Jour fixe vom 30.06.08
Zum Thema: Wie funktioniert Moral, warum sind die Mehrzahl der Menschen so für das System, woher kommt das 'notwendig falsche Bewusstsein'?, wurden Einwände vorgebracht. Bezogen auf den Grundsatzartikel zur Moral im GS 1-95 wird kritisiert, wir übten Kritik am falschen Bewusstsein und versuchten es zu widerlegen, das wäre aber etwas anderes als die Erklärung, warum es das falsche Bewusstsein, den Nationalismus, die Moralität der Menschen gibt. Diese Gegenüberstellung ist fragwürdig, denn wenn man moralische Einstellungen seiner Mitmenschen oder eigene kritisiert, kommt man unweigerlich auf die Gründe für die Überzeugung, auf Argumente, die davon zeugen, wie jemand sich die Welt zurechtlegt, sieht und interpretiert. Vielleicht gibt es auch verschiedene Arten von Argumenten – das falsche Bewusstsein sieht in den verschiedenen Klassen dieser Gesellschaft unterschiedlich aus -, die die Menschen dafür anführen, dass sie sich so zur Welt stellen, wie sie es tun. Der Kritik liegt die Vorstellung zugrunde, es gäbe jenseits der Gründe, die die Leute für sich geltend machen, warum sie die Welt so sehen, noch irgendwelche – in ihrem Denken wirkende, dieses determinierende – Gründe, warum sie so verkehrt denken. Diese Unterscheidung ist eher fragwürdig. Vielleicht sind die Gründe, die die Menschen haben, die Fehler, die sie bei den von ihnen entwickelten Überzeugungen machen, tatsächlich auch die Gründe für die Vorstellung, die sie haben.
Das fällt nicht damit zusammen, sich darüber Rechenschaft zu geben, wie die Welt beschaffen ist, mit der die Menschen es zu tun haben und was die alles schon an Umständen der Existenz vorgibt. Vorgegeben sind nicht nur beliebige Sachen, sondern Dinge, die die Art ihrer Handhabung schon weitgehend in sich enthalten, die diese vorschreiben. Die insofern also schon nicht einfach eine Realität sind, sondern in der Realität eine ganze Handlungsanweisung enthalten. Dass also die Realität schon lauter Imperative, wie man sich zur Welt stellen soll, enthält. Zur Frage, warum lassen sich die Leute, auch wenn sie merken, dass es für sie schädlich ist, darauf ein, soll man nicht nach einem Geheimnis suchen, das logisch angesiedelt ist in einer nicht zu klärenden Fiktion. Die falschen Vorstellungen bestehen eben darin, dass Leute sie sich machen. Die Gründe, warum sie das machen, gehören in den Komplex des Nachdenkens über sich und die Welt hinein und sind nicht außerhalb davon zu suchen. Was außerhalb davon zu entdecken ist, ist die Realität, die schon eine Menge das ganze Leben ausfüllender Handlungsanweisungen beinhaltet, und die werden den Menschen auch wie Sachverhalte zur Kenntnis gebracht.
Das kann man am Geld erklären: Es ist kein beliebiges Ding, mit dem man machen kann, was man will. Wenn Angeber sich mit einem Geldschein die Zigarre anzünden, ist es nicht der adäquate Umgang, der mit dem Geld geboten ist. Es ist die Existenz eines allgemeinen Äquivalents, mit dem man einkaufen soll – die Frage, was kauft man damit ein, ist eine Entscheidung auf der Grundlage, wie viel man hat und was man damit will. Das ist die Welt der Alternativen, die sich auftun. Damit ist eine riesige Abteilung pragmatisch falschen Bewusstseins angesprochen, in dem Sinn, dass man sich auf das Geld als Mittel einlässt. Weil es eben das Mittel ist, sich in dieser Welt zurechtzufinden, irgendwie über die Runden zu kommen. Das wird dann schon auch der Grund dafür sein, dass man sich positiv zu dieser Einrichtung stellt. Gleichzeitig ist es eine Einrichtung, die unabhängig von allen Argumenten, die jemand in Bezug darauf hat, schon eine ganze Welt von Notwendigkeiten einschließt. Wenn es aufs Geld als allgemeines Äquivalent, als Kaufmittel, als Zugriffsmittel auf alles und jedes, was man zum Lebensunterhalt braucht, ankommt, dann ist das keine spinnöse Vorstellung, sondern die Realität, die in diesem Ding gegeben ist. Die Welt, in der man sich bewegt, enthält nicht beliebige Optionen, sondern zu der kann man sich richtig oder verkehrt, opportunistisch, produktiv oder ablehnend stellen, das sind Einstellungen zu dieser Realität, die es massenhaft gibt.
— Freilich muss man sich zum Geld so stellen, dass man es benutzt, aber woher kommt das, dass man theoretisch dazu ja sagt? Warum stellen sich die Staatsbürger theoretisch so dazu, es richtig zu finden?
Die häufigste Antwort der Leute darauf ist: Geld ist ein notwendiges Übel. Da liegt der Schluss drin, weil man es braucht, kommt man nicht darum herum, sich darum zu kümmern. Damit ist für die meisten Leute die Sache gelaufen, weil sie sich ab dann mit der Notwendigkeit der Beschaffung und dem sorgfältigen Ausgeben befassen. Die Notwendigkeit kommt aus den Verhältnissen, in denen man lebt.
Klar gibt es alle möglichen Fortsetzungen. Eine Elementarform der affirmativen Stellung dazu ist: Wer den Pfennig nicht ehrt …Aber erst mal ist es ein ganzes Reich der Notwendigkeiten, das sich damit praktisch auftut. Wobei das Nachdenken der Menschen – mit Ausnahme luxuriöser Rentnerexistenzen - sehr darauf festgelegt ist, sich laufend mit der Sicherung dieser Quelle zu beschäftigen. Es ist nicht selbstverständlich, dass sie aus dem Drangsal, sich dauernd darum kümmern zu müssen, auf den Schluss kommen, einmal davon zurückzutreten und sich zu fragen, was das für ein Mist ist. Es ist vielmehr so, dass die Notwendigkeit praktisch die Menschen absorbiert, und was sie sich noch an Freiheit demgegenüber herausnehmen, ist von der Frage überschattet, es möglichst zweckdienlich auszugeben. Sich damit ein möglichst gutes Leben zu machen, darauf kommt es an, auch denen die sich mit blöden Sprüchen affirmativ zum Geld stellen.
Wir sind jetzt eigentlich bei der Frage: Wie sehr wird das praktische Verhalten der Menschen, die Art und Weise, wie heutzutage die Menschheit ihr Leben bewerkstelligt, dadurch schon präformiert, dass es dabei auf eines ankommt, das allgemeine Äquivalent zu haben, das den Zugang zu Allem erschließt, sonst ist man aufgeschmissen.
— Die theoretische Stellung der Leute heißt durchaus auch: Wir brauchen Geld als Verteilungsinstrument und Eigentum braucht's auch. Das gehört sich erklärt.
Als Unterschied ist festzuhalten: Die praktische Notwendigkeit der Befassung schließt eine Menge von Überlegungen, was man alles tun muss, um ans Geld ranzukommen, ein. Da finden einige Übergänge statt. Schon bei der Frage, wie man drankommt, tut sich eine Welt von Notwendigkeiten auf, die die Praxis des Berufslebens bestimmen und Überlegungen einschließen, wie man sich zu seinesgleichen stellt. Mit Geld und Gelderwerb ist nicht nur die Benutzung vorgegeben, sondern man ist in eine Welt der Konkurrenz gestellt. Die ist ja nichts, was man getrennt von sich behandeln kann. Das ist die Härte bei der Nötigung zur Konkurrenz. Es ist bekannt, dass das Geldverdienen mit Umständen verbunden ist, die einen nötigen, auf irgendeinem Feld, auf dem man sich bewegt, eine Konkurrenz einzugehen. Es beginnt schon in der Schule und hört nach der Ausbildung nicht auf, wenn man mit den Noten zur Konkurrenz um den Arbeitsplatz antreten muss. Das verdirbt schon den Charakter, weil man selbst das Mittel ist, mit dem man konkurriert; das ist die Härte.
— Man muss sich zum Mittel zu machen, ohne in sich selbst den Garanten für den Erfolg zu haben. Man ist gezwungen sich abzustrampeln, ohne selbst in der Hand zu haben, dass das gewünschte Ergebnis rauskommt. Das ist die andere Seite.
Wie die Menschen damit umgehen, stellt sich an jedem dieser Punkte eine Entscheidungsfrage: Will ich das mitmachen oder nicht? Die stellt sich schon für den Schüler, inwieweit er sich für eine gute Zensur krumm legt. Irgendwann merkt er, dass er um die Notwendigkeit des Konkurrierens nicht herumkommt. Bei der Notwendigkeit, an Geld zu kommen, stellt sich für ihn als nächste Frage: Klauen oder Zeitungen austragen? Die Alternative - zu konkurrieren oder es bleiben zu lassen – ist eben fiktiv. Wenn man es auf der einen Stufe bleiben lässt, handelt man es sich auf der nächsten wieder ein. Wenn einer sich reinschmeißt, ist es notgedrungen der Entschluss, sich zum Instrument fürs Geldverdienen zu machen. Das macht keiner, um Instrument zu sein, aber die Notwendigkeit, sich dafür herzurichten, ergibt die nächste: Gehe ich darin auf oder schaffe ich es, den Job distanziert zu machen.
Die Frage stellt sich praktisch schon in der Einteilung der Welt zwischen Berufssphäre und Privatsphäre. Keiner sagt, er lebt, um erfolgreich zu arbeiten. Jeder meint, er strengt sich an, um seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und dann im Privatleben loszulegen. Da hat man schon die Elementarform der falschen aber notwendigen aufgenötigten Lebensgestaltung. Der Standpunkt, die Arbeit für sich zu machen, der der elementare materialistische Ausgangspunkt eines Jeden ist, ist darüber nicht weg. Und schon ist er im Zwiespalt, wo die Aufrechterhaltung des materiellen Interesses - man macht es für sich - glatt noch zu einem Kampf neben der Notwendigkeit der Konkurrenz wird, nämlich vor der Selbstinstrumentalisierung die Sphäre des freien Genusses überhaupt zu retten. Es ist erst mal die Zweiteilung der Sphären. Die ist nichts vom einzelnen Menschen Veranstaltetes, sondern die Notwendigkeit, in die man mit dem Zwang zum Geldverdienen gestellt ist. Dass man in der Konkurrenz nicht auf seine Kosten kommt, ist jedem Menschen klar, weshalb als Angebot gilt, nach 8 – 10 Std. und 5 Tagen ist irgendwann Schluss, dann fängt das Reich der Freiheit an. Schon die Rechnung - 'Im Reich der Freiheit komme ich auf meine Kosten' - bekommt fast etwas Verlogenes gegenüber all den Notwendigkeiten, auf die man sich einlassen muss. Das Müssen liegt nicht in der Entscheidung der Leute - höchstens von ein paar Gutgestellten -, sondern es liegt in der kapitalistischen Natur der Arbeitswelt. Dazu stellt Marx in den Grundrissen fest, Reichtum wäre doch 'disposible time', plus natürlich einen Reichtum, den man dann genießen kann. Alle gigantischen Fortschritte der Produktivität dieser Gesellschaft seither haben nicht dazu geführt, dass diese verfügbare Zeit nennenswert zugenommen hätte. Gegen alle Notwendigkeit des Konkurrierens und sich selber Herrichtens, Tauglichseins, Bereitstehens, wann immer der Job anfängt, dagegen das 'Zuhause' - was von den objektiven Verhältnissen her eigentlich eine Restgröße ist -, festzuhalten als die Sphäre, auf die es fürs Lebensglück ankommt, bekommt da schon fast etwas von einer Lebenslüge. Wenn es das wirklich sein soll, wird das geradezu zu einem Kampf.
— Aber man muss, nur weil man genötigt ist, Geld zu verdienen, um hinterher sein Leben zu genießen, dafür nicht gleich schon Verfechter sein, dass dieses Verhältnis auch die Wahrheit der Geschichte sei, um diese Lebenslüge retten zu wollen gegenüber der praktischen Beschädigung.
Es soll noch gar nicht über die Theorie gehen, die sich einer dazu macht. Um das praktische Verhältnis, dass das die Sphäre ist, wo – wenn überhaupt – sich das Leben lohnt, kommt man nicht herum. Die Zweiteilung hat sich keiner gewünscht; auf die lässt man sich ein, weil es nun mal so eingerichtet ist. Selbst der Standpunkt, die Sphäre des Jobs zu funktionalisieren für die Sphäre der Freiheit, ist keine Frage der Freiheit, es so oder anders zu entscheiden. In Bezug auf die Privatsphäre darauf zu verzichten, dass sich da das Leben lohnen soll, wäre gleichbedeutend mit dem Abschiednehmen vom Materialismus. Schon hat man eine praktische Nötigung, sich darauf einzulassen, hier soll es jetzt klappen. Es ist die Tücke dieser Notwendigkeit: Man ist drin, man hat nichts anderes. Den Materialismus selbst noch zu retten, schließt fast schon die affirmative Stellung zu dieser Sphäre ein. Sich dazu so zu stellen, dass es alles nichts taugt, eine Revolution her muss und man sich bloß bis auf weiteres drauf einlässt, ist nicht das Normale.
Wir sind noch immer an dem Punkt der Frage, wie ein Mensch dazu kommt, sich zu der Welt der Zwänge positiv zu stellen. Schon in der Zweiteilung hat man die Notwendigkeit, sich dazu selbst positiv zu stellen, dann soll aber auch die Privatsphäre hergeben, was ich mir von ihr verspreche. Die Stellung: Ich werde benutzt und die Freiheitssphäre bringt's nicht, ist schon der Aufstand gegen die Zweiteilung. Den Menschen, der von vorneherein seinen Materialismus abschreibt, gibt es nicht. Diese Lebenslüge – gar nicht mal im subjektiven Sinn, dass einer sich was vormacht – wird praktiziert: Wenn irgendwo, dann hier, sucht man sich sein Vergnügen, baut sein Nest, versucht alles praktisch, um die Welt der Konkurrenz für diese Abteilung zu funktionalisieren. Den Standpunkt wird der normale Mensch dadurch, dass ihn das viel kostet in der anderen Sphäre, dass sich da alles Mögliche umdreht, er die Freizeit dann funktionalisieren muss für die Konkurrenz, nicht los. Da steht der Mensch wieder vor der Entscheidung: Bleibt er dabei, ich hab nichts anderes, also nutze ich die nicht vorhandene Chance, oder bringt er es dann noch fertig, sich dem gegenüberzustellen und sich zu fragen, auf welchen Mist er sich einlässt. Auch die Frage stellt sich letztlich jeder – in besinnlichen Stunden –, wie passt das zusammen, lohnt sich das Leben. Spätestens mit 50 zieht der Mensch Bilanz, wofür er sich sein Leben lang abgestrampelt hat. Dann stellt sich in dem angesprochenen moralischen Feld die Frage, wie man sich die Gedanken, die Gründe, wieso das so läuft, zurechtlegt. Lässt man sich die Gedanken - und das ist dann ein Fehler, den die Menschen machen, der selbst weiter keine Notwendigkeit hat - dann auch noch von den Erfahrungen seiner sonstigen Lebenspraxis vorgeben? Die Welt ist voller Interpretationen von berufener Stelle – der Bibel angefangen bis zum Feuilleton –, wie man sich einen affirmativen Vers auf diese Verhältnisse machen kann.
— Die Menschen entdecken in den Titeln und Interpretationen, die sie vorgesetzt bekommen, Hilfsmittel für ihre Einsprüche, z. B. es läge alles nur daran, dass es ungerecht zugeht. Das ist die interessierte Stellung: 'Ich will, dass mein Materialismus aufgeht, darum will ich Einspruch erheben', ohne sich klarzumachen, worin die Sache besteht, sondern einfach sich auch auf die theoretische Welt instrumentell zu beziehen. Das ist der Grund ihres theoretischen Jas.
Der Übergang, den man da noch macht, ist: Wenn die ganze Welt schon so eingerichtet ist, wie sie ist, dann gibt es diese Doppelseitigkeit des Muss. Das praktische: Man muss sich darauf einlassen, in ihr zurechtzukommen, und von daher gibt es das theoretische Angebot: So ist es in Ordnung. Aber darüber, dass das ein Fehler ist, den man bei der Betrachtung macht, kommt man nicht hinweg.
— Wenn man sich instrumentell auf diese Werte – Gerechtigkeit, unsozial usw. – bezieht, hat man darin Gründe, auch seinen Schaden einzusehen.
Am Ende kann man sogar seinen Schaden einsehen. Erst mal sind es Gesichtspunkte der Unzufriedenheit, des Protests. Und dieser Protest erfüllt wirklich den Tatbestand der subjektiven Lebenslüge. Man möchte verteidigen, was man sich geschaffen hat. Gegen die gleichzeitig gemachten schlechten Erfahrungen möchte man aufrechterhalten, dass man sich nicht sein Leben lang getäuscht hat.
Der Jugend helfen die Autoritäten der Erziehung auf diesen rechten Weg: Handle so und sieh die Sachen so; finde dich damit ab. Kein Erzieher sagt: Denk was du willst, sei dagegen, die Hauptsache ist, du machst das Notwendige und gehorchst. Die Welt ist voller Angebote, wie man sich mit dem, worauf man sich praktisch einlassen muss, auch einverstanden erklären kann, so dass man damit seinen Seelenfrieden machen kann, angefangen mit dem Dalai Lama. Was will man da noch zur Notwendigkeit dieses Fehlers sagen.
— Jeder, der sich in einem Widerspruchsprozess befindet, bemerkt doch, dass dieser an sich Kraft kostet. In einer Welt, die Jedem Kraft abfordert, weil er fremden Interessen zu genügen hat, muss man sich eine Variante des Kräftesparens überlegen, um sie überhaupt auszuhalten.
Ich würde es lieber so versuchen: Die Aufrechterhaltung des Bemühens, dass sich in dieser Sphäre mein Leben lohnen soll, ist die praktische Nötigung. Es ist der Widerspruch oder die Lebenslüge, die in der Zweiteilung der bürgerlichen Existenz in Berufsleben und Privatsphäre drinsteckt. Das wird ja gelebt. Dieses Darauf-Bestehen, dass sich hier entscheidet, ob sich mein Leben lohnt oder nicht, ist selber schon der Übergang zu einer affirmativen Sicht der Dinge. Denn es wird das Lohnen gegen die Fakten hochgehalten.
Wie stellt sich Lebenspraxis und affirmative Ideologie in der Gestaltung des durchschnittlichen bürgerlichen Urlaubs dar? Einerseits ist das die Zeit, in der man einmal mit der Familie zusammen ist. Da wird sich wieder einmal heftig geliebt und die Kinder erzogen usw. - dies in den drei Wochen. Dies schließt ziemlichen Aufwand, sich diese Wochen praktisch so zurechtzulegen und sie auch so zu sehen, ein. Da hat man den Übergang von der aufgenötigten faktischen Lebenslüge zur bewusst verkehrten Interpretation bildlich vor sich. Dann kommen die Leute von ihrem Urlaub heim und sagen entweder, dass es gut war, oder sie machen den anderen Übergang und stilisieren sich selber zum Opfer aller Verhältnisse, aber sie hätten sich nichts gefallen gelassen. Man ist dann tief in dem, sich Erfolge zurechtzuinterpretieren. Daran festzuhalten, dass Erfolge sein müssen, ist zunehmend eine Interpretationsfrage und gar nicht mehr eine von der Theorie abtrennbare Praxisfrage.
Natürlich hat man die Chance, sich klar zu machen, auf was für eine absurde Spaltung der Existenz, auf was für eine gelebte Schizophrenie man sich da einlässt und woran das liegt. Mit dem ersten, der Schizophrenie, rennt man bei den Leuten zumeist offene Türen ein. Denn dass dies alles irgendwie unsauber ist, merkt jeder. Wenn man dann aber auf den Grund abzielt, werden einem i. d. R. die praktischen Drangsale der Konkurrenz und des Privatlebens aufgezählt. So ein Mensch hält auch ideell an dem fest, was er zu praktizieren genötigt ist. Das ist der Fehler. Bei den Schwierigkeiten, die einem so im Alltag, im Beruf begegnen, hat man die Alternative, ob man den Vorgesetzten mit seinen absurden Anforderungen haftbar macht, ihm mit seinen Gerechtigkeitsvorstellungen kommt. Dies sind lauter Interpretationen, sein Leben so oder so zu betrachten. Die braucht sich keiner mehr auszudenken, denn sie sind schon im Angebot. Es gibt keine Notwendigkeit, es ist die praktische Nötigung, diesen Fehler zu begehen. In der praktisch geführten Existenz steckt schon die Lebenslüge drin, die man dann bloß noch subjektiv zu vollführen braucht. Sie sind zumeist in ihrer praktischen Lebenslüge so befangen, dass sie, auch wenn sie anfangen, darüber nachzudenken, vor allem dem Gedanken nachgehen, wie sie aus dem Schlamassel herauskommen – das ist übrigens auch der kommunistische Gedanke. Dann stellt sich die Frage, wo man diesen Schlamassel verortet. Es ist eine Extraleistung - die aber nicht durch irgendeinen Sachzwang verwehrt ist -, sich dann auf den Standpunkt zu stellen, von dem Ganzen zurückzutreten und sich nicht zu fragen, wo der Erfolg in der Konkurrenz zu klein ist.
In der Konstruktion des Konkurrenzlebens steckt der Gerechtigkeitsgedanke schon drin: Ich gebe, damit ich etwas bekomme, wovon ich dann mein Leben frei bestimmen kann. Das ist die Art, wie auch der letzte Prolet in unserer Gesellschaft Materialist sein darf und soll. Dessen Materialismus wird anerkannt als Lohn für erfolgreiches Konkurrieren. Dieses Anerkennen schließt beides ein: Erstens, so ist die Welt eingerichtet, und zweitens, dass sie so für ihn in Wirklichkeit gar nicht eingerichtet ist. Es ist beides zugleich: Es ist der Sachzwang, sich darauf einzulassen, und es ist die ideologische Verheißung. Dann zwischen beidem zu unterscheiden und darauf zu kommen, dass das Konkurrieren für ihn völlig sinnlos ist, das ist eine eigene Leistung, auf die der Mensch erst einmal kommen muss.
Wenn sich der Mensch auf die Gerechtigkeit beruft: Ich gebe, damit du gibst (do ut des), beruft er sich auf das Ideal der Sache. Es ist das Ideal der Sache, und es ist das Ideal der Sache. Es ist das Ideal der Verhältnisse, in die jeder gestellt ist. Es ist kein Ideal, das vom Himmel fällt, sondern eines der Sachzwänge. Die Sachzwänge zeugen für das Ideal, das ‚do ut des’ ist die Realität. Und das Ideal lautet, dass, wenn man nur genug hergegeben hat, man dann auch etwas davon hat. Und das Ideal bekräftigt immerzu die Realität, sogar im kritischen Fall. Auch wenn das Versprochene nicht eingetreten ist, rechtfertig das Ideal in der Form des ‚eigentlich sollte es doch’ wieder die Verhältnisse.
Diese Vorstellung, dass die Welt eigentlich eine andere ist, als sie ist, entstammt der Konkurrenz in ihrer ganzen Härte, die ihn ewig in diese Überlegung hineinbugsiert. Das ‚Streng dich mehr an, dann bekommst du auch mehr!’ ist nicht bloß eine Lüge, sondern ist die Praxis, in der der Mensch steht; dieses ‚Do ut des’ hat eine vertrackte Objektivität, die jeder selber an sich überprüfen kann. Aus Erfahrung klug werden, geht nicht so einfach, denn die Erfahrung ist immer doppeldeutig. Alle Chancen sind an ein erfolgreiches Konkurrieren gebunden, das ist das sachlich Notwendige. Dasselbe, nur anders betont, dass an das erfolgreiche Konkurrieren eine Welt von Chancen gebunden ist, ist die Lüge. Die Lebenslüge umfasst beides. Zu der Lebenspraxis muss man sich distanziert stellen, wenn man sie wirklich kritisieren möchte.
Das Urvertrauen, das man als glückliches Kind vielleicht einmal gehabt hat, wird ihm Stück für Stück ausgetrieben, indem es damit konfrontiert wird, dass die Welt nicht als Wunschkonzert funktioniert. Wie funktioniert sie dann? Erklärt und praktisch serviert bekommt man sie als ein Ensemble von Anforderungen, die nach dem Motto ‚Do ut des’ auch ihre Entlohnung nach sich zieht; daher kommt auch der Name Lohn oder der/das Verdienst. Es ist immer beides, die Realität des Konkurrierens und, gleich schon mitgeliefert, die affirmative Stellung dazu. Sich so einfach auf diese affirmative Stellung einlassen, das macht niemand, und den komplizierten Arten, darauf zu kommen, der Logik des affirmativen Bewusstsein kann man schon nachgehen. Dabei handelt es sich um die Logik des Fehlermachens und nicht um einen außerhalb des Fehlermachens liegenden Grund dafür, dass man Fehler macht. Das fängt damit an, dass jemand die Welt ganz unmittelbar an seinen Bedürfnissen misst und sie für untauglich befindet. Schon damit ist für viele Leute das Weltbild gelaufen. Wir haben dies in einem Artikel einmal als Dummheit charakterisiert. Sie messen das, was ihnen begegnet, an ihrem praktischen Gefühl, nämlich an ihren Bedürfnissen und ihren Vorstellungen darüber, worauf es ihnen ankommt, was ihnen zustünde – das ist noch die Zutat aus dem Bereich der Gerechtigkeitsvorstellungen, die jeder so drauf hat. Aber zunächst ist es das Messen am praktischen Gefühl, dass die Welt nicht so ist, wie es die eigene Laune gerade fordert. Wenn es mit diesem Messen an der eigenen Laune dann auch schon vorbei ist, haben ab da alle Gründe, warum die Welt nicht passt, von vornherein nur ideologischen Charakter, weil die Sache, die festgehalten wird, nichts als enttäuschtes Bedürfnis ist. Über diesen Standpunkt des Krähens des Kleinkindes kommen viele Erwachsene gar nicht hinaus, sie können es bloß anders artikulieren. Dass z. B. das Wetter zum Adressaten aller Lebensunzufriedenheit wird, erfüllt den Tatbestand der Dummheit, denn die ganze Welt wird unter diesen Gesichtspunkt subsumiert, dass sie dem eigenen praktischen Gefühl nicht Genüge tut. Diese Subsumtion ist die intellektuelle Leistung.
Bei vielen Leuten bewegt sich die Begutachtung ihrer Lebensumstände in dem Umkreis, die Messung der Umstände am praktischen Gefühl intellektuell vorzunehmen und die Welt darunter zu subsumieren. Das hat mit dem, dass sie zu nichts anderem fähig wären, nichts zu tun. Es gibt aber das, sich das Reflektieren tendenziell abzugewöhnen. Ist gibt sogar Leute, die betreiben das aktiv; sie stören ihre Momente von wachem Bewusstsein so, dass sie sich dann zusaufen. Das ist eine Extremform von dem, die Welt unter das eigene Leiden an ihr zu subsumieren. Die Romanliteratur ist zu einem hohen Prozentsatz dem kunstvollen Subsumieren der Welt unter das Leiden des praktischen Gefühls an widrigen Umständen geschuldet – um nicht mit Werther anzufangen. Am Ende sehen diese ganzen Fehler wie eine Ableitung aus.
Wie das theoretische Ja konstruiert ist, ist die Art seines Zustandekommens. Darum soll man sich kümmern, und es gibt einige Übergänge aufzudecken. Man soll dies nur nicht so nehmen, als gäbe es neben der Logik der Fehler, die man da machen kann, und neben den praktischen Notwendigkeiten, in denen man sein Leben hinbringt und auf denen diese Fehler von Anfang an konstruktiv aufbauen, noch etwas anderes, quasi ein Geheimnis des falschen Bewusstseins. Die Frage, wo auf einmal wie aus einer anderen Welt die Gerechtigkeitsideologie herkommt, liegt falsch. Diesen Fehler der affirmativen Stellung zur Welt spießen wir auf. Dabei kümmern wir uns um den sachlichen Fehler bei der Erklärung der Welt. Dass wir die Logik des Fehlers, den die Menschen machen, selber zum Gegenstand machen, geschieht, um sich klar zu machen, womit man es zu tun. Die entscheidenden Sachen sind bei dieser Diskussion unterstellt: Was das Geld für eine Sache ist, was es für eine Welt von Sachzwängen mit sich bringt usw. Dagegen ist die ganze Privatsphäre als Anhängsel des Konkurrieren-Müssens ein Mist. Wenn man die falschen Konsequenzen der Leute angreift, dann verteidigt der Mensch gar nicht den Kapitalismus, sondern sich selber mit seiner Lebenslüge, mit dem, wozu er genötigt worden ist, da sein Lebensglück zu suchen. Das ist eigentlich auch die Härte, dass man Menschen sagen muss: "Das, was ihr euch einbildet, was das Glück wäre, ist ein einziger Verrat an eurem Materialismus."
Es ist eine Sache, sich mit anderen Leuten darüber zu streiten, wie die bürgerliche Welt konstruiert ist. Und entweder sie kommen darüber auf die Einsicht, dass z. B. die Einteilung des Lebens in eine Berufssphäre und in ein Reich der Freiheit eine fatale Unterwerfung des Materialismus unter kapitalistische Notwendigkeiten ist - entweder ein Mensch kommt über die Betrachtung seiner Lebenslage zu diesem Schluss, oder eben nicht. Die Psychologie der Abwehr der Infragestellungen ihrer eigenen Existenz versuchen wir darüber zu knacken, dass wir die Menschen in eine Diskussion über ihre Lebensumstände verwickeln und ihnen sagen, sie einmal vorurteilsfrei zu betrachten. Die Tour, dies psychologisch in der Weise abzuhandeln – und da kommt es die auf die Weise an -, dass man dem Menschen sagt, dass er übrigens ein Fall von falschem Bewusstsein ist, und erklärt ihm jetzt, wie dieses falsche Bewusstsein funktioniert, das ist nicht gut. Denn dies setzt voraus, dass sie überhaupt über die Fehler dieser Welt, auf die sie sich einlassen, aufgeklärt sind, damit sie eine Chance haben zu erkennen, dass ihr Bewusstsein darüber verkehrt ist. Dann nimmt man lieber ihre Ideologien aufs Korn. Die ganze Kritik der Ideologien möchte nicht darüber aufklären, wie der Mensch funktioniert, so dass er so und so handelt. Sondern es soll die Logik der Fehlurteile aufgeklärt werden als ein Hilfsmittel, um diese Ideologien anzugreifen. Es soll klar gemacht werden, dass, wer Gerechtigkeit in der Welt sucht, verkehrt liegt. Warum die Ideologie verkehrt ist, ist viel wichtiger, als sich klar zu machen, wie die Menschen auf diese Schnapsidee kommen, ihr zu folgen. Die Gründe, warum Menschen dieser Ideologie folgen, sind die Argumente dieser Ideologie selbst.
Geld und Kredit.
In der Diskussion vom letzten Mal wurde versucht zu klären, wie das Geld der Banken sich verhält zu dem Geld, das der Staat als Inbegriff des nationalen Reichtums seiner Gesellschaft vorschreibt. Dabei sollte betont werden, sich nicht gleich mit der Technologie des Geldersatzes durch den Staat zu befassen, sondern noch einen Schritt fundamentaler an die Sache heranzugehen und sich zu vergegenwärtigen, dass die staatliche Gewalt im Geld selbst drinsteckt und nicht erst bei den abgeleiteten Formen.
Es ist Zugriffsmittel auf die ganze Welt des Eigentums und fungiert als die Quantifizierung dieses Rechtsverhältnisses - das ist die Gewaltseite des Geldes. Als allgemeines Äquivalent enthält es noch eine andere Seite, das ist gewissermaßen die ökonomische Seite des Geldes: Es ist nichts anderes als die allgemeine Fassung eines Beitrags zum Reichtum der Gesellschaft. Das ist der Begriff des Geldes, der in der Geldware noch quasi dinglich vorhanden ist - Geldware in dem Sinn, dass sie auch unabhängig davon, dass sie als Geld benutzt wird, ein nützliches Ding ist und als dieses ein Beitrag zur Selbsterhaltung, zu den Lebens- und Genussmitteln der Gesellschaft. Es geht darum, wie diese Gesellschaft ihren Lebensprozess bewerkstelligt, und das passiert nicht über extravagante Kunstwerke oder irgendwelche einmalige Besonderheiten, sondern über ein dauerndes Reproduzieren ihrer Lebensmittel; diese machen den Löwenanteil der produzierten Waren aus und nicht die Produktionsmittel, die dafür taugen, irgendein neues Geschäft aufzuziehen.
Auch in der Hand des Lohnempfängers ist das Geld Kommandomittel über gesellschaftlichen Reichtum. Dies zwar über eine ziemlich kleine Portion, aber nicht die Portion ist das Entscheidende, sondern dass der Teil des gesellschaftlichen Reichtums, den ein Lohnempfänger sich damit an Land zieht, das traurige Schicksal erleidet, dass er konsumiert wird und dann weg ist. Nach der Seite hin bedeutet Geld also Zugriff auf Konsummittel – diese Abteilung gesellschaftlichen Reichtums. Dass das nicht der ganze gesellschaftliche Reichtum sein kann, merkt man schon daran, dass das Jahr um Jahr vonstatten geht, dass also die Reproduktion gesichert sein muss, deswegen gehört zur Produktion auch die Reproduktion von Produktionsmitteln. Es sollte jetzt aber nicht um die kapitalistische Natur des Geldes gehen, sondern um die Doppelnatur als dessen allgemeiner Bestimmung: es ist auf der einen Seite Zugriffsmittel und auf der anderen Seite eines, das einen Beitrag bildet zum gesellschaftlichen Reichtum – egal, ob als Konsumtions- oder Produktionsmittel. Das ist die Abstraktionsebene, die Marx in den ersten drei Kapiteln erst mal einhält.
Der ganze gesellschaftliche Prozess läuft über das Geld, was die bürgerlichen Sachverständigen furchtbar praktisch finden. Dem ist aber vorausgesetzt, dass alles, was für die Gesellschaft an Konsum- und Produktionsmitteln hergestellt wird, gerade nicht in der Verfügung derer ist, die sie brauchen. Es unterliegt dem Gesetz des Eigentums, nämlich der Verfügungsmacht von jemandem, der, indem er etwas herstellt im Hinblick auf den Bedarf der Gesellschaft, es dieser mit dem Recht des Eigentums vorenthält und ein Äquivalent fordern kann, damit er es zur Verfügung stellt – also gesellschaftliche Kooperation auf der Basis des wechselseitigen Ausschlusses und des Äquivalententausches. Das alles ist vorausgesetzt, damit man dann sagen kann, dass für diese Verhältnisse ein Geld als allgemeines Äquivalent sehr praktisch ist. Als dieses vermittelt das Geld gerade die Absurdität einer gesellschaftlichen Produktion, in der die Produzenten sich erst mal ausgrenzend gegen das Bedürfnis stellen, für das sie produzieren; die Grundform der Kooperation als Antagonismus – das ist die Voraussetzung für die Geldwirtschaft. Die zweite Überlegung ist: dann muss es ein Äquivalent sein, also wenn der eine seine Arbeit zur Verfügung stellt, dann muss auch der andere einen Beitrag, den er zur gesellschaftlichen Reproduktion geleistet hat, entgegensetzen – nur dann werden Äquivalente getauscht.
Wenn Geld der allgemeine Vermittler des Äquivalententauschs ist, dann ist die erste Bestimmung des Geldes: es muss in die Hände dessen, der es hat, dadurch gekommen sein, dass er selber einen Beitrag zur gesellschaftlichen Reproduktion geleistet hat. Das ist quasi gegenständlich realisiert in einem Geld, das unabhängig davon, dass es als allgemeines Äquivalent fungiert, auch als solches einen Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum darstellt – bekannt als der Marx’sche Begriff der Geldware: selber ein nützliches Gut, für alle Dinge brauchbar, im gesellschaftlichen Verkehr als Tauschwert quantifiziert. Das ist die Grundlage dafür, dass diese Ware ausgesondert wird als eine, die ihren eigentlichen Gebrauchswert nicht mehr darin hat, selber ein Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum zu sein, sondern den Austausch von Beiträgen zum gesellschaftlichen Reichtum zu vermitteln – das soll im Geld realisiert sein.
Um sich das Ganze noch von einer anderen Seite her klar zu machen: Was heißt denn, Verkauf realisiert eine Ware? Was wird denn dann real? Sie ist doch dann weg, wenn man sie verkauft. Wenn beim Verkauf einer Ware die Realisierung ihrer Natur geschieht, dann wird deutlich, dass das Entscheidende in dieser Gesellschaft nicht ist, dass sie einen Gebrauchswert hat, sondern dass dieser zur Grundlage dafür herabgesetzt wird, dass sie einen Tauschwert hat, der sich in dem allgemeinen Verfügungsmittel Geld darstellt. Das Geld realisiert die Tauschwertnatur der Ware - Reichtum im Kapitalismus heißt eben nicht, man hat etwas, das man genießen kann und dann ist es weg; dann wäre ja das Eigentum weg. Sondern wenn es ums Geld geht, dann ist dieses die Realität, um die es beim Produzieren immerzu geht, dann ist der Gebrauchswert herabgesetzt zum Vehikel für den Tauschwert, also für dies abstrakte Verfügen, für ein quantifiziertes Eigentum, das Ausschluss und Zugriffsmöglichkeit zugleich ist.
Vom Standpunkt der Endverbraucher aus ist Geld das Mittel, das man kriegen muss, um an die Gegenstände des Bedürfnisses heranzukommen. Das ist die Bewegung: Man gibt etwas her, um Geld zu verdienen, und man braucht das Geld, um eine Ware zu bekommen, W-G-W, und damit ist die Sache fertig. Diese Seite mit ihren Wünschen und Bedürfnissen steht der anderen Seite, den Waren-Herstellern, gegenüber; die hat eine andere Logik in ihrer ökonomischen Tätigkeit und die wird mit dem Allerweltsausdruck ‚die Ware wird im Verkauf realisiert’ ganz gut getroffen, denn denen geht es bei dem ewigen Hin und Her zwischen Ware und Geld bekanntermaßen nicht um eine Bilanz, die viele begeisterte Leserbriefe über die Qualität der Ware aufweist, sondern um eine mit möglichst positiven Zahlen. Wenn Geld das Vermittlungsmedium zwischen den verschiedenen Produzenten ist, dann ist die Vorstellung, es wäre bloß für die Ware da, damit diese ihren Adressaten findet, verkehrt. Das Geld lässt sich nicht wieder zum Mittel fürs Konsumieren degradieren, wenn umgedreht alles Konsumieren davon abhängt, dass man an Geld kommt; es ist als allgemeine Bedingung fürs Konsumieren eben nicht verschwindendes Mittel, sondern Herr über das ganze Geschehen.
Unter der Herrschaft des Eigentums ist der Konsum eigentlich etwas Unsachliches – das ist die reale Verrücktheit dieser Gesellschaft, eigentlich wird doch produziert, damit man etwas zum Aufessen und Genießen hat, und natürlich muss man Reproduktionsmittel zwecks Nachschub schaffen, aber wenn Eigentum angesagt ist, dann zeigt sich schon daran, dass es reproduziert werden muss, dass immer neu Geld verdient werden muss, dass das Verbrauchen des Eigentums eigentlich eine inadäquate Verwendungsweise ist. Am Geld ausgedrückt – wie stellt man fest, ob jemand reich ist? Zum einen gibt diese Frage zu den größten moralischen Erwägungen Anlass, mit denen man ganze Feuilletons füllen kann - z. B., dass der wahre Reichtum im Innern liege oder in der Zufriedenheit und mehr, als man essen kann, kann man sowieso nicht verbrauchen usw. Die banale Wahrheit im Kapitalismus ist, dass man genau sagen kann, wie reich jemand ist: einer ist x Millionen ‚schwer’, seine Villa ist so und soviel wert – der Reichtum hat seine Ziffer. Das ist eine Gesellschaft, in der Reichtum nicht in Schatztruhen voller Geschmeide und sonstigen wertvollen Dingen beschrieben wird, sondern es geht nur um das Eine: was kostet das?
Bevor man sich mit den Feinheiten des Kreditwesens herumschlägt, sollte klar sein, was für eine verrückte Sache abstrakter Reichtum ist, dass die Abstraktheit ernst zu nehmen ist und dass sie ein Gewaltverhältnis einschließt, dessen Instrument das Geld ist; das sieht man ihm nicht so leicht an, egal, in welcher Form es vorliegt. Ob als Münzgeld oder Kreditkarte, das Geld ist immer Kommandomittel über gesellschaftlichen Reichtum. Entsprechend sollte man bei der Frage: was ist Kredit? nicht gleich an die technischen Erscheinungsformen der Kreditvergabe denken, sondern eben erst mal daran, dass Kredit verliehenes Geld ist und was das für eine Operation ist: diese Eigentumsübertragung, ohne dass Eigentum übertragen wird. Vielleicht nützt der rückblickende Vergleich, um zu verdeutlichen, was das Kreditwesen heute bedeutet: Geldverleihen war schon lange vor dem Kapitalismus ein wunderbares Geschäft, z. B. haben die Juden im Mittelalter Geld verliehen – sie durften ja nichts anderes tun – und sich so ihren schlechten Ruf erworben. Welcher Charakterzug des Geldverleihens ist da zum Zuge gekommen, verglichen mit dem Stellenwert des Geldverleihens heutzutage? Oder anders: Es gibt verschiedene Arten des Geldverleihens – was ist der Unterschied zwischen einem Pfandhaus und einer Bank?
— Früher oder beim Pfandhaus war es so, dass das Leihen von Geld automatisch ein Abzug war vom Reichtum dessen, der sich das Geld leiht.
Abzug ist es damals wie heute, weil für jeden Kredit Zinsen gezahlt werden müssen. Genauso ist es mit dem Leihen aus einer Notlage heraus – dafür gibt es heutzutage den Dispo-Kredit. Dass man sich mit dem Geldverleihen das Recht auf mehr Geld erwirbt, ist das Identische von einst bis heute. Im ökonomischen Verhältnis, das damit zwischen Geldverleiher und – ausleiher etabliert ist, liegt der Unterschied: Es war nicht das Geschäftemachen mit dem Geschäftemachen, sondern das Geschäftemachen mit der Not, und die gab es in vorkapitalistischen Zeiten beim Bauern nach einer Missernte wie beim König, der für seinen Krieg Geld brauchte – auch ein unproduktiver Konsum. Der damalige Kredit war also nicht Mittel für etwas, sondern Notbehelf der Armut, und die bekommt das auch zu spüren. Das gibt es heute auch noch, nur was ist heutzutage ein Konsumentenkredit? Da wird auch eine relative Geldnot ausgenutzt, um dem, der ein langlebiges Konsumgut kaufen will, das er sich nicht leisten kann, noch zusätzlich Geld aus der Tasche zu ziehen – das ist das Geschäft der Bank. Aber auch das ist nicht auf das Ausnützen einmaliger Notlagen berechnet oder auf den Ruin des Schuldners. Eine Bank, die einen Dispo-Kredit einräumt, will ihren Kunden nicht bis zur Privatinsolvenz aussaugen – davon hätte sie keinen Vorteil -, sondern sie hat auch Interesse an einer beständigen Geschäftsbeziehung mit Kunden, die nur unproduktiv konsumieren. Im Unterschied zu früher gibt es auf der Grundlage des inzwischen etablierten Kapitalverhältnisses den Lohn, und die Bank rechnet damit, dass dieser einerseits für größere Anschaffungen nicht ausreicht, so dass gespart oder auf Kredit gekauft werden muss, andererseits kann die Bank auf die Lohneinkünfte zählen, mit denen sie kalkulieren kann.
Der Kredit war schon immer ein Vorgriff auf z. B. die Erträge der zukünftigen Ernte, die vom sowieso schon überschuldeten Bäuerlein erst einmal eingefahren werden musste, und ist auch heute noch dem Lohnempfänger durchaus als Notbehelf vertraut, aber auch da ist das nicht mehr der Begriff des Kreditgeschäfts, sondern da ist der Notbehelf gleich eingeordnet in eine Vermarktungsstrategie für eine Warenabteilung, die einerseits für den Massenkonsum zu teuer ist, andererseits als Konsumartikel auf diesen berechnet – da wird der Widerspruch des Lohnverhältnisses mal wieder so schön augenfällig: Es werden laufend wachsende Reichtümer geschaffen, im Verhältnis zu denen der gezahlte Lohn eine erbärmliche Summe ist, aber notwendig, um die Ware zu versilbern. Übrigens sind die Händler, die ihre Ware losschlagen wollen, die ‚Erfinder’ des Konsumentenkredits – diese Sorte Kredit leistet ihren Hilfsdienst beim Versilbern.
Diese Doppelnatur des Lohns als Kaufkraft und als Kostenposten ist der Widerspruch, den das Finanzkapital sich zunutze macht, wenn es heutzutage den Massen Kredit gibt. Die Hauptsache, die das Geschäft trägt, ist ohnehin die Finanzierung des produktiven Konsums, also allgemeines Äquivalent zur Verfügung stellen, um den Geldmangel zu beheben, der aus dem Prozess der Vermehrung des Geldes entsteht, und zwar zwangsläufig; denn diese Art Geldmangel ist kein zufälliger und lästiger Zwischenfall, sondern das Kreditgeschäft heute bezieht sich auf ein bleibendes und allenfalls wachsendes Bedürfnis der Geschäftswelt. Da stellt sich dann an der Stelle die Frage, was das für ein Bedürfnis der Geschäftswelt ist, die mit der Vermehrung des Geldes befasst ist, nach einem Geld, das sie noch gar nicht verdient hat.
— Ist der kommerzielle Kredit nicht auch eine Art Notbehelf, um die Zeit des Warenumschlags mit ihren Tücken zu überbrücken?
Man sieht aber gerade bei dieser Form des Kredits, dass er das Kriterium ‚Notlage, die vom Kreditgeber ausgenützt wird’ nicht erfüllt. Die gerade erwähnten Tücken des Umschlags sind doch das Argument dafür, weshalb dieses Bedürfnis nach zuschüssigem Geld mit jedem Umschlag neu entsteht, weil sich der Produzent zum Zeitpunkt der Fertigstellung einer Ware schon ihre Realisierung in Geld gutschreiben und nicht erst warten will, bis sie definitiv verkauft ist, um dann das Geschäft seinen Fortgang nehmen lassen zu können. Das ist ja die Tücke des Umschlags, dass das investierte Geld in Ware verwandelt ist, die erst mal verkauft sein will – das ist die ‚Notlage’ des Geschäfts. Da sieht man, dass die Wahrheit des Kredits heutzutage ist, Mittel für die Vermehrung des Reichtums zu sein. Was ist denn der Schaden, wenn der Kapitalist sich so einteilt, dass er immer genug Kapital übrig hat, um in den Zeiten des Zirkulationsprozesses seiner Ware sein Geschäft fortführen zu können? Er hat weniger Kapital, also weniger Verdienst; jede Zirkulationszeit ist Abzug, weshalb Marx auch sagt, dass jedes Kapital darauf aus ist, die Zirkulationszeit gleich 0 zu setzen. Und dafür gibt es in der Tat ein Hilfsmittel. Das ist als erstes der kommerzielle Kredit, den sich die kommerziellen Kapitalisten wechselseitig eingeräumt haben mit den Techniken des Wechsels, der heute angeblich ziemlich veraltet ist. Inzwischen gibt es ein Angebot an Umschlagsfinanzierungskrediten aller Art. Zu dem Bedürfnis, die Zirkulationszeit auf 0 zu setzen, kommt das Bedürfnis nach Wachstumsmitteln für das Kapital; um sein Wachstum bewerkstelligen zu können, muss er sich Produktionsmittel kaufen, deswegen ist Wachstum aber auch durchaus eine Funktion der Größe, die ein Kapitalist mobilisieren kann, schon gleich in der Konkurrenz auf dem Markt. Die Konkurrenzmittel gibt es zu kaufen, wobei die schlechte Nachricht beim Kapitalismus ja immer ist, dass zwar alles zu kaufen ist, dass aber alles was kostet, also braucht man Geld und je mehr Geld man hat, umso besser kann man wachsen gegen andere, und deshalb entsteht daraus das zweite Argument für einen beständigen Geldmangel unter denen, die das Geld vermehren - eine wunderbare Grundlage für ein Dauergeschäft des Finanzkapitals...