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Jour fix 21.1.08 – I. Finanzcrash – II.
Mindestlohn
I. Finanzkrise crasht Börse
Zum gegenwärtigen Einbruch an den Finanzmärkten finden sich in den
Zeitungen Hinweise, woran das liegen soll. Letztlich werden immer noch
die kleinen Häuslebauer in Amerika dafür haftbar gemacht. Gleichzeitig
wird gemeldet, dass sie bestenfalls die Rolle eines Anlasses spielen.
Die Geschäfte an den Finanzmärkten sind zum Erliegen gekommen, eben
weil einige der dort gehandelten Produkte sich als unzuverlässig
erwiesen haben. Das hat zwischen den Banken Misstrauen gestiftet, so
dass sie sich wechselseitig nichts mehr leihen, weshalb sich in der
Zwischenzeit die Nationalbanken herausgefordert gesehen haben, für
'Liquidität' zu sorgen. Dazu kam, dass sie Kredite abschreiben und
Verluste verbuchen müssen, das steigert wieder das Misstrauen usw. Die
Theorie, dass sich die Banken wegen Misstrauen nichts mehr
wechselseitig leihen, tut so, als hätten sie irgendwo eine
Schatzkammer, in der sie die fehlende Liquidität gehortet hätten. Aber,
wenn sie sich nichts mehr leihen, heißt das doch nicht, dass sie keine
Geldsäcke mehr hin und her schicken, sondern sie geben sich keinen
Kredit mehr, verweigern die Überlassung von Zentralbankguthaben zum
Ausgleich ihrer Zahlungsverpflichtungen. Die Gegenbehauptung ist, das
liegt nicht am Misstrauen, sondern sie haben keine Liquidität mehr.
Wenn sie sich alle keine Kredite mehr einräumen, was das Geschäft
zwischen den Banken in einem wichtigen Sektor zum Erliegen bringt, dann
lässt das den Schluss darauf zu, dass sie mit ihrer Macht, Kredit zu
schöpfen, einander Zahlungsmöglichkeiten zu verschaffen, an Grenzen
gestoßen sind. Jede Bank hat einen Reservefonds, Bargeld und
Sichtguthaben oder verfügbare Mittel, um sich wechselseitig Kredit zu
geben. Dafür müssen sie etwas an Gegenpositionen verbuchen,
irgendwelche Einlagen haben. Wenn sie nichts mehr ausleihen, dann haben
sie offenbar mit ihrem Reservefonds, mit dem, was sie an frei
verfügbaren Mitteln zur Kreditschöpfung (= sie räumen einer anderen
Bank ein Guthaben bei sich ein) Grenzen erreicht oder schon
überschritten. Was angesichts dessen, was an diesen ominösen
Finanzmärkten gehandelt – und seit dem Sommer eben nicht mehr gehandelt
– wird, auch kein Wunder ist. Weil es ja Wertpapiere sind, über die die
Banken, die sie emittieren (lassen), sich Geld verschaffen. Das ist die
eine Seite dieses Marktes. Das wurde letztes Mal ausführlich behandelt:
Wertpapiere sind nicht ein vorhandenes verzinstes Geld, sondern im
Gegenteil ein Verzinsungsversprechen, das zum Kauf angeboten wird und
darüber Geld an sich zieht, ein Finanzierungsweg der Banken. Darüber
gibt es Einlagen, die sie ermächtigen, wieder neue Kredite zu vergeben.
Auf der anderen Seite sind diese Wertpapiere der Stoff, den die Banken
selber gerne mit dem Kredit kaufen, den sie sich auf Grund von allen
möglichen Einlagen verschaffen können. So bereichern sie sich an
Verzinsungsversprechen von Ihresgleichen.
In diesen Zirkel des Handels mit Wertpapieren beziehen die Banken alle
Welt mit ein. Sowohl nach der Seite der Wertpapier-Emission, die
den Stoff für den Handel an den Finanzmärkten schafft, indem sie großen
Firmen – wie Siemens oder GM etc. – die Chance eröffnen, ihrerseits
Anleihen, also Verzinsungsversprechen auf ihr künftiges Geschäft über
die Banken oder Börsen zu verkaufen und sich so als Teil des
Finanzkapitals zu betätigen. Auch nach der Käuferseite hin werden alle,
von den Versicherungen bis runter zu den Sparkassen, die ihren Kunden
diese Finanzprodukte andrehen, mit einbezogen. Der Finanzsektor selbst,
bestritten durch die Bankenwelt, betreibt Kreditschöpfung in einem
doppelten Sinn. Es wird Geldkapital in Form von Verzinsungsversprechen
geschaffen, die verkauft werden sollen. Da ist die Kapitaleigenschaft
der Summe früher da als die Summe selbst. Die folgt daraus, dass dieses
Verzinsungsversprechen verkauft wird. Da ist – um es mit Marx
auszudrücken – das G' der Generator von G. Was einschließt, dass dieses
Geld, das die Bank an sich zieht, von vorneherein die Bestimmung hat,
wieder zu Kapital zu werden, denn es soll ja rechtfertigen, dass es auf
ein Verzinsungsversprechen der Bank zurückgeht. Andererseits wird
dieses Geldkapital durch den Verkauf beglaubigt. An beiden sieht man
allerdings, dass diese Art, Geldkapital zu schaffen und zu realisieren,
davon abhängt, dass diese Verzinsungsversprechen auch gehandelt werden.
Das Weggeben von Wertpapieren ist der Akt, mit dem wirkliches
Geldkapital in doppelter Ausfertigung entsteht: als Summe in den Händen
der Bank, die damit ihre Kreditvergabe sowohl rückblickend beglaubigen
wie vorausblickend neu anheizen will, und als Geldkapital in den Händen
des Wertpapierkäufers, der damit Verzinsung gekauft hat.
Was ist, wenn dieser Handel – an dem alles hängt – unterbleibt? Es ist
was anderes, wenn Gebrauchswerte liegen bleiben und vergammeln.
Ungehandelte Wertpapiere, die zum Verkauf anstehen, aber keinen Käufer
finden, sind gleich überhaupt nichts. Diese Art der Wertpapierschöpfung
hat bis zum Sommer am Finanzmarkt Zuspruch gefunden, nicht nur so, dass
eine erste Generation von diesen Papieren Absatz gefunden hat, die
Banken hatten ihr Geld und die Käufer Geldkapital, sondern dass auf
dieses elementare Geschäft eine Kette von Konsequenzen gepflanzt worden
ist. Die simpelste Konsequenz waren die von den Banken geschaffenen
Vehikel, die solche Verzinsungsversprechen auf Grund von
Hypothekenbesicherten Forderungen ausgegeben und deren Rücknahme
binnen einer bestimmten Frist mit der Herausgabe neuer Papiere bezahlt
haben. Das war also ein auf Dauer angelegtes Geschäft, von Frist zu
Frist darauf programmiert, ein neues Wertpapier zu verkaufen, damit die
Emissionstätigkeit dieses Vehikels immer neu beglaubigt wird. Die
andere damit in Gang gesetzte Kette ging darauf, mit ihnen selber etwas
anzustellen; denn wer als Finanzinstitut ein solches Papier besitzt,
betrachtet es als eine Forderung wie einen Vermögensbestandteil, der es
ermächtigt, selber - mit Verweis auf die sichere Einnahmequelle –
wieder neue Verzinsungsversprechen in die Welt zu setzen. Auch nach der
Seite hin sind immer neue Stufen von Wertpapieren auf diese
elementaren, erst gehandelten Wertpapiere darauf gepflanzt worden.
Da hat sich in diesem speziellen Sektor der Finanzmärkte mit seinen
eigenen Techniken das Treiben anderer Bereiche wiederholt: Auch an den
Börsen z.B., die ebenfalls Verzinsungsversprechen, da ohne Frist, in
die Welt setzen, ist die Emission von Aktien nicht das letzte Wort. Der
Aktienhandel selbst ist ja nur die schmale Basis für andere Geschäfte,
die sich darauf pflanzen, man denke an Kreditderivate und das Treiben
von Hedge-Fonds, inzwischen werden schon Sparkassenkunden
Verzinsungsversprechen in Bezug auf den Dax offeriert – auch da ist
eine ganze Welt von neuen Wertpapieren auf der Grundlage von
Aktienemissionen aufgetürmt worden.
Über diese Finanzmärkte hat also das Bankgewerbe seine Kreditmacht,
seine Macht, Geld zu investieren, betätigt und gesteigert, dadurch,
dass es aus den Investitionen selbst wieder die Fähigkeit abgeleitet
hat, neue vorzunehmen. Über dieses zirkuläre Geschäft haben sich dann
so irrwitzige Summen aufgetürmt, die mit den Schulden der Hausbauer
nichts mehr zu tun haben. Wenn jetzt auf diesem riesigen Markt an
irgendeiner Stelle der Handel abgebrochen wird – vielleicht werden
durchaus die Banken misstrauisch dagegen, ob die Grundlage für dieses
Geschäft noch in Ordnung ist –, dann betrachten die Banken das erstmal
als geringeres Problem: Es ist nur ein kleiner Teil nur vorübergehend
nicht gehandelt. Nicht verkäufliche Wertpapiere werden nicht als
wertlos betrachtet, sondern – wenn man sie aufbewahrt, den Vehikels
über die Durststrecke Kredit gibt oder die Wertpapiere selbst für ein
paar Monate abkauft –, dann blüht der Finanzmarkt von Neuem auf. Das
war einen Sommer lang die Strategie des Bankgewerbes.
Aber, weil es die Banken selber als Überbrückung rechnen, geht das
nicht auf Dauer. Die wollen die Wertpapiere ja nicht behalten, Handel
muss sein, die eigene Schuld sich als Guthaben anschreiben, geht
rechtlich und ökonomisch nur mal als Zwischenlösung. Für die Banken
selber ist die Frage nach dem Wert des Wertpapiers praktisch eine Frage
der Frist, wie lange sie über flüssige Mittel verfügen, um die Sache zu
überbrücken. Die Liquiditätsnot heißt nicht, die Banken können nichts
mehr auszahlen – das ist nur einmal bei der Nordenglischen Bank
passiert –, sondern es ist etwas viel Fundamentaleres passiert: Der
Verkauf neuer Wertpapiere, aus dem die Bankenwelt insgesamt ihre Macht
zur Kreditschöpfung hergenommen hat, diese Veranstaltung ließ sich
nicht fortführten, was erstmal nur an gewissen Rändern zu dem
Offenbarungseid geführt hat, dass die dort gehandelte Materie nichts
wert ist. Und irgendwann – eben weil es eine Fristfrage in Sachen
Überbrückung für die Banken ist – meinen sie dann, es führt kein Weg
daran vorbei, Guthaben, die sie sich zugeschrieben haben, oder
Forderungen, die sie sich in Gestalt von Schulden anderer in ihre
Bilanzen geschrieben haben – abzuschreiben. Das ist im Herbst passiert.
Da war die Behauptung immer noch, dass die große Masse der Wertpapiere
in Ordnung sei. Sie gaben zu, die Wertpapiere der Emissionsvehikel sind
nichts mehr wert, das Portfolio ist vielleicht nur noch ein Drittel des
Werts, man muss was abschreiben. Die Vehikel haben ja Schulden bei der
Bank, wenn die kaputtgehen hat die Bank ein Problem. Also lassen sie
das Vehikel nicht kaputtgehen, gemeinden es wieder ein, bloß das
Vermögen wird nicht dadurch gerettet, sondern die Bank nimmt ja den
Verlust auf ihr Konto. Wertpapiere abschreiben ist für diese Sorte
Finanzmarkt schlecht, denn wenn man an einer Ecke anfängt, eine offene
Forderung abzuschreiben, dann heißt das, die Bank hat selbst
Verbindlichkeiten, welchen kein aktiver Vermögensbestandteil mehr
gegenüber steht. Sie muss also in irgendeiner Weise den Verlust
verbuchen, sie muss die verlorenen Aktiva z.B. ihrem Eigenkapital,
Reservefonds zur Last legen; sie muss Vermögenstitel annullieren. Das
heißt wiederum, mit jeder Abschreibung schwindet die Macht der Bank,
selbst glaubwürdig Wertpapiere zu emittieren und zu verkaufen.
Also der ganze Zirkel, der zur Entstehung von diesem riesigen
Finanzmarkt geführt hat, wo jeder Erfolg bei der Emission eines
Wertpapiers die Grundlage für die Emission neuer Stufen rechtfertigt,
dieser Zirkel geht wieder rückwärts. Und für den Rückwärtszirkel gibt
es erst mal - immanent gesprochen – genauso wenig einen Halt wie vorher
für die Ausdehnung. Die Macht, sich selbst Überbrückungs-Fristen in der
Aufrechterhaltung des Scheins eines Werts dieser Wertpapiere zu
verschaffen, diese Macht sinkt natürlich in dem Maße, wie die Bank
Abschreibungen vornehmen muss; und allmählich wird aus der
Notwendigkeit, Überbrückungskredite zu vergeben, eine Kapitalnot der
Banken selbst. Die Grundlage für ihr Geschäft ist angegriffen.
Dieser Zustand ist jetzt erreicht. Das zeigt sich daran, dass die
Papiere, die das Kapital der Bankenwelt selbst repräsentieren, nämlich
ihre Aktien, von den bewertenden Börsen nicht mehr für besonders
lohnend betrachtet werden. Das sind natürlich wieder dieselben
Subjekte. Da hat es etwas Komisches an sich, wenn gemeldet wird: Die
Händler an den Börsen halten den Absturz der Börsenwerte für
übertrieben. Wer übertreibt denn, wenn nicht sie? Der Aktienrutsch
belegt, dass die Geschäfte, die man dem Bankensektor zugetraut hätte,
nicht mehr stattfinden. Der Produktionsprozess einer Bank verwirklicht
sich in ihren Wertpapieren, in ihrer Macht, glaubwürdig Zinsversprechen
in die Welt zu setzen und umgekehrt in solche zu investieren, und sich
damit am allgemeinen Wachstumsprozess zu beteiligen und ihn
voranzutreiben. Dem gewinnbringenden Absatz dieses Produktes wird z. Z.
in der Finanzindustrie misstraut.
Jetzt hat man eine Krise der Akkumulation oder Überakkumulation
(Marx) von Kreditpapieren. Das Aufblasen hätte vom Standpunkt der
Banken aus potenziert so weitergehen können. Aber ein kleiner Stich der
paar bankrotten Amerikaner und schon ist die Luft raus. Die
Kreditmacht, die die Banken da betätigt haben und diese Wertsummen
geschaffen haben, verliert ihre Substanz, nämlich die von ihnen selbst
beglaubigten Wertpapiere. Damit ist aber die Macht des Kreditsektors
über die übrige Ökonomie, den kapitalistischen Reproduktions- und
Akkumulationsprozess, von dem die Gesellschaft sich ernährt, überhaupt
nicht weg. Die ist nach wie vor auf den Vorschuss des Bankgewerbes, auf
dessen Überbrückungskredite, auf dessen Diskontgeschäfte und dessen
Leihkapital angewiesen. Auf der anderen Seite bleibt die Macht des
Bankensektors, für diesen Reproduktionsprozess Kredit zu schaffen, was
den ganzen Laden in Schwung hält. (Unabhängig von der Frage, ob dieser
kreditierte Sektor nicht selbst allmählich krisenreif ist.) Die Macht
des Kreditsektors für die Realwirtschaft was zu leisten, leidet mit dem
Zusammenbruch des Finanzsektors.
Es ist ja immer noch die tröstliche Rede, dass das normale Bankgeschäft
mit unseren Mittelständlern, mit dem Staat sowieso, mit Siemens und
Krupp noch schwer in Ordnung ist, mit dem Nachsatz: Solange nicht die
Konjunktur in Amerika einbricht. Bei diesem Rückzugsgefecht im Bezug
auf die Finanzkrise und ihre Weiterungen unterscheiden sie jetzt: Ja
beim Finanzgeschäft wurde gefehlt, da weiß man noch nicht, wie viel
Milliarden noch an Abschreibungen kommen. Aber das geht ja, weil auf
der anderen Seite viel von ihrem Geschäft noch gut ist. Als ob sich das
so einfach trennen ließe. Der Witz ist ja, die Macht der Banken, Kredit
zu vergeben, den normalen kapitalistischen Reproduktionsprozess in Gang
zu halten und Wachstum herbeizuführen, ist angegriffen. Das zeigt sich
daran, dass die Bankaktien jetzt selbst in Mitleidenschaft gezogen
werden. Das ist ein Urteil über ihr Geschäft insgesamt, über ihre
Kreditmacht, die sie zu hohen Teilen in diesen Sektor, der sich jetzt
als Nullnummer erweist, reingesteckt und dort realisiert haben.
Die Banken unterscheiden bei der Kreditvergabe, die noch erfolgt, was
sich für sie lohnt und wie sich Risiko und Ertrag zueinander verhalten.
Bei dieser kritischen Abwägung haben sie die Kleinhändler nie
vergessen, die werden auch weiter ihre Kredite bekommen, soweit die
Banken sich zutrauen, da noch Kredit schöpfend zugange zu sein. Aber
sie haben jetzt über 2 – 3 Jahre in einem aberwitzig sich steigernden
Umfang das Urteil gefällt, dass lohnende Geldanlagen nicht in der
Realwirtschaft zu finden sind – an denen kann man zwar auch verdienen,
aber der richtige Hammer zum Investieren spielt sich woanders ab.
Investmentbanker wurden von Geldanlegern – Banken,
Investmentgesellschaften, Versicherungen usw. – beauftragt, ihnen ein
besser rentierendes Produkt zu verschaffen. So haben sie diese
Wertpapiere konstruiert. Zum Mechanismus davon steht einiges im letzten
GS.
― Dafür haben sie
dann Geld eingesammelt, das eine lukrativere Anlage sucht. Davon wird
jetzt einiges abgeschrieben, aber anderes wandert noch Anlage suchend
durch die Welt. Wobei die gerade besprochenen Papiere nicht mehr
so sehr das Vertrauen genießen, die Abschreibungen finden aber
hauptsächlich in dieser Sphäre statt.
Aber auch das Anlage suchende Kapital ist da ziemlich subsumiert. Es
gibt beispielsweise einen Pensionsfonds, der von Kunden Geld zur Anlage
eingesammelt hat. Das hatte er teilweise in solchen Papieren angelegt
und ist jetzt von der Entwertung betroffen. Auch wenn dies vielleicht
bloß 5 % seiner Anlagen ausmacht, hat er doch das Problem, dass er
gleichzeitig seine Rentner bedienen muss; das wollte er eben nicht
zuletzt aus dem Gewinn seiner Geldanlage, aber der ist weg. Dann ist
aber auch sein übriges Geld nicht mehr einfach Anlage suchendes
Geldkapital, sondern er muss dies für die Auszahlungen verwenden und
weiterreichen; dafür aber war es gar nicht vorgesehen.
Diese Aufblähung des Finanzsektors attrahiert von allen Seiten Geld,
aber vor allem zieht sie die Aufmerksamkeit von Banken auf sich, die
über Depositen verfügen, und sei es in der Form, dass ein Pensionsfonds
seine Wertpapiere bei ihnen hinterlegt hat. Solche Depositen
berechtigen eine Bank, selber so zu tun, als hätte sie da Geld, um
darauf wieder einen Kredit in die Welt zu setzen, mit dem sie, z. B.
auf Basis dieses Depositums, ihrerseits Wertpapiere kauft. Dieser
Zirkel: die Bank betätigt ihre eigene Kreditmacht, indem sie immer neue
Anlagemöglichkeiten schafft und damit wieder einen Hebel für neue
Investitionen hat, dieser Zirkel ist es, der so viel von diesem
Wachstum zustande gebracht hat. Wenn dies zusammenbricht und dieser
Zirkel rückwärts verläuft, dann reißt die Bank mit ihren Verlusten auch
alle, die da ihr echt verdientes Geld hineingetan haben, mit hinein.
Dies ist nach der Seite hin die Rückwirkung der Krise auf alle, die
richtig Geld verdient haben. Es ist damit nicht gesagt, dass jetzt
schlagartig jedes Geschäft aufhört, aber allein schon die steigenden
Zinsen, die die Bank dann nach neuen Ertrags-, Risiko- und
Sicherheitsabschätzungen verlangt, sind Signale dafür, dass sie mit
ihrer Macht, Kredit zu schöpfen, auf diesem Sektor einen gründlichen
Schiffbruch erlitten haben.
Es geistert die falsche Vorstellung herum, dass es das als Geldkapital
eingesammelte Geld doch immer noch gibt und somit auch noch Kredit.
Wichtig ist doch, wofür das Geld gut war, was es geleistet hat. Über
diesen Wertpapierhandel ist Geldkapital geschaffen worden. Wenn die
Wertpapiere sich entwerten, ist erstens dieses Geldkapital weg, auch
wenn das andere übrig bleibt. Zweitens hat das andere auch ein Stück
weit seine Qualität verloren, die Banken brauchen es für mögliche
Abschreibungen. Sie haben damit also keine taugliche und funktionelle
Kreditmacht mehr in der Hand, und damit ändern sich, wie schon erwähnt,
auch sämtliche bisher gültigen Konditionen der Kreditvergabe. Es reicht
auch das Argument, dass, wenn alles auf das vorhandene Geldkapital
zurückfällt, der Schaden da ist. Das hatte bisher für etwas anderes
getaugt, was jetzt entfällt.
— Es wurde
vorher gesagt, dass es für die Rückführung dieses Zirkels genauso wenig
eine Schranke gibt, wie für die Aufblähung der Kreditmasse. Soll damit
gesagt sein, dass man keinen Punkt angeben kann, an dem die Sache zu
Ende ist.
Es wird schon irgendwann wieder aufhören – es gibt ja auch schon die
ersten Krisengewinner, die entwertete Titel aufkaufen. Wenn solche
Vehikel mit ihren Wertpapieren pleite gehen, müssen sie Notverkäufe
machen, um dann doch ihre Gläubiger auszuzahlen. Dies wird von solchen
Typen ausgenutzt. So einen ‚Boden‘, von dem aus ein Kauf sich wieder
lohnt, möchten sogar viele Börsenhändler herbeireden. Andererseits ist
ein Wertpapier, das keiner kauft, eben nichts wert.
― Dies
fehlende Vertrauen ist es doch, weshalb die Verschuldung nicht mehr
klappt und es zu diesem Liquiditätsengpass kommt.
Ja, nur sollte statt dieses ‚Liquiditätsengpasses’ besser die
ökonomische Sache benannt werden, die Banken in Zahlungsschwierigkeiten
bringt. Und die heißt, dass sie doch ihre ganze Kreditmacht betätigt
und kein Geschäft ausgelassen haben. Die Banken hassen einen
Reservefonds, weil sie mit dem nichts verdienen. Er ist im Verhältnis
zum angezettelten Geschäft eine lächerliche Größe. Wenn Ausfälle nicht
überbrückt werden können, sondern zu Abschreibungen führen, dann ist
der Reservefonds sofort weg. Das liegt daran, weil es an die Substanz
der Kreditschöpfung geht, der Reservefonds jedoch nur für eine
zeitweilige Zahlungsklemme taugt. Man sieht dies z. B. auch an der
Reaktion der Notenbanken. Die haben die Zahlungsnöte der Bankenwelt
gleich als 'bloßen' Liquiditätsengpass genommen, weil die Reservefonds
ausgeschöpft und – das steht schon in einem gewissen Widerspruch dazu,
es so harmlos nur als Liquiditätsengpass zu nehmen – gigantische Summen
locker gemacht werden mussten, damit die Banken Zahlungen leisten
können. Bloß, um solche Zahlungen geht es bei der Not der Banken gar
nicht. Bei denen ist aus dem Überbrückungsmanöver eine
Abschreibungsgeschichte geworden; zur Kompensation ihrer Verluste
müssen sie alle Mittel, auch ihr Eigenkapital hernehmen, um gegenüber
den Verlusten, die sie zugeben und verbuchen, einen Gegenposten von
ihrem eigenen Vermögen zu streichen.
Dadurch sind sie in eine Kapitalnot geraten, die durch die
Bereitstellung von Liquidität über Nacht oder über einen kurzen
Zeitraum durch die Zentralbank nicht bereinigt werden kann. Dafür
müsste sie schon den ganzen Schrott der Geschäftsbanken aufkaufen. Die
amerikanische Zentralbank hat sich z. B. dazu verstanden, die wertlos
gewordenen Securities der Vehikel, die nicht mehr zu verkaufen waren,
als Sicherheit für die Ausgabe von Kredit über z. B. eine Woche zu
übernehmen – Wertpapierpensionsgeschäft nennt man das dann. Nach einer
Woche holt sich die Zentralbank das ausgeliehene Geld samt Zins von den
Vehikels wieder zurück und die haben ihre Schrottpapiere wieder. Das
Problem bleibt für diese Vehikel und ihre zugehörigen Banken also, wenn
sich innerhalb dieser Woche der Markt für diese Vehikelpapiere nicht
regeneriert, dann haben sie ein Abschreibungsproblem und müssen ihre
verfügbaren Mittel für die Abschreibung verwenden, zum Ausgleich ihrer
Bilanz auf der Verlustseite. Nur ein tatsächlicher Abkauf dieser
Papiere durch die Zentralbank könnte vor einer solchen Abschreibung
schützen, das aber wäre eine Verstaatlichung des Bankensektors. In
England wird dies z. B. im Einzelfall bei der Northern Rock diskutiert.
Das ‚Fehlen von Liquidität’ ist ein begriffsloser Ausdruck, da er keine
Auskunft darüber gibt, warum die eigentlich fehlt. Ob Liquidität fehlt,
weil irgendwo das Wechselgeschäft stockt, weil z. B. Ware produziert
worden ist, ihr Absatz aber nicht zustande kommt, oder weil ein Kunde
Pleite gemacht hat und den Wechsel nicht bedienen kann, oder ob eine
Anleihe zur Neugründung einer Firma nicht bedient wird, oder ob
Liquidität fehlt, weil eine Bank gerade dabei ist, ihre wertlos
gewordenen Finanzpapiere in ihrer Bilanz zu verstauen – darüber sagt
‚Liquidität’ gar nichts aus.
— Ich verstehe
nicht, wie vom Kreditmachtverlust dieses Gewerbes gesprochen werden
kann, wenn doch schon vom Anfang der Krise an klar ist, dass das, was
jetzt abgeschrieben werden muss, noch nie wirklichen Wert gehabt hat.
Es waren doch nacheinander aufgesetzte Doppel- und Mehrfachgeschäfte
mit Papieren im Finanzsektor.
Wenn aber dieser Zirkel – die Schaffung von Wertpapieren als
Investment, das Investieren in diese Papiere und schließlich die
Schaffung von Wertpapieren auf Grundlage dieser Investitionen – in Gang
kommt und ein Handelsgeschäft innerhalb des Finanzgewerbes wird und
eine wechselseitige Beglaubigung und Bestätigung des da entstehenden
Geldkapitals stattfindet, dann findet eine Bereicherung ohne wirkliches
Wachstum statt. Im KIII wirft Marx die Frage auf, wie sich die
Akkumulation des eigentlichen Geldkapitals zur Erweiterung des
gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses verhält. An dem Verhältnis
zwischen den Geldkapitalisten, die damals den Bank Act in England
fabriziert und damit die ganze Nationalökonomie in den Sand gesetzt
haben, und den Kredit nehmenden Kaufleuten stellt er klar, dass es sich
hier um zwei verschiedene Sachen handelt. Die Akkumulation des
Geldkapitals, die Zinsrate, mit der dieses sich vermehrt, und das, was
die sich an Wachstum gutschreiben und an fiktivem Kapital schaffen, das
alles trennt sich von der Schaffung, Vermehrung und Akkumulation des in
Geld gemessenen wirklichen Reichtums der Gesellschaft, der geschaffenen
Warenwerte. Was sich im Finanzsektor vermehrt und dann, wenn es schief
geht, immer rückblickend auch von bürgerlichen Leuten die
Charakterisierung als ‚Blase’ erhält – bis kurz vor dem Platzen mögen
sie gar nicht unterscheiden zwischen vermehrter Warenproduktion und
Reproduktion und Akkumulation von Finanztiteln, aber spätestens wenn
die Krise eingetreten ist, können sie sehr wohl zwischen diesem Mist
und der so genannten Realwirtschaft unterscheiden –, dem liegt
natürlich diese Trennung zugrunde. Es findet eine Bereicherung statt
getrennt von der erweiterten Reproduktion des kapitalistischen
Reichtums der Gesellschaft.
Für den Reichtum, den dieser Bankensektor akkumuliert, heißt dies
umgekehrt, dass er nicht die Realisierung von geschaffenem Warenwert
ist, sondern er ist Kredit, Zahlungsversprechen, die aber als
Zahlungsmittel, als Finanzmasse den selben Dienst tun wie jedes
Zahlungsmittel. Nur, im Finanzsektor entstanden, haben sie auch in ihm
ihre Zweckbestimmung. Das, was da an Zahlungsversprechen akkumuliert
wird, gründet im Wesentlichen auf Verzinsungsversprechen getrennt von
der erweiterten Reproduktion des gesellschaftlichen Reichtums. Es
gründet darauf und ist auch darauf berechnet, diese Entstehung von
Geldkapital auf Kreditbasis wahr zu machen. Wenn dann umgedreht kein
Handel mit diesem fiktiven Kapital stattfindet, geht auch dieser
fiktive Reichtum kaputt. Fiktiv heißt bezogen auf den wirklichen,
gegenständlichen, in Geld gemessenen Reichtum der Gesellschaft, nicht
fiktiv in dem Sinn, dass man eigentlich gar nichts damit anfangen
könnte. Es ist Zahlungsfähigkeit, die ihren Grund und ihre
Zweckbestimmung im Finanzsektor hat, die realisierte Kreditmacht der
Banken. Sie ist ein verselbständigter Umgang mit dem gesellschaftlichen
Geld neben der Schaffung von zusätzlichem Reichtum. Dieses ‚neben‘ hat
verschiedene inhaltliche Bedeutungen. Der Kredit ist der Motor für die
erweiterte Reproduktion des gegenständlichen Reichtums.
Der Witz ist nicht einfach, dass dieser ganze Finanzsektor von der
Produktion von Waren und ihrer Realisierung abhängt, sondern umgedreht,
wenn dieser Sektor einmal etabliert ist, gehört dazu, dass er die ganze
Warenproduktion und Reproduktion der Gesellschaft zu einem Element der
Verwertung von Geldkapital herabsetzt. Es findet im Finanzgewerbe ein
kapitalistisches Wachstum ohne wirkliches Wachstum statt, diesen
Widerspruch vollführt dieses Gewerbe. Und er hat deswegen Bestand, weil
es nicht einfach der abgelegene Überbau der normalen
Reichtumsproduktion ist, sondern weil das, was man normale
Reichtumsproduktion nennen kann – die Herstellung von Waren und ihr
Verkauf – im Kapitalismus einen Anfang (G) und ein Ende (G’) hat. Und
dieses G/G’ findet im entwickelten Kapitalismus unter der Prämisse
statt, dass das Geld-(Finanz-)Kapital ein G’ in die Welt setzt und
darüber ein G generiert, das den Ausgangspunkt auch für alle redlichen
Geschäfte bildet.
Anders ausgedrückt: Dass durch die Akkumulation von Finanztiteln solch
große Summen entstehen, ist zweifellos nicht das Resultat von
Wertschöpfung durch produktive Arbeit. So viel wurde auch durch den
Einsatz von einer Milliarde Chinesen nicht zusätzlich an Arbeitszeit
verausgabt, geschweige denn an gesellschaftlich notwendiger. Wert als
Ergebnis gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit ist das nicht, was im
Finanzsektor akkumuliert und auch wieder vernichtet wird. Wert im Sinne
einer Kommandomacht über gesellschaftlichen Reichtum ist es in der
zugespitzten Form, Geld in Form von Geldkapital zu sein, ein durch
Kredit generiertes Finanzkapital, Verfügungsmacht über Zuwachs, der
durch den Kauf und Verkauf von Wertpapieren realisiert wird. Diese
Realisierung ist die praktische Beglaubigung von Verzinsungsversprechen
durch die Bankenwelt selbst.
Wenn im Finanzkapital Werte vernichtet werden, geht dieser Rechtstitel
auf Vermehrung kaputt, was nicht bedeutet, die gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit ginge gegen Null. Andererseits hat das, was an
gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit verausgabt wird, seinen
Charakter heutzutage etwas gewandelt. Einerseits ist es die Grundlage
der ganzen Veranstaltung, andererseits auch abhängig davon, dass auch
aus dem Finanzsektor Mittel für die erweiterte Produktion erwachsen.
Dies wird als die Sorge einer Rückwirkung der Krise des Finanzkapitals
besprochen.
Wenn die Kreditmacht der Banken leidet, bleibt es nicht beim Fall der
Bankaktien, sondern die ganze Börse ist betroffen. Darin drückt sich
aus, dass unter der Beschädigung der Banken die Kreditwürdigkeit der
übrigen Geschäftswelt, die längst auf den Kredit als Geschäftsmittel
angewiesen ist, leidet. Die Kreditgeschäfte werden schwieriger.
Wenn die Kreditmacht der Banken reduziert wird, mangelt es nicht nur an
Kreditmitteln, auch die Investitionsgelegenheiten fehlen. Es fehlt ja
gerade an glaubwürdigen Verzinsungsversprechen, in die man Geld
investieren könnte und wollte. Wenn es daran nicht fehlte, wären die
123 Milliarden Dollar Konjunkturprogramm, die die USA nachlegen und von
denen manche Finanzkapitalisten behaupten, es wäre zu wenig, andere, es
nütze eh nichts, gar nicht nötig.
Ist diese immanente Finanzkrise der Ausgangspunkt für eine „wirkliche“
Krise? Wenn unter der geringer werdenden Kreditmacht der Banken die
Kreditwürdigkeit der produktiven Kapitalisten leidet, kann die
Überakkumulation nicht ausbleiben. Der gesellschaftliche
Reproduktionsprozess wird in Mitleidenschaft gezogen durch die
mangelnde Kreditmacht der Banken, die diesen durch ihren Vorschuss in
Gang halten und sein Wachstum befördern. Der reale Kapitalismus wird
nicht von dem, was er produziert, in Gang gehalten, sondern von
Erwartungen auf Wachstum, die mit Kredit vorfinanziert werden. Diese
Finanzkrise liefert zusätzlich Beiträge zur Verarmung, Häuslebauer
können ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen, Pensionsfonds, deren
Finanztitel platzen, können ihre Pensionäre nicht mehr auszahlen,
weniger Autos werden verkauft, weil Verunsicherung herrscht.
Marx kommt beim Thema Kreditgewerbe auf die trinitarische Formel als
Konsequenz des zinstragenden Geldkapitals. So sieht es am Ende bei den
Revenuen in der kapitalistischen Gesellschaft aus: Geld generiert Zins,
der aus dem Eigentum entsteht, Boden generiert Rente, die aus dem
Grundbesitz erwächst, und Arbeit generiert Lohn; jede Klasse hat das
Ihre.
Marx bezeichnet das als eine Ansammlung von Irrationalität: Dass aus
Eigentum Zins erwächst, da bedarf es der Realität des Geldkapitals. Da
ist das Ganze dazwischen, woran das Geldkapital sich bedient,
rausgekürzt; die Mühsal der Anwendung des Geldkapitals kommt dabei
nicht vor. Damit der Boden Rente abwirft, braucht es ein
kapitalistisches Unternehmen, das aus der Nutzung des Bodens einen
Mehrwert herauswirtschaftet, an dem dann der Rentier partizipiert. Die
Formel Arbeit generiert Lohn ist die irrationalste. Arbeit schafft
Güter. Nur wenn man Eigentum und Kapital voraussetzt, resultiert Arbeit
in Lohn.
Damit wären wir beim
II. Mindestlohn
Wegen dieser gerade besprochenen Irrationalität ist dem Lohn nicht
einbeschrieben, dass man von ihm leben kann. Dass man trotzdem von ihm
leben muss, ist eine Wahrheit, die gesellschaftlich durchgesetzt und
anerkannt ist – auch von den Verwaltungsinstanzen dieser Gesellschaft.
Das ist die Grundlage dafür, überhaupt so etwas wie einen Mindestlohn
in Betracht zu ziehen, der die Notwendigkeit, vom Lohn zu leben,
irgendwie in Rechnung stellt.
Dass der Lohn so bestimmt ist, hat mit der politischen Ökonomie des
Kapitalismus zu tun und dass das anerkannt ist, hat mit der
Verwahrlosung der Sitten in der fortgeschrittenen kapitalistischen
Gesellschaft des Westens zu tun – die Chinesen sind allerdings auch
nicht besser. Was ist die ökonomische Grundlage dafür, dass der Lohn
mit dem Lebensunterhalt derer, die ihn verdienen, nichts zu tun hat?
Als Marxist erinnert man sich an den ‚Wert der Ware Arbeitskraft’ –
wenn der Kapitalist die Arbeitskraft als solche gekauft hätte, dann
würde sie ihm gehören und da sie schlecht von ihrem Träger zu trennen
ist, wäre das ein Quasi-Sklavenverhältnis zwischen Arbeiter und
Kapitalist. Marx macht eigenartige Analogien zwischen der Arbeitskraft
und dem Finanzkapital; er sagt, dass beides im Produktionsprozess
verwendet wird, das eine als Vorschuss, das andere als
Verwertungsmittel. Beides bleibt aber auf seine Art außerhalb des
Verwertungsprozesses. Das Finanzkapital gibt nur das Mittel her, das
der Kapitalist investiert und hinterher wieder herausholt, es rahmt den
Produktionsprozess ein. Die Arbeitskraft bleibt, was ihre Reproduktion,
also den Menschen betrifft, an dem sie haftet, durchaus auch außerhalb
des Produktionsprozesses. Was bezahlt der Kapitalist eigentlich? So,
wie er beim Finanzkapital den kapitalistischen Gebrauchswert (GW) des
Geldes bezahlt – nämlich sich investieren zu lassen, so dass mehr
daraus wird – so bezahlt er beim Proleten den Gebrauchswert der
Arbeitskraft für ihn – nämlich, dass sich mehr aus ihm herausholen
lässt als er kostet. Mit Marx Worten: Der GW der Ware Arbeitskraft
liegt für den Kapitalisten im Mehrwert, der sich aus dem Arbeiter
herauswirtschaften lässt, darin, dass sich seine Anwendung rentiert.
Der Wert der Arbeitskraft, also was er dafür bezahlen muss, ist diesem
GW untergeordnet. Deswegen ist der Beschaffung von Arbeitskraft für den
kapitalistischen Produktionsprozess die Möglichkeit, sich als Prolet
davon zu erhalten, nicht immanent. Der GW der Arbeitskraft ist die
Bedingung dafür, dass sie einen Tauschwert (TW) hat. Der GW muss da
sein, damit überhaupt in dem, was man kauft, gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit realisiert ist. Die gesellschaftlich notwendige
Arbeitszeit, die sich in der Arbeitskraft eines Proleten realisiert,
hat ihren Inhalt darin, dass er in der Lage ist, Mehrwert zu schaffen.
In der Rentabilität der Arbeitskraft liegt ihr GW und damit das, was in
ihr an Wert mit der Formel ‚gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit’
drinsteckt. Würde der Prolet mehr verdienen, als es sich für den
Kapitalisten rentiert, wäre das gesellschaftlich überflüssige
Arbeitszeit.
So ein trostloser Wirtschaftswissenschaftler wie Herr Sinn vom
Ifo-Institut mag sich als Provokateur gefallen, wenn er schreibt, dass
es Unsinn ist, dass man vom Lohn leben können soll, den Grund dafür
sagt er natürlich nicht, nämlich, dass der Wert der Ware Arbeitskraft
nur so weit reicht wie der GW der Arbeitskraft sich für den
kapitalistischen Anwender lohnt. Wenn dann rauskommt, dass der Wert
einer Fensterputzer-Arbeitskraft gerade mal so weit reicht wie Hartz
IV, dann ist es eben das; und wenn die Gesellschaft in Form ihrer
sozialdemokratischen Führung meint, man müsste dafür sorgen, das die
Leute von ihrer Arbeit leben können, dann wollen sie, dass mehr bezahlt
wird als den Wert der Arbeitskraft tatsächlich ausmacht – dann sollen
sie mal dafür sorgen ...
― Aber der GW
schließt doch, vielleicht nicht bezogen auf den einzelnen Kapitalisten,
sondern gesellschaftlich gesprochen, die Reproduktion dieses GW ein und
das ist, marktmäßig gesprochen, auch die Wertbestimmung.
Wenn nun aber die Wertbestimmung konfligiert damit, dass ein Kapitalist
eine Arbeitskraft dann gar nicht brauchen kann? Bekanntermaßen kümmert
sich der Kapitalist nicht um die Reproduktion der Arbeiterklasse,
sondern um die Anwendung rentabler Arbeitskräfte. Der Wert z.B. eines
geputzten Fensters ist also bestimmt durch die Kalkulation des
Fensterputz-Unternehmers, das sich damit Aufträge ergattert und Leute
für sich arbeiten lässt. Angenommen, es gibt eine Streikbewegung unter
den Fensterputzern und die zwingen ihren Kapitalisten ein anderes
Kalkül auf, dann ändert sich unter Umständen auch der gesellschaftlich
notwendige Wert der Fensterputzer-Arbeit.
Der GW der Arbeitskraft relativiert den TW und es ist ja auch nicht
jede Arbeitskraft gleich viel wert. Es gibt unterschiedliche Löhne, da
ist nicht vorher festgestellt, dass diese Arbeit so und so viel wert
ist, also bekommt der Mensch auch so und so viel dafür, wenn er sie
leistet. Umgekehrt, wenn es mal die Lohnhierarchie gibt auf der Basis
des Kalküls, das die Kapitalisten gemeinsam mit den Gewerkschaften
anstellen, dann ist für jeden Arbeitsplatz der GW der Figur, die ihn
ausfüllt, definiert. Dann ist mit dem Lohn, den er bekommt und dem
Verhältnis zum Ertrag, den der Kapitalist diesem Arbeitsplatz beimisst,
über den GW des Proleten (an diesem Arbeitsplatz) entschieden. An dem
harten Kalkül von BMW – 'wir müssen die Leute schlechter bezahlen, weil
wir weniger Autos verkaufen' – merkt man, dass dem Lohn an Schranken
nach unten nichts einbeschrieben ist. Wenn es ein historisches und
moralisches Moment in der ganzen Sache gibt, dann ist das eine
Korrektur dessen, dass der TW der Arbeitskraft sich nach ihrem GW für
den Kapitalisten richtet. Da tritt dann der Sozialstaat auf und
spendiert etwas zu dem zu geringen Lohn dazu.
In diesem Zusammenhang gibt es wieder mal eine Glanzleistung der FAZ,
die der Frage nachgeht, ob der Mindestlohn überhaupt zu gering ist und
was mit den ‚Aufstockern‘ ist, die die SPD immer ins Feld führt. Sie
kommt zu dem Schluss, dass die Löhne höchstens in einem Drittel der
Fälle zu gering seien, bei zwei Dritteln müsse nur deshalb
‚aufgestockt’ werden, weil die Lohnbezieher eine Familie haben. Bloß,
weil Hartz IV was für Kinder vorsieht und der Lohn für Lohnbezieher mit
Familie geringer ist, muss aufgestockt werden. Also ist völlig klar:
Der Lohn ist hoch genug, die Kinder sind das Problem.
Artikel dieser Art begleiten den Streit zwischen SPD und CDU, ob man
dieses historische und moralische Element, nämlich dass Proleten auch
Kinder großziehen können müssen – zumindest nach den Maßstäben von
Hartz IV –, den Arbeitgebern zur Last legen und die zu einer
Neukalkulation des GW ihrer Arbeitskräfte zwingen soll oder ob man das
Kapital davon entlasten und den Staat mit seinen Steuern dafür
einstehen lassen soll; ob man das historische und moralische Element
der Arbeitskraft – jedenfalls da, wo es um die Familie geht –
sozialisieren soll. Die CDU ist mehr für sozialisieren, während der
SPD-Standpunkt ist: so viel Rücksicht muss sein. Dieser Standpunkt geht
davon aus, dass dem Arbeitslohn keine Schranke nach unten
einbeschrieben ist und billigt auch, dass das so ist. Das Prinzip des
Lohns ist anerkannt, wenn vom Staat ein Existenzminimum definiert wird,
das der Lohn doch zumindest hergeben solle.
Dass man vom Lohn leben kann, ist eine vom Gemeinwesen durchgesetzte
Ausnahme von der Regel, die im GW Arbeitskraft drinsteckt. Andere
Ausnahmen sind eine Knappheit an Arbeitskräften, die das Kapital zu
Konzessionen zwingt; oder auch das mit den Gewerkschaften vereinbarte
System von Ausnahmen, nämlich eine Lohnhierarchie mit einer oberen
Hälfte, in der man vom Lohn ganz gut leben kann und einer unteren
Hälfte, in der das tendenziell nicht mehr geht. Dass der Lohn
eigentlich nicht dafür da ist, dass die, die ihn verdienen, davon leben
können, wird tendenziell zur Selbstverständlichkeit. Anlässlich der
Ereignisse bei Nokia kam der passende Kommentar wieder mal vom Chef des
Ifo-Instituts: Bedenklichkeiten, ob die Handy-Produktion in Deutschland
überhaupt noch rentabel zu haben sei, ‚toppte‘ er mit dem Beitrag, dass
es überhaupt keine industriellen Arbeitsplätze gebe, die in Deutschland
noch sicher seien. Und wieder: Wo er Recht hat, hat er Recht ... Wenn
der TW der Arbeitskraft zu hoch ist, beschädigt er den GW und dann
taugt der nichts mehr, das Dokument davon ist die Arbeitslosigkeit von
deren Trägern. Das ist so der Tenor der Beiträge zum Zeitgeist in
Sachen Ökonomie, die ziemlich offen demonstrieren, wie
selbstverständlich die Grundwahrheiten des Kapitalismus wieder werden.
Anderes Beispiel: Die CDU äußert sich in verschiedenen Medien
folgendermaßen: Wir sind gegen den Mindestlohn, wie die SPD ihn
fordert, weil wir den Niedriglohnsektor in Deutschland retten müssen,
und zwar als Geschäftssphäre fürs Kapital. Dabei wird gleich auf die
Leute reflektiert, die in diesem Sektor arbeiten sollen und das Ganze
immer noch hingedreht als Vorteil für sie – so taucht das
Arbeitsplatz-Argument noch auf. Das ist auch wieder so ein Indiz für
den Zeitgeist – kein Gedanke mehr daran, dass einer sagen könnte, dass
das eine Unverschämtheit dieser Partei ist, dem Volk vorzuknallen, dass
ein Großteil von ihm seinen Lebensunterhalt nicht mehr wert ist.
Nächstes Mal: Was heißt das, wenn eine Gewerkschaft sich für den
Mindestlohn stark macht?