Termine  |  Startseite  |  Impressum

Jour fixe 10.12.2007 – I. KriegswirtschaftII. Managergehälter/Mindestlohn

I. Kriegswirtschaft

Letztes Mal ging es um den 'neue Weltordnung' genannten Zugriff der USA, ihren Anspruch auf eine ihnen genehme Staatenwelt. Dazu einige Nachträge: 1. Welche Momente von 'Kriegswirtschaft' bestimmen das gegenwärtige ökonomische Geschehen (vgl. GS 3-06, Verwendung der Ökonomie im imperialistischen Machtkampf, Unterkapitel: Kriegswirtschaft). 2. Wie die Rivalen der USA mit dieser Lage umgehen, was sie selbst unter dem Titel 'Multipolare Weltordnung' veranstalten.
Was könnte man z. Z. an Momenten von Kriegswirtschaft, also Subsumtion des ökonomischen Lebens unter einen Machtkampf der Nationen entdecken? Wenn ein paar Hunderttausend amerikanische Häuslebauer Pleite gehen oder die Regierung die Zinsen nicht erhöht, um das zu verhindern, damit auch die Gläubiger zahlungskräftig bleiben – ist das zivil (siehe auch Nachtrag zur Finanzkrise im neuen GS 4-07); und wenn eine Krieg führende Macht Zeit und Geld dafür übrig hat, und eine Nationalbank, die sich um diese undurchschaubare Finanzkrise kümmert, denkt man doch nicht an Kriegswirtschaft. Es ist eine Eigentümlichkeit der jetzigen weltwirtschaftlichen Situation, dass von so einer Subsumtion unter ein aktuelles oder virtuelles Kriegsszenario nicht die Rede sein kann. Auf der anderen Seite gibt es interessante Verschiebungen des weltwirtschaftlichen Geschehens, die sich in den rein zivilen Fortgang der Globalisierung schlecht einordnen.
Da gibt es in unseren Regierungsparteien eine Diskussion, ob man ausländische Staatsfonds 'bei uns' investieren lassen solle. Staaten haben Nationalbanken, es gibt ja die Bundesbank neben der europäischen Zentralbank, die Nationalbanken verwalten die Devisen, die die Nation einnimmt, Devisenüberschüsse werden gewinnbringend angelegt – das macht auch die chinesische Nationalbank. Ihre inzwischen 1000 Mrd. Devisenreserven investiert sie größtenteils in amerikanische Staatsanleihen, aber sie will so 100 Mrd. abzweigen und in vielleicht lohnendere Papiere, evtl. Aktien investieren. Das machen auch andere, arabische Nationalbanken: die Bank von Dubai kauft sich Anteile von amerikanischen Banken und wollte auch Anteile an der Holding für amerikanische Überseehäfen kaufen. Da gibt es jetzt überall – auch außerhalb Amerikas – die Sorge, ob man das dulden kann, dass auswärtige Staatsfonds sich in wichtige nationale Branchen einkaufen. Und von Seiten der Geschäftswelt heißt die Reaktion auf solche Vorstöße, die Unterbindung von nützlichem Zufluss von Kapital in die nationale Wirtschaft sei verheerend. Das Geld der Welt ist doch willkommen und nach den Maßstäben der 'Globalisierung' wäre das ja kein Problem.
Ein anderes Beispiel für gewisse Irritationen in der Weltwirtschaft ist der Europa-Afrika-Gipfel. Da haben unsere Zeitungen deutlich gemacht: Europa darf (wg. Menschenrechte) Afrika nicht den Chinesen überlassen. Oder gewisse Öllieferländer machen Vorstöße, ihre Währung nicht mehr als Derivat des US-Dollars zu behandeln, sondern an einen Währungsfonds mit dem Euro als prominenten Bestandteil zu binden. Das betrifft nicht nur das Maß der Werte ideell, sondern schließt die Währungsreserven dieser Länder ein.
Bedenken wie die: Wir als Nation leiden ökonomisch unter der Öffnung für den Weltmarkt, wurden gerade seitens der führenden Weltwirtschaftsmächte immer damit zurückgewiesen, dass Globalisierung für alle von Vorteil sei. Vielleicht merken gewisse Länder, dass ihre internen sozialen Verhältnisse unter der hemmungslosen Konkurrenz leiden, die sie selbst befürworten. Aber dieser Gesichtspunkt kommt bei den Bedenklichkeiten gegen auswärtige Staatsfonds gar nicht vor. Es sind Einwände anderer Art.
Es ist auch ein Unterschied, ob man sich zu den Engagements von China in Afrika fragt, ob die vielen Geschäfte nicht evtl. zu Lasten unserer Firmen gehen. Oder ob man eine Debatte anfängt, dass die Chinesen dort glatt Staaten kreditieren, mit denen wir gerade anders umzugehen beschlossen haben. Und überhaupt: Legen die da nicht die Hand auf Rohstoffe, die europäisch verplant sind? Es ist also eine andere Debatte als die einer geschäftlichen Konkurrenzaffäre.
Was fällt einem historisch gebildeten Antifaschisten und -monarchisten und Feind der Sozialdemokratie als erstes bei Kriegswirtschaft ein? 1914 die berühmten Kriegskredite! Heute, wenn Bush kurzfristig beschließt, im Irak noch 140 Mrd. Dollar zu brauchen, beantragt er sie im Kongress, die Demokraten, die auch keine vaterlandslosen Gesellen sein wollen, stimmen zu, und schon sind die Mrd. in der Welt und für eine eigentümliche Sorte von Staatskonsum ausgegeben. Das lohnt sich nicht mal auf lange Sicht, heizt kein Wachstum an und relativiert sich wieder, sondern ist für Vernichtungszwecke ausgegeben; ein Beitrag zur Aufblähung des amerikanischen Kreditgeldes rein aus militärischen Gründen. Auch für ihre anderen dicken Rüstungsprogramme – für die Entwicklung neuer Bombengattungen, Raketenabwehrsysteme, eben für alles, was eine Weltmacht so braucht – sehen sie lauter Notwendigkeiten. Dieses Geld ist in der Welt. Dass einige Ölländer einen Teil ihres Geschäfts in Euros abwickeln wollen, sind gewisse Reaktionen auf wirkliche und befürchtete Wirkungen dieser Schwemme von amerikanischem Kriegskredit. Das steht wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte in den Zeitungen: Ausgerechnet die Chinesen kaufen den Amerikanern ihre Staatsschulden ab, mit denen sie ihren Irakkrieg finanzieren, und dann legen sie wieder ein Veto im Weltsicherheitsrat ein! Die Kredite der USA sind eben Vermögensbestandteile der ganzen Welt. Das ist interessant, wenn ausgerechnet die Kredite, die Amerika für die Entfaltung seiner Weltmacht in die Welt setzt und die wie normale Staatspapiere Absatz finden, bei den größten Käufern dieser Staatspapiere auf einmal auf eine gewisse Vorsicht stoßen. Woher kommt die amerikanische Kaltschnäuzigkeit, darin überhaupt kein großes Problem zu sehen? Die Amerikaner sagen nicht, sie müssten jetzt sparen oder etwas dafür tun, dass die Welt ihre Dollars wieder besser schätzt. Diese Sorge hat Amerika nicht, aber der Rest der Welt hat durchaus Probleme mit der Masse von Dollars.
Ein Moment von Kriegswirtschaft ist die Quelle dieser Dollars durchaus. Als Erste haben nicht Spekulanten aufgebracht, diesen Dollar nicht mehr zu wollen, sondern die notorisch Bösen der Weltordnung. Vom Standpunkt eines Chavez oder Ahmadinedschad ist klar, dass das eine Sorte Gegenwehr gegen amerikanische Macht ist, wenn sie ihr Öl nicht mehr in Dollar bezahlt haben wollen. Von ihrer Seite her besteht die Gleichung: Amerikanisches Geld ist Herrschaft über diejenigen, die sich darin bezahlen lassen. Das ist nicht gleich Krieg, aber es wird ans Geld ein Gesichtspunkt herangetragen, von dem das Stichwort 'Globalisierung' wissen wollte, dass er nichts mehr in der Welt verloren hat. Es ist keine Frage, was das Geld wert ist, sondern was es machtpolitisch bedeutet, was für Kräfteverhältnisse in der Staatenwelt am Geld, an den Währungen hängen und über deren Vermehrung in der Welt verallgemeinert werden.
Es gibt noch drastischere Beispiele für die Unterordnung des Weltgeschäfts unter strategische Gesichtspunkte. In den Zeitungen waren die Beschwerden der deutschen Wirtschaft über die Beeinträchtigung ihres Iran-Geschäfts zu lesen. Was sind das für Sitten? Von amerikanischer Seite werden UNO-Resolutionen angestoßen, die Sanktionen gegen den Iran verhängen. Wenn die nicht durchkommen, hindert das die USA aber nicht daran, selbst Sanktionen zu verhängen und eigene Firmen daran zu hindern, mit dem Iran Handel in wichtigen Angelegenheiten zu treiben. Zusätzlich wirken sie auf den Rest der Welt massiv ein, ein Unterlaufen zu unterbinden. Da werden nicht nur Regierungen ermahnt, darauf zu achten, dass man sich den amerikanischen Vorgaben anschließt. Sie setzen des Weiteren auch Fakten in Bezug auf das Geschäft, das ausländische Firmen mit dem Iran treiben. Sie können ihnen zwar nicht direkt etwas verbieten, aber dass man das Amerika-Geschäft solcher Firmen schädigen kann, einen patriotischen Aufruhr gegen solche Firmen in Amerika entfesselt, ist eine drastische Warnung an den Rest der Welt, das lieber zu lassen. Dann zieht sich eine deutsche Großfirma nach der anderen aus dem Irak-Geschäft zurück und beschwert sich, dass dafür die Russen einsteigen.
 — Die Amerikaner kontrollieren inzwischen global flächendeckend alle Finanzströme unter dem Gesichtspunkt, dass die nicht möglicherweise an Adressen gehen, die sie als Störer ihrer Weltordnung definieren. Da wird jede Finanzaktion von vorneherein als mögliches machtpolitisches Vergehen gehandelt, das dem Feind nützen könnte.
Das ist ein Beispiel für die Subsumtion des Weltgeschäfts unter eindeutig strategische Gesichtspunkte.
Es ist der Widerspruch der USA, dass sie als Krieg führende Nation – die seit Jahren diesen Krieg im Irak und in Afghanistan führt, einen im Iran vorbereitet, ein paar Nebenkriegsschauplätze unterhält –, einerseits in ihrem zivilen ökonomischen Leben und Wachstum unverdrossen weitermacht, in der Welt konkurriert, und zugleich ist das alles nicht mehr bloß Kapitalismus, sondern es gibt viele Stellen, bei denen sich der Vorrang sicherheitspolitischer Gesichtspunkte einmischt. Das ist das eine, dass Amerika selber sein ökonomisches Leben und das der restlichen Welt unter diesen Vorbehalt stellt, das sind lauter Momente (vgl. GS 3-06) wie Weltwirtschaft für Weltmacht funktionalisiert und unterworfen wird. Ebenso gut gehört das andere dazu, dass Amerika neben seinem zivilen Kapitalismus sich in Sachen Kriegskredite eine Aufblähung seiner Währung leistet, die nicht ohne Folgen bleibt. Die hat nicht die drastischen Folgen der Kriegsinflation Europas im 20. Jahrhundert, dass die ganze Währung insgesamt funktionalisiert worden wäre für die Kriegführung, aber Momente davon, Funktionalisierung der Währung für die Kriegsanliegen der Nation mit durchaus problematischen ökonomischen Auswirkungen auf den weltwirtschaftlichen Rang des nationalen Geldes, finden statt.
Das wird in seiner Bedeutung vielleicht fassbarer, wenn man die Reaktionen der großen Rivalen der USA auf das, was Amerika strategisch und ökonomisch ihnen und dem Rest der Staatenwelt zumutet, dazu nimmt. Letztes Mal wurde behandelt, wie die USA mit ihrem Einsatz für eine ihnen gemäße Weltordnung die strategischen Kräfteverhältnisse der Welt und den ökonomischen Gang der Dinge durcheinander bringen. Sie stellen Ansprüche und Selbstbehauptungsstrategien aller Staaten der Welt v. a. der wichtigen anderen, auch imperialistisch ambitionierten Nationen in Frage, ohne für eine Gleichschaltung zu sorgen, lassen nichts mehr gelten, was andere als ihr Recht verfolgen. Wenn gesagt wird, dass China und Indien als neu aufstrebende Mächte die bisherigen strategischen Verhältnisse durcheinander bringen würden, ist da was dran. Nur, dem steht gegenüber, dass es der amerikanische Weltordnungsanspruch ist, der in Form von einigen Kriegen exekutiert wird, und der in den umkämpften Regionen wie überall an die Staatenwelt die Klarstellung ergehen lässt: Amerika ist mit der bisherigen Weltordnung total unzufrieden und lässt Rechtsansprüche anderer Staaten nicht mehr gelten. Das Ergebnis ist so gesehen ein Aufmischen der Weltordnung. Und es berührt Gepflogenheiten, sogar Organisationsformen der Weltwirtschaft, wenn Amerika einseitig Sanktionen verhängt; wenn es den freien Gebrauch des in Amerika verdienten Geldes beschränkt; wenn es Sicherheitsbedenken gegen ausländische Investoren geltend macht; wenn es in die Versuche anderer Staaten hineinregiert, auf Basis ihrer Geschäfte selber weltpolitischen Einfluss zu entfalten; wenn es nicht mehr das als weltwirtschaftliche Selbstverständlichkeit gelten lässt, dass ein Land, das viel Devisen verdient, sich dafür auch etwas auf dem Weltmarkt einkaufen kann; wenn das, was China jetzt treibt, unter den Gesichtspunkt subsumiert wird, dass darauf aufgepasst werden muss, dass dieser Staat mit dem vielen Geld, das er sich in Amerika verdient und verdienen soll, nicht als Störenfried der Weltwirtschaft betätigt. Ein solches Bedenken in der Weltwirtschaft geltend gemacht ist nichts, was den bisherigen Gang der Dinge bestätigt und erhält, sondern ein Eingriff in organisatorisch verfestigte Gepflogenheiten der Weltwirtschaft. Es gibt inzwischen viele internationale Instanzen, die auf den Gang des Weltgeschäfts und deren Richtlinien aufpassen – dafür steht das Stichwort Globalisierung –, die werden dadurch untergraben.
 — Vor ca. 2 Jahrzehnten diktierten die USA auch, dass Ölstaaten die Dollars, die sie am Verkauf ihres Öls verdient haben, nicht in die USA zurückzuschleusen haben, sondern dass sie gefälligst mit diesen Erlösen außerhalb der USA Geschäfte zu machen haben, woraus der Euro-Dollar-Markt entstanden ist. Das war eher eine geldpolitische Schwierigkeit der Welt. Wenn heute bei China diskutiert wird evtl. Maßnahmen zu ergreifen, dass das Geld, das die USA zur Finanzierung ihrer Politik in die Welt gesetzt haben, nicht an sie zurückfließt und auch nicht behindert, dass sie weiter sich gegenüber dem Rest der Welt verschulden, dann betrifft das inzwischen in der globalisierten Welt auch die Rivalen der USA  …
Wie gesagt, es hat die Phase der Petro-Dollars gegeben; da war der Ausgangspunkt eine Restriktion von deren Rückfluss in die USA. Das Prinzip heute ist aber ein anderes. Damals war es eine Inflationssorge, eine Sorge um den Wert dieses Geldes. Da war gerade die Schaffung von Petro-Dollars und eines Euro-Dollar-Marktes ein Teil der Entstehungsgeschichte dessen, was man heute Globalisierung nennt, ein Betrag zur Entstehung globaler Finanzmärkte; der Vorlauf zur Freizügigkeit des Kapitals und dieser gigantischen Aufblähung des Kredits, der in der ganzen Welt zwischen den Nationen gehandelt wird. Der heute erreichte Stand ist ein riesengroßes, globales Finanzgeschäft.
Dessen Dimensionen bekommt man an solchen Sumpfblüte mit, dass am Ende die Selbstständigkeit unseres Bundeslandes Sachsen darunter leidet, dass die Sächsische Landesbank 43 Mrd. Euro Risiken auf Grundlage amerikanischer Hypothekenschulden in ihren Forderungsbestand hat, um den sie jetzt fürchten muss. So dass bei der Übernahme durch die Baden-Württembergische Landesbank eine Staatsgarantie von Sachsen in Höhe von 4,3 Mrd. Euro verlangt ist, was ungefähr einem Drittel des sächsischen Landeshaushalts entspricht. Ein Beispiel dafür, was an Internationalisierung des Bankgeschäfts verwirklicht ist.
Auf der Basis so etwas Ähnliches wie damals beim Petro-Dollar überhaupt nur zu diskutieren, ist ein Eingriff in die Freizügigkeit des Finanzkapitals von ganz anderem Kaliber. Der Gesichtspunkt, unter dem Bedenken gegen die Verwendung auswärts verdienter Dollarsummen durch den chinesischen Staat oder arabische Scheichtümer problematisiert werden, ist eindeutig von einer sicherheitspolitischen Art, wie sie eigentlich nach Ende des Ost-West-Gegensatzes vorbei sein sollte. Da sollte so ein Gesichtspunkt nicht mehr gelten, dass man mit dem Osten nur Handel treiben darf, der der Zersetzung dient, weil bei der Ausnahme von der ökonomischen westlichen Ordnung der Welt sicherheitspolitische Bedenken über allem stehen. Und er ist ja auch außer Kraft gesetzt worden. Seither haben sich die Weltfinanzmärkte ausgeweitet und Freizügigkeit ist der große Imperativ.
Bei der Petrodollardebatte war der Ausgangspunkt die Frage, was der Dollar wert ist und ob die hemmungslose Vermehrung und der Rückfluss zur Inflation im eigenen Land beiträgt. Heute wird die Finanzmacht politischer Instanzen anderer Staaten unter dem Gesichtspunkt einer Bedrohung für Amerikas Sicherheit begutachtet. Dass man verhindern muss, dass auswärtige Staatsfonds sich dort einkaufen, zielt ausdrücklich darauf, dass da womöglich sicherheitsrelevante Lebensbedingungen der Nation ausgeliefert werden.
Von dieser Sorte Bedenken gibt es viele, z. B. bei der Fortentwicklung des Energiegeschäfts: Es gab vor einem Jahr den Streit zwischen der Ukraine und Russland über die Durchleitungsgebühren und darum, dass Russland von der Ukraine höhere Zahlungen für das Gas verlangte. Dabei ist die Gaslieferung für ein, zwei Tage unterbrochen worden, weil sich angeblich die Ukraine unerlaubt etwas von dem Gas abgezwackt habe. Seitdem ist der Standpunkt, dass die Russen als Gaslieferanten unzuverlässig sind, in der Welt und wird bei jeder Gelegenheit aufgewärmt. Daneben laufen, offen auch so deklariert, Initiativen von Amerikanern und Europäern, sich die zentralasiatischen Erdöl- und Erdgasquellen zu erschließen und dies so, dass die Durchleitung an Russland vorbei gelenkt wird. Den Russen wird vorgeworfen, sie missbrauchten das Energiegeschäft für politischen Machtgewinn. Umgekehrt ist festzuhalten: Wer macht es ihnen denn laufend vor?! Dass das Energiegeschäft nicht ein Handel mit einer beliebiger Ware ist, sondern an jedem Liefervertrag und jedem Lieferweg politische Konditionen hängen und dies ein ganzes Instrumentarium politischer Einflussnahme ist, das ist die Praxis der westeuropäischen und amerikanischen Globalisierungsfanatiker. Heute ist klarer denn je, der Weltenergiemarkt ist nicht einfach ein Markt, auf dem jeder mit genügend Geld einkaufen gehen kann. Es kommt vielmehr darauf an, strategische Verhältnisse mit einzuplanen, Gewaltbeziehungen zwischen Souveränen, die darüber verfügen, zu beachten und zu gestalten, sich in den Erpressungsverhältnissen auf dieser übergeordneten Ebene Zugriffsmacht zu verschaffen.
Dies ist auch noch zu den Auseinandersetzungen auf dem EU-Afrika-Gipfel hinzuzufügen. Dass mit dem Geschrei über fehlende Menschenrechte eine andere Sorte des Umgangs der Chinesen mit den afrikanischen Staaten kritisiert wird, wurde schon gesagt. Genauer steht es für das, wofür das russische und zentralasiatische Energiegeschäft zitiert worden ist, nämlich für die Unterordnung ganzer Abteilungen des Welthandels unter den Gesichtspunkt, dass sich jeder imperialistisch ambitionierte Interessent Zugriffssphären sichern muss. Obwohl China bei dem Gipfel gar nicht dabei war, war es doch das ständige Gegenüber bei den Verhandlungen zwischen der EU und der AU (Afrikanische Union). Der Menschenrechtsvorwurf an die Chinesen hat den harten Inhalt der Zuständigkeit für Afrika, wessen politische Sphäre dieser Kontinent ist. Mit Darfur, der Zerlegung des Sudan, hat man gleich die Fortsetzung auf dem Tisch.
 — Ist es richtig festzustellen, dass in Vergleich zu früher angesichts dessen, was die USA auf die Tagesordnung setzen, die Verhältnisse radikalisiert werden?
Diese Kennzeichnung trifft es nicht: Eine der radikalsten Besonderheiten war die frühere Subsumtion des ganzen Weltgeschehens unter die Auseinandersetzung mit dem Sowjetblock. Innerhalb der damit inszenierten kapitalistischen freien Welt und ihres Einflussbereiches sind Sitten des zwischenstaatlichen und weltwirtschaftlichen Verkehrs entwickelt worden, die nach dem Ende der Sowjetunion globalisiert worden sind. Die Weltmärkte für Finanzen und Waren sind in der Zeit, in der alles unter dem großen Ost-West-Gegensatz subsumiert war, in Gang gebracht, zur weltwirtschaftlichen Realität gemacht und durch IWF und Weltbank betreut worden. Der eine entscheidende Fortschritt bestand nach dem Ende der Sowjetunion darin, das auf den ganzen Globus auszudehnen und keine prinzipielle Ausnahme mehr anzuerkennen und hinzunehmen. Daraus haben die Geschäftsleute einiges gemacht: Ruinös für die ehemalige Sowjetunion, ein Übergang anderer Art für die Chinesen usw.
Bei der Einrichtung des Weltenergiegeschäftes ist festzustellen, dass da gar nicht bloß um einen Stoff und seine Preise konkurriert wird, sondern um exklusive Zugriffssphären, um das Umgehen und Ausschalten von Staaten, die aus dem Energiegeschäft Machtgewinn für sich ableiten könnten und auch tatsächlich ableiten. Der Weltmarkt wird damit zum Schauplatz von Machtkämpfen zwischen Nationen.
Für den Unterschied dieser eigentümlichen heutigen Politisierung des Weltgeschäfts im Vergleich zu früher, ist das antiamerikanische Stichwort ‚multipolar’ aufschlussreich. Solch ein Gerede setzt voraus, dass eine klare Aufteilung zwischen Ost und West, zwischen Freiheit und Sozialismus und einigen Blockfreien dazwischen, vorbei ist. Heute ist der kapitalistische Zuschnitt allen Wirtschaftens tatsächlich global geworden. Die realsozialistische Ausnahme von diesem Zirkus gibt es nicht mehr. Die Prämisse der ganzen Welt lautet: Bewährt euch am Weltmarkt, oder es ist um euch geschehen! Deswegen gibt es auch so viele 'failing states', eben die, die sich nicht bewähren und die nicht die große Ausnahme Sowjetunion als letzte Zuflucht noch im Rücken haben. Diese Politisierung von damals, nach der die Staaten sich in die Aufteilung der Welt einordnen sollten, ist vorbei. Das war die Entstehungsgeschichte dessen, was Realität an dem Stichwort ‚Globalisierung’ war, jetzt ist die ganze Welt unter die kapitalistischen Sitten des Überlebens subsumiert. Es gibt eine Führungsmacht, die darauf aufpasst und das Ganze mit ihrem Dollar in Bewegung hält, die USA. Die Politisierung des weltwirtschaftlichen Geschehens und der Kräfteverhältnisse auf dem Globus findet auf Basis dessen statt, dass die alte Politisierung des Weltgeschäfts und des Zusammenwirkens der Nationen überhaupt überwunden sein sollte. Jetzt stellt sich heraus, dass die USA in dem Maße, in dem sie probieren, diese neue Ordnung durchzusetzen, den gesamten Zusammenhang der Weltwirtschaft und das ganze Kräfteverhältnis zwischen den Nationen aufmischen. Sie untergraben auch die Gepflogenheiten des Verkehrs, die sich in ihrer Welthälfte etabliert haben. Es gibt eine neue Sorte Rivalität auf Basis dessen, dass es den großen Ost-West-Gegensatz nicht mehr gibt. Sie wird in Gang gebracht, angeheizt und bekommt ihre Kriterien verpasst durch das kriegerische Vorgehen der USA. Die Rivalen der USA haben das Stichwort einer multipolaren Weltordnung aufgebracht, hinter dem ihr Interesse steht, sich ihren Status in dieser neuen Welt neu zu verschaffen.
Jeder der Rivalen sieht sich auf seine Art dazu herausgefordert, sich in dieser modernen Welt neu aufzubauen. Damit verbunden ist eine von Amerika gestiftete Eindeutigkeit der Kriterien, denen ein Rivale der USA heutzutage genügen muss, um sich überhaupt einen Status in der Welt zu verschaffen. Die Kriterien, die innerhalb des Westens etabliert waren: Verdient viel Geld und macht eine schöne Scheckbuch-Diplomatie; für die militärischen Sicherheitsfragen machen wir gemeinsame Sache im Rahmen der Nato und einiger Sonderbündnisse, gelten nicht mehr. Heute heißen die Kriterien: Jeder, der in dieser Welt mitmischen will, muss auf eigene Rechnung zusehen, wo er bleibt. Er muss sich nicht nur Geld verschaffen, sondern sich auch Zugriffssphären sichern. Wir haben das schon einige Male an der EU abgehandelt, wie die ihren Charakter gewandelt hat von einem Wirtschaftsbündnis innerhalb des Westens zu einem Staatenclub, der für alle seine Mitglieder – vor allem für die großen – das Instrument sein soll, sich einen neuen Status in dieser neuen, unordentlichen Welt zu verschaffen. Das ist in einem ganz anderen Sinn eine imperialistische Not, die die führenden Mitglieder der EU zu bewältigen haben, als das, was einstmals in den Römischen Verträgen gestanden hat.
 — Sarkozys Reise nach Libyen wird in der hiesigen Presse als Alleingang kritisiert, weil er nur auf eigene nationale Rechnung Geschäfte mit einem früheren Terroristenführer mache.
Dazu hat er sich eine erbitterte Replik aus Berlin eingefangen. Nach Merkel darf der von Sarkozy ins Spiel gebrachte Mittelmeer-Bund nicht Gegenstand eines rein französischen Machtzuwachses sein. Sich als EU-Mächte gemeinsam einen Stellenwert in der heutigen imperialistischen Welt zu verschaffen, erfährt mit dem Gesagten die Fortsetzung, dass das überhaupt kein Grund ist, jetzt um so mehr gemeinsame Sache zu machen. Sondern gerade weil es für die Hauptsubjekte dieses Clubs darum geht, sich einen nach imperialistischen Maßstäben vernünftigen Status in dieser Welt zu verschaffen, wirkt dies zugleich spaltend, zersetzend auf den Zusammenhalt ein. In dem Maße, in dem jeder die EU für sich imperialistisch funktionalisieren will – und das ist der Verdacht gegen Sarkozy –, zersetzen sie ihr ganzes wunderbares Gemeinschaftswerk. Es ist dies ein Beispiel dafür, dass Imperialismus heute für die ambitionierten imperialistischen Mächte darin zu bestehen scheint, dass sie sich als Nationen Einflusssphären gegen ihresgleichen schaffen. Zunächst ist die EU selber ein solches Unternehmen, ein Subjekt aufzubauen, das sich Zugriffsmacht in der Welt verschafft. Kaum jedoch stellt sich die EU dieser Herausforderung, spaltet sie sich schon darüber.
Außerhalb der EU gibt es noch einige wenige andere, die dies probieren wollen. Das gilt für die chinesische Afrikapolitik genauso wie für die indische Regionalpolitik und für das russische Bemühen, sich mit ihrem 'benachbartem Ausland' und in Partnerschaft mit ein paar Mitgliedern der EU, in dosierter Konfrontation mit den USA, selber einen Status in dieser Welt zu verschaffen. Eine der ironischsten Floskeln für diese Wirrnis ist die der 'multipolaren Weltordnung'.
Nichts an dieser Idee hat den Charakter eines konstruktiven Programms. Es gibt nichts daran, das irgendwie aufzeigt, wie es zukünftig einmal aussehen soll. Sobald man irgendeine halbwegs konkrete Vorstellung damit verbinden wollte, wird es lächerlich. Die Karikatur davon existiert ja bereits in Gestalt des Weltsicherheitsrates, wo jede zustande gebrachte Einigung sogleich Gegenstand kontroverser Auslegungen wird. Und sobald es einer Seite nicht passt, ist die Einigung auch gleich wieder obsolet, wie man demnächst am Fall Kosovo gezeigt bekommt. Es gibt nur einen Ansatz für einen positiven Inhalt von multipolarer Weltordnung und das ist der Gegensatz zu unipolar, den man den Amerikanern unterstellt. Dabei existiert das Moment von politischer Realität: Unter dem Titel einer multipolaren Weltordnung versuchen die Rivalen der USA, die dieses Stichwort aufbringen und wie ein Programm behandeln, sich wechselseitig darauf hin zu testen, wie viel brauchbarer Antiamerikanismus vom jeweils anderen abzuholen ist: wenn z. B. Putin vor einem Jahr auf der deutschen Sicherheitskonferenz herausfordernd die Deutschen und Europäer fragt, wieweit man mit ihnen in Sachen Energiepartnerschaft und strategischer Absprache bei der Verwaltung Europas ohne die USA gemeinsame Sache machen kann; oder wenn Chinesen und Russen miteinander austesten, wieweit sie Sicherheitsbündnisse schmieden und die USA so ein Stückchen aus Zentralasien verdrängen können. Multipolare Weltordnung fällt den Europäern ein, wenn sie den Nahen Osten nicht einfach den Amerikanern und Israelis überlassen, sondern sich selber einklinken wollen und dafür den Zuspruch von anderen Seiten suchen. Der einzige positive Inhalt von ‚multipolar’ ist, wieweit sich die anderen großen Mächte, die imperialistisch etwas ausrichten wollen, heranziehen, benutzen, auch funktionalisieren (lassen) zur Relativierung des amerikanischen Zugriffs auf die Staatenwelt. ‚Multipolare Weltordnung’ ist weiterhin der Titel dafür, dass all die verschiedenen Pole: Chinesen, Inder, Russen und Europäer, auch untereinander eine neue Sorte Konkurrenz anzetteln, wofür der EU-Afrika-Gipfel ein schönes Beispiel ist. In diese Logik gehört, dass unter dem Titel der multipolaren Weltordnung die Führungsmächte Europas selber sich so kritisch begutachten, so prekär ihre Verhältnisse zueinander gestalten, wie dies z. B. anlässlich von Sarkozys Vorschlag einer Mittelmeer-Union geschieht. Multipolare Weltordnung ist die Ansage einer hemmungslosen Konkurrenz zwischen denen, die nur einen gemeinsamen Nenner haben: Anhängsel der USA wollen sie nicht sein. Das hindert sie überhaupt nicht, wenn es ihnen darauf ankommt, in ihrer Rivalität gegeneinander mit den Amerikanern wieder ein Stück gemeinsame Sache zu machen.
 — Im letzten Satz von Punkt 3 (siehe Vorlage zum Jf. vom 12.11.07) heißt es: „Denn jede dieser Mächte hat fundamentale imperialistische Defizite aufzuarbeiten … und für alle gilt: Weltmacht oder gar nicht ...“ Soll dies ein Argument sein zum ausschließenden Charakter der Konkurrenz, die alle eingehen?
Damit soll lediglich der Standpunkt charakterisiert werden, dass die Rivalen der USA jeweils für sich keine Alternative zu dem Bemühen sehen, sich aus eigener Kraft einen Status in dieser Welt zu verschaffen. Bei dem Versuch, sich einen Status zu verschaffen, stoßen sie gleich wieder auf ihresgleichen.
Im Imperialismusaufsatz in GS 3-06 ist Kriegswirtschaft zunächst im engeren Sinn definiert; darauf folgen Gesichtspunkte und Kriterien, nach denen Sicherheitsgesichtspunkte zum Leitfaden für den zivilen Umgang der Staaten miteinander werden. Es ist dort abstrakt und allgemein abgehandelt, aber als Einordnungsschema für das, was heute so läuft, gut brauchbar.

II. Debatte über Mindestlohn und Managergehälter

Die Debatten zu diesem Thema ermöglichen eine interessante Aufklärung über den Pluralismus unserer Öffentlichkeit (s. a. GS 4/07). Da werden z.B. bei den Managergehältern nicht verschiedene Vorschläge gebracht, wie hoch diese sein sollen oder ob so was in Ordnung geht, sondern dem liegt ein Pluralismus in der Frage des Adressaten zugrunde, der Art wie man ihn überhaupt anspricht. Es gibt bei uns nämlich eine Arbeiter-Presse – „Bild“ und auch „AZ“ – und wenn die sich zu Themen wie Managergehälter und Mindestlohn äußern, dann ist das richtig eine Ansprache an diese Klientel. Diese von erfolgreichen Intellektuellen gemachten Zeitungen versuchen den vom Mindestlohn Betroffenen und über die Managergehälter Empörten, aus dem Herzen zu reden, ihnen zu entsprechen. Im Herbst gab es folgende „Bild“- Schlagzeile: „Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass Sie immer ärmer werden?“. Das war anlässlich einer Recherche des statistischen Bundesamtes, die zu dem erstaunlichen Ergebnis kam, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Dieses Gefühl wurde von „Bild“ aufbereitet und bestätigt. Ungefähr nach dem Muster geht auch die „Bild“-Ansprache zum Mindestlohn bei der Post und der Ankündigung von Entlassungen bei Pin: ‚Das darf nicht sein. Wo bleibt ihr denn dann, wenn man Euren Arbeitgebern die Vorschrift macht, euch so viel zu zahlen, dass sie euch gar nicht mehr einstellen können?’
Wenn sich eine andere Arbeiter-Zeitung an die Leute wendet und sagt, dass das ja wohl das Mindeste sei, dass man vom Lohn leben kann, dann ist das dasselbe: Eine ganze Abteilung unserer Öffentlichkeit wendet sich an das ziemlich heftig drangsalierte Proletariat und deren Unzufriedenheit wird überhaupt nicht beschönigt. Diese wird stattdessen richtiggehend hervorgerufen und bedient. Also nimmt man sich der Sorgen an, und damit ist das Ganze aber auch rum. Die ganze Konsequenz bei dieser Art, die Unzufriedenheit zu bedienen ist, dass diese sich ins Recht gesetzt sieht, und das Ins-Recht-gesetzt-werden durch die Öffentlichkeit ist schon die ganze Praxis, die daraus folgt. Das ist eine Unzufriedenheit, die alle Prämissen, alle Gegenstände, womit die Menschheit unzufrieden ist, intakt lässt. Dazu ist es überhaupt kein Widerspruch, dass die Bedingungen, die z.B. zum Ärmer werden führen, aufgezählt und gegeißelt werden oder im Fall der Pin-Angestellten klargestellt wird, dass es nicht anders geht; aber mit dem Konstatieren des Fakts ist die Sache abgehakt.
Das ist die ‚Klassenspaltung’ der demokratischen Presse in der Klassengesellschaft, dass es eine ganze Abteilung gibt, die sich den Betroffenen auf diese Weise widmet. Das ist der Ersatz für das, was es früher an sozialistischer Arbeiterpresse gegeben hat, die eine Unzufriedenheit aufgegriffen hat, um die Leute aufzuregen und vielleicht sogar zu agitieren. Was hier wachgerufen wird, ist eine absolut folgenlose Empörung, weil sie gleichzeitig schon die ganze Konsequenz ist. Man merkt, wie verteufelt effektiv es ist, Unzufriedenheit aufzugreifen und nicht mit dem Imperativ zu erschlagen, dass man trotzdem zufrieden sein soll, sondern einfach mit der Auskunft zu bedienen, dass man mit seiner Unzufriedenheit mit diesem Gegenstand oder jenen Figuren recht hat. Im Fall der Managergehälter wird nicht nur gesagt, dass sie verdammt viel Geld bekommen, sondern dass sie hohe Abfindungen bekommen, auch wenn sie ihr Unternehmen in den Sand gesetzt haben. Das Harte daran ist, worin sie versagt haben. Das geht gar nicht über den gesamtwirtschaftlichen Nutzen – für die bessere Presse mag das mal so aufbereitet werden –, sondern ihr Versagen besteht darin, dass sie ihrem Unternehmen Verluste statt Gewinn beschert haben. Der Witz ist nicht, dass das lesende Arbeitervolk darauf hingewiesen wird, dass so einer sich am Heil der Nation vergeht, sondern der Gedanke hört mit dem ‚das sind Versager’ auch schon wieder auf, und die Fortführung, zu fragen, wobei die denn versagt haben – nämlich Gewinne aus den ‚Mitarbeitern’ herauszuwirtschaften –, gibt es eben zur Zeit nicht.
Die heute sehr geläufige Verlängerung ist: Gewinne zu erwirtschaften kommt allen zugute, weil es Arbeitsplätze schafft. Der Hammer an der Unzufriedenheit ist die Parteinahme für die Funktion dieser Leute.
Der Grundsatz: Leistung rechtfertigt Entlohnung und Leistung, die sich in ganz viel Gewinn niederschlägt, rechtfertigt natürlich auch eine gigantische Entlohnung, genügt für diesen Gedanken, dabei bleibt er stehen, der braucht auch keine Idee mehr darüber, wofür der Gewinn gut ist oder die Lüge mit den Arbeitsplätzen. Im Namen dieses Grundsatzes wird der Unzufriedenheit Recht gegeben, denn die inkriminierten Manager haben sich einen Misserfolg geleistet und sahnen ab, obwohl sie das gar nicht verdient haben. Dieser gehässige Gerechtigkeitsstandpunkt ist insofern dumm, als er gar keine Gesichtspunkte mehr verlangt außer diesem, dass die Lage ist halt so (schlecht) sei.
Ganz anders gehen die Debatten der bürgerlichen Presse – wirklich im klassenmäßigen Sinn gemeint – über dasselbe Thema. Das sind keine Ansprachen an Betroffene, sondern da unterhalten sich ideelle Verantwortungsträger, die für die sittliche Gesundheit des Volkes zuständig sind. Hier wird das Publikum nicht betreut wie bei „Bild“ und Co., sondern es wird eingeladen, sich Betreuungsgedanken zu machen unter dem Motto: Ist das für unser Gemeinwesen gut? Ist der Gegensatz von Managergehältern und Mindestlöhnen bekömmlich für die nationale Befindlichkeit? Das ist das Feld der Abwägung, wo es dann durchaus verschiedene Stellungnahmen gibt, aber vor allem zwei Varianten zum Zuge kommen. Die eine wird durch die SZ (und Merkel) vertreten, nämlich, dass es zersetzend für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft wirke, wenn Versager so hemmungslos absahnen und wenn mangelnde Qualifikation und ein Überangebot an Arbeitskräften zum Lohndumping benutzt werden, weshalb staatliches Eingreifen hin und wieder mal erforderlich sei. Die andere Variante (FAZ, u. U. Spiegel) hält dieses Eingreifen für ein Vergehen an der Freiheit des Eigentums. Dazu ein Zitat aus einem Kommentar im Handelsblatt: „’Die Maßlosigkeit mancher Manager schädigt den Ruf der sozialen Marktwirtschaft mehr als die Forderung nach Mindestlöhnen’, sagt Unions-Vize W. Bosbach.“ Das entspricht in etwa der 1. Variante. Zitat weiter: „Er irrt gewaltig – starre Mindestlöhne blockieren das System, Gehaltsexesse sind zwar lästig, aber systemkonform.“ Richtig. Weniger treffend geht es weiter: „Wenn aber selbst ein einflussreicher Unionspolitiker die Mechanismen der Marktwirtschaft nicht verstanden hat, dann müssen sich Deutschlands Top-Manager in Zukunft warm anziehen. Den Abzockern unter ihnen wird das sicher nicht schaden, aber den Tausenden, die einen guten Job machen und dafür normal bezahlt werden.“