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Jour fixe München 25.6.2007
1. Anfragen zur
Methodik bei der politischen Agitation
2. Gründung
der neuen Links-Partei
3. Zum
Artikel: „EU 2007 – Fortschritte und Verlegenheiten des Projekts
‚Weltmacht Europa‘“ in GegenStandpunkt 2 07 (S. 4)
1. Anfragen zur Methodik bei der politischen
Agitation
Auf die Anfrage,
wie in einer politischen Debatte mit Bürgern vorzugehen sei,
wurde der Hinweis gegeben, zunächst deren Interessen und
Fragestellungen zu erkunden, herauszubekommen, was diese Leute
umtreibt, und sie nicht mit kommunistischen Argumenten und ihre
Verpflichtung darauf zu überfordern bzw. zu verprellen.
Empfehlungen für Debatten und Diskussionen werden nicht gegeben.
— In der
Debatte mit einem katholischen Priester war ich über die
Missstände in Süd- und Mittelamerika theoretisch schnell
einig bzgl. der Kritik am dortigen imperialistischen Werk der USA.
Im
Gespräch mit einem katholischen Priester (der auch noch vor Ort
aktiv war/ist) über die Missstände in Mittel- und
Lateinamerika und deren Gründen kann die Einigkeit bzgl. einer
Imperialismuskritik nicht groß gewesen sein, wenn die
Selbstorganisation von Bauern, angeleitet durch die Kirche, der erste
Schritt zu einem als gemeinsam festgestellten Ziel sein soll. Den
imperialistischen Verhältnissen ist nur dort beizukommen, wo sie
gemacht werden, und nicht dort, wo sich die Opfer befinden, weshalb
das Gutheißen dessen, was die Kirche in Mittelamerika macht,
nichts zu einer Imperialismuskritik beiträgt.
2. Die Linke
Die Kritik, die
Linke hätte sich gegründet und wolle später einen
Programmparteitag durchführen, führt in die Irre.
Tatsächlich wurde das Programm dieser Partei in den Reden der
Führung – Gysi, Lafontaine und Bisky – schon sehr präzise
ausgebreitet.
— Ein Programmpunkt heißt,
die Stelle, die die SPD mit ihrem neoliberalen Programm aufgegeben hat,
zu besetzen, wofür es viele Stimmen unbefriedigter Wähler
abzuholen gebe.
Wie lautet dazu
die Kritik, wenn dies ein Werbemittel sein soll?
— Die Linke
sieht die Chance, den demokratischen Sozialismus wieder zu
inszenieren, weil den deutschen Arbeitern und Paupers eine richtige
politische Vertretung abhanden gekommen ist. Dazu ist zu sagen, dass
wir eine solche politische Vertretung doch lange genug hatten und man
sich nur anschauen muss, was diese alles zustande brachten. Zu
kritisieren ist die Vorstellung, Arbeiterinteressen bräuchten
eine Vertretung.
Wir wollen nicht
die Linkspartei mit der SPD kritisieren. Mit diesem zweiten Punkt ist
man weg vom methodischen Werben der Linken und dabei, was
sozialdemokratische Politik ist.
Eine
Kritik der Linken in der Form, dass sie doch all das wieder
einführen
wollen, wofür die SPD einmal stand, man aber doch sehen
könne,
wohin es die SPD mit ihrer Regierungsbeteiligung gebracht hat, ist
ein schlechtes Argument. Immerhin sagt die Linke doch, die SPD habe
ihre sozialdemokratischen Positionen aufgegeben, verraten, und die
Linke wolle diese wieder in die Politik einführen und besser
vertreten.
— Sozialdemokratische
Positionen wie die Anpassung von Hartz IV an das frühere
Arbeitslosengeld oder die Anhebung der Renten sind nicht nur
schäbige
quantitative Verbesserungen, sondern schließen auch die
Selbstverständlichkeit ein, Leute nach lebenslanger Arbeit in
die Lage zu bringen, von Rente, von staatlicher Zuweisung leben zu
müssen. Die ganze Selbstverständlichkeit der proletarischen
Existenz ist für sie gar keine Frage.
Die Kritik an
dieser Linken, sie sei kein Feind des Kapitalismus, ist entschieden
zu solidarisch, da sie selbst betonen, einen ordentlichen,
sozialstaatlichen Kapitalismus zu wollen.
— Sind die
Linken anders zu kritisieren als die Revis, die den Klassengegensatz
in ein Verteilungsproblem verwandelten?
Es
ist eine andere Kritik erforderlich, weil die Linke keine Revis sind.
Ein klassischer revisionistischer Kommunist bietet allemal noch
Ansatzpunkte für eine solidarische Kritik. Man kann ihm zugute
halten, etwas gegen den Kapitalismus zu haben, ihn fragen, ob er
wüsste, wogegen er eigentlich sei und ob man sich über die
Verelendungstheorie von Marx einig werden könnte. Eine solche
Debatte verbietet sich mit einer Partei, die sich dazu bekennt, auf
den alten Stand der Arbeitslosenversicherung zurückkehren und
der deutschen Arbeitskraft ihre Würde zurückgeben zu
wollen. Bei Sozialdemokraten erlahmt allmählich der
Gesichtspunkt, dass doch alle etwas gegen das Elend hätten. Im
Gegensatz zur Linken könnte man dem Revi noch den Vorwurf
machen, alles Elend in Gerechtigkeit übersetzen zu wollen.
— Lafontaine
stellt doch den Befund vor, die Politik der sozialen Ausgrenzung sei
schädlich für den Zustand der Republik. Darin ist das
Interesse des Staates, der Unternehmer und der Ausgegrenzten
zusammengeschlossen. Und die Linke steht für eine Politik, die
dieses ändert und für sich daraus einen politischen Auftrag
bastelt.
Darin
steckt dieses Quidproquo: Man macht sich zum Anwalt der Interessen
der schlecht gestellten Menschheit und begutachtet deren Schaden als
Bestandteil eines ganz allgemeinen Schadens, nämlich des ganzen
Gemeinwesens. Das Interesse, für das man sich erst einmal
solidarisch erklärt, wird in eine Angelegenheit verwandelt, die
an eine Funktion dieser Leute anknüpft. Zunächst heißt
es, den Leuten würde geschadet, und daran schließt sich
an, inwiefern, nämlich bezüglich ihrer nützlichen
Funktion innerhalb der kapitalistischen Volkswirtschaft. Darin steckt
zum einen eine Verschiebung, die anders beschaffen ist, als nur zu
sagen, die Linken würden den wirklichen Grund nicht erwischen.
Zum anderen hat sie den Charakter eines Betrugs. Sie reden zwar die
Leute an, als wären sie die Subjekte ihres Daseins, als machte
man sich mit ihnen als welche gemein, die in dieser Welt zu nichts
kommen, und sofort wird gar nicht deren Standpunkt
eingenommen und etwas daraus gemacht, sondern der Standpunkt der
Betreuung der Armut. Der allgemein sozialdemokratische Schwindel ist
die Verschiebung von der Parteinahme für ein geschädigtes
Interesse zum Standpunkt der hoheitlichen Begutachtung und Betreuung
dieses Interesses.
— Die Linke
spekuliert schon damit herum, Mehrheitsbeschaffer für die SPD zu
werden. Wenn sie nur ordentlich gewählt würde, könnte
sie zusammen mit der SPD an die Macht kommen.
Vertagen
wir noch einen Moment die Argumente, sie würden eine Lücke
der SPD füllen und dadurch die SPD wieder auf ihren richtigen
Weg zerren. Das ist wie das Programm, sich überflüssig zu
machen; das ist die lächerliche Seite. Sie nehmen einerseits den
Schwenk der SPD für sich zum Grund einer Parteigründung und
andererseits wie eine zeitweilige Geschmacksverirrung, die wieder
rausgekürzt werden könnte. Jetzt sind wir aber noch bei dem
Punkt, was die Linke eigentlich den Wählern bietet, was das
alles einschließt, beschädigte Arbeiter- und
Arbeitsloseninteressen anzusprechen und sie gleich zu politisieren
als Objekt hoheitlicher Betreuung. Hier liegt also ein ganz anderer
Blick auf das geschädigte Interesse vor. Zu sagen, die Leute
bräuchten mehr Geld, ist gegenüber der Aussage, die Instanz
zu verwalten, die
darüber
befindet, wie viel Geld jemand bekommt, ein radikaler
Standpunktwechsel. Es gilt also klar zu machen, was „gute
Herrschaft“, die die Linke verspricht, ist.
„Gute
Herrschaft“ ist schon die halbe Kritik daran, denn dass sie selber
Herrschaft ausüben, würde die Linke nie und nimmer zugeben.
Viel lieber verwenden sie Vokabeln wie „betreuen“, „kümmern“,
„wir sind die besseren Hausväter unseres Gemeinwesens“ usw.
Unter dem Gesichtspunkt kommen dann alle möglichen Interessen in
einen Topf. Das Interesse, das ein armer Mensch an Geld hat, ist eine
andere Sorte Interesse, als das einer Betreuungsinstanz, die dafür
sorgt, dass die vielen in der Gesellschaft irgendein Auskommen haben.
Das ist der Knackpunkt in der Kritik dieses sozialdemokratischen
Mistes.
Was
ist dazu zu sagen, wenn sie den Kapitalismus menschenfreundlich
einrichten wollen? Es ist ein Unterschied, zu sagen, dass hier
Interessen im Kapitalismus untergehen, die doch zur Geltung gebracht
werden müssten, oder den Kapitalismus zu nehmen und ihn
menschenfreundlich einzurichten, so dass dann die Leute mit ihren
geschädigten Interessen als Versatzstücke, als
Funktionäre
dieses Systems in Betracht gezogen werden. Dann zählen nicht die
Bedürfnisse der Leute, sondern ihre Kaufkraft, die sich das
Kapital nicht entgehen lassen sollte. Der Zynismus des
Kaufkraftarguments ist die Grundlage der Maßstäbe,
die dann zur Anwendung kommen.
Es ist nicht so,
dass die Linke die Betreuung bloß heuchelt. Sie macht vielmehr
den Übergang von der Parteinahme für die geschädigten
Interessen zum Standpunkt der Instanz, die über das Ausmaß
der Schädigung entscheidet.
— Sie
sagen, dass die Schädigung der Interessen eine Trennung von
Politik und Interesse zustande bringt, die zum Schaden der Politik
führt. Den Beleg dafür finden sie darin, dass es rechte
Politik gibt. Deshalb bräuchte es die Linke, die diese Trennung
aufhebt.
So wie die Leute derzeit behandelt
werden, wundert sich die Linke vom Standpunkt eines ordentlichen
Gemeinwesens betrachtet nicht über das Abdriften der Leute nach
rechts. Dieser nimmt die Leute gar nicht bei ihrem Interesse, sondern
reflektiert auf ihre politische Funktion als Wähler oder eben
als randalierende Massen. Den Leuten wird eine Betreuung unter dem
Gesichtspunkt, dann ihrer staatsbürgerlichen Aufgabe,
anständige
Wähler zu sein, besser nachkommen zu können, angeboten.
Wenn das kein Quidproquo ist.
— Die Links-Partei setzt wie alle
anderen Parteien den Kapitalismus als notwendig voraus – die
Wirtschaft schafft die Sachzwänge, das ist alles ganz
natürlich
–, der nächste Schritt ist, dies menschlicher hinzukriegen.
Darin unterscheidet sie sich nicht
allzu sehr von anderen Parteien. Jetzt geht es darum, die Gemeinheit
kenntlich zu machen, die darin liegt, Menschen bei ihrem Interesse
anzusprechen und ihnen dann den Standpunkt zu vermitteln, ihr eigenes
Interesse vom Standpunkt der Herrschaft oder auch der Kapitalisten
betrachten zu sollen. Darauf zielt die Kritik: auf den
Standpunktwechsel, den die Politisierung eines Interesses
bedeutet. Sie politisieren die Leute, indem sie mit einem
Verbesserungsprogramm für die Herrschaft daherkommen. Mit dem
Versprechen, den Kapitalismus so zu managen, dass er die Interessen
der Leute befriedigt, ist immer die Übersetzung dieser in solche
des Gemeinwesens geleistet. Wobei das, was die dann so viel besser
managen können wollen, nämlich z. B. statt Hartz IV
das alte Arbeitslosengeld und daneben die Sozialhilfe wie anno 1995
wieder einzuführen, so trostlos bescheiden ist. Dieses nicht als
Sachzwang, an dem sich manches bricht, zu formulieren, sondern damit
den Kapitalismus lebenswert machen zu wollen, ist ein Punkt, an dem
man sie blamieren kann. Der Hauptpunkt der Kritik ist der Übergang
der Linkspartei zum Verwalter dieser Sachzwänge. Es ist
nun mal ein großer Unterschied, ob man ein Problem hat
oder für die Obrigkeit ein Problem ist. Mit der
Links-Partei wählen die Leute eine Instanz, in der sie als
Betreuungsproblem gut aufgehoben sind.
Grundsätzlich reiht sich die
Linkspartei in das Spektrum bürgerlicher Parteien ein; sie
unterscheiden sich darin, die Ernsthaftigkeit des sozialen
Standpunkts, der in dieser Republik fehle, für sich zu
reklamieren. Sie führen die Trostlosigkeit der Kritik an der
Politik vom Standpunkt des Sozialen vor, den man im Kapitalismus
etablieren müsse und worauf die Leute ein Anrecht hätten.
Mit der Aussage, man vertrete soziale Belange, wird der
Zusammenschluss der Schädigung der Leute mit dem Schaden für
die Republik gemacht, eingetreten wegen zu viel Betreuung des
Kapitals. Dann folgt das Versprechen, die Leute mit ihren
Armutsproblemen sozialverträglich aufzufangen. Gegen die Armut
als Problem der Republik und gegen die Arbeitslosigkeit als
volkswirtschaftlichen Schaden wird das Kaufkraftargument gehalten.
Gysi argumentiert sicher nicht
taktisch, wenn er stolz darauf ist, er und die PDS hätten ein
Abdriften nach rechts in der Ex-DDR verhindert. Daran merkt man, dass
er Verständnis dafür hat, soziale Betroffenheit würde
einen Nationalismus allzu brauner Couleur provozieren, so dass solche
Leute wieder auf die richtige Bahn – die des Wählers –
zurückgeführt werden müssen mit dem Versprechen, als
ehemalige ‚Ost-Partei‘ eine wirkliche Einheit Deutschlands unter
dem Gesichtspunkt der sozialen Frage herbeizuführen; denn nur
sie löse alle Probleme, die die Republik mit sich, ihren
Bürgern, der Armut und den Rechtsradikalen habe. Dieses Programm
einer verbesserten Betreuung der sozialen Frage nimmt folgerichtig an
einer früheren, erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft Maß.
— Die
politische Herrschaft und das Kapital als Reichtumsmaschine kriegen
doch in diesem Programm das Kompliment ausgesprochen, zu einem
positiven Gemeinwesen kommen zu können, wenn man sie etwas
anders bewirtschaftete und die Opfer anders managte. Die existenten
gesellschaftlichen Rollen werden unter ein Verbesserungswesen
gestellt mit dem Ziel einer schonenderen Armut.
Die heutige Abweichung nach links im
Spektrum der Parteien ist einerseits, ein Verbesserungswesen im
laufenden Getriebe einrichten zu wollen mit dem Versprechen, die
Leute wären damit gut aufgehoben, andererseits ein offizielles
Bekenntnis, das Gemeinwesen insgesamt in Ordnung zu bringen; denn
eine ordentliche Nation müsse auch den schlechter Gestellten
eine Heimat bieten. Sie fühlen sich als Fürsprecher der
Entrechteten und handeln in dem Bewusstsein, gegen die
Schädigungen
vorzugehen, weshalb es nicht richtig ist zu sagen, sie
würden
diese als selbstverständlich akzeptieren und nur ein bisschen
mildern wollen. Der Übergang vom Wohlergehen der Leute zu ihrem
Wohlergehen als Manövriermasse der Nation ist allgemein
als solcher so selbstverständlich wie nicht gewusst. Die
Verwechslung findet laufend statt, aber es ist immer noch die
Verwechslung zwischen zwei Sachen – den Menschen, der wirklich
zufrieden damit ist, ein Deutscher zu sein, gibt es nicht, nicht
einmal bei den Rechten, die das immer herauskrakeelen. Auch die leben
nicht davon, deutsch zu sein, sondern davon, Geld zu haben. Auch sie
unterliegen einer gewissen Verwechslung, wenn sie ihre sozialen
für
nationale Probleme halten. Die Verwechslung der Rechtsradikalen ist
vielleicht etwas gröber, aber von derselben Art wie die der
Links-Partei, wenn sie ihren Wählern zumutet, ihre sozialen
Probleme für ein Betreuungsproblem der Obrigkeit zu halten, das
die SPD vermurkst hat und das sie wieder in Ordnung bringen wolle.
Die Kritik, die Links-Partei lüge,
unterstellt, sie verspreche mehr, als sie dann halten wolle, trifft
also die Sache nicht. In dem Versprechen selber liegt schon diese
gemeine Übersetzungsleistung. Bei einem Rechtsradikalen leuchtet
es einem gleich ein, wenn er sagt, seine sozialen Probleme beruhten
darauf, dass Deutschland nicht in Ordnung sei. Im Prinzip sagt die
PDS dasselbe, nur dass sie ein wunderbares Gemeinwesen beschwört,
in dem die Gedemütigten neben den Kleingewerbetreibenden auch
ihre Heimat haben sollen. Auf Deutschland kommt sie dann auch noch,
wenn sie sich darüber freut, mit dem Zusammenschluss der beiden
Parteien Deutschland wieder geeint zu haben. Das sind die expliziten
Übergänge in einen puren Staatsstandpunkt und es ist ein
Hinweis auf die Trostlosigkeit ihrer Wählerklientel, wenn sie es
nicht nur mit dem Versprechen seiner Besserstellung betören will
und kann, sondern auch mit der damit automatisch einhergehenden
Besserstellung des Gemeinwesens Deutschland, in dem dann alles seinen
gemütlichen nationalen Gang geht.
Den SPD-Standpunkt – wir sind die
besten Betreuer der Elenden in dieser Gesellschaft – einmal
abgewickelt, präsentiert sich die Links-Partei v. a. in
Form ihrer drei Führungsfiguren als eine, die damit einen
übergeordneten Staatsauftrag erfüllt, den sie mit
der Notwendigkeit der Besetzung einer sozialdemokratischen Position
ebenso begründet wie mit dem Hinweis, jedes Land in Europa habe
eine Linke, nur Deutschland nicht, also müsse die Links-Partei
her. Dieser Verein ist stolz darauf, Lückenbüßer
für
die SPD und Freund einer gesamtmenschheitlichen Heimat Deutschland zu
sein und er wirbt mit der Erfüllung dieses übergeordneten
Auftrags, für den ja sonst keiner bereit stehe.
Dementsprechend reagiert die Linke auf
die Bespitzelung durch den Verfassungsschutz, die sie unwürdig
findet, weil sie gegen das falsche Objekt gehe. Das habe die
Links-Partei nicht verdient, als verfassungsfeindlich (verdächtig,
weil früher Kommunisten) aus den Reihen der respektablen
Parteien ausgeschlossen zu werden. Mit der Beteuerung, links
aber nicht linksradikal zu sein, weist sie die Vermutung einer
wie auch immer gearteten gegnerischen Position zurück. Eine
Differenz zu den etablierten Parteien besteht darin, dass sie
behauptet, sie repräsentiere das eigentliche Deutschland,
während die anderen Parteien, namentlich die SPD, den Standpunkt
verraten hätten, Deutschland gehöre sich sozial und damit
gut organisiert. Den Anfeindungen von Presse und anderen Parteien
begegnet sie offensiv werbend, eine Partei wie die ihre gehöre
zum Parteienspektrum, weil sie wie die anderen auch am Vorankommen
der Nation arbeite. Sie stellt sich als Partei vor, und ihre
Parteilichkeit ist ein Derivat aus ihrem gesamtpolitischen Auftrag,
den sie erfüllt. Das ist eine Heuchelei, die jede Partei
beherrscht, wenn sie sagt, sie sei nicht nur Partei, sondern
eigentlich sowieso das große Ganze (Bsp. FDP, wenn sie sagt,
sie sei eigentlich keine Partei, sondern die – gute, anständige
– Mitte). Bei der Links-Partei kommt noch der skurrile Überbau
– ‚es braucht uns, weil die SPD es nicht mehr erledigt‘ –
hinzu. Sätze, die auf ‚Systemüberwindung’ gehen, sind
einerseits der Existenz alter Genossen geschuldet, sollen
andererseits den Pluralismus dieser Partei dokumentieren, die
niemanden ausschließe, auch nicht die jungen, idealistischen
Wirrköpfe, womit schon wieder ein Dienst an der Republik
geleistet ist.
Die Hetze der Medien hat ihren Grund
nicht in irgendwelchen Befürchtungen wegen der
systemüberwindenden Politik der Links-Partei – dass dem nicht
so ist, merken die auch –, aber sie stört die gewohnte
Parteienlandschaft (genau wie seinerzeit die Grünen, als sie mit
ihren Öko- und Gerechtigkeitssprüchen antraten) und sind da
ein neuer Konkurrent. Der schärfste Vorwurf sowohl seitens der
Medien als auch der konkurrierenden Parteien ist deshalb der des
‚Populismus‘, will heißen: Die nehmen den anderen Parteien
beim Wettstreit um die politische Betreuung der Unzufriedenheit glatt
ein paar werbeträchtige Slogans weg! Die Giftigkeit der
Kontroversen lässt sowohl einen Schluss auf das Ärgernis
zu, das die Links-Partei vor allem für die SPD darstellt als
auch einen prinzipiellen auf die Art des Umgangs von Demokraten
miteinander…
3. Zum Artikel: „EU 2007 –
Fortschritte und
Verlegenheiten des Projekts ‚Weltmacht Europa‘“ in
GegenStandpunkt 2 07
Kurzgefasste These, über die man
das nächste Mal weiterdiskutieren kann:
Sowohl das Programm der
Gipfelveranstaltung, einen neuen Verfassungsvertrag zu machen und
damit Europa aus seiner Erstarrung zu lösen, wie auch dessen
Ergebnis gehören in die Abteilung Bemühen um die
Glaubwürdigkeit eines Scheins, Europa sei ein
imperialistisch handlungsfähiges Subjekt. Inwiefern das ein
Schein ist und inwiefern das Bemühen um die Glaubwürdigkeit
dieses Scheins Inhalt europäischer Politik ist – sogar noch
mit der Fortsetzung, sie handle so, als wäre die Beglaubigung
dieses Scheins ein Weg, diesen wahr zu machen –, wäre zu
überprüfen.
Die Frage, ob in dem
Majorisierungsanliegen mit der Ablehnung der Quadratwurzel nicht doch
eine antipolnische Gemeinheit steckt, beantwortet der Artikel mit
einem entschiedenen Nein.