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Jour fixe München
11.06.2007
1. Nachfrage zu Putin
2. G8-Gipfel
(S. 2)
— Dass die
Politik Russlands von Presse und Politikern hierzulande nur
negativ und sachlich unzutreffend beurteilt wird, wird im Artikel
GegenStandpunkt 1 07, S. 37 damit begründet,
dass Russland als Neueinsteiger eigene Rechte geltend macht und damit
die etablierten Imperialisten stört. Das genügt mir nicht
als Erklärung der Vehemenz der ständigen Hetze. Früher
hieß es immer, das Schlimme an den Sowjets sei, uns nicht
‚reinzulassen‘. Jetzt, wo sie genau so sein wollen wie wir, ist
es auch nicht recht. Woher kommt der Umschwung?
Als Imperialist
ist man damit eben nicht zufrieden, wenn einer das Gleiche macht.
Wenn es erstens um Weltmarktpositionen, die erfolgreiche Rolle
des nationalen Geldes in der Konkurrenz, und zweitens um die Position
in der Hierarchie der Weltmächte geht, dann ist Streben
nach Gleichheit der Generalvorwurf an eine solche Macht, weil sie das
bestehende Monopol bestreitet.
Einen
gleichgewichtigen Imperialisten stellte sich der Westen bei der
Auflösung nicht vor. Dem alten System wurde vorgeworfen, sich
dem Weltmarkt zu entziehen und als Macht eine erfolgreiche Konkurrenz
zustande gebracht zu haben, dem neuen Russland wird eine
imperialistische Position in der Hierarchie gar nicht mehr
zugestanden. Als besonderes Zusatzargument wird benannt, die Russen
hätten sich doch zum Kapitalismus bekehrt und mit der
Auflösung
der alten Sowjetmacht dem Westen eigentlich versprochen, als Macht
nicht mehr aufzutreten, damit unterwürfig und nach auswärtig
definierten Kriterien brauchbar zu werden. So gesehen ist es ein
Generalvergehen, dass Putin jetzt sagt, Russland sei eine Macht, die
eine Position in der Welt beansprucht, die sie nach eigenen Kriterien
und nach den Maßstäben einer erfolgreichen
imperialistischen Macht definiert.
— Der
Haupttenor der Kritik lautet aber, der ‚neue Kalte Krieg‘ liege
an Putin als altem Sowjet- oder KGB-Mann.
— Dass
es ein Rückfall in Sowjetzeiten ist, ist erstens unsinnig,
zweitens trifft es doch den Behauptungswillen Russlands als
ordentliche Macht. Wenn Amerika um Einfluss auf den Kaukasus
bemüht
ist, gilt das als normal. Wenn Russland seinen Einfluss auf diese
Region wiedererlangen bzw. stärken will, wird das als Aggression
beurteilt, was nicht der Angst einer Rückkehr zum Kommunismus,
sondern dem Bestreiten des russischen Einflusses geschuldet ist.
— Die
Europäer beanspruchen, es gehe sie etwas an, wie Russland im
Innern mit seinen Kritikern verfährt. Das ist der Vorwurf,
Russland sei nicht bereit, sich den Kontrollansprüchen der
hiesigen Staaten unterzuordnen. Der Kern des Vorwurfs ist, ihre
Kritiker nicht nach den im Westen definierten Maßstäben zu
behandeln.
Wenn es heißt,
Russland habe Machtambitionen, Phantomschmerzen ob seiner verlorenen
Weltmachtstellung, tun sie so, als hätte es keine Ansprüche
mehr zu stellen und keine Mittel mehr. Sie definieren damit auch den
alten Sowjetkommunismus nicht mehr so sehr als Systemfrage, eher als
eine unerlaubte imperialistische Konkurrenzmacht.
Das Feindbild
läuft unter dem Titel ‚böse Herrschaft‘. Wenn die
Begriffe Russland, Sowjetunion und Macht in einem Durcheinander in
ihren Artikeln verwendet werden, Abbau von Demokratie beklagt oder
der Polizei der Vorwurf gemacht wird, den Demonstranten dort den Weg
vorzuschreiben, liegt ein wüster Wille zur Denunziation eines
ungenehmen Staates vor.
Das wirklich
Ärgerliche für den Westen ist die Kombination großer
Nützlichkeit mit Nicht-Handhabbarkeit Russlands, das zu groß
ist, um als Rohstofflieferant eingesteckt werden zu können.
Diese Kombination ist der sachliche Gehalt der journalistischen
Hetze.
Es gibt
Schwellenländer wie Brasilien oder Indien, die mit
unterschiedlichen Voraussetzungen danach streben, in den Kreis der
entscheidenden imperialistischen Mächte zu stoßen.
Brasiliens Aufstreben wird aber nicht derart be /verurteilt, da
es mit dessen Nachbarländern keine Differenzen bzgl. der
Zuständigkeit gibt. Mit Russland existieren da imperialistische
Streitfragen höchsten Kalibers, weil die Frage, wer den ganzen
Ex-Ostblock und Russlands „nahes Ausland“ (= die ehemaligen
Sowjetrepubliken) dominiert, noch keineswegs zufriedenstellend für
den Westen beantwortet ist.
Das Resultat der
Auflösung der Sowjetunion, ihre Entmachtung, die dauerhafte
Überantwortung ihres ganzen alten Einflussfeldes an den Westen
ist noch nicht eingetreten. All das ist jedoch erstens nicht die
Wahrheit, zweitens nicht das, was Russland als seinen staatlichen
Daseinszweck anerkennt. Es wirtschaftet mit den Restbeständen
und mit der Macht, die es neu erobert, mit seinen Rohstoffen ganz
anders als Brasilien. Russland werden Ansprüche auf Rohstoffe,
auf ganze strategisch entscheidende Regionen bestritten, ausgerichtet
auf eine Beschränkung russischer Macht. Andererseits ist die
Hetze ja nicht die Wahrheit. Das Verhältnis zu Russland ist
komplizierter, weil die westlichen Staaten dessen Macht benutzen
wollen und sich zugleich mit Russlands Anspruch konfrontiert sehen,
sich als Macht nicht so einsinnig nutzbar machen lassen zu wollen.
Russland ist
imperialistisch unterwegs, es ist eine betätigte Konkurrenz, von
wegen: Es will auch bloß imperialistisch sein!
Putin stellt es immer wieder praktisch und diplomatisch klar, dass
Russland an den aktuellen Gegebenheiten und Ansprüchen, mit
denen es konfrontiert ist, eine grundsätzliche Kritik hat. China
erlebt den ähnlichen Vorwurf, es sei immer noch ein untragbares
kommunistisches System, was nicht einer Analyse der chinesischen
Herrschaftsverhältnisse, sondern dem Leiden an einer großen,
aufstrebenden Wirtschaftsmacht, die man benutzen und zugleich
unterordnen will, geschuldet ist.
Der Einwand, die
Russen wollten doch bloß dasselbe wie …, könnte
einem bei jedem Feindbild einfallen. Der Iran will auch bloß
das, was der Westen macht. Was hatten die USA an Saddam auszusetzen,
der doch brauchbar war, plötzlich aber zum Schurken mutierte?
Man darf nie nach der Wahrheit solcher Vorwürfe, sondern man
muss nach ihrem Grund im Interesse desjenigen fragen, der sie
lanciert, in der Unerbittlichkeit des Anspruchs an solche Länder,
dem diese nicht genügen. Das ist der ganze Grund fürs
Feindbild. Die Nichtentsprechung der Ansprüche werden zu
Eigenschaften derjenigen gemacht, die dem nicht entsprechen. Sie sind
damit nach hiesigen Ansprüchen eine unerlaubte Macht.
Die ganze Welt
unter der Optik des guten Regierens zu messen, ist der
journalistische Wahnsinn, der „unser“ Recht auf Aufsicht gegen
die entsprechenden Nationen anmeldet. Dieser richtet über die
ganze Welt, wobei der Habitus nicht mehr so sehr der des Verfechters
von Interessengegensätzen zwischen Staaten ist, als vielmehr der
des Richters über gutes und schlechtes Regieren geredet wird. So
kommt es zu verrückten Konstellationen der Art, dass Politiker
Putin der guten Geschäfte wegen gegen journalistische
Scharfmacher verteidigen.
Es gibt
andererseits auch einen guten Grund, den Russen nicht zu trauen, weil
man selbst solche Ansprüche an sie stellt, von denen sie wissen,
dass sie sie weder erfüllen können noch wollen. Bei solchen
Ambitionen ist ein Misstrauen berechtigt.
2. G8 Gipfel
Die zwei Wochen
lange umfangreiche öffentliche Besprechung des Gipfels hat nicht
zur Klarheitsfindung getaugt, stattdessen gab es die dreifach
unsachliche Frage nach dessen Gelingen.
Erstens
wurde die Frage nach dem reibungslosen Gelingen bezüglich der
Proteste gestellt: Der Gipfel wird verhandelt unter dem Dauerthema
der richtigen Zulassung oder Erledigung von öffentlicher Kritik
an ihm. Das ist unsachlich im doppelten Sinn, weil auf den Gehalt des
Gipfels gar nicht mehr eingegangen wird, sondern die Veranstaltung
sich gegen Proteste verwahrt, um ordentlich über die Bühne
gebracht zu werden, was damit auch unsachlich gegenüber der
stattgefundenen Kritik ist, weil deren Berechtigung gar nicht am
Inhalt verhandelt wurde, sondern an der Methode des Auftritts.
Die zweite
unsachgemäße Begutachtung war die des diplomatischen
Inhalts des Gipfels, diesen ordentlich über die Bühne und
Vereinbarungen und Ergebnisse, die in die richtige Richtung weisen,
zustande zu bringen. Die Beurteilung ging in diese Richtung, mit der
Einschränkung, zu wenig Problemlösungen erzielt zu haben.
Dabei wurde die eifrig Ideologie bemüht, Zuständige seien
unterwegs, die die Weltprobleme nicht schaffen, sondern um ihre
Bewältigung ringen.
Drittens
wurde unter nationalem Gesichtspunkt gefragt, ob Deutschland seinen
Gipfel ordentlich über die Bühne bringe, Merkel bei dieser
schwierigen Veranstaltung eine gute Figur mache unter den
Mächtigen
und deutsche Positionen durchsetzen könne.
Zu 1.
Der
Umgang mit dem Protest war ein großes Dauerthema. Gehen
einerseits die Polizeimaßnahmen in Ordnung oder zu weit, wie
steht es mit der Demonstrationsfreiheit, ist die Einschränkung
richtig, produktiv, kontraproduktiv, geht andererseits das Auftreten
der Protestler in Ordnung? Die Frage nach den Polizeimaßnahmen
wurde schnell darin aufgelöst, was vom Protest zu erwarten sei,
wenn man sich schon so gegen ihn wappnen muss. Was die Protestierer
dem deutschen Interesse an dieser Veranstaltung in Hinblick auf den
Polizeiumgang und das darin geäußerte Staatsinteresse an
einem ordentlichen Ablauf schuldig sind, ist die ganze
innenpolitische Seite und Behandlung dieses Gipfels. Was ist das
unsachliche/sachliche, den ganzen Gipfel unter dem Gesichtspunkt des
Umgangs mit Demonstranten zu behandeln? Was sind die paar Lehren
über
Demokratie heute?
Es ist ja
interessant und erschreckend zugleich, in welcher Art heute der
Protest unter die Frage des Gewaltmonopols des Staates oder unter die
Frage, ob Demonstrieren Gewalt sei, subsumiert wird.
— Der
Staat hat dafür gesorgt, dass so wenig wie möglich dort
antreten. Er hat sie schon gleich im Vorfeld kriminalisiert. Im Namen
des Demonstrationsrechts wurde erst mal alles dafür getan, dass
nicht demonstriert wird.
Nicht im Namen
des Demonstrationsrechts, sondern im Namen der Sicherheit dieser
Veranstaltung wurde das Demonstrationsrecht praktisch
sicherheitsmäßig neu definiert. Eine solche Veranstaltung
darf keiner Störung unterliegen. Die Übergänge von
Verbot, Grenzkontrollen, Kesselkäfigen, Riesenzaun, permanenter
Polizistenübermacht usw. sind die Verlaufsformen einer
Staatsveranstaltung unter dem Diktat des störungsfreien Ablaufs.
— Da
hätten sie den Gipfel auch auf einem Flugzeugträger
abhalten können. Das wäre noch sicherer und
kostengünstiger
gewesen.
— Der
Gipfelinhalt war doch gerade die pure Demonstration überlegener
Gewalt der sieben mächtigsten Gewaltmonopolisten nebst Putin.
Das sind die zuständigen Charaktermasken für allen
Reichtum, alle Armut der Welt. Als diese treffen sie sich, tagen,
feiern, und es ist der Inhalt des Gipfels, das unangegriffen
stattfinden zu lassen. Solch eine Veranstaltung soll dann auch in
einem Land stattfinden, das per Gewaltmonopol die Kritiker, die sich
dagegen aufstellen, aussortiert oder zur Friedlichkeit zwingt. Es ist
keine Kostenfrage, sondern es gehört zur Demonstration der
Macht, im Land vorzuführen, wer und was sie sind, eben die
Mächtigsten der Welt.
Der Gipfel
selbst ist also eine Staatsdemo, die man aus gutem Grund nicht in
einem verstohlenen Eck veranstaltet. Wenn der Staat seine Kompetenz
demonstriert, dann hat sich das Demonstrieren von unten diesem
anzubequemen, bestenfalls zu dienen, im anderen Fall wird es dem
praktisch untergeordnet. Die Neudefinition von Demonstrationsrecht,
die lauter juristische Nachspiele hat, wurde vorweg längst
debattiert an all den Schäuble-Ansprüchen, wie weit das
Überwachen des Staates eigentlich gehen soll und darf. Praktisch
wurde an dieser Veranstaltung durchexerziert, was der Staat an
Demonstrationen noch zulässt, wogegen er sich verwahrt und
schützt.
Als Konter gegen
Putins Vorwurf wegen des falschen Umgangs mit hiesigen Demonstranten
betonte noch jeder Politiker die Notwendigkeit der
Demonstrationsfreiheit, versehen mit dem Zusatz, das Ding so zu
schützen, dass keinerlei Störung passiert, und den Anspruch
an Demonstranten zu stellen, wenn sie schon dürften, dann
hieße
das aber was.
— Es
wird gesagt, derjenige, der das Demonstrationsrecht wahrnimmt,
müsse
im Gegenzug selbst dafür sorgen, dass sein Protest eine
folgenlose Meinung bleibt, die Steineschmeißer aussortiert
werden usw. Das Kritikmäßige muss von den Demonstranten
zurückgenommen werden.
Sie sollen sich
selber als Ordnungsmacht gegenüber falschen Fünfzigern
aufführen, sich genau die Polizeimaßstäbe zu eigen
machen, die diese ans friedliche Demonstrieren legt. Das Ganze war
mit dem eigentümlichen Versprechen verbunden, sich bei
entsprechendem Verhalten mit deren Repräsentanten zu treffen,
dann öffentliche Rockkonzerte stattfinden zu lassen usw., womit
dann die Politik auch demonstriert, sie habe dieselben
Problemdefinitionen wie die Demonstranten. Neben einer behüteten,
polizeilich geschützten Veranstaltung und der praktischen
Kanalisierung des Demonstrierens wurde den Demonstranten ein Recht
und ein Zweck zugesprochen, der es in sich hatte. (Wurde schon als
Fehler der G 8 Kritiker besprochen).
— Die
Ideale hochzuhalten als eigentlichen Zweck derer, die auf dem Gipfel
tagen. Wenn sie sagen, die Politiker würden sich zu wenig um den
Hunger kümmern, halten sie ihnen zugute, es sei ihr eigentlicher
Zweck.
Es ist aber auch
eine Verpflichtung der Demonstranten, jegliche Kritik
zurückzunehmen,
Ideale zwar hoch , aber nicht entgegenzuhalten. So ist in der
Frage der Gewalt, welche Methoden des Demonstrierens erlaubt sind,
über den Inhalt des Protests gleich mit entschieden, ohne
darüber überhaupt näher verhandeln zu müssen. An
der Frage der Methode wird aus Demonstrieren etwas anderes gemacht.
— Eine
untertänige Bitte an die Herrschaften, ihre eigentliche Aufgabe
entsprechend ihrer Verantwortung wahrzunehmen.
Die Verwandlung
von Protest in Appell, in Beauftragung und Antrag an die Politik, ist
nicht bloß genehmigt, sondern verlangt. Das ist die praktische
wie theoretische Subsumtion unter die Gewaltfrage. Diejenigen, die
als Kritiker rumlaufen, sollen noch zur Bestätigung der
Zuständigkeit der dort versammelten Figuren taugen, und dafür
antreten.
Das praktische
Dementi, Politik lasse sich Kritik gefallen, ging einher mit der
Fiktion und dem Anspruch, sich von verantwortlichen Staatsbürgern
gerne nach den eigenen Maßstäben an seine Verantwortung
erinnern zu lassen. Noch mitten beim Kleinmachen von Demonstranten
wurde die Fiktion aufrecht erhalten, es gehe um die Verantwortung von
Weltproblemen, bei welchen der Bürger gefragt sei, eine Stimme
habe, sich glatt melden dürfe und von oben ein passendes Echo
erfahre.
Das Schlagwort
„Eine bessere Welt ist möglich“ lehnt die Politik nicht ab,
sondern sagt, sich genau darum zu kümmern, dafür sei der
Gipfel da, weswegen sich die Protestler auch dementsprechend selbst
zu disziplinieren hätten.
Das trifft auf
eine Position des Protests, der diesen selbst als verantwortlichen
Beitrag zu einer gemeinsamen Problemlösung formuliert, mit
welchem ausgerechnet an diejenigen appelliert wird, gegen die man
antritt. Es ist eine praktisch durchgesetzte Spaltung jenseits davon,
die Protestanten würden gefragt, wie sie es gern hätten,
vielmehr einfach über die Scheidung zwischen friedlich und
gewaltmäßig, die letztlich die Polizei vor Ort trifft. Das
Verfangen dieser Unterscheidung hat bei denen, die nach Heiligendamm
marschieren, einen Ansatzpunkt.
Die Polizei warf
das Demonstrieren als Gewaltfrage auf, ging entsprechend damit um,
stellte die Demonstranten selbst vor die Alternative, entweder
anerkannt zu protestieren, sich zu beugen und selbst zur
Ordnungsmacht zu machen oder unter die Kategorie „unerlaubt,
unglaubwürdig“ zu fallen. Woran sich die Demonstranten dann
abarbeiteten und spalteten. Vom Protest blieb nichts mehr übrig.
Mit dieser
Gewaltfrage wurde der Anspruch an sie aufgemacht, die Problemstellung
der Mächtigen zu bestätigen, was sie in ziemliche
Kalamitäten stürzte. Das Kritikable an den Demonstranten
ist, sich dadurch beeindruckt haben zu lassen. Ihre Vertreter
erkannten mit schlechtem Gewissen an, Gewalt gehöre sich nicht.
Damit wurde ans Demonstrieren der Anspruch gestellt, ein bloßer
Appell zu sein.
Doch selbst
dieser harmlose Protest war nicht affirmativ genug. Der Politik
reichte dies aus guten Gründen nicht, weil sie auf der Gleichung
besteht, Macht und Verantwortung fielen in eins. Auch der bravste
Protestler, der nur beratend auftritt, hegt einen Zweifel an der
richtigen Wahrnehmung der Verantwortung der Mächtigen. An der
Frage der Form des Protestes wurde ausgetragen, dieser Zweifel
gehört
sich nicht.
— In
der Anerkennung der Zuständigkeit der G 8 ist nicht
ausgedrückt, dass sie bei den aktuell Zuständigen auch in
den richtigen Händen ist.
Unter Verdacht
stehen sie deswegen alle, weil der staatliche Anspruch an diese Sorte
von Demonstrationserlaubnis den Widerspruch enthält, ihren
Protest erstens selbst belanglos zu machen, zweitens selbst in ihren
Protestreihen das Scheidungsinteresse zwischen erlaubt und verboten
durchzusetzen, und dies den Protestanten als Auftrag zur Erfüllung
vorgibt, nämlich den schwarzen Block aus eigenem Interesse zu
isolieren, was nicht der affirmativen Stellung der Demonstranten,
sondern dem Auftrag, dem auch entsprechend nachgeholfen wird,
geschuldet ist.
Es ist ein
eigentümliches staatliches Unterfangen, die Kritik an der
Gleichung von Verantwortung und Gewalt politisch von oben so zu
behandeln, als hätte sie sich in eine nach den
Maßstäben
der Politik zugelassene Petition zu übersetzen, um dann als
solche zur Kenntnis und sogar ernst genommen zu werden; ein Zynismus,
sie unter Gewaltvorbehalt zu stellen und ihre Anerkennung und
Billigung vom Überreichen eines Antrags abhängig zu
machen.
Zusammenfassend
ging es um den eigentümlichen Übergang in Sachen
Demonstrationen anlässlich des Gipfels, Demonstranten mit
weitreichenden Übergängen die Gewaltfrage aufzumachen und
damit Protest zu inkriminieren, zu kanalisieren und Demonstrationen
zu verunmöglichen, alles in der Absicht, den erlaubten Protest
zu einer Petition an Politiker zu machen, deren Zuständigkeit,
Macht und Verantwortung damit unterstrichen und zugestanden werden
soll.
Zu 2.
Auf den Gipfeln der G 8 findet das
eigentümliche Ritual statt, dass sich getrennt von ihrem
praktischen politischen Handeln die führenden Imperialisten,
Russland mit dazu genommen, treffen und demonstrieren, sich neben dem
ansonsten immer im Namen der Verantwortung für die Weltordnung
und das Wachstum in der Welt zu Leistenden gemeinsam über die
großen Fragen der Menschheit zu verständigen und
verständigen zu können. Die ganze Veranstaltung nur
dafür
zu inszenieren, um irgendeiner Öffentlichkeit den falschen
Schein aufzumachen, die von den Protestierenden richtig verstandenen
Probleme zu lösen, kann nicht die Wahrheit sein.
Die hergestellte
Weltwirtschaftslage und die Folgen des globalen kapitalistischen
Treibens, das sie veranstalten und ihre Kapitalisten veranstalten
lassen, und die Weltordnungsfragen, die mit ihrer Konkurrenz
aufkommen, sind der ganze Gehalt ihrer Konkurrenz. Das Entscheidende
ist die Form, in der sie das verhandeln. Jenseits davon, wie
sie faktisch damit umgehen, demonstrieren sie ihren gemeinsamen
Willen, die Sorgegegenstände anzugehen. Und kaum sagen sie das,
wird dasselbe zu einem riesigen Konkurrenzgegenstand um die
Definition dieser gemeinsamen Problemfelder und was daraus folgt.
— Es
ist ein Stück Unterordnen der anderen unter die eigene Position,
es soll ja dem nationalen Interesse entgegenkommen. Mit den
Themen wird vorgegeben, was als Weltproblem gilt, worum sich die
andern auch kümmern sollten.
Beim Klima
z. B. geht es um die globalen Folgelasten des Wachstums, denen
man sich als Gipfelthema widmet. Indem dazu Erklärungen
abgegeben werden, wird dieses Thema zum wichtigen, von ihnen zu
behandelnden erklärt. Egal wie verlogen das ist. Kanzlerin
Merkel wollte Amerika dazu bringen, sich einer gemeinsamen
Position anzuschließen, weltöffentlich anzuerkennen, dass
die Klimafrage eine solche ist (mit der Verlängerung, für
die daraus folgenden Konsequenzen als Europäer alles schon parat
zu haben). Die oberste amerikanische Stelle sollte den
Handlungsbedarf bestätigen, die Notwendigkeit einer
Übereinkunft
anerkennen, die gemeinsame Lösung des Problems anzugehen
versprechen. Also ein gemeinsames Problembewusstsein und
Konsequenzen, die für alle daraus folgen, verpflichtend zu
machen.
Die Deutschen
verkünden sofort ihre Absicht, die Erklärung solle
möglichst verbindlich sein, Richtlinien festlegen, Amerika in
die deutsch-europäische Initiative einbinden. Welcher Art ist
diese Konkurrenz?
Die Amerikaner
wollten die deutsche Initiative auf dem Gipfel nicht durchgehen
lassen, haben eine Gegeninitiative gestartet, wie Amerika das als
gemeinsames Problem definiert: 1. keine falschen
Verbindlichkeiten; 2. keine Übernahme der vorgeschlagenen
Daten; 3. stattdessen ein Antrag, dass ohne China und Indien,
die von Europa ausgenommen waren, keine gemeinsame Klimalösung
zu finden sei. Schon ist das deutsche Gipfelthema in etwas anderes
verwandelt. Von wegen also: ‚Das Ergebnis ist ein leider zu kurzer
Schritt in die richtige Richtung.‘ Es geht um was ganz anderes. So
ist daran herumdefiniert worden, wie das Klima als eventuell
gemeinsames Problem anerkannt sei, und welche Konsequenzen daraus
folgen. Sie haben eine Vereinbarung zustande gebracht, die die Form
einer Absichtserklärung hat, an der jeder heruminterpretiert,
was damit gemeint sei. Bush hat gegen Merkel klargestellt, wenn es
einen gemeinsamen Sorgegegenstand Klima gibt, dann nehmen sich die
USA dessen von ihrem Standpunkt aus an.
Auf dem Gipfel
wurde ums Definieren gemeinsamer Probleme, um die Anerkennung dieser
mit daraus erwachsenden Konsequenzen, die den Charakter staatlicher
Verpflichtungen haben sollten, gestritten. Am Ende wurden immerhin
alle gegensätzlichen Positionen in die Form eines gemeinsamen
Kommunikees gegossen, das entsprechend aussah, nämlich sehr
begrenzte Verpflichtungen, aber eben eine Absichtserklärung.
Unter das Kommunikee subsumieren sich verschiedene Positionen: Die
Deutschen haben was erreicht, die Amerikaner was verhindert, die
Chinesen haben sich eingebracht.
— Es ist
ja auch so, dass ihr Treiben auf dem Globus zu einem Resultat
geführt
hat, mit dem sie alle konfrontiert sind. Die Frage ist aber, wie
gehen sie damit um.
Die gemeinsame
Betroffenheit, das gemeinsame Problem wird in der Gipfeldiplomatie zu
dem genannten Zirkus. Der Grund liegt daran, dass alle sich an den
Konsequenzen ihrer nationalen Energiepolitik abmühen. Das
Entscheidende ist das Definieren eines gemeinsamen Problems und
nicht, dass es eines gibt, von dem alle national betroffen
sind, das Gegenteil eines gemeinsamen Problems. Getrennt von der
Konkurrenz wird um den Willen zur Suche nach Übereinkünften
in Konkurrenzfragen gestritten.
Zu Afrika:
Jeder weiß, die zugesagten Milliarden sind weniger als letztes
Mal schon versprochen. Es wird auch gleich dazugesagt, das sei nicht
Entwicklungshilfe, sondern es gehe um Förderung guter
Regierungen. Es geht um den Umgang mit kaputten Staaten, um ‚unsere‘
Rohstoffquellen, um durcheinander gekommene Ordnungsfälle. Das
wird zur gemeinsamen Initiative hochdefiniert. Der Sache nach sind
die Probleme mit den Menschen und mit der Finanzierung falscher
Projekte welche mit den Regierungen, die ordentlich kontrolliert und
nicht mit falschem Geld versorgt gehören. Das ist aber schon die
laufend stattfindende Afrikapolitik. Auf dem Gipfel findet diese als
Absichtserklärung ihres gemeinsamen künftigen Blicks auf
Afrika statt.
— Es
ist aber gar keine gemeinsame Politik vorhanden. Sie betonen, sich um
die Folgen ihrer Afrikapolitik zu kümmern, und ringen dabei um
die Zuständigkeit in Afrika.
Die gemeinsame
Afrikainitiative des Gipfels war sehr eindeutig antichinesisch
definiert als Konter gegen die chinesischen Bemühungen um diesen
Kontinent. Das ist ein sehr verlogener Überbau. Aber gemeinsame
Problemdefinitionen gibt es schon noch.
— Die
Amerikaner machen gerade vor, dass sie nicht bereit sind, sich in
Afrika in irgendeiner Frage abhängig von anderen zu machen.
Warum gehen sie dann auf den Gipfel? Weil sie unbedingt daran
festhalten wollen, dass auch die Zuständigkeit eine Sache der
Gemeinsamkeit ist. Weil das Bekenntnis, es sei nur Konkurrenz, der
Sache abträglich ist. Sie machen den Gipfel, um ihre
Gemeinsamkeit zu betonen, die aber eine Konkurrenzangelegenheit ist,
die man dem Gipfel anmerkt. Ein Gleich-zu-Gleich mit anderen passt
den Amerikanern nicht.
Vorher wurde
aber gesagt: In der Definition ihres Afrikaproblems geben sie
überhaupt so etwas wie einen imperialistischen
Standpunkt, um den sie konkurrieren, zu Protokoll. Der heißt:
Afrika ist ein riesiges Ordnungsproblem für ‚uns‘.
Auf das haben sie sich geeinigt.
Man darf nicht
vergessen, dass die mächtigen Staaten sich wechselseitig
instrumentalisieren wollen. Konkurrenz heißt nicht, sie
hätten
nichts miteinander zu tun, sondern sie beanspruchen sich
wechselseitig für die Ordnungsgeschichten.
Die G 8
veranstalten etwas Eigentümliches, sie inszenieren einen
Gipfelschein im Verhältnis zu einer Konkurrenz, die ganz anders
geht, eben als Unterordnung mit lauter Gegensätzen. Diese
Inszenierung sieht man den Gipfelthemen an:
Beim Klima
konkurriert man um die Definition gemeinsamer Probleme, die am Ende
in dieser absurden Nicht /Verpflichtung besteht, und setzt damit
eine diplomatische Vorgabe für künftige Verhandlungen
über
diese Frage. Bei den Hedge-Fonds – also der Frage der Finanzmacht
von Kapitalisten – haben sie gar nichts ausgemacht. Die Behandlung
der Frage auf eine Verpflichtung, die Konkurrenz auf den
internationalen Finanzmärkten anders zu kontrollieren, die Macht
des staatlich gewollten Finanzkapitals unter gemeinschaftliche
Regelungen zu stellen, ging nicht durch.
Die Frage der
Gipfelveranstaltung selbst, wie diese künftig stattfinden solle,
war das vierte Thema. Die Frage, zu den 8 noch andere Staaten
zuzulassen, wurde mit der Zurückweisung einer gleichberechtigten
Erweiterung, stattdessen einer je aktuellen Hinzuziehung und Beratung
mit zweiten und dritten Staaten beantwortet. Es bleibt die Differenz
zwischen den Zuständigen und dem Rest, mit dem über die
Probleme verhandelt wird; die Oberdefinitionshoheit bleibt. Auch das
ist nicht das letzte Wort: Putin z. B. denkt das anders.
Auf dem Gipfel
wird um die Definitionsmacht dieser Probleme gerungen, deren Gehalt
das Ringen um wechselseitig bestätigte Zuständigkeit
ist. Gibt es noch so etwas wie den Willen zur Übereinkunft
in Konkurrenzfragen, der die anerkannte Mitzuständigkeit der
Anderen für die Definition von nötigen oder fälligen
Konkurrenzübereinkünften, sowohl was die
Weltwirtschaftsfragen, vor allen Dingen aber die Weltmachtfragen
angeht, unterstellt?
— Die
müssen sie immer abstrakter und allgemeiner fassen, um
überhaupt
noch ein gemeinsames Kommunikee zu bekommen. Je mehr sie darüber
reden, was tatsächlich Sache ist, desto weiter ist jede Einigung
entfernt. Die Bereitschaft, gemeinsam solche Punkte zu entscheiden,
wo z. B. eine Intervention in Afrika gemacht wird und wo nicht,
schwindet.
Strittig ist die
Frage der Anerkennung anderer Staaten für die Definition von
Weltproblemen, die dann Nationen zu irgendwelchen Lösungen
verpflichtet. Es geht um die Definition prinzipieller Problemlagen
der Weltordnung, um die man sich kümmern muss. Dieses
Prinzipielle ist nicht mehr verlässlich herzustellen, weil dazu
immer die anerkannte Mitzuständigkeit anderer nötig ist.
Der Gipfelschein passt also nicht mehr recht zur Lage. Ohne diesen
Schein wäre es jedoch eine Aufkündigung der Gemeinsamkeit.
Wie bei früheren Gipfeln während des Kalten Kriegs, bei
denen alles dem Generalgegensatz West gegen Ost untergeordnet war,
gibt es immer noch den Anspruch auf Mitmachen, auf das
Sich-Definitionen-Anschließen. Sachlich ist das der Kampf um
die Koalition der Willigen, der hier auf die alte Ebene der
Gipfeldiplomatie gehoben, damit einerseits ganz sachfremd gepflegt
wird. Denn eine Koalition der Willigen, wie Amerika sie heute
betreibt, ist nicht mehr die Anerkennung, das
Sich-Verpflichten-Lassen, das Sich-Festlegen auf gemeinsame
Problemdefinitionen, vielmehr ist die Definition vorgegeben.
Andererseits liegt in all diesen Gipfelthemen immer noch der Wille
zum allseitigen Mitmachen. Jeder geht darauf ein, weil jeder darauf
dringt, dass die anderen Konkurrenten immer noch den eigenen Anspruch
aufs Mitwirken anerkennen. Jedem beteiligten Staat geht es darum, Wie
weit er es schafft, sich als eine anerkannte Definitionsmacht von
Weltproblemlagen zu präsentieren. Das ist insbesondere der
deutschen Seite bei ihrem Bemühen, auf „ihrem“ Gipfel ihre
Problemdefinitionen durchzusetzen, anzumerken. Der amerikanische
Standpunkt heißt eher, wozu sie sich noch herbeilassen. Der von
der praktischen Konkurrenz getrennte Anspruch aufs Mitmachertum ist
der Form nach ein gemeinsames Definieren. Der darin geltend gemachte
Anspruch ist einer auf Anerkennung des Mitwirkens als Zuständiger
für die Weltordnung. Weil das strittig ist, ist in jedem dieser
Gipfelthemen und Beschlüsse auch erkennbar, dass darin diese
Anerkennung gar nicht materiell begründet und gesichert ist.
Prinzipiell gibt es dieses Zugeständnis gar nicht, alle anderen
als gleichermaßen Mitwirkende anzuerkennen.
Der ganze Gipfel
wird zudem konterkariert durch eine weltöffentliche
Gegengipfeldiplomatie, also durch ein Zurechtrücken seines
Stellenwerts. Insbesondere von den Amerikanern gab es ein Dementi des
Scheins, irgendeine Verpflichtung ihrerseits habe stattgefunden. Im
Gegenteil wurde der Stellenwert des Gipfels seitens der USA insoweit
klargestellt, wie er für sie eine Koalition der Willigen mit
beförderte, ansonsten sei er für sie nicht bindend.
Was alles
ausgespart wurde, wird daneben als Konflikt ausgetragen, dabei
bewusst auf den Gipfel bezogen und gegen dessen Schein von
Verpflichtung und Gemeinsamkeit gerichtet. Die Unvereinbarkeit der
strategischen Ansprüche wird von den Amis explizit zum Thema
gemacht und von den Russen in der Konkurrenz um die eigenen
Weltmachtambitionen dagegen ausgetragen. Beides ist im Umfeld des
Gipfels unterwegs.
Die Raketen- und
die Kosovo-Frage war im Vorfeld strittig und wurde auf dem Gipfel
ausgespart. Die Amerikaner betreiben eine Gegendiplomatie, reisen im
Umfeld des Gipfels durch den ganzen ehemaligen Ostblock und
fördern
ihr Raketenprogramm. Die Russen treiben eine Gegendiplomatie,
kündigen Aufrüstung und eine neue Bedrohung Europas an. Mit
dem Vorschlag der gemeinsamen Nutzung ihrer Anlage in Aserbaidschan
soll klargestellt werden, es gehe den Amerikanern nicht um den
Standort, sondern um die strategische Verfügung, nicht darum,
Raketen möglichst nah an Iran aufzustellen, sondern um ein
Stück
strategischer Kontrolle über den europäischen und
russischen Raum. Sollten sich diese nicht breit schlagen lassen und
ihre Raketen in einem Land aufstellen, wo sie weit reichend mit
Russland kooperieren müssten, ist es die Entlarvung des
amerikanischen Zwecks. Das wird von beiden Seiten explizit im Umfeld
des Gipfels als Konter, als Zurechtrücken, als Kritik am Schein
der Gemeinsamkeit des Gipfels inszeniert.
In der
Kosovo-Frage reist Bush vom Gipfel nach Albanien und richtet die
Botschaft, für die Unabhängigkeit des Kosovo zu sorgen,
gleich an die russischen Kontrahenten. Amerika droht mit Alleingang.
Gleichzeitig empfängt Putin Koštunica und verspricht ihm seinen
Beistand. Bush verlässt den Gipfel frühzeitig mit den
entsprechend demonstrativen diplomatischen Übergängen (‚Ich
habe jetzt was Wichtigeres vor!‘) und klappert alle mehrere Staaten
Osteuropas ab, um die Behauptung der übrigen Staaten, auf dem
Gipfel seien entscheidende Beschlüsse gefallen, zu
konterkarieren.
Bezüglich
Afrikas sagt Bush im Vorfeld gleich, er habe ein Terrorismusproblem
mit Afrika, speziell mit dem Sudan, damit insbesondere mit China, das
seine Waffenlieferungen einzustellen habe.
Während die
Amis demonstrieren, die Welt zu ordnen sei nicht Sache des Gipfels,
sondern ihre, treten gleichzeitig die Russen nicht bloß
in allen diesen Fragen als Kontrahent, sondern mit der Gegenoffensive
an, es bräuchte eine neue Weltwirtschafts- und Weltordnung. Dass
sie zur G 7 gar nicht richtig dazugehören, in den
entscheidenden Wirtschaftsfragen gar nicht gefragt, aus der WTO
weiterhin ausgeschlossen sind, spielt für sie keine Rolle. Sie
bieten sich den minderbemittelten Staaten in der Welt an, sich stark
zu machen für eine andere, multipolare Welt-Wirtschafts-Ordnung
– die russische Antwort auf die Nicht-Anerkennung der
Gipfelentscheidungen. Beide demonstrieren, gegen den Gipfel etwas
anderes zu machen, dessen Bedeutung herunterzuspielen.
Konterkarierend zum Gipfel gibt es die demonstrative Bezweiflung der
beschworenen Gemeinsamkeit in all den entscheidenden Fragen.
Zu 3.
Von daher erschließt sich das Verrückte
am Standpunkt der deutschen Öffentlichkeit, der Gipfel als
deutsche Veranstaltung sei ein Erfolg gewesen. Den Schein zu pflegen,
der Gipfel sei doch ein Stück entscheidende Festlegung auf
Weltproblemlagen, auf Gemeinsamkeiten, die dann unter deutscher
Führung vorangekommen sind, abstrahiert von diesen ganzen
Umständen.