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jf 23.10.06 zum Thema „Abgehängtes
Prekariat“ - ein Beispiel des demokratischen
Kritikwesens
1. Die Debatte: Darf
man die
Unterschicht so bezeichnen oder muss man sie nicht eher
‚abgehängtes Prekariat’
nennen?, ist ein Fallbeispiel für das Thema vom letzten Mal, die
Art des
demokratischen Kritikwesens, diesmal nach der Seite der Kritik von
oben, der
politischen Selbstkritik und ihrem Stellenwert im Kritikgetriebe.
2. Hinweise
auf die
wichtigsten
theoretischen Übergänge in dem Artikel „Weltmarkt und
Weltmacht“ im
Gegenstandpunkt 3-06.
1.
„Abgehängtes Prekariat“
Die neue Armutsdiskussion wurde
anlässlich einer soziologischen Studie der
Friedrich-Ebert-Stiftung aufgemacht,
die den Zweck hatte zu sortieren, wie die Volksmannschaft vom
SPD-Standpunkt
aus beschaffen ist – ist also letztlich eine wissenschaftliche
Beratung für
die SPD-Politik in Sachen, wie es um ihr Wählerpotenzial steht.
Die angehängte
heftige Debatte ist vom Ausgangspunkt her gespenstisch, weil sich
dabei keiner
von denen, über die geredet wird, zu Wort gemeldet hat. Letztes
Mal wurde
festgehalten: Demokratische Kritik ist ein Getriebe, das kann und macht
jeder,
der Bürger formuliert Ansprüche an die Politik. Dabei ist zu
kritisieren,
welcher Art diese sind, was daran affirmativ ist, wie der
Standpunkt der
Kritik zum Unterwerfungsstandpunkt gerät. Das ist eine von oben
angezettelte Debatte
über den Zustand eines bestimmten Volksteils, an die eine
Selbstkritik der
Politik in Bezug auf dieses Phänomen anknüpft. Was ist der
Gegenstand, das
wirkliche gesellschaftliche Phänomen, das debattiert wird?
Erstens wird über Armut, die
andere Seite der nationalen Lohnarbeitsfortschritte, geredet,
darüber, dass ein
großer Teil des Arbeits-Reservoirs nicht mehr gebraucht wird und
verelendet. Es
geht um ein massenhaftes, mit Hartz IV beschlossenes und staatlich
organisiertes Aussortieren von Millionen aus dem
Arbeitsverhältnis. Nach Marx:
Es geht um die ausgeuferte Existenz einer konsolidierten, staatlich
organisierten absoluten Überbevölkerung. Weiterhin geht es um
die ganzen
Übergänge, die dann aus dem Arbeitsverhältnis – durch
kapitalistische Tat oder
durch staatliche Organisation – dahin stattfinden. Und umgekehrt
geht es
darum, dass mit der gewachsenen Überbevölkerung und
Reservearmee lauter neue
Lohnformen und Billiglohnverhältnisse institutionalisiert sind,
die nicht mehr
darauf berechnet sind, dass einer davon leben kann. Wenn man es
vom Staat und
seiner sozialreformerischen Organisation her betrachtet, dann ist es
ein groß
angelegtes Experiment, was die Volksmannschaft aushält und was
für solche
Figuren dann das Aushalten bedeutet. Das ist gleichbedeutend mit
Verwahrlosung
auf die eine oder andere Art und Weise. Die Armut der hier zum Thema
gemachten
Mannschaft ist also die andere, negative Seite des
Beschäftigungswesens; die
wachsende Beschäftigungslosigkeit ist die andere Seite des
kapitalistischen
Wachstums.
Die Debatte fing Beck damit an:
„Haben wir nicht eine drohende Unterschicht, die keine Chance mehr
sieht, aus
ihrer Lage herauszukommen, die sich nicht bemüht? Muss sich nicht
der Staat der
zunehmenden Verwahrlosung annehmen?“ Wie geht eine Problemdefinition
über
diesen Teil der Gesellschaft, bei der die Armut eigentlich geleugnet
wird?
Geleugnet wird der Systemcharakter, nicht
die Fakten. Im Gegenteil: Was Prantl, Geissler oder auch andere
Politiker
anführen, ist eigentlich ein Offenbarungseid darüber, wie es
in dieser
Gesellschaft zugeht. In der Debatte wird aus den Fakten eine
ideologische
Umdeutung der Armut und ihrer Gründe, die deren gesellschaftlichen
Charakter
verschwinden lässt und etwas anderes an die Stelle setzt.
— Beck geht von der materiellen Lage
weg hin
zur moralischen Verfassung seiner Mannschaft. Wie stellen die sich zu
dem
Ganzen, sondern sie sich ab, werden sie unzuverlässig? Die Politik
solle ihnen
Mut geben.
Sachgerecht ist, dass die
Diagnosen, die da getroffen werden, immer gleich die Rezepte sind, wie
man der
Sache Herr werden kann. Das ist gleich der Punkt: Armut ist eigentlich
Einstellungssache.
Was ist der Begriff ‚abgehängtes
Prekariat’- die abgehängte Mannschaft lebt unter prekären
Umständen - für eine
Armutsdefinition? Abgehängt wovon?
Im Gegensatz zu dem, was Sache ist – dazu sollte der Vorlauf dienen –,
wird
Armut hier besprochen als eine politische Definitionsfrage. Da wird ein
gesellschaftlicher Sachverhalt politisch definiert. Praktisch ist die
Definitionsfrage
damit erledigt, dass die Leute in Hartz IV einsortiert werden, in
Billiglohnverhältnisse, dass sie unter das Diktat
kapitalistischen Wachstums
gestellt sind. Jetzt wird eine Armutsdebatte über einen Teil
dieser Mannschaft
angezettelt, die Armut wird politisch definiert. Damit wird über
Willensfragen
geredet, nicht über ökonomische Umstände. So werden die
ökonomischen Umstände
andersrum nicht zum Grund, sondern zur Bedingung und Grundlage
für die
Einstellungsfrage.
Die fortgesetzte Überlegung ist:
Einstellung wozu und was wird an der bemerkt?
— Im
Prinzip kann heute jeder von der Armut betroffen sein. Eine Masse von
Leuten
ist von vornherein ausgeschlossen und aus denen wird auch nichts mehr.
Dazu
gibt’s heute auch teils gebildete Leute aus dem so genannten
Mittelstand, die
Karriere gemacht haben und dann ihren Job und den Anschluss verlieren.
Die
Leute sind von einer prekären Situation bedroht, der
Unmöglichkeit sich in
dieser Gesellschaft eine Karriere verlässlich zu planen.
Es ist aber nicht die Debatte
über die Bedingungen des Konkurrierens im Kapitalismus.
Es ist die Feststellung über
eine Abteilung dieser Gesellschaft, um die man sich sorgt. Dass die
vielleicht
aus dem Ruder laufen könnte, ist dabei antizipiert. Unter diesem
übergeordneten
Gesichtspunkt wird die Gesellschaft durchgemustert. Eine Abteilung wird
dabei
so definiert, dass sie unter Lebensverhältnissen existiert, die
sie der
Gesellschaft entfremden. Gemeint ist damit die Kombination aus
objektiven
Lebensumständen und subjektiver Einstellung, je nach Betonung, der
Übergang von
unsicheren Lebensverhältnissen – die erwähnte
Unmöglichkeit, eine Karriere
sicher zu planen –, über den Zwischenschritt – man ist
rausgeflogen – zur
Einstellungsfrage.
Wenn man die Einstellung
charakterisieren will, die diese Leute kennzeichnet, wo hat man den
Begriff
her? Es gibt ja viele Einstellungen - vielleicht haben sie zu Recht die
Schnauze voll? Das ist aber sicher nicht die Aussage der
Friedrich-Ebert-Stiftung oder der andern, die sich in die Debatte
einklinken.
Die sollen ja mitmachen. Das ist ein Maßstab, wo haben sie den
her? Da
beteiligen sich Leute an der Debatte, die vielleicht noch nie mit einem
aus
dieser Unterschicht geredet, noch nie recherchiert haben, was die
umtreibt. Die
FAZ schöpft ihre Erkenntnisse aus einer Studie der 20er-Jahre
irgendwo in
Österreich, wo man Leute beim Arbeitslos-sein beobachtete und
feststellte, die
dümpeln nur so vor sich hin. Alle, die sich kluge Gedanken
drüber machen, wie
es den Arbeitslosen heute geht, wie deren Einstellung ist,
schöpfen das gar
nicht aus Recherchen: „Was denken die?“ - womöglich sogar: „Warum
denken sie
so? Haben sie vielleicht irgendwo Recht mit ihrer Unzufriedenheit?“,
sondern
die ganze Beurteilung ihrer Einstellung stammt aus einer Messlatte, die
man an
sie anlegt.
Die Einstellung der Abgehängten
wird nicht ermittelt, sondern postuliert: „Wir wissen schon, das sind
solche –
es gibt diesen Bodensatz von abgehängten armseligen Figuren mit
der starken
Tendenz zur Verwahrlosung.“ Da muss eine Definition her. Und die wird
geschöpft
aus einem Ideal von Gemeinschaft, zu der die sich doch auch
rechnen können
müssten.
— Es wird doch in jedem zweiten
Artikel
gesagt, der Grund für diese Armut ist die
Langzeitarbeitslosigkeit. Es geht
nicht immer nur um deren Einstellung.
Es wurde nicht behauptet, dass
sich die ganze Debatte in diesen einen Punkt auflöst. Es ist aber
nicht zu
bestreiten, dass sie immerzu bei dieser Frage landen. Wie reden sie
denn über
objektive Gründe wie Langzeitarbeitslosigkeit? Auch das ist eine
Definition
dessen, wo das gesellschaftliche Problem angesiedelt sei. Da ist man
ganz
schnell von dem Problem, das die Arbeitslosen haben, bei dem
Problem, das sie
darstellen. Das leitet die Definitionen.
Eine der Fortsetzungen ist:
Denen fehlt Bildung. Man darf aber nicht das, was als objektiver
Ausgangspunkt
der Lage immerzu vorkommt, gegen mindestens die Hälfte der
Fortsetzungen
ausspielen. Von dem Ausgangspunkt her, dass unsere Gesellschaft Armut
produziert, macht die Debatte Fortsetzungen. Einerseits dahin, wo das
herkommt,
andererseits in die Richtung, was daran schlimm ist. Wir waren erst
dabei: Was
gibt es für Diagnosen darüber, was an der Unmöglichkeit,
hierzulande seine
Karriere sicher zu planen, schlimm ist? Keiner bleibt bei der
Feststellung
stehen: Es ist ein Skandal, dass in diesem reichen Land so viele Leute
arm
sind. Das kommt schon vor, aber es ist keine öffentliche Stimme
der Meinung,
damit wäre man mit der Definition der Lage dieser Leute fertig.
— Die
materielle Lage kommt als ungünstige Bedingung vor. Unter solchen
Bedingungen
ist es kein Wunder, dass das Volk unzuverlässig ist.
Das war der Ausgangspunkt von
Beck und der Studie: Was für ein Potenzial für die
demokratische Kultur in
unserem Land haben wir hier? Daran merkt man den Gesichtspunkt, der an
diese
Lebenslage herangetragen wird und diese Lage als Bedingung für
eine politische,
sozialproblematische Einstellung nimmt. Natürlich widmen sich
auch andere
Überlegungen der Frage, wo das her kommt, aber auch da hat man die
Doppelgleisigkeit: erstens die Armut und zweitens wie die Leute sich
dazu
stellen.
Das Problem, das sie definieren,
lautet: Resignation. Das ist die Problemlage, bei der die
Armutsdefinition in
Sachen Einstellung landet. Da war die Frage: Was heißt das, woran
wird da Maß
genommen? Die Leute sollen sich um Aufstiegschancen bemühen
und nicht die
Falschen oder gar nicht wählen, sondern ordentliche
Bürger sein. Das ist die
pure Umdrehung eines Sorgestandpunkts.
Die Studie der
Friedrich-Ebert-Stiftung widmet sich den Lebensumständen der
Leute. Da wurde
schon gesagt, in welche Richtung der polit-ökonomische Begriff
dieser
Lebenslage geht, diese Lage für eine gesamtgesellschaftlich
relevante
Einstellung zu nehmen. Man redet über die Bedingungen einer
gewünschten
Einstellung. Es mag Fortsetzungen geben, dass einer gleich den
Übergang dazu
macht, die sollen sich nicht hängen lassen. Aber bei diesem Ideal,
das die
Debatte leitet, ist der Ausgangspunkt, sich zu überlegen, wie sie
das
angesichts dieser Lebensumstände hinkriegen. Ab da gibt es einen
ziemlichen
Pluralismus der Vorschläge, und die sind immer gleich Diagnosen,
woran das
läge, was an den Bedingungen falsch ist, was man daran ändern
muss, damit es
eine andere Einstellung gibt. Diagnose und Rezept – da wird ein
breites Feld
aufgeblättert, was zu machen wäre, weil es an diesem oder
jenem Umstand
zumindest ‚auch’ oder ‚ganz entscheidend’ mitläge.
Es gibt Leute, die sagen, Hartz IV sei schuld. Dann kommt das Rezept:
„20 €
mehr, keine zusätzlichen Krankenkassenzuschläge“. Auch
in dieser Debatte geht
es darum, wie man die Lebensumstände interpretiert. Als erster
Fehler ist
festzuhalten, die ganzen Lebensumstände gleich unter dem
Gesichtspunkt der
Bedingung für das Eigentliche, nämlich die
sozialverträgliche Einstellung der
Leute, zu besprechen. Mit den Lebensstrategien sind natürlich auch
ganz private
und dabei ziemlich stereotype Strategien verknüpft, damit fertig
zu werden,
sich darin einzurichten. Dass diese ganze Debatte nicht von den
Betroffenen ausgegangen
ist, ist ein erstes Symptom für die hartnäckige Bereitschaft
der Betroffenen,
sich in diesen Lebensumständen irgendwie einzurichten.
Das ist aber gar nicht der
Gegenstand, dass man sich jetzt einmal dafür interessiert - als
Marxist - zu
fragen, warum die Leute diesen furchtbaren Fehler machen, oder auch -
als
Nicht-Marxist - sich dafür zu interessieren, wie sie es eigentlich
hinkriegen,
sich auf desolate Lebensverhältnisse noch einen Vers zu machen
nach dem Motto:
Na dann leben wir halt so! Von dieser Haltung zu sagen:
„abgehängt“, „tendiert
zur Verwahrlosung“ und „solche Leute wählen womöglich nicht
mehr“, ist doch
keine Ermittlung dessen, wie die Leute sich da einrichten, sondern das
ist der
Vergleich dessen, was man da antrifft, mit dem, wie man die Leute gerne
hätte.
Unter dem Gesichtspunkt wird ihnen eine Identität zudefiniert, und
dann ist man
langsam beim abgehängten Prekariat, der einen, das Oktogon
(8-fach-Gesellschaft) bildenden gesellschaftlichen Gruppen. Die anderen
sind
ebenfalls durch eine Mischung von Lebensumständen und
Einstellungen definiert,
zudem auch noch altersabhängig. Ab 60 ist man entweder
„zufriedener
Traditionalist“ oder ein „arrivierter Aufsteiger“ oder ein „besorgtes
Bürgertum“.
Das Dementi von Armut ist, dass
Ursache und Begriff dieser Lage nicht interessiert, wenn sie als
Bedingung für
eine falsche Einstellung gilt. Dann betrachtet man durchaus die
Lebenslage
selbst und ihre Gründe, aber wie werden die Gründe benannt
und ermittelt? Das
sind Überlegungen der Art: Jetzt sind die Leute nun mal
rausgeflogen aus dem
normalen bürgerlichen Leben, was macht sie unfähig, an diesem
Leben wie normale
Menschen teilzuhaben? Deswegen ist der Gedanke nie fertig, wenn man
festhält,
dass das eben die sind, die den Job des überflüssigen
Proletariats hierzulande
ergriffen haben. Den muss ja auch einer machen, könnte man als
zynischer
Vertreter der Klassentheorie sagen. Der Witz sind nicht die Kriterien,
nach
denen die Leute in irgendwelche Kategorien fallen, sondern dass es
diesen Status gibt. Das wäre ja ein Moment von
Kritik. Bei denen löst sich die Kritik des Status gleich auf in
die Frage: Wie
kommt es, dass Einer da reinfällt? Die Notwendigkeit der Lage ist
damit weg.
Einmal so, dass sie von vornherein als Bedingung für das, was
eigentlich
interessiert, betrachtet wird. Dann ist es quasi die methodische
Abstraktion
von vorneherein. Das kommt gar nicht in den Blick, dass hier ein
politökonomischer Skandal des Kapitalismus vorliegt, sondern man
will was
anderes wissen: Wie kriege ich die Leute so hin, wie ich sie gerne
hätte. Da
kann man dann mit der Auskunft, dabei handelt es sich übrigens um
Subproletariat, nichts anfangen, es sei denn man versteht es als
Etikett für
eine Abteilung Citoyen, die sich ausgeklinkt hat.
Ausgerechnet die Ökonomen im
Wirtschaftsteil der Zeitungen sind die einzigen, die sagen, dass es
kein
sozialpsychologisches, sondern ein ökonomisches Problem ist, das
Ergebnis von
technischem Fortschritt und Globalisierung. Die kommen auch von dem
eben
Besprochenen her. Meistens sind das dann auch welche, die sagen: Neu
ist das
nicht, alle paar Jahre entdeckt man die neue Armut. Jetzt wird mal das
Phänomen
festgehalten; nicht die Frage, welche Bedingungen liegen für die
ungute Einstellung
vor, sondern jetzt stellen Leute die Behauptung in die Welt, man solle
sich
nichts vormachen, diesen ausgemusterten Teil der Gesellschaft, den gibt
es
wegen technischem Fortschritt und Globalisierung. Wie geht da die
Fortsetzung? Haben die den Punkt erwischt,
dass es sich um eine Klassenfrage handelt?
— Da wird als Weiteres zu wenig
Wachstum
beklagt und verlangt, dass wir in der Konkurrenz gewinnen.
Die sind Opfer des Wachstums und
das Hilfsmittel dagegen ist mehr Wachstum. Da mag man gar nicht mehr
sagen, die
haben eine falsche Theorie. Auch eine falsche Theorie unterstellt noch
ein
plausibel gemeintes Weil und Deswegen. Im ersten Atemzug sagen sie, es
sei
wegen technischem Fortschritt und Globalisierung, dabei lernt man jeden
Tag,
dass die Globalisierung Mittel und Bedingung des Wachstums und der
technische
Fortschritt unsere Chance ist. Sie benennen im ersten Punkt die eigenen
Fetische des Wachstums als Ursache – immer mit „zu wenig“. Sie
können hinschreiben,
dass die Arbeitslosigkeit am Fortschritt liegt, und dabei denken, das
passiere trotz des Fortschritts. Da gibt es
wenig Theorie zu kritisieren, wenn einer „weil“ und „trotzdem“
verwechselt oder
für dasselbe hält.
Es gibt beim Streit um die
Gründe, woran es läge, ein Prinzip festzuhalten. Dabei kommt
alles vor, was die
Leute in die Lage bringt, aber eben nicht als Grund und Zweck, sondern
als
Sachzwang und als Versäumnis, dem richtig gehorcht zu haben. Wer
sagt, das läge
an der Globalisierung, ist kein Globalisierungsgegner, sondern FDPler.
Die
sagen, das ist ein Sachzwang, den wir nicht bewältigt und das
benötigte
Wachstum nicht zustande gebracht haben. Bei der Christiansen gestern
Abend wurde
das vorgeführt unter dem Tenor: Was haben deutsche Manager zu
leisten? – Immer
dieses Karussell, über die Gründe als Auftrag zu reden,
den man bewältigen
muss, damit die Arbeitslosigkeit in Arbeitsplätze umschlage.
Noch einmal zu dem Punkt zurück,
die Armut als Problem zu besprechen, das der Gesellschaft drohe, die
doch eine
bestimmte Einstellung der Leute braucht. Diese Debatte über die
Verwahrlosung
der demokratischen Willens- und Wählerstandpunkte ist selbst ein
Dokument
erfolgreichen demokratischen Kritikwesens. Wenn über die
Mannschaft, die zu
einem Problem erklärt wird, so geredet wird, dass sie in
Resignation fallen
könnte, drückt das nicht die Sorge um Unberechenbarkeit oder
Widerstand aus. Im
Gegenteil lebt das von der Bequemlichkeit, dass gar nicht in
Erwägung gezogenen
wird, die Betroffenen könnten Widerstand gegen solche
Verhältnisse leisten. Zur
Passivität der Leute gehört die Aktivität, die auch mal
in Randale umschlägt.
Im Unterschied dazu definiert die Politik ganz andere Probleme von
einer Messlatte
erfolgreicher demokratischer Erziehung und Politisierung aus.
— Die Freiheit der Herrschaft bei
dieser
Definition sieht man auch daran, dass es gar keine Reaktion auf
irgendeine
Sorte von Unzufriedenheit mit dem demokratischen Bewusstsein der Leute
ist. Die
Debatte wurde von oben aufgemacht mit dem Verdacht, einer eventuellen
Unzufriedenheit zuvorzukommen.
Sobald es zur Randale kommt, ist
die Antwort des bürgerlichen Staates darauf keine Studie, sondern
die Polizei.
Die Einschätzung des Luxuriösen
an dieser Debatte sollte man nicht völlig gleichsetzen mit der
Einschätzung,
die die Urheber der Debatte selber haben. Für eine Besorgnis
darum, was aus
dieser Gesellschaft wird, gibt es zum einen den Ausgangspunkt „Osten“.
Zum
anderen gibt es genügend Warnsignale (Kinderverwahrlosung … wo es
zu wenig
gibt) von deren Standpunkt aus. Kein
Warnsignal sehen sie oder gibt es
vom Standpunkt eines Klassenbewusstseins.
Zum Klassenbewusstsein: Was ist
der Gegensatz zwischen einer Armutsdebatte und einer
Klassendiagnose?
Solange die Leute noch in der
kapitalistischen Konkurrenz mit einem Arbeitsplatz eingebunden sind,
wird die
Armut als aushaltbare klassifiziert. Erst wenn die Grundversorgung,
z.B. das
Zahlen der Miete, nicht mehr klappt, wird die Lage bei diesen Leuten
als prekär
bezeichnet. Der Zusammenhang, die Identität in dieser
politökonomischen
Definition der Lage zwischen Lohnabhängigen und welchen, die das
nicht mehr
sind (vom Lohn abhängig, obwohl sie keinen mehr haben) müsste
einem schon
auffallen. Der Widerspruch, vom Standpunkt als Lohnabhängiger zu
konkurrieren,
heißt, ein Interesse an sich wecken
zu wollen, dessen Herr man gar nicht ist. Es ist nicht nur
menschenunwürdig,
auch für sich ein widersprüchliches Unterfangen, denn es ist
ja immer das fremde Interesse, für das man sich
als
Instrument anbietet. Dann ist man
auch nicht mehr, als ein Instrument. Darin ist eine prekäre Lage
schon
eingeschlossen, die auch durch die absurde Forderung nach Bildung nicht
besser
wird. Wenn in der Definition von prekären Lebensverhältnissen
eingeschlossen
wäre, dass man seine Lebensverhältnisse nicht planen
kann, dann wären sie der
politökonomischen Wahrheit schon ziemlich nahe. Aber das wird
gerade umgedreht
gesehen: Sich anzubieten, macht doch jeder! Das geht bis dahin, Bildung
als das
Rezept zu empfehlen, wie man als Lohnabhängiger konkurrieren kann.
Dieselben
Leute, die Bildung als Rezept gegen prekäre Lagen empfehlen,
kennen
gleichzeitig, aber lassen nicht gelten die Wahrheit des Widerspruchs,
vom
Standpunkt der Lohnabhängigkeit eine Konkurrenz anzuzetteln.
(Siehe dazu
Leserbriefe in der SZ von Rezept-Anbieter und arbeitslosem
Soziologie-Doktor)
— Prekär heißt auch, in
einer bedrohten Lage
zu sein.
Dürfen Leute, die abgeschrieben
sind, sich so dazu stellen, als wären
sie abgeschrieben, den Willen aufgeben, sich in diesen
Verhältnissen zu
behaupten? Was kann für diesen Willen getan werden? Nach einigem
Hin und Her
landet die Politik dabei, sie keinesfalls so zu benennen, was sie
wirklich
sind, um ihnen nicht Recht zu geben, wenn sie sich aufgeben. Das
Bemühen, den
betreffenden Leuten ihre Achtung auszusprechen, ist eine Bedingung
dafür, dass
sie nicht abgeschrieben sind.
— Ist der Anspruch an die Leute in
prekärer
Lage nicht der, dass sie sich, obwohl bereits zum Subproletariat
gehörend,
erstens als anständige Proletarier zu benehmen hätten, die
zumindest ihren
Willen kundtun, sich nützlich machen zu wollen, und zweitens eine
ordentliche
staatsbürgerliche Haltung zu zeigen?
Was der Staat tatsächlich mit Hartz
IV organisiert, ist die Verwaltung Ausrangierter mit einer Karriere
abseits des
Arbeitsmarktes, denen mit Angeboten wie 1-Euro-Jobs vor allem
moralische
Ertüchtigung abverlangt wird. Der Staat erhält gleichzeitig
den Anspruch
aufrecht, eigentlich solle die ganze Gesellschaft nützlich sein,
nicht nur ihn
nichts kosten, sondern etwas beitragen zum Vorankommen des Staates.
Globalisierung als Chance ist hierfür eine Metapher. Das Projekt keines Staates ist das Abschreiben
seiner Leute, sondern jeder Staat hat das Interesse, auch wenn er das
Abschreiben organisiert, wenn das Kapital welche nicht braucht, seine
Bevölkerung möglichst zu hundert Prozent nützlich zu
machen.
— Es kommt zu einer Verwandlung der
Kategorie
´Nützlichkeit´, die gar keinen ökonomischen
Inhalt mehr hat.
Das Abschreiben der Leute soll
einerseits kein unwiderruflicher Verzicht des Staates auf seine Leute
sein,
andererseits zwingt er sie praktisch zu diesem Status. Er verdonnert
sie dazu
und will sie gleichzeitig darin aufscheuchen.
— Der Begriff ‚abgehängt’ ist
darin eine
Selbstkritik des Staates.
Mehr als die Hälfte der
Debatten-Beiträge betont, dass die Leute deshalb als
abgehängt zu bezeichnen
sind, weil man ihnen das Sich-Einrichten in der
Langzeitarbeitslosigkeit
ermöglicht hat.
— Diese Debatte verstehe ich eher
als in die
amerikanische Richtung gehend: wer will, der kann. Ein Abgesang auf den
Sozialstaat und keine Selbstkritik, eine Frechheit der Bourgeoisie –
Motto: Wer
Arbeit sucht, kriegt auch eine.
Selbstkritik der Politiker
untereinander, es wechselseitig an der richtigen Führung des
Volkes fehlen zu
lassen, ist keine Frechheit der Bourgeoisie, die Kritik ersetzt.
(Selbst-)
Kritik von oben ist immer scharfmacherisch.
Es ist ein Widerspruch in der
staatlichen Politik selber. Der staatliche Umgang mit diesem Problem
und die
öffentliche Debatte darüber sind zu unterscheiden.
Um mit einer falschen Benennung
dieser Leute nicht kontraproduktiv zu werden gegen den Anspruch an sie, gibt es eine Debatte über die
richtige Bezeichnung.
— In dem Vorwurf an die Leute, an
ihrer Lage
auch selbst schuld zu sein, ist doch auch Verachtung impliziert.
Es ist verkehrt zu sagen, die ganze
Debatte lande bei einem Urteil über die Leute. Die Fortschritte in
der Debatte
gehen in die Bekräftigung all der Maßnahmen, die ohnehin
geplant und gemacht
werden. Einen Teil der Gesellschaft auszugrenzen und abzuschreiben wird
nicht
zugelassen. Diese Debatte soll keine Schuldzuweisung an die Arbeiter
sein,
obwohl dieser Gesichtspunkt darin enthalten ist.
Wenn Armut zur Kenntnis genommen
wird als Bedingung für ein Ideal von Integration, von
Funktionstüchtigkeit, die
daran festgemacht wird, dass die Lebensverhältnisse eine Bedingung
für eine
Einstellung sind, die das hergibt, dann ist die Moral dabei
inbegriffen.
Die jetzige Debatte, vertreten u.a.
durch Pofalla, knüpft an die Willensfrage an mit der
Überlegung, welche
Bedingungen der Staat gesetzt hat, dass die Leute unwillig zu werden
drohen,
und welche er setzen kann, dass die Leute willig werden, bzw. bleiben.
Zu
gestatten, dass Leute, die aus der Konkurrenz herausfallen, sich
in einer
Nebenexistenz einrichten, soll der staatliche Fehler gewesen sein.
Eine andere Schiene der Debatte
betont die Notwendigkeit von Bildung oder Kindern als Bedingung, bis
hin zum
Ruf nach besserer Betreuung der Krippenkinder. Wenn die Politik
selbstkritisch
feststellt, was mit Hartz IV oder der Familienpolitik falsch gelaufen
ist,
betont sie erstens, so weiter machen zu müssen, sich nicht von der
Globalisierung oder von Billiglöhnen davon abbringen zu lassen.
Zweitens müssen
die Wirkungen dieses Sachzwangs anders und besser betreut werden, um zu
verhindern, dass sich Leute wie Abgehängte vorkommen und auch noch
so benehmen.
Die Art und Weise, wie diese Debatte geführt wird, benennt keine
objektiven
Gründe. Im Unterschied zur Klassen-Diagnose machen sie eine
Scheidung zwischen
Arbeit und Arbeitslosigkeit. Das hat den Charakter einer
theoretischen
Leugnung von kapitalistischen Verhältnissen, wenn Armut
gleichgesetzt wird mit
sich nicht mehr nützlich zu machen. Die vom Staat gewollten
ordentlichen,
nützlichen kapitalistischen Verhältnisse sollen Teilhabe
am gesellschaftlichen
Leben gewährleisten. Arbeitslosigkeit dagegen wird als
unnütz, aussortiert
klassifiziert, immer mit dem Idealismus, dass das, was den Staat an
diesen
Verhältnissen stört, die Leute selbst auch stört.
So geht Kritik von oben:
Wenn die Leute sich in den Umständen, die ihnen der Staat
einrichtet,
einfinden und sich nicht nützlich machen, könne das doch nur
zu ihrem eigenen
Schaden führen. Das war die erste Armutsdefinition.
Mit dem Begriff ‚prekär’ – die
zweite Armutsdefinition - wird die Abhängigkeit vom Kapital ins
Feld geführt
ohne diese zu kritisieren. Vielmehr wird sie als Bewährungsprobe
hingestellt,
bei der leider immer viel zu viele unterliegen.
Die dritte, Armut sei zudem auf
keinen Fall bloß ein materielles Problem. Das Geld wird als
Bedingung für
Normalität betrachtet. Weil es aber um die Einstellung geht, ist
den
aussortierten Leuten nicht damit gedient, mehr davon zu geben. Vielmehr
muss
man sie dazu veranlassen, selbst danach zu streben, sich wieder in
einen
anderen gesellschaftlichen Zustand zu versetzen, bzw. um diesen zu
konkurrieren.
Eine vierte Armutsdefinition wird
geboten in einer Aufzählung von lauter negativen Wirkungen der
Armut in diesen
Abteilungen des Proletariats wie Familienzerrüttung,
Kinderverwahrlosung etc..
Die werden zur eigentlichen Sache erklärt. Kontrolle ist das
Rezept dagegen. In
allen Armutserklärungen sind lauter Funktionsbestimmungen des
Staates, was er
von den Leuten eigentlich erwartet, bei diesen aber vermisst.
In der wissenschaftlichen Fassung
wird ein Konglomerat aus diesen Funktionsbestimmungen zur
Definition der
unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten hergenommen. Damit wird
die
Unauflöslichkeit des Widerspruchs zum Auftrag, diese
Mannschaft nicht einfach
so zu belassen.
— Müntefering meinte, um die
Schwächeren
müsste sich gekümmert werden. Damit wird nicht die Unwilligkeit, sondern deren Unfähigkeit
gekennzeichnet.
— Aber - das Ganze ist auch eine
ungeheure
Tour, sich auf eine täglich zunehmende Masse an Elend einzustellen
und diese zu
versorgen. Diese Menschen auf Chancen durch Bildung zu verweisen, ist
ziemlich
disparat zu dem, was tatsächlich passiert.
Dass an den kapitalistischen
Sachzwängen kein Weg vorbeiführt, wird nicht nur
bekräftigt, sondern diese sind
das erste Mittel der Wahl zur Verbesserung der Lebenssituation. Mit
Hartz IV und
sonstigen Maßnahmen widmet der Staat sich dem Widerspruch,
die Leute sollten
nicht meinen, sie wären abgeschrieben, obwohl sie abgeschrieben
sind. Nicht
Förderung sondern Forderung heißt das Stichwort.
Hier geht es um eine öffentliche
Debatte und nicht um ein politisches Programm. Die ganze
Angelegenheit gehört
zur Pflege des falschen Bewusstseins. Die Lage der Nation bedarf in
vielerlei
Hinsichten einer ideologischen Aufbereitung. Es gibt Zeiten, in
denen der Gang
der kapitalistischen Ausbeutung in theoretischen Kundgaben
besteht, das Volk
bestünde aus einer Mittelstandsgesellschaft. In anderen Phasen
kommen
Armutsdebatten auf. Es handelt sich eher um eine ideologische
Verarbeitung der
Lebenslage als um einen politischen Aufbruch. Die praktische Absicht
der
Friedrich-Ebert-Stiftung ist eine Auskunft an die Chefetage zu
liefern, aus
welchen Versatzstücken das geplante neue Parteiprogramm
zusammengesetzt werden
sollte. Becks Ausgangspunkt war zu sagen: „Wir sind die Partei der
Leistungsträger.“ Und von daher ergab sich für ihn die Frage,
wer dadurch
möglicherweise ausgegrenzt wird. Gleichzeitig will sich die SPD
nicht als
Partei der sozial Schwachen abstempeln lassen.
Der Endpunkt besteht in der
Groteske um die Namensgebung. Wo alle erleichtert sind, dass
‚Proletariat’
nicht zur Debatte steht und ‚Klassengesellschaft’ ausdrücklich
einmal nicht
aufkommt, wird darüber gerechtet, ob man Unterschicht’ sagen
darf.
‚Unterschicht’ enthält schon den zuvor behandelten Fehler, dass
damit nur die
gemeint sind, die eigentlich nicht mehr in der bürgerlichen
(geregelten
Arbeitsplatz-) Konkurrenz befangen sind. Es ist ein Ausdruck für
eine
Lebenslage unterhalb der normalen proletarischen
Beschäftigungsverhältnisse
und schließt eine Mentalität ein, das eigene Unten-Sein, das
eigene
Abgeschrieben-Sein zum Ausgangspunkt eines eigenen Stolzes zu machen.
Es ist
ein Gegenbegriff zu Proletariat und auch zu Subproletariat, weil der
Ausdruck
noch den Zusammenhang festgehalten haben will. Wenn man die selber
fragt, will
keiner dazu gezählt werden. Sich selbst mal als ‚Prolo’ zu
bezeichnen, ist
etwas anderes als den eigenen politökonomischen Status begriffen
zu haben. Es
ist schlicht eine Kulturmetapher.
2. Zum Artikel „Weltmarkt und
Weltmacht“ in GS 3-06
Das Verhältnis zwischen
Standort-Nationalismus und Geld-Patriotismus im ersten Teil ist ein
nicht ganz
einfaches Kapitel Imperialismustheorie. Der Gedanke, der bis zu seinem
bitteren
Ende verfolgt werden soll, steckt in der Einstiegsüberlegung: Nationen brauchen Arbeit. Dann kommt
sofort die einschränkende Bedingung: rentabel muss sie sein.
Zwischen der
Einschränkung und Verabsolutierung dieses Interesses sollte man
kein
Entweder - Oder machen. Denn das macht kein Staat, weil jeder
beides
will; dass sein ganzes Volk arbeitet, aber rentabel. Der Widerspruch,
der darin
steckt, hat seine Unterabteilungen. Das Verhältnis zwischen
staatlichem
Anspruch und Privatmacht des Kapitals hat da seinen Ort, denn der Staat
hat
zwar dieses ernste Interesse, auf der anderen Seite aber
überantwortet er dem
Kapital die Kriterien für rentable Arbeit und auch für das
Maß der Verwendung
von Leuten - darin stecken lauter Friktionen. Diese
Einstiegsüberlegung ist
nur die erste Hälfte der politischen Ökonomie des
Imperialismus, weil die
ganze zweite Hälfte sich an den Tücken des Resultats
rentabler Arbeit, nämlich
dem Geld der Nation, festmacht. Sie handelt davon, dass das Produkt
rentabler
Arbeit, sich akkumulierendes Kapital in Geldform, im Verkehr der
Staaten
untereinander, in ihrer Konkurrenz gegeneinander, noch eine ganz andere
Rolle
spielt als die des Resultats rentabler Arbeit. Das Geld ist Resultat
rentabler
Arbeit, es ist Resultat der Konkurrenz um Anteile an der weltweit
geleisteten,
Profit bringenden Arbeit und zugleich
Ausgangspunkt und Bedingung dafür, wie Nationen im Vergleich
ihrer
kapitalistischen Potenzen untereinander dastehen.
Im zweiten Teil geht es um die
Währung und ihren Wert, ums Geld. Einerseits ist es Produkt
rentabler Arbeit
und sammelt sich bei den Nationen in dem Maße, wie die Nationen
in der
Konkurrenz um Anteile in der weltweiten Produktion von
Erfolgsgütern, von
Profit, teilhaben. Nach der Seite hin ist das Geld der Nation das
Resultat
rentabler Arbeit und der Konkurrenz um ein Maximum davon. Auf der
anderen Seite
ist dieses Geld ein vertracktes Ding, gerade heutzutage, wo es nicht
mehr in
einem großen Haufen Gold oder einer anderen Ware besteht, sondern
als Produkt
der Staatsgewalt selber Zahlungsmittel, Reichtum in seiner definitiven
Form
darstellt. In diesem Vergleich der Nationen über das Geld, das sie
erwirtschaften, ist Geld nicht bloß die Erfolgsbilanz, also quasi
das Resultat
und die Summe, in der sich der Erfolg darstellt, sondern da bekommt im
Vergleich der nationalen Erfolgskonkurrenz das Geld auf einmal
Qualitäten:
schwaches und starkes, weiches und hartes Geld. Am Ende gibt es sogar
ein Geld,
das keines mehr ist, und es gibt eine Konkurrenz der Nationen darum,
richtiges,
als solches anerkanntes Weltgeld zu akkumulieren auf Kosten dessen,
dass andere
Nationen überhaupt kein solches Geld besitzen, auch wenn sie
zuhause noch so
viele Pesos und Cruzeiros nachzählen.
Einmal so gesagt: zwei Sorten Konkurrenz der Nationen um
kapitalistischen Reichtum – das ist der wichtige Übergangsgedanke
im ersten
Teil.
—
Eine gewisse Schwierigkeit ist, dass bis zur Hälfte von
Standortkonkurrenz die
Rede ist und es am Schluss darum geht, dass Nationen um die rentabelste
Arbeit
nicht nur als Standorte konkurrieren, sondern eben auch weltweit,
indem sie
Arbeit weltweit nutzen wollen.
Weltweit das eigene Kapital
arbeiten lassen, ist am Ende der zusammenfassende Gesamtstandpunkt der
Konkurrenz – worum? – der Konkurrenz um die Konzentration rentabler
Arbeit auf
den eigenen nationalen Standort sicher nicht. Da können die
Kapitalisten noch
so sehr behaupten, dass der Export von Arbeitsplätzen hierzulande
welche
schaffen würde, das ist einfach nicht wahr. Aber über die
Frage: was für ein
Geld auf der Welt verdient wird, gibt es auf einmal wieder einen Sinn.
Die
Definition des Status der Staaten über das Geld enthält
jedenfalls immer etwas
Prekäres, denn so ein Sieg ist nie endgültig, aber doch
ziemlich haltbar
andererseits. Wenn einmal ein paar Währungen als Weltgeld
durchgesetzt sind,
muss schon eine tüchtige Masse Mensch außerordentlich
effektiv zusammenorganisiert
werden, damit so ein Land wie China, dessen Bevölkerung immerhin
etwa so groß
ist wie die Hälfte der Weltbevölkerung am Ende des zweiten
Weltkriegs, nach ein
paar Jahrzehnten des Kapitalimports in die Nähe des Versuchs
gelangen kann,
aus ihrer Währung wenigstens so etwas wie eine
Fünftwährung auf dem Weltmarkt
zu machen. Nach der Seite hin sind Währungen wie Dollar und Euro
ziemlich
stabil. Aber so stabil, dass damit alle Sorgen der
Währungshüter erledigt
wären, sind sie auch wieder nicht. Das ist einer der Unterpunkte
in den
Kapiteln über das Funktionieren des Weltmarkts heute.
Ob diese Übergänge
verständlich ausgedrückt sind, ist die Anfrage.
Das andere Hauptthema des
ganzen Artikels ist das Verhältnis zwischen globaler Ökonomie
und Gewalt oder
zwischen Frieden und Krieg, um eine andere Metapher zu gebrauchen. Dass
hier
die These vertreten wird, dass die Notwendigkeit für Gewalt in der
Welt an der
kapitalistischen Ökonomie liegt, ist schon der Gliederung des
Artikels anzusehen.
Besonders schwierig ist wohl der erste Punkt des zweiten Teils, wo es
um die
Notwendigkeit von Gewalt zwischen Nationen und Krieg als die heftigste
Form
davon geht.
An dem Punkt haben die Linken
immer herumgemacht: Wie ist das Verhältnis von Kapital und Staat?
Dabei war
gedacht: Staat = Krieg = Gewalt= aggressiv. Da gibt es lauter Theorien,
erstens, das läge an der Krise; wenn das Kapital
Verwertungsschwierigkeiten
hat, dann ginge es in die Rüstung und schließlich müsse
dann der Staat ihm neue
Länder erobern und überfiele deshalb andere Staaten. Die
andere Theorie sagt:
Wenn das Kapital die Herrschaft übernimmt, ist der Staat nur noch
gewalttätiger
Diener des expansiven Kapitals. Eine dritte Abteilung bestreitet
überhaupt
einen Zusammenhang zwischen Kapital und Krieg unter dem Motto: Es
geht doch um
ein Primat der Politik und nicht um ein Primat der Ökonomie. Da
wird das, was
in dem Artikel als notwendiger Zusammenhang behauptet wird, wie zwei
selbständige Sphären behandelt, wo man sich dann fragen muss,
welches die erste
und welches die zweite ist.
Dann gibt es noch den
normalen, gar nicht mal rechten Standpunkt, dass es Handel doch nur im
Frieden
gibt, Kapital also mit Krieg unverträglich ist, weil da das
Handel-Treiben
storniert ist. Wie kann dann Kapitalismus notwendige Ursache für
Krieg sein?
Der erste Teil (Krieg und
Frieden) von II (Die Konkurrenz der Nationen um überlegene Gewalt)
ist der
Versuch, das gerade Angerissene aufzublättern, und es ist nicht
sicher, ob es
beim Lesen gleich so klar ist, weil es beim Hinschreiben erst einmal
gar nicht
klar war. Deswegen die Bitte, zu überprüfen, ob man
verstanden hat, was hier
behauptet wird zum einen über die Stoßrichtung der
Konkurrenz um rentable
Arbeit und wie da Kapitalexport als nationales Interesse vorkommt und
das
Verhältnis zwischen Standortkonkurrenz – also der Konkurrenz
um ein Maximum an
rentabler Arbeit im nationalen Bezirk – und der eigenen Rolle, die die
Konkurrenz um das Weltgeld spielt, zum anderen, was überhaupt
heutzutage die
Konkurrenz um das Weltgeld heute ist. Denn die ist eben nicht mehr die
Konkurrenz
um die Schiffe mit den vielen Goldbarren, sondern – und das ist das
Verrückte –
eine Konkurrenz um eine Qualität des
Geldes. Es geht um den
Widerspruch, dass ausgerechnet der Inbegriff des abstrakten
Reichtums – („von allem abstrahiert“) nur noch die
kapitalistische Quintessenz des Reichtums ist dann im Geld
präsent – national
ganz unterschiedliche Qualitäten
bekommen kann. Das ist der Hauptgedanke innerhalb des zweiten Kapitels
im ersten
Teil. Und wie sich das zum ersten verhält, soll nächstes Mal
geklärt werden.