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Deutschlands Teilnahme
bei
UN-Mission im Libanon, Die Grass-Affäre
— Es besteht
noch
Klärungsbedürfnis über die europäische
Nah-Ost-Intervention. Die Deutschen
erklären sich bereit mit einer Flotte an der Grenze zu Syrien zu
einer
Schutzmacht israelischer Interessen aufzutreten. Sie machen das nicht
wegen
einer Parteinahme für Israel, sondern um sich dort in die
Interessen Israels
als Macht eingemischt zu haben. Israel tritt mit dem Anspruch auf,
seine
Interessen aus eigener Machtvollkommenheit zu vertreten und sich mit
Ausnahme
der USA von Niemandem beschränken zu lassen, was sie auch noch von
der
Staatenwelt per UNO beglaubigt haben will. Israel ist dann mit dem
Widerspruch
konfrontiert, dass Deutschland seine Interessen wahrnimmt,
indem es an
der Regionalmachtposition Israels partizipiert und sich in die
Definition von
Krieg und Frieden in dieser Region einbringt. Dies sollte Israel bei
seinem
Umgang mit den arabischen Staaten berücksichtigen, und das in
einer Situation,
in der Israel und die USA dort die Machtfrage stellen.
Das deutsche
Interesse und das israelische muss man auseinander halten. Es ist eine
Sache
welches Interesse Deutschland hat, sich in dieser Weise dort
einzumischen. Im
vorherigen Beitrag wurde verschränkt, wie sich die Parteilichkeit für
Israel zum Teilhaben an Israel verhält. Eine andere Sache
ist das
israelische Interesse an der UNO-Mission, die im Libanon für
Ordnung sorgt,
auch Syrien bis zu einem gewissen Grad unter Kontrolle nimmt und von
den
Europäern wahrgenommen wird. Sie tragen ja diese Resolution mit
und haben
Prämissen dafür gesetzt, wie die Mission auszusehen hat.
— Sie sagen,
die Sicherung der
Grenze Syriens gegen Waffenlieferungen ist ihr Recht und die Pflicht
der
Staatengemeinschaft. Von dem Standpunkt aus begrüßt Israel
deutsche Schiffe
dort.
Was sagt das über
das israelische Interesse? Einerseits nehmen sie von dem Standpunkt,
für ihre
Sicherheit selbst zu sorgen, nicht Abstand. Das ist aber nicht der
Standpunkt ,
von dem aus sie diese UN-Mission beantragen, tolerieren und ihre
Forderungen
daran stellen, denn damit nehmen sie den Rest der Staatenwelt für
ihre
Sicherheit in Anspruch. Das hat immer die zwei Seiten, dass dies eine
Forderung
an jene, aber auch ein Abrücken von Standpunkt der
Eigenmächtigkeit ist. Da
merkt man, dass das israelische Interesse von einem gewissen Drangsal
bestimmt
ist. Sie wollen, dass der Rest der Welt das mitträgt. Sie wollen
dann doch
nicht bloß alleine für ihre Sicherheit zuständig sein,
sondern den Rest der
Welt als Garanten dafür, wie sie ihre Sicherheit definieren, mit
einbeziehen.
Das ist der Widerspruch oder die Doppelgleisigkeit der israelischen
Politik.
Sie haben mit ihren
Kriegen eine Grundlage geschaffen, von der aus sie jetzt die anderen
per
UNO-Resolution auf den darin schon weitgehend zur Geltung gebrachten
Zweck
festlegen können. Dann kann sich Israel auch leisten, seinen
Sicherheitsbedarf
per UNO-Resolution zum Anspruch an alle anderen zu machen. Dem geht ein
ganzer
Krieg voraus, mit dem sie Fakten geschaffen haben, eine Lage in die
Welt
gesetzt, amerikanische Unterstützung gekriegt haben. Sie haben
sogar noch
während der Debatte um die UNO-Resolution klargestellt, wie sie
ihren Sicherheitsbedarf
meinen. Mit ihrem Bombardement bis nach Beirut beanspruchen sie, dass
ihre Sichtweise
gilt, sich mit quasi allem in einem Krieg zu befinden, und dies jetzt
den
Gehalt einer UNO-Resolution abgeben soll. Das ist eine Mission zu den
Bedingungen des israelischen Krieges und Kriegsziels und schließt
so etwas wie
eine allgemein UNO-rechtliche Anerkennung dieses Krieges mit ein.
Dessen
Intention soll die UNO sich zu ihrer Sache machen – und das macht sie
sich mit
der Resolution auch. Das ist von Seiten Israels der Erfolg.
— So wie
Israel den Auftrag an die UNO gestellt hat ist das doch als Fortsetzung
des
Krieges, ein Stück Ausschalten der Hisbollah gedacht.
Es ist eine
Rückversicherung an dieser Grenze und die Israelis sind in keiner
Weise
gebunden, wenn sie demnächst eine Affäre mit Syrien oder dem
Iran zu regeln
haben. Die UNO-Mission ist kein Hindernis für jede beliebige
Austragung des
Streits mit dem Iran oder mit Syrien als Stellvertreter des Iran. Von
daher hat
es für Israel die Bequemlichkeit, diese Front im Norden in
gewisser Weise los
zu sein. Dass sie da selber keine Front mehr zu eröffnen haben,
das ist die Verantwortung
der UNO und ihrer Schutztruppe. Das bindet Israel aber nicht in Bezug
auf all
die andern Fronten, die es noch nebenher hat und durchaus auch
betreibt, auch
nicht in ihrer inneren Front gegen die Palästinenser im
Gaza-Streifen und auf
der Westbank.
— Das
schließt ja auch nicht aus, dass Israel die Nordfront nach wie
vor beobachtet
und sagt, so wie die UNO-Truppen die Entwaffnung der Hisbollah
durchführen, das
entspricht nicht dem, was vereinbart worden ist, und dann können
sie sich auf
das höhere Recht berufen.
Sie können sich darauf berufen, die Frage ist aber, was
das dann heißt. Sie bestellen sich ja keine Schutztruppe aus
Europäern, um mit
denen so zu verfahren, wie sie neulich mit der Unifil verfahren sind.
Diese zu
bombardieren, werden sie sich mehrfach überlegen. Aber das ist gar
nicht das
Programm. Man sollte nicht die Schiene, was wäre wenn … (die
israelischen mit
den deutschen Machtkompetenzen zusammenstoßen) verfolgen, weil
jetzt dort etwas
Neues geschaffen ist, und zwar eine UNO-Truppe mit beliebig ‚robustem’
Mandat,
also eine Kampftruppe, die das erledigt, was mit dem Krieg Israels dort
gefordert und erst mal durchgesetzt wurde, nämlich die
Pazifizierung der
Hisbollah. Jetzt zu räsonieren, was wäre, wenn das nicht zu
Israels
Zufriedenheit erledigt wird, ist witzlos, weil das ja der Auftrag ist,
den die
UNO sich und ihrer Truppe erteilt. Der ist, dafür zu sorgen, dass
vom Libanon
aus nichts Gefährliches mehr nach Israel geht, diese Front also
erledigt ist, und
das ist natürlich eine neue Freiheit für Israel, sich dann
seinen anderen
Gegnern zuzuwenden.
— Wenn
sie diese Aufgabe den Europäern abtreten und nicht mehr
souverän selbst
durchführen, ist damit einkalkuliert, dass auch die anderen ihre
Kalkulationen
damit anstellen. Es ist ein Drangsal, dass sie darauf
zurückgreifen, weil sie
nicht diese Wuchtbrumme sind, um das alleine zu vollenden.
Es ist das Verhältnis zu einer Schutzmacht. Sie rufen die
UNO als solche an, nachdem sie den Standpunkt, selbst für ihre
Sicherheit
verantwortlich zu sein, abgerückt sind. Ob die Israelis diesen
Schluss aus dem
Kriegsverlauf gezogen haben, ob sie es als Erfolg oder Konzession
verbuchen,
kann man den Israelis selbst überlassen.
Natürlich sind das
dann Ermessensfragen der israelischen Politik, in welchem
Verhältnis sie Aufwand
und Ertrag sieht. Der Aufwand ist, entweder selbst noch ewig weiter
Krieg zu
führen bis die Hisbollah wirklich vernichtet ist, und sich vom
Militär sagen zu
lassen, so eine Truppe auszumerzen, ginge nicht so einfach –, oder bei
der UNO,
gedrängt durch die USA, eine richtige Truppe als Garantiemacht
für die
Pazifizierung der Hisbollah im Südlibanon zu bestellen. Bei der
Rechnung haben
sie den Schluss gezogen: ‚Das können wir brauchen’. Das ist das
Interesse
Israels, diese Front auf die Art unter Kontrolle zu bringen. Unter dem
Gesichtpunkt haben sie sich die UNO- Resolution einerseits bestellt,
sich ihr
andererseits gefügt und drittens darauf bestanden, dass da ein
robustes Mandat
dahinter steht, also eine Kriegsmacht dafür sorgt.
Das Ganze noch
einmal in einer anderen Reihenfolge und vielleicht etwas einfacher
gesagt. Man
merkt, der ganze Krieg Israels war auch eine Auseinandersetzung um und
mit dem
Einfluss Europas in der Region. Alles, was Israel in Bezug auf die
Palästinenser und die Hisbollah, im Gaza-Streifen wie im Libanon
macht, ist
zugleich ein Stück Zerstörung des laufenden Bemühens
Europas um Einfluss in der
Region. Bei der Rolle, die Europa in Bezug auf die Ausstattung der
Palästinenser eingenommen hat, haben sie selber erzählt,
jedes Mal, wenn Israel
was bombardiert, wäre wieder ein paar europäische Millionen
in die Luft
gegangen. Also ist es für Europa selbstverständlich, dass
dieser Krieg erstens
über Einfluss im Nahen Osten entscheidet, und dass man ohne eine
Übernahme von
Ordnungsfunktionen (was Israel auch demonstriert hat) den Einfluss
nicht
sichert, den man dort will und braucht, dass es also nur in Bezug auf
den Krieg
und mit militärischem Engagement geht. Also sind sie darauf aus,
sich über die
UNO-Resolution usw. in diesen Krieg selber als Ordnungsgröße
mit einzuklinken.
Das ist deren Kampf um Einfluss im Nahen Osten. Sie merken, dass in
Bezug auf
Israel und den Nahen Osten wieder mal ohne Beteiligung und Einmischen
in diesen
Krieg europäischer Einfluss nicht zu gewinnen ist. Dann steht die
Entscheidung
an, sich den Bedarf Israels zu eigen zu machen, daran mitzudefinieren.
Über den
Libanon und dessen Einwendungen und Vorbehalte kann man sich in
gewissem Sinn
leicht hinwegsetzen, die Ansprüche Israels übernimmt man,
macht sie sich
zueigen, um sie eben so hinzuinterpretieren, dass sie zum eigenen
Auftrag
werden.
— Damit
ist auch klar geworden, dass man nicht im Nahen Osten Einfluss gewinnen
kann,
indem man irgendwelche Feinde Israels unterstützt, wenn auch nur
finanziell. Es
waren ja die Investitionen der Europäer, die den Autonomiegebieten
den Schein
eines irgendwie funktionierenden Gemeinwesens verliehen hatten und die
zusammengeschlagen wurden. Wenn überhaupt geht Einfluss nur, indem
man sich mit
quasi kriegerischen Mitteln am Kriegszweck Israels beteiligt, das haben
die am
Libanonfeldzug und davor klargestellt. Über die europäische
Scheinneutralität
Einfluss zu gewinnen, eine Vermittlerposition zwischen
Palästinensern und
Israel einzunehmen, anzuerkennen, dass die oder auch die Nachbarstaaten
unter
bestimmten Bedingungen Rechte haben –, haben sich die Israelis verbeten.
Das heißt aber
nicht, dass die Europäer das nicht trotzdem machen. Das merkt man
gerade daran,
wie sie sich jetzt zur Einheitsregierung der Palästinenser (Hamas
mit
Fraktionen der PLO) stellen. Die wollen sie unterstützen, da
vertreten sie
nicht den israelischen (und amerikanischen) Standpunkt. Ein Unterordnen
unter
den Standpunkt Israels gibt es so nicht, sondern sie suchen immer Wege,
auf
Israel in ihrem Sinne Einfluss zu nehmen.
Der Außenminister
sagt, hier sind deutsche Interessen vor unserer Haustür betroffen,
die man
verteidigen muss. Ohne dass man sich dort selber in diesen Krieg als
Ordnungsmacht mit reinstellt, gewinnt man keinen entscheidenden
Einfluss auf
diese, für den ganzen Nahen Osten entscheidende Affäre. Sich
dort ordnungsmäßig
aufzustellen unterstellt und erfordert ein Arrangement mit Israel und
dessen
Bedürfnissen. Das ist der Übergang zur Parteilichkeit, sich
den israelischen
Bedarf einerseits zueigen zu machen, um dann mit diesem Auftrag dort
ordnungsmäßig
präsent zu sein. Der Beschluss lautet, sich zu den
Palästinensern oder zur
Hisbollah zu stellen nützt gar nichts, wenn man nicht als
Ordnungsmacht vor Ort
ist.
— Das
Problem ist die imperialistische Großwetterlage , die die
Europäer zu der
Kalkulation genötigt hat, Gewalt einzusetzen. Das ist das Neue
hier. Die Gewalt
wird oft defensiv wahrgenommen, das wäre ‚bloß’, um Einfluss
dort unten zu
erreichen. Da wird der Charakter der imperialistischen Beschlusslage
der
Europäer nicht richtig getroffen. Das ist ein Beschluss, der mit
Macht und
Gewaltmitteln durchgesetzt wird. Das ist etwas anderes als auf
diplomatischem
Weg allein – das ist eine neue Linie. Das ist auch die Eintrittskarte
zu einer
Lage, in der man etwas von seinen Vorstellungen diplomatisch einbringen
kann,
weil man dann Mittel an der Hand hat, die man zur Verfügung
stellt, und somit
das Recht, etwas zu definieren.
Wenn man den
deutsch-europäischen Standpunkt getrennt betrachtet, dann ist als
Ausgangspunkt
nach diesem oder durch den Krieg der Israelis festzuhalten, dass das
nicht bloß
das physische Zerstören europäischer Geschenke war, sondern
die drastische
Ausmischung aller europäischen Vermittlungsversuche aus den
Fronten, die Israel
eröffnet, bedeutet. Auf der Grundlage findet natürlich ein
Ringen der Europäer
um möglichst bestimmendes Mitmischen statt. Am Libanon ist das Hin
und Her
zwischen dem europäischen Interesse, sich wieder als bewaffnete
Ordnungsmacht
einzuklinken, zu beobachten, und dies nicht einfach als Hilfstruppe der
Israelis zu machen. Unter diesem Gesichtspunkt nehmen die Franzosen
inzwischen
den Standpunkt ein, dafür reicht eine symbolische Aktion von 150
Politessen.
Unter dem Gesichtspunkt, sich dort so etwas wie eine
schiedsrichterliche
Position zu erobern, sind 2000 schwer bewaffnete Fremdenlegionäre
kaum genug.
Jetzt wird probiert, wozu es die Europäer dort bringen. Die
Intervention im
Libanon ist ein erster Schritt. Die nächsten Schritte, die folgen,
sind jetzt
überhaupt kein militärisches Eingreifen im Gaza-Streifen –
das wäre mal was,
sich da als Schutzmacht der Palästinenser zu betätigen, da
hätten sie genug zu
tun. Dort den Israelis standhalten, das würde ihnen sofort den
Respekt als
Schutzmacht der palästinensischen Sache verschaffen, dazu sind sie
zu feige und
es ist ja auch gar nicht ihr Anliegen. Die Anerkennung Israels als
regionale
Ordnungsmacht ist und bleibt schon die Prämisse der
europäischen Intervention,
aber dass sie an der gleichzeitig immer rumzerren und sich selber zum
hoheitlichen Schiedsrichter über diese Affäre aufbauen
wollen, das ist
offensichtlich. Auf der anderen Seite tun sie das aber mit
äußerst spärlichen
Mitteln – im Vergleich zu den Amis und Israelis. Mit wem soll man da
Mitleid
haben?
Es reicht doch,
diese widerstreitenden Gesichtspunkte zu sagen. Die Deutschen haben mit
ihrer
eigentümlichen Mission beschlossen, sich vor der Küste
aufzustellen, wo sie am
meisten souverän und am wenigsten behelligt sind von der Sorge,
nicht bloß zum
Lakaien Israels zu werden. Sie erfüllen vielleicht einen Auftrag
Israels, aber
vor allem demonstrieren sie dort ihre eigene Ordnungskompetenz, ohne
sich
gleichzeitig mit den Israelis anzulegen. Die Deutschen liefern ihnen ja
nicht
zwei U-Boote, um sie demnächst abschießen zu müssen.
Übertreibungen
helfen da nicht weiter. Klar ist die Mission des sich Einmischens mit
militärischen Mitteln, aber Krieg in dem Sinne ist es nicht, mit
Schiffen auf-
und abzufahren und ab und zu einen Kapitän zu verhaften. Dagegen
haben die
Israelis vor vier Wochen gezeigt, wie Krieg geht, innerhalb von drei
Nächten
halb Beirut in Schutt und Asche gelegt. So geht Krieg, das andere ist
eine
UN-Mission. Eine Schutzmacht für den Südlibanon und dass da
nichts gegen Israel
passiert, ist nicht dasselbe, als würden die Europäer sich so
zur Schutzmacht
der arabischen Seite machen, wie die Amis Schutzmacht der israelischen
Sache
sind und umgedreht die Israelis für ihren Antiterrorkrieg und
ihren Terror
gegen abweichende Regime in der Region funktionalisieren. Da sind noch
gewisse
Abstände zu beachten.
Die Deutschen
sollen nach offiziellem Auftrag der libanesischen Armee im Zweifelsfall
bei der
Entwaffnung der Hisbollah helfen. Ein wunderbar halbseidener,
verlogener
Auftrag, weil jeder weiß, die libanesische Armee dort hat alles
andere im Sinn,
als sich mit der Hisbollah anzulegen. Erstens besteht die
wahrscheinlich zur Hälfte
aus Hisbollah und zweitens wird die andere Hälfte nicht
entwaffnet, sondern
dazu angehalten, das zu tun, was sie sowieso macht, nämlich ihre
Waffen zu
verstecken – das ist die ‚Pazifizierung’; darauf sollen die Deutschen
aufpassen
und helfen, wenn einer sich falsch benimmt. Ein angenehmer Auftrag im
Vergleich
zum Afghanistaneinsatz.
Es ist aber ein
anderes Thema zu überlegen, ob die Israelis jetzt auch
stillhalten, dass es
nicht vielleicht demnächst gegen den Iran geht. Nein, das
heißt es nicht. Es heißt
aber auch nicht umgekehrt, das sei jetzt der Auftakt zum nächsten
Abenteuer der
Israelis.
— Die
Übernahme dieser Aufgabe durch die UNO hat natürlich auch
Konsequenzen für die
Hisbollah. Es ist was anderes als der israelische Krieg, aber es ist
die Grundlage
für alle weiteren Versuche der Hisbollah, sich wieder
aufzustellen. Dort was
hinzukriegen wird mit diesen Parteien vor Ort ziemlich erschwert
werden. Wenn
das Ruhigstellen der Hisbollah nicht hinhaut, sind sowieso wieder die
Israelis
zur Stelle.
Falls die wieder
anfangen, mal eine Rakete abzuschießen, dann wird schon die
Schutztruppe dagegen
einschreiten. Das ist mit ‚Pazifizierung’ gemeint, da wird schon nicht
so
leicht etwas stattfinden an Übergriffen auf Israel. Wenn man das
in die
Richtung ‚was wäre wenn’ weiter verfolgen will, dann ist
völlig klar, mit neuen
Angriffen der Hisbollah auf Nord-Israel stünde sofort die Funktion
der UNO und
die Ehre der Europäer auf dem Spiel, die sich dafür
verpfändet haben, dort für
Ruhe zu sorgen.
Was da augenblicklich
die Sache dieser Ordnungstruppe ist, ist im Grunde die Absicherung
eines
erreichten Standes, eines Kriegsergebnisses, das Israel hergestellt
hat. Das
ist nicht die Fortsetzung dieses Krieges mit anderen Mitteln bis zur
Vernichtung der Hisbollah. Dass die sich nicht wieder im Libanon so
aufstellen
wie neulich, das ist jetzt zur europäischen Sache erklärt
worden, von Israel
als Anspruch an die Europäer und von denen als ihr definierter
Ordnungsauftrag.
Das enthält Widersprüche und Berechnungen, die sich nicht
decken, was als
Feststellung reicht. Die Verlängerung, wie haltbar das ist, kann
man in Ruhe
abwarten.
Zur
Grass-Affäre
Warum und wozu
braucht eine erwachsene Nation moralische Leuchttürme und wie
funktioniert ein
solcher?
— Grass steht
mit seiner Person
für eine gute Sache, einen Wert. Vorbild ist er dadurch, dass er
mit seinem
Leben diese gute Sache verwirklicht, und dadurch ist er in der Nation
anerkannt. Wenn dieser Standpunkt durchgesetzt ist, braucht man vom ihm
gar
nicht viel gelesen zu haben. Er steht für das gute Deutschland,
das sich vom
Nationalsozialismus lossagt, und kritisiert alles, was an
Überresten von diesem
geschichtlichen Schandfleck übrig ist. Damit adelt er das
Nachkriegsdeutschland
als gute Sache und wehrt ständig irgendwelchen Anfängen.
Jetzt gibt es viele
Leute, die in Leserbriefen Grass’ Standpunkt teilen, jedoch keine
Leuchttürme
sind. Wie wird man denn so etwas? Wer braucht so etwas?
— Du stellst
doch damit die
Frage, warum es in der Nation die Moral braucht.
— Damit man
sich mit seinem
Gemeinwesen möglichst identisch fühlen kann. Den Leuten
werden allerhand
ideelle Gründe geliefert, warum es eine besondere Auszeichnung
ist, Deutscher
zu sein.
Man muss jetzt
aufpassen. Um es methodisch zu sagen, darf man jetzt nicht bei der
korrekt angesetzten
Antwort, was Moral und das Bedürfnis danach ist, den Übergang
zum
Funktionalismus machen, wozu die Moral dann gut ist und welche
Funktionen sie
erfüllen soll. Eine Nation will von sich ein Bild haben zwecks
Einverständnisgewinnung, und nicht dadurch, dass sie von morgens
bis abends
Hartz IV und die Konjunkturlage diskutiert, getrennt von all diesen
Affären ein
Bild von seiner Nation als einer wertegegründeten Gemeinschaft,
das ist
der Inhalt von Moral. Die Nation verlässt sich nicht darauf, dass
die Leute
schon notgedrungen hier mitmachen. Die Deutschlehrer in einem
bürgerlichen
Gemeinwesen sind zuständig für die Gesinnung, mit der die
Leute mitmachen. Und
Inhalt der Gesinnung ist Zustimmung zu der Nation unter dem
Gesichtspunkt einer
wunderbaren Gemeinschaft, das, was Nationalhymnen auf ihre Art
verkünden.
— Wenn die
wirklich spannenden
Fragen gestellt werden: Was ist der Mensch? Was darf er? Wenn die
Menschen
anfangen theoretisch nachzudenken, dann passt es auch, dass es
Instanzen gibt,
deren Entscheidungen Gewicht haben. Solche Fragen lassen sich auch gar
nicht
argumentativ entscheiden.
Über den
Standpunkt, dass die Menschen die richtige Gesinnung haben, das eine zu
dürfen
und das andere nicht, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu
können, verfügt
jeder. Doch hat jeder seine moralischen Urteile ganz unabhängig
davon, was
Grass z.B. sagt. Welche Rolle spielt dafür Grass, eine moralische
Autorität?
— Dass alle
moralisch denken, heißt
nicht, dass sie immer alles, auf Nationalmoral bezogen, als die
Realisierung
der sittlichen Prinzipien sehen.
Und das heißt schon
überhaupt nicht, dass alle dieselben moralischen Grundsätze
verfolgen. Dabei
gibt es doch eine gewisse Bandbreite.
— Solche Leute
wie z.B. der
Bundespräsident haben eine Stellung in der Gesellschaft, bei der
sie als welche
erscheinen, die außerhalb der moralischen Beurteilung stehen. Sie
sind
scheinbar freigesetzt von Anstand und Erfolg.
— Der
Künstler, der doch nur
dem Schönen verpflichtet ist, hat eine gewisse Distanz zum
bürgerlichen Alltag.
Ebenso der Intellektuelle, der auf das große Ganze achten muss.
Diese Distanz
verleiht ihm seine Autorität.
Ausgerechnet die
Distanz? Die Distanz muss jemand haben, erst einmal anerkannt sein als
eine
Größe, die in der Gesellschaft etwas zu sagen hat. Sonst ist
seine Distanz doch
so was von egal.
Moralisch urteilen
kann jeder. Was fehlt eigentlich diesem moralischen Urteil, wenn man es
bloß
für sich hat? Die allgemeine Geltung, die öffentliche
Anerkennung dieses
Urteils. Wie erwirtschaftet man sich denn diese?
— Indem
seitens der Nation,
z.B. durch Preise, bestimmten, allgemeintauglichen Urteilen Anerkennung
verliehen wird.
Genau so ist es,
bloß gar nicht so beschränkt auf irgendeinen Preis. Um sich
des eigenen
moralischen Urteils sicher zu sein, gibt es eine Nachfrage nach
herausgehobenen
Größen, die das als allgemeinverbindliche Weisheit und
Urteil repräsentieren.
Das ist das Bedürfnis. Wenn man schon die ganze Welt moralisch
beurteilt,
möchte man damit auch Recht haben. Das ist die Rechthaberei im
zwischenmenschlichen Gespräch. Wenn man in der Sphäre der
nationalen Öffentlichkeit
ist, dann möchte man da auch, dass da eine allgemeine Billigung
dieses Urteils
erkennbar wird. Das ist die Nachfrage nach einem öffentlich
anerkannten Echo
des eigenen moralischen Urteils. Wer kommt jetzt dafür infrage?
Wenn jetzt auf
die öffentlichen Preisempfänger verwiesen wird, hat man einen
Bruchteil dieser
öffentlichen Figuren erwischt. Wenn gesagt wird, dass diese Leute
in Distanz
zur öffentlichen Macht stehen, ist ein anderer Bruchteil erwischt.
Aber z.B.
Herr Pofalla ist nicht dabei; schon von seinem Job her als
Generalsekretär der
CDU ist er ein gnadenloser Moralist. Es gibt also nicht nur die, die
die Preise
erhalten, sondern auch die, die die Preise verleihen. Damit hat man
schon einen
sehr viel größeren Teil der gesellschaftlichen moralischen
Autoritäten. Das
fängt beim Bürgermeister an; der ist nicht bloß ein
Amtsträger in einer aufgeklärten
bürgerlichen Gesellschaft von lauter selbstbewussten Individuen;
der ist nicht
bloß der praktische Amtsträger, der mit seiner Unterschrift
den Stadthaushalt
verfügt oder mit drei Schlägen das Bier anzapft, sondern er
ist einer, der,
weil er beides kann, auch mit seinem moralischen Urteil, das er
repräsentiert,
als Exponent einer Gemeinschaft anständiger Bürger so etwas
wie einen
Leuchtturm darstellt.
Wenn einmal ein
Bedürfnis nach moralischen Autoritäten in der Welt ist, dann
erwachsen
Kandidaten für diesen Job aus allen Ecken der Gesellschaft. Dann
gibt es ganz
unterschiedliche Figuren. Nur eins ist klar, ein Versager taugt nicht
dazu. Ein
gewisser gesellschaftlicher Erfolg, der einen aus der Masse heraushebt,
einen
überhaupt erkennbar macht als einen Prominenten, ist schon
vonnöten. Umgedreht
ist es dann aber auch so, wer auch immer in seinem bürgerlichen
Job herausragt,
der wird sofort, fernsehmäßig, verarbeitet als einer, der zu
den sittlichen
Fragen der Gesellschaft ein kompetentes Urteil abzugeben hat.
— Das kann
genau so doch nicht
sein. Bei einem moralisierenden Schriftsteller erscheint das
Postulieren der
Moral ununterschieden von dem, was der als bürgerliches Subjekt
treibt. Ein
prominenter Grundstücksspekulant wird keine moralische
Autorität.
— Doch, der
Bubis.
Der war moralische
Autorität als Chef der deutschen Juden. Als Agent einer von
vornherein für
sittliche Zustände zuständigen Körperschaft ist man
schon einmal sofort auf dem
Präsentierteller. Deswegen ist der Papst oder ein Bischof,
vielleicht zukünftig
auch ein prominenter Muslim auf alle Fälle schon einmal gefragt
und in Anspruch
genommen.
— Priester
sind doch einer der
Fälle, die außerhalb der Konkurrenz um Geld und Erfolg stehen.
Das sollte nicht
zum Gegensatz gemacht werden. So treten doch z.B. alle die Figuren bei
Sabine
Christiansen als Mentoren, als Erzieher, als Belehrer des Volkes auf.
Jeder,
der dort sitzt, sitzt dort, weil er als moralische Autorität
infrage kommt.
— Die
leichteste Art, eine
moralische Autorität anzumachen, ist der Verweis darauf, dass er
viel Geld
verdient.
Nein, sondern der
Verweis darauf, dass er ein parteiliches Interesse vertritt und deshalb
keine
überparteiliche Instanz ist. Sie konkurrieren dort durchaus um den
Rang einer
moralischen Autorität. Man findet keinen Politiker, keine Figur im
öffentlichen
Leben, die nicht wie eine moralische Instanz antritt und daran gemessen
wird.
Woran blamiert sich einer bei dieser Sendung?
Einbestellt ist er
als einer, der volkserzieherische Sprüche absondert. Wenn einer
das tut und die
in der öffentlichen Wahrnehmung nichts wert sind, dann merkt man,
an welchem
Maßstab die gemessen werden und mit welchen Vorurteilen ihnen
begegnet wird.
Dauergäste in solchen Veranstaltungen sind doch die Vorstände
vom Deutschen
Industrie- und Handelstag. Reich gewordene, erfolgreiche und nicht
öffentlichkeitsscheue Manager sind genauso gefragt und werden dann
überprüft –
nicht einfach unter dem Gesichtspunkt, was er so den ganzen Tag macht,
sondern
was er den ganzen Tag Gutes und Vorbildliches macht. Unter dem
Gesichtspunkt werden sie überhaupt zu solch einer Talkshow gebeten
und dazu
herausgefordert, ihr parteiliches Interesse als Erfüllung des
Gemeinwohls
auszugeben – also eine spitzenmäßige Heuchelei hinzulegen.
Der Kapitalist wird
nicht dazu herausgefordert, über Ausbeutung zu berichten, sondern
sich als
Arbeitgeber, der der Allgemeinheit einen unersetzlichen Dienst tut, ins
rechte
Licht zu rücken.
— Alle sagen,
Arbeitengehen ist ein Wert, das man nicht nur aus Not macht, sondern um
etwas
Nützliches zu tun, und die Arbeitgeber in der Talkshow sagen, die
Reformen
müssen sein, damit die Leute das weiter tun können. Dann ist
doch der Übergang,
dass dies, wie der Laden wirklich funktioniert, zu dem allseits
praktizierten
moralischen Urteil in Widerspruch steht. Und das moralische Vorbild
soll das
leisten zu belegen, dass trotzdem die Maßstäbe der Moral
Gültigkeit haben, dass
es eben beim Arbeitengehen nicht ums Gewinnemachen geht, sondern ums
Arbeitsleben.
Deswegen gibt es
das überhaupt und auch die Nachfrage nach Autoritäten, die
das beglaubigen. Und
was qualifiziert zur Autorität? Doch nur die Anerkennung als eine
solche. Die
Grundlage dafür ist der Rang, den sich einer in dieser
Gesellschaft
erwirtschaftet hat, und deshalb kann – nicht muss – der Rang eines
erfolgreichen Unternehmers dazu qualifizieren, dass der zu den
Prominenten
gehört, bei denen man sich vergewissert, was in unserer
Gesellschaft das
eigentlich Gültige ist und was nicht.
Dass die
Unternehmer an moralischen Kriterien gemessen werden, merkt man immer
an den Reaktionen,
wenn es um „peanuts“ geht oder wenn der Ackermann sein Victory-Zeichen
macht.
Da wird es dann auffällig – sei es bei Grass, wenn er 60 Jahre
lang die deutsche
Gesinnungskultur entnazifiziert und dann ein SS-Mann ist, oder beim
reichen
Kapitalisten, der tagaus tagein die schwere Mühe und das Ethos des
Arbeitgebers
repräsentiert und sich dann in der oben geschilderten Art daneben
benimmt. Man
muss in Rechnung stellen, wen man dann als moralische
Persönlichkeit anerkennt,
fällt ins weite Reich der Freiheit. Das ist die Stellungnahme zur
Konkurrenz
moralischer Autoritäten, bei der jeder, der als Prominenter
irgendwo eingeladen
ist, gerne mitmischt.
Es gibt den Unterschied
zwischen moralischen Autoritäten, die per allgemeiner Anerkennung
welche
geworden sind, und welchen, die nichts anderes machen als die Rolle
einer
moralischen Autorität zu spielen und auszufüllen. Dazu
gehört zum Beispiel
Grass oder die ganze Institution der Kirche – die haben eben keinen
anderen
Beruf. Andere, die in irgendeiner Form erfolgreich waren und zur Elite
gehören,
sind deswegen qualifiziert, auch die Rolle einer moralischen Instanz zu
spielen.
Wer jemand sich
öffentlich äußert, will er z.B. ein neues Gesetz, einen
neuen Paragraphen,
Steuererleichterungen usw. Das ist sein Job. Dabei belässt man es
in diesen
Kreisen in der Regel nicht. Andersherum gesagt: Zur moralischen
Autorität wird
ein solcher Mensch automatisch dadurch, dass er anfängt, seine
Forderungen zu
rechtfertigen. Es ist schon die Frage, ob ihm das abgenommen wird, dass
z.B.
dadurch in Deutschland die Unternehmenskultur aufblüht. Aber es
gibt genügend
Leute, die auf dem Standpunkt stehen, die Sache genauso schon immer
gesehen zu
haben. Die Steuern müssen runter, damit Deutschland vorankommt.
Solche Leute
erkennen in den moralischen Rechtfertigungen gleich die
öffentliche
Repräsentanz ihrer Moral. Damit hat man das Verhältnis
zwischen der moralischen
Autorität und ihrer freiwilligen Gefolgschaft. Dass einer
moralische Autorität
ist, lässt den Pluralismus der Stellungnahmen, die Freiheit hat
man in der
Demokratie, welche abzulehnen und dafür andere zu
begrüßen als welche, die
einem aus dem Herzen reden, wirken.
— Noch mal zu den Prominenten
und zu den prominenten
Moralisierern; selbst wenn sie es gar nicht wollen, werden sie qua
Erfolg doch
automatisch daran gemessen, ob sie solche sind. Man braucht nur ein
erfolgreicher Fußballspieler zu sein, dann geht dessen
Familienleben die ganze
Welt an.
Der
wird dann zu Stellungnahmen aller Art aufgefordert und plötzlich
wird Kahn zum
Philosophen. Große Sportler müssen ja sowieso ein Vorbild
für die Jugend sein.
Es stimmt nicht,
dass eine Distanz zu den Fährnissen des Alltags eine
Grundqualifikation für
moralische Instanz ist, denn die Messlatte gilt für alle.
Allerdings – je
weiter einer dem entrückt ist, ist er auch der
Überprüfung entrückt, ob das
alles ehrlich ist oder nicht. Die Glaubwürdigkeitsprüfung
fällt dann etwas
anders aus, kann aber auch einem dem sonstigen Konkurrenzwesen
entrückten
Bundespräsidenten schwer auf die Füße fallen wie zum
Beispiel dem Präsidenten
Israels. Der hat es zur Zeit schwer. Dass er die Kriege seines Landes
nach
außen vertritt, geht schwer in Ordnung, aber dass er sich an
Damen vergriffen
haben soll, bricht ihm moralisch das Genick. Andersrum Barzel: In den
Nachrufen
auf ihn steht seine Stellung als moralische Instanz, die für
Deutschland nur
das Beste gewollt hat, außer Frage. Damals hat man ihn für
einen ziemlich widerlichen
und auch noch erfolglosen Gegner unseres lieben Willy Brandt gehalten.
Es gibt extra
Posten in der Demokratie, wo man dem Parteienstreit ein Stück
entrückt ist. Der
des Bundespräsidenten ist so einer, dessen Moral in höherem
Maße gilt als die
eines Parteisekretärs, von dem man weiß, dass der quasi die
Moral seiner Partei
vertritt, und dem man gerne – besonders von der Gegenpartei aus – mit
dem
Urteil begegnet, dass er doch bloß aus seinem Parteiinteresse
eine Heuchelei
macht. Heuchelei durchschauen ist die billigste Kunst von Moralisten,
denn das
sind doch keine Leute, die allen ihre moralischen Sprüche glauben,
sondern
welche, die genauestens einteilen, wem sie die glauben und wem nicht.
Aber der
Anspruch, an dem jeder Prominente gemessen wird, ist die Art und Weise,
wie der
das bürgerliche Leben als eine Riesenansammlung von Normen und
Werten, von
Sitte und Anstand darstellt. ‚Spricht der mir aus dem Herzen? Ist das
ungefähr
die öffentliche Darstellung dessen, wie ich eigentlich auch immer
möchte, dass
den anderen ins Gewissen geredet wird?’ – das ist der Maßstab.
Solche Figuren
treten immer auf als welche, die der Nation ins Gewissen reden. In
diesen
Zirkus gehören Künstler nicht automatisch rein, die
müssen sich erst eine
gewisse Anerkennung und Prominenz erarbeitet haben.
— Und dann gibt
es ja auch noch den Zirkel: Moralische Instanz wird man durch
Anerkennung
anderer moralischer Instanzen, die sich dann im Fall Grass
äußern, ob er jetzt
noch oder nicht mehr eine ist. Eine moralische Instanz muss es
schaffen, sich
im anerkennenden Gespräch aller anderen moralischen Instanzen zu
halten.
Und da gibt es
schon qualitative Unterschiede in diesem allgemeinen Moralismus
zwischen denen,
die quasi per Profession für die Moral in der Gesellschaft
zuständig sind, also
als Repräsentanten von moralischen Instanzen auftreten wie Kirche
oder
Bundespräsident. Daneben gibt es alle die, die etwas zu sagen
haben in dieser
Gesellschaft. Macht und Reichtum qualifiziert durchaus auch zu
bedenkenswerten,
moralisch zu würdigenden Einlassungen. Da hört also die
Verallgemeinerung des
moralischen Vorbildwesens nicht auf, sondern da ist jeder, der eine
öffentliche
Funktion erfüllt und dadurch eine gewisse Prominenz hat, als
Vorbild gefragt.
Deswegen muss sich ein Zidane wegen seines Kopfstoßes bei den
französischen
Kindern schwer entschuldigen. Die Vorbilder ihrerseits konkurrieren
wieder
heftig untereinander mit ihrer jeweiligen Sorte von Moral, die sie da
propagieren. Das ist kein monolithischer Block von lauter
gleichgesinnten
Volkserziehern, sondern gerade weil sich jeder Prominente als ein
Stück
Volkserzieher gefragt sieht, herrscht zwischen ihnen eine
Riesenkonkurrenz bei
dem Geschäft. Das eröffnet dem Publikum die von oben
aufgemachte Freiheit, sich
für die ihm jeweils zusagende Moral samt Leitfigur zu entscheiden,
und genau in
dieser Freiheit, die vom Publikum ja auch gerne wahrgenommen wird,
findet die
Einschwörung auf den herrschenden Wertekanon statt, denn sachlich
unterscheiden
sich die vielen Instanzen ja gar nicht. Sie stehen alle dafür ein,
dass es in
dieser Gesellschaft um nichts anderes als das Wahre, Gute und Gerechte
geht.
Dabei ist es ganz interessant, nach welchen Kriterien sie vom Publikum
– und da
gehört der investigative Journalismus genauso dazu – auf den
moralischen Sockel
gehoben werden und nach welchen Kriterien sie dort wieder
heruntergeholt
werden. Glaubwürdigkeit ist solch ein Kriterium: Kann man dem das
glauben, dass
er ernst meint, was er mir aus dem Herzen spricht? Und was sind
Kriterien für
Glaubwürdigkeit? Da ist man mitten drin im investigativen
Journalismus, der
überprüft, ob der Lebenswandel von jemandem dessen Aussage
beglaubigt. Da gibt
es keine objektiven Kriterien, denn jeder interpretiert am Lebenslauf
dessen
herum, der in dieser Gesellschaft eine moralische Funktion
erfüllt. Zur
Glaubwürdigkeit gehört z.B. auch, das Bekenntnis abzuliefern,
dass man früher
mal ein Säufer gewesen ist – s. Bush –, dann aber sein
Bekehrungserlebnis hatte
und deshalb gefälligst als glaubwürdig Gewandelter zu
würdigen ist. Deswegen
ist umgekehrt ein nicht eingestandener Fehltritt das sicherste Mittel,
jemandem
die Glaubwürdigkeit der Moral, die er repräsentiert,
abzusprechen. Welche Moral
das ist, ob die antifaschistisch gefärbt ist (eine deutsche
Spezialität) oder
in einem ‚wir als wunderbare Wertegemeinschaft’ aufgeht oder mehr eine
christliche Konnotation hat, ist zweitrangig – ein Christ kann ja
durchaus
einem Sozialdemokraten moralische Autorität zubilligen, sofern der
mit seiner
Person dafür einsteht, dass hierzulande eigentlich, entgegen dem
schnöden
Alltag, wie er so läuft, die Wertorientierung unserer Gesellschaft
das
Entscheidende und Ausschlaggebende ist.
— Die Anzahl der
moralischen Obertitel ist ja wirklich begrenzt; sie unterscheiden sich
im
Wesentlichen darin, wie sie den Wertealltag des Kapitalismus unter
diese
einsortieren. Deswegen kann auch einer, der das Arbeitgeben für
moralisch
hochwertig hält, von einem Sozialdemokraten, der die Gleichheit
mehr bevorzugt,
anerkannt werden, weil sich über die obersten paar Titel des
Wertehimmels alle
einig sind.
Deswegen gibt es
auch eine Würdigung von anständig gebliebenen Kommunisten,
denn der Kommunismus
wurde vom Ethos der sozialen Gleichheit gespeist, und so kann man als
aufrechter Moralist durchaus Hemden mit Che Guevara- oder Marx-Aufdruck
tragen,
i.d.R. ohne letzteren je gelesen zu haben. Vom Standpunkt des
Wertehimmels her
genügt es, ihn zu würdigen als einen Moralisten, der sich
für die Entrechteten
eingesetzt hat.
Die
Grundqualifikation zur moralischen Autorität, die allgemeine
Anerkennung, wird
einem NPDler vorenthalten, und das bestätigt nur von der anderen
Seite her, was
einen Menschen zu dieser Position qualifiziert. Da repräsentiert
der NPDler
höchst glaubwürdig das Böse. So jemand wird zur
Konkurrenz um die Rolle einer
moralischen Instanz nicht zugelassen, der wird aus ihr ausgeschlossen,
obwohl
sicher 15 % der Gesellschaft ‚jawoll’ sagen, wenn er den Mund aufmacht.
Deswegen ist allgemeiner Konsens, dass man es ja gar nicht soweit
kommen lassen
darf, dass er den Mund aufmachen kann.
Für die moralische
Beurteilung ist es kein Widerspruch, Figuren für glaubwürdig
zu erklären, ohne
dann das, was sie vertreten, wirklich zur Kenntnis zu nehmen oder zu
unterschreiben. Man kann sagen, dass man absolut nicht einverstanden
ist mit
dem, was der Papst zur Abtreibung sagt, und ihn gleichzeitig als eine
moralische Instanz hochhalten mit dem schönen Argument, dem Papst
abzunehmen,
was er sagt, da er ja wirklich selber dran glaubt. Da merkt man auch
das Moment
von Willkür, denn die Beurteilung an der Stelle ist, dem das
abnehmen zu
wollen. Das ist ein Entschluss, von dem aus man dann das
Überprüfen anfängt,
und jeder findet bei einem, den er nicht als moralische Instanz
anerkennen
will, irgendeinen Pferdefuß, der ihn unglaubwürdig macht.
Moralische
Autoritäten sind also keine, deren Argumenten man dann folgt,
sondern die man
zur Bestätigung des eigenen moralischen Urteils hernimmt, sie überzeugen
nicht zu einem moralischen Standpunkt, sondern bedienen den
schon existenten,
was im übrigen der Tod jedes Arguments ist. Das gilt
auch für
nationale Fragen, das nationale Gesinnungskollektiv, das von Grass
vertreten
wurde – die Republik muss sich nach innen demokratisieren und von alten
Nazis
säubern und nach außen Versöhnung betreiben. Dies ist
nicht zur Geltung
gekommen, weil der das so überzeugend vertreten hat, sondern weil
es der
damalige Standpunkt der Nation war, der Wertekanon, mit dem sie sich
nach dem
Krieg aufgestellt und qua SPD zur nationalen Linie gemacht hat. Also
hat diese
Willkür der Glaubwürdigkeitsfrage ihr Maß an dem
nationalen Konsens, der schon
existiert, oder an einer anerkannten Abteilung dieses Konsenses – es
muss ja
nicht immer die ganze Nation dahinterstehen. Bei S. Christiansen findet
ein
Umgang mit diesem moralischen Bedürfnis statt. Es geht für
die Teilnehmer
darum, inwieweit man es schafft, sich als moralische Autorität
bestätigen zu
lassen, oder ob man sich den dummen Einwand einfängt, man
argumentiere ja nur
interessiert. Der Vorwurf ‚ der tritt ja bloß als Unternehmer
dort an,
übersieht, dass der Unternehmer eine Figur ist, die ein
anerkanntes Interesse
repräsentiert, also ausgewiesen ist als Instanz, die über
nationale, allgemeine
Belange etwas zu sagen hat, wobei allgemeine Belange immer Wertefragen
und
nationale Belange die berühmten Sachzwangfragen sind.
Noch mal ein paar
Überlegungen zu der interessanten Kategorie der
Glaubwürdigkeit. Was macht
einen Menschen mit seinen moralischen Urteilen glaubwürdig? Die
Überprüfung an
der Praxis ist kein Mittel, denn es gibt keine Praxis, die eindeutig
beweist,
dass ihr Motiv nicht materielles Interesse, sondern höhere
Gesichtspunkte sind.
Es ist das Bild von der Praxis, das sich einer macht, ihre
Deutung.
Glaubwürdigkeit ist immer eine Frage des präsentierten Bildes
und dessen, dass
das stimmig ist. Es gibt Selbstbilder, die Fehltritte verdauen
können.
Clinton war ein ehrenwerter Mann und da hat die Affäre „Monica“
nicht so viel
ausgemacht. Der Witz bei Glaubwürdigkeit ist immer: Das Publikum
macht sich,
angeleitet durch den ‚Leuchtturm’ selbst, und dauernd elaboriert durch
die
Konkurrenz, ein Bild von dieser Figur, und an diesem orientiert sich
das Urteil
‚Finde ich den glaubwürdig oder nicht?’. Wenn dann etwas diesem
Bild
widerspricht – und das kann aus einer ganz anderen Ecke kommen –,
bricht die
Glaubwürdigkeit und damit die Qualifikation dieses Menschen als
Vorbild unter
Umständen zusammen.
— Das Prinzip,
dass man sich ein Bild von der Praxis eines Menschen macht und es
abdeckt mit
den eigenen moralischen Vorstellungen von diesem Menschen, rührt
doch daher,
dass die Moral nicht anders sein kann von ihrer Logik her als dass sie
gelebt
wird. Die Werte kann man zwar teilen, aber damit ist es doch nicht
getan, die
müssen sich doch sozusagen verwirklichen.
Und dieses
Verwirklichen wirst Du nie hinkriegen, weil es immer die Interpretation
des
eigenen Daseins ist, das Bild, das man davon abliefert. Ein Bild, auf
das man
selber Wert legt, und eins, das andere überprüfen, das geht
nie auf. Das, was
z.B. Grass als seinen Lebenslauf inszeniert, wenn er sich entsprechend
präsentiert als moralische Persönlichkeit – sonst
bräuchte er ja keine Zwiebel,
wo noch eine neue Ebene seiner Persönlichkeit analysiert wird –,
ist die andere
Seite davon, dass er von außen als so etwas beurteilt wird. Das
Stichwort
Konkurrenz ist ja schon gefallen – hier urteilen also selbsternannte
moralische
Instanzen übereinander.
Glaubwürdigkeit ist
die Tugend der Heuchelei und die besteht darin, von sich selber ein
Bild zu
verfertigen und einige Mühe darauf zu verwenden, dass das Bild
stimmt – nur in
diesem Zusammenhang ist es richtig, zu sagen, dass Moral gelebt sein
will. Das
Gros der Schriftsteller ist damit beschäftigt, in ihren
Romanfiguren
Selbstbilder zu erstellen, das heißt dann „Sie schöpfen ihre
Romanfiguren aus
ihrer reichen Persönlichkeit“. Und da ist ja auch was dran, denn
das sind
Figuren, die für sich nichts anderes gelten lassen als manchmal
ziemlich
komplizierte Wertekriterien zur Einordnung ihrer Persönlichkeit.
Diese Absurdität der moralischen
Weltbetrachtung hat in der Demokratie eine Bedeutung für die
Machtfrage, denn
die Figuren, die sich zur Wahl stellen, setzen genauso wie Grass ein
Bild von
sich in die Welt, warum sie zum Führen berufen sind, und das ist
die
Inszenierung als moralisch qualifizierte, glaubwürdige
Führungsfigur. Genau das
ist auch der Gehalt, der gewählt wird – die werden doch nicht
wegen ihrer Daten
gewählt, weil der eine etwas anderes macht als der andere, sondern
wegen der
Präsentation einer unbedingt zu wählenden Führungsfigur.
Wobei bei Politikern
Tatkraft und das, dass man eine ganze Mannschaft von Konkurrenten
hinter sich
bringt, eine große Rolle spielt. An dem Bild, das sie auf diesem
Feld von sich
erzeugen, werden in der Demokratie Ermächtigungsfragen
entschieden. Die
Machtfrage – also die Frage, gibt es einen Staat und wie
funktioniert er
oder nicht? – hängt davon nicht ab, aber die
Ermächtigung
der einen statt der anderen Figur läuft genau nach der heute
besprochenen
Logik.