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Jour fix 18.2.08 – Mindestlohn
Noch einmal zum Wert der Ware Arbeitskraft (AK) und ihrem Gebrauchswert
(GW), den die Kapitalisten sich mit dem Lohn kaufen. Die bürgerliche
Gesellschaft kennt die Größe ‚Wert der Ware AK’ als Bestimmungsgrund
des Lohns nicht. Marx’ kritische Anfrage – was kauft und bezahlt der
Kapitalist denn wirklich, wenn er gemäß seinen Kalkulationen ‚Arbeit
bezahlt’? – hebt darauf ab, dass Arbeit die Produktivkraft in der
Gesellschaft ist, die Eigentum schafft und die Quelle alles in Geld
gemessenen Eigentums ist; wenn man die so bestimmte Arbeit bezahlen
wollte, bliebe für den Kapitalisten nichts mehr übrig – die zahlt er
also nie und nimmer. Marx’ Anfrage nimmt Bezug auf das allgemeine
Bewusstsein und den allgemein praktizierten Standpunkt, dass die Arbeit
bezahlt wird, und zwar nach den Kategorien, die dem Vollzug der Arbeit
immanent sind, nämlich Zeit und Leistung; Unternehmer können sich in
ihren Verhandlungen mit den Gewerkschaften durchaus darauf einigen,
dass für verschiedene Arbeiten – je nach den Kriterien über die Art der
Arbeit, die da geleistet wird – unterschiedliche Löhne gezahlt werden.
Der Wert der Ware AK kommt in keiner Kalkulation vor, darauf nimmt Marx
mit seiner Frage Bezug und will schon behauptet haben, dass sich um
diesen Wert das ganze System der Lohnarbeit dreht.
Was ist also Inhalt dieser ominösen Größe und was für eine Rolle spielt
sie? Wenn der Kapitalist eine AK kauft, kauft er nicht ein bestimmtes
Geschick o.ä., sondern die Fähigkeit, nicht nur sich selbst zu
reproduzieren, sondern ein Eigentum zu schaffen, das viel größer ist
als das, was er dieser AK für den Erhalt ihres Vermögens zahlen muss
(siehe z. B. MEW Band 26.3, S. 479). Wie bestimmt sich in der Realität,
was der Kapitalist für diesen Erhalt zahlen muss? In der Realität
existiert Wert als die Größe, um die konkurriert wird, es gibt ihn
nicht als irgendwie ermittelbare Summe oder Größe, die irgendeine
Planungsbehörde festlegen könnte – siehe SU, die hat es 70 Jahre lang
probiert. Wert gibt es nur als „Schwerpunkt“ (Marx) der Bewegungen der
Konkurrenz, er ist sozusagen der eigentliche Inhalt, der ökonomische
Bestimmungsgrund, die politökonomische Substanz dessen, worum die
Konkurrenz sich dreht. Das gilt auch und erst recht für den
Arbeitslohn, also für den Wert der Ware AK. Marx redet zwar im I Band
immer wieder mal so über den Wert, als sei er quasi eine feste Größe,
er warnt aber immer davor, das einfach in Stunden umzurechnen, obwohl
die Dauer die Substanz des Werts ausmacht, und polemisiert gegen die
Stundenzettel, die ein besserer Ersatz für das Geld seien, weil sie
viel besser die Arbeitszeit abbilden würden als das Geld. Das Geld ist
in dem Sinn keine Abbildung von Arbeitsstunden, sondern der
politökonomische Gehalt, der im Kapitalismus an der Arbeitszeit
dranhängt: das Eigentum, nach Quantität und Geldeinheiten gemessen.
— Es gibt moderne
Aufbereitungen des ersten Bands, die – kritisch gegenüber der
Lohnhierarchie – sagen, dass jetzt endlich über das moderne
Computerwesen ein gerechter Wert von Arbeit und Waren errechenbar sei,
indem man Größen wie gesellschaftlichen Bedarf an Waren und die für
ihre Herstellung notwendige Arbeitszeit eingibt, der Computer spuckt
dann einen Durchschnittswert aus und damit habe man eine feste Größe.
Wie argumentiert man gegen so einen Gedanken?
Das sind Spielereien mit der Planwirtschaft, die man nicht zu Ende
denkt. Klar kann man vom Preis abstrahieren und sich dann ausmalen,
dass man errechnet, wie viel man wovon braucht, aber – abgesehen davon,
dass das auch ohne Computer ginge – zur Analyse der Marktwirtschaft
tragen solche Gedankenspielereien nichts bei. Leute, die anfangen
auszurechnen, was an gerechtfertigten oder feststellbaren Bedürfnissen
quantifizierbar vorliegt, dann behaupten, das sei so etwas wie der den
Leuten zustehende Wert, haben ein Gerechtigkeitsproblem mit der
hierzulande praktizierten Bezahlungsweise und behaupten, dass die Leute
um das betrogen werden, was ihnen zusteht. Dafür wählen sie
ausgerechnet die falscheste Kategorie, nämlich die eines ihnen
eigentlich zustehenden Werts, statt darüber zu reden, was das Produkt
der Arbeit überhaupt ist. Sie unterstellen Mehrwert und sagen, den
Menschen stünde ein gerechtes Quantum zu, um das sie betrogen werden,
wo bei Marx doch immer wieder rauskommt, dass es im Kapitalismus gerade
nicht um Betrug geht, sondern um den Mehrwert, den der Kapitalist
herauswirtschaftet, wenn er den Lohn nach seinen Gesichtspunkten zahlt.
Die Differenz von Wert und Preis, bzw. eines auch noch fiktiv
ausgerechneten Werts als Anrecht des Menschen ist nun mal nicht der
Skandal am Kapitalismus. Solchen Leuten könnte man sagen, das sie sich
entscheiden sollen, ob sie an ihrem Gegenbild zum Kapitalismus
weiterbasteln oder den existenten analysieren wollen.
— Eine andere Variante dieser falschen Kapitalismuskritik geht darauf,
dass die Märkte anarchisch sind und dass jetzt über das Computerwesen
alles vernetzbar und berechenbar sei und deshalb der Kapitalismus
schlechte und der Sozialismus gute Karten habe. Die verrückte Kritik
dabei ist, dass die Leute hierzulande nur aufgrund falscher oder nicht
möglicher Berechnungen nicht ordentlich mit den Mitteln der
Bedürfnisbefriedigung versorgt worden seien, also Vernetzung und
Globalisierung – eine einzige Chance für den Sozialismus ...
— Diese Kritiker nehmen also die
kapitalistische Produktionsweise in Teilen als konstruktive Anleitung.
Genau. Sie lassen aus der Kategorie Ware und Wert den Widerspruch weg,
dass hier die gesellschaftliche Arbeit als Privatarbeit existiert – das
gehört unbedingt zur Kategorie des Werts dazu. Ohne private Arbeit ist
das Resultat der Arbeit keine Ware mit einem Wert, sondern ein
Gebrauchswert zur allgemeinen Verfügung; dann gibt es erst einen Plan
und dann findet Verteilung des Produzierten statt. Wenn Ware und ihr
Wert die anfänglichen Kategorien sind, dann sind Privatarbeit,
Aneignung und Eigentum als Gesetz der ‚Verteilung’ (die keiner
vornimmt) der Ausgangspunkt des ganzen polit-ökonomischen Systems. Dass
die gesellschaftliche Notwendigkeit sich bei einer Ware mit einem Wert
nie und nimmer über eine Berechnung herstellt, sondern über die Zwänge
des Austauschs, hat Marx deutlich gesagt. Darüber hinwegzulesen und
sich Ware ohne private Arbeit und Wert ohne Eigentum zusammenzubasteln,
ist einfach dumm.
Natürlich gibt es eine Minimalgröße für den TW der AK, das ist die
Reproduktion des – mit der Brutalität des Kapitalismus gesprochen –
Menschenmaterials, das der Geschäftemacher für sein Geschäft braucht,
aber auch diese Größe gibt es nur als Resultat der Konkurrenz. Diese
wird vom Staat per Recht in Gang gesetzt, der sich selber zu einer
seiner Aufgaben setzt, die Resultate dieser Konkurrenz zu begutachten
und deren Opfer zu betreuen – das war auch nicht immer so, aber heute
gehört es dazu.
Mit ‚Wert der Ware AK’ ist der politökonomische Begriff der Sache
benannt, um die in dieser Gesellschaft Arbeitgeber und Arbeitnehmer
konkurrieren, aber wie viel ist ein Arbeitsvermögen wert? Wenn man dann
sagt, das ist so viel wert, wie der Kapitalist zahlen muss, damit er
seinen Mehrwert rausschindet, dann ist das eine funktionalistische
Antwort in Bezug auf die Höhe des Lohns: Er ist so hoch, wie der
Kapitalist zahlen muss, damit er die nötigen Arbeitskräfte für die
Schaffung seines Profits bekommt, und das ist es, was die bürgerliche
Gesellschaft umtreibt, nämlich die Welt der Konkurrenz, deren Akteure
nicht zu interessieren braucht, was der Begriff der Sache ist, um die
sie konkurrieren – es genügt, dass sie wissen, dass sie um Geld
konkurrieren. Die prinzipiell gegensätzlichen Interessen stehen sich
gegenüber und werden dann durch ein Kräftemessen entschieden.
Wenn Marx über das Auf und Ab der Löhne in Zeiten des Booms bzw. der
Krise redet, beschreibt er kein Quasi-Naturgesetz, sondern macht auf
die Kräfte aufmerksam, die die Konkurrenz bestimmen, wobei unübersehbar
ist, dass im Lohnsystem keinerlei Überlebensgarantie liegt. Dieses
Lohnsystem hat keine Scheu, ganz vielen Leuten praktisch zu
bescheinigen, dass sie nichts wert sind, und die Grundlage dafür ist,
dass sie sich schlecht stehen in der Konkurrenz, wenn es zu viele sind
– dann haben sie keine Position mehr, in der sie ihr ‚muss’, nämlich
das ihrer Reproduktion, gegen ihren Arbeitgeber geltend machen können.
Den Zynismus dieses Systems – je weniger Leute, desto besser, also
können ruhig ein paar umkommen, dann ist der Arbeitsmarkt wieder
ausgeglichen ...– konnte man in Russland sehen, als mit der Umstellung
auf das kapitalistische System eine Masse Leute überflüssig gemacht
wurde, die ja keine Konkurrenzposition gegen ihre Anwender hatten, mit
der Folge, dass die Lebenserwartung der Ex-Sowjetbürger rapide sank.
Die Mindestgröße für den Wert der Ware AK ist das, was zu ihrer
Reproduktion nötig ist, aber wenn die AK aufhört, handelbare Ware zu
sein, ist sie eben gar nichts mehr wert, und wenn sie nur in geringen
Dosen nachgefragt wird im Verhältnis zu ihrem Vorhandensein, dann tritt
der Zustand ein, wie er heute in Deutschland existiert, nämlich dass
immer mehr Arbeiter zu einem Lohn beschäftigt werden, der sie nicht
ernährt – das ist ja der Ausgangspunkt für die ganze
Mindestlohndebatte. Ob man da sagt, der Preis wird unter den Wert
gesenkt oder die AK ist nicht mehr wert, ist egal, weil der Wert ja
sowieso nur existiert als das, worum immerzu konkurriert wird. Wert der
Ware AK ist der politökonomische Begriff des Lohns; für die, die die
Konkurrenz exekutieren, ist er nichts anderes als der Preis, den sie
für eine Arbeitsstunde bekommen, bzw. der Preis, der gezahlt werden
muss. Die Menschen im Kapitalismus müssen ihre Lebensbedürfnisse
umrechnen in einen Preis der Arbeit, also herunterrechnen auf die
Einheit, die wirklich gezahlt wird; so rechnen ja auch die
Kapitalisten, die das, was sie im Monat zahlen, auf die einzelne Stunde
herunterrechnen – i.d.R. die Einheit der Zahlung. Die Frage: kann man
denn davon leben?, hat ihre Antwort und Messlatte in Hartz IV, wo das
Existenzminimum beziffert ist. Das ist die Besonderheit, wenn der Lohn
pro Stunde – pro Einheit, für die er bezahlt wird – eine Grenze nach
unten erreicht, wo auch ein Vollzeitjob unter dem Niveau der
staatlichen Hilfen liegen kann.
Auch wenn der Arbeiter in diesem Verhältnis nur wenig das Subjekt ist –
der Kapitalist bestimmt den Lohn ‑, rechnen muss er schon und
z. B. damit umgehen, dass der Preis, der ihm für seine AK gezahlt
wird, so gering ist, dass er mehrere Jobs annehmen muss. Anders der
Kapitalist, für ihn geht die Rechnung immer auf, weil er den Preis für
die AK ja nur bezahlt, weil und solange er diese anwenden will. Die
Rechnung, in der der Arbeiter zurückrechnet von seinem Bedürfnis auf
die Lohnsumme, die er braucht, existiert hierzulande nicht.
— Ich bin mir unsicher, inwieweit die bisherige Diskussion taugt für
die derzeitigen Debatten um den Mindestlohn. Vorher wurde gesagt, dass
der Ausgangspunkt der Debatte um den Mindestlohn sei, dass man wirklich
nicht vom Lohn leben kann. Das halte ich für eine kühne These
angesichts dessen, wie die aktuelle Debatte um den Mindestlohn derzeit
in Deutschland geführt wird. Mir würde eher so etwas einfallen wie
Entsendegesetz, Ausschaltung der ausländischen Konkurrenz, Streit mit
dem Kapital wegen ‚Plünderung der Sozialkassen’. Angesichts des vielen
Materials, das es derzeit gibt, kommt mir die Diskussion hier sehr
abstrakt vor. Zum Beispiel ‚Wert der Ware AK’ an den Äußerungen der
Nokia-Arbeiter aufgerollt, die sagen: wir können leider nicht – anders
als die Kollegen in Rumänien - unseren Lebensunterhalt mit 200 Euro
bestreiten. Es wäre zu erklären, wie ein Mensch darauf kommt, nicht
über die miesen Lebensverhältnisse in Rumänien zu schimpfen, sondern zu
sagen: Meine Flexibilität wäre da, aber es wird mir unmöglich gemacht,
von weniger Lohn zu leben.
Das muss alles noch angesprochen werden. 1. Warum es überhaupt eine
Aufmerksamkeit auf so etwas wie den Mindestlohn gibt, 2. wer diese
Debatte in welchem Interesse führt. Das fällt in diesem Fall nicht
zusammen. Zu 1.: Der Staat hat sich zu dem Standpunkt 'Überleben soll
man können' durchgerungen und ist jetzt mit einer 'Lohnentwicklung'
konfrontiert, die in großer Menge Arbeiter unter dieses Minimum
befördert. Es gibt bereits an die 1,5 Mio. 'Aufstocker', also
Vollzeiter, die, um auf Hartz-IV-Niveau zu kommen, von der Sozialhilfe
die Differenz bekommen; und das greift weiter um sich. Diese Gründe für
das Thema sind noch härter als alle Fragen danach, wer sich aktiv darum
kümmert. Weil, wenn es denn stimmt, dass das, wovon ein Arbeiter leben
muss, wirklich nichts anderes ist als das Resultat der Konkurrenz um
den Preis der Arbeit, dann haben wir heutzutage in der Bundesrepublik
einen Stand erreicht – das Gejammer über die Billigkonkurrenz in
Rumänien ist davon ein Highlight –, dass die Arbeitnehmerseite diese
Konkurrenz verloren gibt. Ihre offiziellen Repräsentanten, die
Gewerkschaften, die doch eigentlich die Konkurrenz um den Lohn mit der
Arbeitgeberseite zu führen haben – es gibt ja niemand anderen, der da
als Sprachrohr auftritt –, stellen sich zu diesem Phänomen erstens so,
als hätten sie damit nichts zu tun, vor allem aber so, dass sie daran
nichts ändern können.
Wenn dieses eine (eigentliche) Subjekt der Konkurrenz nicht
konkurriert, entfällt der eine Bestimmungsgrund für den Lohn; wenn
diese Seite kapituliert, geht er ins Bodenlose. Wenn diese
Arbeitnehmerseite diesen Konkurrenzkampf z. Z. in Bezug auf große Teile
der Arbeiterklasse verloren gibt, dann hat das diese zwei Seiten: Sie
hat ihn verloren, sie ist nicht fähig, ihn zu führen, und sie gibt ihn
verloren, sie ist nicht willens, dafür mobil zu machen. Beide Seiten
sind als Zustandsbestimmung der Gewerkschaft interessant. Es ist ja
nicht so, dass sie den Konkurrenzkampf nicht führen kann, sondern das
geht in der anderen Seite auf, dass sie ihn nicht führen mag, andere
Sorgen hat, sich mehr um den Wirtschaftsstandort Deutschland kümmert.
Sie hat keinen Generalstreik für Mindestlöhne im Sinn, so läuft sie
auch gar nicht Gefahr, ihn zu verlieren und ihre Unfähigkeit zu
offenbaren, da was durchzusetzen. Sie wäre als einzige in der Lage, da
etwas zu wenden. Das hat sie nicht im Sinn und das ist nicht dasselbe
Urteil, dass sie dazu nicht in der Lage ist. Das hat seinen Grund, eben
das Primitive, auf das Marx hinweist: Wenn es zu viele gibt, haben sie
keine Konkurrenzpositionen. Dann sinkt der Lohn, wenn das Verhältnis
von Angebot und Nachfrage eindeutig zu Gunsten der Nachfrageseite
ausfällt.
Die Gewerkschaft ist zuständig, aber sie benutzt das Argument, sie
könne nicht – wg. zu wenig Mitgliedern – so berechnend als Absage, dass
man auf ihre Unfähigkeit – die Überlegung: Kann sie denn überhaupt? –
gar nicht kommen mag. Sie führt einen Kampf um Arbeitsplätze, der schon
von vornherein das Gegenteil eines Kampfes um Lohn ist. Das ist der
Fehler der Gewerkschaft, sich darauf einzulassen: Wir kämpfen darum,
überhaupt beschäftigt zu werden. Den Standpunkt: Wir sorgen für
gescheite Löhne, haben sie dem andern: Aber wir müssen vor allem
überhaupt für Beschäftigung sorgen, untergeordnet. Ist denn diese
Unterordnung, von der Logik des gewerkschaftlichen Kampfes her
betrachtet, gewerkschaftsfremd? Wenn ein Lohnarbeiter darauf besteht,
'mein Lebensmittel ist der Lohn', dann ist die Stellung: 'hauptsächlich
überhaupt einer und dann kommt erst die Sorge über die Höhe', nicht
sachfremd.
Mit der Erpressung: entweder Niedriglohn oder gar kein Arbeitsplatz,
stellen die Arbeitgeber selber ihre Arbeitnehmer wie deren Organisation
vor eine Alternative anderer Art, als eine Gewerkschaft sie überhaupt
bewältigt. Das ist schon die Systemfrage. Wenn sie in einem solchen
System leben will, kommt sie aus der Alternative des Entweder-oder
nicht mehr raus. Dann ist es sehr logisch, wenn sie als Gewerkschaft
vor dieser Alternative in der Sache kapituliert. Sie selbst betrachtet
es dabei nicht so, sondern als großartiges Betätigungsfeld, immer noch
den optimalen Ausgleich zwischen Erhalt von Arbeitsplätzen und
Minderung der Lohnsenkung herauszuwirtschaften. Sie lobt sich dafür,
zwei Übel kompromisslerisch vereinbart zu haben. Diesem
gewerkschaftlichen Standpunkt liegt aber zugrunde, was eine
Gewerkschaft überhaupt ist. Wenn sie das organisierte Bemühen der
Arbeiterklasse ist, in diesem System überhaupt zurechtzukommen, dann
nimmt sie diesen Standpunkt spätestens dann ein, wenn die
Arbeiterklasse vom Kapital und mit Hilfe des Sozialstaats vor die
Alternative gestellt ist: Gar kein Arbeitsplatz oder einer mit zu wenig
Lohn. An dieser Stelle hat so ein Spruch wie: „Tut gute Dienste bei der
Abwehr von Übergriffen etc.“ ausgedient. Da muss man sich entschließen:
Entweder man bleibt dabei, dass es in diesem System doch irgendwie
gehen muss – dann ist man beim gewerkschaftlichen Standpunkt –, oder
man realisiert die Schranke dieses Standpunkts. Diese Alternative ist
eben ein Grund für den Klassenkampf und nicht für die Gewerkschaft. Da
ist es sehr gerecht auf seine Art, dass die Gewerkschaft hier nicht
bloß ihre Unfähigkeit erklärt, sondern an die Grenzen ihrer Macht
stößt. Dass die deutschen Gewerkschaften das gleich zur Offensive
machen, mit so Gemeinheiten, wie die massenhafte Entlassung von
Zeitarbeitern nicht für schlimm zu befinden, weil sie ja damit rechnen
mussten, gehört in die Abteilung des überflüssig falschen Bewusstseins.
Aber auch ehrliche Gewerkschafter befinden sich in diesem Dilemma, weil
Gewerkschaft selbst ein systemimmanentes Caritasunternehmen ist und
keine Opposition. Man merkt an diesem Standpunkt nicht nur, dass sie
das nicht will, sondern auch nicht kann. Es ist nicht ihr Gegenstand.
Und sich dann an den Staat zu wenden, ist auch eine Art zu
kapitulieren. Sie als Gewerkschaft kann hier nicht mehr und hat damit
in gewisser Weise Recht, weil, wenn sie da ernst machen würden, sie
aufhören würde, Gewerkschaft zu sein. Generalstreik für lohnenden Lohn
ist nicht mehr Gewerkschaftstätigkeit. So dem Kapitalismus eine
prinzipielle Gegenrechnung aufzumachen ist die Grundfeste des Systems
zu erschüttern. So sehr man auf die Gewerkschaften schimpfen kann -
wenn sie schon immer sagen, sie könnten gar nicht anders, soll man es
ihnen glauben und als Auskunft darüber nehmen, was Gewerkschaften
wirklich sind. Dass Gewerkschafter des 19. Jh. noch kämpferischer
waren, mag sein, aber die gehören eben nicht mehr ins 21. Jahrhundert.
Zum 2.: Wer sich und wofür für Mindestlohn stark macht, ist dann auch
kein Wunder mehr: Gewerkschaften, sogar linke CDU-ler fordern ihn mit
der unakzeptablen Parole, dass ein Vollzeitarbeiter davon leben können
muss. Mit diesem staatlich definierten Existenzminimum zu operieren und
das beachtlich zu finden, ist verächtlich. So einen Lohn für recht zu
befinden, ist der Entschluss zu einem Verelendungsprogramm. Das nimmt
davon Abstand, wenigstens mit Anstand um die Runden zu kommen.
— Die Forderung unterstellt,
dass es massenhaft Formen der Entlohnung gibt, bei denen dieser Maßstab
von vornherein nicht angelegt wird, 400 €-Jobs, Teilzeitjobs …
Da merkt man, was der Wert der Ware Arbeitskraft ist. Der ist nie
Thema.
Bei den anderen, die dafür eintreten und allenfalls Druck machen
könnten auf die politischen Entscheidungsinstanzen, ist von vornherein
klar, dass sie ein anderes Interesse haben. Das ist die Seite der
Konkurrenz der Kapitalisten untereinander. Da der Lohn, den sie zahlen
müssen, für sei eine Konkurrenzbedingung darstellt, wollen sie vom
Staat Verlässlichkeit gegen Unterbietung von auswärts haben (siehe
Entsendegesetz).
— Verdi geht auf die Straße mit der Parole: Unsere Arbeit muss was
wert sein, weil wir für alle nützlich sind.
Interessante Stoßrichtung, mit der Verdi vor ihren Streiks warnt. Die
Gewerkschaft antizipiert damit, dass die Öffentlichkeit sich gegen sie
wendet und der Arbeitgeber gegen sie mobil macht eben mit dem Hinweis,
dass 'wir alle' das zu zahlen hätten, sie geht über das Verhältnis zu
den Arbeitgebern gleich hinaus und will die Gegenagitation abschwächen,
indem sie sie vorweg nimmt.
Mit ihren moralisch anerkennenswerten Diensten zu argumentieren, ist
auch eine Art, von der eigenen Ohnmacht auszugehen, dass man keine
Erpressungsposition gegen die andere Seite hat, und sie v. a. auch
nicht aufmachen will. Immer, wenn sie diesen konstruktiven Standpunkt
einnimmt, drängt sich einem auf: Aber bleiben will sie in diesem
Scheiß-System. Wenn das Betreuen von Kindern, das Wegfahren von Müll
und der Erhalt eines anständigen Lohnes dafür sich von vornherein
ausschließen, dann liegt doch ein Systemfehler vor.
Es ist sicher ein Fehler der Gewerkschaft, dem Argument des Erhalts des
Arbeitsplatzes immer Vorrang vor dem Lohn einzuräumen. Nur, dagegen zu
sagen, dass es ein Fehler der Gewerkschaft sei, und zugleich zu
unterstellen, sie könnte auch anders, ist nur die halbe Wahrheit. Da
über den eigenen Schatten zu springen, wäre gleichbedeutend mit dem
Beschluss, nicht mehr Gewerkschaft, konstruktive Kraft in dieser
Gesellschaft zu sein.
Noch mal zu dem Punkt: Wert ist eine Frage der Konkurrenz. Wenn es von
einer Ware zu viel gibt, sorgt die Konkurrenz dafür, dass sie entweder
verrottet oder billiger wird. Der Haken bei dem Arbeitnehmer-Verhältnis
ist, dass hier die Konkurrenz anders funktioniert, weil sie laufend als
Überflüssige vom Kapital hergestellt werden. Die Kapitalisten schaffen
die Reservearmee durch ihren Gebrauch in der Produktion,
Rationalisierungen usw. Der Haken ist hier, dass die Kapitalisten auf beiden Seiten der Konkurrenz
die Agenten sind. Eine Gewerkschaft ist in diesem Widerspruch befangen,
gerade noch fähig unter den Arbeitern die Konkurrenz auszusetzen, damit
sie hinterher besser konkurrieren können. Aber selbst die Konkurrenz zu
bestimmen, Regeln oder Machtpositionen zu setzen ist ihr objektiv in
dem Maße benommen, wie ihr von der anderen Seite ständig die
Konkurrenzbestimmung: globaler, nationaler Überfluss an Arbeitskräften,
vorgesetzt wird. Subjektiv macht die Gewerkschaft daraus eine
Gestaltungsaufgabe. Da dreht sich das Lohnargument um, wird sie selbst
Mitproduzent von Arbeitsverhältnissen, von denen der Mensch nicht leben
kann.
— Klar, wenn die Leute massenhaft nicht gebraucht werden, ist die
Position der Gewerkschaft prinzipiell eine ohnmächtige. Nur ihr
gestalterisches Tätigwerden aus der Ohnmacht abzuleiten, sehe ich bei
der deutschen Gewerkschaft nicht, die schon seit ewigen Zeiten nicht
die Erpressungsmöglichkeiten, die sie hat, in Anschlag bringt. Sie
haben nicht den Standpunkt, die andere Seite mal zu schädigen.
Es sollte grad erläutert werden, was für eine Position eine
Gewerkschaft hat; wie sie dann damit umgeht, ist noch etwas Zweites,
aber ernsthafte Erpressungsmacht hat eine Gewerkschaft in dem
Verhältnis nicht. Sie hat einen Kampf verloren und sie gibt einen
verloren. Da ist immer das eine nicht der hinreichende Grund für das
andere. Aber eigentlich ist das Verhältnis anders. Die Übergänge einer
Gewerkschaft gehen entweder in Richtung Radikalisierung, wobei sie dann
ihre Ohnmacht eingestehen muss und bei der Systemfrage landet, oder
aber sie bequemt sich diesen Umständen an - und auch dabei kann man
radikale oder andere Übergänge machen. Unsere Gewerkschaften sind
Fanatiker dessen, daraus einen Auftrag für die Gewerkschaft zu
schnitzen.
— Sie rettet ihre
Verhandlungsmacht über den Lohn auf Kosten vom Lohn, das ist ihre
Umgangsweise. Eigentlich ist das ein Kapitulationsprogramm. Nur wie
kritisiert man sie in dem Punkt?
Unsere Kritik ist da nur in erster Instanz, dass die Gewerkschaft
lauter Fehler macht; die eigentliche Kritik lautet: Sie ist ein
einziger Fehler. Es wäre auch blöd zu sagen, sie soll wenigstens mal
ein paar Kämpfe verlieren.
Bei all dem, was man da kritisiert, stößt man darauf, dass die
Gewerkschaft ein Fehler ist. Man soll die Gewerkschaften bloß nicht
daran messen, dass aber ein Bisschen doch ginge, statt in dem, was sie
machen, zu erkennen, was für ein einziger Fehler dieser
Gewerkschaftshaufen ist.
— Die Gewerkschaft legt inzwischen großen Wert darauf, die
Öffentlichkeit moralisch zu agitieren, was für einen wertvollen Dienst
sie mit den eingerichteten Arbeitsplätzen für die Gesellschaft tut, wie
verantwortungsvoll das ist.
Gewerkschaften sind eben keine unverantwortlichen Institutionen. Man
denkt, sie hätten die Verantwortung für den Lohn der Arbeiter gegen die
andern. Nein, das ist nicht Auftrag und Programm einer Gewerkschaft.
Auch eine kämpferische sagt nicht, es ist uns egal, mit was die
Öffentlichkeit uns kommt, wir haben Recht. Das ist ein falscher
Radikalismus gegen das, was eine Gewerkschaft ist. Nicht, dass wir in
das Fahrwasser geraten: Wenigstens kämpfen könnten sie doch mal; wollen
sollen die doch wenigstens, wenn sie schon nicht können.
— Wenn man schon an die Öffentlichkeit denkt, kann man auch da den
Schluss daraus ziehen, dass die Gewerkschaft das Kampffeld der
Konkurrenz mit der Kapitalseite weder beschreiten kann noch will. Am
schönsten sieht man das an dem Punkt, wo die Gewerkschaft heutzutage
nach dem Staat schreit. Wo sie das staatliche Interesse, in Deutschland
soll nicht gleich eine Arbeitereinöde einkehren, für ein besseres
Hilfsmittel für ihre Lohnbefohlenen findet, als das Kampffeld mit dem
Kapital, das sie streicht. Da gehört der Appell an die Öffentlichkeit
herein, als Ersatz für einen Kampf, den man nicht führen kann und will.
Es ist nicht gemeint gewesen, dass die Gewerkschaft in ihrer jetzigen
Verfassung zu schwach sei oder sie schlappe Führer habe, sondern dass
es ein Widerspruch zu dem wäre, was Gewerkschaft ist. Sie ist ein
einziger Widerspruch: Sich für die Arbeiter stark machen unter der
Prämisse, dass sie aber Arbeitskraft bleiben. Deswegen der Exkurs in
die Welt des Werts der Ware Arbeitskraft, was da eigentlich für eine
Bestimmung über diese Sphäre ausgedrückt ist. Wenn gesagt ist, dass
keiner von denen, die sich darin herumtreiben, einen Begriff davon hat,
worum es geht, sondern sie alle Konkurrenten in diesem Metier sind,
dann gilt das auch für die Gewerkschaften. Die sind dann die Exekutoren
der Konkurrenzposition des Proletariats, sind so stark oder so schwach,
wie es eben die Konkurrenzposition von Angebot und Nachfrage in Bezug
auf diese Ware hergibt. Und sie sind nicht die Instanz, die diese
Konkurrenz kündigt. Der Witz ist, überall steht sie vor Alternativen,
die lauten: Entweder resignieren, im Sinne von: innerhalb dieses
Systems den Schaden mindern – was auch bloß die euphemistische Formel
dafür darstellt, den Schaden mit wollen – oder das System kündigen.
Darauf sollte aufmerksam gemacht werden, dass man nicht über der ganzen
Verärgerung, wie sie sich aufführen, vergisst, dass die Gewerkschaften
gerade darin die Instanz sind, die die Alternative, das System zu
kündigen, vermeidet. Das ist der Begriff der Gewerkschaft.
— Wenn die Gewerkschaft sagt,
sie kündigt das System, will sie nur betonen, wie schwer das System es
ihr macht, dafür zu sein.
Noch nicht mal das System. Sie sind
am zufriedensten, wenn sie sagen können, es sind die andern, die die
soziale Marktwirtschaft blamieren – z. B. die reichen Steuersünder –,
und sie müssen dann dafür sorgen, dass sie weiter funktioniert.
— Ihr Widerstand hat immer die
Seite, den Frieden zu brechen, ohne ihn brechen zu wollen.
Und der erklärte Zweck des Bruchs des sozialen Friedens mit einem
Streik ist die Herstellung des Friedens. Streik, um ihn aufzuhören und
das Lohnarbeitsverhältnis fortzuführen. Da merkt man, Streik ist das
Gegenteil von Kündigung.
— Letztes Mal wurde gesagt, der Standpunkt des Mindestlohns für
zumindest Vollzeitarbeiter geht von der Billigung der Tatsache aus,
dass man vom Lohn nicht leben kann. Das merkt man daran, dass er immer
problematisiert, auf keinen Fall die Rentabilität der Kapitalseite
antasten zu dürfen. Auch bei den Befürwortern ist es so, dass die Frage
eines verträglichen Maßes, das sich nicht gegen die Definition des
Lohns als lohnende Größe fürs Kapital vergeht, immer gewälzt wird.
Der SPD-Standpunkt für sich genommen heißt: Mit unserem System ist es
unverträglich, wenn die Kalkulation eines ganzen Unternehmens auf
Löhnen beruht, die noch nicht einmal Hartz-IV-Niveau erreichen. Dass
darin die politische Ökonomie des Lohns, der diese Grenze nach unten
nicht kennt, im Prinzip akzeptiert ist, merkt man daran, dass sie es
glatt zu einer Sozialstaatsaufgabe erklären, hier eine Grenze
einzuziehen. Der Spruch: Märkte allein regeln nichts, sieht für sich
genommen ein – abgesehen von der Heuchelei –, dass die politische
Ökonomie des Lohnsystems Verelendung produziert und nicht verhindert.
Daraus machen sie den positiven Auftrag für den Staat, dass er mit
seiner Gewalt an diesem System eine Korrektur vornimmt.
Was ist ‚Korrektur’ für ein Standpunkt? Erstens ist sie das Gegenteil
einer Absage an die zu korrigierende Sache, und zweitens soll die
Korrektur funktional für die Aufrechterhaltung der Sache sein. Die
Korrektur, die Beschränkungen der Wirkungen des Systems, ist eine
Maßnahme zur Stabilisierung des Ladens – und ist auch so gemeint. Es
ist wie die Aussage: „Wir können nicht darauf warten, dass über das
Dezimieren der nächsten Jahrgänge die Anzahl der Arbeitskräfte soweit
sinkt, dass durch die Konkurrenz über den Arbeitsmarkt die Löhne wieder
auf Hartz-IV-Niveau steigen. Das können wir als sozialer Rechtsstaat
des 21. Jahrhunderts nicht einfach dem Markt überlassen.“ In Ländern,
in denen der Staat diesen Standpunkt nicht einnimmt, kommt eine solche
Stabilisierung des Systems z. B. über eine Steigerung der
Tuberkuloseraten zustande; diese Alternative gibt es auch. Russland,
das drastischste Beispiel dafür, war ein industriell entwickeltes Land
und hat mit dem Systemwechsel seine Werktätigen massenhaft vor die
Hunde gehen lassen. Erst mit Putin greift der Standpunkt um sich, dass
Russland wieder mehr Russen braucht. Deshalb verträgt sich in der
großen Koalition der Antrag der SPD auf Korrektur des Systems mit dem
Standpunkt der CDU, dass die Nation einen Niedriglohnsektor braucht,
der keine Grenze bei Hartz IV nach unten hat. Die CDU hält es für einen
Skandal, dass bei Hartz IV eine Grenze bei der flächendeckenden
Minderung des deutschen Lohnniveaus eingezogen werden soll. Für sie ist
dies ein Anschlag auf den Niedriglohnsektor, von dem die CDU offensiv
verkündet, dass wir den bräuchten, weil wir sonst die Arbeitslosen
nicht los bekämen. Getrennt einmal von aller Heuchelei, als seien ihnen
die Arbeitslosen wirklich ein Problem, benennen sie damit doch den
sachlichen Zusammenhang, dass in dem politökonomischen System für sich
die Arbeitslosen nicht bloß ein Argument sind, sondern ein
Bestimmungsfaktor für den Lohn – und zwar nach unten. Und ohne dass
staatliche Gewalt oder eine Gewaltinstanz entgegen der
politökonomischen Logik eingreift, gibt es beim Verfall der Löhne kein
Halten. Jetzt streiten sich zwei Parteien um die optimalen Methoden zur
Rettung des Systems vor seinen eigenen Wirkungen.
Das, was unsere Kritik an der Gewerkschaft ausmacht, betrifft die Basis
der Gewerkschaft leider in gesteigertem Maße. Die bekundete
Bereitschaft, auch für viel weniger zu arbeiten, ist noch zum großen
Teil der Gewerkschaft zuzuschreiben. Es war allen Ernstes ein
Betriebsratsvorschlag, der in Finnland unterbreitet wurde, dass die
Belegschaft in Bochum zum gleichen Lohn den doppelten Output liefern
würde. Man merkt hier den Extrempunkt, wie eine Gewerkschaft sich als
Mit-Manager des Gebrauchs der Arbeiterklasse in Szene setzt, und wie
der Ausgangspunkt, sie würden sich für die Entlohnung stark machen,
über das Argument: „Besser ein Arbeitsplatz als ein gescheiter Lohn“,
umkippt zur anderen Seite: „Wir machen Angebote, die der Arbeitgeber
nicht ausschlagen kann“ – Angebote, auf die der Arbeitgeber niemals
gekommen wäre. Dies gehört zu den am Fehler der Gewerkschaft nicht mehr
notwendigen Extremismen.
Von den Betroffenen hört man: „Wir haben 20 Jahre lang unsere Knochen
für Nokia hingehalten, und jetzt schmeißen sie uns raus. Das sind keine
echten Nokianer, das sind nur wir!“ Dem gewerkschaftlichen Standpunkt
kann man noch vorwerfen, dass er die Unternehmerrechnung zum positiven
Ausgangpunkt der Kalkulation, wie dabei die Arbeiter noch vorkommen
könnten, macht. Das ist der generelle und spezielle Vorwurf an die
Gewerkschaft: Generell, dass sie immer auf dem Standpunkt steht, es
ginge – und das ist ihr Anliegen –, die Berechnungen des Kapitals mit
den Notwendigkeiten des Proletariats vereinbar zu machen; und speziell,
und das ist die jetzt erreichte Extremstufe, dass sie dem Kapital
Vorschläge macht, wie es mit seiner Rechnung so gut auf seine Kosten
kommen könnte, dass es glatt auf (Massen-)Entlassungen verzichten
könnte. Hier wird der Schein aufgemacht, es wäre noch etwas zu
deichseln. Man darf sich hier nichts vormachen, wie ernst so ein
Vorschlag gemeint ist; so etwas gehört heutzutage zur Abwicklung einer
Werksschließung. Aber die Betroffenen selbst, sie berufen sich darauf,
dass sie Opfer sind und nie etwas dagegen unternommen haben, und machen
ihre Opferrolle zum Argument. Zum Argument wofür? Es ist die Eröffnung
eines moralischen Kriegs mit der Geschäftsleitung. Die Auskunft heißt:
„Ihr entlasst uns zwar, aber ein moralisches Recht darauf habt ihr
deswegen nicht, weil wir bisher gar nicht die Nutznießer davon waren,
sondern die Opfer.“ Die Betroffenen fordern mit ihrem Gejammer nichts
Positives ein, sondern lediglich den verdienten Respekt. Es ist die
Beschwerde über das Schicksal, das einem angetan wird, und nicht der
Protest dagegen, geschweige denn eine Kündigung. Es ist die Verlagerung
der ganzen Auseinandersetzung aus dem Interessenkampf in einen
moralischen Vergleich; wer hier, moralisch gesehen, die bessere Figur
macht. Jammern ist das Sich-fügen mit dem dicken Vorbehalt, dass man
moralisch aber wirklich im Recht sei.
Was ist das für ein Standpunkt, wenn die Gewerkschaft sagt, Nokia solle
nicht nach Cluj gehen, und gleichzeitig das Fernsehen aus Rumänien
berichtet, dass die dort glücklich sind, einen Arbeitsplatz für 100
oder 200 Euro zu haben? Die Gewerkschaft macht einen puren
Konkurrenzstandpunkt gegen die Kollegen in Rumänien auf und verlangt
von der übrigen Belegschaft für ihre Konkurrenz innerhalb des Betriebes
Solidarität. Auch ein schöner Nebenwiderspruch gewerkschaftlichen
Kampfes.
— Wenn der Staat den Mindestlohn
festlegt, bricht dann nicht der Gewerkschaft etwas weg von ihrer
nationalen Zuständigkeit, ihrer Rolle beim Regeln des Lohns?
Man merkt am Umgang der Gewerkschaft mit dem eigenen Vorschlag, dass
sie selbst diese Sorge hat. Deswegen bestehen sie darauf, dass es am
besten wäre, sie würden zunächst etwas mit den Unternehmern ausmachen
und der Staat machte es anschließend allgemein verbindlich; damit
würden sie noch in diesem Geschäft bleiben. Und mit dem, dass der Staat
den ausgehandelten Lohn allgemein verbindlich machen soll, gestehen sie
ein, dass sie dessen Durchsetzung selber nicht können und wollen, und
sie antizipieren auch, dass das zunimmt.
Der Lohn hat nach unten keine Grenze. Der Staat sieht sich bei der
Mindestlohndebatte herausgefordert, hier etwas zur Korrektur des
Lohnsystems zu unternehmen. CDU und SPD sind sich darin einig, dass
etwas für das Überleben der Leute getan werden soll. Dieser Standpunkt,
dass man von einem Ganztagslohn leben können müsse, betrifft zum einen
eben nur diesen Sektor für den freien Fall der Arbeitslöhne. Die
wachsende Abteilung der 400 €-Jobs und Jobs auf Basis des
Zuverdienstes bleibt davon unberührt. Und das Zweite ist, dass es sich
dabei um eine Maßnahme zur Stabilisierung des Ladens handelt. Dies
schließt auch ein, dass damit diese Löhne geradezu als neue Richtlinie
in der Welt sind. Dies ist bei den Gewerkschaften gleich als
Befürchtung aufgetaucht, dass mit der Existenz eines Mindestlohnes die
Arbeitgeber ein neues Orientierungsdatum haben, bis wohin sie ihre
Löhne gleich einmal absenken können. Der Mindestlohn ist der staatliche
Segen dafür, dass heutzutage ein Mindestlohn von 7,50 Euro einer
ist, von dem der Mensch sich im Prinzip ganz gut bedient fühlen kann.
Es gibt damit die Anerkennung der Normalität dieses abgesenkten
Lohnniveaus, ein neues Bestimmungsmoment für ein nationales Lohnniveau.
Zusätzlich soll von Scholz das Mindestarbeitsbedingungen-Gesetz
überarbeitet werden. Das will einen noch niedrigeren Mindestlohn
unabhängig von Gewerkschafts- und Arbeitgebervereinbarungen zur Norm
machen.
Irgendwann ist es nicht mehr unterscheidbar, ob sie einen Mindestlohn
einführen, weil die Löhne immer mehr sinken, oder die Löhne sinken,
weil sie einen Mindestlohn eingeführt haben. Mit der ganzen Debatte ist
es aktenkundig, dass es nicht nur die wenigen Ausnahmebereiche: Bau-,
Gastgewerbe usw., betrifft, bei denen für alle klar ist, dass dort
keine normalen Umstände herrschen, es existiert jetzt eine neue
Normalität. In der Debatte um die Höhe des Mindestlohns wird klar, dass
hier das staatliche Bedürfnis nach einer sozialstaatlichen Betreuung
dieses Gesetzt vorliegt. Und weiterhin heißt es dann, dass zwar eine
Schranke für den Lohn eingezogen werden soll, die aber keine wirkliche
Schranke sein darf. An diesem Widerspruch debattieren sie herum.
Gerade wenn so ein neues Gesetz eingeführt wird, hat es die zwei
Seiten, dass es einmal eine Reaktion auf die Lohnsenkung ist, die keine
Schranke nach unten hat. Eine Untergrenze wird gewaltsam eingezogen,
die in dem Sinne auch wieder nicht eine Grenze sein soll. Und es ist
zweitens die Einführung und die offizielle Bekanntgabe eines neuen
nationalen Lohnniveaus. Heute kann niemand mehr sagen, dass
7,50 Euro ein Hungerlohn sind, weil sie ja als staatliches Minimum
anerkannt sind.
Wenn ein Staat sich daran macht und sagt, dass es notwendig ist, sich
um das Überleben der Leute zu kümmern, dann macht er sich an der
Definition dessen zu schaffen, was hierzulande erträgliches Lohnniveau
heißt.
Im Übrigen liegt hier eine schöne Klarstellung zum Fetisch
Tarifautonomie vor. Auf einmal verkehren sich die Fronten, und die
größten Gewerkschaftsfeinde werden zu Aposteln der Tarifautonomie. Für
sie handelt es sich beim Mindestlohn um eine verbrecherische
Einmischung des Staates. Tarifautonomie steht erkennbar als Titel bloß
für ihr geschädigtes Interesse an immer weiterer und freier Absenkung
des Lohnniveaus, einem Niveau, bei dem sie den Staat überhaupt nicht zu
fragen brauchen. Und umgedreht war der Staat auch nicht immer in dem
Sinne eingemischt, dass er jede Lohnsenkung kommentiert oder
verallgemeinert hätte. Das ist gerade diese widerliche Arbeitsteilung
im bürgerlichen Rechtsstaat, dass der Staat in der Form der Nutznießer
und Betreuer der ganzen Sache ist, dass er Autonomie dekretiert. Diesen
Widerspruch modifiziert er schon etwas, wenn er einen Mindestlohn
verhängt.