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Jour fixe vom 14.7.08
Fragen zum Artikel über M. Heinrich in Gegenstandpunkt 2-08
— Es bestehen
Zweifel, ob die Kritik im GS – gerade im Einleitungs- und Schlussteil –
Heinrich wirklich trifft. Einerseits soll er gegen Marxologen abgesetzt
werden, andererseits, wird er durch seine Aussage, 'nicht das Dass der
Ausbeutung, sondern das Wie sei das Erstaunliche', im Durchgang zu
einem Parteigänger des Funktionierens gemacht. Ist das wirklich sein
Standpunkt?
Die Einleitung im Artikel wendet sich gegen andere Marx-Exegeten, die
mit dem auch von Heinrich aufgeworfenen Schlagwort vom
'Arbeiterbewegungs-Marxismus’ gegen die politische Marx-Verwendung
polemisieren, was mit richtigem Marx-Verständnis nichts zu tun habe.
Dabei trifft ihn der Vorwurf, dass man heute wieder Marx lesen könne,
weil endlich der Stalinismus weg ist, erstmal nicht.
— Das ist ein
komischer Grund, den die Marxologen anführen, sich mit Marx zu
beschäftigen. Wenn man der Auffassung ist, dass die Arbeiterbewegung
Marx falsch verstanden habe, hätte man sich eigentlich damals damit
auseinandersetzen müssen. Sie aber sagen, jetzt könne man sich befreit
mit Marx auseinandersetzen, da sich der Standpunkt in der
Weltgeschichte faktisch erledigt hat.
— Das trifft
Heinrich nicht wirklich, der 40 Jahre auf seine Weise nur
wissenschaftlichen Marxismus gemacht hat.
Aber auch er grenzt sich gegen den 'Arbeiterbewegungs-Marxismus' ab und
behauptet, stattdessen sei eine andere, bessere, wissenschaftliche
Befassung mit Marx fällig. Das ist das Moment der Gemeinsamkeit.
— Den Begriff
'Arbeiterbewegungsmarxismus' meinen Marxologen als Abwertung, sie
setzen sich ab gegen die Revi-Lektüre, die Marx unter dem Aspekt des
Klassenkampfes gelesen hat – also aus Marx den parteilichen Standpunkt
für die Unterdrückten abgeleitet haben. Dagegen muss man Heinrich in
Schutz nehmen, wenn er sagt, diese Sorte Standpunktdenken treffe die
Erklärungen von Marx und seinen Erklärungsgegenstand nicht richtig.
Aber bei seiner Aussage 'Das weiß jedes Kind, dass Kapitalismus eine
Klassengesellschaft ist und dass da ein Klassengegensatz herrscht',
wird es krumm. Da macht er die Gegenübersetzung, statt Parteilichkeit
müsse man sich das Wie des Kapitalismus erklären. Das Statt ist
verkehrt, weil es durchstreicht, dass die Erklärung und die Marxsche
Analyse der kapitalistischen Ökonomie durchaus, indem sie den
Kapitalismus erklärt, auch die Parteinahme für den Standpunkt
begründet, dass diese Verhältnisse a) Opfer fordern, b) nicht so
gelassen werden sollten. An der Kritik an Heinrich ist richtig, dass
aufgespießt wird, es geht nicht um: 'Erklärung statt Parteilichkeit'.
Bei ihm heißt Erklärung, man muss sich klarmachen, wie funktioniert der
Kapitalismus, aber das wird ein Stück weit in Gegensatz zum
Klassengegensatz gestellt. Aber an einigen Stellen bekommt der Artikel
den Schlag, weil Heinrich sich aufs Funktionieren schmeißt, wäre er
parteilich für das Funktionieren. Das ist meine ich nicht ganz sauber
getrennt.
— Ich habe es nicht
so verstanden, als sei er parteilich für das Funktionieren, sondern
dass er sich die Frage stellt, wie es sein kann, dass die Ausgebeuteten
die Ausbeutung hinnehmen und er kommt dann auf den gesellschaftlichen
Verblendungszusammenhang durch den Warenfetisch. Das ist etwas anderes
als zu sagen, er würde für das Funktionieren Partei ergreifen.
— Z. B. bei der
Formulierung: „Er interessiert sich für die Haltbarkeit des Systems“,
meine ich, wird die Kritik übertrieben. Stattdessen würde ich sagen: Er
argumentiert fast soziologisch, interpretiert es als einen
gesellschaftlichen Zusammenhang, aus dem keiner raus kann. Also er
bleibt Kapitalismuskritiker, macht darin aber seine Fehler.
Beim ersten Punkt – Parteinahme und wissenschaftliche Auskunft sind
doch kein Gegensatz – war die Entgegensetzung zu der Revi-Position
nicht klar genug. In dem alten Standpunkt, Partei für die Unterdrückten
zu nehmen, steckt der Vorwurf ans System, es sei eine riesige
Ungerechtigkeit gegenüber denen, die doch nach Marx allen Reichtum
schaffen. Dazu sagte schon Marx, der Reichtum beruht auf Arbeit und
Natur. Sie aber benutzen Marx für ihre ausführlichen Erläuterungen über
die Ungerechtigkeit der kapitalistischen Verhältnisse, die auf einem
riesengroßen Betrug derjenigen beruhen, die in ihnen um ihr erworbenes
Anrecht betrogen werden. Also ist Sozialismus die gerechte
Inbesitznahme des Reichtums durch diejenigen, die ihn schaffen, nämlich
die Arbeiter, und der Staat ist die Instanz, die dafür sorgt.
Wenn jetzt jemand kommt und gegen diesen 'Moralismus', im Kapitalismus
gehe es prinzipiell ungerecht zu, den Standpunkt setzt, das sei eine
unwissenschaftliche Auffassung von Marx, weil hier individuelles
Versagen statt das System haftbar gemacht wird, weil hier ein
moralischer Vorwurf erhoben wird, macht er erstens einen Fehler, weil
er System und Agenten auseinander nimmt, zweitens die eigentümliche
Konfrontation, Marx gegenüber dem, abfällig so genannten
'Arbeiterbewegungs-Marxismus' richtig stellen zu wollen. Man kann sich
hier fragen, wieso Arbeiterbewegung gleich eine Abqualifizierung ist.
Heinrich weist eine Kritik an der Ausbeutung erstens damit zurück, sie
sei unwissenschaftlich und dogmatisch, weil praktisch oder parteilich.
zweitens verpasse sie das eigentlich wichtige Systematische, weil sie
moralisch sei. Er klärt aber nicht den Gegensatz von Moral und
Systemkritik auf.
Heinrichs Aussagen zum Funktionieren des Systems fassen alles zu
Kritisierende zusammen. Ihm wird nicht vorgeworfen, er sei Parteigänger
des Funktionierens, sondern ein Rätselsteller des Funktionierens. Er
wirft ein falsches Problem über die Haltbarkeit des Systems auf und
gibt eine falsche Antwort.
— Ich habe noch eine
Schwierigkeit mit dem Ausdruck 'Parteilichkeit'. Eigentlich dachte ich,
vor ca. 30 Jahren wäre unsere Kritik an den Revis gewesen, dass sie
parteilich denken und man sollte es dagegen wissenschaftlich machen.
— Wenn man erklärt,
was das Spezielle am kapitalistischen Reichtum ist – es kommt auf den
Wert an, der besteht darin, so viel wie möglich Mühe einzusaugen –,
ergibt sich daraus eine bestimmte Stellung. So geht die Wissenschaft
und die Parteilichkeit zusammen. Wenn man sich etwas erklärt und davon
negativ betroffen ist, ist die Parteilichkeit klar und man will das
loswerden. Heinrich meint dagegen, so würde der Pfad der Tugend und
Wissenschaftlichkeit verlassen, weil eine Handlungsmaxime daraus
abgeleitet würde. Die eigene Parteilichkeit ist aus der Betrachtung
herauszuhalten, aber man kann schon sagen, was man von so einem Laden
hält. Das ist dann der logische Übergang, nicht einer, der mit der
erklärten Sache nichts zu tun hat. Das ist anders bei den Revis, die in
ihre Urteile lauter parteiliche Urteile mischen und völlig zu Unrecht
Marx als Beleg zitieren.
Heinrichs Opposition gegen das, was er als falsche, moralische,
arbeiterbewegungsmarxistische Kritik am Kapitalismus festhält, ist die
Kritik am Vorwurf des individuellen, moralischen Versagens des
einzelnen Kapitalisten. Dabei sei Kapitalismus ein Zusammenhang der
Konkurrenz, der jedem einzelnen etwas aufzwingt, also „alle, auch
diejenigen, die vom Wirken des Kapitalismus profitieren, sind Teil
eines großen Räderwerks. Der Kapitalismus erweist sich als eine anonyme
Maschine, die keinen Maschinenmeister kennt, der diese Maschine mit
seinem Willen lenkt und dem man für die von dieser Maschine
angerichteten Zerstörungen verantwortlich machen könnte.“ Das ist sein
Gegensatz zur von ihm kritisierten parteilichen Kritik am Kapitalismus.
Daraus werden im Artikel einige Schlüsse gezogen: Hier liegt eine
eigentümliche Entgegensetzung von Agenten und Gesetzmäßigkeiten vor,
von gesellschaftlich (mit Gewalt) gültig gemachten Interessen. Damit
wird erstens das Interesse, verfolgt als gegensätzliches aller
Kapitalisten, die ums gleiche konkurrieren, zum Zwang gegen alle
anderen. Ihr eigenes Interesse tritt ihnen als äußere Marktanforderung
gegenüber. Sie sind zweitens als Charaktermasken mit ihrem Interesse
zugleich Repräsentanten des gültigen Kapitalzwecks. Diese bekannten
Aussagen nimmt Heinrich sehr konsequent auseinander und stellt sie
gegeneinander. Das ist keineswegs unschuldig, sondern sehr folgenreich.
Eine der Folgen ist, dass er zwar laufend durchaus über Klassen redet,
aber gar nicht am Klassengegensatz dieser Gesellschaft herum
argumentiert, sondern an der gemeinsamen Befangenheit in Systemzwängen.
Wer sagt, er kenne keinen bestimmten Verantwortlichen, bleibt auf der
Ebene der Verantwortlichmachung. Wenn er sagt, im System seien alle
befangen, löst er die Verantwortungsfrage dadurch, dass er die von Marx
so genannte Charaktermaske in zwei Seiten auseinanderlegt, zum einen in
Agenten, die man haftbar machen könnte, wenn sie es bewusst machten.
Zum anderen macht er getrennt davon einen anderen Grund fürs Agieren in
diesem System verantwortlich, eben diesen Zusammenhang selbst, in dem
alle entsubjektiviert, aus dem Standpunkt der Verantwortlichkeit
entlassen sind, ohne den Standpunkt selbst aufzugeben. Er macht einen
falschen Parteilichkeitsvorwurf, weil er 'durchs System erzwungen'
abstrakt gegen Moral setzt.
— Wenn Heinrich
Konkurrenz sagt, heißt das bei ihm, die Leute können nichts dafür,
selbst die Funktionäre, weil unterstellt ist, Konkurrenz ist ein
Systemzwang getrennt von den Funktionären. Aber dass die Kapitalisten
sich konkurrierend selbst lauter Zwänge aufnötigen heißt nicht, die
Konkurrenz wirkt über sie, sondern sie ist ihr Interesse, mit dem sie
aufeinander losgehen. Da steht im Artikel: Der Zwang der Konkurrenz ist
nichts anderes als die Rückwirkung ihres eigenen Interesses. Sie
nötigen sich selbst die Messlatte des Erfolgs dabei auf.
— Das hat Heinrich
aber auch so ausgedrückt, wenn er sagt, die Konkurrenz kommt aus der
Logik der kapitalistischen Warenproduktion, Marktanteile erobern, das
Verhältnis Vorschuss- Überschuss verbessern usw., das alles ist da doch
mitgedacht.
— Nein. Die Aussage
all seiner Zitate ist: Konkurrenz ist ein Zwangszusammenhang, der gilt
für Kapitalisten genauso wie für Arbeiter, alle sind sie einer Logik
untergeordnet. Und diese ist etwas anderes als das, was ihm zugute
gehalten wird. Wenn er alles – von der Ware bis zum Staat – als einen
Verblendungszusammenhang begreift, in dem die Leute befangen sind,
fällt schon auf, wie nah Heinrich an denen ist, von denen er sich
absetzt. Es ist halt etwas anderes, sich darum zu kümmern, wie geht
Kapitalismus, als die Erklärung für sich zu unterstellen. Das sei eh
klar, nur das Rätsel, warum es niemand kapieren kann. Eine Erklärung
von der Sache hin zu den wissenschaftsmethodischen Frage: Kann man sich
die Sache überhaupt erklären und den Gegenstand der Erklärung dafür
verantwortlich zu machen, dass man sich den nicht erklären kann; das
ist sein Fehler, wenn er 'statt Parteilichkeit Funktionieren' sagt.
Es ist eine falsche Opposition zu moralischer Verantwortung darauf
hinzuweisen, sich durch die Konkurrenz dazu genötigt zu sehen. Wenn man
erklärt, wie das System funktioniert, hat man die Agenten doch haftbar
gemacht. Dann hat man ihr Interesse als gültiges, anerkanntes, sich
durchsetzendes erklärt und sich damit gleich von dem falschen
Vorwurfswesen an sie verabschiedet. Aber der Gegensatz von 'statt
individuell System' verschiebt das 'moralische oder richtige Kritik'
auf eine andere Ebene. Moralisch ist eben nicht einfach, ich mache
einen individuell haftbar. Sondern moralische Kritik heißt, ich werfe
ihm, oder dem System, vor, Werten nicht zu entsprechen, die er selber
propagiert, oder die ich ihm unterstelle.
Mit moralischer Kritik wird jemandem etwas angelastet, statt sich um
die Systemgründe zu kümmern, es wird jemand an Verpflichtungen, an dem
Begriff seines Tuns gemessen, den man aus dem eigentlich Gebotenen
entnimmt, also ein Gerechtigkeitsstandpunkt aufgemacht. Dem gegenüber
kann man entweder mit Marx sagen, Gerechtigkeit ist immer die
Gerechtigkeit der herrschenden Verhältnisse, oder man sagt, richtige
Kritik erledigt dieses Messen von irgendetwas an einer Vorstellung
davon, was sich gehört oder wogegen ein anderer verstoße und appelliert
daran, das sollte eigentlich der Maßstab seines eigenen Handelns sein.
Wenn Heinrich sagt, die Frage der individuellen Schuld sei erledigt,
weil es nicht um individuelle Interessen, sondern um Systemzwänge
ginge, ist das Interesse im System aufgehoben.
— Heinrich hält den Revis
vor: Wenn ihr die einzelnen Kapitalisten als Böse hinstellt, dann
verfehlt ihr Marx. Er will sie auf die richtige Marxrezeption verweisen
und hat dafür als Erklärung immer dieses, von ihm als Rätsel aufgebaute
System der Zwänge. Er kritisiert Moral nicht richtig.
Er hat von daher eine eigentümliche Auffassung von der Notwendigkeit
der kapitalistischen Verhältnisse, um die es ihm geht. Nur sein Begriff
davon ist, hier nicht Interessen anzuprangern, an denen man den
Kapitalismus feststellen und kritisieren kann, sondern hier ist ein
System am Werk, das die Leute nicht als die bewussten Subjekte
betreiben, sondern als dem System Unterworfene. Wenn ich sage, dieses
System funktioniert anonym, habe ich die Frage aufgeworfen, steckt
hinter dem ganzen Laden noch irgendwo ein haftbar zu machendes Subjekt.
Das ist eine eigentümliche Entgegensetzung von Subjekten, die in der
Welt rumlaufen, und System, das kein Subjekt hat.
Dass den Kapitalisten individuell ein Schuldvorwurf gemacht würde, ist
seine Kritik an den Revis. Dabei haben die Revis gar nicht den
Standpunkt vertreten, dass das System nicht kritikabel sei. Sondern das
war ihre Kritik am System. Die Kapitalisten betrügen die Arbeiter um
das ihnen Zustehende. Das ist nicht der Gegensatz von individuell oder
systematisch. Der moralische Vorwurf ist das Urteil, das System sei
ungerecht. Da kommt als Grund auch böser Wille vor. Aber der Gegensatz
ist nicht anonyme Maschine statt individueller moralischer Schuld.
— Marx schreibt: Die
Ware geht nicht allein zum Markt. Es gibt einen Agenten, der die
Gesetzmäßigkeiten vollzieht. Die Kapitalisten, die den Arbeitern als
Ausbeuter gegenüber stehen, sind deren Interessengegner. Innerhalb
dieses Systems gibt es einen Gegensatz der Interessen. Da kann man doch
benennen, wer die Agenten sind. Für die Arbeiter als willentliche
Agenten der anderen Seite und deren Auffassung, dass Arbeit ihr
Lebensmittel ist, haben wir auch nichts übrig.
Im Artikel wird nicht behauptet, dass Heinrich alles falsch mache,
sondern eigentümliche Verlängerungen von Marx-Referaten zu machen,
wobei er seine Übergänge nicht erklärt, sondern hinschreibt und
Reflexionen anhängt, die sich in falsche Richtungen bewegen. Es wird
gekennzeichnet, auf welch eigentümliche Probleme und Antworten er bei
der Marxlektüre kommt, die er gegen ein falsches Marxverständnis –
'moralische Kritik = der einzelne Kapitalist wird haftbar gemacht' –
setzt.
Mit dem subjektlosen Zwangszusammenhang nimmt er eine eigentümliche
Stellung dazu ein, was er durchaus weiß und auch kritisiert, dass es
eine Klassengesellschaft ist. Klassen heißt bei ihm hier aber nur, alle
seien Teil des Systems.
— Es handelt sich um
eine Mystifizierung der Konkurrenz, wenn man behauptet, es gäbe in ihr
nur Objekte bzw. Opfer.
Wie schon gesagt, geht es Heinrich darum, den Kapitalismus als eine
subjektlose Maschine zu kennzeichnen, weshalb niemand haftbar zu machen
wäre. Mit dem Begriff der Maschine benennt er einen Zusammenhang, der
sich aus sich selbst erhält, in dem die Beteiligten nicht Subjekte,
sondern Befangene sind. Daraus folgt, die Leute haben kein Bewusstsein,
sich als Subjekte dieser Verhältnisse zu sehen. Heinrich setzt
„notwendig“ und „falsch“ in einen eigentümlichen Gegensatz. „Notwendig“
setzt er mit erzwungen, unbewusst gleich.
Entsprechend den ihnen vorgesetzten Gegebenheiten handeln die Leute
logisch und konsequent. Falsch ist das Bewusstsein nur vom externen
Standpunkt aus. Also wird damit auch keine falsche Stellung zur
Ausbeutung und ihren Widersprüchen kritisiert.
— Das Interesse
daran, wie das System funktioniert, geht bei Heinrich darauf, warum die
Leute das, was offensichtlich vorliegt, nicht erkennen können. Der
Kapitalismus löst sich in einen Verblendungszusammenhang auf, dem
niemand mehr so recht entweichen kann. Ausgehend davon, dass er unsere
Kritik an der falschen Parteilichkeit der Revis durchaus teilt. Die
Schuldfrage verharmlost den Kapitalismus in ein Verhältnis der
Ungerechtigkeit. Er setzt sich von der Parteilichkeit ab, um daraus
eine Frage der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit des Einsehens zu machen.
Aus den beiden falschen Übergängen, die Heinrich aus seiner
Marx-Lektüre macht, zum einen den Gegensatz, statt individueller
Haftung das sich selbst erhaltende System zu benennen, zum anderen aus
dem interessierten Sich-Einrichten im Kapitalismus ein sich in ihm ohne
Bewusstsein zu bewegen zu machen, leitet er die Unmöglichkeit einer
Kritik ab. Es sei denn, man stellte sich außerhalb dieses Systems, was
die zu Kritisierenden von sich aus nicht zustande brächten. Es handle
sich somit um eine notwendig befangene, für sich passende Einstellung
zum System. Nur wer das Ganze von außen betrachtet, sei in der Lage
nicht moralisch zu argumentieren.
Drittens räsoniert Heinrich über Wert und abstrakte Arbeit. Er
bestreitet die Marx’schen Aussagen, dass abstrakte Arbeit durchaus eine
gesellschaftliche Bewertung jeder konkreten ist, nämlich danach, was
sie an 'Verausgabung von Hirn, Muskel, Nerv' erfordert, an dem die
gesellschaftliche Anerkennung des Verfügungsrechts über Reichtum hängt.
Der Aufwand, der getrieben wird, zählt als Anwartschaft auf
Privateigentum, der im Austausch realisiert wird. Heinrich kritisiert
das vom Standpunkt aus, das Abstrakte an der Arbeit wäre nur eine
Kategorie des Austausches. Er stellt damit die Frage, wie sich das, was
mit abstrakter Arbeit behauptet ist, herstellt. Nur durch den Austausch
würde der (unbewusste) gesellschaftliche Zusammenhang hergestellt, den
es sonst nicht gäbe. Er nimmt damit Abschied vom ausbeuterischen
Charakter der Arbeit, entkleidet sie dessen, dass sie für den
kapitalistischen Markt verausgabt wird, die handfeste Brutalität der
abstrakten Arbeit an der konkreten greifbar ist.
— Heinrich
interessiert sich gar nicht für den Inhalt dieser Reichtumsproduktion.
Er will die Abstraktion vom Inhalt der Gesellschaftlichkeit abstrakter
Arbeit festhalten.
Er stellt einen eigentümlichen Begriff von abstrakter Arbeit auf,
explizit in Kritik an Marx, der feststellt, dass es die wirklich als
Wertbestimmung gibt, als der Aufwand, der für die Herstellung von Waren
betrieben wird. Dieser Aufwand ist gleich dem im Eigentum verbürgten
Verfügungsrecht, er existiert an der Arbeit als gemessene Größe und
deswegen auch als praktisches Verhältnis im kapitalistischen Betrieb.
Die falsche Verlängerung, die abstrakte Arbeit als Wertmateriatur nicht
im Arbeiten, sondern nur im Austausch festzumachen, ist der Überlegung
Heinrichs geschuldet, wie aus gesellschaftlich unbewussten Produzenten
ein gesellschaftlicher Zusammenhang wird.
Heinrich will das Funktionieren des Systems zum Thema machen mit der
kleinen Verschiebung, wie das funktionieren kann. Es ist etwas anderes,
sich unvoreingenommen, wissenschaftlich dieses System zu erklären –
durchaus mit dem Auftrag, man muss wissen, wie es funktioniert und wie
die Leute darin vorkommen, weil man dagegen ist –, als sich die Frage
zu stellen, wieso das funktionieren kann. Das ist die Verwandlung einer
Analyse in ein Rätsel.
Wenn jemand von Klassengegensätzen spricht und dann bei Systemzwängen
landet, streicht er damit den Gegensatz. Heinrich begreift die
eigentümliche Gemeinsamkeit, Teil des Systems zu sein, als das
Wesentliche.
— Heinrich sagt nicht,
was er an der Parteilichkeit der Revis falsch findet, sondern
behauptet, den Klassengegensatz kenne doch jedes Kind, das sei
langweilig. Er fragt sich, wie man den Zwangszusammenhang im
Kapitalismus finden kann, der die Leute daran hindert, den richtigen
Schluss zu ziehen. Da trägt Heinrich eine wissenschaftlich ausgebaute
revisionistische Geisteshaltung vor.
Ihren Ausgangspunkt hat diese Haltung in der Frage nach dem
gesellschaftlichen Zusammenhang in diesem System, in denen es doch
eigentlich eine Reihe von Gegensätzen, von nicht bewussten
gesellschaftlichen Zusammenhängen gibt, in denen die Leute gar nicht
durchschauen, was sie treiben.
— Die Revis
behaupten auch, die objektive Klassenlage bestimme das Denken, je
schlechter es den Arbeitern ginge, desto eher müssten sie etwas gegen
das System haben. Dem hält Heinrich den systembedingten
Zwangszusammenhang entgegen, dem alle in der Gesellschaft verhaftet
sind.
Auf die Frage nach dem Stand des revolutionären Bewusstseins gibt
Heinrich die Antwort, möglich sei ein solches schon, wahrscheinlich
aber eher nicht.
Sein Rätsel ist die Abstraktion von der Frage nach den Gegebenheiten,
weil es an die eine soziologische Frage stellt, nämlich mit der
Erklärung nicht fertig zu sein. Die (tautologische) Antwort – das ist
das System – ist genauso abstrakt. Mit der Beschreibung eines
Funktionsmechanismus abstrahiert er von allen Gegebenheiten.
Zu Heinrichs Auffassung über den Staat, der Gewalt im Kapitalismus: Er
behauptet, sobald das System einmal eingerichtet ist, die
Eigentumsordnung gesichert ist, brauche es den Staat nur noch am Rande,
bloß die Eigentumsordnung muss gesichert sein. Er hätte durchaus darauf
kommen können, wie viel Gewalt gerade dafür nötig ist, um solche Dinge
wie das Geld, die Eigentumsgegensätze und Vieles mehr zu regeln.
— Ist es nicht so,
dass es tatsächlich nicht permanent der unmittelbaren Gewalt bedarf,
vielmehr der stumme Zwang der Verhältnisse das Meiste regelt?
Die Gewalt tritt doch nicht erst in Erscheinung, wenn gegen Ge- und
Verbote verstoßen wird. Diese sind eine Einrichtung und Beaufsichtigung
der Gewalt.
Der stumme Zwang der Verhältnisse ergibt sich – zum Beispiel beim
Geldverdienen – daraus, dass aus den gegebenen gesellschaftlichen
Mitteln des Produzierens und Reproduzierens die Stellung der Subjekte
zu diesen Mitteln auf Gewalt beruht und immer wieder auf sie
zurückführt.
Jede noch so friedlich ablaufende Tarifrunde ist ein Beweis dafür, dass
die Interessenverfolgung der jeweiligen Parteien, die innerhalb dieses
stummen Zwangs agieren, immerzu auf den Staat als regelnde und
überwachende Instanz zurück verweist. Heinrich macht die Tatsache, dass
der Staat hierzulande kaum noch mit direkter Gewalt gegen die Arbeiter
vorgeht, weil und wenn diese sich organisiert zur Wehr setzen, zum
Beleg dafür, dass Zwangsgewalt eigentlich nur noch in Ausnahmefällen
vonnöten sei. Damit verpasst er den Charakter des staatlichen
Gewaltmonopols, das die gesellschaftlichen Verhältnisse beherrscht und
laufend betreut und das Treiben der konkurrierenden Figuren in ihren
alltäglichen Auseinandersetzungen bestimmt. Aus der Tatsache, dass dies
Gewaltmonopol allgemein anerkannt ist, macht er den Beweis, dass Gewalt
eine vernachlässigbare ‚bloß-noch’ Größe sei. Das wird auch nicht
richtiger durch den Vergleich mit früher, als der Staat noch mehr
zugeschlagen habe. Heinrich kommt darauf, weil er Staatsgewalt nur als
ein Beiwerk, ein Moment der Maschinerie ‚kapitalistisches System’
nimmt, sozusagen als Unterelement eines Systems, das erstaunlicherweise
– und so versteht er den stummen Zwang der Verhältnisse – quasi
automatisch funktioniert. Er übersieht dabei, dass diese Maschinerie
einen ziemlich gewaltsamen Motor braucht.
— Auch wenn man
nicht gleich an den Staat denkt, hat die Aussage von Marx zum stummen
Zwang ihre Härte darin, dass damit gesagt ist, der gesellschaftliche
Zusammenhang der Leute stellt sich nicht in der freien Betätigung ihrer
Interessen her. Der Kapitalismus ist keine Gesellschaft, in der die
Leute ihre Bedürfnisse organisieren. Die zweite Aussage ist: Die
Verhältnisse beruhen auf einem von den Leuten unmittelbar getrennten
Zwang, der in allem, was die Leute sich gegenseitig antun, permanent
präsent ist. Es gibt das Privateigentum und das BGB, in dem drinsteht,
was die Leute dürfen und was nicht und das täglich an ihnen herauf- und
herunterdekliniert wird.
Es ist eine merkwürdige Sicht auf den Staat und seine kapitalistische
Gesellschaft, wenn gesagt wird, dass zu deren Funktionieren keine
unmittelbare Gewalt nötig sei – der Staat passe ja ‚nur’ darauf auf,
dass die Leute sich als Privateigentümer verhalten. Das stellt das
Gewaltmonopol des Staates und sein Agieren als ideeller
Gesamtkapitalist auf den Kopf, wobei in diesem Terminus auch
drinsteckt, dass es laufend eine über der konkurrierenden Gesellschaft
stehende Gewalt braucht, die den gesellschaftlichen Zweck der
Kapitalvermehrung im nationalen, also im Sinne der Herrschaft geltend
macht, die dauernden Friktionen unter Kontrolle hält, regelt und
befriedet.
Zur Schlusseinordnung im Artikel: Es sollte nicht behauptet werden,
dass Heinrich ein sorgenvoller Parteigänger eines funktionierenden
Kapitalismus sei, sondern es wird festgehalten, dass er sagt, das
revolutionäre Bewusstsein sei als Konsequenz aus seinem Standpunkt,
dass die Leute in ihrem Denken eigentlich alle befangen sind, eine
ziemlich relative Angelegenheit. Die Frage der Kritik an den
Verhältnissen ist dann eine des eher zufälligen Hinaustretens und nicht
mehr eine der klar zutage tretenden und anzugreifenden Widersprüche.
Aus dem, was er aus dem „Kapital“ gelernt hat, ergibt sich wegen seiner
Fiktion einer allgemeinen Verblendung jedenfalls keine Möglichkeit, die
Leute zu irgendetwas aufzuhetzen, sondern nur aus den möglichen unguten
Wirkungen wie Krisen und Arbeitslosigkeit.
Offensichtlich ist für ihn das, was er von Marx zitiert hat, als
Vorwurf nicht ausreichend. Stattdessen zitiert er die gängigen Titel,
die hierzulande anerkannt und unterwegs sind und die darauf gehen, dass
diese oder jene negativen Wirkungen in diesem System doch geregelt sein
müssten. Deswegen macht er sich an dieser Stelle gemein mit dem
affirmativen Standpunkt, diese seien der Skandal am Kapitalismus.
Unsere Kritik dieses Standpunkts, zu dem er sich vorgearbeitet hat, ist
auch nicht die Kritik, er sei doch bloß ein leicht abgehobener
Sozialmensch oder Attac-Anhänger. Er tritt an als einer, der sagt, dass
Revolution schon sein müsse und macht dann eine ganze Theorie darüber,
dass die, die sie anzetteln sollen, das eigentlich wegen ihrer
Befangenheit im System gar nicht können.
Er beantwortet also die Revi-Frage nach dem revolutionären Subjekt mit
‚möglich, aber gar nicht selbstverständlich’ und fällt damit ein Urteil
über das Bewusstsein im Kapitalismus. Zweifel, ob ein Umsturz je
möglich ist, sind angebracht. Von dem Willen zu einer revolutionären
Veränderung bleibt übrig, dass er an ein paar gute Gründe erinnert, die
es doch dafür gäbe und die jeder teilt. Soweit auch er sie teilt, nimmt
er den Standpunkt der Sorge um das existente soziale Gefüge ein, das
der zerstörerische Kapitalismus immer wieder bedrohe (S. 117) und das
ist etwas anderes, als mit Marx die kapitalistische Ausbeutung zu
kritisieren. Es wird nicht behauptet, dieser Standpunkt mache Heinrich
aus, aber indem er sich vorarbeitet zu dem Rettungsanker einer
allgemein geteilten Kritik an diversen ‚Auswüchsen’, erlaubt er sich
eine ziemliche Relativierung einer Kritik, die ganz anders angetreten
ist.
Noch mal zur Einleitung: Den alten Revis, deren Standpunkt war, wegen
Ungerechtigkeit im Kapitalismus eine gerechtere Gesellschaft schaffen
zu wollen, wirft Heinrich „Arbeiterbewegungs-Marxismus“ vor, wobei
‚Arbeiterbewegung’ eine Kritik sein soll. Den Moralismus der alten
Revis kann man ja auch angreifen, man muss es nur richtig machen, aber
die Kritik ‚Arbeiterbewegungsmarxismus’ bestreitet denen das Recht auf
die Berufung auf Marx, dieser wird als eine Instanz für oder gegen
etwas vereinnahmt. Zweitens wird er als Berufungsinstanz ausgerechnet
denen streitig gemacht, die in verschiedenen linken Couleurs unterwegs
waren. Was hat man denn heutzutage gegen einen
Arbeiterbewegungs-Marxismus anzukämpfen, den es noch nicht einmal gibt?
Woher kommt dieses Bedürfnis, das zu denunzieren und dagegen einen
sogenannten wissenschaftlichen Marxismus zu setzen? Da ist Heinrich
doch nicht in die ganz falsche Ecke gestellt, weil auch er sich
verabschiedet von dem, was Marx im Auge hatte, nämlich dass richtige
Kritik eine Handreichung für das Proletariat ist.
Er ist sich einig mit den anderen am Anfang zitierten Marxologen, die
zum Hauptthema haben, wie es um das Bewusstsein der Leute steht. Bei
ihm geht es immer darum, wie es um das Verhältnis ‚gesellschaftliches
System’ und der Einbegriffenheit und dem Einsortiert sein der Leute in
dieses steht. Als eigentlicher Vorwurf an das System und auch an die
Figuren in ihm bleibt übrig, dass das kein ordentlicher
gesellschaftlicher Zusammenhang ist und die Leute ziemlich unbewusst
herumlaufen. Da ist es doch korrekt, am Anfang darauf hinzuweisen, dass
Heinrich sich einreiht in eine Art der Befassung mit dem Marxismus, die
dessen Kritik am Kapitalismus als simplifizierend und dogmatisch
betrachtet, also gar nicht widerlegt. Heinrich sagt das nicht so,
sondern weist darauf hin, dass diese Kritik der alten Revis ein purer
Moralismus sei statt einer Einsicht in den Zwangscharakter des Systems.
Er deckt sich hinsichtlich der Frage der Durchschaubarkeit dieses
Systems mit den anderen am Anfang des Artikels erwähnten Autoren darin,
dass das Durchschauen eine esoterische, elitäre Angelegenheit sei, dass
die in dem System Lebenden zuerst einmal davon ausgenommen seien und
kein einfacher Weg von den erfahrenen Widersprüchen und Gegensätzen zur
Einsicht führe, sondern umgekehrt, dass man sich über diese
richtiggehend erheben müsse, um sie kritisieren zu können. Der ganze
Kapitalismus ist eine Mystifikation, in der die Leute befangen sind –
diesen Fehler teilt er mit den anderen antimarxistischen
Marx-Philosophen, von denen er sich auch gar nicht absetzen will.
Im Übrigen macht der Umgang der Marxologen mit der Kapitalismus-Kritik
von Marx, ihr Unterfangen, seine Kritik der kapitalistischen Ausbeutung
in eine Entfremdungs-Theorie zu verwandeln, diese zu unseren
theoretischen Gegnern. Deswegen ist in der Einleitung die Rede von
zweifelhaften Freunden und eindeutigen Feinden des „Kapital“ (S. 93),
wobei es nicht um deren Verdammung geht, sondern um die Kritik an
falschen Auffassungen und auch politischen Konsequenzen – natürlich
immer eingedenk dessen, dass das Leute sind, die sich Marx zum Thema
gemacht haben, also erst mal nicht auf dem Standpunkt stehen, dass
dessen Werke nichts taugen – was immer sie dann daraus machen. Aber die
Auseinandersetzung läuft nun mal ausschließlich über den Austausch von
Argumenten, bzw. über das Auseinandernehmen der falschen Inhalte und
darin allein liegt der Unterschied zur ‚Behandlung’ eines reaktionären
Politikers, dessen Auslassungen man zerpflückt.