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Jour fixe 10.3.08 – I. Verdi-Streik, II. ‚Wortbruch’ bei der SPD

I. Verdi-Streik – zu den Prinzipien der Lohndifferenzierung

Schon beim letzten Mal wurde als Ausgangspunkt die Eigenart gewählt, dass beim Thema Mindestlohn tatsächlich so etwas wie die Bedürfnisse des Proletariats zumindest formell zur Grundlage von Überlegungen über den notwendigen Lohn gemacht worden sind. Das widerspricht etwas unserem Dogma, dass in der Welt der Lohnzahlungen der Bedarf der diensttuenden Mannschaft keine Rolle spielt, dass in der Kategorie 'Preis der Arbeit' die komplette Abstraktion vom Bedürfnis derer eingeschlossen ist, die die Arbeit tun. Beim Mindestlohn wird aber auf eine Größe abgehoben, die einem Marx-Leser bekannt vorkommen könnte, weil sie an den Wert der Ware Arbeitskraft, an Reproduktionsnotwendigkeiten dieser Menschengattung erinnert. Wenn die Verdi-Basis sich äußert: „Wir brauchen das Geld, die Preise sind gestiegen, es geht so nicht mehr weiter“, taucht dieser Gesichtspunkt wieder auf. Wie passt das damit zusammen, dass schon letztes Mal gesagt wurde, dass im Ernst von Bedürfnissen, Interessen, sogar dem elementaren, anständig über die Runden zu kommen, als Kriterium des Lohns nicht die Rede sein kann, wenn Geldbedürfnisse nur dann ein Moment von Anerkennung erfahren, wenn sie die defensive Reaktion auf eine sehr drastisch fortschreitende Verarmung sind? Da ist beim Mindestlohn offensichtlich, dass da von Staats wegen die Grenze ins Auge gefasst wird, bei der ein voll arbeitender Lohnempfänger unter das staatlich per Hartz IV definierte Existenzminimum rutscht. Die Definition eines solchen Existenzminimums ist selbst schon alles andere als die materielle Anerkennung von Lebensinteressen der davon Betroffenen. Da fühlt der Staat als Sozialstaat sich herausgefordert, von sich aus eine Grenze zu dekretieren oder sogar mit eigenen Mitteln für die Einhaltung eines Mindestmaßes an Überlebensmitteln einzustehen.
Nicht viel anderes ist die Sache, wenn die Beschwerden gerade der Billiglohnempfänger des Öffentlichen Dienstes eine öffentliche Anerkennung finden. Da wird nicht der Standpunkt, was man für ein anständiges Leben hierzulande braucht, sondern der der nicht mehr zu bewältigenden Not geltend gemacht. Deswegen verträgt es sich mit dieser Sorte Forderung gut, dass die Argumentation "Wir brauchen das" selbst einen Haken hat. Wenn die Leute das in der Öffentlichkeit so vorbringen, lässt sich das Augenmerk darauf lenken: das bedeutet eine gewisse Anerkennung dieser Not und der daraus erwachsenden Forderung. Aber als was werden die elementaren Überlebensbedürfnisse der öffentlich Bediensteten anerkannt, wenn sie im Fernsehen sagen dürfen, dass sie die Miete nicht mehr zahlen können? Anerkannt sind sie schon, aber die Anerkennung gilt einem durchaus ehrenwerten – auch durch die lange Kette von Lohnsenkungen für anerkennenswert erachteten – partikularen Interesse dieser Mannschaft, die ein allgemeines herrschendes Interesse an billiger Entlohnung dieser Leute zu ihrem Gegenüber haben. Es steht von vornherein fest, dass es zwischen dem anerkannten partikularen Interesse, die Geldnot zu wenden, und dem herrschenden Interesse der öffentlichen Arbeitgeber, keinen Euro mehr zu geben (das berühmte Angebot: 5 % mehr, wenn eine Stunde mehr gearbeitet wird, was schon 2,5 % ausmachen würde), irgendwie einen Kompromiss geben muss.
Vor allem beachtenswert am Verdi-Streik ist aber der Umstand, dass die Verarmung, auf die die jetzige Forderung mit den 8 % reagiert, nicht nur – wie bei den 'Glücklichen' mit dem alten BAT-Tarif – Resultat von etlichen Fast-Null-Runden ist; bei allen, die dort seit ein paar Jahren neu antreten, ist die Verarmung der Bediensteten in dieser Sphäre das Resultat eines neuen Tarifvertrages: Der TVöD, der gleich von vornherein alle Neuanfänger für alle möglichen Jobs niedriger einstuft, vom Anfangsgehalt bis zu der Systematik der Lohnerhöhungen, auf die man im Laufe seines Arbeitslebens kommen kann. Der goldene Grundsatz der Arbeiterbewegung: 'Gleicher Lohn für gleiche Arbeit', ist da völlig ausgehebelt, weil ein richtiger Schnitt gelegt worden ist, zwischen den alten Arbeitsplätzen, die noch eine 'Besitzstandswahrung' nach dem alten Tarifvertrag haben, und denen, die nach dem neuen Tarifvertrag – also nach einer soliden rechtlichen Vereinbarung zwischen den staatlichen Arbeitgebern und der Gewerkschaft –, eingerichtet worden sind. Diese 8 % sind für die Meisten eine sehr unzureichende Kompensation als Gegenleistung für eine massive Verschlechterung. Warum gibt es einen solchen Tarifvertrag, mit dem die Gewerkschaft als Interessenvertretung der öffentlich Bediensteten eine massive Schlechterstellung nicht nur absegnet, sondern zu einem ganzen neuen System der Lohnfindung ausarbeitet?
     ― Nach der Systematik vom nicht Können und nicht Wollen der Gewerkschaft, die letztes Mal besprochen wurde, ist die objektive Lage, mit der Verdi konfrontiert ist, was die Arbeitgeber im öffentlichen Dienst da durchgesetzt haben, mit dem Outsourcen aus dem eigenen Bereich. Da steht das Erpressungsmittel, entweder ihr macht es genauso billig oder wir verkaufen an jemanden, der es billiger macht. Sie drohten z. B. die Buslinien zu verkaufen.
Ja, so etwas fungiert als Rechtfertigung für den Tarifvertrag. Von den Arbeitgebern ist eine neue Konkurrenzlage hergestellt worden, die die Gewerkschaft hingenommen hat. Sie hat zwar manche Beschwerde eingelegt, aber ihre Massen nicht mobilisiert. Ob sie die Münchner Busfahrer alle als Basis dafür bekommen hätte, ist noch die Frage, aber es wäre ein öffentliches Geltendmachen eines Einspruchs gegen diese neue Politik gewesen – davon hat man nichts mitbekommen. Auf einmal war es so eingerichtet, dass Buslinien an den 'Meistbietenden', d. h. den, der in der Hinsicht am billigsten ist, versteigert werden. Da hieß es nicht mal von der Gewerkschaft: Wir sind die Lobby, wir organisieren was dagegen. Von den Arbeitgebern ist unter Berufung auf europäisches Wettbewerbsrecht eine neue Konkurrenzlage hergestellt worden – und es nicht mal zu hören: Wenn die Segnungen des neuen EU-Vertrages darin bestehen, eine Rechtslage zu verordnen, in der nach einer Ausschreibung der wüsteste Ausbeuter die Buslinie bekommen muss, dann ist dieses Europa ein Mist. (So wird jetzt z. B. von den Stadtwerken München der Sachzwang geltend gemacht: Wenn wir nach der neuen Rechtslage eine Konkurrenz zulassen müssen, dann müssen wir auch entsprechend die Löhne 'anpassen'.)
Die Bundesländer haben das erst mal ganz ohne Tarifvertrag gemacht. Aber auch da haben sich die tarifvertraglich Organisierten nicht auf den Standpunkt gestellt, das nicht mitzumachen und z. B. das Finanzamt zu bestreiken, wenn die Länder einfach am Tarifvertrag vorbei ihre Entlohnungspolitik machen. (Zur Sache: Der TVöD besteht für Bund und Kommunen seit 2005, für die Bediensteten der Länder wurde mit Ausnahme Berlins und Hessens 2006 der TV-L zwischen Verdi, Beamtenbund und der Tarifgemeinschaft deutscher Länder abgeschlossen.)
Im Prinzip gilt, dass die öffentlichen Arbeitgeber ihren eigenen öffentlichen Dienst ausdünnen und ganze Bereiche privatisieren. Sogar Polizeiaufgaben kann man irgendwelchen Wach- und Schließgesellschaften überlassen, die noch nicht mal einen Mindestlohn von 4,50 Euro zahlen. Die Arbeitgeber stellen diese neue Konkurrenzsituation her, in der das Profitinteresse von Privatunternehmern, die öffentliche Dienste übernehmen, zur Messlatte auch für das wird, was der öffentliche Dienst selbst seinen Leuten noch bezahlen will. Sie beziehen sich darauf: Mit dieser Konkurrenz müssen wir fertig werden. Eben diese Krauter, die mit Ausbeutung ihrer Belegschaft in gesteigertem Maße richtig billige Angebote für öffentliche Dienstleistungen machen können, müsse man unterbieten. Das ist die eine Seite, es wird eine neue Konkurrenzlage hergestellt und die Gewerkschaft wird gebeten, sich auf die einzustellen.
Jetzt kommt die andere Seite: was die Gewerkschaft da macht. Sie gibt sich nämlich dafür her, das abgesenkte Lohnniveau so stehen zu lassen und die Regelung desselben – sogar einschließlich einer neuen Systematik der Nichterhöhung, oder der neuartigen, dann doch vielleicht mit Erhöhung von Einstiegsgehältern – die Hand zu reichen und das zu einem neuen Vertragswesen auszuarbeiten. Zu der realistischen Seite kommt also ein Programm und ein Ethos der Gewerkschaft. Sie selbst bringt ein moralisches Kriterium ein, das in der Sittlichkeit hierzulande eine große Rolle spielt: Gerecht soll es zugehen, und zwar leistungsgerecht. Wenn schon der Arbeitgeber auf einem neuen Tarifvertrag besteht, dann gestalten wir das neue Entlohnungssystem in Kooperation mit den Arbeitgebern leistungsgerecht. Damit wären wir beim Thema: Was ist ein leistungsgerechter Lohn?
   ― Der Ausgangspunkt ist für die Gewerkschaft, den feststehenden Schaden unter ihrer Mannschaft korrekt zu verteilen. Die Gerechtigkeit aufgrund des abgesenkten Lohnniveaus ist die Messlatte für die Verteilung.
Da ist die entscheidende Grundsatzfrage – die sich die Gewerkschaft nicht stellt, sonst käme sie vielleicht ins Grübeln und zu keinem Abschluss – umgangen: Wie bekommt man aus dem Prinzip der Gerechtigkeit die Bewertung irgendeines Arbeitsplatzes her? Dass der Lohn leistungsgerecht sein muss, sagt ein jeder; dieser Fetisch gehört zur Sittlichkeit unserer Gesellschaft. Nur, wie sieht man einer Arbeit an, was sie wert ist?
   ― Dass von der anderen Seite überhaupt unterschiedliche Löhne gezahlt werden, ist der Ausgangspunkt für die Gewerkschaft zu rechten.
Wenn es schon unterschiedliche Löhne gibt, dann muss es doch für die Unterschiede ein Kriterium geben. Da sagt heute jeder, das sei natürlich die Leistung. Da werde zwar oft dagegen verstoßen, z.B. bei den Managergehältern – gleich 380fach gegenüber dem Durchschnittslohn ist vielleicht etwas übertrieben, aber ein Mehrfaches ist akzeptiert. Lohnunterschiede sind in Ordnung, nur was ist das Kriterium, dass sie passen?
     ― In den Einstufungsbescheiden zur Einteilung in eine Gehaltsgruppe steht die Leistungsbeschreibung. Im Verwaltungsbereich gibt es z.B. als Kriterium: selbständiges oder leitungsgebundenes Arbeiten. Da ist dann selbständiges Arbeiten mehr wert.
Weshalb das? Ist das gerecht, dass einem nach der Pfeife zu tanzen weniger entlohnt wird, als selbst zu entscheiden, wie man z.B. die Anträge bescheidet. (Und natürlich geht es nicht nach Leistung im Sinne von Anstrengung, nach dem Motto: Wer sich sehr quält bei der Arbeit, bekommt mehr.) Wie kommt das zustande? Wer hat das Interesse, zwischen besseren und schlechteren Gehaltsempfängern zu unterscheiden? Die Kapitalseite hat sicher an niedrigen Löhnen Interesse, aber wieso an höheren, Differenzierung schließt beide Seiten ein.
     ― Es gab und gibt Arbeiten, die waren schwerer für die Kapitalisten auf dem Markt zu bekommen, da wurde mehr gezahlt, um sie zu bekommen. Das schließt gleichzeitig ein zu sagen, für die anderen, die haufenweise zu bekommen sind, gibt es weniger.
Der Gesichtspunkt, Niedrigqualifizierte gibt es im Verhältnis zu den Jobs für sie wie Sand am Meer, also kann man sie überhaupt nur beschäftigen, wenn man ihnen sehr wenig gibt – taucht jetzt im Bereich des Niedriglohnsektors wieder auf. Das hat dann aber mit Leistungsgerechtigkeit nichts zu tun. Wer leistet mehr: die Putzfrau oder der, der den Dreck macht? Heutzutage wird den vielen Arbeitslosen unterstellt, wenn sie keinen Job bekommen, dann liegt das daran, dass sie für die besseren Jobs nicht qualifiziert sind. Damit wird das, was einer zahlen will, zu einer Fähigkeit des Menschen gemacht. Wenn sie keinen Job haben und es nur Jobs für einen Hungerlohn für sie gibt, dann ist der Rückschluss: Die können auch nichts anderes als einen Job ergattern, auf dem sie nichts verdienen. Für den Job gibt es dann das ganze Heer von Arbeitslosen. Wenn man das vorher Gesagte also auf die heutige - in x Tarifverträgen elaborierte – Lohnhierarchie bezieht, wäre es ein Witz zu sagen, in dieser Lohnhierarchie bildet sich die Konkurrenz der Arbeitgeber um taugliche Arbeitskräfte irgendwie ab. Es gibt eher eine Hierarchie von Jobs mit einem entsprechenden Lohn und die Konkurrenz der Leute geht um diese Jobs. Und die Arbeitgeber sind meist in der bequemen Situation, zwischen mehreren aussuchen zu können. Aber was ist der bleibende Grund der Unterschiede?
     ― Es ist das Interesse des Kapitals, indem es die Leistungen, die es für seine Profit-Produktion braucht, haarklein auf verschiedene Arbeitsplätze festlegt und gleichzeitig dazu sagt, was es bereit ist, für die einzelnen Leistungen zu zahlen. Das kalkulieren sie und vergleichen es mit dem, was am Schluss rauskommen soll. Das Lohnsystem ist im Endeffekt die Bewirtschaftung eines Betriebs durch das Kapital.
Ja, die Lohnzahlung richtet sich danach, dass bei der Bewirtschaftung des Unternehmens ein Profit rauskommt. (Dass dabei der öffentlichen Dienst keinen Profit erwirtschaftet, kann man hier vergessen, weil er sich ja über die Konkurrenzsituation in ein Verhältnis zu den Gewinn erwirtschaftenden Unternehmen stellt.) Das ist die Messlatte der Entlohnung; da ist der Zweck des Unternehmens, dass die Beschäftigung von Leuten Gewinn einbringen muss, die Bedingung für Beschäftigung. Nur, was sollen da die 35 Kriterien mit 9 Abstufungen und ca. 315 Bewertungspunkten, nach denen der Lohn gezahlt wird?
     ― Marx stellt in K I die Figur des Overlookers vor, dem der Kapitalist bereit ist, mehr zu zahlen als dem Rest. Da bezieht er das, was der an Hirn, Muskeln, Nerv verausgabt, unmittelbar auf sein Betriebsergebnis und bezahlt ihn als Funktionär dafür, dass es zustande kommt.
Er bezahlt seinen verlängerten Arm besser, als die, die dieser verlängerte Arm kommandiert.
     ― So wie die Lohndifferenzierung heute vorliegt, ist sie aber nicht aus dem Interesse der Arbeitgeber zu erklären. Das liegt an den gewerkschaftlichen Bemühungen, die vorgefundenen Lohndifferenzierungen in ein gerechtes Verhältnis von Unterschieden, nämlich der Leistung entsprechend, zu sortieren.
Die jetzige Form in den ausgearbeiteten Bewertungsschematismen verdankt sich der Gewerkschaft, die damit auf Unterscheidungen, die es gibt, eingeht. Aber selbst wenn man das in einer Lage mit so vielen Arbeitslosen wie heute kaum noch wieder erkennt – der historische Ausgangspunkt dafür, was sich inzwischen in solchen Arbeitsplatzbewertungen niedergeschlagen hat, ist durchaus die Konkurrenz der Kapitalisten um taugliche Arbeitskräfte.
Das Generelle ist: Der Kapitalist bewirtschaftet seinen Betrieb so, dass für ihn die Sache aufgeht, dass er am Markt mit dem Preis für sein Produkt Anteile erobert; er kalkuliert, dass das, was er für Maschinerie etc. und Personal zahlen muss, den Überschuss, den er haben will, hergibt. Die Unterschiede bei den Lohnzahlungen fangen an der Stelle an, wo angesichts einer limitierten Arbeitszeit das, was die Leute kosten dürfen, damit das Produkt noch mit Gewinn verkäuflich ist, auf die Arbeitsstunden bezogen wird, aus einer 40-Stunden-Woche ein Stundenlohn errechnet wird. Hinter diesem ersten Übergang zu den eingebürgerten Lohnformen steckt die Idee: Mit seiner Arbeit leistet doch jeder Angestellte, in der Zeit gemessen, die er arbeitsam verbringt, einen Beitrag zu dem, was ich von ihm haben will.
Von der Bewirtschaftung des Unternehmens ausgehend kommt man auf diese Überlegung. Der Kapitalist zahlt nicht eine Lohnsumme, die der Vorarbeiter dann verteilt, sondern er zahlt seine einzelnen Leute und macht an der Stelle jeden einzeln für das Ergebnis haftbar: Du bekommst nur dann Lohn, wenn das, was insgesamt rauskommt, mir Profit bringt, egal was du als einzelner machst. Du wirst einzeln entlohnt, aber haftest für das gesamte Betriebsergebnis. Schon im Stundenlohn steckt: Du bekommst so viel, wie du an Zeit arbeitsam in meinem Betrieb verbringst. Der Ausgangspunkt dafür ist an der Stelle: Was muss ein Arbeitgeber zahlen, damit sich überhaupt einer für diese Arbeit hergibt – da gab es früher einmal eine Konkurrenz um Arbeitskräfte, z. B. in der Aufschwungsphase sind die Lohnarbeiter oder ihre Vertreter einmal ausnahmsweise gut dran gewesen. Diese Zeiten sind ziemlich vorbei.
Das nächste ist auch bekannt. Die Überlegung des Unternehmers: Was einer produktiv, z. B. in Stücken gemessen, in einer Stunde bringt, das kann verschieden sein. Das war die Erfindung des Leistungslohns: Jede Stunde zu zahlen, aber unterschiedlich viel, je nach der Anzahl von Stücken, die sie schaffen. Wie viel sie in der gegebenen Zeit das Gesamtprodukt im Vergleich zu anderen voranbringen. Der Leistungslohn als eine Sorte Konkurrenz, die der Arbeitgeber zwischen seinen Arbeitskräften veranstaltet. Er differenziert den Lohn, um beides zu erreichen: Eine Lohnsenkung und eine Steigerung der Anstrengung. Er lässt seine Leute die vorgegebene Zeit arbeiten, aber was sie für die Stunde bekommen, richtet sich danach, wie viel sie von einem angenommenen Durchschnitt an Output in der Stunde hinkriegen. Mit etwas mehr Lohn wird mehr Leistung abverlangt, Leistungsschwäche wird mit Lohnabzug bestraft.
   ― Es ist doch so, dass der Leistungslohn die abgeleitete Form des Zeitlohns ist. Er bekommt ja nicht einen Anteil vom Produktpreis, sondern es wird eine Rechnung angestellt, die eine Normalleistung zugrunde legt, die den Zeitlohn ergibt, und wenn er in der Stunde mehr Stück, z. B. 110 % der Normalleistung erbringt, bekommt er einen entsprechenden Lohn. Die Ermittlung der Vorgabezeit geht von der normalen Leistung aus, aber der Zweck an der Stelle ist, über die leistungsgerechte Bezahlung die Leistung innerhalb der Stunde zu steigern. Die Normalleistung ist dabei definiert als die Leistung, die man über längere Zeiträume aushalten kann, ohne krank zu werden.
   ― Der Kapitalist muss für einen Arbeiter so viel zahlen, wie es die Konkurrenz der Kapitalisten untereinander im Moment erforderlich macht. Das ist für ihn zunächst ein Ärgernis. Deshalb versucht er, in der Verlängerung der Lohnformen alles innerhalb seines Betriebes so hinzuorganisieren, dass er der bestimmende Faktor beim Lohn bleibt.
Man darf schon das Erste nicht unterschätzen. Der Kapitalist bewirtschaftet seine Belegschaft und zahlt jeden Einzelnen nach der Zeit, die er bei ihm ist. Damit ist das Entscheidende schon passiert, nämlich vom Bedarf des Einzelnen, was der braucht, ist die Entlohnung jetzt entkoppelt. Gemäß der Kategorie ‚Preis der Arbeit’ zahlt der Kapitalist nur die pro Stunde verrichtete Arbeit. Wie viele bezahlte Stunden der Arbeiter in der Woche, im Jahr akkumuliert, ist sein Problem. Dass das Stunden sind, die sich für das Unternehmen lohnen, ist auch im Preis mit eingeschlossen, weil dieser Zweck ja Bedingung dafür ist. Der Kapitalist entscheidet, wie lange er seine Leute beschäftigt. Das aktuellste Beispiel sind die Bergarbeiter im Saarland. Mit dem Entzug der Lizenz für den Abbau durch die Landesregierung stehen die auf der Straße, die bisher immer eingefahren sind, und bekommen von heute auf morgen nichts mehr, weil das Unternehmen die nicht benötigte Arbeit auch nicht mehr bezahlt. Dies alles sind die Leistungen des Zeitlohns. Soweit sich darin noch eine Abhängigkeit von der Qualifikation, der Seltenheit des einzelnen Leistungserbringers widerspiegelt, ist die nächste Überlegung des Kapitalisten, sich davon frei zu machen, indem er den Stundenlohn unterschiedlich bemisst, je nachdem was ihm einer in der Stunde abliefert. Man hat hier die Übersetzung von dem, was die Leute kosten, in den Beitrag zum Betriebsergebnis, den sie pro Stunde, pro Anstrengung und pro Ausstattung des Arbeitsplatzes, an dem sie ihre Leistung erbringen, abliefern. Das ist die erste Verrücktheit bei der analytischen Arbeitsplatzbewertung, dass das, was die Leute an ihrem Arbeitsplatz bringen, und das, was sie dafür bekommen, dieses Verhältnis von Lohn und Leistung pro Stunde an ihrem speziellen Arbeitsplatz, dass das vom Kapitalisten kalkuliert wird – Lohnstückkosten ist eine der dafür maßgeblichen Kategorien – als der Beitrag, den jemand an diesem Arbeitsplatz erbringt, im Unterschied zu einem anderen, der – z. B. am selben Arbeitsplatz – eine andere Leistung erbringt.
Die Lohndifferenzen sind Ausarbeitungen dieses Unterschiedes: Was zum einen der Einzelne mitbringen (Erfahrung, Ausbildung, Geschick, Kraft, Aushaltevermögen usw.) muss – und das ist wie die Rückerinnerung daran, wie teuer er in der Konkurrenz der Kapitalisten um gescheite Arbeitskräfte ist – und was er zum anderen an diesem Arbeitsplatz entsprechend der Erwartung des Kapitalisten bringt, wie effektiv der Einzelne seinen Arbeitsplatz ausfüllt und dabei noch gegen seine Kollegen konkurriert. Die Gesamtrechnung des Kapitalisten wird von ihm selber auf jeden Arbeitsplatz und auf jede Stunde, die auf diesem verbracht wird, heruntergerechnet. Was der Kapitalist von jedem an Leistung will und was er für jeden Einzelnen an jedem Arbeitsplatz zu zahlen bereit ist, wird von ihm kalkuliert als Beitrag zum Betriebsergebnis – andersherum ausgedrückt: Es wird kalkuliert als Bestandteil der Kosten, die der Kapitalist in seinem Produkt geltend macht und auf die er einen Überschuss erlösen will.
Es soll daran erinnert werden, wie viel Irrationalität in der Lohndifferenzierung steckt. Es handelt sich allemal um eine Bewertung des Arbeitsplatzes. Aus der Betrachtung des Arbeitsplatzes und der konkreten Arbeit, die da zu verrichten ist, auch der Mühe und der erforderlichen Intelligenz, um ihn auszufüllen, ergibt sich nirgends ein Anhaltspunkt zu sagen, dass der eine Leistungserbringer 50 Euro pro Stunde und der andere nur 10 Euro pro Stunde bekommt. Von einer beschriebenen konkreten Arbeit gibt es keinen Weg zu der Feststellung, dass die eine mehr wert sei als die andere. Es handelt sich also um konkrete Tätigkeiten, die einer Bewertung unterzogen werden. Dabei sind zwei Sachen zu unterscheiden. Zum einen haben wir einen Rückblick vorgenommen, um zu zeigen, woher die unterschiedliche Bewertung tatsächlich kommt. Sie entstammt an jedem Punkt dem Konkurrenzinteresse der Kapitalisten: einerseits möglichst wenig in der Konkurrenz um Arbeitskräfte für die jeweilige Arbeitskraft zu zahlen und andererseits an den eingerichteten Arbeitsplätzen möglichst viel aus ihr herauszuholen. Die unterschiedliche Bewertung von unterschiedlichen konkreten Arbeiten im Betrieb kommt nie aus der Definition der konkreten Arbeit, sondern sie kommt aus einem wüsten Mix von Konkurrenzsituationen und sogar Traditionen. Wenn nun einmal solch eine Bewertung stattgefunden hat, dann ist damit auch die Kalkulation des Kapitalisten die, dass er für eine bestimmte Arbeit einen bestimmten Kostenfaktor in seine Rechnung einbeziehen muss. Der Lohn, den er bezahlen muss, wird als Quelle des Produktpreises verrechnet. Dies ist dann wieder der Ausgangspunkt für nachfolgende Überlegungen des Kapitalisten, mittels Rationalisierungen und Veränderungen der Arbeit dahin zu kommen, dass ein guter Grund vorliegt, diese von weniger ausgebildeten Leuten verrichten lassen zu können, für die auch weniger Lohnkosten aufzuwenden sind. Hier ist aber schon der ökonomische Übergang geschehen von den ökonomischen Gründen der Bewertung eines Arbeitsplatzes zu einem wüsten Konglomerat von Gesichtspunkten, wie man einen Arbeitsplatz so definiert, dass man einzelne Merkmale quantitativ auflisten und ihnen einen Punktwert an gerechter/passender Bezahlung zuordnen kann.
Bei der analytischen Arbeitsplatzbewertung geht beides gleich durcheinander, nämlich die ökonomischen Gründe, einen Arbeitsplatz so und so einzurichten, und die Entscheidung, der dort verbrachten Arbeitsstunde eine bestimmte Entlohnung zuzumessen. Beim letzteren sind die Idiotien von REFA usw. einschlägig. Die Einfachheit der Arbeit wird aus der Konkurrenzsituation der Kapitalisten genommen und übersetzt in eine Beschreibung der zu tätigenden Arbeit. Es werden aber nicht mehr die Bestimmungen der konkreten Arbeit festgehalten, stattdessen wird diese so abstrakt beschrieben, dass man einzelnen Tätigkeiten Punktwerte zuordnen kann. Die ökonomischen Gründe für die unterschiedliche Bewertung der Arbeitsplätze werden in Gesichtspunkte einer passenden Entlohnung übersetzt. Die bekannten Lohnformen: Zeitlohn, Stücklohn, fließen ein in diese analytische Arbeitsplatzbewertung. Dies hat seine 150-jährige Geschichte und die lange Tradition von Tarifverträgen, die im Ausgangspunkt vom Bemühen der Arbeitgeber bestimmt waren, die Leistungsvorgaben und –differenzierungen nicht der individuellen Geschicklichkeit und der Bereitschaft, sich anzustrengen, zu überlassen, sondern zu verobjektivieren, die Anforderungen also nicht nur ideell als Normleistung in den Arbeitsplatz hineinzudefinieren, sondern in dem per Maschinerie zu vergegenständlichen.
Verdi richtet jetzt die Arbeiten des öffentlichen Dienstes am Kriterium der Gewinnerwirtschaftung der Privatwirtschaft aus und hat sich dazu herbeigelassen, eine Lohndifferenzierung zu revidieren nach Arbeitsplätzen und nach dem Gesichtspunkt, wie viel Erfahrung für die adäquate Ausfüllung dieses Arbeitsplatzes vonnöten ist, um dann das Interesse an einer Entlohnung, die möglichst billig ist und ein Maximum an Leistung mobilisiert, zu verobjektivieren in einem Schematismus von Bewertungsgesichtspunkten, die mit der konkreten Arbeit nur eines zu tun haben: Sie suchen in ihr nach lauter Anhaltspunkten, um daran Gesichtspunkte einer Höher- oder Niedrigerbewertung festzumachen. Verdi streikt jetzt für 8 % mehr Lohn und reagiert damit auf einen neuen Tarifvertragsschematismus, bei dem der gewerkschaftliche Standpunkt, dass für die Leute etwas herausgeholt werden muss, wirklich nur noch darin besteht, eine Lohnsenkung gerecht zu verteilen. Die Lohnsenkung ist bei dem Tarifvertrag für den öffentlicher Dienst (TVöD) der Ausgangspunkt, wobei die Gewerkschaft dies angesichts der Unterscheidungsvorschläge der Arbeitgeber: Wie gestalten wir diesen Tarifvertrag leistungsgerechter als bisher?, mit trägt. Dann zu sagen, sie mache dies, um für die Leute mehr herauszuholen, heißt im Klartext, dass macht sie, um allenfalls einen Schaden für die Leute etwas zu verringern.
Der Alltagsverstand nimmt diese Lohnhierarchie als ziemlich gottgegeben hin. Die im Fernsehen gezeigten streikenden Leute, die sagen, dass für sie der Lohn nicht reicht, argumentieren durchaus so, dass für sie als Angehörige der niedrigen Lohngruppen endlich einmal etwas mehr her muss, weil sie sonst gar nicht mehr über die Runden kommen. Das ist aber keine Kritik der niedrigen Lohngruppe, sondern nur, dass diese niedrige Lohngruppe inzwischen in die Nähe von Hartz IV gerät; es ist kein Antrag, dass die Lohngruppen zu verschwinden hätten.
   ― Der Ausgangspunkt des gerechten Lohns war schon im 19. Jahrhundert nicht der Bedarf der Leute, sondern die zu erbringende Leistung.
Im 19. Jahrhundert war diese Parole schon so verkehrt wie heute, aber es war eine dafür, dass sie endlich einmal überhaupt etwas bekommen, damit sie über die Runden kommen; es war eine Rechtfertigung für mehr Lohn als bisher. Heutzutage hat man bei z. B. Verdi den Fall, dass sie unter dem Gesichtspunkt „Passender Lohn, leistungsgerechtes Entlohnungssystem“ eine absolute Lohnsenkung mit organisieren. Und das Entgeltrahmenabkommen (ERA) der Metallgewerkschaft ist explizit unter die Prämisse gestellt worden, dass es für die Arbeitgeber aufkommensneutral ist; also eine richtige Absage an die alte Gleichung, dass ein gerechter Lohn auch ein höherer Lohn ist.
     ― Ein Beispiel für die Reihenfolge bei der Lohnfindung, Lohnauseinandersetzung sind die Ergänzungstarifverträge, die für bestimmte Betriebe oder auch nur Betriebsteile abgeschlossen werden. Zunächst wird mit der Gewerkschaft abgestimmt, um wie viel die Lohnsumme gesenkt werden soll, und dann wird feinsäuberlich in diesen besonderen Tarifverträgen ausgehandelt, wie die jeweiligen Leistungen der Arbeiter einzugruppieren sind, damit diese Lohnsenkungen auch tatsächlich herauskommen. Um diese Eingruppierung wird dann heftigst gestritten.
Und wenn dies alles erledigt ist, trifft der Betrieb mit seinen Arbeitskräften auf ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, die unterschiedlich bewertet sind, Vereinbarungen darüber, was sie in welcher Zeit dort bringen müssen. Das große Vorbild dafür war das 5000 x 5000 Modell von VW (siehe GS 1-2000): Das Unternehmen zahlt jedem Angestellten 5000 DM; dafür wird nicht nur festgelegt, wie der Arbeitsplatz und der Arbeitsrhythmus aussehen, sondern dass dann auch ein bestimmtes Quantum von verkäuflichem Produkt herauskommen muss. Es ist wie die Rückkehr zu dem schon Erwähnten, dass der Unternehmer seine Belegschaft im Hinblick darauf bewirtschaftet, dass sie ihm einen Ertrag bringt. Hier wird jetzt der Ertrag gleich direkt zum Kriterium der Lohnzahlung.
In dem neuen Entgeltrahmenabkommen (ERA)der IG Metall – ob dies in dem TVöD auch enthalten ist, ist nicht bekannt – ist eines der Bewertungsmerkmale, wie weit eine Erfolgsabsprache erfüllt wird (Im Falle des obigen VW-Modells sieht dieses Erfolgskriterium beispielsweise so aus: Innerhalb einer gegebenen Frist müssen durch eine Arbeitsgruppe besondere Kundenwünsche erfüllt werden. Es handelt sich also nicht um den generellen Unternehmenserfolg, dass VW wie blöd verdient. Dieses Erfolgskriterium liegt allemal jeder Kalkulation des Kapitalisten zugrunde.). Wenn nicht, dann bekommen sie entweder weniger oder sie müssen länger arbeiten. Diese Absprache ist in dem Tarifvertrag so fest eingebaut, dass im Vertrag die arbeiterfreundliche Bestimmung steht, dass solche Absprachen einen Inhalt haben müssen, den die Arbeiter auch erfüllen können. Dies sind so Gipfelleistungen des gemeinsamen Kümmerns von Arbeitgebern und Gewerkschaften um gerechte Entlohnung.
Bei der Lohndifferenzierung geht es um die Bewertung der Arbeit und ihrer Leistung, und die Gesichtspunkte, an denen diese Bewertung festgemacht ist, sind ein irrationaler Humbug im Verhältnis zum ganz handfesten materiellen Interesse an einer differenzierenden Bewertung. Diese Erfolgsvereinbarungen zwischen Unternehmer und Betriebsteilen sind wie ein Zusatz dazu.
     ― Im öffentlichen Dienst existiert der Wahn, die Leistung der Angestellten daran zu messen, wie schnell sie ein Produkt erledigen. Dabei ist ‚Produkt’ in diesem Bereich auch eine seltsame Kategorie. Dieser Erledigung des Produktes, z. B. einer gutachterlichen Leistung, einer Akte, kann dann ein Kostenfaktor der Behörde zugeordnet werden und erlaubt den Vergleich mit ähnlichen Leistungen, die z. B. durch private Anbieter erbracht werden könnten. Solche Bewertungen und Vergleiche werden dann herangezogen, um Kosteneinsparungen im öffentlichen Bereich durchzusetzen.
Die Schönheiten des jetzigen leistungsgerechten Tarifvertrages sind die, Bewertungsgesichtspunkte zur Anwendung zu bringen, den konkreten Arbeitsplatz abstrakt, als eine Zusammensetzung von mit Preiszetteln versehenen Einzelkriterien dastehen zu lassen. Die Kriterien entstammen der konkreten Arbeit, an ihnen wird ein Gesichtspunkt festgehalten, der die konkrete Arbeit als Quantum von Anrecht auf Entgeltpunkte mit anderer Arbeit vergleichbar macht. Am Ende kann man auch einen Aktenhelden mit einem Busfahrer vergleichen.
Wenn ein Mensch bei der Begutachtung seines nie ausreichenden Lohns beginnt, auf seine Entgeltpunkte zu achten, sich eventuell zu beschweren, weil irgendetwas doch nicht genügend anerkannt worden sei, dann macht er sich richtig zur Charaktermaske dieses Entlohnungssystems.
   ― Bei der aktuell laufenden Tarifverhandlung im öffentlichen Dienst gibt es noch die folgende Eigentümlichkeit. Die Gewerkschaft fordert 8 % mehr Lohn, für die unteren Lohngruppen mindestens jedoch 200 Euro. Dabei bezieht sich die Gewerkschaft auf die bestehende Lohnhierarchie und bestehende Arbeitszeit. Die öffentlichen Arbeitgeber stellen sich hin und entkoppeln dieses Lohn-Leistungs-Verhältnis. Statt den 8 % bieten sie 5 % an, und dies für die nächsten zwei Jahre. Und, als sei dies völlig getrennt davon, fordern sie zusätzlich noch eine Anhebung der Arbeitszeit. Sie fordern damit ein neues Lohn-Leistungs-Verhältnis.
Dies ist erwähnenswert und bleibt doch eine ganze Stufe der Unverschämtheit hinter Mehdorn zurück. Er bietet den Angestellten glatt die Chance, auf 12 % Lohnerhöhung zu kommen, indem sie einfach länger arbeiten. Die längere Arbeitszeit entspricht dann gleich einmal 4 % der 12 %.
Gerade heute, wo über alle möglichen Ecken der Lohn gesenkt wird: Auflösung regulärer Beschäftigungsverhältnisse in 400‑Euro‑Jobs und durch Zeitarbeit, mit der Drohung mit dem Umzug der Firma werden wie bei Nokia die Betriebsräte zu Sonderangeboten veranlasst, den doppelten Output bei gleichem Lohn zu produzieren – in der Phase schmeißen sich die beiden größten Gewerkschaften mit großem Elan auf die Ausarbeitung von Entlohnungsschematismen, die in der Realität schon immer weniger wert sind.

II. 'Wortbruch' bei der SPD

Zwei Fragen sind eigentlich nur zu klären, erstens: was stört so an der Links-Partei, dass die Frage, ob die SPD ihre Absage durchhält oder doch mit ihr paktiert, zu einem Kriterium für die Redlichkeit der SPD werden kann? Zweitens: was ist von der Stilisierung dieser Affäre zu einem moralischen Verbrechen namens Wortbruch zu halten?
   ― Herzog hat das so formuliert, dass angesichts dieser neuen Verhältnisse der neuen Partei sowohl stabile Machtverhältnisse nach innen als auch die Rolle Deutschlands im Verhältnis zu seinen EU-Partnern in Gefahr sei, weil unter Umständen eine ordentliche Herrschaft bei einer Koalition zwischen Linken und SPD, in der diese dann Kompromisse macht, nicht mehr möglich sei. In Gefahr sind also die stabilen Herrschaftsverhältnisse, die es bis gestern gegeben hat.
Dabei fällt auf, dass er es nicht nötig hat, auch nur einen einzigen Programmpunkt der Linken zu erwähnen, geschweige denn zu kritisieren. Die SPD sagt natürlich, dass die Linken im Bund nicht koalitionsfähig und außenpolitisch völlig unverantwortlich seien, aber sie machen es an keinem Punkt fest, auch bei der Kriegsfrage nicht – da streitet sich die SPD sowieso intern und die FDP ist auch nicht so unbedingt für den Krieg. Genauso innenpolitisch, da sagt Ypsilanti, die Alternative sei, ob man sich in seinen sachlichen Versprechungen untreu wird oder dem Versprechen, nicht mit den Linken zu koalieren – kein Wort der Kritik gegen irgendeinen Programmpunkt der Linkspartei in Hessen. Das ist das Auffällige, dass das Programm bei dieser Abgrenzung, die so als absolute Größe gehandelt wird, die geringste Rolle spielt. Das nennt sich dann Strategiefrage.
     ― Das Ärgernis ist, dass da eine ‚Protestpartei’ auftritt, der es speziell um das soziale Moment geht, und im Kern geht die Debatte darum, ob sich die Republik das leisten soll oder nicht.
Und was soll sich die Republik nicht leisten? Die sind auf so eigentümliche Weise von einer Kritik der Unzufriedenheit weg und nur bei der Kritik der parlamentarischen Repräsentanz von Unzufriedenheit. Man erinnert sich - noch vor ein paar Jahren wurde nach den Wahlen im Osten und den Erfolgen der damaligen PDS die Unzufriedenheit der Leute kritisiert unter dem Motto: Euch geht es zwar schlecht, Arbeit gibt es auch nicht, aber dafür die Freiheit, also reißt Euch gefälligst zusammen!
     ― Jetzt ist es allgemein klar, dass es die Unzufriedenheit gibt und dass sie dazu gehört, und bei der derzeitigen Debatte sagt die eine Abteilung: wenn das so ist, muss man sich darauf einstellen, das gibt dann geänderte Machtverhältnisse, während die andere dagegen ist, weil man die Unzufriedenheit nur fördere, wenn man ihr eine Stimme verleiht.
Der Witz ist aber dabei nicht die Sorge, dass die Massen einem entgleiten und irgendwie frech werden könnten und wieder Montags-Demos machen, sondern der Ärger darüber, dass die Unzufriedenheit eine Partei hervorgebracht hat, die die eingerichteten Verhältnisse in den Parlamenten, die Normalität des Regierungsgeschäfts irritiert und den Parteien den Zwang aufmacht, sich darauf einzustellen; nur darüber geht die Debatte: Wie stellen wir uns darauf ein – per Ausgrenzung oder per Benutzung? Das ist der Fortschritt in der Behandlung der Links-Partei, so als ob die Botschaft: wir wollen die Unzufriedenheit nicht schüren, sondern repräsentieren, bei ihnen angekommen und akzeptiert sei.
Wenn Beck in seiner Pressekonferenz erzählt, wie er mit der Linken nolens volens zusammenzuarbeiten gedenkt – auf Bundesebene gar nicht, auf Landesebene, wenn es nötig oder passend erscheint, auf kommunaler Ebene noch am ehesten, dort arbeitet ja auch die CDU mit den Linken zusammen -, bezieht er sich auf eine Partei, deren Wahlerfolge ihn ärgern, weil sie unzufriedene Teile der SPD-Basis abspenstig macht, und nicht wegen der Befürchtung, dass diese eine Unzufriedenheit schürt, die sich nicht gehört. Wenn der Standpunkt gegenüber der Linken wäre, dass diese eine Unzufriedenheit im Volk repräsentiert, die sie überhaupt nicht leiden können, und der Vorwurf existierte, sie stünden politisch außerhalb des Parteienspektrums, und dann die Nachricht kommt, dass im Osten die Linke inzwischen die stärkste Partei ist – 28 %, CDU 26 %, SPD knapp vor den Grünen –, dann wäre ein ganz anderer Alarm fällig. Aber man bekommt derzeit so überdeutlich mit, dass die Einordnung dieser Partei als Problem darüber läuft, dass sie die Arithmetik des Parteiensystems durcheinander bringen.
     ― Gegen die Linkspartei wird ja auch beides eingewendet, zum einen, sie würde behaupten, es könnte ein bisschen weniger rüde zugehen für die Leute, und zum anderen, überall da, wo sie an der Regierung sei, sei sie die rüdeste im Umgang mit dem Volk. Daran merkt man, sie kann es keinem recht machen, bzw. darin kann der Kern des Einwands gegen sie nicht liegen.
Die Einschätzung: die gehören nicht hierher, ist natürlich gefolgt von jeder Menge Hetze und dem Zitieren von allerleisystemwidrigem Verhalten dieser Partei; vielleicht glauben auch noch ein paar schlichte Gemüter, dass das Kommunisten wären, aber mit einer Einschätzung der Position der Linken hat das nichts zu tun. Auch der Vorwurf der CDU, die SPD hätte besser auf ihren radikalen Rand aufpassen sollen, heißt: Ihr habt da jemand Lästigen hochkommen lassen - die Position, die die einnehmen, ist uns egal, solange sie bei euch ist, dann ist sie ja verdaut, aber mit der Gründung einer Partei ist das eben nicht mehr der Fall.
   ― Wenn in Betracht gezogen wird, dass diese Partei Mehrheitsbeschaffer in dem einen oder anderen Parlament wird, dann ist auch klar, dass deren inhaltliche Position nicht die Störung sein kann. Dann ist aber auf der Tagesordnung, dass sie das Parteiensystem durcheinander bringt, anerkannt ist und man sie gerade nicht mehr weg kriegt. Das ist ja die Frage, die zwischen den Parteien als Strategiefrage gewälzt wird.
Und die kocht jetzt hoch, weil es nicht bloß im Osten so ist; da ist es seit einigen Legislaturperioden schon so. Jetzt ist es auch im Westen so, sie hockt mit ihren 6 % genau an der Stelle, wo eine absolute Mehrheit eigentlich hingehört. Deshalb stören sie und dazu steht der Aufruhr um „Wortbruch“ in einem gewissen Kontrast. Klar ist, dass die CDU die SPD schlecht machen möchte und zu diesem Mittel greift. Was ist das für ein Mittel? Der Vorwurf ist doch, dass die SPD ihre Glaubwürdigkeit verspielt hat – was ist das für eine Tugend und was für ein Kriterium, wenn sie im Meinungskampf der Demokraten zur Anwendung gebracht wird?
   ― Kann man nicht sagen, dass es ganz egal ist, in was einer glaubwürdig ist? Das ist also eine sehr methodische Tugend. Aber im politischen Hickhack greift der Vorwurf, man hätte diese verspielt, die Führungsqualitäten des Politikers an, an den er gerichtet wird.
Jetzt muss man die beiden Sachen zusammenbringen. Einerseits ist der Begriff inhaltsleer, er klagt ja nur Konsequenz ein. Das gehört mit in die Schublade der Formaltugenden, die einem KZ-Wächter auch gut angestanden hätten: Hauptsache ist, er tut auch das, was er vorher gesagt hat, dann ist es in Ordnung. Das ist die eine Sache: Man abstrahiert von allen Inhalten, mit denen man glaubwürdig sein will. Andererseits ist es ein ganz spezieller Angriff auf Figuren, die an die Macht kommen wollen.
   ― Bei Glaubwürdigkeit ist unterstellt, dass Figuren, die an die Macht kommen wollen, dann nicht ihren Versprechungen gemäß handeln, sondern nach den Notwendigkeiten der Herrschaft. Und um die durchzusetzen, ist es umso notwendiger, dass man ihm abnimmt, dass er das nach bestem Wissen und Gewissen tut. Das ist eine Tugend der Herrschaft, damit diese nach ihren Kriterien vorgehen kann.
Das ist schön dialektisch gedacht – es soll eine Qualität der Herrschaft sein, dass man sich darauf verlassen kann, dass sie ihren Willen auch so ernst nimmt, dass sie vorher kein Geheimnis daraus macht, so dass sie sich hinterher auch daran halten kann. Das ist so die Idee von ‚reinen Wein einschenken’ – so, als wäre das: die Herrschaft sagt schon vorher, was sie hinterher tut, eine Lebensversicherung dagegen, dass sie etwas Böses tut. Gerade weil davon ausgegangen wird, dass man Herrschaft zu gehorchen hat und dass sie mit einem umspringt, ist die Kategorie Vertrauen einerseits so deplatziert – Vertrauen ist gleichbedeutend mit Auslieferung –, und genau deshalb möchte man sich sicher sein, dass die andere Seite das nicht missbraucht – und dafür steht Glaubwürdigkeit.
Der Vorwurf an Ypsilanti, sie habe ihr Wort gebrochen, löst sich nicht auf in den Vorwurf, sie habe die Partei durcheinander gebracht, sondern das ist für sich das große Verbrechen. Der Vorwurf an die FDP, sie sei eine Umfaller-Partei, ist etwas anderes: Das war ein negatives Urteil über sie, aber das Verdikt ‚Umfaller’ war weniger ein moralisches Urteil, als vielmehr auf ihre Funktion im Parteien-Spektrum gemünzt.
   ― Bei dem Vorwurf ‚Umfaller-Partei’ ging es auch nicht um das Verhältnis vom Wähler zum Gewählten. Der Wortbruch-Vorwurf an die SPD hieß ja: das war ein Betrug am hessischen Wähler. Dies Vertrauensverhältnis wird da eingeklagt und das ist ein Vorwurf von einer Herrschaft an die andere; die hessischen Bürger sind jedenfalls nicht gegen Ypsilanti aufgestanden und haben deren Wortbruch beklagt.
   ― In Italien hat eine Partei damit Wahlkampf gemacht, zu sagen: „Wir machen einen Vertrag mit dem Wähler und brauchen uns deshalb nachher keinen Wortbruch vorwerfen zu lassen, denn es gibt ja den Vertrag.“ Es war ziemlich egal, was da drin stand, Hauptsache, eine Garantie wurde an den Wähler abgeliefert.
Man bekommt die schäbigen Berechnungen von Demokraten mit, wenn sie dem politischen Gegner möglichst schlichte Entscheidungsfragen aufmachen – „Ja oder nein? Wollt Ihr mit den Roten oder nicht?“ –, damit man sie hinterher richtiggehend ertappen kann. Glaubwürdigkeit ist die Tugend einer Gesellschaft, in der ein ganzer Privatsender sein Geschäft mit Poker macht und Bluffen das Erfolgsmittel ist, also offensichtlich das allgemeine Urteil ist, dass man es hierzulande mit Schwindel und Verstellung zu etwas bringen kann.
   ― Ypsilanti wurde doch auch vorgeworfen, dass sie ihr Wort gebrochen habe, um an die Macht zu kommen, ihr also die Macht wichtiger gewesen sei als die unterstellte Schädigung der Nation durch die Beteiligung der Linkspartei. Einerseits erwartet man von einem Politiker, dass er Macht ausübt und es ihm gelingt, die Reihen hinter sich zu schließen, andererseits ist jetzt der Vorwurf an sie, sie sei machtgeil.
Andersrum gibt es den Vorwurf an die Linken, sie wollten gar nicht an die Macht. Hier ist Macht assoziiert mit Verantwortung, und wenn eine Partei bloß in der Opposition sein will, ist sie verantwortungsscheu. Dieselbe Macht wird in diesem Zusammenhang negativ etikettiert, weil sie konfrontiert wird mit der Tugend, stur bei seinen Leisten zu bleiben, selbst wenn es einem gar nichts nützt. In der Konfrontation mit der Tugend der Glaubwürdigkeit ist das Streben nach der Macht nicht eine Selbstverständlichkeit in der Demokratie und sogar eine Tugend des Politikers, sondern bekommt schlicht das negative Attribut –geil; dann ist plötzlich nicht mehr die Macht geil, sondern Ypsilanti machtgeil und das ist dann plötzlich das Schlimme.
   ― Jetzt machen doch die Linken genau das, was man im Sozialkundeunterricht gelernt hat: Wenn man unzufrieden ist, sammelt man Leute, gründet eine Partei, geht ins Parlament ..., aber im Namen einer effektiven Machtausübung ist das Herzog auch wieder nicht recht. Und dass er sich so hervortraut und quasi sagt: vergessen wir doch mal diesen Sozialkundekram – es kommt doch wohl darauf an, dass ordentlich regiert wird, hat schon auch was mit dem derzeitigen Zeitgeist zu tun.
So ganz unumstritten ist der Vorstoß von Herzog aber auch wieder nicht. Die letzte Landtagswahl in Bayern ist auf das neue Herzog-Modell umgerechnet worden. Da hätte die CSU 100 % der Sitze gehabt und das war dann auch wieder nicht so ganz richtig ...