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Amstetten und das Privatleben der Nation, nationale Großveranstaltungen, Pakistan

1. Amstetten und das Privatleben der Nation

Nationen gehen nicht darin auf, dass sie eine Volkswirtschaft haben, eine Armee unterhalten und auf die innere Ordnung achten. Es gibt auch so etwas wie ein Privatleben der Nation, z. B. die Aufregung darüber, dass in Amstetten ein Herr Fritzl seine Tochter 24 Jahre im Keller als Zweitfrau eingesperrt hat. Warum sind solche, weit in das Gebiet der Kriminalität reichende Perversionen des Privatlebens überhaupt von öffentlichem Interesse?  
   — Es wird ex negativo Sittlichkeit demonstriert, es wird ein Monster vorgestellt und in der genüsslichen Ausmalung dessen, wie verkommen der ist, wird jedem der Spiegel vorgehalten, was ein anständiger Bürger ist. Der Lohn der Sittlichkeit, den die normalen Leute dann einheimsen, ist, nicht so zu sein.
   — Das Schöne dran ist, sich an einem Negativbild zu bestätigen; dass das seine Richtigkeit hat, was man sich selbst antut an Pflichten, die nicht leicht fallen.
Dass die Bestätigung: Du hast recht, wie du in deinem Familienleben rumsumpfst, Hauptsache du bist kein Fritzl!,  attraktiv sein soll, ist nicht besonders plausibel.
   — Man begeistert sich an solchen Perversitäten, weil das eigene Privatleben zu langweilig ist.
Ja, in diese Richtung sollte es gehen und das hat auch eine Verbindung zu dem vorher Gesagten. Es ist nicht so, dass das Familienleben ein ständiger Balanceakt am Abgrund des Verbrechens ist, bei dem man sich redlich disziplinieren müsste, keinen Kerker zu bauen. Es geht auch nicht um die Versicherung: Wenn du dich am Riemen reißt, liegst du richtig.
Es wird ein Monster ausgemalt, das sich an allen Regeln vergangen hat: Kellerverlies, Inzest. Worin liegt der Reiz? Das Interesse an Verbrechen ist um so größer, je näher es in die familiäre Atmosphäre reicht. Es gibt ein ehrlicheres Interesse an einem Kindermord als z. B. an der Korruption bei Siemens, das fällt in die Abteilung, schlechte Meinung von der Wirtschaftselite, neben dem, dass man ihr täglich gehorchen muss.
   — Der Bürger wird aufgefordert zum moralischen Be- und Aburteilen in einem Bereich, in dem er sich selbst zentral befindet und der ihn wesentlich ausmacht. Diese privaten Verhaltensweisen werden auf die Tagesordnung gesetzt und man wird aufgefordert sich darin moralisch, als jemand der urteilen darf, ins Recht zu setzen. Hier darf er seine Maßstäbe loswerden, bekommt Handreichungen in dem zentralen Bereich, in dem sich die Bürger rumtreiben. Da wird ‘der Fachmann’ zum Beurteilen aufgerufen.
Ja, in der Sphäre fühlt sich jeder kompetent. Wie zeigt sich das an diesem abgründigen Fall? Es gibt kaum einen amerikanischen Film, in dem nicht mitten im Alltäglichen, Familiären das Grauenhafte auftaucht: In der stinknormalen Provinzstadt ist die Hälfte der Bevölkerung Aliens o.ä. So ist das Interesse an diesem Fall gelagert. Das berührt einen Bereich, da gilt jeder als Fachmann, der sich in den Schönheiten und Untiefen des Familienlebens rumtreibt. Da betätigt sich die moralische Urteilskraft am liebsten in der Beurteilung, wie es andere treiben. Die Befassung mit einem Verbrechen setzt da noch einen Knüller drauf.
   — Das Ergebnis der öffentlichen Beschäftigung mit dem Fall ist, dass es für ganz unerklärlich befunden wird. Es ist rätselhaft, wie ein Mensch so was tun kann. Als wäre es so etwas Exotisches, dass Leuten Gewalt angetan wird.
Wenn die sagen, das ist völlig unbegreiflich, dann ist das nicht die Wahrheit ihres Urteils. So als hätten sie nach einer Erklärung geforscht, aber keine gefunden. Das Urteil kommt anders zustande und hat deswegen einen anderen Inhalt, als den, den es ausdrückt. Mit einer vernünftigen Erklärung kämen sie schon weiter. Es ist kein Scheitern ihrer Suche.
   — Unbegreiflich steht dafür, dass es damit nichts zu tun haben kann, was die Leute normal in ihrem Familienleben treiben.
Das Urteil ist also eines der Aus- und Abgrenzung. Es wird nicht vor einer schwierigen Erklärung resigniert, sondern Verständnis abgelehnt. Da ist das ‘unbegreiflich’ einer Stellungnahme: Wir verweigern dieser Perversion jedes Verständnis. Das ist das ganze Urteil über die Tat. Etwas anderes soll man über sie nicht denken, als dass sie zum normalen bürgerlichen Leben überhaupt nicht gehört und dass man dafür null Verständnis hat. Es ist allerdings ein bisschen verdächtig, wenn einer seine Tochter ein Vierteljahrhundert in den Keller sperrt, dass sich dann noch die Öffentlichkeit aufgerufen fühlt, jedem zu versichern, dass sie das nicht gut leiden kann.
   — Es ist ein Fingerzeig auf die Abgründe des Menschen und dass es gut ist, dem Einhalt zu bieten. Es ist einerseits unheimlich, andererseits interessant, was es für Abgründe gibt. Dass es wichtig ist, dass eine gewisse Sittlichkeit oder Anstand gegeben sind und das Strafrecht zuschlägt, das kommt als Auftrag schon raus, wenn auch die Regeln Anstrengung bedeuten.
Es ist aber nicht so, dass man wegen des anstrengenden sittlichen Lebens im Alltag scharf wäre auf eine Bestätigung, dass das in Ordnung sei. Es wurde schon gesagt, außer seltenen Borderline-Persönlichkeiten ist nicht laufend einer auf der Kippe zum Absturz und erfreut sich dann der Missetaten, weil sie ihn daran erinnern, dass es sich lohnt, auf der richtigen Seite zu bleiben. Die Übertreibung ist der Reiz der Sache. Die Missetat steht für die Bestätigung der normalen moralischen Urteile, mit denen ein Mensch durchs Leben geht.
Jeder Bürger ist der Meinung, dass sich kein Nachbar im Viertel an die Gebote des Anstands hält. Das ist zugleich furchtbar langweilig. Die Gasse zu kehren ist eine moralische Norm, nur nichts Begeisterndes, und wer sie nicht kehrt, ist noch lange kein Monster. Was ist der Reiz des Monströsen, worin besteht die Sensationslust?
   — Das Motiv der Tat ist jedermann vertraut. Dass man die Anerkennung eines anderen übergehen kann und er ganz und gar für einen da ist. Es wirklich zu erzwingen, ist verboten, da steht das Recht dagegen und die eigene Moral. Man versteht das Motiv, aber weiß, es ist nicht tolerabel.
Insofern wird in solchen Perversionen eine moralische Entgleisung dingfest gemacht in Bezug auf eine Moral, die immer in einem komplementären Verhältnis zu einem irgendwie bekannten Bedürfnis ist. Das Besondere an der begeisterten Befassung mit solchen Extremen ist, dass da die moralischen Normen, nach denen man selbst sein Leben recht und schlecht einrichtet und die es als Interpretation, bisweilen als Imperativ, als Grenze begleiten, auf einmal eine ganz andere Wucht bekommen, als sonst im Alltag. In solchen Extremereignissen bekommen die Normen, nach denen man sein Leben teils einrichtet, teils interpretiert, ihre Bedeutung. Das ist das Prinzip der Sensationsgier. Es sind schon dieselben Normen, – ‘Was du nicht willst…’, die 10 Gebote. Wann denkt man schon sonst an solche Normen; aber man weiß, darauf kommt es an. Sie sind eigentlich im normalen Alltagsleben ein viel zu großer Hammer. Aber in solchen Ereignissen ist es wie die Erinnerung daran, wie wichtig, wie bedeutend die Normen sind, die man im Alltag beherzigt, ohne ihnen eine große Bedeutung beizumessen. So ist der Zusammenhang zur Langweiligkeit des normalen Alltagslebens.
Wie existenziell das Dasein ist, das wird da anschaulich, und wie plötzlich es einen treffen kann. Das sind Bilder für etwas, das die Religion sich abmüht, dem Menschen beizubringen: Sie sollen daran denken, dass sie sterblich sind und sich zusammenreißen.
   — Wieso existiert das Bedürfnis nach Unterstreichung der Normen? In diesem Fall ist doch einer der höchsten Werte das Zusammenleben in der Familie, das Füreinander Dasein. Nach solchen Normen zu leben, lohnt sich aber eigentlich nicht. Was die Leute immer versuchen, Anstand und Erfolg zusammen zu bekommen, geht nie auf. Jetzt bekommen sie die Normen aber unterstrichen, wie bedeutend sie sind, welcher Abgrund sich auftut, wenn einer sich nicht dran hält.
Es ist nicht das Urteil, die lohnen sich nicht, sondern die Normen gewinnen an Bedeutung, wie sehr es auf sie gerade ankommt. An solchen Ereignissen ist nicht das Ereignis selbst das Bedeutende, sondern es ist seine moralische Einordnung, wie da die Grundsätze, nach denen man sein Leben verbringt und verbringen soll, auf einmal durcheinander kommen, wie sie gebrochen werden, wie gefährdet das normale sittliche Zusammenleben ist, wie sehr es auf all diese Normen offenbar doch ankommt. Das ist schon die Botschaft und die hat ihren Reiz, wo kommt der her? Da war bisher die Antwort der Beiträge, das kommt aus dem Bedürfnis, Sachen, an denen man sich abarbeitet, bestätigt zu bekommen.
   — Man tut als wäre man selbst betroffen und denkt, wenn die Normen eingehalten worden wären, wäre das nicht passiert. Das Opfer spricht fürs Normen einhalten.
An Verbrechen und menschlichen Katastrophen wird ausgemalt, wie oberflächlich man sonst vor sich hin sumpft. Jetzt bekommt man eine melodramatische Erinnerung, wie sehr man doch die sittliche Gemeinschaft braucht.
   — Im normalen familiären Zusammenhalt sind jede Menge Rechte und Ansprüche im Spiel, deren Inhaber sich immerzu mit Respekt vor der anderen Person zurückhalten müssen. In der Ehe gilt nicht einfach, zwei lieben sich, sondern es wird ein Anspruch aufeinander in die Welt gesetzt, der staatlich zum Teil  Recht bekommt. Das Faszinierende am familiären Verbrechen ist doch, dass einer sich radikal auf den Standpunkt des in die Welt gesetzten Anspruchs stellt. Fritzl sagt, er wollte seine Tochter vor schlechter Gesellschaft schützen. Das elterliche Sorgerecht ist auch ein Rechtsverhältnis, das diese gegenüber ihren Kindern, bis sie volljährig sind, in die Lage setzt, über sie zu verfügen und zu bestimmen, natürlich mit der beschränkenden Auflage, dem Kindeswohl zu dienen. Das Kind lebt bei seinen Eltern in einem Status, dass über es verfügt und ihm nur bedingt ein eigener Wille zugesprochen wird. Die Wucht der übertretenen  Normen wird interessant über den Gedanken, dass sich jeder radikal auf den Standpunkt des Anspruchs stellt, den er im familiären Zusammenhang erworben hat, wenn die Normen nicht in Geltung sind. Insofern muss der Sensationsgedanke so was sein wie, man würde dauernd am Rande des Abgrundes gehen, wenn es nicht die Beschränkung der Ansprüche gebe.
Das ‘man’ müsste zumindest noch ausgeführt werden, denn dass einer von sich selbst der Meinung ist, er würde glatt seine Tochter vergewaltigen, wenn nicht die Nachbarn und der Staat aufpassten, ist sicher nicht der Fall. Das Argument war: An dem Extrem werden die gesellschaftlich herrschenden Normen vom negativem Extrem her mal so richtig drastisch in ihrer Bedeutung unterstrichen. Das unterstellt eine Gemeinsamkeit mit dem, was sonst im Familienleben passiert, wie sich da Bedürfnis und Moral zueinander verhalten.
Noch mal zu dem wirklichen Inhalt von Sensationslust. Die bisher angebotenen Antworten waren zu funktionalistisch in dem Sinn, dass diejenigen, die sagen, das ist Wahnsinn – aber spannend, nicht funktionalistisch denken: ‘Gut, dass es die Werte gibt’, sondern als moralische Instanz urteilen, als selbstverständliche Richterinstanz: Zu so was kommt es, wenn andere sich so aufführen. Aber sie selbst sind pur moralische Richter in der selbstverständlichen Position des Wertevertreters. Die fragen nicht nach dem Nutzen der Werte in Bezug auf sich, sondern sie legen den Maßstab an den Rest der Welt an. Es ist ein Vergleichsurteil, aber das des moralischen Richters als Anwalt der Werte, der die an die Welt anlegt und feststellt, sie würden nicht berücksichtigt. Das Spannende ist, dieses Urteil loszuwerden. Das geht bei der Neugierde im bürgerlichen Leben los. Im alltäglichen Hinschauen nur dieses Urteil zu praktizieren: Alle Welt verstößt gegen die Werte, deren Vertreter man ist. Damit ist das ganze Urteil, das ganze Vergnügen fertig. Das ist kein Funktionalismus in dem Sinn, dass sie das machen würden, damit sie ihren Alltag besser aushalten, sondern sie bestätigen sich dieses Urteil, als negatives Urteil über andere. So was muss man verhindern. Das gehört dann in die Abteilung der Reflexion danach. Was einer beim puren Zuschauen sieht, ist, dass dort was Böses am Werk ist. In dem steckt schon das moralische Urteil, das in Form der Wahrnehmung der Geschichte vorliegt. So wird es  dann auch präsentiert.
   — Was jeder weiß und Augen blinzelnd zugesteht, ist, dass die Moralität Heuchelei ist, aber wohin es führen kann, wenn diese nur reine Fassade wäre, ist an diesen Fällen augenscheinlich. Wenn die Nachbarn die Stiege nicht putzen, ist es langweilig, es geht menschlich zu, jeder heuchelt ein bisschen. Dieser Standpunkt entdeckt, wie wichtig es ist, dass die Moral und Heuchelei nicht auseinander fallen dürfen. An dem Beispielt sieht man, was der Fall sein kann, wenn die Moralität zur reinen Fassade geworden ist.
Aber das Ganze beruht nicht auf der Sicherheit, dass die Moral im Normalfall nichts als Heuchelei ist. Wenn ein moralischer Mensch, der diesen Standpunkt drauf hat, in allen möglichen Einzelfällen mal Fünfe gerade sein lässt, dann hat das mit Heuchelei in dem Sinn und damit, dass man weiß, das ist die Wahrheit der Moral, nichts zu tun. Dass Heuchelei und Moral identisch sind, wissen nur wenige Leute. Moralisch zu urteilen ist nichts Simples, das merkt man an denen, die moralisch urteilen und gleichzeitig davor warnen, die Welt schwarz-weiß einzuteilen. Aber diese Warnung ist noch was anderes, als das Besondere am Fritzl-Fall: sein Geschick, seine moralische Fassade trotz seines Keller-Verbrechens so aufrecht zu halten.
   — Noch mal zu Moral und Genuss: Das Genussvolle an der Moral ist in erster Linie, dass man bei andern immer die Abweichung entdeckt und sich darin selbst bestätigt. Und der im vorliegenden Fall aus der Sicht des Betrachters enorme Verstoß, ist hier der Gegenstand der moralischen Erbauung.
Die Größe der Abweichung zeugt von der Wichtigkeit der gebrochenen Norm, das ist die Ökonomie. Genossen wird die eigene moralische Urteilskompetenz, die hier durch einen ganz drastischen Ausnahmefall eine großartige Bestätigung erfährt. Sie tobt sich auch sonst immer aus, kommt nur meistens ungenügend zum Zuge, weil eher unbedeutende Vorfälle anzutreffen sind, wie der Nachbar, der die Treppe nicht putzt. Der Reiz des Abweichenden, des Besonderen ist, dass in der Sache eigentlich gar nichts abweicht, aber das, was sonst die normalen Sitten prägt und ihnen als Norm dient, da so eine unwidersprechliche Bedeutung bekommt.
Auch wenn es in Amstetten wirklich passiert ist – es ist zunächst einmal nur eine Story. Der Mensch erfährt davon in der Zeitung und im Fernsehen. Das, was er zu sehen bekommt, ist eine stinklangweilige Betonwand. Alles, was überhaupt die Neugier weckt und die Sensationslust bedient, ist die Fantasie. Die Vorstellungskraft ist aufgerufen, die sich auf das Verbrechen bezieht, wobei in dessen Darstellung schon gleich die Deutung mit drinsteckt, dass ein Monster zugeschlagen habe. Ein reiner Appell an die Fantasie, wobei der Genuss ein anderer ist als beim Verspeisen eines Müsliriegels. Was man in der Fantasie genießt, ist dann die Sache: Das eigene Urteil und die eigene Urteilskompetenz, die durch diesen negativen Fall so richtig bekräftigt wird.
Nun zum Inhalt dieser Perversion, über die das öffentliche Urteil lautet, dass sie unbegreiflich sei. Wie oben schon gesagt, bedeutet dies nicht, dass man es nicht versteht, sondern dass man dem jedes Verständnis verweigert, wobei Verständnis immer das Moment von Billigung hat. Was hat dieser Ausnahmefall mit dem Ideal der Familie zu tun, so dass man erst im ironischen Sinn und dann im vielleicht gar nicht mehr bloß ironischen Sinn sagt, dass er dieses Ideal wahr gemacht hat? Was sind die familiären Zwecke?
   — Dem gefühlsmäßigen Bedürfnis nachzukommen; mit einem anderen ein privates Glück zu veranstalten; sich im Privaten mit und bei dem anderen aufgehoben zu wissen; das Zurechtkommen in der sonstigen Welt und die Reproduktion gemeinsam erfolgreich zu veranstalten.
Hier wird also das normale Verhältnis zwischen Mittel und Zweck eingerichtet: Das Liebesleben ist der Mittelpunkt des Privatlebens, und das Privatleben selber ist insgesamt das, wo in der bürgerlichen Gesellschaft die Freiheit zu Hause ist. Freiheit heißt hier die Sphäre der selbst gesetzten Zwecke, für die alles Übrige nur Mittel sein soll. Deswegen sind alle so scharf darauf. Zunächst ist erst einmal jeder froh, wenn er aus dem Berufsleben nach Hause kommt und dort sein Heim hat. Das ist in der bürgerlichen Gesellschaft, ob einer es so will oder nicht, die Sphäre der Freiheit. Zu den selbst gesetzten Zwecken gehört im durchschnittlichen Normalfall ganz entscheidend das Liebesleben, das seine ganz materiellen Genussaspekte hat. Der Wunsch nach Dauerhaftigkeit ist da überhaupt nichts Besonderes, wenn man schon Gefallen an dem anderen hat und gern mit ihm zusammen sein will. Dieses mit ihm auszuleben wäre das, wofür sich das Leben auch ein bisschen lohnt. Das ist die normale Ökonomie.
   — Wir haben doch an anderer Stelle gesagt, die Bürger würden sich eine Umdrehung leisten: Dass sie alles letztlich wegen Zwecken machen, auf die es ihnen ankommt. Das Ideal der Familie tut so, als würde diese Umdrehung tatsächlich aufgehen. So gehen sie zur Arbeit, weil sie dies für die eigene Familie machen.
So richten sich die Menschen ihr Leben ein, weit vor dem Ideal. Ideal unterstellt, dass diese Rechnung nicht aufgeht, aber man trotzdem daran festhält, weil sie aufgehen soll. Wir sind hier jedoch erst auf der Vorstufe: Dass nämlich das die Bedingung ist, unter der der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft sein Dasein verbringt. Im öffentlichen Erwerbsleben ist die idealistische Entsprechung eher nicht zu finden, dass sich das Herumtreiben darin lohnt. Der Normalfall des bürgerlichen Lebens ist, dass das alles den Status des Mittels für den Zweck hat. Und der Zweck konzentriert sich auf das, was man Privatleben nennt, in dem das Liebesleben nun einmal i. d. R. die wichtigste Rolle spielt. Dass zu einem funktionierenden Liebesleben auch gehört, dies dauerhaft zu machen, sich darin sein Nest zu machen, von dem aus man zustande bringt, das ganze übrige Dasein für den Lebensgenuss in dieser Sphäre zu funktionalisieren, das ist die Lebenssituation, mit der jeder in der bürgerlichen Gesellschaft konfrontiert ist. Die bürgerliche Gesellschaft lebt davon, dass ihre Subjekte sie als Bedingung für etwas anderes abhaken. Dann kommt die schreckliche Wahrheit, dass diese Rechnung so gar nicht aufgeht. Dass sich die Menschen diese Rechnung so aufmachen, ist nicht einfach nur ein blöder Einfall von ihnen, sondern so ist das Leben in dieser Gesellschaft eingerichtet. Es ist die praktizierte Einteilung zwischen dem Berufsleben als Reich der Notwendigkeit und der Sphäre, in der man machen kann, was man will. Und so wird es auch genommen. Dass diese Sphäre in vielen Hinsichten bloß die abhängige Variable der anderen ist, ist das, was dann jeder als Widerspruch zu dem, was er eigentlich will, zu spüren bekommt. Und von diesem Willen lässt keiner ab. Dass die Leute ihr Privatleben mit dem Zweck versehen, dort ihre Freiheit zu praktizieren, kann man ihnen nicht ankreiden, sonst hätte man ja überhaupt keinen Zweck im Leben; für ein bisschen Vergnügen im Leben bleibt ja keine andere Sphäre übrig. Um die Bedingungen für die Sphäre zu erfüllen, die eigentlich Zweck der Sache ist, muss diese Sphäre regelrecht funktionalisiert werden; das Privatleben muss so eingeteilt werden, dass es die Reproduktion hergibt und trotzdem noch ein Moment von Freiheit existiert. Welche Übergänge finden dann statt, bis Familie zum Ideal, zu einer moralischen Norm wird, mit der man sich wechselseitig auf die Nerven geht? Der Ausgangspunkt der Sache ist dieses Ideal nicht.
Kritikabel ist, dass das Reich der Freiheit jenseits der Arbeit im Privaten angesiedelt ist. Jetzt darf man aber einem Menschen nicht sagen, er sei ein psychologischer Herumfuhrwerker, wenn er sich überhaupt auf diese Sphäre einlässt. Wir haben hier den objektiven Widerspruch von Arbeit und Privatheit. Diesen kann man festhalten, doch dann geht es los. Dass das Reich der Freiheit in die (Privat-)Sphäre hineingezwängt ist, die in dieser Gesellschaft zugleich den Charakter der abhängigen Variable hat, das ist die kommunistische Kritik daran. Die Kritik an den Individuen sind die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, dass sie in ihrem ganzen Bemühen, diese Funktionalisierung so hinzubekommen, ständig scheitern. Die gang und gäbe Konsequenz ist, dass, grad weil sie so schön zusammen leben, sie sich die Schwierigkeiten, das Scheitern wechselseitig übel nehmen. Dann ist es immer der andere, der einem etwas versagt. Dann ist es die Freiheit der Interpretation, auf welchen Teil dieses Satzes man den Ton legt: Ob der  einem  etwas versagt – dann ist der Wille angesprochen -, oder ob der selber versagt – dann ist seine ganze Statur angesprochen, dass er eh eigentlich ein Versager ist. Und zwischen den beiden: der kann es nicht und der will es nicht, wird auf einmal eine Rechnung in Bezug auf dieses blöde Verhältnis zwischen dem Reich der Freiheit und dem Reich der Notwendigkeit aufgemacht. Alle Charaktermerkmale des jeweiligen Gesprächspartners, sympathische und unsympathische, werden zu lauter Anhaltspunkten, geradezu zu Beweismitteln dafür, dass man Recht hat, wenn man nicht der kapitalistischen Gesellschaft ihre Einteilung von Freiheit und Notwendigkeit übel nimmt, sondern dem anderen, dass es mit dem Reich der Freiheit gar nicht so weit her ist. Auf einmal schlägt die ganze Intimität, dass man den anderen so gut kennt, um zu einem unerschöpflichen Reservoir für Vorwürfe. Wir sind hier noch nicht beim Monster!
Die enttäuschte Erwartung ist schon eine Mischkategorie aus der verkehrten Einrichtung des bürgerlichen Lebens überhaupt und aus dem verzweifelten Versuch, dem einen Lebensgenuss abzugewinnen. Wenn diese Enttäuschung zum Übergang führt, sie dem anderen übel zu nehmen, ist ein großes Reich des familiären Zusammenlebens eröffnet. Dies ist dann zusammengesetzt daraus, dass man dann doch immer einmal zusammen etwas unternimmt und aneinander seinen Spaß hat, und aus der anderen Abteilung, dass dies leicht den Charakter von Ansprüchen bekommt, denen der andere gefälligst zu genügen hat und die in dem Maße wachsen, wie ihre Erfüllung zu wünschen übrig lässt. Theoretisch gesprochen beginnt hier ein Sumpf mit lauter unschönen bis halbhässlichen Alternativen des Sich-Arrangierens und des Sich-Fertigmachens. Dabei ist kein Weg in irgendeine Sorte Katastrophe vorgezeichnet; die Art der mehr oder weniger schönen Kompromisse liegt hier in der Sphäre der Freiheit. Die einzelnen Übergänge sind notwendig, doch wer sie wie macht, ist eine Sache der Freiheit. Im Nachhinein ist immer erkennbar, was in den jeweiligen Typen gefahren ist. Die Notwendigkeit liegt im Schematismus der Übergänge, die dann fällig sind.
Und in diesen gehört auch das Ideal hinein: Was immer die Familie schuldig bleibt, soll aber doch sein. Die Übergänge zum gewaltsamen Erzwingen sind darin angelegt, sei es dadurch, dass man den anderen moralisch zudeckt – die höflichste Form der Gewalt ‑, sei es wie im Falle von Herrn Fritzl in extremistischer Form. Dass er so viele Übergänge bis zum bitteren Ende gegangen ist, das macht seine Besonderheit aus. Das macht es dann auch so leicht, einerseits wieder zu erkennen, es ist eigentlich die Familienmoral, die er verletzt hat. Es ist das, was das Familienleben zurecht stupst, das, was vor all den programmgemäßen Übergängen in das Erzwingen-Wollen warnt. Der Übergang zum Familienideal gehört zur Sittlichkeit dieser Gesellschaft; eben deswegen gehören die Warnungen, man solle das Ideal aber nicht erzwingen, es solle gefälligst von allen Beteiligten freiwillig geleistet sein, mit dazu. Deswegen gibt es u. a. auch die Institution der Eheberatung; vermutlich gut zwei Drittel aller praktischen psychologischen Beratung beschäftigt sich mit Beziehungsfragen, gerade weil das die Sphäre ist, in der der bürgerliche Mensch festgenagelt ist. Hier, wenn überhaupt irgendwo, soll sich das Leben lohnen. Deswegen ist Herr Fritzl in seiner Perversion dann doch auch wieder so verständlich, dass man über ihn sofort das Urteil parat hat, dies sei völlig unbegreiflich. Momente für diese Übergänge halten sich offensichtlich schon im Bewusstsein, sonst hätte die Moral gar keinen Gegenstand. Auch Herr Fritzl ist kein Quasimodo, mit dem sich niemand vergleicht. Man darf nur nicht andersherum denken, dass sie alle heimlich doch mit solchen Monstrositäten spielten.
Ein Wort zum kindlichen Willen, der vorhin schon Thema war. Jetzt hat man die ganze Dialektik eines werdenden Willens vor sich. Der Standpunkt, man muss für dieses Blag wollen, ist für die ersten 2,5 Jahre umfassend der Fall. Irgendwann danach fangen sie an, ihren eigenen Willen zu entwickeln. Man hat dann den schönen Widerspruch vor sich, dass der Wille erst sehr stückweise vorhanden ist. Es folgt der nächste Widerspruch, dass dieser Wille teilweise so unvernünftig ist, dass man ihn nicht sich selber überlassen kann. Es folgt fast ununterscheidbar und i. d. R. gar nicht unterschieden die Frage, was eigentlich vernünftig ist. Der Standpunkt der Erzeuger, die wissen, was für das Kind gut ist, ist zu einer Hälfte eine Wahrheit, weil das Kind dies todsicher überhaupt nicht weiß; es weiß ja noch gar nichts von der Welt. Irgendwann aber schlägt dieses Urteil, dass die Eltern wissen, was für das Kind gut ist, in eine Sorte der Bevormundung um, die durch die Dummheit des Kindes, geschweige denn durch überlegene Einsichten der Eltern, gar nicht mehr gedeckt ist. Als Nächstes ergibt sich: Je weniger der Wissensvorsprung der Eltern die Einflussnahme auf den Willen des Kindes noch rechtfertigt, um so mehr pflegen diese darauf zu bestehen, dass das aber der Fall ist. Sie bekommen dann die Entgleisungen der Kinder zum Beweismittel serviert, dass sie gegen ihr Kind im Recht sind. Enden tut dies häufig in einem Zerwürfnis, die Kinder entziehen sich dieser Bevormundung.
Das Ganze ist deswegen eine Abteilung Privatleben der Nation, weil man auch an der öffentlichen Aufregung merkt, wie sehr die Familie tatsächlich in die innere Ökonomie – nicht im politökonomischen Sinn, sondern im Sinne des Funktionierens –, in die Funktionsnotwendigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft hinein gehört. Das wesentliche Argument wurde vorhin schon erwähnt: Sie ist eingeteilt in die große Welt, in der der Mensch die Bedingungen dafür schafft, dass er in seiner kleinen Welt, der Intimsphäre, auf seine Kosten kommt. Diese absurde Rechnung, die den Menschen da aufgemacht ist und der sich wirklich niemand entziehen kann – es sei denn er verzichtet von vornherein darauf, dass ihm irgendetwas im Leben Spaß macht -, wird ihm aufgenötigt und ist die Funktionsbedingung der bürgerlichen Gesellschaft, die kommunistischerseits zu kritisieren ist. Deswegen kommt es auch dahin, dass die Drangsale des Familienlebens, die Drangsale, die in dieser Sphäre der Freiheit entstehen, subjektiv für die Beteiligten tausendmal wichtiger sind als alles, was sich im Reich der Notwendigkeiten abspielt. Denn dass es da hart zugeht, ist in diese Rechnung schon längst eingegangen. Am Ende kommt heraus, dass man der bürgerlichen Welt ihre Härten gar nicht groß übel nehmen kann, weil mehr gar nicht im Angebot ist. Dass sie sich ihrer Funktionalisierung für das Privatleben widersetzt, nimmt man nicht dieser Welt übel, sondern dem nicht funktionierenden Privatleben. Und dann gibt es glatt diese Umdrehung, dass die Menschen aus ihrem Familienleben wieder in das Berufsleben flüchten – dies ist eine der Sumpfblüten des Umgangs mit dem unbefriedigenden Privatleben.

2. Nationale Großveranstaltungen

Es gibt nationale Veranstaltungen, die die Parteilichkeit für die Nation als Genussmittel fürs Privatleben aufbereiten. Olympische Spiele, Europameisterschaften sind dafür Beispiele. Welche Sorte Nationalismus wird hier zum privaten Genussmittel gemacht? Warum gibt es so etwas wie die Olympischen Spiele? Wer ist ihr wirklicher Veranstalter? Klar ist, es ist das Olympische Komitee, der Staat, der den Zuschlag bekommt, aber wer ist das wirkliche Subjekt eines solchen Großereignisses? Am Beispiel der Tour de France im letzten Jahr haben wir gesehen, dass sie zur Bedeutungslosigkeit verurteilt worden ist, weil sich das Fernsehen davon zurückgezogen hat.  
Das veranstaltende Subjekt dieses Großereignisses ist die Öffentlichkeit. Bequemerweise können wir uns auf das Staatspapier, §10, berufen. Hier hat die ‘4. Gewalt’ eine eigene Funktion: das ganze Volk wird mit einem Sportereignis unterhalten. Der Veranstalter dieser Volksbelustigung – dass eine daraus wird, ist nicht der Staat und auch nicht der Privatmensch, der sich vor den Fernseher setzt –  transportiert das ganze Geschehen, zu dem man naiv Sportereignis sagen möchte, in die private Sphäre der Unterhaltung. Was ereignet sich, wenn sich Sport ereignet? Sport, von der Öffentlichkeit für den Konsumenten aufbereitet, ist in unseren Beispielen offensichtlich ein Wettbewerb der Nationen. Die Öffentlichkeit bemüht sich, klar zu machen, von dieser Sorte Konkurrenz hinge mehr ab als von Exportziffern. Es soll ein Gegenstand des Genusses sein, den der Einzelne, zufrieden mit den Fortschritten im Medaillenspiegel oder mit dem Erreichen der nächsten Spielrunde, in seine Privatsphäre einbaut, ergriffen von der Hymne, die einen bei der Siegerehrung zum Weinen bringt. Es findet ein Zusammenschluss des Individuums mit seiner Volksgemeinschaft statt. Sport ist hier die Luxusabteilung des nationalen Lebens, die es sich leistet, lauter Helden, Recken und trainierte Menschen zu solch einem Wettbewerb zu schicken und diese als Repräsentanten der nationalen Tüchtigkeit in einer Sphäre auftreten zu lassen, in der es nicht um die harten Fragen der internationalen Durchsetzungsfähigkeit geht, in der aber lauter Symbole für Leistungsfähigkeit zelebriert werden. Diesen Stoff präsentiert die Öffentlichkeit zur Unterhaltung. Eine ganze Nation richtet sich darin in ihrem Feierabend ein. Dies ist darauf berechnet, dass der Einzelne das als tolles Angebot für seine Privatsphäre anerkennt und akzeptiert. Die Betätigung eines sittlichen Urteilsvermögens ist hier direkt kurz geschlossen mit der Parteilichkeit für die eigene Nation, ohne die umgekehrt das Anschauen olympischer Spiele richtig sachfremd wird, wenn man sich nur noch ein interessantes, spannendes oder schönes Sportereignis anschaut.
Der Standpunkt des Desinteresses wird einem inzwischen auch schwer gemacht. Die Leute lassen sich ergreifen und machen den gröbsten Unsinn mit, hängen Fahnen an Balkone, Autos o.ä.
   — Die Öffentlichkeit berichtet doch nur über das von den Staaten eingerichtete Konkurrieren.
Ohne die Berichte darüber wäre dies nicht die Veranstaltung, die sie sein soll. Die Staaten sollen nicht untereinander konkurrieren und nachher wird lediglich das Fazit mitgeteilt. Vielmehr ist die Veranstaltung selbst dafür gemacht, das Volk in ein Publikum zu verwandeln, das diese als gelebten Nationalismus versteht. Nicht der für den Sport zuständige Innenminister veranstaltet solche Sportereignisse, sondern die Öffentlichkeit bewährt sich hier als staatstragende nationale Größe. Es bedarf nicht einmal mehr eines öffentlich-rechtlichen Auftrages; um die Übertragungsrechte wird vielmehr gestritten und viel Geld dafür bezahlt, weil sich ein riesiger Überbau von Kommerz anhängt. Werbeeinnahmen winken, die Industrie kennt, schätzt und spekuliert auf den Unterhaltungswert dieses Unsinns, d. h. eine große Masse des Volkes macht so etwas zum Bestandteil seiner Privatsphäre. Dieser ökonomische Überbau, der für den viel geschmähten Gigantismus zuständig ist, hat diese von den Nationen im Rahmen der Konkurrenz in ihrem Sportüberbau veranstalteten Ereignisse zu ihrem Gegenstand gemacht, den sie als Absage an die harte Konkurrenz in der Politik versteht.
Die Geschäftsbedingung der olympischen Spiele, politische Stellungnahmen haben zu unterbleiben, gilt bis heute, eine moderne Fassung der antiken Spiele, während der Veranstaltung Kriege ruhen zu lassen. Einerseits wird von der Öffentlichkeit eine von der Staatsseite beschlossene Abstraktion von der wirklichen Konkurrenz der Nationen inszeniert, eine in ein solches Geschehen übersetzte Idee von der Völkerfreundschaft, der Verbrüderung, neben der Konkurrenz, bei der keiner dem anderen irgendeinen Vorteil gönnt. Der Sport, der nur zur Unterhaltung dient, bei dem nicht der Ernst des Lebens praktiziert wird, ist sehr geeignet, ein solches Ideal zu inszenieren. Die Ironie dabei ist erstens, auf nichts anderes zu kommen als auf einen Wettbewerb, einen Transfer der Konkurrenz aus den niederen Sphären der Ökonomie in die höheren Sphären des Sports. Bloß spielen wollen ist nichts anderes als eine veredelte Sorte Kampf. Zweitens halten die imperialistischen Nationen die Abstraktion von der wirklichen Konkurrenz, gerade im Falle China, nicht durch. Indem sie den Veranstalter argwöhnisch begutachten, schlecht machen, durchkreuzen sie mit dem Menschenrechtsideal, das allemal zur Einmischung berechtigt, das Ideal der Völkerfreundschaft in der Sphäre des luxuriösen Spiels. Drittens schlägt die Funktionalisierung der Öffentlichkeit für den Markt auch hier zu. Die Kommerzialisierung der olympischen Spiele wird von denen, die einen reinen, edlen Nationalismus fordern,  beklagt.
Auch in der Sphäre des Luxus ist nichts anderes als Konkurrenz angesagt, die einerseits von der sonstigen Sphäre der Konkurrenz getrennt ist, wenn ein Land wie Kenia auch einmal auftrumpfen darf und sich gegen Äthiopien  durchsetzt. Nationen, die sonst in der Welt nichts darstellen, können bei olympischen Spielen – welch ausgleichende Gerechtigkeit – siegen. Andererseits sind es sich die Nationen, die auf der Welt etwas darstellen, schuldig, im Medaillenspiegel vorne zu stehen. Von wegen Verzicht auf die wirkliche Konkurrenz.

3. Überlegungen zu Pakistan

Wer dort regiert, welche Parteien Intrigen es dort gibt, auf welche Schwierigkeiten dort Investoren treffen, interessiert uns nicht. Diese Themen haben in der Öffentlichkeit Konjunktur und sind in den Zeitungen nachzulesen. Die Einordnung, um welches imperialistische Konstrukt es sich bei einem solchen Land handelt, welchen Stellenwert Pakistan im Antiterrorismuskampf der USA einnimmt, ist schon eher bemerkenswert; ebenso wie dieses Land seine ganze staatliche Existenz eigentlich aus den Aufträgen und den Bedingungen bezieht, die die in Zentralasien aktiven imperialistischen Mächte ihm erteilen bzw. setzen. Pakistan bemüht sich seit seiner Gründung darum, aus dem Auftrag und mit der Lizenz, einen Teil des alten indischen Kaiserreiches (Teil des britischen Empire) als Heimstatt der Muslime zum Staat zu machen. Er bemühte sich von Anfang an unter dieser Prämisse um seine Konsolidierung, auf der Suche nach eigenen Lebensmitteln als Staat, nach einer eigenen Räson zur Mehrung dieser Lebensmittel. Alles unter der Bedingung, auf dieser Suche nach dem eigenen Stellenwert im Kalkül imperialistischer Nachbarn zu sein und dabei eigentlich alle seine Definitionen von außen zu beziehen.
Wer ergreift denn diesen Auftrag, sich dieser Aufgabe zu stellen, aus diesem Land etwas zu machen?
Solcherart sind Überlegungen zum Thema Pakistan, die zunächst aber zurückgestellt werden sollen.