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Aktuelle imperialistische Übergänge der EU
Neue bzw. verschärfte Konkurrenzsitten innerhalb der EU
kündigen sich an, die von dem, was bisher an Konkurrenz
veranstaltet wurde – gerade auf dem Gebiet der großen gemeinsamen
Unternehmungen, mit denen v.a. die USA aus dem Feld geschlagen
werden soll (Beispiel Airbus) – Abstand nehmen. Auch die politische
Verwaltung des Klimawandels und die Zusammensetzung des deutschen und
des europäischen Interesses an diesem Thema zeigen, dass dies
nicht nur die Bereiche Ökologie und Ökonomie betrifft,
sondern einer weiterreichenden, im weitesten Sinne
weltordnungspolitischen Absicht folgt, der ganzen Staatenwelt mit
diplomatischen Avancen und/oder Erpressungen vereinnahmend verbindlich
ein Weltproblem zu definieren, dessen sich alle Nationen anzunehmen
hätten. Getestet werden soll, ob andere Nationen, insbesondere die
USA, einer europäischen Vorgabe folgen. Dabei ist den deutschen
Produzenten neuer Klima-Technologie beim Verkauf politische
Hilfestellung willkommen.
In beiden Fällen passiert ein eigentümlicher Übergang in
der europäischen Weltpolitik, sich als Macht Geltung zu
verschaffen.
An den weltpolitischen Themen, die derzeit auf der Agenda der EU
stehen, sind die Fortschritte ihres Projektes ‚Weltmacht Europa’
zu erkennen:
— Für den dauernden Konflikt zwischen
Israelis und Palästinensern will die EU zuständig sein; im
Iran; auf der Irak-Konferenz zur Stabilisierung der dortigen Lage;
überall im Nahen Osten ist dauernd ein (meist deutscher)
EU-Politiker vor Ort und mischt sich ein. All das hat mit
gemeinsamem Markt nichts mehr zu tun, auch wenn nach wie vor
Ölgeschäfte laufen und vonnöten sind. Vielmehr geht es
jetzt um die Durchsetzung von Ordnungsverhältnissen in der Region,
um die Befriedung echter Kriegsszenarien.
— In der Ukraine ist die EU für deren
weltpolitische Orientierung mitzuständig.
— Das Bemühen der EU um eine Partnerschaft
mit Russland hat einerseits eine ökonomische Seite, das
Ölgeschäft soll andererseits die materielle Substanz einer
strategischen Allianz sein, die die EU mit ihren und Russlands Potenzen
zusammenführt, um beiden eine neue Geltung in der Weltpolitik zu
verschaffen. Die Frage, wer wie viel Gewalt über andere Nationen
hat und ausübt, soll neu gestellt und zur Zufriedenheit derer, die
einen solchen Ehrgeiz haben, beantwortet werden.
— Auf dem Balkan will sich bei der Regelung der
Kosovo-Frage ebenfalls europäische Ordnungskompetenz
bemerkbar machen, indem sich die EU ein UNO-Mandat, dafür erteilen
lassen will. Das Verhältnis zu Russland – das mit einem Veto droht
– auf der einen Seite, das zur USA – die eine einseitige Anerkennung
des Kosovo ankündigen – auf der anderen, wird dabei mitbedacht.
— Die Eingemeindung Rumäniens und
Bulgariens ist nicht einer ökonomischen Überlegung
geschuldet, sondern gehört zur strategischen Sortierung der
Staatenwelt. Staaten werden nach ihrer Gewalt und ihrer
Möglichkeit, sich Waffen zu beschaffen, betrachtet und
entsprechende Kontrollbedürfnisse angemeldet und in die Tat
umgesetzt.
Zu unterscheiden ist der Übergang, den die EU für sich
beansprucht, von dem, den sie tatsächlich macht.
Bezüglich dieses ambitionierten Übergangs ist die EU mit
Gewaltmitteln schlecht gerüstet. Die Supermacht USA setzt die
Maßstäbe.
Was nimmt die EU eigentlich in Anspruch, wenn sie sich in die oben
genannten weltordnungspolitischen Vorhaben einmischt?
Es geht jetzt um die Freiheiten des Kalkulierens, des Sich Zuordnens,
des Freunde Suchens und Feinde Identifizierens, weshalb der gemeinsame
Markt und eine starke Währung letztlich nicht mehr zählt. Ein
paar maßgebliche Staaten stellen diese Fragen, befinden über
die politische Souveränität anderer Staaten, wie z.B.
die amerikanische Zurückweisung einer iranischen Atomindustrie,
ein sehr weit gehender Regulierungsanspruch, zeigt.
Noch vor der Frage, was die Europäer zu bieten haben, muss man
sich die Brisanz dieser Fragen, die auf dem Niveau von
Kriegsvorbereitung sind, klar machen.
Es bedarf schon einer imperialistisch potenten Macht, dem Iran ein
Atomprogramm zu verbieten. Die USA stellt sich über die
iranische Souveränität und über das Völkerrecht.
Auf der Ebene mischt sich auch Europa ein.
Mit dieser „Ungerechtigkeit“ werden der iranischen Regierung die Rechte
ihrer Souveränität bestritten.
— Gleiches ist zu befinden bezüglich
Serbien, das mit dem Kosovo ein Stück Territorium abzutreten
hat.
Gewissen Regierungen und ihren Staaten stehen Selbstbehauptungsrechte,
die Freiheiten einer souveränen Herrschaft, nicht zu.
Über ihre Degradierung befinden andere, allen voran die USA. Dem
haben sich die Europäer im Prinzip angeschlossen, mit der
Fortsetzung, daraus solle nicht das Recht folgen, den Iranern im
Zweifelsfall ihre Souveränität gewaltsam zu bestreiten,
zumindest solange der Versuch einer einvernehmlichen Lösung
noch im Raum steht.
Mit dem europäischen Anspruch, die Weltkonflikte zu befrieden,
begeben sie sich immerhin auf ein Niveau, auf dem sich diese in Form
von Anerkennung bzw. Nichtanerkennung von Souveränität
abspielen.
— Die Europäer sind damit befasst, der USA
die Exklusivität dieses Anspruchs zu bestreiten.
Als EU nehmen die Europäer für sich in Anspruch, eine wie
auch immer auf Befriedung zielende Nichtanerkennungspolitik
gegenüber dem Iran vorzubringen. Ihrer beschwichtigenden Botschaft
nach tun sie dabei so, als wollten sie nur das Beste für den Iran.
Mit ihrem Befriedungsanspruch machen sich die Europäer auch in
Bezug auf die USA und deren Kriegsbereitschaft anheischig, Frieden zu
stiften, was eine Durchsetzungsmacht unterstellt.
Bezüglich der Raketenaffäre mit und um Russland soll der
deutsche und europäische Standpunkt, es handle sich um ein
riesiges Missverständnis, die Eskalations- und Misstrauensspirale
vermeiden. Was ist die strategische und politische Bedeutung dieser
Angelegenheit?
Die Raketen stehen dafür, dass diese Staaten aktiv in
Verteidigungs- oder auch Angriffsstrategien eingebunden sind.
Das betrifft zunächst Tschechien, Polen und Georgien als
Stationierungsort. Diese Staaten bedürfen des Schutzes der
Weltmacht, der sie strategische Dienste leisten. Das sind
Entscheidungen dieser Staaten, welche andere Macht sie als
maßgebliche Schutzmacht anerkennen.
Das Fundamentale ist, die USA nehmen ein ganzes Netz von Staaten
für sich und ihre Sicherheitsbedürfnisse in Anspruch,
sie weisen ganzen Staaten für sich eine militärische und
strategische Funktion zu. Dies steckt auch in dem Angebot an die Russen
mit drin, sie gleich mitschützen zu wollen. So etabliert sich ein
Staat als Oberaufseher über die Sicherheitsbedürfnisse
anderer Nationen. In Zeiten des Kalten Krieges buchstabierte der
Westen der Sowjetunion immer vor, wann sie ihre legitimen
Sicherheitsinteressen mit einer überzogenen Bewaffnung
illegitimerweise überschritten hätte. Im Falle Russlands
sind es nicht zufällig Ex-Sowjetrepubliken oder Ex-Staaten des
Warschauer Pakts, auf die sich amerikanische Militärmacht
vorschiebt, womit Russlands imperialistische Ambitionen als
Schutzmacht zurückgewiesen und weiter gehende Interessen verwehrt
werden, was die Russen dann auch noch befürworten sollen. Europa
mutet ihnen mit ihrer Vorhaltung, ihr Misstrauen gegen dies
Raketenabwehrsystem zu lassen, das Gleiche zu. Diese
Maßnahmen sind als vorweggenommene Kriegsfragen zu
charakterisieren, weil es um die Zurichtung dieser Staaten für
amerikanische Sicherheitsinteressen, immer mit potenziellen Feinden
kalkulierend, geht. Ausgerechnet den Iran dafür namhaft zu
machen, ist dafür ein Beispiel.
Obwohl die Europäer die Beschwichtigungstour fahren, sind doch
auch sie davon betroffen. Die amerikanischen Maßnahmen finden auf
einem Territorium statt, das die EU für ihre Interessen
beansprucht.
Die Welt unter Kriegsgesichtspunkten zu begutachten, wollen die
Europäer den Amerikanern nicht mehr überlassen. Wenn sie sich
zunächst einmal mit einem Einspruch gegen die amerikanischen
Pläne zu Wort melden, ist dies ein Beispiel dafür, wie die EU
selber als geostrategische Macht kalkuliert (siehe Artikel zu
Rumänien und Bulgarien in GS 1-07), die Staatenwelt einteilt und
respektiert sein will. Die verschiedenen europäischen
Einsprüche, Vermittlungsversuche usw. haben sich die Amerikaner
nicht bestellt. Antiamerikanismus liegt vor, sobald sich die
Europäer selber als Weltordnungsmacht aufführen.
Wenn das Niveau der Auseinandersetzungen klar ist, kann man sich der
Frage widmen, was die Europäer auf diesem Feld des wirksamen
Mitmischens zu bieten haben. Hört man von ihnen einen ernsthaften
Einspruch?
Ihre windelweichen Reaktionen sehen im Falle Rumäniens und
Bulgarien z.B. so aus, dass die Ratspräsidentschaft auf die
Notwendigkeit des europäischen Verfassungsvertrages hinweist.
Dies soll ein Teil der Antwort auf solche Verwicklungen sein. Wenn die
Europäer schon meinen, im Falle des Raketenabwehrsystems in Polen
und Tschechien stünde die Zukunft Europas als mit den Russen
einvernehmlich agierende Weltordnungsmacht auf dem Spiel, wäre der
Verweis auf die Alternative „raus oder rein“ an die Polen angebrachter.
Hinweise von einigen Seiten, man sollte in den neuen EU-Vertrag doch
auch eine Austritts- bzw. Ausschlussklausel aufnehmen, gibt es. Eine
Drohung dieser Art ist bisher aber nicht bekannt geworden.
Die Iraner z.B. haben eine Antwort auf das europäische Ansinnen,
die Urananreicherung sein zu lassen mit der Aussicht auf ein
Atomkraftwerk. Sie sind unter der Bedingung zu Verhandlungen bereit,
für das Eingehen auf die europäischen Forderungen von Europa
Schutz vor Amerika und Israel garantiert zu bekommen. Die
europäische Antwort lautet weder, dies nicht zu können oder
nicht zu wollen, noch erfolgt eine Zustimmung zur iranischen Forderung.
In Bezug auf den europäischen Anspruch auf Mitordnung in
diesem Winkel ist die Antwort eine einzige Blamage; die Verlegenheit
kommt dem Eingeständnis gleich, unfähig zu sein. Dies
Eigentümliche findet sich in allen diesen Affären. Die EU
agiert hier einerseits als eine ökonomische Supermacht, die den
weitergehenden Anspruch hat, auch ordnungspolitisch eine Weltmacht
zu sein, die sie noch nicht ist. Mit ihren Ansprüchen tut sie so,
als wäre sie schon mehr oder weniger eine solche, als wäre es
bloß noch eine Zeitfrage, bis sich alle dazu entschlossen haben.
Dabei ist dies noch nicht einmal eine Frage des bloßen
Entschlusses. Was hätte Solana denn mit einem Mandat zu bieten?
Hier geht es um lauter Kriegsszenarios und um die Frage, wie sich
Staaten unter strategischen Gesichtspunkten im Verhältnis zu
Schutzmächten aufbauen. Dabei macht sich die EU anheischig, eine
in der Welt respektierte Schutzmacht zu sein. Wenn man jedoch nicht
Kriegsmacht ist, die anderen Staaten mit ihrer Indienstnahme auch
Sicherheit geben kann, in einem globalen Gewaltverhältnis auf der
richtigen Seite zu sein, dann hat man auf dem Feld der strategischen
Dispositionen nichts verloren. Dass die EU auf dieses Feld gehört,
ist ihr aufgrund ihrer wirtschaftlichen Potenzen klar. Soweit sich
dieser Status in politischen Einfluss umsetzen lässt, lässt
die EU es auch an nichts fehlen. Deswegen liegt ihr auch soviel daran
und nimmt sie den Mund – den Übergang zur Abteilung Weltmacht
betreffend – so voll, die Gewaltmittel und -potenzen auch einzusetzen
(siehe 2. Hälfte des Imperialismusartikels Weltmarkt und Weltmacht
in GS 3-06). Es wird eine Macht der Europäer antizipiert, die sie
noch nicht sind. Was ist der Begriff dieses ‚Noch nicht’?
Der Hinweis auf die prekäre Einigkeit innerhalb des
Bündnisses ist ein Moment davon. Die europäischen
Staaten fallen in ihrem Bemühen, Weltmacht werden zu wollen, immer
wieder auf die Frage zurück, ob sich das für sie, so wie sie
verfasst sind, lohnt, was die die Union sprengenden Berechnungen aller
Beteiligten kennzeichnet. Wenn der Übergang zur Weltmacht, die
ordnend auf dem Globus eingreift und sich die Staatenwelt
geostrategisch zurichtet, ernsthaft gemacht wird – wie an den
Amerikanern zu besichtigen – dann stellt sich die Frage des Lohnens
nicht. Dann nimmt man auch Kosten und Nachteile in Kauf. Es geht um den
staatlichen Zweck, für den der akkumulierte ökonomische
Nutzen dann auch benutzt werden soll. Dies gehört zur Konkurrenz
auf diesem Niveau. Der Grund für das Dilemma der Europäer ist
nicht nur die Vielzahl der nationalen Berechnungen, sondern zugleich
das Niveau, auf dem sie kalkulieren. Einerseits wollen sie den
Übergang zur Weltmacht, die den Reichtum des ganzen
Bündnisses für ihre Ambitionen in Dienst nimmt, machen, von
wo aus jedoch der Pluralismus der nationalen Berechnungen andererseits
auf die Frage des nationalen Lohnens führt, ob man damit nicht
gerade den ökonomischen Ertrag zerstört. Die Frage, auf
diese Art die politische Zukunft des Globus zu bestimmen, ist eben
nicht entschieden.
— Kann man denn sagen, dass tatsächlich
alle Staaten diesen Übergang machen wollen?
Nicht alle, aber auch nicht nur die großen. Die Tschechen wollen
vermutlich eine gescheite Schutzmacht, die sie vor den Russen
schützt, und es sollen nicht ausgerechnet federführend die
Deutschen sein. Die bisherige österreichische Regierung war schon
sehr daran interessiert, Teilhaber einer werdenden Weltmacht zu sein.
Wenn alle Oststaaten den Bedarf hatten, schnellstens in die Nato zu
kommen, zeigt dies, dass sie Europa als Garanten ihrer Sicherheit nicht
ernst nehmen.
In der jetzigen Lage stellt sich dies als eine Frage der Oststaaten
dar. Im deutsch-französischen Verhältnis, im
deutsch-französisch-englischen Dreiecksverhältnis, im
Verhältnis Europas und der englisch-amerikanischen special
relationship hat man dieselbe Konstellation. Beim Beschluss der
Engländer, mit den Amerikanern gegen den Irak in den Krieg zu
ziehen, haben die Engländer nicht die Überlegung angestellt,
ob ihnen das etwas nutzt oder schadet, oder sie vielleicht Potenzen
verspielen, die sie sonst hätten, weil sie unter dem
strategischen Gesichtspunkt, sich der existenten Weltmacht zuzuordnen,
wenn sie weiter weltordnend aktiv sein wollen, ihre Entscheidung
getroffen haben. Den Inhalt dieser Entscheidung – eine
weltordnende Macht zu sein – wollen die Europäer einerseits
und andererseits krankt ihr ganzes Unternehmen daran, dass sie das sich
selbst und einander nicht zu bieten haben. Das Niveau, auf das sich die
Europäer begeben, heißt eigentlich ‚Neugründung Europas
als imperialistische Macht’, also einer Macht, die den Reichtum und die
Ressourcen des ganzen Kontinents in Dienst nimmt und als Machtbasis
für das Eingreifen nach außen verwenden kann. Das ist ein
Programm der Machteroberung (das in der Regel über die
Eroberung von Territorium und darüber stattfindende
Ausweitung der Machtbasis stattfindet).
Es ist ein Neugründungs-Programm, das das Ergebnis von Eroberung
und Unterordnung zum Inhalt hat und es ist ein Unternehmen, dessen
Methode, friedlich und per Vereinbarung voranzukommen, dieses Ergebnis
nicht herstellt. Die Methode, gemeinsame Sache zu machen mit
Binnenmarkt und -währung, beinhaltet souveräne Manöver,
die Momente von Selbstaufgabe verlangen, und zwar in bezug auf die
freie Entscheidung der Nationen über den Einsatz kapitalistischer
Reichtumsmittel bis hin zur Währung. Mit dem Übergang auf den
zweiten Teil des Imperialismus-Artikels, auf die Machtfrage, ist mit
kapitalistischen Sachzwängen, mit dem Herbeimanipulieren von
Einigkeit über das gemeinsam benutzte Mittel, letztlich nichts
mehr auszurichten, weil es hier um ein imperialistisches Subjekt
geht, bei dem es darauf ankommt, die Ressourcen seiner Mitglieder
für seine Zwecke in Anspruch zu nehmen. Das ist der
Widerspruch zum Pluralismus und der Grund für lauter
souveräne Berechnungen, die immer wieder auf die Frage das
nationalen Lohnens zurückfallen. Die Führungsnationen
arbeiten sich an dem Widerspruch ab, mit der Aufgabe ihrer
Subjektivität ein Subjekt zu werden, wobei sie von dem Anspruch,
den Übergang zur Weltmacht hinkriegen zu wollen, nicht
abrücken. Deswegen gibt es an dem Mittel der friedlichen
Eroberung, des Zusammenschlusses auf Basis allseitiger
Vorteilsrechnungen, laufend Kritik, zum Beispiel die Techniken des
Majorisierens im Ministerrat ließen zu wünschen übrig.
Die Führungspersonen der EU-Staaten bekunden, dass sie am
mangelnden Dienst der EU für die gewollten Zwecke leiden. Sicher
ist nicht nur Sarkozy der Meinung, das ewige Herummanipulieren an den
Mechanismen der Konsensfindung bringe letztlich nichts, und er hat
genauso wie die Deutschen eine Antwort darauf. Einerseits ist die
EU ein Ensemble frei berechnender Staaten, andererseits gibt es
eine ziemliche Hierarchie, was die ökonomische Basis ebenso
betrifft wie die Militärausgaben oder das nationale Auftreten
weltweit. Sie sind ja nicht nur als EU-Staaten unterwegs, sondern als
unterschiedliche nationale Mächte mit ihren jeweiligen
Sonderbeziehungen und -interessen, was auch zwischen ihnen
innerhalb der EU eine Hierarchie ausmacht. Entsprechend fällt die
Antwort zumindest der Führungsmächte aus, sich mittels der
Partner und durchaus auch auf deren Kosten so weit zu stärken und
so sehr an der Spitze der Hierarchie zu stehen, dass es dann der
Nation gelingt, mehr oder weniger unwidersprochen als Sprecher des
ganzen Kontinents aufzutreten und so ein Stück europäischer
Macht praktisch zu realisieren. Ob im Nahen Osten der niemandem
namentlich bekannte Außenminister Estlands oder Steinmeier
vermitteln will, macht dann den Unterschied. Als Vertreter einer
potenten ökonomischen, mit Einschränkungen auch
militärischen, Macht in Erscheinung zu treten, ist eben etwas
anderes als der eines Anhängsels; wenngleich beide
mäßig Erfolg haben wegen Respektlosigkeit seitens der
Israelis. Um so aufzutreten muss der Abstand zu den anderen
Nationen größer gemacht werden, muss in allen
Konkurrenzfragen innerhalb des Bündnisses ein uneinholbarer
Vorsprung vor den anderen geschaffen werden – bei einer gewissen
Gleichrangigkeit hat man immer noch die anderen am Hals, mit denen man
gemeinsame Sache machen muss. Idealiter müssten die kleineren
Staaten die Beschlüsse der großen, in denen es ja um deren
nationalen Nutzen geht, nolens volens mittragen – realiter funkt immer
wieder die USA mit ihren durchaus erfolgreichen Spaltungsversuchen
dazwischen und macht die Versuche einer einheitlichen Europapolitik
zunichte.
Diese Versuche der ‚Großen’, die anderen für sich nutzbar zu
machen, führen notwendig immer wieder zu Streitigkeiten, sind
kontraproduktiv für den Zusammenhalt der EU-Staaten, wie an dem
Streit zwischen Deutschland und Frankreich um und wegen Airbus zu sehen
ist. Der Flugzeugbau ist eine wichtige Schlüsselindustrie, sowohl
dafür, sich als konkurrierender Kapitalstandort in den
nächsten 50 Jahren einen uneinholbaren Vorsprung zu erwirtschaften
als auch eine wichtige Bedingung dafür, eine
Rüstungsindustrie auf höchstem Niveau aufzubauen und den
Weltraum zu erobern. Das war bisher Gemeinschaftsprojekt, nach
Konkurrenzgesichtspunkten unter den Beteiligten aufgeteilt, die
nationalen Ressourcen und Potenzen wegen der Größe des
Projekts vergemeinschaftet. In dem letzten Streit um die Sanierung
von Airbus wurde dieser Standpunkt zwar nicht aufgekündigt, aber
im Streit um den Standort für die diversen Bereiche dieser
Schlüsselindustrie schon ein Stück weit von ihm
abgerückt. Es gibt also angesichts der fortdauernden Blamage
dieses widersprüchlichen Äquivalents zur Neugründung
eines imperialistischen Subjekts das Bemühen der Stärksten
unter ihnen, so etwas wie ein nationales Äquivalent zu diesem
Projekt hinzukriegen.
Darüber wird das andere Vorhaben, über die Vorspiegelung
einer gemeinsamen europäischen Einmischungsmacht dieser Macht
selbst näher zu kommen – als wäre die Konstruktion von
Weltmacht eine Frage der Glaubwürdigkeit, die man einer Fiktion
verleihen kann – natürlich nicht aufgegeben. Der Begriff des
Ergebnisses der bisherigen europäischen Bemühungen um
Weltmacht-Sein ist ein Vorspiegeln und zugleich ein erbittertes
Bemühen darum, dieser Glaubwürdigkeit zu verleihen. Das
„Berliner Papier“, das es anlässlich des Treffens der EU-Chefs in
Berlin gab, ist per se absurd, da ohne jeden materiellen Hintergrund.
Seine Funktion hat es nur in dem Rahmen der Idee und der Vorspiegelung
einer Weltmacht Europa im Werden. Um dem ein Stück
Glaubwürdigkeit zu verleihen, einigen sich die ziemlich
uneinigen Regierungschefs auf dieses Papier. Dieser Schein von
Weltmacht wird sobald er auf die Probe gestellt wird, sofort entlarvt,
sei es durch Putins Anfrage, wie es denn um ein gemeinsames Europa
bestellt sei.
Bei der Verfassung ist es doch ähnlich, Deutschland und Frankreich
sind der Meinung, dass diese als ein Instrument zur Herstellung
geordneter politischer Verhältnisse nicht konsensfähig
ist. Also sollen die kontroversen Inhalte herausgestrichen werden,
Hauptsache, es kommt eine Verfassung zustande, die alle unterschreiben,
so dass ein Dokument der Einigkeit Europas zustande käme.
Eine Bedeutung der Verfassung ist es, ein Dokument zu besitzen, um der
Fiktion einer respektablen Macht ein bisschen Glaubwürdigkeit
zu verleihen; eine andere sind Überlegungen, damit ein paar mehr
Instrumente zu haben, Unwillige zu majorisieren, die aber gar nicht auf
dem Niveau des Problems liegen.
Wenn eine europäische Nation die Chance sieht, sich irgendwo als
Weltordnungsmacht aufzubauen, kürzt sich die Frage des
Lohnens heraus. Für die Demo der Glaubwürdigkeit der Fiktion,
man wäre eine Ordnungsmacht im Nahen Osten, wird dann eben der
Verteidigungs-Haushalt strapaziert. Das Entsenden einiger Schiffe
vor die libanesische Küste soll zeigen, man sei eigentlich schon
irgendwie Weltmacht, obwohl klar ist, diese symbolträchtige Aktion
hängt von der Duldung der USA und der Israelis ab. Sie ist und
bleibt ein Symbol, auch wenn es sich um kriegsfähige Schiffe mit
ebensolcher Mannschaft handelt, die unter Umständen für die
Wahrung des Weltmacht-Scheins mit ihrem Leben eintreten muss.
Woanders treten die Europäer gleich als Hilfstruppe der USA oder –
wie in Afghanistan – als Nato-Mitglied an. Diese Doppelschiene erproben
sie nebeneinander ausschließlich mit dem Zweck, Weltmacht zu
werden. Daneben sind sie auch noch mit ihren rein nationalen
Interessen, oft genug in Kollision mit ihren ‚Partnern’, unterwegs.
Es kommt vor, dass Staaten eine imperialistische Einheit bilden, wenn
ihre Existenz auf dem Spiel steht, wie die Partnerschaft der USA mit
ihren Verbündeten in den beiden Weltkriegen belegt. Da gibt es
dann mit der special anglo-american relationship eine echte
Unterordnung einer Nation unter das Kommando einer
größeren, um sich zu retten und in einem akuten Krieg
durchzusetzen. Der Geniestreich der USA ist es gewesen, im Kalten Krieg
gegen die SU ein wirkliches Kriegsbündnis zusammen zu
schmieden, das die Qualität hatte, die die Europäer jetzt
anstreben. Das ging aber unter der Bedingung, dass die Kriegssituation
die Staaten zusammen hielt. Die Zeiten, als die USA auf diese Art den
Europäern eine Unterordnung aufnötigen konnten, sind vorbei.
Ohne eindeutige Schutzmacht und ohne einen eindeutigen Feind, gegen den
allen Beteiligten der Zusammenschluss einleuchtet, ein
Äquivalent dazu herzustellen, ist das widersprüchliche
Bemühen der Europäer.
Kommt da nicht auch dazu, dass sie mit dem Entschluss, sich als
Weltordnungsmacht zu konstituieren, sofort auch in ein neues
Verhältnis zur Supermacht treten würden, in dem gleich die
Frage des Lohnens anstünde. Wie stünden sie dann da im
Vergleich zu jetzt? Obwohl sich das Aufplustern als
Weltordnungsmacht ja gerade lösen sollte von dieser Frage, weil
ein anderes Niveau erreicht werden soll. Sie haben die Frage zu
klären, worauf sie sich einlassen, wenn sie diesen Entschluss
treffen und damit sofort als eindeutig anti-amerikanisches Subjekt
aktiv werden.
Sobald sich diese Frage stellt, ist das Projekt, gemeinsam eine
autonome Weltmacht zu werden, eigentlich schon aufgegeben.
— Man kann vielleicht umgekehrt sagen: Solange sie die Frage nicht
stellen, hat es was von Abenteurertum, weil man sich in Konfliktlagen
begibt, die man gar nicht beherrschen kann. Das Ganze ist immer nah an
einer Blamage, die nicht unbedingt nur eine diplomatische ist.
Es war eine Zeitlang die Frage, ob es nicht ein Abenteuer sei, sich mit
einer UNO-mandatierten EU-Truppe an die israelische Grenze zu stellen
oder im Kosovo, wo zwar die Nato alle, auf die es ankam, besiegt hatte,
sie aber demnächst, wenn sie die Provinz verwalten, eine von den
USA gesponserte Mafia beaufsichtigen müssen. Etwas
Abenteuerliches ist es auch, Rumänien und Bulgarien einzugemeinden
und strategische Ordnungsansprüche in Bezug auf die ganze Region
aufzumachen, ohne im Kaukasus auch nur ein einziges Dorf befrieden
zu können. Alle diese Vorstöße, sich als Weltmacht
aufzubauen, haben etwas Abenteuerliches an sich, solange das die Linie
ist, weil die Einlösung dessen, was man sich damit vornimmt, gar
nicht erfolgt. Und dann wäre es abenteuerlich, gegen die USA
an der eigenen Linie festzuhalten, weswegen sie sich dann ja immer
irgendwelche Öffnungsklauseln suchen. So lavieren sie
zwischen Blamage und Abenteuer hin und her, letztlich mit dem
Bestreben, die Kosten möglichst gering zu halten.
Das ist gewissermaßen der Vater des Gedankens, denn aus diesem
generalisierten Terrorismusanliegen kommt dieser Erfassungsfanatismus,
der alles andere ja nicht wegwischt, aber ergänzt um den
Standpunkt, dass man ja nicht weiß, ob und welcher Bürger
den Übergang zum Terrorismus macht, deswegen erfasst man lieber
gleich alle – schließlich „gibt es keinen Unterschied mehr
zwischen Krieg und Frieden“ (Schäuble).
Nächstes Mal: Die aktuellen Drangsale und Fortschritte des
europäischen Imperialismus.