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Vorlage zum Termin: Weltlage II – ök.
0. Die verwegenen Antworten auf die Frage, wie es dazu kommen konnte,
sind zu würdigen. Die Dokumente moralischer Ursachenforschung und
Kritik anlässlich der kapitalistischen Katastrophe sind schon ein
Genuss, den wir uns wegen des dräuenden Ungemachs nicht nehmen lassen.
Wenn man aber mit den unverständlichen Finanzprodukten fertig ist, die
Liste der Fehlleistungen und Versager abgearbeitet hat und endlich dem
Motiv der Gier, auch der kriminellen, auf die Spur gekommen ist, steht
die Moral von der Geschicht’ zur Klärung an.
1. Auf die laufen die Ermittlungen der Experten und Aufklärer
zielstrebig hinaus, sorgfältig anmoderiert mit tiefen Gedanken zu Staat
& Markt. Auf der Tagesordnung: Die fällige Betreuung des Patienten
„Finanzsystem“, gleich und sofort und künftig. Auch hier wird an
Ideologien nicht gespart, nur haben sie praktische Bedeutung und
Wirkungen, an denen sich womöglich manche Absicht blamiert:
a) Verabschiedet sind die zu Beginn der Affäre gehegten Hoffnungen, die
gesunde ‚Realwirtschaft’ könne von den Erschütterungen des
Finanzbetriebs verschont bleiben. Es geht darum, das Funktionieren des
Kapitalmarkts wiederherzustellen, damit er seine unverzichtbaren
Dienste für die übrige Wirtschaft wieder aufnimmt bzw. fortsetzt.
Exkurs: Wider die Kurzfassung dieser Dienste als „Kredite vergeben“.
Rationale Fassung des Verhältnisses Finanzsektor zur Realwirtschaft
resp. deren Gesundheitszustandes.
b) Der Hebel zur Genesung der Finanzmärkte: Liquidität, gestiftet vom
Staat in außer-ordentlicher Mission. Die macht sich wenig Probleme
damit, was sich in der Diagnose „Mangel an Liquidität/Vertrauen“
zusammenfasst und zur Behebung ansteht.1
c) Was verlangt da der Staat von den Märkten: Vertrauen auf die Nation
als unanfechtbaren Schuldner, dessen Produkt in der Verfügung der
Banken = für jede Aufgabe/Verwendung taugliches Geld
Zweifel & Verzögerung gefährden das Projekt, dessen spekulativer
Charakter kein Geheimnis.
Exkurs: Über Regie/Eingriff des Staates und Ohnmacht
2. Das Experiment bedarf zu seinem Gelingen internationaler Anerkennung.
- der Zuspruch der weltweiten Bankenszene ist sowieso gefordert und
eingeplant. Bloß: Ist Verlass auf die Überzeugungskraft der
vielfältigen Verwicklungen, die in positiven Geschäften ebenso
bestehen, wie sie sich in der ‚Beteiligung’ an der Krise niederschlagen.
- als Antrag auf Unterstützung, die das Ausland schuldig wäre, ist
diese Notwendigkeit gleich zur Sprache gekommen. Und mit Antworten
beschieden worden, die in einer Kombination von ‚Verursacherprinzip’
und ‚Steuerzahler’ einen Anti-Amerikanismus ansagen, wie man ihn sich
in der Austragung strategischer Differenzen nie getraut hatte. Da sehen
Leute eine Gelegenheit zur Beendigung der amerikanischen
Sonderstellung, die locker mit ‚Wall Street’ und ‚Schulden-Dollar’
benannt wird …
- Dass die Bewältigung der Finanzkrise eine Konkurrenz um Verteilung
des Schadens mit Folgen für Status-Fragen gebietet, ist also auch
beschlossen. Das hilft zwar nichts im Kampf gegen die Inflation, bringt
aber Bewegung in die oberste Etage des Kreditwesens, wo Vertrauen der
Staatsgewalt gilt.
Debatte, zu 1.:
Wenn davon die Rede ist, die „Realwirtschaft“ sei möglicherweise von
der Kreditkrise doch betroffen, ist der Zusammenhang zwischen der nicht
enden wollenden, eskalierenden Finanzkrise und dem Lebensprozess der
Gesellschaft, auch bekannt unter dem Begriff Marktwirtschaft, zu klären.
Banken leihen sich wechselseitig kein Geld mehr, weil sie einander
misstrauen, der Zahlungsverkehr zwischen den Banken kommt zum Erliegen,
Zentralbanken müssen helfend eingreifen, damit das Bankgeschäft
überhaupt weiter geht. Wenn dieses Geschäft nicht bald wieder von
alleine weiter geht, leidet auch die Kreditierung der
„Realwirtschaft“; kleine Handwerker erhalten keinen Kredit mehr; diesen
Zusammenhang gibt es.
Die Sorge, die inzwischen auch in Europa umgeht, ist die um die
Affizierung des Geldes durch die Krise. Ganz schlicht: Womöglich sind
die Konten, die jemand hat, gemeinsam mit der Bank, die sie verwaltet,
einfach nicht mehr da. Der auf das Konto gutgeschriebene Kredit hat
keinen Geldcharakter mehr.
Auch Leute, die sich keiner Spekulation schuldig gemacht haben, müssen
Angst haben um ihre Guthaben, da diese nur Gültigkeit besitzen,
solange das Finanzinstitut dafür gerade stehen kann. Der trostreiche
Hinweis, es könne nichts passieren, da es eine Einlagen-Versicherung
gibt, deutet vielmehr darauf hin, dass diese in Gefahr sind, sonst
müssten sie doch nicht versichert zu werden.
Im normalen Geschäftsverkehr kann eine Bank für die Geldeinlagen, ihre
Eingänge wie ihre Ausgänge locker gerade stehen. Sie regelt das
bankenintern durch Verrechnung, benötigt dafür wenig bis gar kein Geld
der Gesellschaft.
— Wenn man von
einer Bank sein eingelegtes Geld zurück haben will, wird der Bank
gegenüber die Forderung nach Qualität aufgemacht. Der Unterschied
zwischen reellem Geld und einem Anspruch darauf in Form eines
Geldzeichens macht sich geltend.
Der Anspruch darauf hat eine reelle Grundlage, z. B. ein
Monatseinkommen. Mit dem Versprechen, das mit einer Überweisung auf ein
Gehaltskonto erfolgt, hat der Kontoinhaber ein allgemeines Äquivalent
in der Hand, unabhängig davon, wie es aussieht. Dass diese
Verfügungsmacht nur aus Ziffern besteht, macht zunächst gar
nichts. Die Bank steht für die Gültigkeit des Anspruchs ein. Die Banken
verwenden diese Ziffern zudem als Geldkapital.
Was immer an Geld verdient wird und in Form von Guthaben bei den
Finanzinstituten existiert, existiert mindestens doppelt: als
fortdauerndes Eigentum des Gläubigers, der es eingelegt hat, und als
Kredit. Zahlungen der Bank werden durch Verrechnung verschiedener
Zahlungsversprechen erledigt, das Zirkulationsmittel in dinglicher Form
ist dazu (fast) nicht nötig.
Grundlage der jetzt um sich greifenden Sorge ist umgekehrt die
Abhängigkeit vom Gelingen des Geschäfts der Banken, wenn diese den
gesamten Zahlungsverkehr für sich funktionalisieren. Wenn die Banken
ihren Kredit nicht zu einem produktiven machen können, geraten sie in
Gefahr, ihre Garantie, ihre Gutschriften wären allgemeines Äquivalent,
nicht einlösen zu können. Das Untergraben des Zirkulationsmittels ist
die unmittelbarste und brisanteste Form der Affizierung der
„Realwirtschaft“ durch die Finanzkrise.
Diese Affizierung unterstellt, dass die Krise keine der
„Realwirtschaft“ ist. Nicht die industriellen Kapitalisten haben
überakkumuliert, sondern aus dem Innenleben der Finanzwirtschaft treten
derzeit Gründe auf für das Nicht mehr Funktionieren.
Zirkulationsmittel, Sparguthaben eingeschlossen, sind abhängig davon,
dass die Banken gleich noch ganz andere Geschäfte, die sie damit
machen, erfolgreich hinkriegen, um den gesamten gesellschaftlichen
Zirkulationsprozess, den sie garantieren, abwickeln zu können.
In der SZ versteigt sich ein „Fachmann“ zu dem Gedanken, die
Kreditkrise dürfe keinesfalls dem Kapitalismus angelastet werden, der
nach wie vor wunderbar funktioniert. Der Kapitalismus wird mit den
schönen Produkten gerechtfertigt, die er hervorbringt, also allem, was
nicht kapitalistisch ist. Die Trennung des – sonst als Schmiermittel
gelobten – Geldes von seiner kapitalistischen Verwendung, bekommt ein
Wirtschaftsjournalist auch noch hin! Die gleichen Leute, die bis vor
kurzem den Finanzsektor wie selbstverständlich als Wachstumsfaktor
benannten, scheiden wegen Krise die Warenwelt von der Finanzwelt. Das
Geld und sein Geschäft wird für unkapitalistisch erklärt.
— Banken
verleihen Einlagen als Kreditgeschäfte, wie kommen die zurück?
Für das weggegebene Geld muss die Bank ein Zahlungsversprechen
ausstellen, und im Maße – wie man darüber verfügt –, dafür gerade
stehen. Geradestehen eben, indem sie das andern gut bucht, intern eine
Eigentumsübertragung abgewickelt. Das Zirkulationsmittel ist, technisch
gesehen, durch einen Buchungsakt ersetzt. Dieser enthält aber ein
Zahlungsversprechen der Bank, dessen Einlösung dadurch erfolgt, dass
von woanders ein anderes einläuft; das Zahlungsversprechen, das sie
gibt, empfängt sie zugleich. Im großen Stil wickeln das die Banken
täglich untereinander ab, im riesengroßen Kreis- oder Giroverkehr. So
funktioniert die 'bargeldlose Bezahlung'. Im Falle, dass ein Saldo
übrig bleibt, müssen die Banken von Konten, die sie beieinander oder
bei der Bundesbank unterhalten, was abbuchen. Im Normalfall ersetzt die
Bank die Einlagen durch ihr Versprechen, dass es bei Fälligkeit
erledigt wird. Sie verschafft sich damit die Freiheit, alles, was sie
an Einlagen eingesammelt hat, gleichzeitig zu einer Gutschrift für
Schuldner zu verwenden. Die Verfügung des Schuldners über dieses
Guthaben funktioniert nach demselben Muster. Über das Geld ist so
mehrfach verfügt worden. Das wechselseitige gegeneinander Aufrechnen
lebt davon, dass dem, was sie an Kredit vergeben hat, auch mal in
irgendeiner Form wieder ein Rückfluss entspricht. Wenn sie einem
Schuldner ein Konto einräumt und der bucht davon laufend ab, muss die
Bank dafür auch geradestehen. Den eingeräumten Krediten müssen
Rückzahlungen per Saldo irgendwie entsprechen.
Wie schon gesagt, unterstellt ist, dass die Ausbeutung klappt, die
damit finanziert wird (davon handelt das 1. Kapitel des
Finanzartikels). Aber das bezieht sich auf alle Phasen des
Kapitalumschlags, das bezieht sich sogar auf den Konsumentenkredit.
Auch an der Stelle greift ja das Kreditwesen ein, hilft dem
Konsumenten, damit er an etwas kommt, was er nicht zahlen kann; und die
politökonomische Funktion dieser Operation ist im wesentlichen, dass
dadurch auf Kosten des Konsumenten dem Kapital die Versilberung seiner
Ware erleichtert wird. Das gehört in die primitive Ebene der
Warenzirkulation, die – wie man jetzt überall erfährt – ohne
Bankkredit nicht funktioniert.
Die Bank ist immer beides, Gläubiger und Schuldner und wenn ihre
Schuldner, sie als Gläubiger blamieren, wenn sie nichts zurückzahlen,
steht die Bank auch als Schuldner gegenüber ihren Gläubigern schlecht
da. Auch untereinander fungieren die Banken als Gläubiger und
Schuldner. Das ist Basis für das 2. Kapitel über das Finanzgewerbe, die
höheren Etagen, von denen man jetzt immer Ziffern mit unendlich viel
Nullen hört. Im Verhältnis zur auf Kredit bewerkstelligten
Warenzirkulation, ist das interne Finanzwesen, die Geschäfte der Banken
untereinander – ohne Bezug auf eine Ware – vielleicht das Zwanzigfache.
Man erfährt von altgedienten Bankern in Talkshows, dass früher der
Kredit noch funktional für den Welthandel gewesen sei, aber heute
Handelskredite höchstens noch 5 % des Volumens der täglich
rumgeschobenen Gelder ausmachen. Da hat formell gesehen eine
ansehnliche Emanzipation des Kreditgewerbes von seinem Dienst an der
Realwirtschaft stattgefunden; worin besteht diese? Lässt sich das alles
unter dem Titel fassen, dass all diese Finanzinstitute als Emittenten
von Wertpapieren tätig sind? Wertpapier ist da die technische Formel
für das, was bei Marx 'fiktives Kapital' heißt. Was ist das für ein
Ding?
Der Ausgangspunkt ist das Verzinsungsversprechen der jeweiligen
Emittenten. Wertpapiere und ihre Emittenten sind verwandelte Formen von
Schulden und Schuldner. Klar kann man hier sagen, der Käufer ist
Gläubiger dessen, der es verkauft und der es verkauft ist der Schuldner
und muss dafür Zins zahlen. Nur ist es kein Zufall, dass dieses
handelbare Ding, nicht Schuld- sondern Wertpapier heißt und dass der,
der es in die Welt setzt nicht Schuldner, sondern Emittent heißt. Die
Art des Schuldenmachens setzt hier eine gewisse Souveränität voraus,
nämlich dass ein Finanzinstitut ideell allen Geldbesitzern eine
Verzinsung von jedem Geld, das ihm zufließt garantiert. Sein
Verzinsungsversprechen hat den Charaktere einer Ware, die es verkaufen
kann an jeden, der sein Geld in Geldkapital verwandeln will. Der
Emittenten behauptet, er verfüge über die Macht, Geld in Kapital zu
verwandeln und schreibt das Ergebnis dieser Macht – eine Verzinsung –
wie ein feststehendes Faktum ideell auf ein Stück Papier; er habe was,
das mehr ist als Geld, nämlich Geldkapital, ein Wertpapier. Die
Verwertung selbst dieses eingenommenen Geldes steht für den Emittenten
auf einem völlig anderen Blatt. Das geht dann auch den Käufer nichts
an. Der Emittent macht sich selbst haftbar dafür, dass er ein
Verzinsungsversprechen in die Welt setzt. Das ist der Ausgangspunkt.
— Das
Wertvermehrungsversprechen generiert hier überhaupt erst den Wert, der
dem zugrunde liegt. Sie versprechen x % Zinsen und diese Zinsen bezogen
auf eine Summe ergeben dann den Wert, der auf das Wertpapier
geschrieben wird. Technisch gesehen íst es das umgekehrte Verhältnis
zum Leihen von Leuten, denen Zinsen für ihr Sparguthaben versprochen
werden und teurer weiter verliehen werden. Hier ist die Vermehrung der
Ausgangspunkt.
Das ist das Wertpapier in der primitiven Form der Anleihe. Der Wert,
den dieses Wertpapier besitzt, ist eine flexible Größe. Im
Wirtschaftsteil stehen jeden Tag Kurse von Anleihen, weil der tägliche
Vergleich der Verzinsungsversprechen darüber entscheidet, wie viel Wert
dem Verwertungsversprechen entspricht, also das Papier kostet. Wenn ein
Industrieunternehmen eine Anleihe begibt, um eine neue Abteilung zu
finanzieren, dann ist dem Verzinsungsversprechen nicht anzusehen, ob
sich das lohnt. So etwas wird in Aktien – als besondern Wertpapieren –
womöglich daran gekoppelt, aber im Prinzip ist es die Umdrehung des
Leihkapitalprozesses. Anleihe in der ganz allgemeinen Form ist quasi
die Offerte des Emittenten: 'Ich eröffne eine Teilhabe an meinem
Geldvermehrungsprozess in Form eines Verzinsungsversprechens, und das
ist soviel Wert, wie im Vergleich eine verliehene Geldsumme sich
verzinst. Da begibt eine Bank z. B. Anleihen, weil sie gerade dabei
ist, Kredite für ein Großprojekt, z. B. die Gründung eines Unternehmens
zusammenzukratzen, und sichert die Kaufsumme mit Anleihen. Das
ist die Startbasis für den jetzt als irrsinnig bezeichneten Überbau.
Die Bank vergleicht die verschiednen Chancen, aus dem Geld mehr zu
machen, vergleicht so den Kreditbedarf redlicher Kaufleute mit
den Verzinsungsversprechen von ihresgleichen und kommt da nicht selten
auf die Idee, dass größere Summen sich besser verwenden lassen, wenn
eine Bank der anderen ihre Verzinsungsversprechen abkauft. Die
Modalitäten sind egal, wichtig ist hier, dass mit der Institution des
Wertpapiers eine Chance zur Geldanlage geschaffen wird und das Geld,
das eine Bank darüber an sich zieht, ist jetzt in der Zirkulation des
Bankgeschäfts. Da kauft u. U. eine Bank einer anderen oder einer
Versicherung ein neues Wertpapier ab. Die Geschäfte, für die sie eine
Anleihe requiriert, müssen nicht in der Realwirtschaft sein. Im
Gegenteil, die wechselseitig von den Banken offerierten Geschäfte, sind
nicht von lästigen Marktschwankungen, Unglücken, Tarifrunden etc.
berührt. Kein Wunder, dass im internen Geschäftsverkehr, das durch
Wertpapieremission erlöste Geld mit Vorliebe in neue
Wertpapieremissionen fließt. So wächst das Geschäftsvolumen.
— Gesagt
wurde, dass die Abteilung Finanzsektor, in dem die Krise angefangen
hat, von der realen Akkumulation emanzipiert ist. Weder ist sie durch
die Mittel beschränkt, die die reale Akkumulation erst verdienen muss,
noch durch die Verfügungsstellung von Leihkapital, weil das Geschäfte
sind, die die Banken mit Vorliebe untereinander machen. Aber jetzt wird
man damit vertraut gemacht: Sobald dieser abgehobene Überbau in die
Krise gerät, gefährdet er den Reichtum der Gesellschaft. Da gilt die
Emanzipation nicht. Sie gehen aber erst mal von einer Trennung der
Sphären aus.
— Wenn alle
Zahlungen über die Bank laufen, sie alles Geld einsammelt und für etwas
anderes verwendet, dann hängt vom Geschäftserfolg der Bank auch alles
Handeln der Gesellschaft ab. Egal aus welchen abgehobenen Geschäften
der besteht.
Der Zusammenhang ist, dass dasselbe Geld, das irgendwer bei ihnen
abgeliefert hat, ganze Türme von Kredit finanziert und für die
Errichtung solcher – immer aufeinander bezogener – Wertpapiere
hergenommen wird. Die Schaffung von fiktivem Kapital als
Wertpapieremission ist die Aufforderung, sich am versprochenen
Wachstum von Kreditinstituten zu beteiligen. Dass da natürlich – wie
bei jeder Spekulation – sofort die Frage nach der Sicherheit
auftaucht, ist klar. Dafür gibt es die Kreditversicherungen. Jede
Versicherung ist ihrerseits wieder ein spekulatives Papier, weil der,
der einen Versicherungsnehmer versichert, spekuliert ja darauf, dass
die Versicherung nicht in Anspruch genommen wird, oder er jedenfalls an
dem Geschäft verdient. Die Suche nach Sicherheit ist die Basis für die
nächste Stufe der Spekulation. So baut sich die ganze Kette von
aufeinander bezogenen Wertpapieren auf, bei der jetzt der Ruin eines
Wertpapiers, den des nächsten nach sich zieht.
— Woher kommt
aus dieser Pyramide – Wertpapiere werden verkauft, um neue zu kaufen
und jedes Mal gibt es ein Zinsversprechen – überhaupt der Zins? In der
ganzen Kette ist doch kein reales Geschäft?
Aber es steht ein Bankgeschäft dazwischen. In dem Maße, wie einer Bank
ihre Verzinsungsversprechen abgekauft werden, verfügt sie über Geld,
mit dem sie sich in die Spekulation auf Wertzuwachs, den andere
versprechen, einmischt. Das lebt alles von der Bewegung der
Spekulation. Wenn Misstrauen dann dieses Geschäft zum Erliegen bringt
und sogar zur Entwertung dieser schönen Papiere führt, dann ist das
eine Aussage darüber, was die Substanz der jetzt kaputtgegangenen Werte
war.
— Da kann doch
nur das Vertrauen in das beständige Wachstum das Gelingen gewesen sein,
sonst könnte das Misstrauen es nicht kaputtmachen.
— Es gibt doch
den Unterschied, ob sie sich an einem in der Realwirtschaft
erwirtschafteten Profit beteiligen oder ob sie sich wechselseitig
Papiere abkaufen, auf denen die Behauptung steht, die Banken könnten
auch so was.
Sobald man den Übergang macht, nicht mehr ans Kreditieren der sog.
Realwirtschaft zu denken, sondern an das Emittieren von Wertpapieren,
ist man in einer anderen Welt. Es geht dabei nicht nur um Banken,
sondern um das ganze Finanzgewerbe, das sich vervielfältigt hat in
Investmentbanken, Versicherungen, Hedgefonds etc. Wertpapiere
emittieren ist nicht nur das Privileg von Banken, das machen auch
Aktiengesellschaften. Sie verschaffen sich Geld, indem sie mit der
Souveränität eines Wertpapieremittenten an der Börse oder am Markt der
Geldbesitzer das Versprechen in die Welt setzen: Wer mir Geld gibt,
bekommt einen Schein mit Zusage auf Erfolgspartizipation.
Der entscheidende Übergang ist, diese Art Anleihen – oder Aktien, als
nicht zurückzahlbare Anleihen – in die Welt zu setzen, das Umdrehen des
Kreditverhältnisses in das Schaffen von Geldkapital. Die Geldbesitzer,
die das kaufen, sind in erster Linie Rentenfonds, Geldsammelstellen
selbst. Die kaufen das oder werden selbst zu Emittenten, und holen sich
das Geld, das sie anderen in Form von Wertpapieren geliehen haben,
wieder. Da muss man nicht verfolgen, welchen Weg die Ziffern durch den
ganzen Überbau nehmen, sondern sich mal klarmachen, dass das Emittieren
und Verkaufen von Wertpapieren, der Handel mit fiktiven Kapital, der
Mechanismus der Expansion dieses Sektors ist. Der funktioniert solange
wie der Markt funktioniert, wie es Geldbesitzer aller Art gibt, die auf
den Fortgang dieser Art des Geldverdienens setzen. Dabei gibt es immer
mal kleinere Einbrüche, dass mal ein Fonds schließen muss, weil seine
Wertpapiere bei einem zahlungsunfähigen Schuldner gelandet sind, aber
dieses Risiko gehört noch zur Normalität dieses Geschäfts.
— Der
Unterschied ist doch der: Solange die Banken die Realwirtschaft mit
ihren Krediten bedienen, hängt der Rückfluss dieser Kredite ab vom
Gelingen der Ausbeutung, dass sie sich ihren Anteil an der Verwertung
sichern. Im andern Fall wenn sich die Banken mit ihren Wertpapieren
wechselseitig kreditieren, hängt der Erfolg von der Spirale, wie sie
sich das wechselseitig glauben, ab. So kommt die Blase zustande.
Der Begriff 'Blase' stellt sich immer als Etikett dann ein, wenn der
Punkt erreicht ist, bei dem das Vertrauen – dass es wunderbar so
weitergeht – in die Vorsicht umschlägt. Es braucht nur das Gerücht, das
eine oder andere Wertpapier halte nicht, was es verspricht, schon ist
eine ganze Abteilung von diesem Geschäfts kaputt.
— Es ist aber
nicht so, dass nur in der einen Abteilung, das Vertrauen so wichtig
ist, weil's da nur um Spekulieren geht, in der anderen Sphäre geht es
so lange gut, wie die Ausbeutung klappt. Auch die Abteilung
'Realwirtschaft' spekuliert darauf, dass die Ausbeutung klappt. Auch
wenn es in dieser Abteilung kracht, dann deswegen, weil es das
Misstrauen in das künftige Geschäft von Seiten der Bank gibt. Also das
ist auch nicht das Verlässliche und die Unsicherheit kommt erst mit dem
Aufgesetzten.
Ja, kein Bankeinleger fragt doch, ob die Bank mit Kapitalisten
erfolgreiche Kreditgeschäfte am Laufen hat. Sondern es ist das
Vertrauen in die Bank, dass sie Zuflüsse hat, Wachstum verzeichnen
kann, genügend Einlagen hat, also jederzeit zahlungsfähig und damit
glaubwürdig ist. Vom Standpunkt der Bank aus stellt sich das anders
dar. Eben wie viel Ein- und Auslagen, Schulden und hereinkommende
Posten sie hat. Solange sie Einlagen hat – jetzt stellt sich ja raus,
aus noch ganz anderen Sphären und Quellen – läuft das Geschäft. Auch da
ist ein Stück Spekulation drin und ob, wann und wie sie sich blamiert,
hängt nicht daran, dass dieses oder jene reale Geschäft mit dem Kredit
nicht mehr läuft. Vom Standpunkt der Bank aus sind die Sphären gar
nicht so verschieden. Die Trennung im Sinne von, das eine sind
handfeste, gute Geschäfte, gibt es erst dann, wenn das Misstrauen schon
in der Welt ist. Dann wird wieder gefragt: Haben wir ordentliche,
dauerhaft hereinkommende Einlagen? Aber vorher gibt es nur den
Standpunkt, wo sich welches Geschäft mehr lohnt: Kreditiere ich ein
Unternehmen, gebe ich selbst Anleihen aus, kaufe, verkaufe ich Aktien –
das ist alles eine Frage des spekulativen Vergleichs. Insofern ist das
normale Kreditvergeben an irgendwelche Unternehmen selbst ein Stück
vergleichende Spekulation.
— Die
Emanzipation des Finanzwesens bedeutet doch, dass es nicht auf die
Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft angewiesen, ist in seinem
spekulativen Geschäft.
Es speist ja dieses Geld immer neu in seine Geschäfte ein, das
verschwindet nicht daraus. Klar, in allen Abteilungen wird spekuliert,
aber der Unterschied ist, dass hier fiktives Kapital der Gegenstand der
Spekulation ist. Und das heißt nicht einfach negativ: keine Ausbeutung.
Die kann sogar mit gemeint sein. Nur in der Art und Weise, wie das
passiert – da ist das als Wertpapier verdinglichte Versprechen, der
Ausgangspunkt und wird zur Ware. Wir hatten auch schon bei der Basis
des Kreditsystems den Ausdruck: Da wird das Geld als Kapital zur Ware.
Hier wird das in der Weise wahr gemacht, dass die spekulative
Sicherheit: Unser Geschäft geht seinen Gang, hier wird laufend Geld
verdient, zum Ausgangspunkt dafür wird, Geld an sich zu ziehen, mit dem
dann diese Sorte Geschäft finanziert wird.
Die Subjekte dieses Geschäfts, die dieses fiktive Kapital in die Welt
setzen, sind selber die Akteure des Ver- wie Misstrauens in diese
Papiere. Das Misstrauen geht ebenso wenig wie das Vertrauen von den
ausgebeuteten Arbeitern aus. Aber auch nicht von den kleinen
Geldanlegern, die ein Sparkonto unterhalten, sondern diese ewige
Überprüfung der Wertpapiere und der Solidität des Emittenten, ist das
Metier des Bankers. Das kann man dann arbeitsteilig wieder in
Ratingagenturen verselbstständigen. Da gibt es Ratingagenturen, für die
zu versichernden Kredite und für die Kreditversicherungen, die
ihrerseits wieder vom Kredit leben und Aktien ausgeben. Wie dieser
Zirkus funktioniert, bekommt man jetzt in der Form des Zusammenbruchs
empirisch vorgeführt. Von welcher Ecke das ausgeht, ist ziemlich
zufällig. Nicht zufällig ist nur das Eine: Bei der jetzigen Krise ist
es nicht mehr nur ein Bankrott, der bei diesem Sektor zum normalen
Geschäft gehört, bei dem mal ein Sektor von Wertpapieren und ein paar
Emittenten aus dem Verkehr gezogen werden.
Noch was zu dem: Da werden Vermögenswerte akkumuliert und annulliert –
der Witz ist ja, all den Ziffern, die da aufgeschrieben werden, ist
kein Unterschied anzusehen zu dem Gehalt, das ein Bäcker für seine
Brötchen bekommt. Das ist alles Verfügungsmacht über gesellschaftlichen
Reichtum. Nur zirkuliert dieser Reichtum in einer Sphäre, in der die
Leute sich blöd vorkämen, wenn sie – abgesehen vom Kauf von Ferraris
und anderem Luxuskram – etwas anderes kaufen würden als neue
Wertpapiere. Die Zweckbestimmung dieser Werte liegt nicht darin, den
gegenständlichen Reichtum, die Warenwelt, zu vergrößern, sondern allein
darin, in neue Anlagen zu fließen, eben mehr zu werden.
— Es sollte
aber nicht gesagt sein, dass da nur ‚Luftnummern’ geschaffen werden, wo
sich die eine auf die andere draufsetzt. Dass es welche sind, stellt
sich heraus, wenn das Misstrauen in der Welt ist, aber vorher
zirkulieren sie durchaus als diese Vermögenswerte.
Dass Wertpapiere keine Luftnummern sind, merkt man daran, dass sie
ihren Charakter als Kapital verlieren, sonst wäre es egal, ob sie
steigen oder fallen. Sie haben Kapitalqualität, die sich in der Summe
ausdrückt, die sie erlösen und sie fallieren, weil ihnen nicht mehr
geglaubt wird, dass sie G’ garantieren und damit ist der Wert selber –
das war ja sicher der Gedanke bei ‚Luftnummer’ – weg. Sobald es
aufhört, als Geldkapital zu fungieren, erweist es sich als nichtig,
also anders als beim Geld als Zirkulationsmittel, das sich mit Ware
austauscht und dann weg ist. Solange das Zinsversprechen geglaubt wird,
tut das Wertpapier seinen Dienst als Geldkapital, egal, ob es ein- oder
mehrmals seinen Besitzer wechselt oder als Aktie in der Schublade
liegt. Für die Bestimmung der Ebene der Kreditspekulation ist wichtig,
dass da fiktives Kapital Wert generiert, der seinerseits das fiktive
Kapital wieder realisiert. Das muss realisiert werden und dann ist die
Masse da, mit der die nächsten Stufen dieses ganzen Zirkus
vorangetrieben werden. Das macht derselbe Sektor, der gleichzeitig
neben dieser Aufblähung seines Kreditwesens immerzu der ganzen
Gesellschaft die Abwicklung ihrer Zirkulation garantiert und zwar
haargenau mit dem Geld, das inzwischen zur Basis für diesen ganzen
Überbau geworden ist. Die Akteure stehen also nach beiden Seiten hin in
der Pflicht: Sie garantieren, und zwar hauptsächlich sich gegenseitig,
das Funktionieren ihres Kreditüberbaus und gleichzeitig garantieren sie
der ganzen Gesellschaft die Tauglichkeit des Geldes als Kauf- und
Zirkulationsmittel für den gesellschaftlichen Lebensprozess, wie man
ihn kennt und täglich abwickelt.
Die Vereinnahmung allen verdienten Geldes durch die Banken für
ihr Kreditgeschäft hat die schöne Kehrseite, dass es insgesamt und bei
jeder einzelnen Bank dann auch davon abhängt, ob es klappt.
Derzeit kann man so gut beobachten, dass das ganze Vermögen, die
Riesensummen, die die Banken generiert haben, im Wesentlichen in
Wertpapieren von ihresgleichen bestehen. Wenn eine Bank ihre
Wertpapiere nicht mehr los wird und die Rückflüsse nicht mehr
ordentlich einlaufen – und das ist zur Zeit ziemlich verallgemeinert
der Fall –, ist sie nach wie vor zahlungspflichtig und muss zugeben,
dass sie für die Summen, für die sie haftet, nicht mehr gerade stehen
kann. Was spätestens seit dem 700 Mrd.-Projekt von Bush offenkundig
ist, ist die Nichtbegrenzbarkeit dieser Kreditkrise auf nur einen
Sektor. Das Gerücht wird zwar immer noch aufrecht erhalten, es sei
letztlich eine Hypothekenkrise, aber das war es schon vor einem Jahr
nicht mehr – oder wenn, dann ist eine Hypothekenkrise etwas anderes als
dass ein paar Hypothekenschuldner nicht mehr zahlen können, weil das
immer noch heißen würde, die Banken versuchen, deren Eigenheim zu
versteigern und schauen dann, wie viel Verluste übrig bleiben. Das war
aber nie das Kriterium dieser Krise, sondern da ist Stück um Stück der
Rückschluss erfolgt von ein paar zahlungsunfähigen Hypothekenschuldnern
auf die Qualität der Wertpapiere, die die Banken mit ihren ganzen
Nebenkonstruktionen auf Basis und mit Verweis auf dieses
Hypothekengeschäft, aber mit sich als haftender Partei, in die Welt
gesetzt haben.
Dass der sachliche Zusammenhang zwischen den Banken darin besteht,
wechselseitig für die Vermehrung des Reichtums da zu sein, kann man
schön an dem ‚Skandal’ um die diversen Landesbanken sehen, wo erstaunt
festgestellt wurde, dass die Milliarden verzockt haben, statt solide
zum Wohle des Mittelstands und dessen Kreditierung – wo also immer
ordentlich was zurückfließt – zu spekulieren. Jetzt kam heraus, dass
den Banken diese Art von Geschäft natürlich überhaupt nicht genügt hat,
dass sie, wie jede Bank, Finanzgeschäfte machen wollten und durch den
Kauf von Papieren involviert sind in die Spekulation, von der es
geheißen hat, dass sie nur bestimmte Investment- und Hypothekenbanken
betreiben.
Wenn heute als Handicap einer Investmentbank – also einer Bank ohne
Privatanleger und Publikumsverkehr – besprochen wird, dass sie
ausschließlich in Finanzgeschäfte der höheren Art involviert war und
dass ihr deshalb die Privatanleger fehlen, dann ist das eine Auskunft,
wofür dieses sogenannte ‚sichere’ Geld da ist, nämlich als Basis für
die Spekulation, die darüber ‚solider’ gemacht werden soll. Dabei ist
ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass der amerikanische Staat nach
dem Börsencrash von 1929 eine Trennung von Publikums- und
Investmentbanken verfügt hat, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass
in Krisenzeiten die ‚höheren’ Finanzgeschäfte die kleinen Privatanleger
mit hineinreißen. In der jetzigen Krise ist das Zusammenlegen dieser
beiden Banksorten der Stein der Weisen – wegen der sicheren Basis für
die Investmentbanken ...
Zur Abwicklung der Krise. Dem massiven Eingreifen der Staaten liegt
folgende Befürchtung zugrunde: Die Entwertung des einen Wertpapiers
zieht die Entwertung anderer Wertpapiere nach sich, nämlich darüber,
dass sie das Vermögen von Gläubigern schmälert. Wenn Banken in ihrer
Eigenschaft als Wertpapierbesitzer und Gläubiger entwertet sind, dann
sind auch ihre eigenen Schulden nicht mehr so viel wert wie gestern,
dann werden die unsicher, dann verfügt die Bank ja nicht mehr über das
Geschäft, auf das sie ihre eigenen Wertpapieremissionen gegründet hat;
also immer über die Begutachtung des Emittenten verallgemeinert sich
die Entwertung. Wenn eine ganze Sorte Wertpapier nur noch die Hälfte
wert ist und alle Banken müssen das zugeben, dann sind sie selber bloß
noch die Hälfte wert und dann sind ihre eigenen Wertpapiere, als erstes
ihre Aktien, auch bloß noch die Hälfte wert und wenn dann an der
Aktienbörse festgestellt wird, dass die Bankaktien heute nur noch die
Hälfte von gestern wert sind, dann sind alle, die Bankaktien gehortet
haben, schon wieder nur noch die Hälfte wert – im wesentlichen sind das
wieder die Banken oder Fonds, auf deren Solidität man furchtbar viel an
Wertpapieremissionen gegründet hat. Was derzeit passiert, ist ein
Prozess der Verallgemeinerung des Entwertungsgeschehens. Man könnte
sich vom obigen Luftnummer-Gedanken her auf den Standpunkt stellen,
dass der Offenbarungseid fällig ist, dass alles, was sich da entwertet,
gar keinen Wert hat. Das wäre mal eine solide Aussage, nur was ist die
Befürchtung, wenn es dazu käme? Wenn der fiktive Charakter dieses
Kapitals sich als drastische Entwertung geltend macht, dann wäre nicht
nur die Kreditvergabe an den Mittelstand gefährdet, sondern dann sind
alle in der Gesellschaft ihr Geldvermögen los – es sei denn, man hat
das Glück, sein Konto bei einer Bank zu haben, die überlebt, bloß – und
das ist die Befürchtung – wenn man den crash so weiter laufen lässt,
überlebt den keine Bank. Klar wird sich wieder einer finden, der eine
neue Bank gründet, also der Kapitalismus wird daran nicht zugrunde
gehen, aber mit der Bankenwelt verschwindet alles an aktuellen und fürs
Alter aufgesparten Zirkulationsmitteln, das die Banken verwalten; der
reale Reichtum bleibt dann auch liegen, denn die Waren werden ja nicht
automatisch verschenkt.
Die staatliche Sorge und der Grund für die Intervention ist also nicht
der Verfall des Geldwerts o.ä., sondern über den Zusammenbruch der
Banken die Enteignung aller, die in dieser Gesellschaft, ob sie wollen
oder nicht, gegenüber dem Bankensektor in der blöden Rolle des
Gläubigers sind, weil sie ihr Geld dort als Guthaben deponiert haben.
Dass das nicht nur eine Enteignung in Amerika bedeuten würde, sondern
nebenher auch in Europa, weil sich die Landesbanken dort engagiert
haben, geht die Amerikaner nichts an, aber die denken umgedreht die
ganze Welt als eine Sphäre, aus der die Entwertung, die in den USA
stattfindet, dann wieder zu ihnen zurückkommt. Schließlich sind die
amerikanischen Institute Gläubiger der ganzen Welt, haben sogar von
Russland Wertpapiere aufgekauft, wären also von der Verallgemeinerung
der Krise über den ganzen Globus betroffen. Also gehen sie „aggressiv“
auf ihre EU- und sonstigen Kollegen weltweit zu und fordern sie auf,
ihren Bankensektor zu retten. Wie geht das?
— Die US-Regierung hat
gemerkt, dass (über Leerverkäufe) auf das Fallen der Kurse spekuliert
wurde und den Schluss daraus gezogen, dass dann eben diese Spekulation
– zumindest bis Jahresende – verboten werden muss.
Da merkt man, wie viel von dem laufenden Geschäft sich regelrecht einer
staatlichen Lizenz erfreut – vielleicht nicht explizit lizenziert, aber
implizit; offensichtlich haben sie sich nichts darüber vorgemacht, was
damit alles genehmigt ist.
Bei der derzeitigen Diskussion in der Öffentlichkeit über die Rettung
des Bankensektors kommt die trostlose Figur des Steuerzahlers zu großen
ideologischen Ehren – dem könne man es nämlich nicht zumuten, das
schöne Geld zu retten, das die Banken verzockt haben, wobei ‚verzocken’
ziemlich daneben ist, weil die Bänker gemacht haben, was ihr Job ist:
Wertpapiere zu emittieren und zu kaufen, kritisch zu begutachten und
irgendwann zu befinden, dass sie nichts mehr taugen. Die Kritiker des
700 Mrd.- Projekts von Bush möchten, dass die Funktion des Kreditwesens
in Sachen Verwaltung des Volksvermögens gerettet werden soll, ohne die
fehlgeschlagene Spekulation zu vergüten. Der Staat steht also vor der
Frage, Papiere, die nach dem Urteil der Spekulanten selber nichts wert
sind, aufzukaufen und den Spekulanten ihr Vermögen zu ersetzen.
Dass es doch einen anderen Weg geben müsse, die Wirkungen der
Finanzkrise aufs Publikum zu verhindern, ohne dass man den Finanzsektor
insgesamt versucht zu sanieren, ist im heutigen Kapitalismus eine
lächerliche Rechnung. Und darauf zielt die jetzige Intervention auch
nicht. Sie ist schon darauf berechnet, den Finanzsektor nach dessen
Maßstäben zu retten, also nach Maßstäben, bei denen überhaupt kein
Unterschied existiert zwischen dem Geschäft mit Wertpapieren und der
Abwicklung des gesellschaftlichen Zahlungsverkehrs. Wenn der Staat eine
ganze Abteilung Wertpapiere kaufen will und so den Banken mindestens
einen Teil des wertlos gewordenen Vermögens durch Staatsknete ersetzt,
dann zielt das darauf, die Emittenten wieder geschäftsfähig zu machen
oder zu halten. Dadurch soll eine ausufernde Entwertung verhindert und
so das übrige fiktive Kapital, das auch schon angegriffen ist, aber
noch nicht so wertlos geworden wie die erste Sorte dieser Papiere,
gerettet werden. Da wird richtig die Systemfrage aufgemacht und in der
Weise beantwortet, dass das System als Kreditsystem weiter den
nationalen Kapitalismus mit seinen Zirkulationsnotwendigkeiten aufrecht
erhalten soll.
Daran heftet sich natürlich die Frage des Gelingens, schon gleich in
der Form: ob es wohl reicht? Die ganze Dramatik – das Projekt muss bis
Montag früh verabschiedet sein, sonst keine Garantie für nix – ist ein
Indiz dafür, dass niemand ein wirkliches Rezept für die Beendigung der
Entwertung kennt, außer durch Aufkauf dann doch wieder nur eines
Sektors von Papieren die Generalkrise doch noch zu stoppen.
— Der Staat probiert
doch verschiedene Maßnahmen durch, er definiert die Tatsache, dass sich
die Banken kein Geld mehr leihen, als Liquiditätsproblem und gibt ihnen
billiges Geld, was aber die Verallgemeinerung der Krise nicht beendet
hat, im Gegenteil. Dann gab es die Überlegungen, bestimmte Banken unter
Staatsverwaltung zu stellen oder Papiere aufzukaufen und jeder Versuch
war der Ausgangspunkt für den nächsten.
Nach dem Motto: Versuch und Irrtum. Die Versuche haben aber eine Logik,
nämlich das Entwertungsgeschehen zu begrenzen, zu lokalisieren,
diejenigen ausfindig zu machen, von denen das ganze Ungemach ausgehen
soll und so das Vertrauen, dass jetzt die Geschäfte wieder weitergehen
können, zu generieren. Dass also mit der Liquidität, die der Staat
durch den Aufkauf stiftet – und nicht nur mal über Nacht leiht, sondern
er macht sich zum Garanten –, das Geschäft endlich wieder losgehen
soll. Die Geldmittel, die er stiftet, sind zwar qualitätsmäßig über
jeden Zweifel erhaben, trotzdem hat er es nicht in der Hand, ob er
damit genug Vertrauen gestiftet hat, ob die Emittenten, die dieses Geld
jetzt haben, damit saniert sind, ob sie ihr normales Geschäft wieder
aufnehmen oder ob die Entwertung ihrer sonstigen Guthaben, Wertpapiere
und von ihnen selbst – sie existieren ja immer doppelt: als Institut
und in Form von Wertpapieren, die auf ihren Erfolg lauten – weitergeht.
Was andersrum nicht heißen soll: es kann gar nicht gelingen.
Der Staat bekommt jetzt laufend damit zu tun, dass die Emittenten nicht
mehr vertrauenswürdig sind. Das hat er als kurzfristigen
Liquiditätsmangel behandelt – die Zentralbanken verleihen das Geld für
eine Woche und ziehen es dann wieder ab –, diese Definition der
Krisenlage war offensichtlich falsch. Der nächste Versuch zur
Lokalisierung der Krise war, Staatsgarantien für bestimmte Institute zu
geben oder für eine Übernahme durch potentere zu sorgen. Auch das ist
für zu beschränkt befunden worden. Das Neueste ist die Stiftung dieses
staatlichen Riesenfonds, wobei an den Papieren wegen des Vertrauens der
Emittenten ein Unterschied gemacht wird zwischen guten und schlechten
Papieren, für die schlechten werden Staatsgarantien gestiftet, sie
werden in Wert gehalten oder durch Liquidität ersetzt, weil sie selber
nicht mehr liquidierbar sind. Der Staat behandelt – auch wegen
Vertrauensstiftung – die Entschränkung des Garantie- und
Liquiditätsstiftungswesens immer noch als normalen haushaltsmäßigen
Eingriff.
— Im Zuge der Krise
wurden doch die Verfahren, die die Banken angewendet haben, z. B.
das Bündeln guter und schlechter Kredite, in Zweifel gezogen. Jetzt
soll sich aber an denen nichts ändern, sondern sie sollen dasselbe
machen wie früher auch.
Das ist das Lustige bei den derzeitigen Kommentaren: Kaum haben sie das
Verfahren schlecht gemacht, kommt keiner der Experten umhin, zu sagen,
dass es aber auch sein Gutes hat. Kaum hat sich die Theorie ‚Risiken
streuen, macht sie harmlos’ blamiert, sagen sie: Es ist zwar schlecht,
wenn über das Risiko streuen sich dieses verallgemeinert, aber immerhin
wird es darüber verteilt, ist also nicht mehr so groß. Sie machen den
Akteuren dieses Gewerbes ein Angebot, das sich nach deren Kriterien
richtet, weil ihnen kein anderes Rezept einfällt, entsprechend fallen
dann die Vorschläge aus, z. B. die Techniken der Geldvermehrung
besser zu überwachen und abzusichern.
Diese Art, sich in das Krisengeschehen einzumischen, wie prekär, wie
spekulativ, vielleicht sogar kontraproduktiv sie sein mag, ist die eine
Sache, die andere ist die Tauglichkeit des Geldes. Das betrifft den
Punkt: Mit dieser Art, Kredit in die Welt zu setzen, Geld zu schöpfen,
an den Bankensektor auszuschütten, wobei die Grundlage dieses Geldes in
anerkanntermaßen wertlosen Papieren besteht, setzt ein Staat durchaus
auch die Anerkennung seiner Währung vielleicht noch nicht aufs Spiel,
aber jedenfalls ein. Dieser staatliche Einsatz bedeutet eine
Verallgemeinerung des Entwertungsgeschehens nach der Seite hin, dass
jetzt das Mittel, mit dem er die Krise zu bewältigen sucht, selber auf
die Probe gestellt wird, um es mal ganz höflich zu sagen; er setzt
seine Macht aufs Spiel gegenüber den Spekulanten, an deren Freiheit er
ja nur marginal ein bisschen herumschnitzen will. Das ist die Probe
aufs Exempel, ob die Spekulanten ihrem amerikanischen Staat vertrauen –
die Tendenz scheint zu sein: eher nicht so ganz richtig...
2. Zwei methodische
Bemerkungen zur Moral (voraussichtlich nächster Termin)
Es sind zwei verschiedene Sachen, die Logik einer Denkweise zu erklären
– auch Fehler haben eine eigene Folgerichtigkeit –, darum bemüht sich
im Anschluss an Hegel der Moral-Artikel (GG 1/95). Gewissermaßen als
Logik dieser Denkweise, kommt da die Moral nach dem Recht. Das ist
etwas anderes als sich klarzumachen, wie Menschen darauf kommen, sich
dieses falsche Denken überhaupt einleuchten zu lassen und zur
Gewohnheit zu machen. Da geht es um Dinge wie Erziehung oder den
subjektiven Geist und seinen Werdegang. Um sich über die Art der
Entstehung moralischer Gedanken klar zu werden, gibt es einen ziemlich
einfachen Weg, nämlich, man befragt sich selbst. Es ist nicht gut, sich
immer nach dem Motto: Warum ticken die anderen so verkehrt?, Gedanken
zu machen, wenn man doch laufend bei sich selber zumindest die
Versuchung zu dieser Sorte Fehler verspürt. Da kann man das Verhältnis
zwischen Berechnung, Heuchelei und Dementi der Heuchelei am schönsten
rekonstruieren. Und wenn man sich ernsthaft dafür interessiert, wie die
Menschen Stück um Stück daran gewöhnt werden, so zu denken, dann muss
man sich mal befragen, ob es das lebensgeschichtlich überhaupt so gibt:
den geraden, von keinen Abwegen irritierten Weg von der Unzufriedenheit
zum Kommunismus und ob nicht viel eher die Regel ist, dass – und das
ist eine Infiltration falschen Denkens, die man sich erst wieder
abgewöhnen muss – das Zwischenglied allemal eine Empörung über die
Ungerechtigkeit der Welt, ist. Das sollte eine methodische Vorbemerkung
sein, wie über dieses, sachlich gesehen, sehr kleine, in der
gesellschaftlichen Praxis ungeheuer bedeutsame Stück subjektiven
Geistes nachzudenken sich lohnt.
Kleiner Exkurs zur Heuchelei: Es ist ein Irrtum zu glauben, Heuchelei
sei ein notwendiges Übel im Umgang mit der bürgerlichen Welt, in
unseren Reihen aber mehr oder weniger ausgestorben. An welchen Stellen
kommt der Vorwurf „Du denkst moralisch“ und welche moralische Denkweise
ist ihm in aller Regel enthalten? Man darf nicht moralisch denken
erfüllt den Tatbestand moralischen Denkens. Es wird an eine als –
wenigstens unter uns – allgemeingültige Norm erinnert, ohne dass man
einen Gedanken darüber verliert, worin die eigentlich bestehen soll.
Die Stelle, an der so argumentiert wird, ist bestimmt nie dort, wo man
zu etwas gezwungen wird, sondern wo man mit einem anderen schofel
verfährt. Es kann ja sein, dass der andere falsche Gründe im Kopf hat,
aber wenn z. B. auf die Beschwerde des/der Liebsten, man sei ja
kaum noch zu Hause, die Replik kommt „Sei doch nicht so moralisch“,
dann ist das ein Fall von moralischem Denken (der Einwurf sollte
vielleicht nur der Anfang einer Klärung sein). Dem liegt eine
Gewohnheit der Berechnung zugrunde, die sich aller möglichen
Versatzstücke bedient.