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jf 6.8.07 – Das Geld des Staates, Streik
der GDL
1. Das Geld des Staates
(letztes Kapitel aus dem Buch „Das Geld –
von
den vielgepriesenen Leistungen des schnöden Mammons,
GegenStandpunkt Verlag)
In dem letzten Artikel des Buches „Das Geld“ geht es wieder einmal um
das Dauerthema ‚Verhältnis von staatlicher Gewalt und
kapitalistischer Ökonomie’, diesmal abgehandelt am Geld. Geld ist
für den bürgerlichen Staat das Herrschaftsmittel, er regiert
mit Geld, wobei das Eigentümliche ist, dass das
Herrschaftsinstrument dieses Staates das allgemeine Äquivalent
ist. Es ist ein ökonomisches Ding, das den Austausch zwischen
Äquivalenten bewerkstelligt, also ein Geschäft, das, wenn es
abgewickelt ist, beide Seiten befriedigt zurück lässt; und
ausgerechnet das wird als Herrschaftsmittel in Anschlag gebracht. Der
Staat kauft sich von seinen Bürgern, was er braucht; er bezahlt
die Dienste, die er beansprucht; er geht über sein
Herrschaftspersonal zu seinem regierten Volk lauter Verhältnisse
mit den Mitteln des Geldes ein – Sachen kaufen, Geld ausgeben,
gehört in die Sphäre des Äquivalententauschs. Da kommt
natürlich die andere Seite gleich nach: das macht der Staat mit
dem Geld, das er seinen Bürgern wegnimmt. Die Freundlichkeit, mit
Geld zu regieren, hat die unfreundliche banale Seite, dass er die
ökonomischen Aktivitäten seiner Bürger besteuert und ein
Stück weit das Geld enteignet, das sie verdienen, was aus der
Optik der Bürger viel von einem – wenn auch ungerechten –
Geschäft hat: es ist ärgerlich, dass der Staat sich an dem
redlich von uns verdienten Geld bedient, aber ein gewisses Maß
von Enteignung muss wohl sein. Das ist eine eigentümliche
Konstruktion von Herrschaft: Eigentum, das der Staat einerseits
garantiert, bruchstückweise zu verstaatlichen, um auf dieser Basis
Herrschaft in Form des Kaufens und Bezahlens auszuüben.
Angedeutet ist in der Einleitung, was alles in diesem schlichten und
banalen, aber bei näherer Betrachtung eigentümlich
widersprüchlichen Verhältnis steckt, nämlich nach der
einen Seite hin: der Staat legt damit seine Gesellschaft auf eine ganze
Produktionsweise fest. Wenn er von dem Geld lebt, das seine
Gesellschaft verdient, dann ist es nicht so, dass er irgendwelche
ökonomischen Verhältnisse vorfindet und schaut, wie er mit
ihnen zurechtkommt, sondern – das ist eine Bedeutung von politischer
Ökonomie – dann ist das die Wirtschaftsweise, auf die er seine
Gesellschaft festlegt, denn er ist das Subjekt dieser
Verhältnisse. Er legt seine Gesellschaft auf das
Geldverdienen-Müssen fest; abstrakt soll der Reichtum sein, den
die von ihm regierte Gesellschaft produziert, denn diese abstrakte
Natur des Reichtums erlaubt, dass dieser vom Staat angeeignet und
wieder ausgegeben werden kann – so wie von jedem angeeignet und
ausgegeben, wobei der Unterschied ist, dass es die einen verdienen
müssen, der Staat muss es in der Weise verdienen, dass er
Finanzbeamte bezahlt, die das Geld für ihn einziehen. Er ist das
organisierende Subjekt der ganzen Ökonomie, er ist der
Schöpfer und Garant der Verhältnisse, unter denen in dieser
Gesellschaft ausschließlich Reichtum zustande kommt, nämlich
über die Arten des Geldverdienens. Er ist damit natürlich
Dienstleister der herrschenden Klasse, die mit diesem Geld ihr Kapital
vermehrt, aber dieses Dienstleistungsverhältnis ist umgedreht die
Inanspruchnahme der ganzen Gesellschaft einschließlich seiner
herrschenden Klasse für die dauernde Mehrung des abstrakten
Reichtums, den dieser Staat als sein Herrschaftsmittel entdeckt hat und
heutzutage selbstverständlich als solches benutzt. Herrschaft
vollzieht sich entscheidend in den Haushaltsdebatten des Parlaments –
wie Geld aus der Gesellschaft gezogen und wofür es ausgegeben
wird, das sind die Weichenstellungen des bürgerlichen Staates, auf
die es ankommt. Seine Gewalt ist die organisierende Garantiemacht des
nationalen Kapitalismus, und in den Richtlinien für seine
Herrschaftstätigkeit legt er fest, worauf es ihm ankommt:
Wachstum des Reichtums in Geldform soll das Mittel und die Bedingung
staatlicher Herrschaft sein. Mit diesem Imperativ handelt er sich sehr
zielbewusst schon eine halbe Staatsräson ein, ein halbes Programm,
was er mit dem Geld, das er aus seiner Gesellschaft zieht,
anfängt, denn er legt sich selber darauf fest, das Geldverdienen
in dieser Gesellschaft nach den Gesetzen, die dem kapitalistischen
Geldverdienen nun mal innewohnen, zu gestalten – und über das, was
dafür zu tun (oder zu lassen) ist, ist der heutige Staat ganz
schön belehrt. Das ist ein Dienst des Staates an der herrschenden
Klasse, es ist indirekt auch ein Dienst an den normalen
Lohnempfängern insofern, als nach der Einrichtung dieser
ökonomischen Verhältnisse die Leute darauf angewiesen sind,
dass das Geldverdienen klappt. Insofern ist das alles ein Dienst an der
Gesellschaft, die der Staat sich aber nach seinem Prinzip der
Herrschaftsausübung zurechtdefiniert.
Die Frage, die manchmal aus der linken Ecke kommt: Könnte der
Staat in seiner Machtvollkommenheit mit dem Geld der Gesellschaft nicht
auch was anderes anfangen?, ist falsch. Denn woher sollte für eine
Staatsgewalt, die sich alle Mühe gibt, ihre Gesellschaft
kapitalistisch produktiv zu machen, der Imperativ kommen, das bleiben
zu lassen? Die Staatsgewalt hat im Laufe ihrer Entstehungsgeschichte
durch dauernden Streit mit den verschiedenen Fraktionen und Klassen
ihrer Gesellschaft auf ihre pragmatische Art ermittelt, wie
Wachstumsförderung des Kapitals am besten geht. Da steht kein
Programm von vornherein fest; Kapitalismus ist nun mal auch von Staats
wegen keine Planwirtschaft – da gibt es Missgriffe und erfolgreiche
Alternativen, die dann auch international konkurrieren. Die Potenzen,
die ein Staat aus einer Geld produzierenden Gesellschaft schöpft
und die für den Kräftevergleich zwischen den Nationen sorgen,
haben seit dem 2. Weltkrieg einen Staat nach dem anderen massiv
darüber belehrt, wie am erfolgreichsten Geldvermehrung zu machen
ist. (Zur Lerngeschichte des bürgerlichen Staates s. auch die
Einleitung zum Artikel „Die Lohnfrage – einst und heute“ im
GegenStandpunkt 2-07)
Dem Geldbesitzer wird ein Kommando über andere eröffnet und
dieses Kommando ist privat-geschäftlicher Natur; die
öffentliche Gewalt bedient sich bei ihrer Herrschaftsausübung
dieser privaten Kommandomacht des Geldes, die sie selber diesem
flächendeckend verleiht: der Staat definiert die Materie, in der
seine freien, gleichen, mit Eigentum begabten Bürger ihren
Austausch pflegen. Das kann man begrifflich unterscheiden: der Staat
als Garant des Geldes und die Macht, die dann dem Geld innewohnt,
jedem, der es hat, die Kommandomacht über fremde Produkte und
Arbeit zu verleihen.
Der Artikel beschränkt sich auf 4 Gesichtspunkte. Das erste
Kapitel –„Das gesetzliche Zahlungsmittel“ – handelt davon, wie der
Staat das Geld- und Kreditwesen seiner Gesellschaft einrichtet. Mit der
Vorschrift des Staates an seine Gesellschaft: „Bereichert euch!“ ist
diese im Prinzip eingerichtet, aber damit ist andererseits noch nichts
geregelt. Alles, was jetzt losgeht, führt auf den Staat als
Urheber zurück. Nichts, was die gewerbetreibende Menschheit macht,
kommt aus ohne Vorschriften, die die Art der Ausübung des
Geldverdienens regulieren und organisieren. Dazu gehört die
Einrichtung eines nationalen Kreditwesens, und zwar angefangen von der
Definition einer Geldware bis zur Schaffung einer Geldware durch die
staatliche Druckerei; all das ist – so wie es heute existiert – von A
bis Z staatliches Machwerk, denn der abstrakte Reichtum ist
schließlich selber nichts anderes als ein Zettel, den der Staat
einerseits als Kreditzeichen organisiert und andererseits zur Geldware
seiner Gesellschaft ernennt.
Was Kreditgeld ist, steht im KIII, was staatliches Kreditgeld ist, ist
Gegenstand des 1. Kapitels.
Das 2. Kapitel – „Die Staatsfinanzen“ – handelt davon, wie der Staat
sich für seine Herrschaftsbelange, für seine Art, das
Wachstum in seiner Gesellschaft zu pflegen, des von ihm geschaffenen
Kreditgeldes bedient. Das mündet notwendigerweise in das
Phänomen der Inflation. Man hat dann am Ende den Widerspruch, dass
der Maßstab aller Preise, der abstrakte Reichtum, der selber die
Sache ist, um die sich alles dreht und worin aller Reichtum sein
Maß hat, weich wird, sich verschiebt, im Zeitverlauf an sich
selber gemessen an Wert verliert. Um diese Paradoxie geht es im 2.
Kapitel.
Das 3. Kapitel –„Der Währungsvergleich“ – handelt von der
praktischen Kritik dieser Art, von Staats wegen Geld zu schaffen und
damit zu wirtschaften. Die Momente – Handel, Kapitalimport und –export
–, die den im Imperialismusartikel (GegenStandpunkt 3/06) beschriebenen
Vergleich der nationalen Gelder bestimmen, sind hier untergeordnet
unter den Gesichtspunkt: das sind Bestimmungsgründe für den
kritischen Vergleich der nationalen Währungen,
einschließlich der Konsequenzen, zu denen das mittlerweile
geführt hat.
Das 4. Kapitel – „Die Sorge der Staatsmacht um die Stabilität
ihres Geldes“ – handelt von der Reaktion des Staates auf die
Entwicklungen, die in den ersten drei Kapiteln beschrieben wurden.
Angesichts des kritischen Vergleichs der nationalen Währungen und
dessen Ergebnis kommt er auf sich als den letztinstanzlichen Macher des
Kapitalismus seiner Gesellschaft zurück und macht sich zum Problem
des Erfolgs in Sachen Wachstum, den er haben will. Dann werden die
Rezepte genannt, auf die er da kommt: das immanent geldpolitische
Rezept, nämlich Geldvermehrung unter dem Gesichtspunkt der
Knappheit und die Einwirkung auf seine gesellschaftliche Basis
angesichts der gelaufenen Entwicklungen, dass diese dem ihr anfangs
erteilten Auftrag: bei uns soll ordentlich Geld verdient werden,
gefälligst nachzukommen hat, und zwar unter anspruchsvoller
gewordenen Kriterien.
Die Wendung des Staates nach außen ist nur angedeutet, weil im
Imperialismusartikel abgehandelt. Nach dem, was der Staat in Sachen
Geld alles anstellt, gibt es eine Notwendigkeit, dass er um des Geldes
willen, das seine Gesellschaft vermehren soll, imperialistisch wird.
Anders als im 2. Teil des Imperialismusartikels, der von der
Staatsgewalt ausgeht und ihrer Art, sich mit anderen zu vergleichen,
wird diese Notwendigkeit vom Geld her abgeleitet, das als allgemeines
Äquivalent des Warentauschs einer Gesellschaft beginnt und am
Schluss Gewalt der Staaten gegeneinander notwendig macht; es soll also
in dem Artikel klar gemacht werden, dass Staaten, die mit Geld
regieren, alles andere als zivile und zurückhaltende
Körperschaften sind.
— Die aus der Bundesbank herausfließenden Banknoten
werden doch dort als Schulden verbucht? Macht das den Kreditcharakter
der Banknoten aus, dass das Schuldzettel der Zentralbank sind?
Ja, wobei sie der Form nach Schuldzettel der Zentralbank sind, so wie
Banknoten, die von privaten Banken ausgegeben werden, Anweisungen auf
den wirklichen Reichtum dieser Bank sind. Die Eigenart dieser
Schuldzettel ist, dass sie nicht wie eine Banknote alten Zuschnitts –
die ein Zeichen dafür war und ist, dass Kredit in der Gesellschaft
unterwegs ist – auf einen getrennt davon existierenden wirklichen
Schatz verweisen, also auf eine mit Aufwand produzierte Ware, die vom
Staat als Geldware definiert worden ist, sondern sie selber von Staats
wegen mit der Qualität eines gesetzlichen Zahlungsmittels
ausgestattet sind. Er stellt an der Banknote die Identität von
staatlichem Kreditzeichen und gesetzlichem Zahlungsmittel her und
stattet sie mit dem Anspruch aus, Weltgeld zu sein und deshalb den
Vergleich mit den anderen Weltgeldern auszuhalten.
Der moderne Staat mit seiner Art des Papiergelds knüpft an
kapitalismusimmanente Notwendigkeiten und Gepflogenheiten an: im
Verkehr zwischen Kapitalisten und im Geldverkehr der
dazugehörenden Gesellschaft hat die Banknote ihren Ursprung, ihren
Ort und ihre Notwendigkeit. Ein Paradox der kapitalistischen
Geldwirtschaft ist, dass es einerseits sehr darauf ankommt, Geld zu
haben – und andererseits auch wieder gar nicht: der Zustand, Geld in
bar zu haben, ist für den Kapitalisten ein Ärgernis, denn
jede Banknote ist für ihn der Beweis, dass das Geld seinen Dienst,
mehr zu werden, gerade versagt. Die Geldvermehrung ist so sehr Zweck
der ganzen Sache, dass die reale Existenz des Geldes glatt als
Unterbrechung des Prozesses der Geldvermehrung begriffen und das
Geld-Haben als Abzug verbucht wird. In alten Zeiten, als Geld noch eine
wirklich produzierte Geldware war, hatte das noch den zusätzlichen
Nachteil an sich, dass nur für die Existenz von Geld ein
Riesenaufwand getrieben werden musste; entweder mussten Bergwerke
unterhalten oder gegen gute eigene Ware Gold beschafft werden. Diesen
doppelten Nachteil – Geld behalten zu müssen zwecks
Schuldenbegleichung und die Kosten der Beschaffung der Geldware – haben
schon die Banken alten Zuschnitts mit ihrer Banknote produktiv zu
überwinden gewusst; wenigstens die Kosten der Geldbeschaffung
wurden dadurch ökonomisiert, dass sie per Banknote
Zahlungsanweisungen auf einen Goldschatz bei sich ausgegeben haben,
wobei es diesen gar nicht gebraucht hat, solange man ihren Banknoten
glaubte. Marx erinnert daran (Fußnote S.118), dass es Vorschrift
war, dass die Banken ungefähr das Dreifache ihrer
Goldbestände an Banknoten ausgeben durften; die
Zahlungsanweisungen auf dieses Gold waren also eigentlich
betrügerische Zettel, aber vom Staat lizenziert. Die
Rechtfertigung dafür, sich mit diesem Verfahren reich zu rechnen
und mit diesem Reichtum kapitalistisch zu verfahren, liegt darin, dass
damit die private Bankenwelt der Gesellschaft die Kosten der
Beschaffung wirklichen Geldes erspart.
— Mir ist klar, dass der Staat mit seiner gesamten Gewalt
dahinter steht, wenn er von seinen Zetteln behauptet, dass jeder davon
das Seine wert ist. Aber wieso liegt in der Ausgabe von Zetteln schon
die Funktion von Kreditgeld?
Sonst wäre das Moment von realem Äquivalent auf pure
staatliche Macht verkürzt. Der Staat gibt diese Zettel auf der
Ebene des Kreditwesens her, seine Nationalbank refinanziert Schulden
auf diese Art. Das Paradox ist, dass ausgerechnet die Geldqualität
seiner Zettel – als allgemeines Äquivalent und private
Kommandomacht über die Güter dieser Gesellschaft –,
einerseits nur daran hängt, dass er das so macht. Andererseits
genügt er damit dem ganzen Kodex realen Geldes im Sinne von K I –
III, ohne dass ein Staatsmann das gelesen und geplant hätte. Aber
dass es sich hier um echten Wert handeln soll, macht der moderne Staat
ausgerechnet daran fest, dass er seine gesetzlichen Zahlungsmittel nur
so in den Verkehr bringt, dass sie Zeichen für Kredit sind, dass
sie ein antizipiertes Geschäft anzeigen. Ausgerechnet ein
Refinanzierungsmittel in Hinblick auf zukünftigen Rückfluss
ist von Staats wegen die ökonomische Garantie dafür, dass die
von ihm politisch mit Gewalt zum Zahlungsmittel ernannten Zettel auch
wirklich der Reichtum der Gesellschaft sind und sich in Vergleich mit
den Geldern anderer Nationen begeben.
Im vorbürgerlichen Staat gab es Herrschaften, die
Silbermünzen mit Blech versetzt, Prägestempel darauf getan
und mit ihrer Autorität bestimmt haben: Das Ding ist
materialmäßig nichts wert, aber mittels meines
Prägestempels hat es den Wert, den ich draufdrucke. Das hat was
Betrügerisches, und da steckt hinter der Scheidemünze (= vom
aufgedruckten Wert unterschieden) nur die staatliche Autorität.
Im modernen Staat ist es anders perfektioniert. Da knüpft der
Staat nicht mehr an die primitive Geldmaterie in Form von Gold und
Silber an, sondern daran, dass sich über deren Verwendung schon
ein Bankwesen aufgetan hat, das mit Kreditzetteln wie mit
Zahlungsmitteln operiert, ein Kreditüberbau, den die
Geschäftswelt mit seinen rechtlichen Garantien schon entwickelt
hat. Er begibt sich in die Position der Zentralbank, die alle
Geld-/Goldschätze der Gesellschaft bei sich versammelt und darauf
Zahlungsanweisungen ausgibt. Da gibt es verschiedene Varianten, wie ein
Staat behauptet, dass die Zettel, die er ausgibt, wirklichen Wert
repräsentieren – im Sinne von mit Arbeit geschaffenen Gütern.
Ursprünglich tat er so, als wären seine Banknoten – im
Unterschied zu denen der Privatbanken – irgendwie durch Gold- und
Silbervorräte gedeckt. Diese absurde Fiktion hat sich gehalten,
bis de Gaulle den Amerikanern die Einlösung von Dollarzeichen in
Goldstücken abverlangt hat. Andere Staaten hatten schon
früher damit Schluss gemacht und haben die Garantie für die
Geldqualität ihrer Zettel gewissermaßen funktionalisiert, in
die Funktion des Refinanzierungsmittels für den
Refinanzierungsbedarf ihrer Bankenwelt verlegt.
— Auf S. 126 oben steht: 'Ihre Funktion als Kreditzeichen soll
die Produkte der Notenbank als die nationale Geldware … ökonomisch
beglaubigen.' Andererseits wird gesagt, dass diese Kreditzeichen
unabhängig von ihrer kreditwirtschaftlichen Verwendung gar nicht
in Gefahr sind, als die nationale Geldware in Zweifel gezogen zu
werden. Das verstehe ich nicht. Den 'paradoxen Beweis' haben sie
abzuliefern und gleichzeitig haben sie die Qualität, der Reichtum
der Gesellschaft zu sein, unabhängig von ihrer Verwendung?
Das gesetzliche Zahlungsmittel Euro z. B. darf beim Einkaufen nicht
durch (mangelndes) Wachstum in Europa hinterfragt werden, es ist das
gesetzlich garantierte Zugriffsmittel. Ich kann aber nicht zur
Bundesbank gehen und ein Stück Gold dafür einfordern. Dennoch
gibt es keine echtere Geldware. Aber wie ist dieser Zettel in die Welt
gekommen? Der Staat hat ihn nicht zur Verfügung gestellt, damit
die Zirkulation besser klappt, sondern – darin steckt eine
ökonomische Bedingung – die Banken melden bei der Zentralbank
einen Refinanzierungsbedarf an; teils sind sie gesetzlich gehalten,
nicht eigenmächtig über ihre Einlagen hinaus zu spekulieren,
sie müssen in gewisser Proportion Zugriffsrechte auf echtes Geld
bei der Zentralbank erwerben, Schuldpapiere, die sie selbst aufgenommen
haben, hinterlegen. Auf der anderen Seite ist es ihr Recht, sich in dem
Maße, wie sie echtes Geld für ihren Geschäftsverkehr
brauchen, dieses zu beschaffen. Und was sie sich beschaffen dürfen
und müssen, ist die Materie, mit der sie wirtschaften und die den
Kapitalismus in der Nation anheizen soll. Das ist auch die Materie, die
sie in den Sand setzen, wenn sie die falschen Kreditpapiere bei
amerikanischen Hedge-Fonds kaufen: das ist dasselbe Geld, das die
Dresdner Bank um 1 Mrd. im 1. Quartal vermehrt hat und von dem die
kleine Kreditbank nun vermelden muss, dass sie es leider verloren hat.
Das ist alles bezogen auf den Verkehr zwischen den
Geschäftsbanken, wie die sich wechselseitig kreditieren, und
insgesamt verankert in der Refinanzierungsgarantie der
Europäischen Zentralbank, früher der Bundesbank. Dass diese
beiden Bestimmungen nicht identisch sind, zeigt sich praktisch am Ende
von Kapitel 2, wenn der Staat selbst dieses Kreditgeld, das auf den
Ertrag zukünftiger Geschäfte bezogen ist, für seine
Herrschaft verwendet.
Der moderne Staat tut mit seinem Geld so, als bräuchte er keine
richtige Geldware mehr. Da soll ausgerechnet die Kreditfunktion, dass
es Zeichen für Kredit ist, die ökonomische Garantie für
die Geldqualität sein, die gesetzlich sowieso außer Frage
steht.
— Was hierzulande an Münzen herumläuft, sind keine
Kreditzeichen?
Nein, das sind klassische Scheidemünzen; angeblich ist da der
Materialwert teils sogar höher. Es ist das Privileg des nationalen
Finanzministeriums – getrennt von der Banknotenausgabe – im Maße
des nachgefragten Bedarfs Münzen herauszugeben. Dies ist
unbeachtlich gegenüber der Masse des Finanzkapitals, das den
Geldreichtum der modernen kapitalistischen Gesellschaft
repräsentiert. Die Münzen kommen für einen anderen Zweck
und deswegen auf eine andere Art in die Welt. Der Zweck bei Münzen
ist, was es an kleiner Münze braucht für den
alltäglichen Verkehr in der Gesellschaft. Dem entsprechend wird
das, was früher der Hauptschwindel des Staates war, nämlich
das Geld zu prägen, zum Rudiment dessen, dass es immer noch
Münzen zum Zahlen braucht. Das macht er jetzt einfach nach dem
gesellschaftlichen Bedarf. Die Scheine aber kommen von einem anderen
Bedarf her, nämlich dem der Banken nach Refinanzierung.
— Münzen müssen sich also nicht als Kreditmittel
bewähren?
Auch bei Scheinen ist es nicht so, dass deren Wert davon abhinge, dass
am Ende das Geschäft gelingt. Die Gültigkeit, auf die es im
normalen Alltagsverkehr ankommt, ist bei beiden die gesetzliche. Es
geht um die ökonomische Beglaubigung, davon sind natürlich
die Münzen genauso mit betroffen. Die Inflation ist ja nicht auf
Papierscheine beschränkt.
— Der Großteil des Kreditgeldes ist ja gar nicht in
dieser Papierform existent, sondern einfach in den wechselseitigen
Schulden, die die Banken untereinander und bei der Bundesbank in ihren
Büchern stehen haben.
Klar, in bar läuft heute kaum mehr was. Die Ökonomisierung
des ganzen Geschäftsverkehrs in Bezug aufs Geld – dass die
Geschäftswelt selbst das Geld verbucht, sich also auch von der
Notwendigkeit der Geldbeschaffung nach der Seite hin freigemacht hat –
bleibt erhalten. Die andere Seite ist dieses Verhältnis zwischen
der Zentralbank und den Geschäftsbanken, das ihnen die Freiheit
und Pflicht auferlegt, sich buchstäblich auf die Banknoten der
Zentralbank zu beziehen, als das Ding, das sie mit ihren Buchungsakten
ersetzen. Es gäbe nichts zu verbuchen, wenn es nicht dieses Geld
der Zentralbank gäbe, das in den Ziffern nur virtuell vorhanden
sein muss. Um all die Milliarden zu drucken, kämen die
Druckmaschinen gar nicht nach.
Inzwischen hat der Staat selbst das Problem, was er zur Geldmenge dazu
rechnen muss oder nicht. Dann kommt die Zentralbank mit ihren
Abgrenzungen. Geld im ganz materiellen Sinn stellt sich dar als Pakete
von Banknoten. Dazu gehört natürlich auch viel von dem, was
nur virtuell vorhanden ist, weil dauernd damit rumgebucht wird. Das
müssen gar nicht immer Schulden sein, das sind auch die Zahlungen
selber. Aber diese Technik erklärt nicht die Sache.
Egal, ob es als materieller Zettel oder als verbuchtes Konto existiert,
über das Refinanzieren kommt das Geld in die Gesellschaft. Eben
als riesiger Posten bei den Banken, nicht mehr irgendwelche
Kreditpapiere von ihnen, sondern in Geld gemessenes Vermögen, das
sie sich bei der Zentralbank haben refinanzieren lassen. Das ist nicht
bloß jederzeit in diese Noten wieder umsetzbar, sondern das ist
eben dieser Posten gültiges Geld. Bei dieser Formverwandlung ist
das Entscheidende, dass damit Geld in die Gesellschaft kommt. Wie viel
davon heutzutage gedruckte Euroscheine sind, ist eine technische Frage,
wie viel der Staat meint, dass es braucht, angesichts eines Geldwesens,
das größtenteils per Konten und Kreditkarte erfolgt.
Noch mal von der Seite des Eigentums her betrachtet: Geld ist die
ausschließende Verfügungsmacht über Güter, das ist
ein nicht bloß formelles Rechtsverhältnis, sondern in der
modernen bürgerlichen Gesellschaft ist diese Verfügungsmacht
quantifiziert. Eigentum lässt sich als Quantum fassen, das seine
Realität im Geld hat. Wo kommt das Eigentum her? Zum einen
konstituiert das Rechtsverhältnis das Eigentum, das kann sich
vermehren, neu entstehen oder auflösen. Die Materie, auf die die
Rechtsform sich bezieht – Eigentum im gegenständlichen Sinn –, ist
allemal Produkt von menschlicher Arbeit, wie immer modifiziert; im
Kapitalismus durch jemanden, der arbeiten lässt und das Produkt
als das seine zur Verfügung hat. Dieses Zugriffsverhältnis
hat sein Maß und seinen dinglichen Garanten im Geld. Das ist die
Verrücktheit, dass das Geld quasi der Stellvertreter nicht
bloß für das Gewaltverhältnis, sondern für die
Güter ist. Deswegen ist Geld nicht entweder ein Akt staatlicher
Gewalt oder das Produkt von Arbeit, es ist das Zugriffsverhältnis
auf nützliche Güter. Das wird nicht durch eine staatliche
Setzung dem Menschen geschenkt, sondern will erworben sein. Der Erwerb
passiert durch Beteiligung am gesellschaftlichen
Arbeitsteilungsprozess, durch Geldverdienen als Kapitalist oder
Dienstleister.
Ausgerechnet das, was beim klassischen Geldzeichen der Rückbezug
auf einen schon vorhandenen Goldschatz war, ist beim modernen Geld
quasi der vorausblickende Bezug auf ein damit zu veranstaltendes
Geschäft, auf zu produzierenden Wert. Das macht die
Eigentümlichkeit von staatlichem Kreditgeld aus, das
zukünftigen Reichtum wie gegenwärtigen behandelt. Der
zukünftige Ertrag des Geschäfts ist in eine Form gebracht,
eben als Versprechen, in der er jetzt schon als Zirkulationsmittel
fungieren kann. So kaufen auch heutzutage noch die Banken ganze Firmen
auf und bezahlen das mit Kreditzeichen auf das zukünftige
Geschäft dieser Firma. Sie schaffen weiterhin Zahlungsmittel,
setzen es gegen Kreditgeld in rauen Mengen in die Welt. Das hat immer
ein staatlich garantiertes Geld als die Materie, die da ersetzt wird,
zur Grundlage. Das staatliche Kreditgeld ist eine Radikalisierung und
eine Umdrehung davon. Beides zugleich, weil das zukünftige
Geschäft, für das dieses Geld das kreditmäßige
Zeichen ist, gleichzeitig zum definitiven Zahlungsmittel der
Gesellschaft erklärt wird und als solches gilt. So liegt die
ökonomische Beglaubigung dieses Kreditzettels nicht
rückwärts in geleisteter Arbeit, die in Goldschätzen
vergegenständlicht ist, sondern funktionalistisch im Verweis
darauf, dass diese Gesellschaft wächst. Das macht das Geldzeichen
zum richtigen Geld.
Von dieser ökonomischen Notwendigkeit hängt dann auch dessen
Gültigkeit im internationalen Vergleich auf absurden Umwegen ab.
Es ist andererseits auch wie ein Eingeständnis, dass Geld, der
Inbegriff des kapitalistischen Reichtums, eigentlich gar nichts taugt,
dass das Geld als solches dem Reichtum der Gesellschaft überhaupt
nichts hinzufügt. Es ist nur das allgemeine Äquivalent. Das
hat das Doppelte an sich: in dieser Gesellschaft ist es das allgemeine
Zugriffsmittel. Aber objektiv betrachtet: dadurch, dass sie ein
allgemeines Äquivalent hat für ihren gesellschaftlichen
Verkehr, wird diese Gesellschaft kein bisschen reicher. Aller Aufwand
für das Bankenwesen ist purer Abzug von dem, was diese
Gesellschaft sich inzwischen an Freizeit leisten könnte. Geld ist
selbst gar kein Beitrag, dies wird im Papiergeld schön greifbar.
Der Staat gibt dem gesellschaftlichen Bedürfnis recht, dass das,
was es an Geschäften gibt und in Gang kommt, sich an dem, was an
verfügbarem Geld vorhanden ist, nicht messen darf, dass es immerzu
einen Bedarf an Geld gibt, der über das, was an wirklichem
Reichtum existiert, hinausreicht. Die materielle Schranke, wirkliches
Gold herzuschaffen, ist mit dem, was die Banken machen, längst
überwunden. Der Staat hängt sich daran, indem er den
ständigen Bedarf nach Geld, den die Banken sowieso produzieren,
zur Grundlage des Geldes macht.
Eigentlich sind die verschiedenen Stufen, wie Geld mit Staatsgewalt in
die Welt kommt, Ablösungen von der Schranke der Materiatur Gold.
Es braucht so was wie eine Materiatur, die einen verlässlichen
Ausschluss garantiert. Das passiert beim Gold dadurch, dass es selbst
Produkt von Arbeit ist. Davon sich freizumachen ist das Staatswerk bis
zur modernsten Form.
— Ist es ein letzter Vorbehalt gegen die Kreditzettel im
internationalen Geschäft, dass doch noch ein Restchen an
Staatsschatz gehandhabt wird?
Nein. Der Rest spielt keine Rolle, die Hedge-Fonds würden sich
totlachen und der Staat wäre der Unsolidität
überführt. Der Staatsschatz ist als Vermögenstitel ein
Stück Reichtum dieses Staates. Sobald es auf dieses Vermögen
für den internationalen Zahlungsausgleich ankäme, wäre
es auch schon weg und nutzlos. Mit der Entwicklung – die man auch
Globalisierung nennt –, ist das durchfunktionalisiert, dass man den
Vergleich der nationalen Währungen jenseits von Goldbeständen
auf die Kreditfunktionen bezieht, die die nationalen Kapitalismen mit
ihrer Währung hergeben. Das ist weit entfernt von allem, was man
in Goldkellern als Rest an Solidität aufbewahren kann.
Wenn man sagt: Staaten haben einen Staatsschatz, weil er die laufend
gefragte und notwendige Zahlungsfähigkeit des Staates
repräsentiert, dann ist das was anderes, als die Frage
aufzuwerfen: Ist das noch durch das Gold garantiert? Das ist es nicht
mehr. Das ist schon längst durch die Kreditwürdigkeit der
Staaten abgelöst. Schon das kapitalistische Bankwesen ist eine
einzige Bemühung, sich von den Notwendigkeiten und Schranken des
buchstäblichen Geld-/Goldbesitzes freizumachen. Geldhaben ist ein
Ärgernis für eine kapitalistische Wirtschaft. Diese Techniken
– sich davon freizumachen – auf ein solides Gewaltfundament zu stellen,
also die abstrakte Garantie des Staates fürs Eigentum konkret zu
machen, zu einer staatlichen Garantie für die Kreditzeichen, die
in dieser Gesellschaft verwendet werden, das ist die Leistung des
modernen Staates.
Experten sagen, sie haben das Gold jetzt demonetarisiert. Es ist zwar
noch da, aber aus seiner Bestimmung, letztinstanzlich das Geld der
Nation zu sein, ist es entlassen. Das ist nur noch ein
Vermögenstitel, eine wertvolle Ware. Es lohnt nicht
übermäßig, der Verwendung von Goldschätzen
nachzugehen. Im 3. Kapitel, wenn es um den Vergleich der Währungen
geht, kommt die Verwendung von Goldschätzen wieder zum Zuge, aber
heutzutage unter dem Vorbehalt: Wenn es darauf wirklich ankommt, ist
alles zu spät. Es gibt ja heute den Streit, ob die Bundesbank die
Goldbestände verkaufen soll, um den Erlös in den
Staatshaushalt zu tun. Dagegen heißt der Einwand: Wenn man's
verkauft, ist es 1. weg, 2. sinkt der Wert über den Verkauf.
Das sind alles Fortführungen des ersten Punktes: Der Staat bedient
sich für seine Herrschaft eines Mittels, das seine Schlagkraft als
privates Zugriffsmittel hat, weil er es dazu macht. Diese Paradoxie
spinnt sich durch alle Eskalationsstufen fort; in jedem Punkt
funktioniert das Geschäft nur, weil der Staat es mit seiner Gewalt
zurechtmacht. Der Staat ist immer dahinterher, herauszubekommen, wie
die aktuellen Erfordernisse zur Vermehrung des Geldes heißen, um
mit seiner Gewalt dem Geld nach dessen Eigengesetzlichkeit auf die
Sprünge zu helfen. Da gibt es natürlich verschiedene Schulen
in der Ökonomie, wie man das Geld am besten von Staats wegen
benutzt, damit es sich vermehrt: Am besten nützt der Staat dem
Geld, wenn er selber davon die Finger lässt, gar nichts ausgibt,
bis hin zum Keynesianismus, der Staat nützt dem Geld am besten,
indem er es hemmungslos druckt. Dazwischen gibt es alle möglichen
Alternativen. Nur ganz was Anderes zu machen, ist schon durch die erste
Ansage hier im Buch – Der moderne bürgerliche Staat regiert mit
Geld – ausgeschlossen.
Warum ist das Geld für den Staat das passende Herrschaftsmittel?
Das Geld ist staatliches Zugriffsmittel, weil Herrschaft nichts anderes
ist als Zugriff, Gewalt, die auf die Gesellschaft zugreift. Er schafft
damit etwas Produktives, weil so Wachstum, Bereicherung zum Zweck der
Gesellschaft gemacht wird. Das Geld repräsentiert zugleich das
gültige Privatinteresse an Bereicherung = Reichtum vermehren. Es
hat schon seinen guten Grund, warum lauter Staaten, die mal was Anderes
gemacht haben, dann, wenn sie auf den Zweck der Bereicherung kommen,
alle auf diesen Weg verfallen. Etwas Effektiveres wie Kapitalismus gibt
es für den Staat nicht. Damit ist dann aber auch der Staat
einerseits der Organisator einer Geldgesellschaft und andererseits der
Diener der Sachnotwendigkeiten, die das Geld mit sich bringt, die er
nicht zu wissen braucht, aber alle erfährt.
— Es gab noch bis vor kurzem einen Staat, der hatte auch
Geld, aber er verwendetes es anders.
Der realsozialistische Staat hat nicht mit Geld regiert, das war
Parteiherrschaft und das Geld ein Hebel in der Ökonomie, die sie
inszeniert hatten. Das Geld hat bei ihm eine andere Rolle gespielt, den
Sachzwang und das Maß privater Bereicherung hat es dort nicht
bedeutet. Deswegen war es weder ein fanatisch verfolgtes
Privatinteresse, sich an Lohnarbeit zu bereichern, noch war es
umgekehrt das gültige gesellschaftliche Reichtumsmittel, an dem
sich dann der Staat bedient. Im Buch wird der Vergleich gemacht, da
heißt es: Es ist kein Geld – nicht bloß, dass der
sozialistische Staat ein Geld wie hier nur anderes verwendet
hätte, sondern sein Geld entspricht nicht dem Begriff des Geldes,
wie ihn Marx entwickelt hat und er hier im bürgerlichen Staat
realisiert ist. Dieser Staat hat nicht mit Geld regiert, sondern mit
der Kontrolle seines Parteiapparates über die Produktivkräfte
der Gesellschaft. Dem war dann ein ganzes Ensemble von
Planungsinstrumenten untergeordnet, und in denen spielte die
Recheneinheit Geld mit allen möglichen Analogien zum
bürgerlichen Betrieb die Rolle eines paradoxen
Planungsinstrumentes.
2. Streik der GDL (Gewerkschaft
Deutscher Lokomotivführer)
Man zeigt sich erstaunt über die 31%-Forderung, die eigentlich
nicht befassungswürdig wäre, weil als absurd angesehen,
würden sie nicht den Eindruck erwecken, sie meinten es gar noch
ernst. Dieser Tarifkonflikt wirft ziemlich elementare Probleme auf,
nicht nur, weil sie es ernst meinen, sondern weil sie eventuell sogar
auch etwas vermögen. Mehdorn fordert einfach das Verbieten. Es
gibt mit Verweis auf deren Löhne und Arbeitsverhältnisse
durchaus auch den Standpunkt, dass die Lokführer ziemlich schlecht
gestellt sind. Alle Debatten finden jedoch unter dem Titel statt, ob
dieser Streik und diese Forderung national tragbar sind.
Das Auffällige ist, die Forderungen zielen nicht auf an
anpasslerisches Herummachen mit dem Lohn, den es gibt, und dem, sich
weiterhin bloß in der Geldknappheit herumtreiben wollen, sondern
sie zielen auf eine spürbare Verbesserung für die Klientel.
Das Eigentümliche ist, dass so etwas überraschend ist. Das
kennzeichnet diese Republik viel mehr als diese Forderung.
— Was die GDL macht, ist wirklich ein gewerkschaftlicher
Kampf. Früher hat die GDL gemeinsam mit den anderen beiden
für die Eisenbahner zuständigen Gewerkschaften: Transnet und
GDBA (Gewerkschaft der Eisenbahner), einen Tarifvertrag abgeschlossen.
Die GDL will sich jetzt als die Eisenbahnergewerkschaft gegen die
anderen beiden durchsetzen.
Schell sagt, dass er diese Gewerkschaftspolitik der anderen beiden
nicht mehr mitträgt, und das geht gar nicht anders, als dass er
sich von dem anderen Haufen distanziert und sich von ihm löst. Das
dies zu einem Kampffeld gegen die Hauptgewerkschaften wird,
kennzeichnet die Republik ebenfalls. Wenn sie etwas herausholen wollen,
bleibt ihnen dieses gar nicht erspart.
Das Auffallende ist, dass hier eine Gewerkschaft auftritt, einen
Lohnkampf anzuzetteln, der darauf berechnet ist, dass er sich lohnt,
und nicht auf wie sonst üblich irgendwelche
Arbeitsplatzsicherungen oder Garantien für die demnächst
anstehende Überleitung der DB in eine Börsengesellschaft. Und
sie haben dafür glatt ein Machtmittel in der Hand.
— Zur Relativierung ist die GDL doch auch bereit. Immerhin
stellen sie klar, dass rechtswidrige Streiks für sie nicht infrage
kommen. Die Forderung ist doch auch von dem Ideal getragen, sie
müsste als eine allgemein verträgliche durchsetzbar sein.
Sie sind sich ihrer Machtmittel ziemlich sicher und auch dessen, dass
sie vor den Gerichten Bestand haben. Ein Gericht in NRW hat ihnen zwar
den Streik verboten, dies jedoch mit dem interessanten Argument, dass
der Arbeitgeber gegen die Waffe der Lokführer kein geeignetes
Gegenmittel in Form einer Aussperrung habe. Illegales zu betreiben,
sich gegen irgendwelche Gerichtsurteile zu stellen, wäre
selbstmörderisch, das ist ihnen klar.
Was sagt das über die Republik aus, das so etwas eine einsame
Ausnahme ist – dies gerade im Verhältnis zu den Abschlüssen,
die die beiden großen Gewerkschaften gemacht haben? Die
Unternehmerseite geht mit den Forderungen um, wie es heute in den
Tarifrunden üblich ist. Es ist viel spezieller eine Ausnahme im
Verhältnis zu dem, wie das Unternehmen mit der großen
Mehrheit der eigenen Belegschaft klar gekommen ist, und zu dem, wie sie
dadurch mit den anderen beiden Gewerkschaften aneinander geraten. Diese
beiden machen richtig Stimmung gegen die GDL-Forderung: Unsolidarisch
sei sie, die Eisenbahnerfamilie müsse zusammenbleiben u.Ä.
— Transnet und GDBA haben sich ja extra noch in ihrem
Tarifvertrag auf ihre Feindschaft zur GDL mit der DB geeinigt. Sie
haben sich von der DB zusichern lassen, dass die mit der GDL keinen
besseren Abschluss macht.
Und diese Bestimmung, dass wenn die DB doch einen besseren Abschluss
mit der GDL machen sollte, sie ein Recht auf Nachverhandlung mit der DB
haben, ist absurd. Man könnte meinen, dass sich die beiden schwach
fühlen, was aber unsinnig ist, auch Weichen müssen richtig
gestellt werden. Und wenn dann eine mit einer gescheiten Forderung
vorprescht und sie, statt dabei mitzumachen, genau das Gegenteil
machen, was ist das dann für eine Linie, aus der die GDL ausschert
und die von den anderen hochgehalten wird? Man merkt, die Linie ist,
mit dem Arbeitgeber gemeinsam etwas auszumachen, quasi das Unternehmen
mitzuverwalten. Und das ausgerechnet in einem Moment, in dem schon die
Hedge-Fonds in den Startlöchern stehen, um die DB zu
übernehmen. Diese Klausel ist wie ein Komplott mit den
Arbeitgebern gegen diese Abweichler. Das hat nun auch ein Echo bei der
GDL: Sie nimmt ja selber den Standpunkt ein, dass sie eine Ausnahme
ist, und nimmt nicht einmal rhetorisch in Anspruch, die Avantgarde der
Eisenbahner zu sein. Sie nehmen schon in Anspruch, dass sie ein
unterprivilegierter Stand sind, der um die gerechte Würdigung
seiner Leistung kämpft. Das gehört schon in die
Ausnahmestellung hinein, die diese Gewerkschaft geltend macht.
Dass dieser Streik eine Ausnahme ist, liegt zunächst einmal daran,
was hierzulande Regel ist. Damit hat die Gewerkschaft zunächst
einmal gar nichts mit zu tun, denn die Regel machen die anderen. Sie
besteht in dem Vereinbarungswesen, bei dem die deutschen Gewerkschaften
um ihres Stellenwerts als Verhandlungspartner willen auch noch jede
Verschlechterung mit organisieren und sich bei Verbesserungen
dermaßen bescheiden halten, dass sie als Verbesserung für
die Betroffenen nirgends spürbar werden. Das ist die Regel, zu der
die GDL die Ausnahme ist. Und die andere Seite ist, dass sich die GDL
durchaus auch selber als Ausnahme begreift, dies aber nicht in einem
übermäßig gewerkschaftsradikalen Sinn.
Verallgemeinerungen derart, dass sie die hier zur
Selbstverständlichkeit geronnenen Praktiken der Tarifrunden
angreifen würden, sind von ihr nicht zu hören. Sie haben
schon die Tendenz, sich als die Standesorganisation der
Verantwortungsträger vorzuführen und beziehen diese Forderung
nur auf sich.
Man muss jetzt weiter sehen, wie sie den von ihnen eröffneten
Gegensatz selber verstehen und betreiben wollen.