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Jour fixe 07.01.2008 – I. Zur Finanzkrise, II. Zur Weltlage 2007, III. Schäuble-Katalog

I. Zur Finanzkrise

Fragen zum Finanzartikel, Punkt III:
  — Auf S. 85 steht zum Leihkapital: „Sie lassen Kredit als Kapital wirken … als quasi selbsttätige Geldquelle bei sich.“ Warum gehört die Bestimmung erst an diese Stelle, im Unterschied zum vorigen Punkt über Wechsel? Das G' ist für die Bank immer ein Produkt der Geldsumme, die sie dem Kapital geliehen hat.
Es steht nicht da, dass es erst dann zur Geldquelle würde. Für die Bank ist – auf dieser abstrakten Ebene – jedes Geldleihen eine Verwandlung von Geld in wert schaffendes Geldkapital. Auch beim Leihgeschäft, das den Wechsel diskontiert.
  — Dann verstehe ich umgekehrt nicht, wieso die Banken beim Verleihen „eine noch höhere kapitalistische Grundgleichung wahr machen“?
Was die kommerziellen Kapitalisten mit dem Kredit anfangen betrifft den Stellenwert des Bankkapitals in der kapitalistischen Produktion. Das Diskontieren von Wechseln gehört nach der Bestimmung von Marx in die Abteilung der Umschlagserhöhung von verwertetem Kapital.
  — Die Metamorphose von Warenkapital in Geldäquivalent ist noch nicht abgeschlossen, die Bank antizipiert den Geldfluss. Im Unterschied dazu wird beim Verleihen von Geldkapital das Wachstum vorfristig realisiert. Im ersten Fall gibt sie Zahlungsfähigkeit, im zweiten nimmt sie Profit vorweg.
Das kommerzielle Kapital macht selbst den Übergang zum Kredit, von Kaufen und Zahlen zum Zahlen mit Zahlungsversprechen. Der Witz liegt darin, dass der Empfänger des Versprechens damit selbst seinen Kreislauf fortführen kann. Die Bank verallgemeinert den kommerziellen Kredit, dabei bleibt er nicht mehr kommerziell, sondern er wird ein Bankgeschäft. Jetzt wird die Masse dieser Zahlungsanweisungen selber zu Zahlungsversprechungen, das ist mehr als nur technisch die Zahlung abwickeln. Durch deren vorfristige Verwendung als Zahlungsmittel nimmt sich die Bank Anteile am kommerziellen Gewinn, am Diskont. Die normale Abwicklung von Zahlungsanweisungen, Abbuchungen etc. wird zu einer Unterabteilung des Verrechnens und des Verdienens an Zahlungsversprechen. Vom Standpunkt der Bank ist es schon so, dass sie durch ihre Bemächtigung des Wechselgeschäfts den Zahlungsverkehr in ein Kreditgeschäft verwandelt. Durch das Kreditgeschäft verwandelt sie das Geld, über das sie verfügt, in Geldkapital. Die Rate ist der Diskontsatz.
Marx erklärt im 3. Band des „Kapital“ den Begriff des Geldkapitals zunächst als Durchgangsstadium: Geld als Geldkapital realisiert sich erst dann, wenn es weggegeben wird, wenn darüber ein Produktionsprozess mit Mehrwert geschwängerter Ware rauskommt und diese verkauft wird. Die Qualität des Geldes als Geldkapital sieht man an seiner Verwendung. Etwas anderes ist Geldkapital in den Händen der Bank. Die macht wirklich den Standpunkt wahr, dass Anfang und Ende dieses Prozesses im Anfang schon enthalten sind, dass schon das Geld selbst Geldkapital ist, in Abstraktion vom Produktionsprozess. Marx erklärt, Geld in den Händen der Bank ist nur dort, weil es die Bestimmung an sich hat, verliehen zu werden, als Rahmen des normalen kapitalistischen Verwertungsprozesses, so dass vor dem Kapitalkreislauf, der mit Geld anfängt, und dahinter noch eine Episode ist. Die Episode vorher heißt: Geld für Geld, das der kommerzielle Kapitalist ausgibt, also das Abtreten des Gebrauchswerts des Geldes als Kapital zu fungieren. In den Händen des Geldkapitalisten ist Geld ausgestattet mit dem Gebrauchswert, als Kapital verwendet zu werden, wobei der Produktionsprozess des Kapitals unterstellt ist, der ihn nicht weiter interessiert. Die Rückzahlung mit Zins ist dem Verleihen einbeschrieben. Vom Standpunkt des Verleihers ist jede Summe Geldes von vorneherein Geldkapital, so dass es in den Büchern der Bank als Verlust gilt, wenn Geld liegen bleibt, denn dann fungiert das Geld nicht seiner Bestimmung gemäß. Von diesem Standpunkt aus nimmt sich das Diskontgeschäft wie eine erste, matte Stufe aus.
Insofern ist es zwar formell das Gleiche – die Bank bezieht jedes Mal einen Zins. Aber der Unterschied ist erstens quantitativ – das Diskontgeschäft wird zur Unterabteilung des ganzen Kreditgeschäfts -; zweitens macht die Bank an der Stelle nicht einfach die vollzogene Kapitalakkumulation zur Geschäftsquelle, sondern den Bedarf des Kapitals und das ständig vorweggenommene Wachstum. Es ist auch ein Unterschied, ob sie sich an einer zu beurteilenden kommenden Zahlungsfähigkeit von jemandem bereichert, oder ob sie sich an einer zu beurteilenden Kreditwürdigkeit eines Unternehmens bereichert. Sie erschließt sich den ständig wachsenden Kapitalbedarf einer Unternehmenswelt getrennt von ihren schon gelaufenen Geschäften als Bereicherungsquelle.
  — Wieso ist es ein Widerspruch, dass 'Größe das Wachstumsmittel ist im Kapitalismus' (s. Fußnote S. 84)?
Wer kann denn von sich aus Reichtum, den es noch nicht gibt, in die Welt setzen, und den, um den es geht, daraus entstehen lassen? Zwerge können so was nicht. Der große Trick der Riesen im Bankkapital dagegen ist, mit dem Geld der Gesellschaft aus zukünftiger Größe ein gegenwärtiges Wachstumsmittel zu machen.
Das ist die 3. Abteilung: Wie verschaffen sich Banken selber Wachstumsmittel. Eine Sache ist, dass sie sie anderen spendieren und dafür das bei ihnen durchlaufende und deponierte Geld nebst Eigenkapital hernehmen. Damit bewerkstelligen sie ihr eigenes Wachstum und stehen selbst vor dem Problem, dass ihr Erfolg davon abhängt, dass sie über immer mehr von solchen Wachstumsmitteln verfügen. Auch für die Bank gilt: Größe (die sie noch nicht hat) ist ihr Mittel zu wachsen, sich zur Kapitalquelle der Wirtschaft aufzubauen. Die Banken sind Stifter von Überziehungskrediten, haben aber selber keinen. Natürlich helfen sich die Banken wechselseitig mal über Schwierigkeiten hinweg. Aber es geht darum, wie beschaffen sich Banken ihr Wachstumsmittel, um in wachsendem Umfang Kapital vorschießen zu können. Abstrakt passt das schon unter die Formel G-G', bloß ist da der Unterschied wichtig.
  — Im genannten III. Punkt auf S. 85 wird unterschieden: Oben ist die Bank der Gläubiger, hier ist sie der Schuldner, sie gibt selbst ein Papier heraus, um sich Wachstumsmittel zu beschaffen … Hier würde allein „erst die wahre Bestimmung erreicht und das verliehene Geld zu Geldkapital“. Dieses Argument haben wir aber oben schon gehabt, dass die Bank erst durch das Verleihen dem Geld die Bestimmung zuführt, dass es Geldkapital ist. Unten steht wieder, dass das weggegebene Geld für den Finanzier, der der Bank Geld gibt für dieses Wertpapier, nicht weg ist, sondern im Gegenteil durch das Verleihen überhaupt erst Geldkapital wird. Was ist da der Unterschied zu oben?
Der Unterschied zu oben ist, womit die Operation anfängt. Wer ist das Subjekt, wer macht da was. Beim Leihkapital ist es noch verhältnismäßig übersichtlich. Da macht der Geldverleiher aus dem Verleihen einer Geldsumme Geldkapital, dieses ist dann in den Händen des borgenden Kapitalisten, der aus seinem Profit den Zins erstattet. Dieses Mitverdienen ist noch übersichtlich. Wenn eine Bank Wertpapiere in die Welt setzt oder ein großes Unternehmen Obligationen ausgibt, eben ein Finanzkapital sich Geld leiht, ist die Reihefolge anders.
  — Da ist die Reihenfolge, dass das Geld, das ein Kunde der Bank für das Wertpapier hergibt, für ihn zu Geldkapital wird, weil er von der Bank ein Zinsversprechen bekommt. Da verwandelt die Bank fremdes Geld in Geldkapital, bevor sie selbst für sich das Geld verwandelt.
Wie geht die Geldbeschaffung der Bank? Das erste, womit sie auftritt, ist hier nicht Geld, sondern ein Verzinsungsversprechen auf ein Geld, das sie damit erst bekommen will. Sie hat die Selbstsicherheit auf ein Papier zu schreiben: Wer mir das abkauft, bekommt dafür Zinsprozente. Eine Geldsumme, die sich verwertet, ist noch gar nicht zu sehen. Das hindert die Bank nicht, ein Verzinsungsversprechen auf einen ideellen oder wirklichen Zettel zu schreiben und zu verkaufen.
Das stellt gewissermaßen die Sache auf den Kopf gegenüber dem normalen Leihkapital. Der Wertpapierkäufer hat ja gerade Geld übrig und will, dass das an der schönen Gleichung teilhat, die das Leihkapital so objektiv darstellt, dass Geld mehr ist als es ist, also Geldkapital. Die Grundlage für die Schöpfung von solchen Wertpapieren ist die Macht, glaubwürdige Verzinsungsversprechen in die Welt zu setzen. Klar, die Bank hat dann den „Sachzwang“, dass aus dem Geld wirklich mehr wird, aber die Beschaffung von Wachstumsmitteln ist eben für sie das Wachstumsmittel.
  — Wieso gehören in diese Sphäre die forderungsunterlegten Anleihen? Hier geht es doch um ein Geschäft der Bank, das sich gar nicht mehr auf ein ursprüngliches Leihgeschäft, sondern nur auf die Geschäftstätigkeit der Bank als ganze bezieht?
Wenn die Bank Anleihen begibt, gibt sie bekannt, sie habe eine Unmasse an Geschäften am Laufen und jeder, der was übrig hat – andere Finanzkapitalisten, Kapitalsammelstellen jeder Art, am Ende sogar die Sparkassen – kann bei ihr mitmachen. Die Anleihen zieht sie auf sich als ein Institut, das mit Leihkapitalgeschäften Geld verdient. In diese Abteilung gehören als eine Sondererrungenschaft die schon ausführlich erklärten Asset Backed Securities. Da heißt das Angebot, die Beteiligung an diesem Geschäft hat seine besondere Sicherheit in der Trennung vom sonstigen Bankgeschäft und der Übertragung an Zweckgesellschaften, die auf eigene Faust das Anleihegeschäft veranstalten. Diese Gesellschaft hat dann wie die Bank Forderungen auf der einen Seite, also Schulden, die jemand bei ihr hat, und die Freiheit auf der Grundlage Anleihen auszugeben mit Verweis auf das große vorhandene Vermögen mit Zinseinnahmen. Forderungsunterlegt heißt nur, die Bank sondert hier ein Stück ihres Bankgeschäfts aus – eben das mit Hypothekenzinsen und sonstigen, quasi als Pfand von den Banken abgesicherten Forderungen – und verselbständigt das.
Die Assets sind kein Verstoß gegen das sonstige Verleihgeschäft. Es geht um die Art und Weise, wie dieses Wertpapiergeschäft das sonstige Verleihgeschäft zur Grundlage des Versprechens macht, dass die Bank eben Geschäfte macht, also glaubwürdig versprechen kann, dass sich das ihr gegebene Geld vermehrt. Alles das ist der Ausweis für die Glaubwürdigkeit der Bank als wachsendes Geldinstitut und der Bezug zum sonstigen Verleihgeschäft.
Das ist wie der Klartext dazu, dass Schulden die Grundlage für Verschuldung werden. Die Forderung, die das Wertpapier unterlegt, ist ja kein realisierter Wert, sondern nur der Anspruch, dass etwas reinkommt, und die Schulden, die den Anspruch auf Einkünfte begründen, sind die Grundlage, Wertpapiere in die Welt zu setzen. So macht man aus Schulden neue Schulden, mit denen die Zweckgesellschaften sich Geld verschaffen.
  — Wieso verschulden sich die Zweckgesellschaften, die verkaufen doch was?
Das ist bei Schulden, die als Wertpapiere in die Welt kommen, immer so! Was ist der Unterschied, wenn jemand Geld verleiht und Zinsen bekommt, zu jemandem, der Zinsen verspricht und das Versprechen verkauft? Wer das Versprechen verkauft, macht sich zum Schuldner. Der nimmt ja Geld und verspricht Rückzahlung und Verzinsung. Wenn die Bank zum Schuldner wird, hat das nichts mit um Kredit betteln zu tun, sondern es ist eine finanzkapitalistische Operation, die Eröffnung einer Chance, an den Bankgeschäften teilzuhaben. Die Schuldnerposition erfährt damit sozusagen eine qualitative Aufwertung, weil das Versprechen: Schulden lohnen sich, die Grundlage dafür sind, Schulden zu machen.
Neulich hatte die FAZ in ihrem Wirtschaftsteil einen Artikel mit dem Thema „Wird die Gesellschaft durch Bankschulden reicher?“. Die eine Abteilung der Antwort lautete: So richtig nicht, weil alles, was die Banken da an neuem Reichtum in die Welt setzen, müssen sie auf der anderen Seite als Schulden verbuchen; also ist es doch ein Nullsummen-Spiel. Dabei will die FAZ es aber nicht belassen, sondern bietet die Ersatzlösung: Einer, der bei der Bank Schulden macht, erfährt einen unwiderstehlichen Zwang, aus seinem Geschäft mehr herauszuschlagen. Insofern wird man zwar durch Schulden nicht reicher, aber ein Zwang zum Bereichern existiert dann schon und insofern wird die Gesellschaft dann doch irgendwie und letztlich durch Schulden reicher. Dann eröffnet die FAZ dem Leser das Dilemma: Wenn man für die Schulden der Nationalbank Noten abholen kann, dann ist ja vielleicht wirklich mehr Geld in der Gesellschaft. Bloß ob dieses Geld dann noch etwas taugt, das weiß man vorher nicht.
Was ist in diesem Artikel passiert? Das Ausleihen wie das Einkassieren von Zins stehen vor bzw. hinter dem Verwertungsprozess des Kapitals, aber es ist kein Plus dazu. Das ist die eine Sache. Die andere ist, es wird da ein zusätzlicher Vorschuss in die Welt gesetzt, der im Hinblick auf den zukünftigen Ertrag dessen Produktion einleitet. Das ist doch ein bisschen mehr als diese Ausflucht der FAZ, dass der Kreditnehmer sich anstrengen muss, etwas zu verdienen.
  — Warum ist er nicht mit der Auskunft zufrieden, dass die Banken reicher werden?
Weil er noch eine volkswirtschaftliche Bedeutung von diesem Zirkus haben möchte. Der Nutzen der Banken besteht in dem Sachzwang, den diese auf die Kreditnehmer ausüben.
Das kommerzielle Kreditgeschäft, in das die Bank einsteigt, das sie gewissermaßen an sich zieht, wird von ihr nicht nur zusammen mit dem üblichen Zahlungsverkehr, sondern auch nach dessen Kriterien abgewickelt, also nach dem Imperativ: Es muss immer, an jeder Stelle, dann, wenn es darauf ankommt, genügend Zahlungsmittel da sein. Der Reservefonds muss ausreichen dafür, dass nicht nur Zahlungsanweisungen, sondern auch fällige Zahlungsversprechen zum richtigen Zeitpunkt abgewickelt werden können. Solange dies – mit einer gewissen Kunst beim Herumjonglieren mit Zahlungsversprechungen, beim Verbuchen und dem Ausnutzen von Fristen – zu machen ist, geht auch jedes Kreditgeschäft in Ordnung. Für die Bank ist die Schranke ihres Kreditgeschäftes quasi die Kunst, mit den ihr verfügbaren Zahlungsmitteln der Gesellschaft das alles richtig zu bedienen. Dass das Zahlungswesen zur Unterabteilung eines Kreditgeschäftes wird, heißt umgekehrt, dass das Kreditgeschäft abgewickelt wird nach Maßgabe dessen, dass nirgends Zahlungen offen bleiben dürfen. Wenn es dabei bei einer Bank Probleme gibt und eine andere über ausreichende Mittel verfügt, dann leihen sich die feindlichen Brüder gegen gewissen Zins über Nacht oder sonst wie lange wechselseitig Geld.
Dasselbe Verhältnis gilt nun auch auf den höheren Stufen bei der Bereitstellung von Leihkapital. Die Bank stellt das Kapital, über das sie verfügt, zur Verfügung, weil sie selber Kapital hat und, viel wichtiger, weil sie über die Depositen ihrer Kundschaft verfügt. Das ist die Grundlage. Da hat die FAZ auch Recht, wenn sie sagt, dass die Bank für alles, was sie bei sich an Schulden machen lässt, sie irgendeinen anderen Posten haben muss, wo sie dies dann auch als ihr eigenes Guthaben verrechnen kann. Sobald die Bank jemandem einen Kredit einräumt, muss sie bei sich auch einen Posten reservieren, damit sie daraus entstehende Zahlungserfordernisse bedienen kann. Dafür braucht sie ihre Einlagen, ihre Depositen und ihr Kapital. Für die Abwicklung des Bankgeschäftes gerät auch das wieder unter die Kriterien des Abschätzens, wie viel an Zahlungsverpflichtungen auf die Bank zukommt. Es kommt darauf an, dass man einen Reservefonds an Umlaufmitteln unterhält, mit denen man jeder Zeit dem Quantum an Verbindlichkeiten, die man als Bank mit eingeräumten Krediten eingegangen ist, gerecht werden kann. Dabei tun sich gewisse Lücken auf, die die Grundlage für staatliche Vorschriften sind, wie weit eine Bank beim Vergeben von Krediten gehen kann. Es werden vom Staat Relationen festgesetzt, die zwischen den Forderungen und den Verbindlichkeiten der Bank herrschen müssen, wobei beide Gruppen zusätzlich nach Fristen und Qualitäten weiter unterteilt werden. Dies potenziert sich noch einmal, wenn die Bank selber Schuldverschreibungen in die Welt setzt, also Wertpapiere schafft. Wertpapiere, die sie verkauft – dann hat die Bank das Geld – und deren Schönheit darin besteht, dass sie dann wieder von dem Kunden, der sie kauft, bei ihr deponiert werden. Dann hat die Bank ihre eigenen Wertpapiere als Depositum ihrer Kundschaft, und es stellt sich die Frage, ob sie diese Papiere, also ihre eigenen Schulden, bloß weil sie die verkauft hat, als Einlage bei sich verbuchen kann. Und schon wieder muss der Gesetzgeber hier Regelungen treffen; einerseits will er diese Vorgänge, aber so ganz hemmungslos dann doch nicht. Er mag es auch nicht dem Test überlassen, wie weit Banken in einem Zirkel immer wieder neue Wertpapiere als Depositum behandeln und darauf neue Wertpapiere auftürmen und so im Grunde aus dem, was die Bank selber an Zahlungsversprechen generiert, die Quelle der Zinszahlungen wird, was sich von jedem Bezug auf das, von dem Marx sagt, dass da doch der ganze Mehrwert entsteht, löst. So ein Kriterium hat weder die Bank noch der Staat in der Hand.
  — Wurde nicht gesagt, dass es der Standpunkt der Bank selber sei, solch einen Reservefonds zu bilden, um für ausreichende Liquidität zu sorgen? Wozu braucht es dann noch die Vorschrift des Staates? Worin besteht die Differenz zwischen beiden Seiten?
Was die Banken sich leisten können bei dem Hin und Her zwischen dem Verleihen von Geld, dem Annehmen von Depositen und dem Verkauf von Wertpapieren, hat – abstrahiert man zunächst einmal vom Staat – seine Grundlage und damit auch seine Schranke in der Notwendigkeit, Zahlungen abzuwickeln. Sowohl wenn die Bank Zahlungen leisten muss, die ihre Schuldner abzuwickeln haben, wie auch wenn ihre Gläubiger daherkommen und Geld von ihr brauchen, muss die Bank über ausreichende Liquidität verfügen. Großenteils fallen beide Seiten auch wieder zusammen. Wenn jemand einen Bankkredit aufnimmt und sich diesen für Zahlungen einteilt, dann – sagt Marx – ist der Schuldner zugleich auch Deponent; er ruft von seinem Depositum, das aus Schulden an die Bank besteht, Zahlungen ab, für die die Bank gerade stehen muss. So betrachtet fällt dies alles unter die Künste der Bank, mit Zahlungsfristen und Reservefonds herumzujonglieren, dass dies klappt. Dass das nicht einfach dem Bankgewerbe überlassen bleiben darf, ist der Standpunkt der Schuldner wie der Gläubiger der Bank, denn sie brauchen die Sicherheit für das Zahlen wie für das Deponieren. Im Kreditteil des K III bespricht Marx in den ersten Kapiteln, dass sich der Bedarf an einem Reservefonds im Konjunkturverlauf, im Auf und Ab des kapitalistischen Kreislaufs immer unterschiedlich darstellt. Je nach Publikumsbedarf, machen die Banken auf ihre Art unterschiedliche Geschäfte daraus. Die haben allemal noch einen Reservefonds, wenn der dem Kunden schon ausgegangen ist. Und auf der Grundlage gibt es den Übergang dazu, dass die Staaten sich mit ihren Staatsbanken zu dem rechtlich verfassten Universalreservefonds ihrer Bankenwelt aufschwingen. Sie sprechen dem Umlaufsmittel, das längst zum Hilfsmittel des Kredits geworden ist, gleichzeitig die Qualität des gültigen Geldzeichens zu, indem sie sich als letzte Instanz hinter den Kredit der Bankenwelt stellen und zugleich dekretieren, dass ihr Kreditzeichen das Geld der Gesellschaft ist. Spätestens hier ist der Staat ganz dick im Geschäft der Banken drin.
Auf die Frage, ob die Gesellschaft durch Kredit reicher wird, kann kein Kapitalist eine gescheite Antwort geben, schon gar kein Bankkapitalist. Für den stellt sich das ganze wie ein großes Bereicherungsunternehmen dar, bei dem er immer nur die eine Sorge hat, dass nämlich an den richtigen Stellen und zur richtigen Zeit das Liquiditätsmanagement klappt. Jetzt bekommt man täglich in den Zeitungen die Absurdität serviert, dass sie in der hinterletzten Ecke ihres Kreditgeschäftes ein Riesendesaster angerichtet haben und es ihnen jetzt auf einmal an Umlaufsmittel zum 31.12. fehlt, wenn alle Welt irgendetwas bezahlen muss. Mit ihren Hypotheken, Derivaten usw. aus der dritten Abteilung der Verschuldung haben sie große Pleiten angerichtet, Geldkapital vernichtet, fiktives Kapital als unehrliche Fiktion entlarvt, und jetzt haben sie das Problem, wo ihr Umlaufsmittel bleibt. Weil das Geldkapital nicht mehr funktioniert, rücken sie sich wechselseitig ihre Umlaufsmittel nicht mehr heraus oder verlangen exorbitante Zinsen dafür. Dann kommen die Nationalbanken daher, schaffen kein Kapital, sondern verleihen Geld, nur damit Umlaufsmittel in der Welt ist. Dann gibt es wieder die Sorge, dass, wenn die Banken soviel Umlaufsmittel in die Welt stecken, dann möglicherweise die falschen Geldkapitalisten davon profitieren, indem diese aus dem schönen Geld wieder windiges Kapital von der Sorte machen, die gerade zerstört worden ist. Alle Maßstäbe verschieben sich auf der Grundlage dessen, dass für das Bankkapital auf all seinen Ebenen sich alles in die Not verwandelt, zum richtigen Zeitpunkt das richtige Quantum Liquidität hinzubekommen. Sie können dann nicht mehr zwischen Liquidität, also dem Reservefonds, und Kapital, also der Verwendung von Geld für die Bereicherung von Banken auf der hinterletzten Ebene, unterscheiden. Dann behelfen sie sich mit der Unterscheidung, dass sich das Beschaffen von Umlaufsmittel auf dem so genannten Geldmarkt abspielt, sobald aber beim Leihen/Verleihen die Frist von drei Monaten überschritten wird, heißt es Kapitalmarkt. Das sind die begriffslosen Unterscheidungen für die Bankenwelt selber.
In dieser dritten Abteilung des Kreditgeschäftes ist die Sorte Geschäft in Schwung gekommen, die darin besteht, Schuldner an Land zu ziehen, Schulden aufzukaufen, um ein Mittel dafür zu haben, dass man sich selber mehr Geld leihen kann, als man verliehen hat. Liest man bei Marx nach, ist es damals einerseits sehr ähnlich wie heute zugegangen, und andererseits hat es noch etwas Unentwickeltes an sich, wenn es z. B. eine große Rolle spielt, wie lang ein von Indien nach London per Telegraf übermittelter Wechsel im Verhältnis zur Baumwolle von Amerika nach Manchester braucht und wie da die Fristen auszunutzen sind. Damals war schon der Bau des Suezkanals ein Schlag ins Kontor der Spekulantenwelt, weil die Fristen über die Verfügbarkeit eines Wechsels gegenüber der Verfügbarkeit der damit antizipierten und bezahlten Ware auseinanderklaffen. Die Frist von ungefähr neuen Monaten war auf ungefähr drei Monate zusammengeschrumpft. Diese Manier der Bank, Schulden aufzukaufen, sich zum Gläubiger zu machen, um mit diesem gekauften Schuldschein durch das Weiterdiskontieren selber Geld an sich ziehen zu können und erst später für den gekauften Schuldschein, den die Bank inzwischen schon in Geld verwandelt hat, zahlungspflichtig zu werden, ist schon von der heutigen modernen Art – nur damals noch etwas Segelschiffs-mäßig. Es sind alles bizarre Dokumente für die Generalweisheit des Kapitalismus, dass alles anders werden muss, damit es so bleibt, wie es ist. Die Zahlungsströme müssen von Jahr zu Jahr schneller abgewickelt werden können, die Computerindustrie muss neue Geräte bereitstellen, damit der Mist schneller über die Ticker läuft und die Börsen ihre Zwischenstände buchstäblich jede sechs Sekunden in aller Welt melden können. Wozu? Damit der Inhalt aus dem K III, Kapitel 21 bis 33, weiter funktioniert. 

II. Zur Weltlage 2007

Frage zum GS 4/07, „Die Realität einer multipolaren Weltordnung“.
—  Zitat S. 102: „... Sie verlassen sich keineswegs mehr darauf, dass sie einen gesicherten ökonomischen Konkurrenzvorsprung haben ..., sondern bestehen gegen die Resultate der Konkurrenz von Kapitalen und Kapitalstandorten auf ihrer Ausnahmestellung.“ Die USA haben sich doch nie auf diesen Vorsprung verlassen, sondern immer schon – siehe S. 97 – Konkurrenzerfolge anderer Nationen, die ihnen zu weit gingen, als Ergebnis unfairer Konkurrenzpraktiken angeklagt und sind dagegen vorgegangen. Wie ist da der Unterschied zwischen früher und heute? Sie führen zwar Momente ein, die im Widerspruch stehen zum weltweiten Konkurrieren, aber das ist deswegen ja überhaupt nicht aufgehoben.
Der Unterschied ist nicht quantitativ, sondern es kommt auf das Kriterium an, nach dem die Konkurrenz relativiert wird. Es ist ein Unterschied, ob das Urteil heißt, ‚das gefährdet den ökonomischen Erfolg, der uns zusteht’ oder ‚das gefährdet unsere nationale Sicherheit in Zeiten des Anti-Terror-Krieges’. Die Analogie zu dem heute Üblichen im Beschränken der freien Konkurrenz, ist eher die Cocom-Liste, die den Handel mit den kommunistischen Staatshandelsländern unterbinden sollte und unter bestimmte Kriterien stellte; daneben wurde auf die Verbündeten eingewirkt, den Handel zu unterlassen. Auch die Cocom-Liste war keine Beschwerde über unfaire Konkurrenz, sondern über eine, die dem Feind nützt. Der Unterschied betrifft dann die Frage, wie heutzutage ‚Gefährdung der nationalen Sicherheit’ von den Amerikanern buchstabiert wird. Damals war jedenfalls der Beschluss der USA, dass zwischen den Nato-Staaten freie Konkurrenz herrschen soll unter dem Vorbehalt, dass, wenn diese dem Konkurrenten zu sehr nützt, man überprüfen muss, ob da nicht ungerechtfertigte Handelsvorteile ausgenützt werden. Die Konkurrenz in der kapitalistischen Welthälfte war damals von sicherheitspolitischen Vorbehalten ziemlich frei bzw. kann man umgekehrt sagen: da hat die Sicherheitspolitik der USA sogar Freihandel gefordert – mit dem Nebenpunkt, dass es in Ordnung ist, wenn andere verbündete Nationen am Welthandel verdienen, weil das die Grundlage dafür ist, sie an den Verteidigungslasten der freien Welt zu beteiligen. Der Sicherheitsstandpunkt war auch hier am Wirken: positiv, wenn der Standpunkt war, die Staaten des westlichen Bündnisses sollen etwas verdienen. Auch aus der Türkei sollte noch was werden, damit sie ihre Flieger selber bezahlen kann. Negativ beim Erdgas-Röhrengeschäft der BRD mit der SU, war das Bedenk, dass das gekaufte Erdgas dann womöglich auch zu deren Verbündeten fließt, dann stärkt das den Warschauer Pakt und das war den USA sicherheitspolitisch natürlich nicht recht.
Der Standpunkt der USA, dass die weltweite Konkurrenz prinzipiell zu ihrem Vorteil sei, bzw. zu sein habe, wird relativiert, wenn hinter jedem Container die Gefahr einer verseuchten Terroristenbombe ausgemacht wird. Wenn die USA fremden Konkurrenzerfolg unmittelbar als Begrenzung der eigenen nationalen Macht begreifen, dann ist das eine Variante von Sicherheitsproblem. Zum Beispiel China: Da wird ein Konkurrent womöglich so reich, dass man ihm in punkto Taiwan keine Vorschriften mehr machen kann, man nicht verhindern kann, dass er sich als Ordnungsmacht im Pazifik durchsetzt. Wenn die Sorge über das mangelhafte Gelingen der Nutzung des Weltmarkts als Sicherheitsfrage auftritt, kommt ein hartes, aus der höheren Etage der Machtkonkurrenz entstammendes Kriterium noch dazu. Wenn sich Konkurrenzfragen übersetzen in die Frage, ob man machtmäßig genügend über die Welt verfügt, dann ist Überlegenheit in der Konkurrenz auch nichts mehr, zu dem ein Staat die Stellung hat, dass sie sich schon herstellen werde oder man an den Regeln etwas ändern kann, sondern dann ist die Überlegenheit ein Muss wegen der Sicherheitsfrage. Dieses andere Kriterium ergibt einen anderen Standpunkt und ein dauerndes Eingreif- und Rücksichtslosigkeitswesen auch gegen die Konkurrenz selber. Die Beschwerden sind ja alle unterwegs, sowohl von den USA aus über den Machtzuwachs anderer als auch die der anderen Staaten über die rücksichtslose Inanspruchnahme des Weltmarkts durch die USA.
Auch die EU-Staaten haben – ganz analog zu dem, was gerade bei den USA das Thema war – den Übergang dazu gemacht, aus ihrer ökonomischen Potenz weltpolitische Rechte und Aufgaben abzuleiten. Während des Kalten Krieges, als die USA die Lizenz für das Zusammenwachsen Europas zu einem ökonomischen Konkurrenten gab, war die ökonomische Konkurrenz eine Sache und die daraus abgeleitete weltpolitische Macht eine andere, nämlich eine, die unter dem Vorbehalt der Nato immer noch unterzubringen war. Diese Teilung genügt der EU nicht mehr und deswegen trifft sie auch nicht mehr so ohne weiteres auf die billigende Toleranz der USA. Da wird die Zersetzung des Zusammenhalts dieses Clubs durchaus zu einem Nebenanliegen oder vielleicht sogar zu einem Hauptanliegen der US-Weltpolitik.
—  Es gab also damals einen weltpolitischen Grund für die USA, die politischen Partner auch ökonomisch potent machen zu wollen, also ist das damals der strategische Gesichtspunkt gewesen, unter dem die dann folgende ökonomische Ordnung stattgefunden hat.
Es ist nichts Neues, dass das weltwirtschaftliche Treiben unter der Prämisse von etwas steht, das man ironischerweise Welt’ordnung’ nennt. Auch zu Zeiten des Ost-West-Gegensatzes waren die USA weltordnend unterwegs; im Zeichen des von ihnen angezettelten Antiterrorkrieges beziehen sie die Weltwirtschaft auf ihren jetzigen Sicherheitsbedarf. Der schließt mit ein, dass in vielen Bereichen, in denen sich die Welt an freie Konkurrenz im ökonomischen Bereich gewöhnt hatte, diese relativiert wird. ‚Freie Konkurrenz’ war ja kein nur ideeller oder politischer Imperativ, sondern wurde umgesetzt in lauter Verfahrensweisen, Institutionen und Aufsichtsorgane und hat sich auch im Freihandel mit Währungen – erst unter der Obhut des IWF und der Weltbank, dann sogar ohne deren ständige Kontrolle – fest etabliert. Formen der internationalen Konkurrenz sind zur gefestigten, institutionalisierten Gewohnheit geworden, und sind erst mal getrennt von dem übergeordneten machtmäßigen Ordnungsgesichtspunkt der USA. Im Verhältnis dazu hat die Weltordnungspolitik der USA heute in vielen Punkten den Charakter des Widerrufs, in anderen Punkten den des Untergrabens und der (Zer)Störung. Das hat verschiedene Aspekte und Unterabteilungen: Wenn sie die Freizügigkeit in der Handhabung des Dollar beschränken, dann ist das eine andere Sorte Einspruch gegen die von ihnen selbst vorangetriebenen Gepflogenheiten des weltweiten Konkurrierens, als wenn sie die Freizügigkeit der Personen beschränken oder die Sicherheitsmaßnahmen für Containerfrachten verschärfen. Für die etablierte Welt der freien Konkurrenz ergibt sich ein ganzes Bündel von Konsequenzen aus dieser neuen weltpolitischen Prämisse der USA.
Ein schönes Beispiel für die Änderung des Standpunkts nicht nur bei den USA sind die derzeitigen Debatten über die Staatsfonds. Bei den früheren Institutionen zu Petro-Dollar-Zeiten hieß es: Wenn die schon an uns verdienen, dann soll das Geld auch an uns zurückfließen (‚Dollar-recycling’). Unter dem Gesichtspunkt: Wer kauft sich bei uns in welche elementaren Geschäfte ein?, werden heute die riesigen Summen, die in China oder Saudi-Arabien lagern, zu einer strategischen Konkurrenzfrage, bei der ‚mitverdienen’ gleichgesetzt wird mit ‚strategisch mitbestimmen’. Die gleiche Debatte gibt es natürlich auch zwischen den EU-‚Partnern’, die den Übergang zur Betrachtung des ganzen ökonomischen Treibens als ständige Machtfrage durchaus auch machen.

III. Schäuble-Katalog

Bemerkung zum Schäuble-Artikel in GS 4/07:
 —  Die Kritik an Schäuble beschränkt sich hier auf eine Übertreibung, ein sich Lustigmachen.
Zwei, drei Wochen haben Schäubles sicherheitspolitische Vorstöße richtiggehend die Szene beherrscht.
—  Schäuble redet gar nicht über die Verwicklung des deutschen Staates in den Afghanistan-Krieg.
Wofür diese Agitation von höchster Stelle, dem Volk mehr Überwachung und mehr Schutz angedeihen lassen zu müssen, taugen soll, wollte der Artikel aufzeigen. Daran ist nichts Lächerliches.
— Der Tenor des Artikels geht dahin, ein Politiker lebt hier seinen Wahn aus.
Wofür soll denn dieser Wahn stehen? Hierzulande wird nicht Politik gemacht, sondern laufend von oben herab agitiert, wie jetzt gerade an dem Thema Jugendgewalt oder vor Weihnachten an den Managergehältern bzw. dem Mindestlohn belegt ist. Die Öffentlichkeit funktioniert nicht so, dass der mündige Bürger der Politik seine Einsichten vorträgt, sondern sie macht sich zum Lautsprecher für jede gerade angesagte Regung der Politik. Was ist die Botschaft dieser Agitation Schäubles? Den Leuten zu sagen, sie seien Geschädigte, Opfer, um die sich die Politik schon kümmert, war nicht sein Anliegen.
— Der Einwand von oben zielt darauf ab, dass die Deutschen sich doch als Opfer des deutschen Eingreifens in Afghanistan sehen.
Falsch! Nicht die Folge des Afghanistan-Krieges und der deutschen Einmischung bringt Schäuble dazu, sich die Terroristen als das Problem der Gegenwart auszusuchen. Der Widerspruch, sich in einen Krieg einzumischen, aber doch zuhause in Frieden leben zu wollen, wurde schon behandelt. Zu der verlogenen Tour Schäubles, eine anonyme terroristische Bedrohung aufzumachen, wurde auch schon was gesagt.
In die Frage, wer mit der Terrordrohung angefangen hat, die Deutschen mit ihrem Terror in Afghanistan oder die Drohung irgendwelcher Fundamentalisten hier, will man sich sowieso nicht einmischen. Es ist doch nicht die einzige legitime Zurückweisung Schäubles, die Deutschen hätten doch selbst angefangen.
— Der Staat hat aber doch seine Gründe, die Terroristen als seine schärfsten Widersacher anzusehen und davon auszugehen, dass seine Bürger als Geisel genommen werden können, weshalb sie unbedingt geschützt gehören.
Wie der Staat die Terroristen behandelt und wie er daraus seine Agitation seinem Volk gegenüber macht,  muss man auseinander halten. Was Schäuble plant, z.B. die Onlinedurchsuchung von Computern ohne richterlichen Beschluss, war der Aufhänger dieses Artikels. Selbst ihm wohl gesonnene Blätter – wie der Münchner Merkur – berichten von täglichen, überzogenen und unausgegorenen Forderungen aus dem Innenministerium. Ist es an dieser Stelle sachgerecht, den Antiterrorkrieg der Deutschen zum Thema zu machen, oder ist hier nicht die Agitation Schäubles für sich von Bedeutung? Welche Bedeutung das hat, wurde scheinbar überlesen, steht aber in dem Artikel noch vor dem ersten Spiegelstrich: „Bei diesem hartnäckigen Bemühen …“ S. 14. Das ist der Zweck der Sache. Der ganze Artikel handelt von dem Problem der bundesrepublikanischen Innenpolitiker, einerseits ein total ziviles Stück Weltstandort zu verwalten, dessen Drangsale und Nöte überhaupt nicht kriegerischer Art sind, andererseits diesem Volk jenseits des Engagements in Afghanistan klar zu machen, es befände sich in einer Art Kriegszustand. Wenn es wirklich ein Kriegszustand wäre, müsste nicht alle paar Wochen daran erinnert werden. Der Kampf gilt einer Friedensstimmung im Volk, die den Terrorismus zwar zur Kenntnis nimmt, ihn aber nicht auf sich bezieht. Der Agitation Schäubles ist die mangelnde Terrorangst im Volk anzumerken, die Leute begreifen sich nicht als Teil eines Krieges gegen den Terrorismus. Die USA sind diesbezüglich schon ein Stück weiter. Der Artikel zielt auf die Überlegungen Schäubles, im Volk herrsche zu wenig Gefahrenbewusstsein.
— Die innere und die äußere Front sind doch nicht zu trennen.
Diese drei Seiten dienen nun mal der Aufklärung der inneren Front.
Eine von Schäuble beschworene Bedrohung und die daraus abgeleiteten präventiven Maßnahmen sind doch keiner wirklichen Gefahr geschuldet. Die Beziehung zwischen der Gefahrenlage des deutschen Volkes und der terroristischen Bedrohung wollen die Politiker zum Zwecke der Agitation des Volkes herstellen.
— ... und wenn dann tatsächlich ein Anschlag passiert?
Dann schreibt man genau das hin, was auf S.16 im letzten Abschnitt steht: „Ja wenn’s der Risikobereitschaft der Bürger ... dient..“
— Man muss doch nicht verharmlosen und spaßig darüber schreiben.
Es ist eine Polemik gegen die Verharmlosungen der Presse und nichts Spaßiges in diesem Artikel. Schäuble ist ein Gesinnungstäter, der eine Masche an die andere strickt. Den Fanatismus eines Politikers zu kennzeichnen ist keine Verharmlosung.
Es erging die dringende Bitte, sich bei der Befassung mit den Artikeln etwas mehr Mühe zu geben, zumal wenn eine verlangte Auskunft genau im Artikel steht.