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Frage zum GS-Artikel: ‚Linksruck’ in Lateinamerika, 1/07:
— Am Ende des Artikels über Lateinamerika steht: ‘Die
Linken hoffen auf Weltverbesserung und glauben eine andere Welt sei
möglich’. Wie ist diese Kritik gemeint?
Zum einen: Wenn man Chávez als Hoffnungsschimmer bestimmt, ist
das Anspruchsniveau für Hoffnung sehr niedrig. Klar: In einem
Land, in dem es elend zugeht, ist schon ein warmes Essen ein
Fortschritt. Aber wenn kritische Geister aus der 1. Welt, in der solche
Sachen doch zu den Selbstverständlichkeiten eines normalen Lebens
gehören, das als Hoffnungsschimmer bestimmen, dann ist das
eigenartig. Zum andern: Wenn die Betonung auf ‘ist möglich’ liegt,
ist die Verwirklichung in der Hoffnung noch nicht mal
übermäßig eingeschlossen.
Dass man hierzulande sogar als Hartz-IV-Empfänger unter
Verhältnissen lebt, die man für ein Land wie Venezuela als
wünschenswert hinstellt, das ist ein Zeichen dafür, wo Macht
und Reichtum zu Hause sind – das ist sogar noch an den Opfern
abzulesen. Sich dann auf den Standpunkt der Möglichkeit einer
anderen Welt zu stellen, die nicht daran abgelesen wird, was wir hier
zustande bringen, sondern was unter besonderen Bedingungen (die im
Artikel erläutert sind) ein wohlmeinender Präsident eines
3.-Welt-Landes zustande bringt; das ist so ein eigenartiger Blick auf
die Welt. Sie machen die Möglichkeit von Veränderung
ausgerechnet da fest, wo die bestimmenden Mächte dieser Welt nicht
zu Hause sind, sondern in ihrer Peripherie tätig werden. Der
Standpunkt sollte hier am Schluss vom Artikel angegriffen sein, mit der
Bemerkung: Jetzt suchen sie sich mal wieder in der 3. Welt eine
veränderungsmäßig hoffnungsstiftende Idylle. Wie viel
Einverständnis mit der Welt, wie sie gemacht wird, darin liegt,
wenn man die Kritik und die Chance auf Veränderung in der
hinterletzten Ableitung des Imperialismus sucht und findet, das ist das
Eigenartige.
Der Aufruf der G-8-Kritiker
ist auch von diesem Standpunkt getragen. Was ist das Kritikable an
diesem Standpunkt, der sich wie eine Diagnose vorträgt: Es
geht auch anders?
— Die von Attac meinen, es geht auch anders, ohne dass
man den kompletten Kapitalismus und die Weltordnung abschafft. Die
bestreiten also, dass die kritisierten Folgen die notwendigen
Konsequenzen dieser Sorte Wirtschaftens und Weltordnens sind. Im Aufruf
steht, die auf dem G-8-Treffen Versammelten vertreten die
Interessen des Kapitals. Sie fragen aber nicht weiter, warum und
was an dem Reichtum dran ist, dass er sich weltweit vermehren will und
was dem Staat an dieser Sorte Reichtum gelegen ist. Sie wollen also
nichts von der Identität von deren Interessen wissen, sondern sie
meinen, damit einen Widerspruch benannt zu haben, wenn sie sagen, die
Staaten vertreten den Standpunkt des Kapitals; also ein
Partikularinteresse statt die Interessen des gesamten Volkes. Sie
überlegen sich nicht die Gesetzmäßigkeiten des
globalisierten Kapitalismus, dessen Folgen sie kritisieren. Also
heißt doch ihr Satz: ‘Es geht auch anders’: Man muss nicht die
Gesetzmäßigkeiten von Staat und Wirtschaft bestreiten, damit
es menschenfreundlicher zugeht.
Ja; man sieht es doch: Chávez macht es vor. Es muss nur ein
Politiker mit gutem Willen kommen und das kapitalistisch verdiente Geld
für sein Volk benutzen. Bei den meisten Machthabern fehlt es also
nur am guten Willen.
Der Generalspruch: Eine andere Welt ist möglich, soll eine
gemeinsame Basis schaffen für alle möglichen Sorten Kritik
und Unzufriedenheit. Es gibt ja jede Menge unzufriedene Menschen – ob
selbst betroffen oder nur mitfühlend mit fremden Elend. Gibt es
überhaupt jemanden, der offiziell vertreten würde: Es geht
nicht anders. Die Politiker, die Bild-Zeitung, die Kirchen sind nicht
dieser Meinung. Da soll jeder erst mal bei sich selbst anfangen.
— Die Welt, in der wir leben, ist nicht nur voll von
Unzufriedenheit, sondern auch voll von Alternativen. Jeder weiß,
wie es besser ginge. Das ist kein radikaler Ansatz, sondern normal.
Es ist eine Allerweltsweisheit, die so schwer zu fassen ist, weil sie
kein widerlegbares Argument enthält. Eine andere Welt ist
möglich, sie ist aber ja gerade anders. Eine andere Welt wird
laufend ins Werk gesetzt, von denen, die die Macht dazu haben. Mit
diesem Einwand ist man von der Abstraktion weg, hat die Leute aber
natürlich missverstanden, weil die ja nur sagen wollen, es
bräuchte das alles nicht. Das macht den Spruch so populär,
dem kann sich jeder anschließen, der sich an etwas stört.
Jeder kann dem, ohne einen Funken von Argument, den Gestus der Hoffnung
entnehmen, mehr ist es nicht. Die fassen in diesem Spruch keinen
einzigen Grund – von Notwendigkeit ganz zu schweigen –, wieso die Welt
so ist. Sobald man zum es, zum geht und zum anders irgendeinen Inhalt
dazutut, hat man eine Auseinandersetzung.
— Die Aussage: Eine andere Welt ist möglich, ist
methodisch. Damit wird argumentlos an dem, was unterstellt ist, am
Urteil über die andere Welt, was die sei, festgehalten; das sei in
schon Ordnung, da gibt es nichts zu erklären.
Und sobald das Angebot kommt, man habe eine Ursache ermittelt
dafür, warum in der 3. Welt (oder in Venezuela bis neulich noch)
andere Verhältnisse herrschen, ist man bei den Argumenten, die im
Artikel behandelt werden. Oder wenn sie ihre Theorien über die
Machenschaften der Hedgefonds bringen, die die Politik dominieren und
für ihre Gewinninteressen Staaten funktionalisieren, dann
hätte man eine Debatte. Das ist weg von der Abstraktion, eine
andere Welt sei möglich, und dabei, was an Diagnose der Welt
darin unterstellt ist, so als bräuchte man sich darüber nicht
mehr groß auseinanderzusetzen.
— Das Argument, eine andere Welt ist möglich – am
Beispiel von Venezuela, bleibt ja nicht da stehen. Denn da kommt dann:
Chávez braucht Unterstützung, weil er mit lauter
Widerständen zu kämpfen hat. Da kann man die Widerstände
thematisieren und fragen, wo die herkommen.
Dann käme man auf das Thema: Woran arbeitet sich der Chávez
eigentlich ab, worin hat das seinen Grund, wer macht die Welt, von der
man in Venezuela sehen will, dass sie auch anders geht. Dann kommen sie
schon drauf, dass die von den G 8 gemacht wird, das aber ernst
genommen, müssten sie als nächstes fragen: Wieso können
die das? Dann wäre man bei dem Verhältnis zwischen
Führung und Gefolgschaft in unseren Ländern in einer ganz
anderen Härte, als es im Aufruf: ‘Wir freien Menschen sammeln
jetzt mal für Chávez weltweit gute Noten’, der Fall ist.
Die Aufrufe zum G-8-Gipfel oder zu Venezuela sind alle von demselben
Geist der Weltverbesserung getragen. Es ist eine schlechte Sorte
Imperialismuskritik, die Seite der Macht immer nur nach der Seite der
Ohnmacht (und was da vielleicht doch noch geht) zu betrachten.
Betrachten wir doch mal die Welt, in der das Kapital entsteht, das sich
die Welt dienstbar macht; in der die Hedge-Fonds ihr Kapital
einsammeln, mit dem sie dann in aller Welt profitmaximierend
zuschlagen.
— Die Grünen haben den Aufruf nicht
mitunterschrieben, weil im 1. Teil steht, dass sich da die
Weltkriegsordner treffen. Da werden sie endlich mal ehrlich.
Als Überschrift könnte man das gelten lassen: Da versammeln
sich mal wieder die größten Kriegstreiber. Dann müsste
es aber losgehen, weil damit deren Argumente – z. B. die
Terrorismusbekämpfung sei eine Wohltat für alle und sie
könnten gar nicht anders handeln – nicht kritisiert sind.
— Einige Zitate aus den Infos zu Heiligendamm 2007: „Die
Gipfelteilnehmer/innen repräsentieren die 8 mächtigsten
Staaten der Welt, die daran teilhaben, die globalen Probleme erst zu
produzieren, für die sie dann vermeintliche Lösungen bieten.
… Sie sprechen von globalem Government, doch in Wirklichkeit nutzen sie
gnadenlos das Recht der Stärkeren, um eine Weltordnung zu
schaffen, die ihrer Machterhaltung und kapitalistischen
Profitinteressen dient, wie aktuell in Afghanistan und Irak. Aber
kriegerische Logik setzt nicht erst dann ein, wenn Bomben fallen,
meistens funktioniert die Aufrechterhaltung von Unterdrückung auch
ohne Einsatz von Waffen. Es reicht schon die Drohung mit weniger
Welthandel oder der Kürzung von Entwicklungshilfe aus.“
Greifen diese Tatsachen das Herrschaftssystem hier an? Merken sie
eigentlich, was sie für ein Urteil über die Verhältnisse
hier impliziert haben? Merken sie, was sie über die Völker,
über das System, in dem diese Völker tätig sind, und das
auf Profitmaximierung in der ganzen Welt aus ist, gesagt haben? Was sie
von dem praktischen Verhältnis von hier zum Rest der Welt – dass
dieses Verhältnis nicht nur die Machenschaft von ein paar Figuren,
sondern ein ganzes System ist – gesagt haben? Wenn da in einem Aufruf
der Satz steht: ‘Manche nennen das Kapitalismus’, dann meinen sie das
nicht ironisch, sondern eher in der Art: Dass manche denken, das sei
ein System, interessiert uns nicht, wir sammeln nur alle Unzufriedenen.
— Sie meinen, ‚think tanks’ würden das den
Politikern vorsetzen. Die seien gutgläubig oder bestechlich und
kommen deshalb nicht ihrer eigentlichen Aufgabe nach, für
Demokratie in der Welt zu sorgen. Das sind eigentlich undemokratische
Machenschaften.
Woher haben sie die Macht, die sie brauchen? Was sind da für
Verhältnisse unterstellt, wenn der Entzug von Entwicklungshilfe
ein Hebel zur Einflussnahme anderswo ist? Da ist ein ganzes
Produktionsverhältnis unterstellt, das den Herrschern der
1.‑Welt-Nationen ihre Machtmittel an die Hand gibt, so in der Welt
rumzufuhrwerken. Das wäre der Gegenstand, auf den die
Aufmerksamkeit sich dann richten müsste.
Anders gesagt: Es ist aberwitzig festzustellen, wie verheerend die Welt
beieinander ist, und dann die Frage zu stellen: ‘Dürfen die das,
wer hat denen die Legitimation gegeben. Die sind nur selbstlegitimiert
und lassen noch nicht mal die Inder oder Chinesen mit rein.’
— Die bewegen sich doch gar nicht im Rahmen der
wirklichen Erlaubnisinstanzen, sei es demokratisch oder wie auch immer,
sondern auf der Ebene: Die sind deswegen nicht legitimiert, weil sie
die vielen Schäden anrichten, dafür können die nicht
legitimiert sein.
— Sie wollen nicht mal auseinander halten, wer da die
Opfer sind, wenn die Staaten, denen die Entwicklungshilfe gestrichen
wird, als Opfer begriffen werden, oder wenn man sagt, die Inder sollen
gleichberechtigt mitmachen dürfen.
Da ist wieder die Frage: Wobei denn eigentlich? Wenn sich die
Machthaber für ihre Machenschaften zusammensetzen, da sollten sie
wenigstens mit dabei sein? Ja meinen sie denn, dass die Welt in Ordnung
ist, wenn der Club 10 statt 8 enthält?
Ihre Kritik ist, dass die Politiker dazu noch nicht einmal
ermächtigt sind. Nachdem sie aber doch die Macht haben,
müsste sich die Frage anschließen, woher sie diese haben.
Und wenn man darauf verwiese, dass sie doch gewählt sind,
wäre man auf einer anderen Schiene.
Die Kritiker sehen sich selber als Beweis dafür, dass es
doch anders geht, sie stehen auf dem Standpunkt, dass die Macht anders
gemeint sei. Man kämpft mit ihnen immer darum, zur Sache und weg
von ihrem Idealismus zu kommen. Wenn man sich nicht über die Sache
unterhalten darf, dann taugt die ganze Kritik nichts.
— Sie drücken die Wirklichkeit (Interesse des
Kapitals) immer als eine Verfehlung der Möglichkeit
(Allgemeinwohl) aus.
Und folgern daraus, dass sie die Machthaber dazu zwingen müssen,
von ihren falschen Überzeugungen, Ratgebern und Kriterien
abzulassen und sich auf die richtigen zu besinnen. Dafür
müssen sie dann Druck machen, indem sie protestieren. Dieser
Gedanke ignoriert so vollständig, worauf die Macht, deren
Missbrauch sie beklagen, eigentlich beruht und wie viel Programm in
dieser Macht, die sie richtig verwendet haben wollen, schon drinsteckt.
Man kann dies z. B. an den „Weltproblemen“ durchexerzieren, zu
denen ihnen der Satz eingefallen ist, die G-8-Staaten würden die
Probleme, an denen sie sich zu schaffen machen, selbst herstellen.
— So gibt es das ‘Problem’, dass es für viele
Menschen in ganzen Erdteilen kein ausreichendes Trinkwasser mehr gibt.
Wenn die Politiker, die sich in Heiligendamm zusammensetzen, dasselbe
Problem hätten, dann bräuchten sie doch nur
Wasseraufbereitungsanlagen hinschicken. Wenn sie das nicht tun, haben
sie offensichtlich ein anderes Problem. Hier wird die Scheidelinie
deutlich, ob man nämlich sagt, dass sie dieses Problem aber haben
sollten, oder ob man sich damit auseinandersetzt, welches Problem die
Politiker tatsächlich haben. Es ist ja gar nicht so, dass die
Politiker mit dem, was sie in der Welt anrichten, einverstanden sind.
Wenn man überall nur auf die – auch von G-8-Kritikern
angeprangerte – Gewinnmaximierung achtet, dann ruiniert man damit
Länder. Aber das Problem der Politiker ist anderer Art, sie haben
damit z. B. Ordnungsprobleme. Ob Klimawandel, verhungernde und
verdurstende Leute, Rohstoffe, alles wird von unseren Politikern als
Problem benannt und dafür ihr ganzes wohlmeinendes Volk
vereinnahmt. Keine Zeitung entzieht sich dieser Deutung, dass man sich
darum kümmern müsse. Mit diesem Stichwort Problem kann man
unbesehen jeden mitdenkenden Menschen vereinnahmen. Dass man zu Sachen,
die nicht in Ordnung sind, gewohnheitsmäßig Problem sagt,
dem kann jeder zustimmen. Das Fatale ist, in diesem Stichwort Problem
kommen viele, völlig gegensätzliche Sichtweisen zusammen. Bei
jedem Problem ist zu fragen, wer es hat und worin es eigentlich
besteht. Die aufgerufene Sache selbst ist es noch gar nicht. Die
Heuchelei, dass es ihnen um die armen Neger gehe, die geht einem
Politiker flott von den Lippen, aber das ist nicht die Sache, um die es
ihnen geht. Wenn man es hinbekommt anzusprechen, wie das Schaffen eines
Problems und ein Problem haben miteinander zusammenhängen, dann
könnte man sich ernsthaft darüber unterhalten, wie die
Staatsräson imperialistischer Nationen aussieht.
In den Aufrufen gegen den G-8-Gipfel kann jeder sein Lieblingsideal –
und sei es der Kampf gegen patriarchalische Strukturen – benennen. Auf
so etwas sind sie übrigens auch berechnet, denn alle gutmeinenden
Menschen laufen mit unterschiedlichen Idealen im Kopf herum. Alle sind
sie gegen den Krieg, er ist ja böse, aber die Gesichtspunkte,
unter denen er böse ist, dürfen sich schon unterscheiden. Die
einen sehen die unschuldigen Opfer als Anklagepunkt, andere müssen
unbedingt auf vergewaltigte Frauen verweisen, wieder andere sehen ihn
als einen Verstoß gegen das Gleichheitsideal der Menschheit. Eine
wirkliche Begutachtung der Gründe für einen Krieg findet
nicht statt; man möchte stattdessen irgendeinen der Werte
angemeldet haben, gegen den der Krieg auch noch verstößt.
Dieser Fehler ist offen für jedes Ideal.
Was ist das Problem des Klimawandels? Niemand ist verlegen
aufzuzählen, was durch den Klimawandel zugrunde geht und woran
sein Herz gerade hängt: Schmelzende Gletscher, Rückgang der
Vielfalt in der Natur usw.; auch Hitzetote mag jemand bedauern, kommt
damit aber sofort in Streit mit jemand anderem, der für diejenigen
spricht, die jetzt im Winter nicht mehr erfrieren müssen. Es sind
alles Diskussionen im Bereich der schönen Vorstellungen, der
Ideale, die man mit dem Stichwort ‚Klimawandel ist doch ein Problem’
verbinden kann. Das wirkliche politische Problem mit dem Klimawandel
liegt in der Konkurrenz zwischen imperialistischen Nationen; es
betrifft die Energiepolitik und die Kompetenz, sich wechselseitig
Vorschriften zu machen bei Grundfragen der Energieversorgung. Wenn dann
der Gesprächspartner wohlwollend ist, hört er darin
aufgehoben nur sein eigenes Problem, aber wie die Welt wirklich
läuft, meistens Fehlanzeige. Es ist kein Zufall, dass das Problem
der Politiker mit dem Klimawandel in der internationalen Konkurrenz
angesiedelt ist, denn wenn es das nicht wäre, gäbe es den
ganzen Klimawandel selber gar nicht.
In den Aufrufen der G-8-Protestler heißt es z. B.: „Die von
der Dominanz der G 8 geprägte Welt ist eine Welt der Kriege, des
Hungers, der sozialen Spaltung, der Umweltzerstörung und der
Mauern gegen MigrantInnen und Flüchtlinge.“ Genau, so ist es.
„Dagegen wollen wir bei unserer Großdemonstration am 2. Juni 2007
protestieren …“, das mag ja auch noch ehrenwert sein. Wir
würden jetzt darauf drängen, die Gründe namhaft zu
machen, aus denen das alles passiert, wie es in der Räson unseres
Staatswesens verankert ist. Hier jedoch geht es anders weiter:
„… und [wir wollen] die Alternativen dazu aufzeigen.“ Die
Politiker sollen es richtig machen. Und vielleicht geht es auch dahin,
dass man denen Dampf machen muss; vielleicht wollen sie auch noch
vormachen, wie das richtig geht. Wenn man die Diagnose ernst nimmt,
dann muss man auch etwas über die Beschaffenheit dieser Welt
verlauten lassen, damit eine Kritik daraus wird; sonst ist es nur eine
billige Absage, dass einem nämlich die Wirkungen dieser Welt nicht
gefallen. „Gemeinsam mit Millionen Menschen in aller Welt sagen wir:
‚Eine andere Welt ist möglich.’“ Ihr guter Wille bleibt auf dem
Niveau des Jammerns oder des idealistischen Kontrapunkts hängen.
Hart wird es bei dem, wofür sie sind: Für die sofortige
Streichung illegitimer Schulden; eine faire Entschuldung der
Länder des globalen Südens. Wenn man hier versucht, eine
Debatte über den politökonomischen Kredit anzuzetteln, sie
fragt, ob sie die Resultate des Experiments kennen, Schulden zu
streichen, sagen die Ehrlichen vielleicht noch: „Ja, dann geht es
gleich mit neuen Schulden weiter.“ Fragt man dann nach dem, warum in
einer Welt, in der das Geld längst zum Nebenpunkt des Kredits
geworden ist, Staaten sich nach ihrer Fähigkeit, Kredite zu
bedienen, sortieren, sind sie zumeist gleich weiter beim nächsten
Punkt: Gegen den Ausverkauf öffentlicher Güter und Dienste
für gleiche soziale Rechte und Standards weltweit. Wirklich dieses
Problem hat der amerikanische Handelsminister, wenn er Importe aus
Indien unterbinden will, und zwar sehr selektiv dort, wo es der
heimischen Industrie schadet. Schon wieder ist man bei einem
internationalen Konkurrenzproblem angelangt; die Politik setzt auch
hier ein anderes Problem in die Welt, als es ihre Kritiker haben. Aber
schon sind die Kritiker weiter: „… für einen schnellen und
radikalen Wechsel zu den erneuerbaren Energien. Zusammen mit einer
deutlichen Erhöhung der Energieeffizienz und der Umstellung auf
ein nachhaltiges Wirtschaften können nur so ein gefährlicher
Klimawandel und weitere Kriege um Öl- und Gasreserven verhindert
werden.“ Hier geben sie den alternativen Energiepolitiker und sollten
sich mit Gabriel unterhalten, und der stimmt ihnen auch noch zu, weil
mehr Energieeffizienz volkswirtschaftlich ganz wunderbar ist. Und wo
die Kritiker denken, dass dadurch Kriege erspart werden, denkt der
Politiker auch, dass uns dies manches erspart, insbesondere verschafft
sie uns gute Verhandlungspositionen mit den Russen, weil wir denen dann
ganz anders kommen können. Haben die Kritiker das gemeint? Nein,
denn die sind ja „für die Überwindung von Mauern und Grenzen,
gegen Lager und Abschiebung“.
Das Angebot an sie, sich über die Gründe zu unterhalten, ist
bei diesen Leuten glatt eine Themaverfehlung, trotzdem müsste man
ihnen gerade ihre Gedanken als Themaverfehlung klar machen. Man
müsste sie auf ihren Widerspruch hinweisen, einerseits von
Machthebeln wissen zu wollen, die die Weichen falsch stellen, und dann
gar nicht wissen zu wollen, welcher Logik diese Machthebel selber
folgen, sondern den Politikern immer nur vorzuwerfen, sie würden
der eigentlichen guten Logik nicht folgen.
Wenn sie die mangelnde Legitimation der G 8 rügen, sollte man
ihnen entgegensetzen, woher sie denn diese Macht haben und worin sie
besteht. Dann käme man auch darauf, dass in der Macht, die sie
haben, und darin, dass sie diese Macht haben, auch schon ein ganzes
Programm steckt. Macht heißt nämlich, mit Gewalt ein Volk
nützlich machen. Die Produktivkraft der Gewalt liegt nicht in
einem Eigentlich, das dauernd verfehlt wird, sondern in einer
gelungenen Benutzung der Menschheit durch die obrigkeitliche Gewalt.
Und darin sind auch diese Kritiker als funktionelle Elemente
involviert. Die Freiheit, sich aus dieser Welt herauszustellen und zu
sagen, es ginge doch auch anders, ist ein luxuriöser Fimmel. Diese
Position der G-8-Kritiker, der Welt Solidarität zu spenden und sie
zum Zusammenhalt aufzurufen, so dass es – wenn es nur viele genug
wären – schon nach ihrem Geschmack ginge, abstrahiert von der
Machtgrundlage der von ihnen angegriffenen Herrschaft. Und es
abstrahiert auch von dem Status, den man selber in diesem System hier
hat. Niemand steht extern zu diesem ganzen Zirkus.
Der Klimawandel ist deswegen ein wunderbares Thema, weil dabei immer
eine Beziehung zum Einzelnen hergestellt werden kann nach dem Motto:
‘Du solltest, wenn du es mit deinem Idealismus ernst meinst, bei dir zu
Hause selber anfangen.’ Idealisten realisieren nicht, inwiefern und wie
sie in das von ihnen kritisierte System involviert sind. Das kann in
dem Aufruf – jeder solle bei sich anfangen – wunderbar moralisch
verstanden werden. Jetzt muss man einen solchen Typen auch noch von
seinem Mit-Schuld-Sein wegbringen: Es geht nicht um eine Schuldfrage
und schon gar nicht darum, dass jeder zu Hause bei sich die Welt in
Ordnung bringt; das ist Bild-Zeitung, die sagt: „Die Rettung der Welt
ist kein Zuschauersport“.
Wenn die G-8-Gegner dauernd vom Missbrauch der Macht reden, kann man
sie vielleicht einmal damit konfrontieren, was denn der Gebrauch dieser
Macht ist. Wenn der sich dann bevormundet fühlt, ist es Pech – das
liegt aber an ihm.
— Die Warum-Fragen sind immer rhetorisch – wenn die zum Beispiel
fragen, warum die G 8 der Motor der globalen Erwärmung ist, steckt
immer schon die Antwort drin: Weil sie eine verfehlte Energie-Politik
machen. Dabei sind die spannenden Fragen immer die nach dem Wie.
Also die nach dem jeweiligen Inhalt. Was ist im Unterschied zu einem
wohlmeinenden Menschen, der die Natur schonen will, der Standpunkt
eines Politikers, wenn der über Ressourcen schonende
Energiepolitik redet? Das Wort mag dasselbe sein oder die Aussage: ‘Wir
haben hier ein Weltproblem’ gleich klingen, aber wenn man schon dauernd
merkt, dass bei dem, was die Politiker tun, immer etwas ganz anderes
herauskommt, als man sich vorgestellt hat, dann sollte man sich zu dem
Gedanken entschließen, dass die Politiker offenbar etwas anderes
meinen und sich dann fragen, was sie meinen und nicht immer nur
herumjammern, dass sie das, was man selber meint, offensichtlich nicht
im Sinn haben.
— So einer sagt doch, dass der Grund, warum die
Politiker dauernd etwas machen, was er nicht gut heißt, daran
liegt, dass sie sich um die Alternativen nicht kümmern und das
liegt daran, dass die Leute, die die Alternativen kennen, noch zu
wenige sind. Die wollen den Politikern die Macht nicht wegnehmen,
sondern meinen: Wenn ganz viele sagen, es geht auch anders, müssen
auch die Politiker darauf hören.
Gegen diese ziemlich wasserfeste Weltanschauung ist zu sagen: Wenn
viele Leute sich zusammentäten und ihren Politikern die Macht
wegnähmen und nur noch Volksbeauftragte ernennten – vorausgesetzt,
sie haben sich vorher darüber verständigt, wie sie ihr
Zusammenleben systematisch gestalten wollen, haben sich also eine
Kritik daran erarbeitet, was an ihrem Zusammenleben unter staatlicher
Regie heutzutage falsch läuft – dann könnten sie zweifelsohne
eine andere Welt hinstellen. Aber dann müssen sie erst einmal
wissen, was sie alles abschaffen müssen. Wenn sie sich damit
bescheiden, immer nur zu sagen: ‚Wir wollen das Gute und nicht das
Schlechte’, und sich die Frage schenken, warum es das in ihrer Optik
Schlechte immerzu gibt, dann wissen sie auch nichts darüber, was
sie alles außer Kraft setzen müssen. Damit sind und bleiben
sie die Manövriermasse für das Konkurrenzproblem, das der
Gabriel hat und meint, wenn er über ‚saubere Energiepolitik’
redet. Seine Macht besteht darin, dass er alle die Wohlmeinenden
längst unter sein Konkurrenzproblem subsumiert hat. Wer das nicht
oder nur moralisch merkt, bleibt die Manövriermasse von Gabriels
Problemstellung. Um die Systemfrage kommt man also nicht herum – das
ist die Quintessenz aller Antworten, die man auf der methodischen Ebene
zu geben hat. Es ist sowieso falsch, die Systemfrage methodisch
aufzuwerfen, das müsste einer schon an den kritisierten
Gegenständen merken, dass man es da mit Systemfragen zu tun hat.
Moral und Recht (GS 1/07, S. 28 unten)
— In dem Artikel geht es um die Entscheidung des
Bundespräsidenten, ob er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann,
dass Ch. Klar frei kommt, wobei das nicht juristisch definiert ist,
sondern es ist eine moralische Entscheidung. Dazu steht vorher ein
allgemeines Argument: „In der rechtsstaatlichen Normalität werden
… Teile der im Gemeinwesen herrschenden Moral als Recht verbindlich
gemacht und mit Blick auf das staatliche Regelungsbedürfnis in
Gesetzen und Verordnungen elaboriert.“ Bisher dachte ich, dass die
Moral eine Ableitung der rechtlichen Gebote ist und dass der
Bürger das in seinen Sittlichkeitsvorstellungen versubjektiviert.
Hier klingt es so, als würde sich das Recht in der Gesellschaft
moralische Vorstellungen abholen und die kodifizieren.
Das Versubjektivieren findet nicht auf der Empfindungsebene statt,
sondern ist eine Art der Lebensführung. In die ist die Freiheit
der Menschen eingeschlossen, aus den staatlichen Vorgaben etwas
für sich zu machen. Gerade im bürgerlichen Staat, wo ein
Hauptmotto lautet: „Sei deines eigenes Glücks Schmied!“, soll und
wird das auch wie ein Angebot genommen, sein eigenes Leben zu
führen. Da werden laufend aus den gesetzlichen Vorgaben des Staats
Umgangsformen öffentlicher wie privater Art der Bürger
untereinander entwickelt, die der Staat sich nicht hat träumen
lassen. Die Sitten, die ein Volk entwickelt, hat ein Staat keineswegs
von vornherein im Griff, wenn er gesetzliche Vorgaben macht, darum ist
das Gesetz ja auch eine ewige Baustelle; kaum hat er z. B. die
Hedgefonds zugelassen, agieren die auf ein Art, dass er fürchten
muss, die könnten mit den ihnen eigenen Sitten und Gebräuchen
sein ganzes Finanzwesen in Gefahr bringen. Sicher gab es die
prinzipiellen gesetzlichen Vorgaben, die sicherstellten, dass der
Kapitalismus in die Gänge kommt, aber bei dem, wie der in die
Gänge kommt und was sich dann alles abspielt, ist der
Erfindungsreichtum des bürgerlichen Menschen unendlich.
— Aber ob der Staat sich da seinen Änderungsbedarf abholt
oder ob er sich daran erinnert, was er mit seinem Recht setzenden
Apparat in Gang bringen wollte und inwiefern jetzt das, was als
Sittlichkeit praktiziert wird, davon abweicht oder es modifiziert, da
ist doch immer seine Rückerinnerung an sich der Bezug.
Das kommt darauf an – am Streit der Gesetzgeber merkt man, dass es
nicht immer eine einheitliche Rechtsauslegung gibt. Beispiel
Steuerrecht: Der Staat muss auf illegalen Abtransport von Kapital ins
Ausland reagieren und dann gibt es den Streit: Soll man das verbieten?
Wenn man das verbietet, welche Ausnahmen soll es geben? Haben wir
überhaupt genügend Polizei, das durchzusetzen? Die anderen
weisen dagegen darauf hin, dass das einzige Mittel gegen Steuerflucht
die Steuersenkung sei. Der Staat reagiert mit seiner Rechtsetzung auf
Machenschaften, Sitten und Gebräuche seiner Bürger, und da
ist gar nicht ausgemacht, dass er immerzu stur einen hohen Begriff von
staatlichem Gemeinwohl verfolgt, sondern gerade, wenn es in die Details
der gesellschaftlichen Sitten reingeht, gibt es ein Hauen und Stechen
zwischen den verschiedensten Interessengruppen. Über dem Ganzen
thront dann noch das Verfassungsgericht, das das Eigentumsrecht gegen
das Recht des Fiskus abwägt und am Ende gibt es noch den
Europäischen Gerichtshof, der u. U. gegen das deutsche
Steuerrecht entscheidet. Und in anderen Bereichen der Gesellschaft geht
es ähnlich zu; prinzipiell will der Staat nicht immer nur seinen
Zugriff durchsetzen, denn die Leute sollen sich nützlich für
ihn betätigen, also brauchen sie auch die Freiheit zum
Geldverdienen und so wägt er jeweils ab. Es kommt eben schon sehr
darauf an, was eine bürgerliche Gesellschaft aus den staatlichen
Vorgaben macht. Und dann kommt noch hinzu, dass sich die Leute ihre
moralischen Vorstellungen machen und nach denen leben jenseits der
staatlichen Vorschriften oder über sie hinaus.
Von den Sozialgesetzen angefangen bis zu den Gesetzen, die das
Privatleben gestalten, gibt es fast keines, das nicht von den
Betroffenen dem Staat abgerungen worden ist. Wenn dieser sich dann per
Gesetz darüber hermacht, achtet er natürlich auf seine
Prinzipien, aber damit reagiert er auf die (Un‑)Sitten, die in seiner
Gesellschaft eingerissen sind. Dies Verhältnis geht bis in die
höheren Sphären der staatsbürgerlichen Moralität,
was sich da gehört und was nicht – Beispiel Meinungsfreiheit:
Mohammed kann und soll man beschimpfen, sonst ist man einer ‘Schere im
Kopf’ zum Opfer gefallen, eine andere Sache ist es bei ‘unserem’ Papst,
da stößt man schnell an deren Grenzen.
— Die Gesetze des Staates bringen also nicht nur die Moral
hervor, sondern auch die Abweichungen, auch die sind Reaktionen auf
Gesetze und nicht Produkte einer ‚freien Phantasie’.
Es sind die Reaktionen der Charaktermasken des Kapitals, die freie,
erfinderische Bürger nun einmal sind. Es sind konkurrierende
Individuen, die versuchen, mit ihrem Konkurrenzstandpunkt durchs Leben
zu kommen und dabei entwickeln Individuen wie ganze Kollektive – immer
mit Blick darauf, was allgemein üblich ist, vom Markt angeboten
wird – ihre Sitten und wie es sich gehört zu leben. Sie machen
etwas aus ihren Lebensbedingungen, von denen sie in der Regel keine
Ahnung haben, ob und welches Gesetz dafür zuständig ist. Die
Subkultur der Hartz-IV-Existenzen ist gerade dabei, sich herauszubilden
mit ihren eigenen Sitten und Gebräuchen; sie wird auch vom
Fernsehen bedient und dem Staat erst dann ein Thema, wenn im Internet
Tipps verbreitet werden, wie man die Hartz-IV-Gesetze legal umgeht.
Dann muss er entscheiden zwischen legalisieren und dagegen vorgehen.
Oder wenn die Vernachlässigung der Kinder zu stark zunimmt, muss
er über die Familienbehörden reagieren. Ordnungsprobleme, die
sich ihm durch den neuen Status der Armut stellen, sollen aufgefangen
werden. So reagiert der Staat laufend auf das, was ein moralisch
gestimmtes und nur per Moral mit seinen Gesetzen verknüpftes
Konkurrenzler-Publikum aus seinem Leben macht.
Die neuen Sicherheitsgesetze
Schäuble hat erstens fälschungssichere Ausweise mit
jeweiligem Fingerabdruck und Physiognomie durchgesetzt, zweitens will
er durchsetzen, dass die Behörde, wenn sie diese Daten schon mal
hat, gleich auch speichert – dies unter dem Motto: „Keine Verwendung
durch die Behörden, wir wollen sie nur haben.“ Dabei ist jedem
mitdenkenden Staatsbürger klar, dass Schäuble die Daten nur
haben will, um im Zweifelsfall ohne umständliche Speichelprobe
jeden denkbaren Verbrecher per Computerabfrage herausfischen zu
können. Deswegen empört sich auch der Anwalt sittlicher
Verhältnisse im Recht aus der SZ, dass damit ein ganzes Volk zu
potenziellen Verdächtigen gemacht werde.
Die gesetzliche Absicherung der computertechnischen Nachrüstung im
Sicherheitsbereich ist das eine, das andere ist: Wie ist das
Schäuble-Projekt in die Systematik des Rechtsstaats einzuordnen?
Es gibt den neuen Tatbestand von Internet-Delikten, die der ganz
normalen Logik des Strafrechts folgen: Es gibt rechtliche Regelungen,
mit deren Übertretung der Staat rechnet. Jetzt gibt es ein ganz
neues Feld, wo er mit Übertretungen – z. B. beim Urheberrecht
oder bei den Betrugsparagrafen – rechnen muss. Dafür muss er nicht
speziell neue Strafgesetze erlassen, sondern nur neue Regeln, wie die
Ermittlung in diesem Straftat-Bereich vor sich gehen soll; vielleicht
muss er auch ein paar neue Straftatbestände definieren. Das
gehört alles noch zum normalen Fortschreiben des Strafrechts und
der Ermittlungskunst.
— Der staatliche Standpunkt ist, dass es um seine Sicherheit
geht und von dem Standpunkt aus hat er einen prinzipiellen Verdacht
gegen die Gesamtheit seiner Bürger, dass sie gefährlich sind,
deshalb muss er alle erfasst haben.
Er nimmt jetzt also den Standpunkt ein, dass ihm selber Gefahr droht
und macht den Übergang vom Ermitteln nach einer geschehenen
Straftat zu deren Verhinderung. Das ist das Erste, was den
Schäuble beflügelt, unter dem Gesichtspunkt des
Terrorverdachts das Spionagewesen auszudehnen; das ist auch der
Gesichtspunkt für sein Bemühen, die Grenze zwischen
Geheimdienst und Polizei aufzuheben – vom Standpunkt der
Rechtssystematik muss man zugeben, dass der bürgerliche Staat
bezüglich des Verbrecherwesens recht tolerant ist: Er lässt
es nicht nur geschehen, er rechnet auch damit, dass das nie ausstirbt
und schafft sich einen großen Apparat, um damit umzugehen und
jedem klar zu machen, dass sich Verbrechen nicht lohnt. Was ihn selber
betrifft, ist er empfindlicher, da will er sogar auf der
Gesinnungsebene im Voraus alles wissen, damit er sich darauf einstellen
und alles Böse rechtzeitig verhindern kann. Deswegen schafft er
neben der normalen strafrechtlichen Ermittlung den Bereich des
Geheimdienstes, der gegenüber dem normalen Rechtswesen den
Charakter eines Sonderrechts hat, weil die Ermittler da alles
Mögliche dürfen, das ihnen sonst verboten ist – bis hin dazu,
dass sie zwecks glaubwürdiger Ermittlung schon mal Straftaten
verüben dürfen. Die Debatten gehen dann um die
Verrechtlichung dieses Punktes und um die parlamentarische Kontrolle
über das Sonderrecht, das man diesen Ermittlern einräumt.
Es könnte sein, dass Schäuble an den Punkt gerät, wo er
die normale Strafverfolgung in eine Behandlungsart nach der Art des
Geheimdienstes überführt, dass er den Übergang versucht
vom nachträglichen Ermitteln zum Sofort-Dingfestmachen, was schon
fast in die andere Abteilung ‚verhindern‘ übergeht. Man kann zwar
den Dieb nicht belangen, bevor er was tut, aber – wie SZ-Prantl es
ausdrückt – schon mal vorsorglich jeden Bürger
präparieren für eine leichte Handhabbarkeit im
Strafrechtsfall, und da geht der staatliche Zugriff über das
normale Strafrechtliche hinaus bis an diese Grenze der totalen
Kontrolle. Das geht schon in Richtung Rücknahme der bis dato
bestehenden Unschuldsvermutung hin zu einer generellen Schuldvermutung,
wo man nur noch darauf warten muss, dass der Jeweilige sie durch
irgendwelche Taten aktualisiert, ansonsten hat man alles schon in die
Wege geleitet.
— Kann man nicht sagen, dass damit die Sichtweise des Staates
auf den Bürger eine neue Qualität gemäß dem
Antiterrorkrieg bekommt, dass die Bevölkerung nicht einfach als
Basis gesehen wird, sondern in ihrer Gesamtheit als potenzielle
Kombattanten des Feindes?
Das ist gewissermaßen der Vater des Gedankens, denn aus diesem
generalisierten Terrorismusanliegen kommt dieser Erfassungsfanatismus,
der alles andere ja nicht wegwischt, aber ergänzt um den
Standpunkt, dass man ja nicht weiß, ob und welcher Bürger
den Übergang zum Terrorismus macht, deswegen erfasst man lieber
gleich alle – schließlich „gibt es keinen Unterschied mehr
zwischen Krieg und Frieden“ (Schäuble).
Nächstes Mal: Die aktuellen Drangsale und Fortschritte des
europäischen Imperialismus.