeinwohl anführt, und zwar aus einer anderen
Berechnung heraus als der im GS formulierten, wo der moralische Mensch
den Gegensatz zwischen seinem Interesse und seiner Beschränkung
berechnend auflöst. Ich meine, dass er das Recht nicht prinzipiell als
sein Mittel nimmt, weil das ist es einmal und ein anderes Mal überhaupt
nicht. Es ist beides zugleich und deswegen hat er sowohl eine schlechte
als auch eine gute Meinung davon. Den Gegensatz zwischen seinem
unbeschränkten Interesse und der Wirklichkeit hat er mitgekriegt und
dass er letzterer unterworfen ist, aber wenn er meint, mit einem fairen
Preis bekäme er ein bisschen mehr, dann ist er für den Laden hier. Er
verwandelt sein Interesse in einen Rechtsstandpunkt und wird darüber
zum Parteigänger.
Du stellst das, wo ein Mensch hingelangt ist – er ist Parteigänger der
Sitten dieser Gesellschaft –, immer so hin wie den Grund, weshalb einer
die Relativierung seiner Interessen akzeptiert. Das Faktum des
Parteigänger-Seins mit all seinen Übergängen taugt nicht zur Klärung
der Frage, wie ein Mensch überhaupt moralisch wird – falls man sich
denn überhaupt für diese Frage interessieren will ...
Fragt man sich aber, warum sich einer auf das Ganze einlässt, kommt man
ziemlich schnell drauf, dass dies natürlich keiner aus freien Stücken
macht. Es sind ihm Bedingungen gesetzt, und der Mensch steht vor der
Frage, entweder als einsamer Wolf in einer Gesellschaft zu leben, die
er ziemlich trostlos findet, oder sich klar zu machen, was das für eine
Gesellschaft ist, und sie deswegen zu bekämpfen oder eben den Übergang
zu machen, sich auf sie einzulassen. Im Letzteren steckt immer das
Postulat, dass das im Prinzip Bedingung im positiven Sinn ist, die
natürlich auch gewisse Einschränkungen mit sich bringt; dass es auch
einmal gegen das eigene Interesse ausgeht, ist sozusagen im Kauf mit
drin, wenn man sich auf diese Gesellschaft einlässt. Du tust so, als ob
dies Verhältnis, in dem der Mensch zu seiner Gesellschaft steht, dann
noch auseinander zu dividieren wäre in ein praktisch affirmatives, aber
theoretisch völlig unentschiedenes Verhältnis – diese Trennung gibt es
nicht. Die Figur, die sich laufend neu entscheidet, die sich ‚an jedem
Punkt zu einem bestimmten Ideal hinarbeitet’ – sich also in einer
prinzipiellen Distanz befindet zu der Gesellschaft, in der sie lebt –
gibt es nicht. In dieser Form gibt es die Trennung zwischen praktischem
Sich-Einlassen und theoretischem Ja-Sagen jedenfalls nicht.
Es gibt eine Trennung zwischen dem Sich-Praktisch-Einrichten und dem,
sich dann noch einen ideologischen Reim darauf zu machen und sich sein
Weltbild danach zu stricken. Da muss man sich entscheiden, ob man über
die ideologischen Konsequenzen reden will, die sich daraus drechseln
lassen, oder darüber, was der sachliche Grund dafür ist, dass sich
jemand auf diese Lebenshaltung einlässt, wobei der Fehler schon darin
liegt, denn all das, worauf man sich da einlässt, tut einem nicht
sonderlich gut. Der sachliche Grund ist: der Mensch trifft auf eine
funktionierende Gesellschaft, die er als Angebot wahrnimmt, wenn sie
ihm erlaubt, im Rahmen gewisser Be- und Einschränkungen seine
Interessen zu verfolgen. Deshalb ist es falsch, das Interesse als eines
zu bestimmen – siehe den obigen Beitrag –, das zum gesellschaftlichen
Zusammenhang ausschließlich in einem Verhältnis des Unterworfenseins
steht. Der Mensch macht in der bürgerlichen Welt die Erfahrung mit dem
jetzt ausführlich besprochenen dialektischen Verhältnis und die
Entscheidungsfrage, vor der er dann steht, ist, ob er sich darauf
einlässt oder nicht. Wenn er sich darauf eingelassen hat, ist es eine
Extra-Leistung des Verstandes, den praktischen positiven Umgang mit
diesen Verhältnissen, der ja immer Willens- also Verstandesakte
beinhaltet, von einem Urteil über die Bedingungen, auf die man sich
einlässt, überhaupt erst wieder zu trennen. Denn das praktische
Sich-Einlassen auf die Bedingungen enthält auch ein Urteil über diese.
Damit ist eine Bahn beschritten, wo so Übergänge vorkommen wie eine
Parteinahme für Recht und Ordnung, die sich tendenziell von dem
berechnenden Ausgangspunkt der Sache – das Ganze soll einem nützen –
trennt. Das war jetzt das ganz Elementare eines bürgerlichen
Werdeganges und vielleicht ist es nützlicher, sich über die Kategorien
klar zu werden, in denen sich der geschulte bürgerliche Verstand
herumtreibt, z. B. die Kategorie der Ehre, die offensichtlich
nicht bloß für alte Soldaten, sondern auch für junge Türken in
Kreuzberg eine wichtige Sache ist. Es geht darum, zu klären, welche
Übergänge einer macht, der mitmacht. Die Behauptung war nie, der
Übergang zur Moral sei notwendig – er ist weder notwendig noch
zufällig, sondern es sind alles Akte des falschen Bewusstseins und
diese sollten nicht aus den Resultaten begründet werden, zu denen sich
das bürgerliche Individuum vorgearbeitet hat.
2. Die Agitation zur
Finanzkrise
Was sagt man unseren Adressaten zur Welt bewegenden Finanzkrise?
Sachliche Überlegungen zu deren Gründen wurden von Seiten des GS
bereits einige angeboten. Aber was denken die Leute darüber; gegen
welche Auffassungen muss man argumentieren; mit welcher aufklärerischen
Absicht soll man dieses Thema angehen? Das ist ein Stück angewandte
Moral.
— Die
Menschheit ist betroffen von der sich noch
ausweitenden Geldkrise. Man könnte ihnen sagen: Die Parteinahme für das
von den öffentlichen Medien gepredigte Wiederherstellen des
Finanzsystems sollten sie lieber lassen, sie sollten dieses kritisieren
und nicht wiederherstellen wollen. Die Leute sind davon abhängig, dass
das Geld funktioniert, deshalb sind sie Parteigänger davon. Aber aus
der Betroffenheit muss nicht notwendig Parteinahme folgen, auch
noch für den Auslöser.
— Der Bürger
benennt Schuldige: 'Die Banker
haben mit ihrer Gier das System durcheinander gebracht und die
Politiker haben nicht aufgepasst.' Das ist die Moral. Wenn ich nach
Schuldigen suche, ist unterstellt, sie hätten auch alles richtig machen
können. Da müsste man nachweisen, dass es nicht an einzelnen Schuldigen
liegt, sondern eine Notwendigkeit des Systems ist, dass so was
rauskommt.
Sinn (IFO-Institut) sagt aber auch, das System ist schuld, nicht die
Banker. Man müsste ein Stück eher ansetzen, bei der Frage nach den
Betroffenen. Wo findet die Krise denn statt?
— An dieser
Krise fällt doch auf, dass sie im
Bankensystem und in den Medien stattfindet. Bei der großen Masse
des Volkes, die nicht in der Mehrzahl faule Papiere gekauft hat, ist
eher das Bewusstsein, dass das Geld auf der Sparkasse soweit sicher und
man selbst gar nicht so betroffen ist.
— Mir ist noch
unklar, warum man unbedingt auf
die moralische Stellung der Leute eingehen und ihnen nicht eine
sachliche Erklärung anbieten soll?
Man muss bedenken, dass man Leuten eine Erklärung anbietet, die schon
eine ziemlich feste Deutung im Kopf haben. Da sollte man sich erst
einmal vergegenwärtigen, worauf man da stößt. Klar, sie wissen schon
gleich einen Schuldigen, das ist aber nicht alles an falschem
Bewusstsein.
— Sie sorgen
sich, dass es mit der Wirtschaft
als unser aller Voraussetzung nicht mehr klappt.
Gleichzeitig bekommen sie gesagt, das sei (bloß) der Finanzüberbau, und
die Sorge ist, dass das eben auf den Rest übergreift. Polemisch ans
vorher Gesagte angeknüpft: Vielleicht ist es gar nicht richtig, die
Menschen als Betroffene anzureden.
Seit ca. zwei Dutzend Jahren werden die Menschen schlechter behandelt,
Hartz IV gehört zum normalen Gang des Kapitalismus, die
Ausbeutungsbedingungen zu verschärfen, und ist keine Frucht der
Finanzkrise. Inzwischen ist die Alternative, man fügt sich oder man
fliegt raus, so zur Selbstverständlichkeit geworden, dass im
allgemeinen Bewusstsein durchgesetzt ist: Hauptsache man hat einen
Arbeitsplatz. Wenn es überhaupt zum Thema gemacht worden ist, dass es
den Leuten – mit Job, und ohne natürlich erst recht – tendenziell immer
dreckiger geht, dann ist das – seit Schröder und seiner Agenda
2010 – immer damit gerechtfertigt worden: Keiner ist schuld, das ist
die Globalisierung, die Unternehmen und Politiker tun ihr Bestes, damit
Deutschland sich am Weltmarkt behauptet. Alles, was den Leuten angetan
wird, wird mit solchen Verweisen gerechtfertigt, die Schuldigensuche
wurde abgebügelt.
Bei dieser Krise ist das anders. Da waren von Anfang an die seriösesten
Zeitungen dabei, Schuldige zu benennen, sie ächten einen ganzen
Berufsstand als gierig, redliche Spekulanten werden aus der
Volksgemeinschaft ausgegrenzt. Das ist nur ein Eck dieser
riesigen Agitation. Wann ist je die Betroffenheit von 5 Millionen
Arbeitslosen so ausführlich gewürdigt worden, wie das schwere Schicksal
von Bankern, die sich jetzt ihren Porsche nicht mehr leisten können.
Wann hat man so viel über Arbeitsbedingungen erfahren, wie man jetzt
über Derivate erfährt? Seit die Finanzkrise hier vor einem Vierteljahr
angekommen ist, wird die Menschheit laufend mit Fragen beschäftigt, ob
der Boden endlich erreicht ist, wie es um den Dax steht etc. Wieso
genießt diese Krise dermaßen viel öffentliche Aufmerksamkeit?
— Die
Verschärfung der Ausbeutung soll ja dem
Gemeinwohl was bringen, die Verarmung der Leute ist ein Hebel für den
Reichtum der Nation. Diese Krise hat einen anderen Betroffenen. Das
Geld, der Inbegriff des gesellschaftlichen Reichtums ist da das Opfer.
Da werden die Hüter des Geldes zu Schuldigen, die sich vergangen haben
am Funktionieren der Gesamtwirtschaft. Diese Schädigung ist nicht
produktiv fürs Funktionieren, sondern ist ein GAU des Kapitalismus, der
den Reichtum schlechthin in Frage stellt.
Wer ist da das Personal, wer hat denn das Geld in einer
Klassengesellschaft? Eben das Finanzkapital. Da erfährt man von den
Helden der Realwirtschaft, wie die wirtschaften; man wird jetzt auch
darüber informiert, dass BMW sein halbes Geschäft mit hochspekulativen
Leasinggeschäften seiner hauseigenen Bank macht. Bis runter zum
kleinsten Arbeitgeber sind sie alle Finanzkapitalisten, weshalb würden
sie alle sonst so jammern, dass ihnen ihr weltweit deponiertes Vermögen
flöten geht. Das muss man als Ausgangspunkt im Auge behalten und nicht
normale Menschen gleich als Betroffene anreden, weil es gar nicht die –
seit zig Jahren schwelende – Krise der Massen ist. Es ist die Krise der
'Bourgeoisie'.
— Den Reichtum
der Gesellschaft haben die
kleinen Leute eh nicht, weshalb ihnen diese Krise egal sein kann.
In die Richtung agitiert: Lasst euch nicht von denen in ihre Sorgen
einwickeln.
— Aber es
wird angekündigt, dass nächstes Jahr
erst einmal alle Leiharbeiter entlassen werden, dann die
Stammbelegschaft, sie also negativ herum zum Opfer der Krise gemacht
werden.
Das ist doch erst recht der Beleg: Der Skandal ist nicht, dass es den
Leuten schlecht geht, sondern dass da, wo das Kapital akkumuliert,
etwas schief geht. Diese Lokalisierung der Krise sollte man sich erst
einmal klar machen. Jetzt ist Schuldigensuche angesagt, was ihnen für
die Krise der eigenen Existenz ständig verboten worden ist. Wenn jetzt
die ganze Bevölkerung aufgefordert wird, auf die da oben ordentlich zu
schimpfen, sollte das zu denken geben. Sie sollen ja nicht deshalb
schimpfen, weil sie demnächst auch noch mit ihrem Arbeitsplatz dran
sind. Das ist dann wieder eine leider notwendige Konsequenz einer
anderen Krise, die erleiden andere Figuren in der Gesellschaft.
Das sollte aber nicht die Frage erledigen, welche moralische Qualität
die Einstellung hat, auf die man trifft. Wenn schon Gott und die Welt
damit belämmert wird, sich um diese Krise zu kümmern – zumindest
theoretisch –, wozu werden die Leute mit dieser Agitation aufgefordert?
— Das ist
überhaupt die unkritischste Stellung,
die man einnehmen kann. Da ist kein Einwand fällig, sondern es ist das
fanatische daran Festhalten, dass im Prinzip der Laden in Ordnung sei.
Da sind die Revisionisten auf den Kopf gestellt. Die Krise macht
nicht die Massen klüger, sondern gerade da sind die größten Dummheiten
unterwegs: Die Parteilichkeit für den Kapitalismus, die höchsten
Rechtfertigungen und andererseits das Beschimpfen für nichts anderes
als das Festhalten daran, dass im Prinzip die Klassengesellschaft das
Beste ist, was man in dieser Welt haben kann.
Dabei denkt natürlich keiner 'Klassengesellschaft'. Es ist eine Krise
des Kapitals, die das Finanzkapital sich und dem Staat und am Ende noch
den Leuten einbrockt, und es ist eine Aufforderung an den
Normalmenschen, sich einmal den Kopf dieses Systems zu zerbrechen. Ein
riesiger Schaden ist entstanden, sie sollen aber nicht über ihren
(permanenten) Schaden nachdenken, sondern sich in den GAU des
Kapitalismus einfühlen.
Da wird zwischen der guten Funktion des Kreditgewerbes und den
Gangstern ('Bankstern', Bild) getrennt, es wird von der Öffentlichkeit
richtig gehend ein Keil in die Klassengesellschaft getrieben. Nicht
zwischen Proletariat und Bourgeoisie, sondern zwischen allen redlichen
Menschen, die das gute kapitalistische System darstellen, und welchen,
die dieses wunderbare System in Gefahr bringen. Über die kann man nicht
genug schimpfen. Schuldigensuche ist natürlich immer verkehrt, aber an
der Stelle ist es die Parteinahme für das System, wegen dessen
Gefährdung man nach Schuldigen sucht.
— Heute stand
in der Zeitung: Die bayerische
Landesbank fährt jetzt ihr altes Geschäftsmodell mit weltweiten
Dependancen auf ihren wahren Kern zurück, Kreditagentur für den
Mittelstand zu sein. Man schimpft nicht so sehr auf die Banker selbst,
sondern auf die falsche Geschäftspolitik, die falsche Strategie.
Man kann sich vorstellen, wie viel Mühe ein bankenfreundlicher Agitator
hätte, das Volk für seine Banken zu begeistern. Jetzt, da ihre Krise
soweit eskaliert ist, dass der ganze Laden in Gefahr ist, pleite zu
gehen, wird agitiert für ein anständiges Kreditwesen und dass die
Gangster – v. a. aus Amerika – unsere Sparkassen in Versuchung geführt
haben – das ist doch eine Agitation fürs Finanzkapital, die besser gar
nicht zu haben ist! Was ist die moralische Qualität von dieser Haltung,
sich richtig vereinnahmen zu lassen für die Sorgen, die der
Kapitalismus sich selbst bereitet?
— Das Absurde
ist doch das Wecken der
Anteilnahme an einem gegensätzlichen Interesse.
Ja, aber wofür steht die Botschaft, demnächst seid ihr auch dran? Damit
wird die Stellung: Wir als einiges Volk stehen gegen die Eskapaden des
Finanzsystems, noch zementiert. Als wollte man die Botschaft
rüberbringen: Es ist nicht bloß das Unglück der Finanzler, es betrifft
auch euch, und ist der Zusatz drauf, dass man sich geistig für das
System stark machen soll. Denn mehr als eine Einstellung kann bei der
Agitation nicht rauskommen.
— Dass die
Normalmenschen als Folge der
Schädigung des Finanzinteresses auch betroffen sein werden, reicht, die
Bedeutung des Funktionierens der Finanzwelt für die Realwirtschaft
rauszustellen.
Das unterstreicht die Bedeutung eines Super-GAUs, der sich ganz
innerhalb des Finanzsektors abspielt. Da wäre eigentlich die einzig
redliche Stellung dazu: Dann schaffen wir diesen bescheuerten Laden
doch ab, dann machen wir als Opfer des Systems uns doch nicht noch für
dessen Rettung stark. Aber so wie die Öffentlichkeit agitiert, einen
Keil treibt in die Gesellschaft zwischen denen, denen man die Eskapaden
und das Kaputtmachen in die Schuhe schiebt (und wenn es bloß eine
anonyme Strategie einer Bank ist), und dem großen Rest, bestehend aus
Proleten, Arbeitgebern und Kreditgebern, da wird eine Solidarität
hergestellt, die sich gewaschen hat. Dabei wird laufend das Bedürfnis
nach Erklärungen bedient.
— Das klingt
so als wäre das jetzt eine günstige
Gelegenheit, für den Kapitalismus Werbung zu machen und die unten
für die Sorgen von oben zu agitieren. Aber: 1. gibt es diese Sorgen ja
handfest, 2. seit etlichen Jahren werden die Leute bereits traktiert,
d. h. dass die Probleme von oben nicht schadlos an den Unteren
vorbeigehen.
Es sollte nicht heißen, dass sie hätten die Krise erfunden hätten,
damit sie mal ordentlich agitieren können, und dass diese ihnen selber
gar keine Sorgen machen würde. Das Eindrucksvolle ist doch, mit welcher
brutalen Selbstverständlichkeit diese Krise als Sorge der kleinen Leute
rübergebracht wird. Man muss aufpassen, weil so, wie das hingestellt
wird, es gerade nicht das Eingehen auf deren Sorgen ist, sondern diese
das zusätzliche Mittel sind, sie für die Sorge des Systems um seinen
Bestand und der Nutznießer und der Macher des Gemeinwohls um die
Bedingungen ihrer politischen Ökonomie zu vereinnahmen. Die setzen
ihren Laden in den Sand und dann wird das Volk auf die Art darauf
eingeschworen: 'Wir sagen euch die Sorgen und nennen euch sogar
Gesichtspunkte unter denen unsere Sorgen euch etwas angehen. Weil wir
in der Lage sind, euch auch betroffen zu machen.' Auf diese Logik der
Agitation wollte ich aufmerksam machen. Daraus könnte nie folgen:
Kümmert euch selbst; wir ersetzen den Kredit durch Planwirtschaft.
— Das lebt von
dem unausgesprochenen Argument,
wenn das Geld weg ist, muss der Arbeitsmann verhungern. Er hat es zwar
nicht, muss es sich aber zum Leben dauernd beschaffen.
— Durch
Verweis auf die Schuldigen hat man die
Adressaten genannt, die zuständig sind fürs wieder Richten.
Die ganze Agitation ist nur eine Facette in der Generalansprache, alle
einzuschwören auf die Rettung aus der riesigen Katastrophe. Es soll
betont werden, dass man darauf aufpassen muss, was gerettet werden
soll; und man soll nicht bloß sagen, dass die Leute jetzt auch noch die
Last der Krise zu tragen haben, sondern sie auf das System, unter das
sie subsumiert sind, eingeschworen werden. Eine riesige Werbung für
Kapitalismus und das Finanzkapital gerade unter dem Gesichtspunkt,
dass, weil es jetzt kaputt geht, die Leute gefälligst dafür zu sein
haben. Wer es retten soll, steht damit schon fest. Es sind alles
Grußadressen an den Staat. Wie wird der Mensch angeredet? Das ist ein
wunderbares moralisches Paradox. Für das Retten gibt es eine feste
Adresse. Da kommt die Frage, ob es die Gewerkschaften machen sollen,
gar nicht erst auf. So etwas wie eine Arbeiterbewegung ist da von
vorneherein außen vor, es ist eine Aufforderung an den eh tätigen
Staat, es zu richten. Aber, was ist das für eine Aufforderung an die
Leute? Haargenau das weiterzumachen, was sie bisher immer gemacht
haben, nämlich ihre ganzen Lebensbedingungen den Zuständigen zu
überlassen – arbeiten und wählen gehen. Eine Krise als Aufforderung,
jetzt einmal ganz entschieden das zu machen, was man eh immer macht,
nämlich dem Staat die Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen
anzuvertrauen, und das nicht bloß zu praktizieren, sondern es auch noch
– voller Erleichterung darüber, dass die Merkel sich darum kümmert –
auf ihn abzuladen.
Die SZ vermisst vielleicht eine 'Blut-, Schweiß- und Tränen-'Ansprache
von oben. Wenn ein Krieg anstünde, müssten sie sich melden und aktiv
andere Leute erschießen, aber was sollen sie denn in der Finanzkrise
machen? Sie sollen nichts anderes als was sie sowieso tun machen,
nämlich sich alles, was ihnen serviert wird, gefallen lassen. So ist
jetzt die Volksmoral gefragt, mit sich alles machen zu lassen, was
ansteht, als aktive Einstellung: aktive Passivität.
Es ist kein extra Arrangement, um die Leute ordentlich von oben zu
vereinnahmen. Es erwächst auch nicht wirklich aus der Sorge, für
künftige Massenarbeitslosigkeit Vorsorge zu treffen. Es läuft
andersrum. Man muss die Leute ja nicht von irgendeiner kritischen
Haltung abbringen. So, wie die Öffentlichkeit hier verfährt, merkt man,
dass sie mit nichts anderem beschäftigt ist als damit, die Leute zu
bestätigen.
— Es zeigt
sich ja, wie gut die Demokratie mit
ihrem normalen Prozedere in der Lage ist, das zu verarbeiten. Wenn in
der Zeitung gefragt wird, wer der bessere Krisenmanager ist, Merkel
oder Steinbrück, merkt man die Demokratie als Produktivkraft, mit dem
Thema Krise den normalen Personenkult auf diese Schiene zu lenken.
Wie gesagt, wählen sollen sie, sich gleich überlegen, wer in der
Situation besser aussieht. Das ist das, was mit aktiver Passivität
gemeint war. An ihnen liegt es, sich dafür zu interessieren, wer mit
der Krise des Kapitals besser fertig wird, von der Figur dürfen sie
sich dann ihre Lebensbedingungen diktieren lassen.
Aber arbeiten sollen sie schon auch. Das wirft ein neues Licht auf die
Schuldfrage. Arbeiten ist ja was Aktives. Es wird ihnen zwar schon
angedroht, dass sie wieder vermehrt rausfliegen, aber die anderen
sollen schaffen. Denen wird jetzt schon ankündigt: Euch geht’s
demnächst schlechter – richtet euch danach. Davon hat man die erste
praktische Konsequenz schon in der Tarifrunde gesehen. Der Gewerkschaft
war der Standpunkt: 'Wir retten doch nicht das System der Bourgeoisie',
dermaßen fremd, sie waren im Gegenteil die Protagonisten dessen,
zähneknirschend die geforderten Prozente – die 'endlich mal mehr' sein
sollten – mit 'geht halt nicht' zu streichen.
Wer ist denn schuld daran, dass dieses System so funktioniert? Arbeiter
ohne Bewegung – vielleicht ist das mal eine Idee, die Menschen
anzureden. Wer ist schuld an der Finanzkrise? Die, die sie sich nicht
bloß täglich gefallen lassen, sondern die mit ihrer redlich
abgelieferten Arbeit auch noch alle Instanzen dazu befähigen, sie zu
machen. Da ist der harte Gedanke: Merkt ihr eigentlich, was ihr Zeit
eures Lebens macht? Ihr seid nichts anderes mit eurer arbeitsamen
Passivität als die Figuren, die Ackermanns Job vergolden.
— Auch die
linken Parteien, nicht nur die Linke
hier, auch sonst in Europa, haben sich alle dafür entschieden, den
Laden retten zu wollen. In Frankreich haben sie mit den
haarsträubendsten Argumenten den Leuten erklärt, man müsse im Moment
dafür sein, dass die Banken gerettet werden, weil sie sonst keinen
Konsumentenkredit mehr bekommen. So machen sie sich dafür stark, dass
das Bankenwesen funktioniert.
Das ist das, wozu sie sich am Ende noch bekennen. Sie haben alternative
Rettungsvorschläge. Was haben da die Lafontaines etc. ihren Adressaten
zu sagen? Dass das die Lage ist, in der man auf den Staat setzen soll,
der es wieder richtet. Das ist als größte Selbstverständlichkeit
vorausgesetzt, auch wenn sie sagen, schaut euch die Versager im
Regierungssessel an. Da brauchen sie nicht mal explizit zu sagen, sie
wären die Besseren. Das kommt natürlich auch, bei ihnen würde die Krise
sozial. Die besprochene Parteinahme plus die Selbstverständlichkeit,
dass dafür die Obrigkeit zuständig ist, ist die Zementierung dieser
Haltung: 'Wir tun unser Bestes, aber die Existenzbedingungen werden uns
serviert, da können wir nur schauen, wer am besten dabei aussieht, uns
unsere Lebensbedingungen zu verschlechtern'. Bis hin zu dem Wahnsinn:
‚Wem können wir es als Ehrlichkeit zugute halten, wenn er uns sagt,
dass im Frühjahr 10 % mehr arbeitslos werden.’, als moralisches
Postulat: 'Die haben uns reinen Wein eingeschenkt.'
— Die
Linkspartei macht die Verlängerung ins
Nationale, es soll die Binnennachfrage angekurbelt werden, indem die
Mehrwertsteuer runtergesetzt wird, was gegen die Globalisierung geht.
Wir als Nation, jeder an seinem Posten, meistern die Krise am besten.
So wird es ausgesponnen, aber es ist keine Verlängerung ins Nationale.
Sich überhaupt so aufzubauen und zu sagen: „Wir sind die, die es
deichseln“, ist schon die Einschwörung auf die Herrschaft, die es zu
regeln hat, natürlich eine Nation gegen andere Nationen. Aber das
Entscheidende ist dieses Einschwören auf die für alles zuständige
Adresse.
— Lafontaine
hat die soziale Komponente
überhaupt nicht zum Thema gemacht, sondern nur gesagt: 'Der Betrag, der
jetzt als Rettungsprogramm vorgesehen ist, ist viel zu klein, da muss
man klotzen und nicht kleckern'. Sie trauen den Regierenden nicht zu,
diese wichtige Sache zu managen. Die Kritik ist, dass nicht alles dafür
getan wird, den Kapitalismus zu retten.
Das sind lauter mit sozialen Gesichtspunkten auftrumpfende Facetten
dieser Agitation fürs Retten und damit für die Parteilichkeit für die
zu rettende Sache. Deswegen ist es – theoretisch gesprochen – so
gefährlich, bei der Krise als erstes zu denken, die Krise bestünde in
der Betroffenheit der kleinen Leute. Und deswegen aus der Krise den
Übergang zum Bedürfnis nach Rettung abzuleiten, ist schon die härteste
Art von Parteilichkeit für das System. Die Existenz der Leute ist
sowieso schon – seit es den Kapitalismus gibt – in der Krise. Und wenn
ihnen noch gesagt wird: „Wenn die Krise so weitergeht, haben wir eine
auch euch treffende Rezession“, dann ist es die Fortsetzung dieses
Einschwörens, und nicht, dass die Betroffenheit selber das Krisenhafte
und zu Kritisierende wäre.
— Das
Entwickelte kommt gleich als Wecken der
Parteilichkeit für die Sorgen der Zuständigen vor.
Die Bildzeitung veröffentlicht tausend Anfragen: Wie steht es um unser
Geld, ist es sicher, etc.? Und beantwortet sie mit: Ja, Merkel hat's
versprochen. Das ist nach der Seite Trost, aber nicht so gemeint, dass
die Leute dann sagen sollen: „O.k., geht mich nichts an“, und dass sie
als Rentner noch Geld ausgeben können, ist damit auch nicht
versprochen. Damit geht es doch erst los. Man soll auch an der Stelle
begreifen: Die offene Frage nach den paar Spargroschen und dem, wie man
im Alter über die Runden kommen kann, ist ein Beleg dafür, nicht wie
beschissen, sondern wie wichtig das System ist.
Die proletarischen Opfer des Systems sind auch die Täter, nicht die
Großkopferten, die sie als Manövriermasse brauchen! Dass die alles
mitmachen, ist die Leistung! Dann erst kann man anfangen, das
Finanzkapital zu erklären.
— Sie sehen
sich ja auch nicht als Opfer des
Systems, sondern von Fehlleistungen irgendwelcher Schuldigen.
Auf Eines kommen sie todsicher überhaupt nicht, nämlich darauf, dass
sie – ohne Häme gesagt – die Dienstleister sind, an deren Leistungen
dieser Dreck hängt.
Wenn man sagt: „Du bist schuld, du lässt dich auf deine
Lebensbedingungen ein und exekutierst sie laufend. Die anderen könnten
dir das nicht servieren, wenn du es nicht mitmachen würdest. Zum
Unterdrücken gehören zwei“, dann ist das Du natürlich ein ziemlich
kollektives. Es ist keine moralische Ansprache an den Einzelnen,
sondern die Agitation für eine kommunistische Partei. Wenn man sagt, es
ist ein Fehler, sich alles diktieren zu lassen, dann ist das bloß die
höfliche Ausdrucksweise für das gerade etwas zugespitzt Gesagte.
Das sollte ihnen klar werden, dass die Herrschaft dieses feindlichen
Interesses, für das sie auch noch die Daumen halten sollen, das
Resultat ihrer eigenen abgelieferten Leistung ist.
Von diesem Radikalismus her betrachtet, wird vielleicht auch
deutlicher, was unsere Aufklärung leisten müsste. Stur diesen Gedanken
festgehalten: Man schiebt das mal dem Proletariat in die Schuhe, sowohl
den Überbau, wie dessen Krise, wie dessen Bewältigung. Alles ist
Arbeiten und Wählen gehen.
Was das Moralthema betrifft: Bessere Ergebnisse bringt es, wenn man
versucht zu erklären, worin eigentlich die Überzeugungen der Leute
bestehen, an denen wir uns mit unseren Argumenten immer so abarbeiten.
Worauf trifft man da, was ist die Logik von solchen Einstellungen, die
sich dann – aktiv passiv – die Sachen diktieren lassen und dann noch
Partei dafür nehmen? Wie sich das noch ausbilden lässt in ganze
Weltbilder mit Schuldigen und absurden Vorstellungen wie denen, wenn
man den großen Managern das Gehalt auf 500 000 Euro beschneiden würde,
wäre das eine Vorkehrung gegen ihre Eskapaden. Solche Ideologien werden
dann glatt von Steinbrück in die Tat um ‑ und als Angebot in die Welt
gesetzt – das sind Fortsetzungen dieser Haltung der Menschheit. Man
muss sich klarmachen, mit welcher hermetischen Volksmoral man es zu tun
hat und auf welche Einstellungen im Volk die Agitation von oben
offenbar setzen kann. Wenn eine anständige Arbeiterbewegung unterwegs
wäre, wäre erstens die Agitation und zweitens wahrscheinlich auch die
Sache mit dem Finanzkapital eine andere. Die heute in den Zeitungen
stehenden Frechheiten hätten sie sich in den 70er Jahren nicht getraut,
als das Wort Kapitalismus noch geächtet worden ist und Profit fast ein
Schimpfwort war. Offenbar gehen die Konjunkturen des Finanzkapitals mit
der Blödheit Hand in Hand.
Nächstes Mal vielleicht etwas mehr zur Sache selbst.