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1. Fall Stoiber und 2. Verstaatlichungen in Lateinamerika
1. Stoiber
Diese Affäre ist keine, die das praktische Leben der Leute
tangiert. Es geht um Führungsfragen und die Konkurrenz darum, wer
am glaubwürdigsten ist. Die Grundlage für eine gute Meinung
schafft man durch Amtserwerb, so wird zunächst und für eine
zeitlang dem Amtsinhaber eine Führerschaft zugeschrieben, eine
Gleichsetzung der Person mit der Macht. Wie man darüber
Glaubwürdigkeit gewinnt, sich mit diesem Standpunkt bei
seinesgleichen durchzusetzen, verliert man sie auch wieder,
nämlich durch Zweifel am erfolgreich betätigten Machtwillen
und an der Fähigkeit, sich durchzusetzen.
Dieser Zweifel am Erfolg und das Ende desselben führen in und
durch die Konkurrenz der Machtbewerber zum Machtverlust. Eine
entscheidende Rolle spielt dabei erstens die Partei, deren Basis als
Entscheidungsinstanz angerufen wird. Weil es um Führungskonkurrenz
geht, braucht es zweitens die Öffentlichkeit, als Publikum und
Hebel im Streit, als Instanz der Zuschreibung von
Durchsetzungszuständigkeit. Wem die Glaubwürdigkeit
bescheinigt wird, der ist es dann aber auch. So hat der
Parteienhickhack gleichzeitig Geschlossenheit zum Ergebnis. Drittens
wird mit der „Geschlossenheit“ der Partei und deren Verhältnis zu
den Bewerbern der Macht bzw. zum Amtsinhaber glaubwürdige
Führung demonstriert. Das Ergebnis ist dasselbe wie der
Ausgangspunkt, nur dass das Absägen des alten Führers der
Vertrauensbeweis und –vorschuss für den neuen sein soll.
Wie schäbig dieses Konkurrenzgeschäft ist, wird am
Absägen offen besprochen. Dabei sind die Tugenden des
erfolgreichen Aufsteigens keine anderen als die des erfolgreichen
Absägens, sie führen zum Aufstieg des Neuen, der sich damit,
im Erfolgsfall, neue positive Zuschreibungen erwirbt.
Die Öffentlichkeit und ihr Publikum wollen überzeugt werden,
dass ihre schlechte Meinung über die Politik nicht stimmt.
Demonstration des Willens zur Macht, gepaart mit dem Zweifel, nur aus
persönlichem Interesse Macht anzustreben, weckt Vertrauen und
Misstrauen gleichermaßen. Der Erfolg
entscheidet dann, als
moralische Führungseigenschaft, darüber, wem Vertrauen
gebührt.
Die Notwendigkeit solcher Debatten ums Führungspersonal ist die
Pflege des Willens zum Regiertwerden. Der Regierte wird zur Instanz,
vor der und für die das veranstaltet wird,
ohne dass er das
Subjekt der Sache ist. Die Leistung der Demokratie ist, dass sie aus
Unzufriedenheit Zustimmung macht, dadurch, dass sie Alternativen von
Staatführen dem Wähler vorstellig macht, der so ständig
gefragt ist und zugleich aus allem politischen Treiben als
Bestimmender ausgemischt. Heute geht demokratische Zustimmung ganz
billig nur noch über personelle Alternativen, die sich in der
Führung selbst kritisieren und dann eine dieser Figuren durch ein
neues Angebot ablösen.
2.
Verstaatlichungen in Lateinamerika
Vorlage
Venezuelas Präsident Hugo
Chávez macht Ernst mit seinem
‚Sozialismus des 21. Jahrhunderts’ und will auch westliche Konzerne
enteignen. Für seine neue Amtszeit kündigte er die
Verstaatlichung von Telekommunikation, Strom und Ölfirmen an,
zudem soll die Zentralbank die Unabhängigkeit verlieren.
Chávez will unter anderem den Telekommunikationskonzern CANTV
verstaatlichen, der im Besitz des US-Unternehmens Verizon und der
spanischen Telefonica ist, sowie die Elektrizitätswerke der
Hauptstadt Caracas, die der amerikanischen Firma AES gehören. Der
Linksnationalist will auch ausländische Raffinerien im
Orinoco-Gebiet unter einheimische Kontrolle stellen. Betroffen
wären BP, Chevron, Exxon Mobile, Conoco Philips, Total und
Statoil; bislang hatte Venezuela in diesem Bereich nur einen
Mehrheitsanteil verlangt. Der größte Teil der Ölbranche
wird bereits vom venezolanischen Staatsmonopolisten PdVSA geleitet.
Damit macht Chávez weitere Privatisierungen seiner
Vorgänger rückgängig und setzt nach seinem Wahlsieg vom
Dezember seine Revolution fort... Die USA kritisierten die geplanten
Verstaatlichungen scharf. ‚Diese Art von Aktionen bringen nicht die
erwarteten wirtschaftlichen Vorteile’, sagte Gordon Johndroe, Sprecher
des Nationalen Sicherheitsrates. ‚Falls US-Unternehmen betroffen sein
sollten, würden wir erwarten, dass sie schnell und fair
entschädigt werden.’ Washington ist der wichtigste Abnehmer des
fünftgrößten Erdölexporteurs der Erde...
(SZ,
10.1.07)
Christian Stracke von der
Analysefirma Creditsights: In einigen Jahren
könnten sich die Rückverstaatlichungen negativ auf die
Kreditwürdigkeit des Landes auswirken. Es sei zu erwarten, dass
die Regierung die Investitionen der Unternehmen kürzen und die
Preise ihrer Leistungen auf subventioniertem Niveau einfrieren werde.
Präsident Chávez werde die rückverstaatlichten
Unternehmen ebenso wie die staatliche Erdölgesellschaft PdVSA
benutzen, um sein ‚Patronage-Netzwerk’ auszubauen und Sozialprogramme
in diversen ‚Nebenhaushalten’ zu finanzieren... Mit der Verstaatlichung
der CANTV (Telefongesellschaft, die zu Anfang der neunziger Jahre
privatisiert worden war) würden Finanzinvestoren in Venezuela auch
ein Vehikel zur Umgehung der strengen Kapitalverkehrskontrollen
verlieren. Bisher konnte durch den Erwerb von CANTV-Aktien am lokalen
Markt und die entsprechende Veräußerung von
Hinterlegungsscheinen (ADR) in New York inländische Währung
zum Marktwert in Dollar umgewandelt werden (oder umgekehrt). (FAZ,
11.1.07)
Hiesige Kommentare
Chávez Reden lassen
„befürchten, dass Venezuela unter
seiner Führung in den nächsten Jahrzehnten in einen
längst überwunden geglaubten Steinzeitsozialismus abgleiten
könnte. Vor allem die Pläne, wichtige Industriezweige wie die
Elektrizitätswirtschaft und das Telekommunikationswesen
rückverstaatlichen zu wollen und der Zentralbank endgültig
den Unabhängigkeitsstatus zu nehmen, nähren derlei
Besorgnisse... Selbst wenn man die rhetorischen Übertreibungen
abstreicht, ... deutet all das, was in diesen Tagen in Venezuela
über die Regierungspläne für die nächsten Jahre
bekannt geworden ist, auf eine drastische Zunahme staatsdirigistischer
Eingriffe in das öffentliche Leben... Alle bisher
angekündigten Schritte zur ‚Radikalisierung der bolivarischen
Revolution’ haben letztlich nur ein einziges Ziel: Chávez’
ohnehin schon gewaltige persönliche Machtfülle weiter zu
steigern. (FAZ, 12.1.07)
Seit Jahren warnen Ökonomen,
Politiker und Manager vor einem
Rückschlag für die Globalisierung. Jetzt scheint es, als sei
der so oft beschworene ‚backslash’ wirklich gekommen. Und der Name, der
dafür steht, heißt Hugo Chávez. Der venezolanische
Präsident bündelt den Protest gegen alles, was gemeinhin mit
der neoliberalen Globalisierung verbunden wird: Privatisierung,
Liberalisierung, Freihandel, Weltbank, Internationale
Währungsfonds, die Wall Street und vor allem die Vereinigten
Staaten selbst... Allerdings wäre das Phänomen Chávez
nicht möglich, wären die Menschen in Lateinamerika nicht
bitter enttäuscht vom Kapitalismus, genauer davon, dass die
Marktwirtschaftler der achtziger Jahre ihre Versprechen nicht halten
konnten. Einiges, was die Experten aus dem Norden während der
vergangenen Jahre im Süden vertreten haben, war schlicht Unfug...
Lateinamerikas Populisten wenden sich von der Weltwirtschaft im
Allgemeinen und von den Kapitalmärkten im Besonderen ab. Damit
droht sich die Geschichte des Kontinents auf tragische Weise zu
wiederholen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich die
Lateinamerikaner... auf den Weg ‚Importsubstitution’ begeben. Linke und
rechte Regierungen versuchten, um jeden Preis eigene Industrien
aufzubauen, diese zu schützen und so Devisen zu sparen. Das
Ergebnis war ein kurzer Aufschwung, gefolgt von einer gigantischen
Verschleuderung von Kapital. Die fatale Schuldenkrise der achtziger
Jahre ... (SZ, 13.1.07)
Hinter seinem Aufstieg steht das
Misstrauen in die orthodoxe
Marktwirtschaft als Heilsbringer. Viele Venezolaner und andere
Lateinamerikaner sind enttäuscht von dem, was ihnen die
Ökonomien verschrieben hatten. Sie fragen sich, weshalb in ihren
rohstoffreichen Ländern die Mehrheit in Armut lebt, weshalb
multinationale Konzerne auf ihrem Boden so viel verdienen und so wenig
investieren. Auch die gegenwärtig hohen Ressourcenpreise
nähren hauptsächlich eine immer reichere Minderheit...
Plötzlich sind nationalistische Ideen selbst in Argentinien
attraktiver als der Ausverkauf und die Auflösung ganzer
Industriezweige. Statt privatisiert soll wieder wie einst verstaatlicht
werden. Das klingt naiv und anachronistisch, muss aber kein Fehler
sein. Staat an sich ist nicht grundsätzlich schlecht. Zum
asiatischen Boom etwa haben Staatsunternehmen beigetragen... In Europa
oder Australien bleibt der Staat ebenfalls ein wichtiger Faktor. In
Brasilien und Mexiko haben sich die staatlichen Erdölgiganten
Petrobras und Pemex bewährt. In Chile wurde der staatliche
Kupferkonzern Codelco selbst von Pinochets neoliberalen Strategen nicht
angetastet, und der venezolanische Ölriese PdVSA war schon vor
Chávez staatlich. Privatisierungen von Schlüsselsektoren
dagegen führten mitunter zu konzentrierten Exzessen wie in Mexiko,
wo ein Telefonkrösus in wenigen Jahren zu drittreichsten Menschen
der Welt aufstieg, oder in Bolivien, wo sich viele Einwohner das eigene
Gas und Wasser nicht leisten können... Im Prinzip ist nichts
dagegen zu sagen, wenn Venezuela und Bolivien ihre Schätze selbst
verwalten und den Eigennutz internationaler Firmen bremsen wollen.
Fragt sich nur, auf welche Art und zu welchem Nutzen. Wer Investoren
verprellt, der schadet sich selbst. Bislang haben ausländische
Unternehmen die neuen Förderbedingungen erstaunlicherweise
akzeptiert – das zeigt, wie lohnend das Geschäft für sie
bleibt. Auch sollten Öl und Gas nicht zu politischen Kampfmitteln
verkommen. (SZ, 10.1.)
Was in den britischen und den
US-Medien eine Welle von giftigen
Kommentaren provozierte, war keine vergleichende Analyse
gegenwärtiger Steuer- und Abgaben-Bedingungen, sondern ein
retrospektiver Vergleich mit der nahezu steuerfreien Vergangenheit. In
Wahrheit modernisieren und updaten Chávez und Morales lediglich
die Verhältnisse in den Ölstaaten gemäß den
aktuellen globalen Standards. Sie normalisieren gewissermaßen die
Regularien – angesichts von Ausnahmeprofiten, die nur durch korrupte
Vereinbarungen mit Komplizen in den staatlichen Gesellschaften
möglich waren. (ein US-Soziologe)
Wir gehörten zu den Ersten in
Venezuela, die neu verhandelt haben.
Unter den gegebenen Bedingungen sind wir recht zufrieden damit, dass
wir dort eine Zukunft haben. Wir arbeiten harmonisch mit der Regierung
zusammen, was sehr wichtig ist. Ich gehe davon aus, dass wir in
Bolivien eine Lösung finden werden. (Royal Dutch-Manager
Juni 2006)
Der alternative lateinamerikanische
Nationalstandpunkt
Dieses Jahr haben wir einen Prozess
zur vollkommenen Wiedergewinnung
der Erdölsouveränität begonnen. Ihr wisst, dass die
vorangegangenen Regierungen Abkommen abschlossen, die dem nationalen
Interesse echt schaden, und eines von ihnen war über die
sogenannte Erdöl-Erschließung. Auf der Grundlage dieser
Abkommen wurden Verträge abgeschlossen, bei denen zum Beispiel die
ausländischen Unternehmen, mit den wir arbeiten, – und wir
arbeiten gut mit allen – nicht zahlen, praktisch keine
Lizenzgebühren zahlen. 1 %, das ist praktisch Null. Bei Erdöl
1 % Lizenzgebühren zahlen, wo auf der Welt gibt es das? Das wurde
durchgesetzt, indem die Verfassung von 1961 verletzt wurde und das alte
Kohlenwasserstoffgesetz. So beschlossen wir, das anzuwenden, was das
Gesetz festlegt ... 16,6 % Lizenzgebühren. Das ist ein erster
Schritt bei der vollkommenen Wiederherstellung der nationalen
Erdölsouveränität. (Chávez-Jahresbericht
2005)
Wie kann jemand glauben, dass wir
irgendein Unternehmen zerstören
wollen? Ein einziges! Was wir erreichen wollen, ist eine koordinierte,
abgesprochene Handlung zwischen der Regierung, dem Staat, dem
Privatsektor und den Werktätigen, um diesen Prozess der
Wiederindustrialisierung des Landes, der wirtschaftlichen
Demokratisierung, des Vorantreibens eines der souveränen
Verfassung gemäßen Wirtschaftsmodells, d.h. produktiv,
diversifiziert, fortzusetzen, der uns die Erlangung des vor fast 200
Jahren von Bolivar gesteckten Zieles ermöglicht; den
größten Glückszustand, bzw. das bestmögliche
Glücklichsein für alle... mit dem Wirtschaftswachstum ist es
nicht genug. Es geht hier um ein ganzes Modell, bei dem der gerechten
Verteilung des Volkseinkommens höchster Stellenwert
einzuräumen ist – vor allem mittels der sozialen Programme-, um
Mittel in bedeutendem Umfang für die vielen Venezolaner
abzuzweigen, denen aus den Regierungsprogrammen fast nie etwas zuteil
wurde. (Jahresbericht 2005)
Es ist praktisch und ethisch
unzulässig, die menschliche Gattung
zu opfern, indem man auf eine an Schwachsinn grenzende Art ein
sozioökonomisches Modell mit einer galoppierenden
zerstörerischen Kapazität beschwört. Es ist Selbstmord,
es als unfehlbares Heilmittel für alle Übel
aufzustülpen, deren Hauptverursacher es gerade selbst ist. Der
neoliberale Kapitalismus, der Konsens von Washington – was er erreicht
hat, ist ein erhöhtes Maß an Armut, an Ungleichheit und eine
unendliche Tragödie für die Völker dieses Kontinents.
(UNO-Rede, 15.9.2005)
Die imperialistische Regierung der
Vereinigten Staaten ist in einer
verzweifelten Lage. Sie benimmt sich wie Graf Dracula vor
Sonnenaufgang: Wenn er nicht genug Blut gesaugt hat, verzweifelt er.
Das Öl geht aus, und das kapitalistische Modell des Imperialismus
ist eine Notsituation. Der Konsumismus der Länder des Nordens
steht vor einem Problem. Es gibt nicht genug Öl auf dem Planeten
Erde, um dieses irrationale Modell von Konsumismus und Verschwendung
aufrecht zu erhalten. Das ist der Hauptgrund für den Putsch im
Jahre 2002 gegen uns. Sie wollten unser Öl, danach zogen sie gegen
den Irak und nun gegen den Iran ... Es ist die Verzweiflung des
Öl-Draculas
Debatte
Was stört die imperialistische Welt so sehr an Chávez, dass
sie ihm, dieser Störung wegen, das Etikett "Sozialismus“, das er
sich selbst anhängt, ernsthaft abnimmt? (Ein „Rückfall in
alte Zeiten", SZ ...) Es ist zu klären, was Chávez sich
vornimmt, egal ob diese Bezeichnung für seine Politik zutreffend
ist oder nicht. Ein Störenfried der imperialistischen Welt ist er
allemal. Zu bestimmen wäre das Unhaltbare, Störende,
Imperialismusunpassende, aber auch das aus dem Imperialismus
notwendig Folgende daran.
Besprochen wird es einerseits als Widerspruch zu den Grundsätzen
der Marktwirtschaft, andererseits als 'Rückfall in Methoden der
70er Jahre, was damals in einer Schuldenkrise endete'. Dagegen ist zu
bemerken, dass „Verstaatlichungen“ für sich dem Kapitalismus nicht
fremd sind. Im Ausgangspunkt waren den alten kapitalistischen Staaten
mit ihren staatswirtschaftlichen Bereichen Privatisierungen nationale
Großaffären und problematische Grundsatzentscheidungen. Auch
gab und gibt es immer noch Staatsunternehmen, die nicht im Widerspruch
zur Konkurrenz von Kapitalen stehen (Strom, Wasser, Eisenbahn, Post,
...)
— Der Staat will
sicherstellen, dass bestimmte
Dienstleistungen wie Infrastruktur oder Rohstoffe oder Energie der
Wirtschaft zu einem bestimmten Preis zur Verfügung gestellt
werden, als Voraussetzung für nationales Wirtschaftswachstum. Er
stellt damit eine allgemeine Versorgung sicher, die ein laufendes
Geschäft als funktionierend unterstellt.
Überall dort, wo grundsätzliche Konkurrenzbedingungen
standortnotwendig sind, aber per kapitalistischer Konkurrenz nicht oder
nur schwer zustande kommen, macht der Staat sich anheischig, das
für den kapitalistischen Standort passend – also auch
preislich erschwinglich – verfügbar zu machen. Bei der Herstellung
der Infrastruktur – die allgemein zugänglich und benutzbar sein
soll ‑, wird vom Staat nicht der Maßstab der Rentabilität
angelegt. Privatisierungen ehedem staatlicher Bereiche erfolgen dagegen
unter diesem Gesichtspunkt, wobei in manchen Fällen der Staat
einen nicht unerheblichen Beitrag zur Beförderung selbiger
leistet. Umgekehrt gibt es den Fall der Re-Nationalisierung, wenn
Kapitalisten nicht mehr wollen oder nationale Dienste nicht (mehr)
erbracht werden (z.B. die Bahn in England). Daneben gibt es
Übergangsformen in private Hände mit staatlicher Kontrolle.
— Privatisierungen
gibt es in erfolgreichen Staaten,
weil dort diese allgemeinen Bedingungen existieren, der Staat
möchte an der erfolgreichen Privatisierung per Steuern
partizipieren.
Die Intention der Privatisierungen in Europa war der nationale Beitrag
zum Wachstum, die Öffnung der Märkte und die Durchsetzung in
der Konkurrenz um diese.
Was bekommt man immer gesagt, warum eine Privatisierung ansteht?
— Es wird gesagt,
dass sonst keine Konkurrenz
stattfindet und deshalb nachrechenbarer geschäftlicher Erfolg
ausbleibt. Der stellt sich mit der Konkurrenz ein. Das ist die
Ideologie dazu. Der ökonomische Grund ist, dass, wenn es als
allgemeine Produktionsvoraussetzung zum Laufen gebracht worden ist, man
es auch den Privaten überantworten kann, damit es ein
Geschäft wird.
Die vom Staat geschaffenen Unternehmen sollen als privatisierte – zumal
sie über eine stattliche Größe verfügen – lohnend
und zugleich effektiv sein (bzw. werden), eine Verwandlung des
Staatsaufwandes in einen Beitrag zum Wachstum. Zweitens ist
Privatisierung die berechnende Eröffnung von Sondersphären
der Konkurrenz durch den Staat, in denen manche Kondition, die der
Staat vorgibt, den Einstieg und die Aussicht auf Erfolg erleichtert.
Die Behauptung, dass diese Unternehmen als Geschäfte lohnend und
zugleich effektiv arbeiten, erweist sich als Ideologie; diese beiden
Seiten trennen sich. Die neuen Unternehmen rationalisieren nicht nur
beim Personal, sondern auch bei ihren Diensten. So gibt es in England
den Streit, was von den privatisierten Teilen der Bahn
möglicherweise doch wieder an den Staat zurück
übertragen werden soll. Bei uns gibt es diese Diskussion bei der
Energie im Zusammenhang mit den großen Stromausfällen und
bei der Bahn mit den schon vorgenommenen und weiter geplanten
Streckenstilllegungen. Diese privatisierten Großunternehmen
werden für den Staat zum Gegenstand einer staatlichen
Dauersorge und der Notwendigkeit der Aufsicht darüber, ob bei den
privatisierten Unternehmen auch seine staatlichen Gesichtspunkte
befriedigt werden; sie werden also nicht aus der staatlichen Betreuung
entlassen. Am Ende gibt es glatt auch einmal wieder
Re-Verstaatlichungen und zwar immer dann, wenn die Privaten nicht mehr
wollen. Und all das in den kapitalistischen Großnationen, in
denen die Öffentlichkeit sich über die Verstaatlichungen in
Venezuela aufregt. Ganze Abteilungen der Marktwirtschaft, die sich mit
Grundlagen und Bedingungen des Standortes befassen, sind nach wie vor
das Geschäft kapitalistischer Sondersphären.
In Europa ist die Privatisierung von ehemals staatlichen Unternehmen
längst eine internationale Affäre. Der Motor der
Privatisierung war die Intention, mit diesen Großunternehmen
international zu reüssieren. Da wollen Nationen an anderen
verdienen, indem sie die jeweils national erforderlichen
Standortbedingungen für sich zur Gewinnquelle machen. Beim Streit
z.B. zwischen Eon und Endesa – Unternehmen, an denen ganze
Standortfunktionen hängen – sieht man, dass diese internationalen
Geschäfte Staatsaffären sind; Zulassung ist verlangt,
generell und in jedem einzelnen Fall. Diese Unternehmen sind also
Gegenstand der Staatenkonkurrenz: Zum einen darum, wer dann das
große Geschäft macht, und zum anderen darum, ob der
jeweilige staatliche Einfluss auf die Geschäfte, die elementare
Leistungen erbringen sollen, ausreichend gesichert ist.
Dieselben Affären in Sachen Privatisierung und Re-Verstaatlichung
gibt es in Drittwelt-, Entwicklungs- oder Schwellenländern. Hier
fällt der Widerspruch von Geschäft und nationaler
Standortleistung viel radikaler aus. Beim Privatisieren wird eine
Entscheidung ganz anderer, einseitiger Art getroffen, und auch als
internationale Affäre hat dies einen anderen Charakter, weil sie
eine zwischen auswärtigem Kapital und nationalem
Standorthüter ist. Der allgemeine Grund dafür liegt in der
schlechten Verfasstheit dieser Nationen mit ihrem notorischen
Kapitalmangel.
Wie steht es in diesen Ländern mit den Standortbedingungen? Die
entsprechenden Großunternehmen sind auch für diese Staaten
elementare Bedingungen, dabei aber immer prekär, ihre finanzielle
Ausstattung und ihren permanenten kapitalistischen Gebrauch betreffend.
Findet letzterer nicht statt, verrottet vieles von dem einmal
Hingestellten wieder. Nach dieser Seite existieren in diesen Staaten
nicht solche Bedingungen, die Kapitalisten im Falle einer
Privatisierung für ihre Zwecke nutzen könnten. Ob sich in
diesen Ländern der staatliche Aufwand für die
Aufrechterhaltung ihrer Standortbedingungen lohnt, ist sehr die Frage
und eine widersprüchliche Veranstaltung. So haben sie z.B.
Elektrizitätswerke, doch die Preise, die sie für den Strom
insbesondere von den Massen verlangen können, müssen
staatlich subventioniert werden. Dann kommt der IWF und verlangt mit
dem Hinweis, dass sich die Stromwirtschaft doch gar nicht lohne, die
Einstellung der Subventionierung. Und obwohl die Staaten den Strom
brauchen, haben sich viele von ihnen dem Diktat des IWF gebeugt und die
bevorzugten Objekte internationalen Kapitals, die die
Standortbedingungen herstellen (Wasser, Strom, Telekom), der
Privatisierung anheim gestellt. Neben den Rohstoffen sind das oft die
einzig interessanten Anlagesphären. Der internationale
Aufkäufer hat dann seine Vorstellungen, wie ein solches
Unternehmen für ihn zum guten Geschäft wird, und verlangt von
dessen staatlichem Hüter, es entsprechend lukrativ für ihn
aufzubereiten. Wegen ihrer Schuldenkrise und den IWF-Querelen ist ein
solches Angebot nicht nur eine Erpressung, sondern durchaus auch
verlockend. Den internationalen Vorwurf in den 60 – 70-iger Jahren, sie
hätten sich mit ihren Großprojekten übernommen, haben
die Staaten selber akzeptiert und den Standpunkt eingenommen, dass
für solche nationales Kapital gar nicht ausreichend zur
Verfügung steht, wenn sie nicht gleich vom IWF per Androhung von
Kreditentzug gezwungen werden, ihre Unternehmen zu verkaufen und so
Kapital ins Land holen.
Im Unterschied zu den zuvor besprochenen Privatisierungen wird hierbei
der Gegensatz zwischen den Ansprüchen des internationalen Kapitals
und dem Standpunkt der Sicherung der Standortbedingungen in der Nation
institutionalisiert.
— Dieser Widerspruch
ist doch aber bei uns genauso.
Bei uns geht dieser Widerspruch ganz gut auf, weil das Kapital einen
ganzen nationalen und sogar internationalen Standort als Bedienung
seines Interesses vorfindet und ein potenter Staat ihm die Bedingungen
stiftet. In den hier besprochenen Ländern ist der Anspruch des
Kapitals an den jeweiligen Staat eine einzige Forderung nach Freiheiten
aller Art. Am Streit um die Strom- oder Wasserpreise in Bolivien
inklusive Volksaufstand kriegt man mit, dass sich das
Geschäftsinteresse der Investoren nicht mit den
Lebensumständen derjenigen, die mit ihrer Kaufkraft dieses
Interesse bedienen sollen, verträgt. Je nach Ausgang des Streites
ziehen sich die Kapitalisten schon mal zurück – womit die
Standortleistung vollends brach liegt – und/oder entfachen einen
politischen Dauerstreit um Preise, Standortbedingungen o.ä., wenn
keine ausreichenden Erträge zustande kommen.
Das Erdöl- und Erdgasgeschäft basiert auf einem Rohstoff,
dazu gibt es in diesen Ländern noch blöderweise ein Volk, das
keiner brauchen will und kann. Der Ölartikel ist einschlägig,
der von der Besonderheit sowohl des Geschäfts wie des
Staatsverhältnisses zum Geschäft mit einem Produkt handelt,
das nicht kapitalistischer Akkumulation entspringt, sondern der
Sonderfall eines geförderten Rohstoffs ist. Der Preis des Stoffs
wird an Börsen und Märkten gemacht, ist ein Anhängsel
der Weltkonjunktur und taugt daher für die Nationen nicht viel.
(Siehe Chávez-Jahresbericht 2005, Vorlage: 1 % statt 16 %).
Die Lizenzgebühren sind der Preis der Konzession für den
Staat als politischer „Grundrentner“. Ihre Höhe ist das Werk des
Streits zwischen dem Staat mit seiner Verfügungsmacht und der
Erpressungsmacht des Ölmultis, an dessen Tätigkeit der Staat
interessiert ist.
— Insofern ist der
Preis ein Resultat der
Souveränität des Staats im Verhältnis zu den Unternehmen
und hängt davon ab, wie der Staat seine Souveränität
jeweils definiert, ob er sich z.B. als Land mit Ölquelle sieht,
dessen ökonomische Grundlage mehr oder weniger mit der
Öl-Exploration zusammenfällt, dann dient die
Souveränität deren Sicherung. Chávez hat ein Land
vorgefunden, wo die Regierung die Öleinnahmen gar nicht auf das
Land bezieht in dem Sinn: es soll noch ein bisschen Infrastruktur und
anderes Geschäft geben, sondern auf den Teil der
Souveränität – also außer der Regierung ein paar
schützenswerte Anteile seiner Gesellschaft – , der an diesem
Geschäft beteiligt ist und für den offensichtlich 1 % eines
Riesengeschäfts genügend sind.
Damit ist auch klar, dass das nicht das Resultat einer staatlichen
Notlage ist, sondern der Streit ist dem Interesse am Wirken der
Ölmultis – die ihm die Grundlage seiner staatlichen Hoheit
schaffen sollen – geschuldet, die aber mit ihren Gewinnzwecken antreten
und Steuern und Lizenzgebühren als Abzug betrachten. Dieser
Widerspruch bleibt, auch wenn das Unternehmen ein staatliches ist wie
in Venezuela. Die staatliche Ölfirma PdVSA gab es schon vor
Chávez und sie hat zusammen mit dem Staat die Ölpolitik
betrieben. Der Widerspruch, einerseits Finanzquelle des Staatshaushalts
und Grundlage der staatlichen Hoheit und andererseits ein
selbständig rechnendes und mit eigenen Gewinnzwecken versehenes
Unternehmen zu sein, hat seine Verlaufsform in einem Dauerstreit
zwischen Staat und Staatsunternehmen über die Höhe der
Steuern auf die Gewinne, über die Abgaben für die erteilten
Konzessionen und über Höhe und Verwendungszweck von
Investitionen im Unternehmen, bis hin zu Methoden, dem Staat
Öl-Dollars zu entziehen, was dann unter Korruption läuft. Der
bleibende Widerspruch – vom Standpunkt des Staates aus – zwischen
Förderung des Öl-Geschäfts und staatlichem Mitverdienen
ist die Eigenart dieser Geschäftssphäre, in der der Staat
über die Staatsunternehmen direkt am Geschäft beteiligt ist.
Das ist kein freier politischer Beschluss, sondern einer, der davon
abhängt, wie sehr ein Staat auf die Subjekte des Ölmarkts
angewiesen ist und deshalb auf Einvernehmen z.B. mit den
US-Ölmultis und ihren Angeboten und Bedingungen setzt.
Beispiel Bolivien: Die Abmachungen über Erdgasförderung mit
den USA wurden allgemein als Schandkonditionen kritisiert. Die
Berechnung Boliviens dabei war, über dieses Dauergeschäft mit
Amerika, den Kredit, den es sich dabei erobert, und die
Entschuldungskonditionen, die es sich darüber aushandelt, einen
ökonomischen Stich zu machen und das Wohlwollen der USA und seiner
Geschäftemacher höher einzuschätzen als den
unmittelbaren Zugriff über eine teurere Konzessionsvergabe. Dieser
sehr strittige Entschluss ist dann auch so nicht durchgegangen – die
Regierung wurde gestürzt. Aber man merkt, dass der Standpunkt
Boliviens sich nicht einer schlichten Haushaltsrechnung verdankte
(höhere Lizenzgebühr = mehr Einnahmen für den Staat),
sondern die Überlegungen auf den langfristigen Nutzen gingen, den
das ins Land geholte US-Kapital für Bolivien bringen sollte.
In Venezuela existiert kein ordentliches Staatsverhältnis – also
ein fertiger Staat und ein Geschäft, das unter gesetzten
Bedingungen vor sich hin wirtschaftet und höchstens mal einen Fall
Siemens produziert -, sondern da betätigt sich der Gegensatz
zwischen dem Staat mit seinen Finanzansprüchen und dem
Staatsunternehmen mit seinen Gewinnansprüchen in der Form der
Korruption und bekommt die Grundlage, dass die am Ölgeschäft
Beteiligten nicht einsehen wollen, Geld für unproduktive
Staatsaufgaben zu verschwenden. Weswegen dann auch – meistens über
Beteiligungen an anderen Geschäften, z.B. an einer
Benzinaufbereitungsanlage in Nordrhein-Westfalen und anderen Formen von
Gewinntransfer – die Bilanzen so geregelt werden, dass so wenig wie
möglich an den Staat gezahlt werden muss.
— Der Ertrag – seien
es 1% oder 16% – hängt also
vom Standpunkt des Staates zu den Ressourcen ab, welchen Zweck sie
bedienen sollen: Ob der Staat sich selber als Anhängsel der
Ölmultis und deren Kreditmacht sieht oder ob die Einnahmen zum
Ausbau seiner eigenen Machtbasis dienen sollen. Warum das jeweils einen
Unterschied ausmacht in seiner Verhandlungsmacht, ist noch nicht klar.
Je nachdem, ob der Staat das Öl als Reichtumsgrundlage für
seinen Staatsaufbau oder sich als Anhängsel des
Ölgeschäfts betrachtet, fallen die Berechnungen aus.
Saudi-Arabien, schon sehr früh an der Verstaatlichung seiner
Erdölquellen interessiert, einigte sich darüber
einvernehmlich mit den USA. Und wenn der venezolanische Staat
Konzessionen vergibt und der staatliche Konzern Beteiligungen stiftet,
dann ist das auch im Einvernehmen mit den Multis.
— Aber das
Verhältnis von Südamerika zu den
USA war doch keins, wo die Staaten souverän irgendwelche
Berechnungen anstellen konnten. Es war doch immer ein
Gewaltverhältnis.
Nicht jede Konzession ist ein Werk der Gewalt, sondern einer
Kalkulation mit dem amerikanischen Interesse und dem eigenen Interesse
an Amerika. Insofern hat sich der Standpunkt, das Öl sei
nützliche Quelle des Staats, also greift er auch auf sie zu, sehr
relativiert an dem Verhältnis zu den USA. Das kann man
ökonomisch an der Macht Amerikas und politisch an dem immerzu von
Amerika beanspruchten und auch beaufsichtigten Politverhältnis
ausdrücken. Von daher kommt auch der Vorwurf, die herrschende
Elite in diesen Ländern sei korrupt, weil sie immer Handlanger der
USA sei. Trotzdem war das, was da als Korruption bezeichnet wird, ein
souveräner Akt.
— Es ist falsch, die
eine Alternativ-, die sagt, dass
sich da Staaten dazu entschlossen haben, dass sie sich sowieso
bloß als Anhängsel des ausländischen Kapitals und
dessen Bereicherung sehen und sich mit den Mitteln für ein
bisschen Oligarchie und Staatsgewalt zufrieden geben – gegen die andere
Position zu halten, der Bezug auf ausländisches Kapital als
Entwicklungshelfer wäre was ganz anderes. Weil selbst solche
Staaten, die sagen, ihr Machtapparat – so weit er reicht – lebt von
nichts anderem als der Bereicherung ausländischen Kapitals an
bestimmten Reichtumsquellen in der Nation, für die die Nation
keine Verwendung hat, sehen das als: Das ist das einzige Mittel, um die
Nation voran zu bringen. Die meisten Staaten sind in der trostlosen
Lage, Kapitalmangel zu haben, also ihre nationale Existenz
abhängig zu wissen davon, dass ein ausländisches Kapital
irgendetwas an Reichtumsquellen im Land benutzt, um darüber auch
den Staat (die Nation) mit einigen Mitteln für seine Existenz zu
versorgen. Aber auch diese Staaten setzen darauf – ob das aufgeht, ist
eine ganz andere Frage -, dass das ausländische Kapital ein
Entwicklungshelfer sein soll. Die Staaten stellen sich nicht frei nach
Lust und Laune zu ihrer Nation und sagen: Wenn nicht mehr als ein
bisschen Oligarchie herauskommt, ist uns der Rest der Nation egal.
Praktisch mag das so sein, dass diese Teilung dann stattfindet, dass
der Staat keinen Zugriff mehr auf den größten Teil seiner
Nation hat, weil so etwas wie eine übergreifende Benutzung gar
nicht stattfindet. Aber dann ist die Aussage nicht: dann ist es eben so
und wir richten uns damit ein. Zum anderen ist das ein Ergebnis, das
die Staaten sich nicht ganz freiwillig ausgesucht haben. Historisch
gesehen gab es da nach dem Krieg von den potenteren Staaten aus
durchaus den praktischen Versuch, die Abhängigkeit aufzulösen
und über Importsubstitution einen konkurrenzfähigen
nationalen Kapitalismus aufzubauen. Das hat nicht geklappt und das
hatte Konsequenzen für die Nation. Das ist aber nicht dasselbe
wie, es wäre ihre freie Wahl gewesen, am verlängerten Arm des
Imperialismus ein bisschen vor sich hin zu vegetieren. Um auf
Chávez zu kommen: Das ist eine in dieser Situation durchaus
mögliche Kritik daran, dass so eine Nation abschifft, dass der
Staat gar nicht mehr über die Quellen seines Reichtums
verfügt, dass er ausgemischt ist. Diese Re-Verstaatlichung
heißt dort ja Re-Nationalisierung, also dass die Nation wieder
den Finger drauf haben soll und gleichzeitig der nächste in diesem
Programm steckende Vorwurf: Wenn sich da nur eine Elite bereichert,
dann ist das ein Entzug dessen, was in der Nation dann doch an Reichtum
über das Ausland zustande kommt.
Chávez stellt Berechnungen mit US- und internationalem Kredit
und Privatisierungen vom nationalen Standpunkt aus an. Die
Re-Verstaatlichungen sind Antworten auf die Schäden an und in der
Nation. Was bedeutet es, wenn Chávez sagt, man müsse sich
die strategischen Unternehmen wieder national aneignen? Er legt
offenbar an diese Gegensätze und ihre Wirkungen den neuen
Standpunkt an, dass die Nation so nicht vorankommt. Das obige
historische Argument zu Lateinamerika beschreibt eine
Aufbruchsanstrengung anderer Natur, die Berechnungen gingen auf
Importsubstitution als ein Mittel für das Fortkommen der Nation im
Konkurrenzkampf der Staaten. Chávez Schadensbilanz für
Venezuela bezieht sich darauf, dass das nicht geklappt hat und
kennzeichnet ein nationales Leiden am fertigen, globalisierten
Weltmarkt, in dem diese Länder uneingeschränkte
Zugriffssphären des internationalen Kapitals geworden sind. Das
findet er untragbar und reagiert darauf mit der Verstaatlichung der
Ölindustrie, wobei die Regelungen sicherstellen sollen, dass diese
auch wirklich zum Nutzen des Staates sind. Zudem sollen sie ihm keinen
Streit mit Ölmanagern bescheren, diese sollen vielmehr unter das
politische Kommando gestellt werden, dass Gewinnanteile für
soziale Aufträge und zur Finanzierung irgendwelcher Kooperativen
verwendet werden müssen.
Nächstes Mal weiter bei der Frage: Inwiefern ist
Re-Verstaatlichung gar nichts Marktwidriges, andererseits aber dann
doch ein Angriff auf den heute existierenden Weltmarkt?