Termine | Startseite | Impressum
jf 23.7.07 – Das Kosovo und der Zustand auf dem Balkan
Zunächst eine Zustandsbeschreibung oder auch eine
staatstheoretische Einordnung der aktuellen Lage auf dem Balkan,
insbesondere im Kosovo, sowohl bezüglich der politischen und der
ökonomischen Verfasstheit dieses „Gebildes“ als auch seiner
Außenverhältnisse:
Auffällig ist zunächst, dass der
amerikanisch-europäische Durchsetzungswille in das
Kosovo-Affäre gegen Serbien und Russland permanent Thema der
Öffentlichkeit ist. Wieso dem Kosovo vom Westen unbedingt die
Souveränität zugesprochen werden soll, kommt dabei nicht vor.
Welche Elemente von Staatlichkeit oder Nicht-Staatlichkeit dort
existieren, scheint hier nicht zu interessieren.
Einen ‚failing state’ zu gründen, dem alle Elemente von
Staatlichkeit fehlen und dessen innerer Zustand ein einziger
Widerspruch dagegen ist, ist eigentlich ein weltpolitisches Novum.
Die Verfasstheit dieses Gebildes fasst sich zusammen in einer
politischen Führung, die der separatistischen Befreiungsbewegung
UÇK angehörte – die zwar formell aufgelöst wurde –,
deren Leute zudem bei der Polizei und der militärischen
Schutzmacht das Kommando führen. Ein Ergebnis des vom Westen zum
Erfolg geführten nationalistischen Befreiungskampfes der Albaner.
Damit ist auch die Staatsraison auf die Verwirklichung dieses
völkischen Programms festgelegt, die aber dem Staatsauftrag, der
dieser neuen politischen Vertretung von außen aufgemacht wird,
sofort widerspricht. Die Leute, die qua ihrer Herkunft und ihres
Interesses ihren Nationalismus gegenüber der ehemaligen Vormacht
Serbien vertreten, werden vom Westen ins Recht gesetzt, um sich eben
diesen Nationalismus abzugewöhnen. Stattdessen sollen sie ein
multiethnisches Zusammenleben zwischen der serbischen Minderheit und
der albanischen Bevölkerung hinkriegen, die eine keineswegs
Ordnung stiftende Grundlage darstellt. Für eine ökonomische
Wiederherstellung dieser Provinz, in der die Bevölkerung nutzbar
gemacht werden könnte, gibt es keinerlei Anzeichen. Auch der
Westen zeigt kein Interesse an der Herstellung einer ökonomischen
Grundlage für ein ziviles Leben vor Ort.
Zum territorialen Zusammenhalt:
Der nationalistisch begründete Staatsanspruch und die Serbien
abgenommene Kosovo-Provinz passen nicht recht zusammen. Im Norden lebt
immer noch eine serbische Minderheit, die vor Ort sogar die Mehrheit
stellt, als Staatsbürger für den neu zu gründenden Staat
aber gar nicht vorgesehen sind. Erstens werden sie von den Albanern
ausgegrenzt und als Feind betrachtet, deswegen fühlen sie sich
zweitens diesem neuen Staatsgebilde nicht zugehörig.
Umgekehrt ist das Kosovo zu klein für die Staatsraison, die hier
zu ihrem Recht kommen soll. Die derzeitige Situation im Kosovo ist von
vornherein eine Bedrohung des vorstaatlichen Zusammenhalts der
Nachbarstaaten. Die Forderung nach einem vereinigten albanischen Staat
bringt sämtliche völkischen Minderheiten auf die Idee,
unabhängig werden oder wie die bosnischen Serben, sich ihrem
Stammland anschließen zu wollen.
Die Abhilfe gegen den jetzigen Zustand, den keiner der Beteiligten
für richtig hält, soll ausgerechnet mehr von außen
organisierte Unabhängigkeit für dieses Gebilde sein.
Negativ bestimmt sich die jetzige Lage in diesem Gebiet darüber,
dass es kein Volk, kein Gewaltmonopol und keine geklärten
Außenverhältnisse gibt. Es herrscht dagegen eine permanente
Bürgerkriegslage, bei der die Minderheit der Serben, die
früher die respektierten Vertreter des großen Serbien waren,
von der jetzigen Mannschaft der Albaner drangsaliert werden.
Adressaten der Betreuungsmächte sind ehrenwerte, der UÇK
entstammende Politiker. Andere aus diesem Kreis werden z.Zt. in Den
Haag angeklagt. Organisiertes Verbrechen in Verbindung mit Politik wird
schon auch stattfinden. Herrschaft dort beruht zum großen Teil
auf politisch angeeigneter Privatmacht.
Das Besondere an diesem ‚failed state’ ist seine Protektoratsaufsicht.
Neben einem zivilen Kontrollwesen gibt es eine KFOR-Truppe. Das Kosovo
steht also unter einem etablierten, doppelt eingerichteten
Aufsichtskommando.
Zum Außenverhältnis:
Das Kosovo wird den Serben entzogen, aber nicht mit einem vollwertigen
Eigenständigkeitsanspruch versehen. Ein beaufsichtigtes Gebilde,
das zugleich selbst über seine eigenen Grenzen hinweg, sowohl
Richtung Albanien als auch nach Serbien hin eine Art
„Heim-ins-Reich“-Bewegung ist. Zugleich ergeht von den
Kontrollmächten das Verbot dazu.
Die dort eingerissenen Verhältnisse, auch das, was in diesem Land
an Ökonomie noch stattfindet, sind ein Beweis dafür, dass
diese kein alleiniges Ergebnis der dort agierenden Mannschaften sein
können. Kein Interesse vor Ort ist saturiert. Nicht einmal der
albanische Nationalismus, ehedem von Milosevic unterdrückt, dann
von der Nato befreit, darf ausgelebt werden. Die Aufsicht, die solche
Verhältnisse verordnet, setzt im Namen der Stabilität, der
Befriedung ein ziemlich wüstes Programm ins Werk. Eine Einigung
über die künftige Balkanordnung ist auch bei den
Aufsichtsmächten noch nicht in Sicht.
Die ökonomischen Verhältnisse:
Einerseits gibt es ein irgendwie geartetes Überleben, Reste von
Subsistenz. Der Idealismus lautet bei 60 bis 80 %
Arbeitslosigkeit, es gäbe doch etwa 20 % funktionierende
Ökonomie. Der ehedem jugoslawische Sozialismus, der den Kosovo
früher subventionierte, steht nicht mehr zur Verfügung.
Tauschhandel mit landwirtschaftlichen Produkten ist noch zu haben. Die
andere ökonomische Grundlage für den sog. Staatshaushalt wie
für das Überleben eines großen Teils der
Bevölkerung besteht in der Finanzierung der
Protektoratsverwaltung. Soviel stellen die Aufsichtsmächte schon
zur Verfügung, dass die Ordnungsfunktion der EU-Verwaltung und der
KFOR-Truppe adäquat finanziert wird, woran dann eine
Händlergesellschaft partizipieren kann. Dass das die
grundsätzliche ökonomische Unterfütterung dieser
ruinierten Ökonomie ist, belegt schon das maßgebliche Geld,
das im Umlauf ist, nämlich der Euro. Daneben gibt es auf der
Grundlage der Rechtsfreiheit in dieser Region ein blühendes
Drogen‑, Waffen- und Menschenschmuggelgeschäftswesen, die so
genannte organisierte Kriminalität.
— Was soll das Besondere an diesem
Staatsgründungsprogramm sein? Das Kosovo mit aller gewaltsamen
Durchsetzung seines Staatswillens ist dabei doch ein Staat im Entstehen
wie andere auch.
— Solch ein
Staatsgründungsprogramm ist nur die eine Seite des Zustands in
dieser Region. Die Vorstellungen der ehemaligen UÇK-Leute sind
eine Sache, was die Aufsichtsmächte denen aufzwingen ,eine andere.
Die Analyse dieses Gründungsprogramms ist kein falscher
methodischer Vergleich. Der Westen bezeichnet dieses Gebilde als Staat.
In diesem Fall wird jedoch keines der
Staatsgründungsbedürfnisse durchgesetzt, so dass
‚geklärte Verhältnisse’ zustande kämen, sich eine
Volksgruppe durchsetzt und die andere separiert oder gar ausrottet.
Einerseits wird die herrschende Politikerklasse von den
Aufsichtsmächten dauernd eingebremst, andererseits gibt es eine
Minderheit, die sich dauernd benachteiligt fühlt und sich um Hilfe
von Außen bemüht. Die Kontrollmächte entscheiden doch,
inwieweit eine Staatsgründung betrieben wird. Die Bildung einer
anerkannten albanischen Regierung wird nur unter Einbeziehung ihrer
Feinde gebilligt. Die Anerkennung einer Eigenstaatlichkeit wird an die
Bedingung geknüpft, aus dem serbischen Staatsverband nicht
auszutreten. Wie das Zusammenleben in solch einem ‚Staat’ dann
funktioniert, soll albanische Sache sein, die Kontrollmächte sind
nur für die Ordnungsstiftung zuständig. Quelle der
Bereicherung ist allein das Geld, das von außen zur
Aufrechterhaltung der Ordnungsfunktionen kommt. Daneben gibt es im
Norden eine von Serbien subventionierte Dinar-Zone.
— In den letzten Jahren versuchten die
albanischen Politiker bei den Aufsichtsmächten ein Stück
Souveränität für den Kosovo zu erstreiten, die von denen
demokratisches Verhalten forderten. Gewählt wurden dann Leute, die
später in Den Haag angeklagt wurden. In von Serben bewohnten
Gegenden liefen „Säuberungsaktionen“ unter Aufsicht der
Kontrollmächte.
— Die Kontrollmächte sind sich doch im
Klaren, dass sie mit der Anerkennung der Eigenstaatlichkeit die
nächsten Pogrome zulassen würden, wenn nicht eine starke
Aufsichtsmacht für Ordnung sorgt.
Zu sagen, wenn die Außenmächte das nicht täten, dann
ginge die Schlächterei erst recht los, ist keine richtige Auskunft
über die Lage, die wir schon in diesem von den
Außenmächten zum Zusammenleben gezwungenen eigenartigen
staatlichen Gebilde gekennzeichnet hatten. Es mag schon sein, dass sie
übereinander herfielen. Genau mit dieser Begründung, der
humanitären Katastrophe, erfolgte damals der westliche Eingriff.
Danach hat der Westen die Aufsicht über diese völkischen
Positionen übernommen. Er hat nicht verhindert, was die
wahnsinnigen Separatisten losgetreten haben; sondern Serbien
darüber zu zerlegen, hat dem Westen gepasst. Deswegen war er auch
keineswegs der neutrale Reagierer auf einen ethnischen Wahn, sondern
ein entschiedener Parteigänger eines Wahns gegen den andern.
Also wovon ist der heutige Zustand das Resultat, wo sitzen die
entscheidenden Subjekte, das Ergebnis welcher Ordnungspolitik ist das?
Alles, was jetzt dort passiert, ist jedenfalls nicht das Resultat von
völkischem Wahn, den die Mannschaften dort aneinander loslassen,
sondern eines schon laufend politisch betreuten, eben berechnend
mitentschiedenen oder sogar unter Außenkommando subsumierten
völkischen Wahns. Es sind keine neuen Argumente, sondern die
Erinnerung daran, dass das Kosovo das Endprodukt und der aktuelle
Hauptfall einer ganzen Balkanaffäre ist, die Anfang der90er Jahre
angefangen hat mit dem Eingriff von außen in die
Auseinandersetzungen dort. Nationalisten haben offenbar unter gewissen
Umständen das unerfüllte Bedürfnis nach einem eigenen
Staat, das melden sie an. Da gibt es Führer, denen die
Herrschaftsverhältnisse, in denen sie bisher sortiert waren, nicht
mehr passen. Da herrschen nicht die richtigen Figuren über die
richtigen Völker, und das Territorium, das ihnen zusteht. In
Jugoslawien ist nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes ein ganzes altes
Staatskonzept schlagartig vor Ort in Frage gestellt worden. Da
könnte man erklären, dass da vielleicht im alten Jugoslawien
schon gewisse Wurzeln dafür lagen, in der eigentümlichen Art,
wie die damals den Nationalismus befriedet haben, ihn damit zugleich
gebremst und anerkannt haben. Das ist aber Schnee von gestern. Die
Gewaltfrage stand an mit dem Beschluss zur Eigenstaatlichkeit. Das ist
das eine, das andere ist, welches Verhältnis die
Außenmächte dazu einnehmen.
— Die Mittel für ihren unversöhnlichen
Zweck, die Waffen und finanzielle Unterstützung und internationale
Anerkennung haben sie vom Westen bekommen.
Das ist alles kein Geheimnis. Sie haben die Mittel von außen
gekriegt, wurden aber auch umgekehrt von außen gebremst. Was war
der Grund dafür, weshalb die imperialistische Welt gesagt hat, das
ist ein Fall für uns?
— Sie wollten das alte Jugoslawien zerschlagen,
als sozialistisches Land, das relativ große
Rest-Überbleibsel war suspekt. Die Nationalismen unterstützen
und in einzelne Staaten zu zerlegen; Kontrolle über den Balkan zu
haben, das ist der Weltordnungstandpunkt, der herrschte.
Wenn sie Jugoslawien – sozialistisch kann man vergessen – bloß
zerschlagen wollten, könnten sie zufrieden sein – das haben sie
gründlich hinbekommen. Imperialismus heißt aber nicht, alles
zu zerschlagen und dann ist die Welt in Ordnung. Sie wollen doch mehr
als zerhauen. Andersherum gesagt: Was sie sich dort vorgenommen haben,
führt dann zu so etwas. Was sie an die Stelle der alten Ordnung
gesetzt haben, ist 1. nicht das, was sie wollten, und 2. garantiert
kein fein sortiertes Ordnungsprogramm.
— Sie wollten benutzbare und handhabbare
Nationen dort stiften, so wie es vielleicht auch beim Ausnahmefall
Slowenien zu ihrer Zufriedenheit gelungen ist. Da haben sie die
bestehende Ordnung zerschlagen und die fanatischen Nationalisten ins
Recht gesetzt.
Da fehlt die Vermittlung. Es wurde schon kritisiert, dass der Punkt
nicht ist, irgendwann hätten die imperialistischen
Aufsichtsmächte gesagt, uns ist Serbien unerträglich, das
zerschlagen wir. Sie haben die bürgerkriegsähnlichen,
ethnisch begründeten Auseinandersetzungen als Gelegenheit
genommen, sich als Macht über alle Parteien vor Ort zur Geltung zu
bringen. Dafür haben sie die einzelnen Fraktionen unterschiedlich
gefördert, aber nicht, weil man für sie ist, sondern, weil
man sie benutzen will. Genauso wie man über die Zerlegung Serbiens
diesen Staat nicht kaputtmachen, sondern handhabbarer für eigene
Beeinflussung machen wollte. Die Frage ist, was von diesen Berechnungen
aufgegangen ist.
Über völkischen Wahn kann man sich leicht mokieren. Ein Wahn
anderer Natur ist der imperialistischen Wahn bei denen, die diese
Verhältnisse berechnend in die Hand nehmen, wenn die dort
übereinander her fallen. Also nicht einfach zerschlagen, sondern
an die Stelle einer unhandlichen, eines völkisch im Aufruhr
begriffenen jugoslawischen Staates, eine von außen geregelte Welt
von völkisch nationalen Staatsgebilden setzen. So einen
völkischen Wahn zum Hebel für eine selbst gestiftete
Staatenordnung machen zu wollen, sie also ins Recht zu setzen und
zugleich darauf zu verpflichten, dass sie sich in Staatengebilde
sortieren sollen, die ihre Rechte und Grenzen von außen
vorgeschrieben bekommen, das ist nicht imperialistisch alltäglich.
Bei dem Weg der Kooperation mit Staaten, die man darüber
funktionalisiert, dass man sich zu ihnen ins Verhältnis der
Anerkennung setzt, da ist die Anerkennung der Ausgangspunkt und dann
wird Einfluss genommen; ökonomische, politische oder
militärische Abhängigkeiten werden gestiftet. In diesem
ersten Paradefall einer Nach-Ost-West-Weltneuordnung sollte erst
für die Zerschlagung und dann für lauter Staatengebilde
gesorgt werden, die gar nicht anders können, als sich dem Westen
funktional zuzuordnen, weil gleich ins Staatsgebilde selber, in den
Nationalismus, der ins Recht gesetzt und gebremst wird, praktisch das
Außeninteresse implantiert wird. Aus völkischen
Irrenhäusern brauchbare, sortierte, an
Außenbedürfnissen ausgerichtete Staatengebilde zu machen,
das haben sie sich offensichtlich vorgenommen und weil sie da was
losgetreten haben, also auch wieder etwas bremsen mussten, hatten sie
die Leitlinie: Wir nehmen die alten Provinzen Jugoslawiens als Kerne
neuer Staatswesen. Also Bosnien, Kroatien, Serbien usw. hinterher noch
Montenegro oder Mazedonien, nehmen wir als die berechtigten national,
territorial, völkischen Gebilde. Egal, wenn in denen dann
weiterhin ein völkisch buntes Gemisch ist, egal, dass dann
territoriale Ansprüche nicht befriedet werden. Das sind die
Leitlinien unserer Ordnungsvorstellung, die wir denen jetzt zur
Vorschrift machen. Bosnien wäre doch gar nicht anders zustande
gekommen, wenn nicht von außen dieser virulente
kroatisch-serbische Aufteilungsplan unterbunden worden wäre. Also
hieß es, das sind die Grenzen der völkischen Berechtigung,
das stiftet territoriale Sicherheit und Verlässlichkeit, das
stiftet dann auch internationale Anerkennung und Glaubwürdigkeit
dieses Ordnungsprogramms. – Und es stiftet Staaten, die für sich
gar nicht überlebensfähig sind.
Als zweites kommt dann die Frage, wie man diese Ordnung organisiert. Da
hieß das Generalprogramm: Wir sorgen dafür, dass diese
Staaten sich nicht irgendwo falsche Adressaten suchen können,
sondern das sind unsere Gebilde, abhängig und ausgerichtet. Das
kann man auch einen – eben mit ziemlicher Macht ausgestatteten –
Wahn nennen. Dazu kommt: Dieses Programm hat sehr unterschiedliche
Subjekte und Ausformungen, Vorstellungen und Konzepte. Nämlich
zumindest mal eine EU- und eine US-Perspektive.
— Neben dem positiven imperialistischen Bezug
auf die völkischen Interessen vor Ort, hat doch damals noch eine
Rolle gespielt, die von den Zerfallsprodukten der damaligen Sowjetunion
fern zu halten. Ging es da nicht auch schon gegen den potenziellen
russischen Einfluss?
Das haben sie explizit gesagt, dass der entscheidende Grund, warum
ihnen eigentlich Serbien zu unhandlich vorkommt, die Tatsache war, dass
darüber in einer Balkanregion, für die die EU die Patenschaft
übernommen hat, die die EU zu ihrem Sicherheitsraum und
strategischen Bezugspunkt machen wollte, die Russen der störende
Gegner waren. Alle diplomatische Begleitmusik zu dieser ganzen
Unterordnung der Kriegsparteien auf dem Balkan ist vom Westen immer als
Ausmischen der Russen als oberstes Konzept, als gemeinsame Kampflinie
gelaufen. Das ist kein großes Geheimnis.
Heute kommt alles das, was damals schon eine Rolle spielte, wieder
ziemlich klartextmäßig zur Sprache. Die EU-Perspektive war
ein Erweiterungsprogramm 3. Art; mit dem Balkan haben sie den
Übergang zu Europa als imperialistischem Subjekt gemacht. Der
Inhalt dieses imperialistischen Projekts war: Wir sorgen dafür,
dass ein Kleinstaatensammelsurium in eine haltbare, dauerhaft an die EU
angebundene Zone verwandelt wird. Abhängige Gebilde, die sich an
den EU-Regeln friedlichen Verkehrs orientieren und daran ausrichten,
was da als ökonomische und politische Rolle für sie
abfällt. Da war weniger an ökonomischen Zuwachs gedacht,
sondern erst mal an ein Ordnungskonzept, das hieß, wir
nötigen die zu der Perspektive, die sie sowieso schon haben,
nämlich sich für die EU kompatibel zu machen, also deren
Regeln, deren Demokratieanforderungen, deren völkischen
Befriedungsforderungen unterzuordnen und damit EU-Einfluss automatisch
eingebaut in diese Region, existent zu machen. Das hat zugleich den
entscheidenden Übergang eingeschlossen, das Präsentsein als
militärische Macht mit dem Widerspruch und dem Leiden, dass das
nur in Abhängigkeit und Zusammengehen mit der US-Gewalt passiert.
Was die US-Position betrifft, ist es deren eigene Sorte
Rücksichtslosigkeit, zu sagen: Wir wollen der Nato unterstellte
Verhältnisse, eine strategische Einordnung des Balkan, damit die
Russen dauerhaft ausgemischt sind – und was ansonsten da an
Staatsverhältnissen existiert, ist egal, die soll die EU ruhig
unter ihre Fittiche nehmen. Da ist das Kosovo der extremste Fall dieses
Programms noch bevor man die neue Entwicklung betrachtet. Sie sind so
weit gegangen, Serbien mit einem Krieg dieses Gebiet abzunehmen, den
Aufstand vor Ort, der auch nicht von alleine kam, dazu zu benutzen, um
wegen drohender humanitärer Katastrophe Serbien zu bekriegen und
es zu zwingen davon Abstand zu nehmen, dies weiterhin als sein
Hoheitsgebiet zu beanspruchen. Mit der Anerkennung der alten
jugoslawischen Provinzgrenzen als neue Staatsgrenzen , haben sie ein
Ordnungsprogramm für neue Staatsgründungen gehabt – und beim
Kosovo ist das eigentlich schon mit der Entstehung dieses
eigentümlichen Gebildes durchgestrichen gewesen. Das ist von
vornherein als ein UNO- und Nato-Protektorat eigenartiger
völkerrechtlicher Art, fast völkerrechtlicher Schwindel
eingerichtet worden. Faktisch den Serben entzogen, aber noch mit dem
völkerrechtlichen Prinzip der Achtung der Souveränität,
nämlich: Wir regeln da einen ethnischen Konflikt, wir sorgen
für einen dauerhaften Status des Kosovo, der aber seine
Zugehörigkeit zu Serbien nicht über den Haufen werfen soll.
Was waren die Gründe der eigentümlichen UNO-Resolution 1244,
die jetzt zur Debatte steht. Serbien dieses Gebiet aus der Hand nehmen,
faktisch unter UN- = Nato- = EU- und Ami-Hoheit zu stellen und zu
sagen, das machen wir nur, weil die beteiligten Mannschaften vor Ort
sonst mit ihren Konflikten nicht fertig werden, wir respektieren aber
immer noch irgendwie, dass dies ein Teil des serbischen Staatsgebietes
ist. Wenn es da ums bloße Zerschlagen gegangen wäre,
wäre der Fall erledigt gewesen. Es war ein ambitionierteres
Programm, diese Gesichtspunkte werden alle in der jetzigen Debatte
darum, wie man diese Resolution los wird, wieder aufgeführt. Der
offensichtliche Bruch mit dem Völkerrecht wurde damals schon
problematisiert. Es ist von außen gegen den Willen einer
zuständigen Staatsmacht eine internationale Befriedungsmacht
etabliert worden. Zugleich sollte dieser Bruch völkerrechtlich
organisiert sein, das heißt, in einer Art und Weise, dass die
Mächte, die es an geht und auf die es ihnen ankam, dem auch
zustimmen konnten. Die Russen und die Serben sollten sich formell und
offiziell diesem Zustand fügen.
Das zweite Resultat dieser verrückten Ansprüche wird auch
wieder aufgerührt: Der Albaner-Aufruhr, dem man recht gegeben hat,
sollte zugleich eingehegt und beaufsichtigt werden, indem man den
Albanern erst mal nicht Eigenstaatlichkeit versprach, obwohl damals
schon die Dauerhaftigkeit bezweifelt wurde. Es sollten zugleich keine
anderen, störenden nationalen Ambitionen ins Recht gesetzt werden.
Es ist ein von allen Betroffenen anerkanntes, unterschriebenes
Stück Fortschreibung, in völkerrechtlicher Form, nicht
einfach ein gewaltsames Wegnehmen. Soll heißen: Damit stiften wir
eine neue Ordnung, bei der sogar den Serben noch ein Stück Recht
gegeben wird – dass sie nicht auf alle Ansprüche verzichten
müssen. Und den Albanern wird Recht gegeben, aber zugleich die
Grenze gezogen, um die Gefahr, dass sich überall unliebsame,
groß albanische Vorstellungen regen, zu unterbinden.
Ein weg von Serbien und hin zu Albanien wollten die Zuständigen
für den Kosovo nicht. Das wäre der Bruch mit allen Prinzipien
gewesen, auch mit den eigenen. Es ging um die anerkannte Etablierung
von Ordnungsgewalt, die die Verhältnisse sortiert und nicht einer
Mannschaft einseitig Recht gegen alle anderen gibt. Es sollte also auch
die Zustimmung Serbiens dazu mit herbeigeführt werden, um einen
Dauerkrieg zu vermeiden. Die Vorstellung war doch so ambitioniert, dass
sie gesagt haben: Wir vereinen beide Parteien friedlich unter dem Dach
der EU. Sie sollen sich mit der EU-Perspektive in dem Zustand
einrichten und befrieden lassen – und was aus denen letztlich wird,
sieht man dann schon.
Von der Imperialistischen Sichtweise aus ist mit dem Kosovo ein
komisches Konstrukt in die Welt gesetzt worden, das einerseits
hieß, die faktische Abtrennung dokumentiert sich in der
Übertragung der Hoheit auf die albanische Mannschaft. Es gibt eine
vor Ort gewählte Regierung, ein albanisch gewähltes
Parlament, lauter Staatsinstitutionen getrennt von Serbien.
Andererseits ist das überhaupt nur der Unterbau für ein
UN-Protektorat gewesen, das als Auftragsmandat zur politischen
Ordnungsstiftung an die EU und an die Nato übertragen worden ist.
Sich vor Ort als die alleinige Aufsichtsmacht einzusetzen, sich den
Balkan einzuverleiben, das ist nicht das Prinzip, nach dem der
Imperialismus in der letzten Zeit vor sich geht. Der sucht alle seine
Protektoratsunterteile dafür zu funktionalisieren, dass sie sich
aus eigenem Interesse selbständig der Aufsicht und der Betreuung
unterordnen, vielleicht schon deswegen, um den Aufsichtsmächten
Kosten und Lasten dieser Protektoratsverwaltung irgendwann wieder
abzunehmen.
Dem Kosovo soll ein völkerrechtlicher Status gegeben werden, der
ziemlich verrückt ist und sogar einen Bruch des Prinzips
darstellt, wie man diese Nationalismen dort sortieren wollte, nach dem
das Kosovo eigentlich kein Anrecht auf Eigenstaatlichkeit hat. Aber im
alten serbischen Staat bleiben, geht auch nicht. Die allgemeine
Übereinkunft war, dass es nicht um Protektoratsbildung geht,
sondern um das sehr ambitionierte Programm einer Staatenneuordnung aus
entmachteten oder auch mit Rechten und Machtbefugnissen ausgestatteten
Nationalismen. Das geschieht, indem sich die EU als die zuständige
Macht schon bei der Staatsgründung einbaut und dafür sorgen
will, dass diese Gebilde selbständig als Staatenordnung
funktionieren. Dazu hat damals gehört, dass die Serben sich damit
abfinden, sich an einer EU-Perspektive zu orientieren, die ihrerseits
die Kosovo-Frage regelt, also angesichts besserer Perspektiven, die die
EU ihnen biete, nicht mehr auf ihrem Recht auf Regelung zu bestehen.
Genauso soll Albanien darauf verzichten, den Kosovo einzugemeinden und
auch hier heißt die Perspektive EU. Außerdem sollte das
Ganze weltpolitisch, also auch durch Russland, abgesichert sein.
Dafür gab es diese Resolution.
Das Ausmischen der Russen als mitzuständige Aufsichtsmacht ging so
vor sich, dass ihnen zwar auf ihren Antrag hin von der westlichen
Verwaltung ein eigenes Mandatsgebiet zugestanden wurde, aber mitten im
albanischen Zentrum, wo sie so richtig dem Volkszorn der
Bevölkerung ausgesetzt waren und sich schließlich vor ca.
zwei Jahren endgültig als Mit-Aufsichtsmacht aus dem Kosovo
zurückgezogen haben.
Völkerrechtlich wird die Tatsache, dass die EU dieses Gebiet den
Serben faktisch wegnimmt, wie ein zu bewältigender Konflikt
genommen. Es war ein Ordnungsprogramm, das von der EU den Namen
„Standards vor Status“ bekam: der künftige Status des Kosovo soll
erst dann geregelt werden, wenn auf dem Balkan, also auch in Serbien,
Standards eingerichtet sind, die eine allgemein akzeptierte Lösung
der Status-Frage zulassen. In der UNO-Resolution 1244 steht noch, dass
das Kosovo staatsrechtlich nach wie vor zu Serbien gehört, auch
wenn man es ihnen faktisch weggenommen hat und das EU-Programm
hieß: dadurch, dass sich Serbien und das Kosovo an der EU
orientieren und deren Standards zu ihrem nationalen Weiß-Warum
machen, löst sich auch der gegensätzliche Staatsanspruch,
indem die EU ihn löst als anerkannte zuständige
Ober-Ordnungsmacht. Auffällig ist , dass damit Serbien und das
Kosovo auf eine Stufe gestellt werden. Die „Standards vor Status“
gelten nur für den Kosovo, wo es von den Ordnungsmächten
anerkanntermaßen noch strittig ist, welche Form der Staatlichkeit
ihm zusteht und welches Verhältnis Kosovo und Serbien letztendlich
zueinander bekommen sollen; diese offiziell ungeklärte
Status-Frage ist etwas anderes als die Tatsache, dass die einzelnen
Regionen sich als nationale Gebilde als unfertig betrachten, sich
gegeneinander aufstellen und von daher jede Menge Rechnungen
gegeneinander offen haben.
Das skurrile Verfahren der Funktionalisierung eines ins Recht gesetzten
Unter-Nationalismus dadurch, dass er seine eigene Staatsräson ein
Stück aufgibt, indem er die ehemals völkischen Feinde, die
noch in seinem Land leben, als gleichberechtigt akzeptiert, sieht
für jedes dieser Staatsgebilde anders aus: In Bosnien zum Beispiel
sollen sich die drei Völkerschaften –Kroaten, Bosnier und Serben –
zu einem Staatswesen darüber zusammentun, dass sie sich als
Republiken voneinander abgrenzen und gleichzeitig bestimmte Befugnisse
an die Zentrale abgeben. Das sind Verrücktheiten, die aber aus dem
Prinzip kommen, von den jeweiligen Völkerschaften zu verlangen,
dass sie die Fortsetzung ihrer nationalistischen Programme aufgeben und
den von der EU festgelegten Status, ein Staat zu sein, anerkennen
sollen. Im Fall Bosnien sollte eine für die EU/Nato-Aufsicht nicht
brauchbare Einigung zwischen großserbischen und ‑kroatischen
Ansprüchen, die Bosnien aufteilen wollten, verhindert werden,
zugunsten des Festhaltens am rechtlich-formalen Prinzip der Zerlegung
Jugoslawiens entlang seiner innerstaatlichen Grenzen. Das war der
einzige Grund für diese absurde Konstruktion, aber auch die ist
nur ein Fall desselben Befriedungsanspruchs, der von der EU an die mit
einander verfeindeten Mannschaften gestellt wird und der sich nicht mit
einem Protektorat zufrieden gibt.
Die USA hatten ein anderes Programm, nämlich erstens: Die EU soll
den Nato-Auftrag ruhig übernehmen, die USA nehmen die
Zuständigkeit erst einmal gewaltsam in die Hand und den Serben
hinsichtlich Kosovo aus der Hand und organisieren einen
pro-amerikanischen Nationalismus – der Adressat dafür war die
UÇK, deren Staatsgründungsprojekt sie unterstützten –,
auch wenn klar war, dass der später wieder gebremst werden muss.
Zweitens bauten die USA den so ziemlich größten
Militärstützpunkt, den es auf dem Balkan gibt, im Kosovo auf,
das war die Garantie für ihre Präsenz und ihr strategisches
Interesses an der Gegend. Weil die Beteiligten vor Ort gerade mit und
unter diesem Kommando aneinander geraten – teils passen sie sich
berechnend an, teils sind sie schon aufgehetzt oder werden es noch
durch das Programm und die Gegensätze der imperialistischen
Staaten – sind die Ordnungsmächte vor Ort dauernd damit
beschäftigt und konstatieren das als unhaltbaren Zustand. Es
braucht also eine bessere Perspektive, die eine Balkan-Ordnung stiftet
und den Fall Kosovo einer dauerhaften Lösung zuführt. Die USA
haben durchgesetzt, dass das Programm „Standard vor Status“ erledigt
ist. Jetzt soll die Lösung sein, dass man dem Kosovo erst einmal
einen dauerhaften Status verpasst und dann beschäftigt man sich
mit den Standards, soweit sie sich über die neuen Perspektiven
nicht eh schon ergeben. Sie gaben sich belehrt durch das Rumoren das
Kosovo-Albaner (aber nicht durch das der Serben) und propagieren, dass
das, was faktisch gilt, auch zum gültigen Status gemacht werden
soll, das heißt einerseits: Das Kosovo gehört nicht mehr zu
Serbien, also soll das auch zum anerkannten Status werden, damit ist es
aber andererseits kein unabhängiges Staatswesen, sondern ein
gestiftetes und beaufsichtigtes Gebilde. Ein Ordnungsmodell mit neuem
völkerrechtlichem Status wird inszeniert samt dem
dazugehörenden diplomatischen Verkehr, der nur darum geht, ob es
gelingt, dieses neue Programm, das eine Korrektur der alten, noch
serbische Hoheitsrechte anerkennenden UNO-Resolution sein soll,
durchzusetzen.
Das Pogrom an den Serben in 2004 wird immer als Beleg dafür
genommen, dass das alte Programm gescheitert ist. Dass das eine
Lüge ist, haben auch die Russen bemerkt, die auf Nord-Zypern und
Nord-Irland verweisen, wo es seit 30 Jahren so geht. Warum jetzt diese
Eile? Weil es eine Entscheidung ist, die schon sehr dominant von den
USA gefällt worden ist. Vor dieser Entscheidung gab es die
Ahtisaari-Verhandlungen, die vom Standpunkt des Westens aus den Mangel
hatten, dass ein Stück weit dem eigentlich schon beseitigten
serbischen Mit-Anspruch Recht gegeben wird und gleichzeitig die Russen
noch bei dem Ganzen mitbestimmungsbefugt sind. Das wollen die
westlichen Staaten so nicht mehr, aber sie wollen dafür die
Zustimmung der Serben und der Russen als Garantiemacht Serbiens
über ihre Stimme im UNO-Sicherheitsrat haben. Die Zuspitzung ist
jetzt, dass die Serben in Putin einen entschiedenen Verteidiger
gefunden haben – Russland nimmt es nämlich als eine weltpolitische
Konfrontation. Denn diese Sorte Lösung, die da vorgesehen ist,
heißt ja, dass die USA künftig der Veto-Stimme Russlands
keine sonderliche Bedeutung mehr zuweisen. Das ist die diplomatische
Ebene, weswegen es in der UNO keine Lösung gegeben hat. Die
Verhandlungen wurden in die Kosovo-Kontaktgruppe verlagert, was vom
Standpunkt des Westens den Vorteil hatte, dass man das russische Veto
umging. Der russische Standpunkt ist, dass man Zeit gewonnen habe und
der Westen eingesehen habe, dass es noch Verhandlungen braucht und sie
die einseitige Entscheidung der USA verhindert hätten. Wie weit
diese ihre Entscheidung allerdings schon praktizieren, merkt man an
Auslassungen von Rice der Art, dass wenn sich die Kosovo-Albaner
einseitig für unabhängig erklären, die Amerikaner das
(nach einer Frist) anerkennen. Das als Aussage im Vorfeld von
Verhandlungen gemacht, zeigt, dass sich die USA als die Paten der jetzt
zur Debatte stehenden Unabhängigkeit des Kosovo sehen, was
natürlich entsprechende Konsequenzen für die
Verhandlungsbereitschaft der Albaner hat.
Das Urteil v.a. der USA, dass im Kosovo ein unhaltbarer Zustand
herrsche, ist die Aufkündigung der Weise, wie sie mal den Kosovo
übernommen haben. Sie reden imperialistischen Klartext, wenn sie
sagen, dass eine Ordnung für den Balkan und den Kosovo nur
zustande kommt, wenn die immer noch anerkannten konkurrierenden
Ansprüche weg sind und das Gebilde eigenstaatlich ist, will
heißen: unter unserem Kommando steht. Alle Bedenken der Art, dass
es dann in anderen Völkerschaften wieder Anlass für Unruhen
gibt, dass sich zum Beispiel die Albaner in Mazedonien aufgestellt
fühlen oder es in Bosnien neu losgeht, sind damit vielleicht nicht
aus der Welt, aber für nachrangig erklärt. Alle Bedenken,
alle Rücksichtnahmen und Schranken, die es anfangs noch gab, haben
dahinter zurückzutreten. Darüber wird das Kosovo zu einem
imperialistischen Konfliktfall erster Güte. Denn er wird zum
Exempel für die unverträglichen Konkurrenzansprüche,
deutlich geworden am US-Vorgehen im Kosovo und deren demonstrative
Rücksichtslosigkeit, mit der das durchgezogen wurde bis dahin,
dass sie das Ergebnis der Diplomatie, auf die sie sich noch einlassen
wollen, vorgeben, nämlich Selbständigkeit des Kosovo,
möglichst mit UNO-Unterschrift, aber wenn nicht, dann anerkennt
die USA im Alleingang den Kosovo und daran können sich dann die
anderen Staaten abarbeiten. Also sollen die lieber per Diplomatie
versuchen, die Modalitäten ein bisschen zu verändern, aber
eigentlich steht der Beschluss der USA fest, dessen Folgen für den
Kosovo und Umgebung ihnen ziemlich gleichgültig ist, Hauptsache,
sie sind drin und Russen und Serbien ausgemischt. Die EU sieht mit dem
US-Vorgehen ihr „Standards vor Status“-Programm und damit ihre
Zuständigkeit für die Gegend ad acta gelegt oder zumindest
ziemlich relativiert. Die Lage dort ist wieder eskaliert zu einer von
der EU nicht zu beherrschenden Gewaltfrage, wobei die EU nicht an der
Gewaltfrage scheitert, die die Betroffenen vor Ort in die Welt setzen,
sondern an dem, was von den USA durch ihr Programm daraus gemacht wird.
Die EU hat also keineswegs das Kommando über eine von ihr
abhängige Staatenregion erobert, sie hat dem Programm der USA kein
eigenes imperialistisches Programm entgegenzusetzen. Die
Balkanländer sortieren sich nicht zu Europa. Russland kämpft
um Einflussnahme in der Region und wehrt sich gegen den
Unilateralismus, der von den USA im Kosovo in die Welt gesetzt worden
ist und beruft sich auf seine Veto-Macht in der UNO.
— Das ist ein Appell Russlands an alle
Staaten, die ihrerseits unter US-Diktaten zu leiden haben; denen
empfiehlt sich Russland als Verteidiger ihrer legitimen Interessen und
dieser Gegensatz macht den Zwiespalt in der EU so richtig virulent.
Die EU-Staaten sind auf verschiedene Weise Betroffene das Kosovo-Frage,
teilweise sind sie selbst Objekte von separatistischen Umtrieben,
sodass z.B. für Spanien die Frage ist, ob da nicht ein
Separatismus ins Recht gesetzt wird, über den es mit den eigenen
separatistischen Bewegungen Schwierigkeiten bekommt. Diese Frage wird
viel niedriger gehängt als die der imperialistischen
Zuständigkeit vor Ort. Außerdem gibt es in den EU-Staaten
verschiedene Stellungen zu dem Ansinnen der USA, die russischen
Einwände bezüglich der Unabhängigkeit des Kosovo zu
übergehen; GB stellt sich hinter die USA und die anderen Staaten
ringen darum, wie sie diesem Gegensatz eine für Europa handliche
Form geben, wenn schon das ehemalige Programm, ein Stück
europäischer Balkanregion zu etablieren und zwar mit Zustimmung
der davon betroffenen Konkurrenzmächte, konterkariert wird durch
das US-Ordnungskonzept, das alle bisher gezogenen Grenzen dieser
Balkan-Staatlichkeiten wieder in Frage stellt. Schließlich sind
die Europäer auch noch davon betroffen, dass die Regelung des
Kosovo eventuell gar nicht mehr über die UNO läuft, dabei war
diese doch die Mandats-Rückversicherung eines europäischen
Herumfuhrwerkens, für das sie die militärische
Größe von Anfang an gar nicht gehabt hat.
Die Zustände im Kosovo, die diversen Regelungsfragen vor Ort, die
unter dem Stichwort ‚Ordnung’ laufen, sind das Material eines
gegenwärtig nicht zu befriedenden Gegensatzes der
imperialistischen Mächte, ihrer Konkurrenz um Zuständigkeit
in der Balkan-Region und für Regions- und Ordnungsfragen im
Allgemeinen.