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jf 09.10.06 zum Thema

„Kritik – wie geht das?“

(Siehe Artikel in MSZ 3/89)

Handzettel zum Thema: KRITIK – Wie geht das?
In einem freien Land wird Kritik nicht gefürchtet und schon gar nicht unterbunden. An freie Bürger, selbst an die vorwitzige Jugend ergeht sogar der Rat, kritisch zu sein. Und dieser Rat wird auch befolgt, so dass lauter „selbstbewusste“ Persönlichkeiten herumlaufen, die ihr „kritisches Bewusstsein“ demonstrieren und eine garantiert „eigene“ Meinung haben, wenn sie Gott und die Welt begutachten.
In einem freien Land ist Kritik kein Privileg. Man braucht nicht zu den politisch und ökonomisch Mächtigen zu zählen, um seinen Zeitgenossen ihre Fehler vorhalten zu dürfen. Die kleinen Leute halten sich keineswegs zurück und werden nicht müde, auch der Elite ihrer Fehler anzukreiden. Alle Stände werden mit ihren Beschwerden ausgiebig in den Medien der Demokratie zitiert, ja von professionellen Kritikern zu allerlei Einwänden ermuntert, auf die sie selbst womöglich gar nicht gekommen wären.
In einem freien Land findet Kritik immer und überall statt. Aufgeklärte Bürger verlangen unablässig eine bessere Welt. Die stellt sich deshalb aber nicht ein, was zur Folge hat, dass sich ein ansehnliches Standard-Repertoire von Beschwerden wiederholt und über Generationen fortlebt. Aber auch zur Zersetzung von Staat und Gesellschaft führt der Volkssport des Kritisierens nicht. Gegen diesbezügliche Befürchtungen, die in früheren Zeiten manchem Fürsten und anderen Obrigkeiten als Leitfaden ihrer Gesetzgebung dienten, warten Anhänger des modernen Umgangs mit der Unzufriedenheit mit einem merkwürdigen Argument auf: Die Freiheit der Kritik lohne sich für das Gemeinwesen, trage zu seiner Stabilität sogar bei, wirke schließlich auf eine allseitige Veränderung zum Guten hin.
Merkwürdig an solcher Aufklärung ist das einigermaßen idyllische Bild, das sie vom öffentlichen Meinungsaustausch zeichnet. Dessen Lob legt schließlich nahe, dass Kritik allemal Gehör findet und darüber hinaus beherzigt wird, zur Zufriedenheit derer, die sich ins Beschwerdebuch eingetragen haben. Dabei schreibt die Belehrung über den Segen kritischer Umtriebe dem Räsonieren selbst ganz nebenbei und wie selbstverständlich eine Qualität zu, die ihm gar nicht so unbedingt zukommt: Kritik hat in dieser Vorstellung den Charakter eines Verbesserungsvorschlags; eine begründete Ablehnung der Sache, die mit Einwänden bedacht wird, eine „pauschale“ Verurteilung der beurteilten Werke, die Anstoß erregen, wird offenbar nicht in Betracht gezogen.
In einem freien Land ist Kritik zwar nicht verboten, aber deswegen noch lange nicht immer und überall willkommen. Einerseits behalten sich alle Bürger vor, die Angriffe auf sich und Sachen, die ihnen lieb und teuer sind, daraufhin zu überprüfen, ob sie Beobachtung und Rücksicht verdienen. So ist die Kunst der Zurückweisung von Kritik zur selben Blüte gelangt wie deren Pflege. Andererseits sind Staatsorganen und Volksvertretern, Rundfunkanstalten und Verlagsleitungen auch gewisse Sorten von Kritik bekannt, die „aus dem Rahmen“ fallen und zu ächten sind. In solchen Fällen bildet das Verbot die passende Konsequenz der Zurückweisung; es taugt darüber hinaus, einmal beschlossen, als Grund für die Ablehnung und zu ihrem Ersatz.
*
Die demokratische Kultur, die in einem freien Land herrscht, lebt davon, dass da Bürger aktiv werden, die sich darin sicher sind, wie Kritik zu gehen hat. Sowohl diejenigen, die ewig Kritik üben als auch die, welche in der einen oder anderen Art die Zulässigkeit der vielfältigen Anklagen prüfen, präsentieren sich als Kenner und Könner dieses Hand­werks. Das heißt leider nicht, dass sie es beherrschen und wissen, wie Kritik geht. Bei seiner Ausübung unterlaufen nämlich den mündigen Bürgern immerzu die gleichen Feh­ler, durch die sie nicht nur das zunächst einmal theoretische Gewerbe des Kritisierens verpfuschen. Mit ihrem falsch gestrickten Einspruchs- und Beschwerdewesen bilden sie an sich den Willen aus, der sie zum perfekten Mitmacher qualifiziert – bei allem, was ihnen so missfällt.

Diskussion:

Der Handzettel ist als Einleitung zu einem Artikel gedacht, als Einordnung des Kritisierens ins heutige gesellschaftliche und politische Getriebe.
Was ist der Haken an der allgemein zirkulierenden Aufforderung, die Menschen sollten kritisch sein? Da fällt doch als erstes auf, dass diese Forderung offene Türen einrennt.
Gründe zur Unzufriedenheit hat jeder laufend. Was ist aber Unzufriedensein für eine Tätigkeit? Unzufriedenheit ist der gefühlsmäßig angestellte Vergleich, wie das eigene Interesse oder Bedürfnis zu dem, was stört, passt. Ein Vergleich eines Subjektes und seiner Umwelt, der über die Umwelt schon den Charakter des Urteils hat.
Wenn das enttäuschte praktische Gefühl artikuliert wird, wenn der Vergleich expliziert wird, wird allemal ein Urteil über die Sache, die einen stört, daraus.
   ― Das Urteil beschränkt sich darauf, festzuhalten, dass es eine Differenz zwischen einem Interesse oder Bedürfnis und dem kritisierten Gegenstand gibt. Das soll dann schon die Kritik gewesen sein.
Die Unzufriedenheit mit einem Gegenstand – und sei es das Wetter –, wird dem Gegenstand zur Last gelegt. Jetzt kommt es darauf an, ob dieses Urteil nur dem Formalismus geschuldet ist, den Gegenstand dafür verantwortlich zu machen, ohne sich darum zu kümmern, ob an diesem Vorwurf was dran ist, oder ob dieser Kritik des Gegenstandes ein ordentliches Urteil über diesen Gegenstand zugrunde liegt. Dem theoretischen Urteil über den kritisierten Gegenstand liegt der praktische Standpunkt zugrunde, dass diese Welt einem passen sollte. Ist das schon ein Idealismus über diese Welt?
   ― Das ist doch das Mindeste, was man von der Welt verlangen kann. Menschen betreiben ihr Leben unter dem Gesichtspunkt, das Leben soll sich lohnen.
Der Mensch geht mit dem praktischen Anspruch, in seinem Leben auf seine Kosten kommen zu wollen, auf die Welt los. In diesem Anspruch sieht er sich laufend beschränkt, was ihm permanent Anlässe zur Kritik liefert, nicht bloß diesen Vergleich gefühlsmäßig anzustellen, sondern daraus einen Schluss zu ziehen und den Übergang zu einer kritischen Beurteilung einer Sache zu machen, was eigentlich los ist, oder sich zu fragen, ob das sein müsse.
Wenn dieser Anspruch gerade da, wo er scheitert, zu der Unterstellung wird, eigentlich müsste er durchgesetzt sein oder gelten, dann ist es ein gnadenloser Idealismus. Aber der Anspruch selbst zeigt was anderes. Diese Welt theoretisch beurteilen, ist die theoretische Seite des praktischen Anspruchs, dass sie mir gemäß sein soll, und, soweit sie dies nicht ist, sie sich dazu zu machen.
   ― An der Stelle, an der eigentlich eine Untersuchung fällig wäre, konstatieren die Leute ihre Differenz zwischen ihrem Anspruch und der Realität, sind enttäuscht, und damit ist ihre Kritik auch schon fertig. Der Grund für die Differenz wird nicht untersucht.
Bei der Untersuchung der Frage nach dem Warum kommt man unter Umständen auf Gründe, die die Unzufriedenheit mit der Welt als albern erscheinen lässt, wie etwa beim Wetter: Da merkt man an dem Begriff der Sache, die einen stört, wie man sich seine eigenen Bedürfnisse vernünftig einteilen sollte.
Bei allen gesellschaftlichen Gegenständen, die einen stören, ist es anders. Bei der Gesundheitsreform z.B. sind angeblich alle Beteiligten unzufrieden und üben Kritik. Nur wie sieht die aus? Aus einer Unzufriedenheit über das Ergebnis werden zwar lauter Urteile über die Sache. Ein Urteil darüber, was die Reform dieses Gesundheitswesens ist, welche widersprüchlichen, unvereinbaren Interessen in Übereinstimmung gebracht werden sollen - billig soll es sein und zugleich alle Nutznießer besser stellen, den Kranken soll geholfen und zugleich an ihnen gespart werden, das gesamte Wesen soll billiger werden und zugleich die Verdienstmöglichkeiten derer, die daran verdienen, besser! - kommt aber nicht zustande. Eine Vereinseitigung dieser widersprüchlichen Interessen kommt aber allemal heraus, wenn die Ärzte z.B. von ihrem Standpunkt aus kritisieren.
   ― Bei der Beurteilung des Gesundheitswesens kommt evtl. der Vorwurf an eine Regierung, sie hätte einen schlechten Job gemacht, ganz ohne auf die Sache eingehen zu müssen.
Eine solche Kritik beurteilt gar nicht mehr die Gesundheitsreform, sondern die Regierungsarbeit, die mit Etiketten wie „Großer Wurf“ o.ä. versehen wird.
Das erste Moment ist also, auf Urteile über eine Sache zu stoßen, die aber gar nicht den Begriff der Sache, die wirkliche Ursache der Unzufriedenheit benennen.
Wenn schon ein Urteil über die Gründe, weshalb die Leute dauernd mit ihren Ansprüchen ans Leben scheitern, zustande kommen soll, dann kommt es sehr darauf, diese Gründe richtig zu beurteilen und zu benennen. Sonst, wenn es zu den richtigen Gründen des eigenen Scheiterns gar nicht kommt, löst sich die Gleichung - das theoretische Urteil über die Welt ist die theoretische Fassung des praktischen Anspruchs, sie solle einem gemäß sein - auf.
Ausgehend davon, dass eine allgemeine Unzufriedenheit mit allem Möglichem besteht – ob mit dem Wetter, mit Privatem oder Gesellschaftlichem –, ist ein Urteil über die Sache zu treffen. Dabei müssen die Gegenstände unterschieden werden. Beim Wetter das Bedürfnis aufzumachen, es solle einem immer entsprechen, ist Unsinn. Da soll man sich an das halten, was die Naturbeherrschung erbringt. Anders im gesellschaftlichen Bereich, da handelt es sich um gesellschaftliche Gegensätze, um waltende oder beschnittene Interessen. Das Urteil über die Sache ist da auch eines darüber, wie steht mein Interesse im Gegensatz zu anderen. In einem richtigen Urteil über das eigene Interesse ist eine Vergewisserung, dass man mit seinem Interesse richtig liegt, eingeschlossen. Das ist nicht so selbstverständlich. Am Ende ist die falsche Kritik auch eine Parteinahme für falsche Interessen. Wenn man sein eigenes Interesse wie etwas Naturgegebenes behandelt, sobald man auf einen Gegensatz trifft, ist das Befassen mit der Sache auch ein Stück Prüfung der Vernunft des eigenen Interesses, das man der Welt entgegensetzt. Es gibt eine verkehrte Form der Kritik an einem Endpunkt, die heißt: Mein Interesse hat immer recht und jeder Blödsinn hat dem zu entsprechen. Das pure Festhalten an der Berechtigung irgendeines peripheren Interesses, dem die Welt entsprechen soll, ist auch falsche Kritik.
Wer schon auf dem Trip ist, das eigene Interesse in Übereinstimmung mit der Welt zu bringen, der ist in Sachen falscher Kritik bereits ziemlich weit gediehen. Systematisch gesehen ist der Ausgangspunkt allemal ein enttäuschtes, zurückgewiesenes, geschädigtes, praktisches Gefühl: dass der Mensch mit seinem schlichten Interesse – das man ihm überhaupt nicht bestreiten kann und sollte –, dass es ihm gut geht und dass er was vom Leben hat, an Lebensumständen scheitert und es dabei nicht bewenden lassen will. Dann ist der Mensch als Subjekt unterwegs - und zwar als eines mit Wille und Verstand. Als solches scheitert er ja; seine Bedürfnisse sind nicht einfach tierischer Natur, sondern welche, die er als nachdenkliches Subjekt hat. Wenn er in denen geschädigt wird, dann realisiert er ein Verhältnis zur Welt, dessen nächster Akt die Kritik dieser Welt ist.
Da werden Urteile über die Welt gefällt, bei denen kommt es sehr drauf an, wie die ausfallen. Da gab’s jahrhundertelang Urteile, dass die Natur eine einzige Verschwörung der Götter gegen die Menschen ist – eine schöne Interpretation. Wie sehr auch so was darauf berechnet ist, die Welt in den Griff zu bekommen und den eigenen Interessen gemäß zu machen, kann man an all den Religionen studieren, die Handreichungen zur Manipulation der Götter gaben. Da ist die Naturwissenschaft etwas weiter gediehen,
Das andere ist die „gesellschaftliche Natur“, die Lebensumstände, die einem das Leben schwer machen. In dem Maße, wie die Natur bewältigt ist, werden einem die gesellschaftlichen Formen der Bewältigung zum Drangsal. Alles geht dann ums Geldverdienen und daran scheitern alle Bedürfnisse. Dann ist ein Urteil gefragt: Was ist da los, wenn jedes Lebensbedürfnis ewig damit konfrontiert ist. Wenn man dann nur sagt: „Scheiß Geld!“, und dabei an das Quantum denkt, das einem da fehlt, und an den Jack-Pot, der es gebracht hätte, dann bewegt man sich ziemlich peripher zu den Gründen, die einem das Leben schwer machen.
Noch mal zu Bedürfnis und Interesse: z.B. Geldverdienen und Bedürfnis nach Nahrung etc. Geldverdienen ist das Interesse, das hierzulande dazu führt, dass ich mein Bedürfnis befriedigen kann. Da liegt schon der Haken drin. Da ist die Erfahrungstatsache, die jeder mitkriegt: Geld ist das universelle Mittel. Damit ist man konfrontiert, nicht damit, dass das Essen fehlt, sondern das Geld, um gut zu essen. Wenn er sich dran stört, macht der Mensch automatisch den Übergang zu einer Beurteilung der Sachen, die ihn stören und fehlen, hier zur Beurteilung des Geldes.
Der ganze Umkreis der gesellschaftlichen Mittel hat – das will jeder – zur Verfügung zu stehen. Das ist doch selbstverständlich. Das ist nicht einfach Hunger, sondern der entfaltete Umkreis der Bedürfnisse, der den Mitteln entspricht, die diese Gesellschaft durchaus bereitstellt, aber zugleich den Leuten vorenthält. Dazwischen steht das Geld.
Natürlich sind es die Bedarfsgegenstände, die dem Menschen seine Bedürfnisse nahe bringen, wecken, überhaupt erzeugen. Es gibt ja die elaboriertesten Bedürfnisse. Der Materialismus, mit dem die Menschen antreten, ist nicht bloß der waldursprüngliche der Tiergattung Mensch, sondern der kulturell elaborierte, für den diese Gesellschaft einen Haufen Angebote produziert. An denen der Mensch dann Maß nimmt und seine Interessen sortiert. Wie diese Interessensortierung dann praktisch erfolgt, da ist viel Anpassung drin, aber der Ausgangspunkt ist: Der Mensch möchte in seinem Leben auf seine Kosten kommen. Dieses elementare Bedürfnis wird zum Interesse und Anspruch an die Realität und zum Stachel für die Beurteilung der Gründe, weshalb das ewig misslingt oder vertagt wird auf später, bis man nicht mehr in der Lage ist, es zu genießen. Dieser Materialismus ist die Quelle von Kritik. Weshalb es eben sehr darauf ankommt, ob die Kritik stimmt oder nicht.
Man könnte auch als intellektuelle Eskapade eine Probe aufs Exempel machen: Wenn Leute aufgefordert werden: „Seid doch mal kritisch!“, dann möchte man, dass Leute Sachen nicht akzeptieren, die ihnen egal sind oder die sie einfach so in Kauf nehmen oder akzeptieren. Dann hat auch diese Aufforderung ihren Ausgangspunkt in der Unzufriedenheit mit dem, wie andere Leute sich herumtreiben. Man möchte eigentlich was mit denen anfangen, und man scheitert daran, dass denen das egal ist. Die Kritik, die nur heißt: „Seid doch bisschen kritisch!“, hat einen Mangel. Was da vorliegt, wenn Leute sich für die zu begeisternden Gegenstände nicht interessieren, inwieweit das vielleicht an dem Gegenstand liegt und inwieweit das vielleicht Notwendigkeiten in der Verfassung der Leute hat, dass sie sich dafür nicht interessieren - an der Beurteilung dieser Sachlage geht die Aufforderung einfach vorbei. Das ist das Unkritische an der Aufforderung: Seid kritisch. Deswegen ist es meist auch erfolglos. Das Urteil ist eine kritische Zumutung an die Leute, eine Kritik von ihnen, die kein Urteil über die Sache fällt, für die sie sich nicht interessieren, und darüber, ob die das Interesse wert ist. Und es ist auch kein Urteil, das festhält, eigentlich sollten sie sich dafür interessieren, das wäre für sie gut, und dass sie es nicht machen, liegt an ihrem Fehler.
Wenn wir jetzt versuchen zu sagen, was Kritik ist – und schon angedeutet haben: Die meisten Leuten machen da einen Riesenfehler –, dann speist sich das auch in unsern Überlegungen aus dem Interesse, dass Menschen sich mal anders zu ihrer Welt stellen sollten, als sie es tun. Deswegen interessiert uns überhaupt nur die Art und Weise, wie die die Welt kritisieren, weil man laufend damit konfrontiert ist, dass sie nicht das tun, was wir von ihnen möchten. Es wäre jetzt ein Fehler, wenn wir auf diesen Befund mit einem Plakat antworten würden: Leute werdet Marxisten oder kritisiert gefälligst! Selbst das Plakat: Leute kritisiert richtig!, würde die Sache nicht richtiger machen, weil auch das nicht auf den Begriff bringen würde, was Leute machen, die die Kritik, die wir von ihnen wünschen, schuldig bleiben. Das ist der Zirkel und keine richtige Kritik an der Kritiklosigkeit der Menschheit. Das geht nicht, ohne dass man auf den Begriff bringt, was die Leute unter dem Titel Kritik eigentlich treiben. Die Menschen machen aus ihrer Unzufriedenheit Urteile über die Welt und die Gründe, weshalb sie nicht auf ihre Kosten kommen. Aber Urteile über die Sachen, an denen sie scheitern, kommen nicht zustande. (Das war mehr ein Genussmittel für Intellektuelle.) Dass man sich selbstreflexiv klarmacht, was die eigene Überlegung eigentlich beweist  – Leute sollen eigentlich diesen Laden umstürzen -, dazu braucht es ein Urteil über die Gründe, weshalb die laufend was anderes treiben, nämlich ihn gnadenlos aufrecht erhalten. Und da ist einer der Hauptpunkte: Die haben eine Kritik, die alles aufgreift, was an Gründen zur Unzufriedenheit unterwegs ist, und verarbeitet das - aber wie? Offenbar gibt es Alternativen zu einer Kritik, die die Gründe der Unzufriedenheit hart ins Auge fasst und auf den Punkt bringt. Denn eigentlich – um es noch mal zu sagen –, diese allgemeine Berechtigung, sogar Aufforderung zum Kritisieren, die ist für diese Welt eigentlich ein großes Risiko. Wenn die Leute an ihrem Materialismus festhalten und mit ihrem praktischen Urteil über die Welt  – sie passt uns verdammt schlecht –, so viel Ernst machen würden, wie sie theoretisch den Grund dafür wissen, dann wäre auch ihr Wille anders beschaffen. Denn das theoretische Urteil soll ja den Willen hergeben, wie man sich die Welt zurechtmacht. Wenn also jede Unzufriedenheit so zielstrebig in die Aufrechterhaltung der Verhältnisse einmündet, dann ist eine zu untersuchende Abteilung davon, was denn eigentlich aus dieser Unzufriedenheit bei dem allgemein geübten kritischen Urteilswesen wird?
   ― Die Leute schließen als Betroffene von der eigenen Befindlichkeit auf die Sache.
Das ist die prinzipielle Weichenstellung: Ob man wirklich den Übergang macht, die Sache zu beurteilen. Man muss auch mal von dem eigenen Verhältnis ein Stück zurückzutreten und unabhängig davon begutachten, was lost ist, damit man den Grund für die eigene Unzufriedenheit weiß. Es braucht eine Distanz zum eigenen praktischen Verhältnis zur Sache, um sie theoretisch zu beurteilen. Die gang und gäbe praktizierte Alternative besteht darin, die eigene Befindlichkeit bloß an der Sache auszudrücken. Also nicht die zu beurteilen, sondern die eigene negative Betroffenheit zum Attribut der Sache zu machen. Dabei gibt es verschiedene Spielarten. Wie geht das, die eigene Befindlichkeit, Betroffenheit zum Urteil über die Sache machen?
Die Institution, die genau diesen Fehler offiziell praktiziert, ist die Institution der Meinungsumfrage. Die Leute beobachten irgendwie die Politik und man lässt sie die Politiker in Skalen einordnen. Dieses Benoten ist das offensive Verweigern eines jeden Argumentes, das ist als Institution festgeschrieben. Die Gründe, die für oder gegen eine Politik sprechen, darf jeder für sich behalten. In der Meinungsumfrage wird über Politiker eine dermaßen abgeleitete Form des praktischen Gefühls quantifiziert, dass man merkt, was für eine zivilisierte Sache das ist. Die Leute haben hinterher wirklich ein Gefühl, wenn sie Merkel sehen. Man soll beurteilen, wie die über einen verfügt. Man soll sich Rechenschaft ablegen, dass man von der Politik der Dame betroffen ist, geschädigt, vielleicht auch mal in einer Ecke was davon hat, man soll ein Stück Gestaltung seiner Lebensbedingungen durch die Herrschaft dieser Regierung beurteilen. Aber man soll gar nicht dieses Urteil zu Protokoll geben, sondern dies alles herunter dividieren auf ein Quantum von Sympathie oder Antipathie.
In dem alten Artikel sind solche Sachen einerseits eingeordnet unter die Rubrik: Anstelle eines Urteils über die Sache soll der betroffene Mensch seine partikulare Subjektivität geltend machen, dieses ‚Ich finde’. Diese Übung, jede Beurteilung der Sachlage, an der man sich stört, in den Modus des ‚Ich finde’ einzukleiden, das ist die Form des Abstandnehmens von einer Beurteilung der Angelegenheit selbst, von einer Ermittlung der Ursachen. Das ist die Zurücknahme des Urteils, das man über die Sache fällt - was Kritik eigentlich leistet -, das ist sogar unabhängig von dem Inhalt, den das kritische Urteil über die Sache hat, die Zurücknahme in die Subjektivität. Dies jedoch nicht so, dass sich der Mensch mit seinen Bedürfnissen, der Materialist, der auf seine Kosten kommen will, zu Wort meldet. Denn dann würde er ja aus seinem Interesse heraus die Konsequenz einschlagen, die Sache, die ihn stört, zu beurteilen. Wer sich in diesem ‚Ich finde’ zu Wort meldet, ist anders beschaffen. Was ist das für eine Sorte Subjektivität, die sich bei allen Dingen, die ihr zur kritischen Beurteilung gegeben werden, mit einem: „Ich finde, wenn du mich fragst, ich denke eigentlich …“, äußert?
   ― Das ist keine, die ihr Interesse durchsetzen, sondern in dem Hinweis auf die Schädigung des Interesses berücksichtigt werden will.
Dabei gleich pauschal relativiert und zurückgenommen in dem Sinn: ‚Es ist ja bloß mein Ich, das sich meldet’. Da wird nicht der eigene Materialismus festgehalten, sondern Unzufriedenheit wird verwandelt in ein Geltend machen der eigenen Partikularität.
Die andere Seite davon ist, dass diese Besonderheit, die da redet, dann aber auch eine ist, die irgendwie Gehör verdient; das ist das Mindeste, was bei dem ‚Ich finde’ mitgedacht ist. Der Bürger, der zumindest ein Recht drauf hat, seine Meinung mal zu äußern, ist die Elementarform. Die Kehrseite der Bescheidenheit, die damit nicht aufgehoben wird, ist dieses: Aber als dieses partikulare Ich, da bin ich immerhin einer, der nach allen Regeln, die hier gelten, Gehör verdient. Da ist in der Form des Urteils alles, was dann an Inhalt kommt, inwiefern man betroffen ist, enthalten. Es sind alles Ausführungen über die Gesichtspunkte, unter denen dieses partikulare Subjekt doch irgendwas (Anständiges, Ehrenwertes) ist, worauf die Welt, die einem übel mitspielt, eigentlich hören sollte.
Wenn einer sagt: „Ich finde das ist eine Gemeinheit“, ist das ein Widerspruch. Einerseits will er betont haben, dass bloß er findet, auf der anderen Seite will er Gehör für diese beleidigte Partikularität bekommen. Das ist der Gesichtspunkt, unter dem er gar nicht bloß ein Ich ist - da könnte er schweigen -, mit der Bescheidenheit will er Anerkennung für sich erwerben.
Der Grund, warum das nicht einfach bloß dieser Standpunkt des Ich-gelte-nichts ist, ist der, dass das doch eine Form der Kritik ist. Das ist ja gar nicht die Äußerung einer Empfindung. Die Kritik hat die Form: Ich muss mir gar nicht über die Sache als solche ein Urteil bilden, sondern der Hinweis drauf, dass sie mich stört, ist schon genug Begründung für die Kritik. Das ist der Anspruch drauf, andere haben das zu unterschreiben, weil ich das sage. Wenn man ihm sagt: „Das sagst ja bloß du“, sagt er dagegen: „Willst du mich als Persönlichkeit klein machen?“ Das reicht als kritische Stellung zur Sache.
Es sagt ja keiner: „Diese Sache passt mir nicht, das wirft ein schlechtes Licht auf meinen Geschmack. Ich bin blöd, weil mir die Welt nicht passt.“ Darauf kommt vielleicht ein Selbstmordkanditat, aber vorher ist es das Umgedrehte.
Das, was als Inhalt von ‚Ich finde’ kommt, das sind dann ja Urteile über die Sache. Das passt genau zu diesem Ausgangspunkt, dieser Doppeldeutigkeit des ‚bloß Ich’, das etwas ‚findet’. Irgendwie werden dann immer Maßstäbe angelegt, die diese Sache eigentlich erfüllen sollte, aber verletzt. Der Idealismus hält gegen das Faktum, dass die Welt ihn stört und schädigt, einfach fest, dass das eigentlich nicht sein sollte. Also wird aus dem Anspruch, die Welt soll mir gemäß sein oder werden, das Ideal: Eigentlich, wenn die Welt so beschaffen wäre, wie sie es mir und der Menschheit verspricht, wenn sie nur in Ordnung wäre, dann müsste sie mir eigentlich genügen. Aus dem, was eigentlich das praktische Programm ist: Wenn man Kritik an der Welt hat, dann muss man ein objektives Urteil über sie haben, um sie zurecht zu machen, aus dem wird ein antikritisches Ideal: Eigentlich wäre die Welt schon so, wie sie in Wirklichkeit gar nicht ist. Sie verfehlt ihr eigenes Wesen, ihren eigenen Anspruch, eben ihr eigenes Ideal, wenn ich mich an ihr störe. Das ist auch der Keim der Schuldfrage. Schuldfrage heißt immer: Man unterstellt jemandem, an dem man sich stört, als seine eigentliche Aufgabe, mir gerecht zu werden, sonst verfehlt er sie. So wird aus diesem Idealismus notwendigerweise eine Schuldfrage.
   ― Wenn ein Mensch seine Besonderheit so vorführt: „Ich bin schwer betroffen“, dann tritt er als Zeuge dafür auf, dass die Welt nicht so ist, wie sie sollte, und führt als Interesse vor, dass nicht anerkannt ist, was doch anerkannt gehört.
Das kann verschiedene Arten von Idealismen haben: Was bei andern doch anerkannt wird, was doch im Gesetzbuch steht, was (nicht) gerecht ist… Das ist das Gegenteil jeder Ermittlung von Gründen, weshalb die Welt tatsächlich nicht so funktioniert, dass sie einem selber passt. Nach der Seite des Objekts hin ist es die direkte Verabschiedung von jeder Suche nach Gründen, weshalb die Welt so ist. Dann werden an sie lauter Gesichtspunkte herangetragen, die nur die Pflicht bebildern, an der die Welt sich angeblich vergeht, wenn sie mir nicht entspricht. Was man dann als Ideal an die Realität anlegt, das ist immer der objektive Ausdruck dessen, was in dem ‚Ich finde’ schon drin steckt. Nämlich: „Ich, als ehrenwerte Person, bin doch jemand, dem die Welt eigentlich, wenn sie nach ihren eigenen Normen funktionieren würde, zu entsprechen hätte. Meine Ehre, mein berechtigter Anspruch und die eigentlichen Normen, die passen doch wohl zusammen.“
   ― Die Autorität in dem Spruch ‚Ich finde’ kommt daher, dass man sein eigenes Interesse aufgibt zugunsten von dem. dass man sich zum Sprecher von etwas Höherem, was in der Sache selber als ihre Notwendigkeit liegt, macht.
Dieses Aufgeben ist vertrackt. Einerseits ist es eine Heuchelei. Der Mensch gibt ja seinen Materialismus gar nicht wirklich auf, sondern der bleibt der Motor des Kritisierens. Aber im Kritisieren gibt er ihn auf, er verwandelt ihn ja in einen idealen Gesichtspunkt, wo er sich bloß noch jammernd beschwert, dass er nicht realisiert wäre. Es ist ja auch die Preisgabe des Anspruchs: Wenn die Welt so nicht ist, dann mache ich sie mir zurecht. An Stelle dieses Anspruchs tritt dieser Standpunkt, es handle sich hier um eine Pflichtverfehlung der Realität.
Das Sich-Beschweren ist eine Verlaufsform dieses ganz defensiven Idealismus. Defensiv deswegen, weil es zwar ein Riesenanspruch ist, aber einer, der von dem Standpunkt, dann mache ich mir die Welt gemäß und schaue nach den Mitteln, um Gründe für das Schieflaufen aus der Welt zu schaffen, Abstand nimmt.
   ― Wenn einer, der gar nicht selbst davon betroffen ist, über die Steuerpolitik klagt: „Da werden die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer“, kann man ihm antworten: „Was sonst“. Er meint es aber als Argument: „Das ist ungerecht; so darf es auf unserer Welt nicht zugehen.“
Es gibt nichts dagegen zu sagen, wenn man sich daran stört, wie getrennt von einem selbst den Zeitgenossen übel mitgespielt wird. Materialismus ist ja nicht nur: Ich möchte auf meine Kosten kommen, sondern auch, dass man das Elend, das einen selbst nicht betrifft, nicht leiden kann. Wenn man die eigenen Lebensbedingungen reflektiert und sich fragt, was geht da in Ordnung und was nicht, dann kann auch ein reicher Mensch bei der Betrachtung seiner Lebensumstände und der Bedingungen dafür drauf kommen, dass dem ein Verhältnis zugrunde liegt, das massenhaft Leute schädigt, oder dass der eigene Nutzen auf dem Schaden anderer aufgebaut ist. Das kann auch einen gediegenen Materialisten stören.
Wenn einen stört, dass die Steuerpolitik darauf hinwirkt, dass eine Umverteilung von unten nach oben stattfindet, ist das erst mal normal; egal ob er selbst davon betroffen ist. In irgendeiner Weise ist er involviert in diesem gesellschaftlichen Ensemble. Er kann sich auch mal Rechenschaft darüber ablegen, wie sein eigenes Auskommen vermittelt ist über das der anderen. Es ist ja gar nicht so, dass er für sich quasi lebensfähig wäre und insofern ihn das Leben der anderen gar nichts anzugehen bräuchte. Das trifft auf den Millionär am allerwenigsten zu. Heutzutage sind ja alle keine Eremiten, sondern gesellschaftliche Individuen, die schon mit ihrer Bedürfnisnatur Produkte dieser Gesellschaft sind. Wenn man da feststellt, da läuft an vielen Stellen ein Riesenscheiß ab, da passiert lauter Zeug, das andere schädigt, dann befindet man sich auch nicht mehr so ganz wohl. Wenn einer so was kritisiert, dann hat er wenigstens mal den Ausgangspunkt für Kritik erwischt, nämlich Unzufriedenheit artikuliert.
   ― Wenn jemand sagt: „Das Steuersystem ist ungerecht“, muss es ein ‚Ich finde’-Satz sein, weil man in der Art, über den Gegenstand zu reden, sich vom Interesse verabschiedet zugunsten der Berufung auf Maßstäbe, denen die Gegenstände zu gehorchen hätten.
Wie vorher schon gesagt: Man kann Kritik an der Welt auch vom Standpunkt der geschädigten Interessen nehmen, die einem recht sind; das muss nicht gleich immer das eigene, sondern kann auch das der anderen sein. Aber in dem Urteil ist das eigene Interesse eingeflossen in den Standpunkt: In der Welt hat es gerecht zuzugehen. Der unterscheidet nicht zwischen sich und anderen; der sagt, dass er nicht zum Zuge kommt, und hat als Beweis dafür, dass die Welt ungerecht ist. Außerdem: Wenn einer mit dem Steuerzahlerstandpunkt kommt, denkt er immer auf diese Art an sich: Er urteilt da als Staatsbürger, wenn er als moralisierender Steuerzahler sagt, es ginge ungerecht auf der Welt zu. Es kommt ja die ganze Zeit die Verwandlung der Interessen in solche Standpunkte vor.
Noch mal zusammengefasst: Ausgangspunkt jeder Kritik ist das praktische Gefühl, die Unzufriedenheit, eine praktische Stellung zur Welt, sie sollte einem gemäß sein, die Feststellung, sie ist nicht so, sondern voller Schädigungen und störender Elemente. Weil das denkende Wesen dieses praktische Gefühl hat und darin ein implizites Urteil über die Welt fällt, ist der Fortgang fällig - und den macht auch auf seine Art jeder -, nämlich zur Erkundigung überzugehen, warum das so ist. Es folgt die Beurteilung der Sache, bei der dann ziemlich viel schief gehen kann, denn entweder beurteilt man wirklich die Sache selbst oder aber man drückt nur seine Befindlichkeit an der Sache aus und hält das für das Geheimnis des eigenen Elends – letzteres ist die große Falle. Dieser Zusammenhang noch mal anders ausgedrückt: Einer, der ein kritisches Urteil über Sachen auf der Welt fällt, der irgendwelche Sachverhalte der gesellschaftlichen Welt auf den Begriff bringt, Ursachen ermittelt, warum der Laden so läuft wie er eben läuft, der macht in solchen theoretischen Urteilen auf theoretische Weise den praktischen Anspruch geltend, dass die Welt ihm gemäß sein solle. Wer sich also darum bemüht herauszubekommen, welche Ursachen, Wirkungs- oder Bedingungsverhältnisse den Gang der Dinge bestimmen, macht das nicht, um sich dann zufrieden zurück zu lehnen, sondern er macht in diesem theoretischen Bemühen einen praktischer Anspruch geltend, und zwar der auf Beherrschung der Welt.
Darin unterscheidet sich im übrigen naturwissenschaftliches Bemühen von marxistischer Kritik – also Kritik am gesellschaftlichen Gang der Dinge - überhaupt nicht. Man kann ja die Naturwissenschaften als Kritik an der Natur einordnen, eine Kritik, die ihr auf die Schliche kommen will, um sie so einzurichten, dass sie für das eigene Interesse besser funktioniert oder Ursache-Wirkungsketten hergibt, mit denen man besser zurecht kommt. Kritik hätte hier allenfalls die griechische Ursprungsbedeutung von ‚unterscheiden’, auf den Begriff bringen, um die Sache besser zu beherrschen. Genau das, was das Prinzip von Naturwissenschaft ist und was das Instrumentarium ist, um sich die Welt gemäß zu machen, ist auch das Prinzip von richtiger Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Das ist nur die theoretische Fassung des Anspruchs, die gesellschaftliche Welt solle dem eigenen Materialismus gemäß sein.
Falsche Kritik, die sich gar nicht um den Begriff der gesellschaftlichen Verhältnisse bemüht, sondern nur das eigene Leiden an ihnen der Welt zur Last legen möchte, ist eben eine widersprüchliche Art, dem eigenen Materialismus nachzukommen - widersprüchlich deshalb, weil sie der Form nach immer noch auf eine Korrektur der Welt im eigenen Interesse hinaus will, sich aber nicht um die Bedingungen einer Korrektur kümmert, sondern um etwas anderes. Das ist der Fehler von Kritik mal vorwärts, mal rückwärts ausgedrückt. Man kann es sich vom praktischen Interesse her klar machen, das in falsche Urteile einmündet. Umgedreht: Die falschen Urteile sind ein Index eines in sich widersprüchlichen Interesses, nämlich eines Korrekturbedürfnisses, das sich selber gar nicht ernst nimmt, indem es sich in eine bloße Beschwerde übersetzt. Wie das dann aussieht, weiß man ja, deshalb nur ein kurzer Hinweis auf ein paar Sachen, an die man sich beim Reden und vor allem beim Schreiben immer mal wieder erinnern sollte. Das Heikle ist, es kann auch durchgeführte Kritik an gesellschaftlichen Gegenständen in einen Begriff der Sache münden. Z.B. kann man aus einer Kritik der Außenpolitik einen Begriff der Verhältnisse auf dem Globus machen; er zusammenhängende Begriff dafür ist dann Imperialismus. Jetzt hat man ein schönes lateinisches Fremdwort für den Begriff und fasst darin einen ganzen Artikel oder eine ganze Theorie zusammen. Wenn man meint, Kritik sei schon fertig, wenn man sagt, das, was die USA treiben oder die Deutschen in Afghanistan, sei der reine Imperialismus, dann hat man etwas sehr Doppeldeutiges in die Welt gesetzt, nämlich einen Begriff, dem die Theorie, die er zusammenfasst, nicht so unbedingt anzusehen ist, der im Gegenteil leicht den Makel an sich hat, dass andere Leute den Begriff auch gerne benützen, aber etwas ganz anderes damit meinen, nämlich, dass die Welt nicht so harmlos und menschenfreundlich ist, wie von unserem letzten Außenminister versprochen – dann ist Imperialismus nur ein Schimpfwort, geschöpft aus einem Ideal über den Gang der internationalen Dinge. Mit einem Wort ist eben nicht allzu viel ausgedrückt. Das sind so die Gemeinheiten dessen, dass die Welt nicht unkritisch ist, sondern falsch kritisiert. Dies bringt noch den Nachteil mit sich, dass die ganze politische Sprache voller kritischer Vokabeln ist, die gar nicht aus der Nomenklatur richtiger Kritik folgen, sondern eben diesen idealistischen Standpunkt des Messens an idealen Maßstäben, wie die Welt eigentlich zu sein habe, zusammenfassen. Daran merkt man, dass eine der Konsequenzen falscher Kritik ist, dass durch sie die Sprache verhunzt wird. Man muss immer darauf gefasst sein, dass die Leute bei Kapitalismus ‚Turbo’ denken und bei Ausbeutung ‚Kinderarbeit’.
Das Paradebeispiel dafür ist der dauernde Faschismus-Vergleich, dass also die Leute meinen, sie hätten die Verhältnisse damit kritisiert, zur Demokratie zu sagen: „Da reißt aber Faschismus ein“. Dabei ist das eine Verurteilung vom schlichten Maßstab ‚böse’ aus, der ausgemalt wird als: Un-Herrschaft, falscher Führer, Krieg verloren, darf nicht mehr sein.
Bei der Kritik, wie sie tatsächlich hierzulande geübt wird - als Konsequenz aus Unzufriedenheit ein Urteil über die Sache fällen –, wird das Kritisieren zu einer Frage der idealen Maßstäbe, die man an die Sache anlegt, also gar nicht mehr zu einer des geschädigten Interesses, wo man die Gründe der Schädigung ermittelt, sondern der Konfrontation des Gegenstandes auf Basis dessen, dass man diese schädliche Konfrontation mit dem eigenen Interesse gemerkt hat. Es passiert also nur die Erhebung des eigenen geschädigten Interesses auf seine Camouflage – der Verkleidung und Verfälschung des eigenen geschädigten Interesses zu einem verletzten Maßstab, der doch zu beherzigen wäre. Wenn man sagt: „Ich komme hier nicht auf meine Kosten, das ist ungerecht“, wird das eigene Interesse aufgehoben in der Kategorie: Gerecht müsste es hierzulande zugehen. Auf diese verlogene Weise macht man dann sein Interesse geltend, und das enthält ein ‚nur noch’ ebenso wie ein ‚Jetzt hat es ein Argument für sich, weil es nicht nur mein Interesse ist, sondern die Gerechtigkeit dahinter steht’.
  ― Und gleichzeitig enthält das den Übergang zur Identität von dem, was man selbst als idealen Maßstab hochhält, mit der Welt, die vom Ausgangspunkt her kritisiert wurde.
Genau, weil es sich bei diesen Maßstäben immer um in dieser Gesellschaft anerkannte handelt, die schon eine Geltung haben, Maßstäbe der hier herrschenden Ordnung sind – gerade das soll ja der eigenen Beschwerde Wucht verleihen. Und so wird die ideale Fassung der kritisierten Welt zum Kronzeugen, eigentlich zum Inhalt der eigenen Kritik an ihr; aus Kritik wird so heuchlerische Affirmation der kritisierten Welt im Namen ihrer eigenen Idealisierung.
  ― Dies theoretisch falsche Urteil ist in Bezug auf das Interesse, das sich da zu Wort meldet, die Absage, es praktisch werden lassen zu wollen.
Und gleichzeitig ist es die Ansage, es unterordnen zu wollen unter die Verhältnisse, die man – vermittels dieses falschen Urteils – nur als ihr eigenes Ideal, das laufend verletzt wird, zur Kenntnis nehmen möchte.
Das praktische Abstand nehmen von den eigenen Interessen ist die eine Seite, andererseits werden sie auf diese Weise verfolgt, nämlich indem sich auf diesen Maßstab, nach dem sich die Welt doch zu richten hätte, immerzu berufen wird.
Mit Heuchelei hat das Ganze durchaus zu tun, denn die Ahnung, dass man eigentlich das eigene geschädigte Interesse meint, beschleicht noch jeden, der diese Ideale beschwört, aber man bekennt sich eben nicht zum eigenen Interesse, sondern möchte es immer als allgemeines Anliegen respektiert haben. Dass die Heuchelei zur Gewohnheit wird, also Momente von ‚Man glaubt selbst dran’ enthält, nimmt nichts weg von dieser Leistung des Camouflierens, des Hochstilisierens der eigenen Sache zu einer der Gerechtigkeit. Der Ausgangspunkt ist und bleibt das materielle Interesse. Heuchelei hier ist gemeint als Charakteristik dieser widersprüchlichen Art, das eigene Interesse so geltend zu machen, dass man es unter einem idealistischen Pseudonym vertritt. Heuchelei im normalen Sprachgebrauch ist ein moralisches Etikett, dass jemand etwas vorspiegelt, weshalb es in der Agitation ungeschickt wäre, darauf hinzuweisen, dass einer heuchelt. Wenn z.B. einer sagt, er halte 6% mehr Lohn für gerecht, ist es korrekt, zu fragen, wozu die Begründung ’gerecht’ taugen soll, wo er doch schlicht und einfach mehr Lohn braucht.
In älteren Zeiten wurde das Volk mit Brot und Spielen oder mit Gewalt still gehalten und Kritik war kaum erlaubt – da haben zwar auch Leute aus ihrer Unzufriedenheit Urteile über die Welt gemacht, diese durften sich aber nicht sonderlich zu Wort melden. Das zu institutionalisieren, einen Raum zu schaffen, wo Unzufriedenheit sich artikulieren darf und soll, auch mit der Einrichtung oppositioneller Parteien, die selber an den herrschenden Verhältnissen herum kritisieren und denen man sich anschließen darf, ist - vom Ausgangspunkt her betrachtet – für diese Gesellschaft schon ein Risiko, weil es die Lizenz ist, alle herrschenden Verhältnisse am eigenen Materialismus zu messen. Deswegen ist diese Lizenz auch – historisch eingeordnet – in dem Maße erteilt worden, wie die Kritik diese Wendung ins Falsche, die heute besprochen wurde, nicht nur gemacht hat, sondern zu einer allgemeinen Selbstverständlichkeit, zu Sitte geworden ist, sodass sich heute unter Kritik kaum jemand noch etwas anderes vorstellen kann als die Ideale der Verhältnisse, wie sie sind, gegen ihre Verwirklichung zu halten. Wie viel Risiko da drinsteckt, merkt man an den Demokratisierungsbemühungen der Amerikaner in Arabien und an manchen Ländern des Ostblocks, wenn sie demokratisiert werden. Da trifft nämlich die Freigabe von Kritik unter Umständen auf Völker, die das noch ganz anders ernst nehmen, die meinen, dass sie wirklich mal mit dem, was sie sich an falschem oder richtigem Zeug gedacht haben, der Regierung was heimzahlen dürften. Wo also der Übergang ins konstruktive Meinen noch nicht so zur Selbstverständlichkeit geworden ist, bringt die Lizenz zur Kritik und ihre parteiliche Organisation die Herrschaftsverhältnisse unter Umständen ziemlich durcheinander. Das wirft noch mal ein Licht darauf, wie viel Gewohnheit falscher Kritik zu ihrer Freigabe dazugehört.
Dieser Idealismus des Kritisierens ist zwar einerseits in die Gewohnheit des konstruktiven Nörgelns eingemündet, unterliegt aber von Staats wegen einer sorgfältigen Unterscheidung zwischen dem, was diesen Tatbestand des konstruktiven Meinens erfüllt oder auch des destruktiven Meinens, das aber beim Meinen bleibt, und dem anderen, wo Leute anfangen – oder noch nicht davon abgegangen sind –, auf der Verwirklichung ihrer Ideale praktisch bestehen zu wollen. Dann konstatiert auch der so liberale demokratische Staat eine Grenzüberschreitung der freien Kritik – da kann die Kritik noch so konstruktiv sein, aber sobald Leute oder eine Partei auf der Verwirklichung ihres Ideals bestehen und sich unter Umständen in Opposition setzen zu der Praxis, wie hierzulande regiert wird, da notiert die Demokratie den Übergang vom freien Meinen zur verfassungswidrigen Tat und zieht eine Grenze, die unter Umständen schon dort anfängt, wo eine verkehrte Meinung anfängt, auf den Willen der Leute zu wirken. Beispiel: die Rechten hier sagen wirklich nichts anderes als Schäuble in Sachen ‚Ausländer raus’ und ‚Arbeitsplätze nur für Deutsche’ – was also macht sie verfassungswidrig? Einfach der Übergang, dass sie auf dem Standpunkt stehen, dass sich unsere jetzige Regierung an dem idealen Versprechen, Deutschland verschafft seinen angestammten Rasse-Bürgern einen Arbeitsplatz und schmeißt dafür alle anderen raus, vergeht und wenn die Verfassung so beschaffen ist, dass die Regierung das kann, dann läuft diese Verfassung falsch und es gehört sich für deren Abschaffung agitiert. An der Stelle konstatiert der Staat, dass der Übergang gemacht wird von einer kritischen Meinung zur verfassungswidrigen Tat. Den Umschlag der Antikritik in Zersetzung, also dass dieses antikritische Idealisieren der Verhältnisse dann doch wieder einen störenden Keil in diese treiben könnte, verliert die Demokratie nie aus dem Auge und definiert das als verbotenen Übergang vom freien Meinen zur verfassungswidrigen Tat, die schon bei einer abweichenden Meinung anfangen kann. Dass die Demokratie für das Herumkritisieren mal eine Grenze zieht, ist kein Einwand gegen die Feststellung, dass die freie Kritik eine Produktivkraft für diese Verhältnisse ist.
Vor dem, dass der Staat zu Verboten schreitet, gibt es komplementär zur Freiheit des Kritisierens ein mindestens genauso großes Feld, das auch unter Kritik läuft und die Auseinandersetzung mit dieser falschen Sorte des Kritisierens zum Inhalt hat. Denn alles, was wir pauschal als Kritik beredet haben, kriegt von oben oder von Sachwaltern der Öffentlichkeit, von anderen kritischen Geistern Bescheid erteilt, inwieweit die idealisierende Kritik der Verhältnisse richtig liegt und inwieweit falsch. Genauso wie es eine Logik des falschen Kritisierens gibt, gibt es die dazu komplementäre Logik der Zurückweisung dieser Sorte Kritik: den idealisierten Interessen werden die Grenzen ihrer Berechtigung vorbuchstabiert und der Haupteinwand ist, dass eine idealisierende Kritik unrealistisch ist. Die Grenzen ihrer Berechtigung liegen einfach in der Realität, die sie idealisiert, weil die erst mal so ist, und an der Realität haben die Versuche ihrer Verbesserung im Sinne ihrer Ideale Maß zu nehmen. Dieser Realismus entfaltet sich dann in den Abteilungen: Ist das finanzierbar? Steht überhaupt eine respektable Mehrheit dahinter? Passt das überhaupt zu unseren Normen und Werten?
Wenn einer kritisch daher kommt, wird seinem Anspruch, in dieser Welt soll Gerechtigkeit und Freiheit herrschen, erst mal Recht gegeben. Dann wird gesagt: „Wir tun ja auch alles dafür“, es folgt kommt der Hinweis auf die Realität. Mit dem Recht-Geben wird zugleich der Umkreis des berechtigten Interesses definiert – also von wegen, die Leute werden gleich mundtot gemacht.
  ― Es gibt eine Ausnahme, die Linkspartei. Denen wird unterstellt, dass sie ihr Ideal realisieren wollen.
Der Haupteinwand gegen die Linkspartei ist, dass sie regierungsunfähig seien, was, auf eine Partei gemünzt, die Fassung von ‚unrealistisch’ ist. Oder ganz banal: Wer soll das bezahlen? Das ist auch eine Fassung von: geht nicht. Der Kommentar zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern war, die Linkspartei hat es als Regierungspartei offenbar nicht geschafft, den Protest zu absorbieren, wofür sie eigentlich da ist, und nun ist er zu den Rechtsradikalen gewandert. Also als Grabmal für idealistische Kritik wäre die Partei gerade recht. Das ist auch eine Art zu sagen, wie man sie einordnet, und damit ist der mangelnde Realismus ihrer Programmpunkte auch schon gleich abgehakt. Man sieht jedenfalls, dass der Umgang mit falscher Kritik ein genauso vielfältiges Gebiet ist wie die falsche Kritik selber.