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Thema: 1. Finanzkrise, 2. Methodische Bemerkungen zur Moral

Vorlage zum Termin: Weltlage II – ök.
0. Die verwegenen Antworten auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, sind zu würdigen. Die Dokumente moralischer Ursachenforschung und Kritik anlässlich der kapitalistischen Katastrophe sind schon ein Genuss, den wir uns wegen des dräuenden Ungemachs nicht nehmen lassen.
Wenn man aber mit den unverständlichen Finanzprodukten fertig ist, die Liste der Fehlleistungen und Versager abgearbeitet hat und endlich dem Motiv der Gier, auch der kriminellen, auf die Spur gekommen ist, steht die Moral von der Geschicht’ zur Klärung an.
1. Auf die laufen die Ermittlungen der Experten und Aufklärer zielstrebig hinaus, sorgfältig anmoderiert mit tiefen Gedanken zu Staat & Markt. Auf der Tagesordnung: Die fällige Betreuung des Patienten „Finanzsystem“, gleich und sofort und künftig. Auch hier wird an Ideologien nicht gespart, nur haben sie praktische Bedeutung und Wirkungen, an denen sich womöglich manche Absicht blamiert:
a) Verabschiedet sind die zu Beginn der Affäre gehegten Hoffnungen, die gesunde ‚Realwirtschaft’ könne von den Erschütterungen des Finanzbetriebs verschont bleiben. Es geht darum, das Funktionieren des Kapitalmarkts wiederherzustellen, damit er seine unverzichtbaren Dienste für die übrige Wirtschaft wieder aufnimmt bzw. fortsetzt.
Exkurs: Wider die Kurzfassung dieser Dienste als „Kredite vergeben“. Rationale Fassung des Verhältnisses Finanzsektor zur Realwirtschaft resp. deren Gesundheitszustandes.
b) Der Hebel zur Genesung der Finanzmärkte: Liquidität, gestiftet vom Staat in außer-ordentlicher Mission. Die macht sich wenig Probleme damit, was sich in der Diagnose „Mangel an Liquidität/Vertrauen“ zusammenfasst und zur Behebung ansteht.1
c) Was verlangt da der Staat von den Märkten: Vertrauen auf die Nation als unanfechtbaren Schuldner, dessen Produkt in der Verfügung der Banken = für jede Aufgabe/Verwendung taugliches Geld
Zweifel & Verzögerung gefährden das Projekt, dessen spekulativer Charakter kein Geheimnis.
Exkurs: Über Regie/Eingriff des Staates und Ohnmacht
2. Das Experiment bedarf zu seinem Gelingen internationaler Anerkennung.
- der Zuspruch der weltweiten Bankenszene ist sowieso gefordert und eingeplant. Bloß: Ist Verlass auf die Überzeugungskraft der vielfältigen Verwicklungen, die in positiven Geschäften ebenso bestehen, wie sie sich in der ‚Beteiligung’ an der Krise niederschlagen.
- als Antrag auf Unterstützung, die das Ausland schuldig wäre, ist diese Notwendigkeit gleich zur Sprache gekommen. Und mit Antworten beschieden worden, die in einer Kombination von ‚Verursacherprinzip’ und ‚Steuerzahler’ einen Anti-Amerikanismus ansagen, wie man ihn sich in der Austragung strategischer Differenzen nie getraut hatte. Da sehen Leute eine Gelegenheit zur Beendigung der amerikanischen Sonderstellung, die locker mit ‚Wall Street’ und ‚Schulden-Dollar’ benannt wird …
- Dass die Bewältigung der Finanzkrise eine Konkurrenz um Verteilung des Schadens mit Folgen für Status-Fragen gebietet, ist also auch beschlossen. Das hilft zwar nichts im Kampf gegen die Inflation, bringt aber Bewegung in die oberste Etage des Kreditwesens, wo Vertrauen der Staatsgewalt gilt.
Debatte, zu 1.:
Wenn davon die Rede ist, die „Realwirtschaft“ sei möglicherweise von der Kreditkrise doch betroffen, ist der Zusammenhang zwischen der nicht enden wollenden, eskalierenden Finanzkrise und dem Lebensprozess der Gesellschaft, auch bekannt unter dem Begriff Marktwirtschaft, zu klären.
Banken leihen sich wechselseitig kein Geld mehr, weil sie einander misstrauen, der Zahlungsverkehr zwischen den Banken kommt zum Erliegen, Zentralbanken müssen helfend eingreifen, damit das Bankgeschäft überhaupt weiter geht. Wenn dieses Geschäft nicht bald wieder von alleine weiter geht,  leidet auch die Kreditierung der „Realwirtschaft“; kleine Handwerker erhalten keinen Kredit mehr; diesen Zusammenhang gibt es.
Die Sorge, die inzwischen auch in Europa umgeht, ist die um die Affizierung des Geldes durch die Krise. Ganz schlicht: Womöglich sind die Konten, die jemand hat, gemeinsam mit der Bank, die sie verwaltet, einfach nicht mehr da. Der auf das Konto gutgeschriebene Kredit hat keinen Geldcharakter mehr.
Auch Leute, die sich keiner Spekulation schuldig gemacht haben, müssen Angst haben um ihre Guthaben, da diese nur Gültigkeit besitzen,  solange das Finanzinstitut dafür gerade stehen kann. Der trostreiche Hinweis, es könne nichts passieren, da es eine Einlagen-Versicherung gibt, deutet vielmehr darauf hin, dass diese in Gefahr sind, sonst müssten sie doch nicht versichert zu werden.
Im normalen Geschäftsverkehr kann eine Bank für die Geldeinlagen, ihre Eingänge wie ihre Ausgänge locker gerade stehen. Sie regelt das bankenintern durch Verrechnung, benötigt dafür wenig bis gar kein Geld der Gesellschaft.
   — Wenn man von einer Bank sein eingelegtes Geld  zurück haben will, wird der Bank gegenüber die Forderung nach Qualität aufgemacht. Der Unterschied zwischen reellem Geld und einem Anspruch darauf in Form eines Geldzeichens macht sich geltend.
Der Anspruch darauf  hat eine reelle Grundlage, z. B. ein Monatseinkommen. Mit dem Versprechen, das mit einer Überweisung auf ein Gehaltskonto erfolgt, hat der Kontoinhaber ein allgemeines Äquivalent in der Hand, unabhängig davon, wie es aussieht. Dass diese Verfügungsmacht  nur aus Ziffern besteht, macht zunächst gar nichts. Die Bank steht für die Gültigkeit des Anspruchs ein. Die Banken verwenden diese Ziffern zudem als Geldkapital.
Was immer an Geld verdient wird und in Form von Guthaben bei den Finanzinstituten existiert, existiert mindestens doppelt: als fortdauerndes Eigentum des Gläubigers, der es eingelegt hat, und als Kredit. Zahlungen der Bank werden durch Verrechnung verschiedener Zahlungsversprechen erledigt, das Zirkulationsmittel in dinglicher Form ist dazu (fast) nicht nötig.
Grundlage der jetzt um sich greifenden Sorge ist umgekehrt die Abhängigkeit vom Gelingen des Geschäfts der Banken, wenn diese den gesamten Zahlungsverkehr für sich funktionalisieren. Wenn die Banken ihren Kredit nicht zu einem produktiven machen können, geraten sie in Gefahr, ihre Garantie, ihre Gutschriften wären allgemeines Äquivalent, nicht einlösen zu können. Das Untergraben des Zirkulationsmittels ist die unmittelbarste und brisanteste Form der Affizierung der „Realwirtschaft“ durch die Finanzkrise.
Diese Affizierung unterstellt, dass die Krise keine der „Realwirtschaft“ ist. Nicht die industriellen Kapitalisten haben überakkumuliert, sondern aus dem Innenleben der Finanzwirtschaft treten derzeit Gründe auf für das Nicht mehr Funktionieren.
Zirkulationsmittel, Sparguthaben eingeschlossen, sind abhängig davon, dass die Banken gleich noch ganz andere Geschäfte, die sie damit machen, erfolgreich hinkriegen, um den gesamten gesellschaftlichen Zirkulationsprozess, den sie garantieren, abwickeln zu können.
In der SZ versteigt sich ein „Fachmann“ zu dem Gedanken, die Kreditkrise dürfe keinesfalls dem Kapitalismus angelastet werden, der nach wie vor wunderbar funktioniert. Der Kapitalismus wird mit den schönen Produkten gerechtfertigt, die er hervorbringt, also allem, was nicht kapitalistisch ist. Die Trennung des – sonst als Schmiermittel gelobten – Geldes von seiner kapitalistischen Verwendung, bekommt ein Wirtschaftsjournalist auch noch hin! Die gleichen Leute, die bis vor kurzem den Finanzsektor wie selbstverständlich als Wachstumsfaktor benannten, scheiden wegen Krise die Warenwelt von der Finanzwelt. Das Geld und sein Geschäft wird für unkapitalistisch erklärt.
   —  Banken verleihen Einlagen als Kreditgeschäfte, wie kommen die zurück?
Für das weggegebene Geld muss die Bank ein Zahlungsversprechen ausstellen, und im Maße – wie man darüber verfügt –, dafür gerade stehen. Geradestehen eben, indem sie das andern gut bucht, intern eine Eigentumsübertragung abgewickelt. Das Zirkulationsmittel ist, technisch gesehen, durch einen Buchungsakt ersetzt. Dieser enthält aber ein Zahlungsversprechen der Bank, dessen Einlösung dadurch erfolgt, dass von woanders ein anderes einläuft; das Zahlungsversprechen, das sie gibt, empfängt sie zugleich. Im großen Stil wickeln das die Banken täglich untereinander ab, im riesengroßen Kreis- oder Giroverkehr. So funktioniert die 'bargeldlose Bezahlung'. Im Falle, dass ein Saldo übrig bleibt, müssen die Banken von Konten, die sie beieinander oder bei der Bundesbank unterhalten, was abbuchen. Im Normalfall ersetzt die Bank die Einlagen durch ihr Versprechen, dass es bei Fälligkeit erledigt wird. Sie verschafft sich damit die Freiheit, alles, was sie an Einlagen eingesammelt hat, gleichzeitig zu einer Gutschrift für Schuldner zu verwenden. Die Verfügung des Schuldners über dieses Guthaben funktioniert nach demselben Muster. Über das Geld ist so mehrfach verfügt worden. Das wechselseitige gegeneinander Aufrechnen lebt davon, dass dem, was sie an Kredit vergeben hat, auch mal in irgendeiner Form wieder ein Rückfluss entspricht. Wenn sie einem Schuldner ein Konto einräumt und der bucht davon laufend ab, muss die Bank dafür auch geradestehen. Den eingeräumten Krediten müssen Rückzahlungen per Saldo irgendwie entsprechen.
Wie schon gesagt, unterstellt ist, dass die Ausbeutung klappt, die damit finanziert wird (davon handelt das 1. Kapitel des Finanzartikels). Aber das bezieht sich auf alle Phasen des Kapitalumschlags, das bezieht sich sogar auf den Konsumentenkredit. Auch an der Stelle greift ja das Kreditwesen ein, hilft dem Konsumenten, damit er an etwas kommt, was er nicht zahlen kann; und die politökonomische Funktion dieser Operation ist im wesentlichen, dass dadurch auf Kosten des Konsumenten dem Kapital die Versilberung seiner Ware erleichtert wird. Das gehört in die primitive Ebene der Warenzirkulation, die  – wie man jetzt überall erfährt – ohne Bankkredit nicht funktioniert.
Die Bank ist immer beides, Gläubiger und Schuldner und wenn ihre Schuldner, sie als Gläubiger blamieren, wenn sie nichts zurückzahlen, steht die Bank auch als Schuldner gegenüber ihren Gläubigern schlecht da. Auch untereinander fungieren die Banken als Gläubiger und Schuldner. Das ist Basis für das 2. Kapitel über das Finanzgewerbe, die höheren Etagen, von denen man jetzt immer Ziffern mit unendlich viel Nullen hört. Im Verhältnis zur auf Kredit bewerkstelligten Warenzirkulation, ist das interne Finanzwesen, die Geschäfte der Banken untereinander – ohne Bezug auf eine Ware – vielleicht das Zwanzigfache. Man erfährt von altgedienten Bankern in Talkshows, dass früher der Kredit noch funktional für den Welthandel gewesen sei, aber heute Handelskredite höchstens noch 5 % des Volumens der täglich rumgeschobenen Gelder ausmachen. Da hat formell gesehen eine ansehnliche Emanzipation des Kreditgewerbes von seinem Dienst an der Realwirtschaft stattgefunden; worin besteht diese? Lässt sich das alles unter dem Titel fassen, dass all diese Finanzinstitute als Emittenten von Wertpapieren tätig sind? Wertpapier ist da die technische Formel für das, was bei Marx 'fiktives Kapital' heißt. Was ist das für ein Ding?  
Der Ausgangspunkt ist das Verzinsungsversprechen der jeweiligen Emittenten. Wertpapiere und ihre Emittenten sind verwandelte Formen von Schulden und Schuldner. Klar kann man hier sagen, der Käufer ist Gläubiger dessen, der es verkauft und der es verkauft ist der Schuldner und muss dafür Zins zahlen. Nur ist es kein Zufall, dass dieses handelbare Ding, nicht Schuld- sondern Wertpapier heißt und dass der, der es in die Welt setzt nicht Schuldner, sondern Emittent heißt. Die Art des Schuldenmachens setzt hier eine gewisse Souveränität voraus, nämlich dass ein Finanzinstitut ideell allen Geldbesitzern eine Verzinsung von jedem Geld, das ihm zufließt garantiert. Sein Verzinsungsversprechen hat den Charaktere einer Ware, die es verkaufen kann an jeden, der sein Geld in Geldkapital verwandeln will. Der Emittenten behauptet, er verfüge über die Macht, Geld in Kapital zu verwandeln und schreibt das Ergebnis dieser Macht – eine Verzinsung – wie ein feststehendes Faktum ideell auf ein Stück Papier; er habe was, das mehr ist als Geld, nämlich Geldkapital, ein Wertpapier. Die Verwertung selbst dieses eingenommenen Geldes steht für den Emittenten auf einem völlig anderen Blatt. Das geht dann auch den Käufer nichts an. Der Emittent macht sich selbst haftbar dafür, dass er ein Verzinsungsversprechen in die Welt setzt. Das ist der Ausgangspunkt.
   — Das Wertvermehrungsversprechen generiert hier überhaupt erst den Wert, der dem zugrunde liegt. Sie versprechen x % Zinsen und diese Zinsen bezogen auf eine Summe ergeben dann den Wert, der auf das Wertpapier geschrieben wird. Technisch gesehen íst es das umgekehrte Verhältnis zum Leihen von Leuten, denen Zinsen für ihr Sparguthaben versprochen werden und teurer weiter verliehen werden. Hier ist die Vermehrung der Ausgangspunkt.
Das ist das Wertpapier in der primitiven Form der Anleihe. Der Wert, den dieses Wertpapier besitzt, ist eine flexible Größe. Im Wirtschaftsteil stehen jeden Tag Kurse von Anleihen, weil der tägliche Vergleich der Verzinsungsversprechen darüber entscheidet, wie viel Wert dem Verwertungsversprechen entspricht, also das Papier kostet. Wenn ein Industrieunternehmen eine Anleihe begibt, um eine neue Abteilung zu finanzieren, dann ist dem Verzinsungsversprechen nicht anzusehen, ob sich das lohnt. So etwas wird in Aktien – als besondern Wertpapieren – womöglich daran gekoppelt, aber im Prinzip ist es die Umdrehung des Leihkapitalprozesses. Anleihe in der ganz allgemeinen Form ist quasi die Offerte des Emittenten: 'Ich eröffne eine Teilhabe an meinem Geldvermehrungsprozess in Form eines Verzinsungsversprechens, und das ist soviel Wert, wie im Vergleich eine verliehene Geldsumme sich verzinst. Da begibt eine Bank z. B. Anleihen, weil sie gerade dabei ist, Kredite für ein Großprojekt, z. B. die Gründung eines Unternehmens zusammenzukratzen, und sichert die Kaufsumme mit Anleihen.  Das ist die Startbasis für den jetzt als irrsinnig bezeichneten Überbau.
Die Bank vergleicht die verschiednen Chancen, aus dem Geld mehr zu machen, vergleicht so den Kreditbedarf  redlicher Kaufleute mit den Verzinsungsversprechen von ihresgleichen und kommt da nicht selten auf die Idee, dass größere Summen sich besser verwenden lassen, wenn eine Bank der anderen ihre Verzinsungsversprechen abkauft. Die Modalitäten sind egal, wichtig ist hier, dass mit der Institution des Wertpapiers eine Chance zur Geldanlage geschaffen wird und das Geld, das eine Bank darüber an sich zieht, ist jetzt in der Zirkulation des Bankgeschäfts. Da kauft u. U. eine Bank einer anderen oder einer Versicherung ein neues Wertpapier ab. Die Geschäfte, für die sie eine Anleihe requiriert, müssen nicht in der Realwirtschaft sein. Im Gegenteil, die wechselseitig von den Banken offerierten Geschäfte, sind nicht von lästigen Marktschwankungen, Unglücken, Tarifrunden etc. berührt. Kein Wunder, dass im internen Geschäftsverkehr, das durch Wertpapieremission erlöste Geld mit Vorliebe in neue Wertpapieremissionen fließt. So wächst das Geschäftsvolumen.
   — Gesagt wurde, dass die Abteilung Finanzsektor, in dem die Krise angefangen hat, von der realen Akkumulation emanzipiert ist. Weder ist sie durch die Mittel beschränkt, die die reale Akkumulation erst verdienen muss, noch durch die Verfügungsstellung von Leihkapital, weil das Geschäfte sind, die die Banken mit Vorliebe untereinander machen. Aber jetzt wird man damit vertraut gemacht: Sobald dieser abgehobene Überbau in die Krise gerät, gefährdet er den Reichtum der Gesellschaft. Da gilt die Emanzipation nicht. Sie gehen aber erst mal von einer Trennung der Sphären aus.
   — Wenn alle Zahlungen über die Bank laufen, sie alles Geld einsammelt und für etwas anderes verwendet, dann hängt vom Geschäftserfolg der Bank auch alles Handeln der Gesellschaft ab. Egal aus welchen abgehobenen Geschäften der besteht.
Der Zusammenhang ist, dass dasselbe Geld, das irgendwer bei ihnen abgeliefert hat, ganze Türme von Kredit finanziert und für die Errichtung solcher – immer aufeinander bezogener – Wertpapiere hergenommen wird. Die Schaffung von fiktivem Kapital als Wertpapieremission  ist die Aufforderung, sich am versprochenen Wachstum von Kreditinstituten zu beteiligen. Dass da natürlich – wie bei jeder Spekulation –  sofort die Frage nach der Sicherheit auftaucht, ist klar. Dafür gibt es die Kreditversicherungen. Jede Versicherung ist ihrerseits wieder ein spekulatives Papier, weil der, der einen Versicherungsnehmer versichert, spekuliert ja darauf, dass die Versicherung nicht in Anspruch genommen wird, oder er jedenfalls an dem Geschäft verdient. Die Suche nach Sicherheit ist die Basis für die nächste Stufe der Spekulation. So baut sich die ganze Kette von aufeinander bezogenen Wertpapieren auf, bei der jetzt der Ruin eines Wertpapiers, den des nächsten nach sich zieht.
   — Woher kommt aus dieser Pyramide – Wertpapiere werden verkauft, um neue zu kaufen und jedes Mal gibt es ein Zinsversprechen – überhaupt der Zins? In der ganzen Kette ist doch kein reales Geschäft?
Aber es steht ein Bankgeschäft dazwischen. In dem Maße, wie einer Bank ihre Verzinsungsversprechen abgekauft werden, verfügt sie über Geld, mit dem sie sich in die Spekulation auf Wertzuwachs, den andere versprechen, einmischt. Das lebt alles von der Bewegung der Spekulation. Wenn Misstrauen dann dieses Geschäft zum Erliegen bringt und sogar zur Entwertung dieser schönen Papiere führt, dann ist das eine Aussage darüber, was die Substanz der jetzt kaputtgegangenen Werte war.  
   — Da kann doch nur das Vertrauen in das beständige Wachstum das Gelingen gewesen sein, sonst könnte das Misstrauen es nicht kaputtmachen.
   — Es gibt doch den Unterschied, ob sie sich an einem in der Realwirtschaft erwirtschafteten Profit beteiligen oder ob sie sich wechselseitig Papiere abkaufen, auf denen die Behauptung steht, die Banken könnten auch so was.
Sobald man den Übergang macht, nicht mehr ans Kreditieren der sog. Realwirtschaft zu denken, sondern an das Emittieren von Wertpapieren, ist man in einer anderen Welt. Es geht dabei nicht nur um Banken, sondern um das ganze Finanzgewerbe, das sich vervielfältigt hat in Investmentbanken, Versicherungen, Hedgefonds etc. Wertpapiere emittieren ist nicht nur das Privileg von Banken, das machen auch Aktiengesellschaften. Sie verschaffen sich Geld, indem sie mit der Souveränität eines Wertpapieremittenten an der Börse oder am Markt der Geldbesitzer das Versprechen in die Welt setzen: Wer mir Geld gibt, bekommt einen Schein mit Zusage auf Erfolgspartizipation.
Der entscheidende Übergang ist, diese Art Anleihen – oder Aktien, als nicht zurückzahlbare Anleihen – in die Welt zu setzen, das Umdrehen des Kreditverhältnisses in das Schaffen von Geldkapital. Die Geldbesitzer, die das kaufen, sind in erster Linie Rentenfonds, Geldsammelstellen selbst. Die kaufen das oder werden selbst zu Emittenten, und holen sich das Geld, das sie anderen in Form von Wertpapieren geliehen haben, wieder. Da muss man nicht verfolgen, welchen Weg die Ziffern durch den ganzen Überbau nehmen, sondern sich mal klarmachen, dass das Emittieren und Verkaufen von Wertpapieren, der Handel mit fiktiven Kapital, der Mechanismus der Expansion dieses Sektors ist. Der funktioniert solange wie der Markt funktioniert, wie es Geldbesitzer aller Art gibt, die auf den Fortgang dieser Art des Geldverdienens setzen. Dabei gibt es immer mal kleinere Einbrüche, dass mal ein Fonds schließen muss, weil seine Wertpapiere bei einem zahlungsunfähigen Schuldner gelandet sind, aber dieses Risiko gehört noch zur Normalität dieses Geschäfts.
   — Der Unterschied ist doch der: Solange die Banken die Realwirtschaft mit ihren Krediten bedienen, hängt der Rückfluss dieser Kredite ab vom Gelingen der Ausbeutung, dass sie sich ihren Anteil an der Verwertung sichern. Im andern Fall wenn sich die Banken mit ihren Wertpapieren wechselseitig kreditieren, hängt der Erfolg von der Spirale, wie sie sich das wechselseitig glauben, ab. So kommt die Blase zustande.
Der Begriff 'Blase' stellt sich immer als Etikett dann ein, wenn der Punkt erreicht ist, bei dem das Vertrauen – dass es wunderbar so weitergeht – in die Vorsicht umschlägt. Es braucht nur das Gerücht, das eine oder andere Wertpapier halte nicht, was es verspricht, schon ist eine ganze Abteilung von diesem Geschäfts kaputt.
   — Es ist aber nicht so, dass nur in der einen Abteilung, das Vertrauen so wichtig ist, weil's da nur um Spekulieren geht, in der anderen Sphäre geht es so lange gut, wie die Ausbeutung klappt. Auch die Abteilung 'Realwirtschaft' spekuliert darauf, dass die Ausbeutung klappt. Auch wenn es in dieser Abteilung kracht, dann deswegen, weil es das Misstrauen in das künftige Geschäft von Seiten der Bank gibt. Also das ist auch nicht das Verlässliche und die Unsicherheit kommt erst mit dem Aufgesetzten.  
Ja, kein Bankeinleger fragt doch, ob die Bank mit Kapitalisten erfolgreiche Kreditgeschäfte am Laufen hat. Sondern es ist das Vertrauen in die Bank, dass sie Zuflüsse hat, Wachstum verzeichnen kann, genügend Einlagen hat, also jederzeit zahlungsfähig und damit glaubwürdig ist. Vom Standpunkt der Bank aus stellt sich das anders dar. Eben wie viel Ein- und Auslagen, Schulden und hereinkommende Posten sie hat. Solange sie Einlagen hat – jetzt stellt sich ja raus, aus noch ganz anderen Sphären und Quellen – läuft das Geschäft. Auch da ist ein Stück Spekulation drin und ob, wann und wie sie sich blamiert, hängt nicht daran, dass dieses oder jene reale Geschäft mit dem Kredit nicht mehr läuft. Vom Standpunkt der Bank aus sind die Sphären gar nicht so verschieden. Die Trennung im Sinne von, das eine sind handfeste, gute Geschäfte, gibt es erst dann, wenn das Misstrauen schon in der Welt ist. Dann wird wieder gefragt: Haben wir ordentliche, dauerhaft hereinkommende Einlagen? Aber vorher gibt es nur den Standpunkt, wo sich welches Geschäft mehr lohnt: Kreditiere ich ein Unternehmen, gebe ich selbst Anleihen aus, kaufe, verkaufe ich Aktien – das ist alles eine Frage des spekulativen Vergleichs. Insofern ist das normale Kreditvergeben an irgendwelche Unternehmen selbst ein Stück vergleichende Spekulation.
   — Die Emanzipation des Finanzwesens bedeutet doch, dass es nicht auf die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft angewiesen, ist in seinem spekulativen Geschäft.  
Es speist ja dieses Geld immer neu in seine Geschäfte ein, das verschwindet nicht daraus. Klar, in allen Abteilungen wird spekuliert, aber der Unterschied ist, dass hier fiktives Kapital der Gegenstand der Spekulation ist. Und das heißt nicht einfach negativ: keine Ausbeutung. Die kann sogar mit gemeint sein. Nur in der Art und Weise, wie das passiert – da ist das als Wertpapier verdinglichte Versprechen, der Ausgangspunkt und wird zur Ware. Wir hatten auch schon bei der Basis des Kreditsystems den Ausdruck: Da wird das Geld als Kapital zur Ware. Hier wird das in der Weise wahr gemacht, dass die spekulative Sicherheit: Unser Geschäft geht seinen Gang, hier wird laufend Geld verdient, zum Ausgangspunkt dafür wird, Geld an sich zu ziehen, mit dem dann diese Sorte Geschäft finanziert wird.
Die Subjekte dieses Geschäfts, die dieses fiktive Kapital in die Welt setzen, sind selber die Akteure des Ver- wie Misstrauens in diese Papiere. Das Misstrauen geht ebenso wenig wie das Vertrauen von den ausgebeuteten Arbeitern aus. Aber auch nicht von den kleinen Geldanlegern, die ein Sparkonto unterhalten, sondern diese ewige Überprüfung der Wertpapiere und der Solidität des Emittenten, ist das Metier des Bankers. Das kann man dann arbeitsteilig wieder in Ratingagenturen verselbstständigen. Da gibt es Ratingagenturen, für die zu versichernden Kredite und für die Kreditversicherungen, die ihrerseits wieder vom Kredit leben und Aktien ausgeben. Wie dieser Zirkus funktioniert, bekommt man jetzt in der Form des Zusammenbruchs empirisch vorgeführt. Von welcher Ecke das ausgeht, ist ziemlich zufällig. Nicht zufällig ist nur das Eine: Bei der jetzigen Krise ist es nicht mehr nur ein Bankrott, der bei diesem Sektor zum normalen Geschäft gehört, bei dem mal ein Sektor von Wertpapieren und ein paar Emittenten aus dem Verkehr gezogen werden.
Noch was zu dem: Da werden Vermögenswerte akkumuliert und annulliert – der Witz ist ja, all den Ziffern, die da aufgeschrieben werden, ist kein Unterschied anzusehen zu dem Gehalt, das ein Bäcker für seine Brötchen bekommt. Das ist alles Verfügungsmacht über gesellschaftlichen Reichtum. Nur zirkuliert dieser Reichtum in einer Sphäre, in der die Leute sich blöd vorkämen, wenn sie – abgesehen vom Kauf von Ferraris und anderem Luxuskram – etwas anderes kaufen würden als neue Wertpapiere. Die Zweckbestimmung dieser Werte liegt nicht darin, den gegenständlichen Reichtum, die Warenwelt, zu vergrößern, sondern allein darin, in neue Anlagen zu fließen, eben mehr zu werden.
   — Es sollte aber nicht gesagt sein, dass da nur ‚Luftnummern’ geschaffen werden, wo sich die eine auf die andere draufsetzt. Dass es welche sind, stellt sich heraus, wenn das Misstrauen in der Welt ist, aber vorher zirkulieren sie durchaus als diese Vermögenswerte.
Dass Wertpapiere keine Luftnummern sind, merkt man daran, dass sie ihren Charakter als Kapital verlieren, sonst wäre es egal, ob sie steigen oder fallen. Sie haben Kapitalqualität, die sich in der Summe ausdrückt, die sie erlösen und sie fallieren, weil ihnen nicht mehr geglaubt wird, dass sie G’ garantieren und damit ist der Wert selber – das war ja sicher der Gedanke bei ‚Luftnummer’ – weg. Sobald es aufhört, als Geldkapital zu fungieren, erweist es sich als nichtig, also anders als beim Geld als Zirkulationsmittel, das sich mit Ware austauscht und dann weg ist. Solange das Zinsversprechen geglaubt wird, tut das Wertpapier seinen Dienst als Geldkapital, egal, ob es ein- oder mehrmals seinen Besitzer wechselt oder als Aktie in der Schublade liegt. Für die Bestimmung der Ebene der Kreditspekulation ist wichtig, dass da fiktives Kapital Wert generiert, der seinerseits das fiktive Kapital wieder realisiert. Das muss realisiert werden und dann ist die Masse da, mit der die nächsten Stufen dieses ganzen Zirkus vorangetrieben werden. Das macht derselbe Sektor, der gleichzeitig neben dieser Aufblähung seines Kreditwesens immerzu der ganzen Gesellschaft die Abwicklung ihrer Zirkulation garantiert und zwar haargenau mit dem Geld, das inzwischen zur Basis für diesen ganzen Überbau geworden ist. Die Akteure stehen also nach beiden Seiten hin in der Pflicht: Sie garantieren, und zwar hauptsächlich sich gegenseitig, das Funktionieren ihres Kreditüberbaus und gleichzeitig garantieren sie der ganzen Gesellschaft die Tauglichkeit des Geldes als Kauf- und Zirkulationsmittel für den gesellschaftlichen Lebensprozess, wie man ihn kennt und täglich abwickelt.
 Die Vereinnahmung allen verdienten Geldes durch die Banken für ihr Kreditgeschäft hat die schöne Kehrseite, dass es insgesamt und bei jeder einzelnen Bank dann auch davon  abhängt, ob es klappt. Derzeit kann man so gut beobachten, dass das ganze Vermögen, die Riesensummen, die die Banken generiert haben, im Wesentlichen in Wertpapieren von ihresgleichen bestehen. Wenn eine Bank ihre Wertpapiere nicht mehr los wird und die Rückflüsse nicht mehr ordentlich einlaufen – und das ist zur Zeit ziemlich verallgemeinert der Fall –, ist sie nach wie vor zahlungspflichtig und muss zugeben, dass sie für die Summen, für die sie haftet, nicht mehr gerade stehen kann. Was spätestens seit dem 700 Mrd.-Projekt von Bush offenkundig ist, ist die Nichtbegrenzbarkeit dieser Kreditkrise auf nur einen Sektor. Das Gerücht wird zwar immer noch aufrecht erhalten, es sei letztlich eine Hypothekenkrise, aber das war es schon vor einem Jahr nicht mehr – oder wenn, dann ist eine Hypothekenkrise etwas anderes als dass ein paar Hypothekenschuldner nicht mehr zahlen können, weil das immer noch heißen würde, die Banken versuchen, deren Eigenheim zu versteigern und schauen dann, wie viel Verluste übrig bleiben. Das war aber nie das Kriterium dieser Krise, sondern da ist Stück um Stück der Rückschluss erfolgt von ein paar zahlungsunfähigen Hypothekenschuldnern auf die Qualität der Wertpapiere, die die Banken mit ihren ganzen Nebenkonstruktionen auf Basis und mit Verweis auf dieses Hypothekengeschäft, aber mit sich als haftender Partei, in die Welt gesetzt haben.
Dass der sachliche Zusammenhang zwischen den Banken darin besteht, wechselseitig für die Vermehrung des Reichtums da zu sein, kann man schön an dem ‚Skandal’ um die diversen Landesbanken sehen, wo erstaunt festgestellt wurde, dass die Milliarden verzockt haben, statt solide zum Wohle des Mittelstands und dessen Kreditierung – wo also immer ordentlich was zurückfließt – zu spekulieren. Jetzt kam heraus, dass den Banken diese Art von Geschäft natürlich überhaupt nicht genügt hat, dass sie, wie jede Bank, Finanzgeschäfte machen wollten und durch den Kauf von Papieren involviert sind in die Spekulation, von der es geheißen hat, dass sie nur bestimmte Investment- und Hypothekenbanken betreiben.
Wenn heute als Handicap einer Investmentbank – also einer Bank ohne Privatanleger und Publikumsverkehr – besprochen wird, dass sie ausschließlich in Finanzgeschäfte der höheren Art involviert war und dass ihr deshalb die Privatanleger fehlen, dann ist das eine Auskunft, wofür dieses sogenannte ‚sichere’ Geld da ist, nämlich als Basis für die Spekulation, die darüber ‚solider’ gemacht werden soll. Dabei ist ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass der amerikanische Staat nach dem Börsencrash von 1929 eine Trennung von Publikums- und Investmentbanken verfügt hat, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass in Krisenzeiten die ‚höheren’ Finanzgeschäfte die kleinen Privatanleger mit hineinreißen. In der jetzigen Krise ist das Zusammenlegen dieser beiden Banksorten der Stein der Weisen – wegen der sicheren Basis für die Investmentbanken ...
Zur Abwicklung der Krise. Dem massiven Eingreifen der Staaten liegt folgende Befürchtung zugrunde: Die Entwertung des einen Wertpapiers zieht die Entwertung anderer Wertpapiere nach sich, nämlich darüber, dass sie das Vermögen von Gläubigern schmälert. Wenn Banken in ihrer Eigenschaft als Wertpapierbesitzer und Gläubiger entwertet sind, dann sind auch ihre eigenen Schulden nicht mehr so viel wert wie gestern, dann werden die unsicher, dann verfügt die Bank ja nicht mehr über das Geschäft, auf das sie ihre eigenen Wertpapieremissionen gegründet hat; also immer über die Begutachtung des Emittenten verallgemeinert sich die Entwertung. Wenn eine ganze Sorte Wertpapier nur noch die Hälfte wert ist und alle Banken müssen das zugeben, dann sind sie selber bloß noch die Hälfte wert und dann sind ihre eigenen Wertpapiere, als erstes ihre Aktien, auch bloß noch die Hälfte wert und wenn dann an der Aktienbörse festgestellt wird, dass die Bankaktien heute nur noch die Hälfte von gestern wert sind, dann sind alle, die Bankaktien gehortet haben, schon wieder nur noch die Hälfte wert – im wesentlichen sind das wieder die Banken oder Fonds, auf deren Solidität man furchtbar viel an Wertpapieremissionen gegründet hat. Was derzeit passiert, ist ein Prozess der Verallgemeinerung des Entwertungsgeschehens. Man könnte sich vom obigen Luftnummer-Gedanken her auf den Standpunkt stellen, dass der Offenbarungseid fällig ist, dass alles, was sich da entwertet, gar keinen Wert hat. Das wäre mal eine solide Aussage, nur was ist die Befürchtung, wenn es dazu käme? Wenn der fiktive Charakter dieses Kapitals sich als drastische Entwertung geltend macht, dann wäre nicht nur die Kreditvergabe an den Mittelstand gefährdet, sondern dann sind alle in der Gesellschaft ihr Geldvermögen los – es sei denn, man hat das Glück, sein Konto bei einer Bank zu haben, die überlebt, bloß – und das ist die Befürchtung – wenn man den crash so weiter laufen lässt, überlebt den keine Bank. Klar wird sich wieder einer finden, der eine neue Bank gründet, also der Kapitalismus wird daran nicht zugrunde gehen, aber mit der Bankenwelt verschwindet alles an aktuellen und fürs Alter aufgesparten Zirkulationsmitteln, das die Banken verwalten; der reale Reichtum bleibt dann auch liegen, denn die Waren werden ja nicht automatisch verschenkt.
Die staatliche Sorge und der Grund für die Intervention ist also nicht der Verfall des Geldwerts o.ä., sondern über den Zusammenbruch der Banken die Enteignung aller, die in dieser Gesellschaft, ob sie wollen oder nicht, gegenüber dem Bankensektor in der blöden Rolle des Gläubigers sind, weil sie ihr Geld dort als Guthaben deponiert haben. Dass das nicht nur eine Enteignung in Amerika bedeuten würde, sondern nebenher auch in Europa, weil sich die Landesbanken dort engagiert haben, geht die Amerikaner nichts an, aber die denken umgedreht die ganze Welt als eine Sphäre, aus der die Entwertung, die in den USA stattfindet, dann wieder zu ihnen zurückkommt. Schließlich sind die amerikanischen Institute Gläubiger der ganzen Welt, haben sogar von Russland Wertpapiere aufgekauft, wären also von der Verallgemeinerung der Krise über den ganzen Globus betroffen. Also gehen sie „aggressiv“ auf ihre EU- und sonstigen Kollegen weltweit zu und fordern sie auf, ihren Bankensektor zu retten. Wie geht das?
   — Die US-Regierung hat gemerkt, dass (über Leerverkäufe) auf das Fallen der Kurse spekuliert wurde und den Schluss daraus gezogen, dass dann eben diese Spekulation – zumindest bis Jahresende – verboten werden muss.
Da merkt man, wie viel von dem laufenden Geschäft sich regelrecht einer staatlichen Lizenz erfreut – vielleicht nicht explizit lizenziert, aber implizit; offensichtlich haben sie sich nichts darüber vorgemacht, was damit alles genehmigt ist.
Bei der derzeitigen Diskussion in der Öffentlichkeit über die Rettung des Bankensektors kommt die trostlose Figur des Steuerzahlers zu großen ideologischen Ehren – dem könne man es nämlich nicht zumuten, das schöne Geld zu retten, das die Banken verzockt haben, wobei ‚verzocken’ ziemlich daneben ist, weil die Bänker gemacht haben, was ihr Job ist: Wertpapiere zu emittieren und zu kaufen, kritisch zu begutachten und irgendwann zu befinden, dass sie nichts mehr taugen. Die Kritiker des 700 Mrd.- Projekts von Bush möchten, dass die Funktion des Kreditwesens in Sachen Verwaltung des Volksvermögens gerettet werden soll, ohne die fehlgeschlagene Spekulation zu vergüten. Der Staat steht also vor der Frage, Papiere, die nach dem Urteil der Spekulanten selber nichts wert sind, aufzukaufen und den Spekulanten ihr Vermögen zu ersetzen.
Dass es doch einen anderen Weg geben müsse, die Wirkungen der Finanzkrise aufs Publikum zu verhindern, ohne dass man den Finanzsektor insgesamt versucht zu sanieren, ist im heutigen Kapitalismus eine lächerliche Rechnung. Und darauf zielt die jetzige Intervention auch nicht. Sie ist schon darauf berechnet, den Finanzsektor nach dessen Maßstäben zu retten, also nach Maßstäben, bei denen überhaupt kein Unterschied existiert zwischen dem Geschäft mit Wertpapieren und der Abwicklung des gesellschaftlichen Zahlungsverkehrs. Wenn der Staat eine ganze Abteilung Wertpapiere kaufen will und so den Banken mindestens einen Teil des wertlos gewordenen Vermögens durch Staatsknete ersetzt, dann zielt das darauf, die Emittenten wieder geschäftsfähig zu machen oder zu halten. Dadurch soll eine ausufernde Entwertung verhindert und so das übrige fiktive Kapital, das auch schon angegriffen ist, aber noch nicht so wertlos geworden wie die erste Sorte dieser Papiere, gerettet werden. Da wird richtig die Systemfrage aufgemacht und in der Weise beantwortet, dass das System als Kreditsystem weiter den nationalen Kapitalismus mit seinen Zirkulationsnotwendigkeiten aufrecht erhalten soll.
Daran heftet sich natürlich die Frage des Gelingens, schon gleich in der Form: ob es wohl reicht? Die ganze Dramatik – das Projekt muss bis Montag früh verabschiedet sein, sonst keine Garantie für nix – ist ein Indiz dafür, dass niemand ein wirkliches Rezept für die Beendigung der Entwertung kennt, außer durch Aufkauf dann doch wieder nur eines Sektors von Papieren die Generalkrise doch noch zu stoppen.
   — Der Staat probiert doch verschiedene Maßnahmen durch, er definiert die Tatsache, dass sich die Banken kein Geld mehr leihen, als Liquiditätsproblem und gibt ihnen billiges Geld, was aber die Verallgemeinerung der Krise nicht beendet hat, im Gegenteil. Dann gab es die Überlegungen, bestimmte Banken unter Staatsverwaltung zu stellen oder Papiere aufzukaufen und jeder Versuch war der Ausgangspunkt für den nächsten.
Nach dem Motto: Versuch und Irrtum. Die Versuche haben aber eine Logik, nämlich das Entwertungsgeschehen zu begrenzen, zu lokalisieren, diejenigen ausfindig zu machen, von denen das ganze Ungemach ausgehen soll und so das Vertrauen, dass jetzt die Geschäfte wieder weitergehen können, zu generieren. Dass also mit der Liquidität, die der Staat durch den Aufkauf stiftet – und nicht nur mal über Nacht leiht, sondern er macht sich zum Garanten –, das Geschäft endlich wieder losgehen soll. Die Geldmittel, die er stiftet, sind zwar qualitätsmäßig über jeden Zweifel erhaben, trotzdem hat er es nicht in der Hand, ob er damit genug Vertrauen gestiftet hat, ob die Emittenten, die dieses Geld jetzt haben, damit saniert sind, ob sie ihr normales Geschäft wieder aufnehmen oder ob die Entwertung ihrer sonstigen Guthaben, Wertpapiere und von ihnen selbst – sie existieren ja immer doppelt: als Institut und in Form von Wertpapieren, die auf ihren Erfolg lauten – weitergeht. Was andersrum nicht heißen soll: es kann gar nicht gelingen.
Der Staat bekommt jetzt laufend damit zu tun, dass die Emittenten nicht mehr vertrauenswürdig sind. Das hat er als kurzfristigen Liquiditätsmangel behandelt – die Zentralbanken verleihen das Geld für eine Woche und ziehen es dann wieder ab –, diese Definition der Krisenlage war offensichtlich falsch. Der nächste Versuch zur Lokalisierung der Krise war, Staatsgarantien für bestimmte Institute zu geben oder für eine Übernahme durch potentere zu sorgen. Auch das ist für zu beschränkt befunden worden. Das Neueste ist die Stiftung dieses staatlichen Riesenfonds, wobei an den Papieren wegen des Vertrauens der Emittenten ein Unterschied gemacht wird zwischen guten und schlechten Papieren, für die schlechten werden Staatsgarantien gestiftet, sie werden in Wert gehalten oder durch Liquidität ersetzt, weil sie selber nicht mehr liquidierbar sind. Der Staat behandelt – auch wegen Vertrauensstiftung – die Entschränkung des Garantie- und Liquiditätsstiftungswesens immer noch als normalen haushaltsmäßigen Eingriff.
   — Im Zuge der Krise wurden doch die Verfahren, die die Banken angewendet haben, z. B. das Bündeln guter und schlechter Kredite, in Zweifel gezogen. Jetzt soll sich aber an denen nichts ändern, sondern sie sollen dasselbe machen wie früher auch.
Das ist das Lustige bei den derzeitigen Kommentaren: Kaum haben sie das Verfahren schlecht gemacht, kommt keiner der Experten umhin, zu sagen, dass es aber auch sein Gutes hat. Kaum hat sich die Theorie ‚Risiken streuen, macht sie harmlos’ blamiert, sagen sie: Es ist zwar schlecht, wenn über das Risiko streuen sich dieses verallgemeinert, aber immerhin wird es darüber verteilt, ist also nicht mehr so groß. Sie machen den Akteuren dieses Gewerbes ein Angebot, das sich nach deren Kriterien richtet, weil ihnen kein anderes Rezept einfällt, entsprechend fallen dann die Vorschläge aus, z. B. die Techniken der Geldvermehrung besser zu überwachen und abzusichern.
Diese Art, sich in das Krisengeschehen einzumischen, wie prekär, wie spekulativ, vielleicht sogar kontraproduktiv sie sein mag, ist die eine Sache, die andere ist die Tauglichkeit des Geldes. Das betrifft den Punkt: Mit dieser Art, Kredit in die Welt zu setzen, Geld zu schöpfen, an den Bankensektor auszuschütten, wobei die Grundlage dieses Geldes in anerkanntermaßen wertlosen Papieren besteht, setzt ein Staat durchaus auch die Anerkennung seiner Währung vielleicht noch nicht aufs Spiel, aber jedenfalls ein. Dieser staatliche Einsatz bedeutet eine Verallgemeinerung des Entwertungsgeschehens nach der Seite hin, dass jetzt das Mittel, mit dem er die Krise zu bewältigen sucht, selber auf die Probe gestellt wird, um es mal ganz höflich zu sagen; er setzt seine Macht aufs Spiel gegenüber den Spekulanten, an deren Freiheit er ja nur marginal ein bisschen herumschnitzen will. Das ist die Probe aufs Exempel, ob die Spekulanten ihrem amerikanischen Staat vertrauen – die Tendenz scheint zu sein: eher nicht so ganz richtig...
2. Zwei methodische Bemerkungen zur Moral (voraussichtlich nächster Termin)
Es sind zwei verschiedene Sachen, die Logik einer Denkweise zu erklären – auch Fehler haben eine eigene Folgerichtigkeit –, darum bemüht sich im Anschluss an Hegel der Moral-Artikel (GG 1/95). Gewissermaßen als Logik dieser Denkweise, kommt da die Moral nach dem Recht. Das ist etwas anderes als sich klarzumachen, wie Menschen darauf kommen, sich dieses falsche Denken überhaupt einleuchten zu lassen und zur Gewohnheit zu machen. Da geht es um Dinge wie Erziehung oder den subjektiven Geist und seinen Werdegang. Um sich über die Art der Entstehung moralischer Gedanken klar zu werden, gibt es einen ziemlich einfachen Weg, nämlich, man befragt sich selbst. Es ist nicht gut, sich immer nach dem Motto: Warum ticken die anderen so verkehrt?, Gedanken zu machen, wenn man doch laufend bei sich selber zumindest die Versuchung zu dieser Sorte Fehler verspürt. Da kann man das Verhältnis zwischen Berechnung, Heuchelei und Dementi der Heuchelei am schönsten rekonstruieren. Und wenn man sich ernsthaft dafür interessiert, wie die Menschen Stück um Stück daran gewöhnt werden, so zu denken, dann muss man sich mal befragen, ob es das lebensgeschichtlich überhaupt so gibt: den geraden, von keinen Abwegen irritierten Weg von der Unzufriedenheit zum Kommunismus und ob nicht viel eher die Regel ist, dass – und das ist eine Infiltration falschen Denkens, die man sich erst wieder abgewöhnen muss – das Zwischenglied allemal eine Empörung über die Ungerechtigkeit der Welt, ist. Das sollte eine methodische Vorbemerkung sein, wie über dieses, sachlich gesehen, sehr kleine, in der gesellschaftlichen Praxis ungeheuer bedeutsame Stück subjektiven Geistes nachzudenken sich lohnt.
Kleiner Exkurs zur Heuchelei: Es ist ein Irrtum zu glauben, Heuchelei sei ein notwendiges Übel im Umgang mit der bürgerlichen Welt, in unseren Reihen aber mehr oder weniger ausgestorben. An welchen Stellen kommt der Vorwurf „Du denkst moralisch“ und welche moralische Denkweise ist ihm in aller Regel enthalten? Man darf nicht moralisch denken erfüllt den Tatbestand moralischen Denkens. Es wird an eine als – wenigstens unter uns – allgemeingültige Norm erinnert, ohne dass man einen Gedanken darüber verliert, worin die eigentlich bestehen soll. Die Stelle, an der so argumentiert wird, ist bestimmt nie dort, wo man zu etwas gezwungen wird, sondern wo man mit einem anderen schofel verfährt. Es kann ja sein, dass der andere falsche Gründe im Kopf hat, aber wenn z. B. auf die Beschwerde des/der Liebsten, man sei ja kaum noch zu Hause, die Replik kommt „Sei doch nicht so moralisch“, dann ist das ein Fall von moralischem Denken (der Einwurf sollte vielleicht nur der Anfang einer Klärung sein). Dem liegt eine Gewohnheit der Berechnung zugrunde, die sich aller möglichen Versatzstücke bedient.