Termine | Homepage | Impressum | Zurück
zur Übersicht der Protokolle
Die
„Räson“ des laufenden Nahost-Kriegs
Vorlage:
1. Kriegszweck und Kriegsgründe Israels
a) Das Vorgehen des israelischen Militärs gibt
Auskunft über den Zweck der Unternehmung (von wegen
„unverhältnismäßig“):
-
Organisierten Widerstand gegen Israels
ausgreifende
Sicherheitsinteressen auslöschen
-
Syrien und Iran als Unterstützer schädigen, der
Machtlosigkeit
überführen; die Chancenlosigkeit jeglicher Feindschaft demonstrativ
sicherstellen
-
Die libanesische Regierung für ihre Ohnmacht gegen
den
Hizbullah, die palästinensische Präsidentschaft für ihre relative
Machtlosigkeit gegen Hamas, die betroffenen Völkerschaften für ihren
Status als
Umfeld feindlicher Organisationen haftbar machen („bestrafen“)
-
Gegen EU, Russland sowie die UNO die
Unverhandelbarkeit der
eigenen, souverän selbstdefinierten Sicherheitsbedürfnisse und die
bedingungslose Eigenmächtigkeit bei deren Durchsetzung geltend machen
Das geht nur als Gemeinschaftswerk mit den USA; dazu Punkt
2.
b) Der Grund – die staatliche Räson – dieser
Militanz:
-
Ein demokratisch verfasstes, kapitalistisch
funktionierendes,
‚modernes’ Staatswesen,
-
ökonomisch und moralisch abgestützt auf eine
kapitalistisch
und politisch potente weltweite Sympathisanten-Gemeinde sowie außerdem
militärisch und weltpolitisch auf die USA,
-
verschafft sich immer mehr als dazugehörig
definiertes – und
sich so definierendes – Volk in der elementaren Bestimmung:
Basis und
Manövriermasse in der Konkurrenz der staatlichen Mächte sowie sich und
seinem
marktwirtschaftlich funktionalisierten und funktionierenden Volk die
zweite elementare
Bedingung souveräner Macht: Land,
-
und dies radikal ausschließend gegen eine als
politisch nicht
dazugehörig ausgegrenzte, staatenlose Restbevölkerung auf dem
beanspruchten
Territorium.
Die Brutalität dieser gar nicht Israel-spezifischen
Grundbestimmungen und -bedingungen souveräner staatlicher Macht: die
Gleichung
‚Sicherheit = überlegene Kriegs- und Terror-Kompetenz’ macht sich immer
wieder
drastisch geltend, weil es noch immer um die Durchsetzung
israelischer
Staatsmacht gegen einen konkurrierenden Staatswillen – dazu Punkt 3. –
sowie
gegen den Machtwillen konkurrierender Staatsgewalten – Punkt 4. – geht.
[Der historische Rückblick vom jf 17.7. galt dem
Verhältnis zwischen zionistisch-volkssozialistischem Gründungs-Ethos
und der
banalen klassengesellschaftlichen Realität des Aufbauwerks.]
2. Das Kriegsinteresse der USA
Die USA lassen Israel kämpfen – in der
doppelten Bedeutung des Wortes ‚lassen’.
Ihr Grund: Sie erkennen in den Feinden Israels Feinde ihres
Interesses an der Beherrschung der Region: in Hizbullah und Hamas
terroristische NGOs à la „9/11“, in Syrien und Iran deren „Drahtzieher“
und
Gegner amerikanischer Kommandohoheit über die nah/mittelöstliche
Staatenwelt;
in den einen wie den andern eine Sicherheitsgefahr, die ausgeräumt
werden muss:
-
mit Vernichtung der ‚Terroristen’ [in
‚-’, weil
Subsumtion unter Methoden vom politischen Zweck abstrahiert];
-
mit Gewaltanwendung bis zur bedingungslosen
Kapitulation von
‚Regimes’, die Anpassungswille und Dienstleistungen in Sachen
Sicherheit
schuldig bleiben: Machtpositionen beseitigen, Souveränität in Frage
stellen,
isolieren, Machtwechsel herbeiführen.
Israel leistet für diesen amerikanischen
Weltordnungs-Imperialismus einen doppelten Dienst:
-
Es sorgt für die Vernichtung von
antiamerikanischen Umtrieben
und schädigt syrische und iranische Machtpositionen
-
Es bringt die USA – einmal mehr – in die Position
der einzigen
Macht, die wirklich über Krieg und Frieden in der Region zu bestimmen
vermag:
eine sehr erwünschte praktische Deklassierung der EU und Russlands;
eine
entscheidende Vorgabe für die Politik aller Anrainer.
[Diese Koinzidenz der Sicherheitsbedürfnisse Israels und
der Weltmacht hat ihre Geschichte; doch die früheren Phasen dieser
‚wunderbaren
Freundschaft’ erklären nichts, sondern bedürfen allemal selber der
Erklärung.]
3. Die Militanz der Milizen
Deren Terrorismus ist die Waffe eines ohnmächtigen
kämpferischen arabischen Staatswillens.
Dieser Staatswille
-
nimmt Maß an der Macht und den Erfolgsmethoden
moderner,
kapitalistisch erfolgreicher Nationen im Allgemeinen, an der
überlegenen Gewalt
Israels im Besonderen, bescheidet sich also keineswegs mit den nur sehr
bedingt
Nationalstaats-tauglichen gesellschaftlichen Verhältnissen, die er
vorfindet;
-
will sich damit gegen die herrschende
Weltordnung
durchsetzen, die den betreffenden Ländern den Status einer
kontrollbedürftigen
Manövriermasse auswärtiger Benutzungs- und Verfügungsinteressen
zuweist.
Dass für diese Länder politische Konkurrenzfähigkeit und
politische Emanzipation nicht zusammen zu haben sind, machen die
Führungsmächte
der herrschenden Weltordnung praktisch klar:
-
Für die staatlichen Machthaber gilt seit jeher die
Alternative: Anpassung an die Bedingungen der herrschenden Ordnung,
also
Unterordnung, oder politische Ausgrenzung bis zur Ächtung.
-
Gegen unbelehrbare Oppositionelle, die ihren
Willen zu
antiimperialistischer Emanzipation über die Notwendigkeiten einer
‚modernen’,
in der herrschenden Weltordnung erfolgreichen Staatsmacht stellen und
diesen
Standpunkt, zum höheren, göttlichen Auftrag idealisiert, gewaltsam
geltend
machen, wird in entsprechend härterer Form dieselbe Alternative
aufgemacht:
Unterwerfung oder Vernichtung.
Die spalten sich darüber:
-
in die ‚einsichtigen’ Vertreter eines hoffnungslos
abhängigen
Reformwillens, der sich seine Maßstäbe und politischen Aufgaben
praktisch dann
doch von seinen Gegnern diktieren lässt,
-
und in einen militanten Widerstand, der durch
seine
Aussichtslosigkeit nicht zu beeindrucken ist, weil er sich in seinem
frommen
Wahn schon auf den Zweck versteift hat, im Aushalten und Selbstopfer
moralische
Siege zu erringen.
4. Die Staatsräson der letzten Israel-Feinde
Syrien und Iran halten ihr Programm – Selbstbehauptung nach
den Maßstäben der modernen Weltordnung gegen deren Hüter – bis heute
durch:
-
Iran mit seinen Öleinnahmen als ökonomischer Basis
und einem
wenigstens in Teilen geldwirtschaftlich ergiebig ausgenutzten und
politisierten
Volk;
-
Syrien auf der zunehmend schwächlichen Grundlage
seines dank
sowjetischer Unterstützung zeitweise erfolgreich gewesenen Projekts
einer
arabischen „nationalen Wiedergeburt“.
[Hinweise am jf 17.7. auf Sowjetunion sollten an deren
Rolle als Vorbild für eine gelungene nationale Emanzipation und
gesellschaftliche ‚Modernisierung’ ohne die Mittel und gegen die
Interessen der
imperialistischen Welt erinnern.]
Syrien und Iran
-
sind mit Israel als expansiver
Konkurrenzmacht und
dabei als privilegiertem Schützling und militantem Aktivisten eben der
Weltordnung konfrontiert, in der sie als abhängige Variable fremder
Interessen
eingeordnet sind;
-
beziehen sich auf Israel als den
einen
Hauptschuldigen an der gewaltsamen Blockade ihres ‚gerechten’
Emanzipationsstrebens.
-
Dabei schlägt Syrien sich schon gar nicht mehr mit
der
gewaltsamen Behinderung seines nationalen Erfolgswegs, sondern mit der
fortschreitenden
Liquidierung seiner paar Machtpositionen und der Zurückweisung seiner
berechnenden Ausgleichsbemühungen herum.
Diskussion
Noch einmal der Versuch, die Welt der Moral – die sich immer
dann massiv zu Wort meldet, wenn es total blutrünstig zugeht – beiseite
zu
schieben, sich weder parteilich noch überparteilich auf die moralische
Beurteilung ausgerechnet eines Krieges einzulassen. Man kann sich auch
mit der
ideologischen und Rechtfertigungsabteilung dieses Krieges befassen, man
darf
sich nur nicht daran beteiligen. Solche Fragen wie ‘Wer hat denn
angefangen?’
sind Gegenstand der Kritik und nicht des darum Rechtens, man wüsste
aber ein
Datum, an dem einer noch eher was angestellt hat. Dies ist eine Falle
des
moralischen Nachdenkens, weil der Erste immer der Schuldige sein soll.
Und es
ist von daher schädlich für eine Befassung mit den Gründen. Natürlich
kann es
durchaus sinnvoll sein, sich sachlich damit zu befassen, was woraufhin
passiert
ist, was aber nicht klären will, wer angefangen hat. Denn das ginge
darauf, wer
als Schuldiger dingfest zu machen ist.
Man sollte sich auch nicht mit dem pseudo-überlegenen
moralischen Urteil – gerade gegen Israel gerichtet – befassen, diese
unsägliche
Arie mit der Verhältnismäßigkeit des Krieges. Was ist die
Absurdität
dieser Fragestellung? Die Leute haben da schöne Kriterien für
Verhältnismäßigkeit im Krieg: Man soll z.B. nur die Kombattanten
totmachen und
nicht die unbeteiligte Zivilbevölkerung. Das ist das absurde Ideal
eines
schonenden Krieges. Da wird nicht beurteilt, weshalb Staaten
Gewalt für
ihr probates Mittel halten. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel
unterstellt die
Zwecke, ohne sich damit irgendwie zu befassen. Stattdessen wird ein
humanitäres
Ideal an den Gewaltgebrauch herangetragen, was heißt, wenn schon
Gewalt, dann
soll sie wenigstens nicht weh tun. Zumindest nicht denjenigen, die wir
für
unschuldig erachten. Jetzt ist Krieg eben ein Krieg. Da kommt nie mehr
ein
objektives Urteil über den Krieg, seinen Ablauf, seinen Grund, seinen
Zweck und
über das zustande, was hier zu Unrecht in Anführungszeichen gesetzt
ist, denn
der Krieg hat seine „Räson“. Sich in die Rechtfertigungen des Krieges,
die
Forderung, man solle ihm lauter gute Gründe, sei es für die
Katjuscha-Raketen,
sei es für das Gemetzel im Libanon, zugute halten und sich dann noch in
das
Ideal des schonenden Kriegs hineindenken – da kommt man dann auf das
Urteil
‘unverhältnismäßig’ und ist auf dem Holzweg. Um diese Kritik soll's
heute gar
nicht gehen.
Vielmehr um den umgekehrten Gedanken: Wenn schon ein solcher
Terror entfaltet wird, von jeder Seite so gut sie kann – der
israelische ist um
so viel größer, wie die israelische Seite mächtiger ist, nicht wie sie
böser
ist. Wofür ist das verhältnismäßig? wäre die viel sinnvollere
Frage. Wir
wollen einen Schluss ziehen von der Art des Vorgehens beider Seiten;
dabei ist
Israel die prominentere, weil sie die mächtigere und aktivere in diesem
Gemetzel ist. Wozu steht das in einem sinnvollen, von den Veranstaltern
dort
für vernünftig erachteten Verhältnis? Diese Fragen könnten ein
Leitfaden sein
für ein Urteil darüber.
Da hilft es vielleicht zu unterscheiden zwischen dem,
welchen Zweck Israel mit seinem jetzigen militärischen
Auftrumpfen
verfolgt, und dem, welcher Schluss aus der Heftigkeit des Vorgehens,
auch aus
der erklärten Zielsetzung der Vernichtung der Hisbollah zu ziehen ist.
Da ist
es zweckmäßig, sich vom aktuellen Kriegszweck her klarzumachen,
worin
eigentlich der Grund dafür liegt, dass Staaten im Allgemeinen
und Israel
jetzt im Besonderen dermaßen gewalttätig gegen die von ihnen
identifizierten
Feinde vorgehen. Darauf sollte der 1. Punkt antworten.
Ausflüge in die Geschichte helfen dabei nichts. Wenn man
sich klarmachen will, welchen Grund Israels Vorgehen jetzt im
Libanon
und in den Palästinensergebieten hat, dann muss das darin
liegen, was
dieser Staat heute darstellt und will. Es hat etwas von Ausweichen an
sich,
wenn man dann mit 1948 anfängt, das ist sechs Jahrzehnte her und war
eine
andere Lage. Es gibt vielleicht eine Identität zwischen dem Kriegsgrund
heute
und damals, aber auch wenn man den von damals ermittelt, weiß man
nicht, ob der
heute noch der gültige ist. Der Grund liegt in dem, was jetzt
dort
abläuft. Was die staatliche Räson Israels ist, aufgrund derer dieser
Staat lauter
Feinde entdeckt – zwei Sorten von Feinden: die irreguläre Soldateska
der
Milizen und die Staaten, die dahinter stehen und denen ein Überleben
ermöglichen.
Sie kämpfen nicht heute gegen die Hisbollah, weil sie es
gestern schon getan haben. Man liest ja, sie hätten es '72 versäumt,
sie
auszulöschen, weswegen sie heute Krieg führen müssten, damit ihnen das
nicht
noch mal passiert. Dieses Kriegsziel hatten sie wohl auch früher schon.
Man
sieht an früheren Episoden, dass das mehr oder weniger dasselbe
Anliegen in
anderen weltpolitischen Konstellationen war. Aber dann ist es der
Grund, der
heute auch noch aktuell ist. Es ist ja keine abgeschlossene Episode der
israelischen Geschichte, sondern dieser Staat ist heute noch dabei,
seine
Machtbasis zu vergrößern. Weil er damit befasst ist, kann man daran so
exemplarisch studieren, worin ein Staat seine Machtbasis objektiv hat
und
seiner politischen Räson nach sieht, nämlich erstens viel eigenes, nach
politischen Kriterien ihm zugehörig definiertes Volk unter seiner
Herrschaft zu
haben. Das ist die ganz elementare Basis staatlicher Macht. Das merkt
man daran
– gerade weil dieser Staat noch in seinem Gründungsprozess begriffen
ist – wie
er jetzt noch um Zuwanderung wirbt, alle Juden dieser Welt als seine
Staatsbürger
willkommen heißt. Das ist nicht mehr wie vor 100 Jahren die Werbung
unter
entrechteten Ghetto-Juden, sich aufzumachen, im gelobten Land sei alles
besser.
Das ist nicht mehr diese Art, ein Befreiungs- oder Schutzprojekt zu
verfolgen –
das gehört wieder in die Abteilung Ideologie -, sondern da wirbt ein
Staat in
einem Volk, das er sich zurechnet und das sich ihm großenteils als
ideell
zugehörig zurechnet, damit er so seine Machtbasis in Form von
Einwohnerschaft
vergrößert. Dass der jüdische Staat auch ’48 schon über den jüdischen
Glauben
ein virtuelles Staatsvolk beansprucht hat und dieser
Staatsgründungsprozess
noch unvollendet ist, sagt auch nicht mehr, als dass er heute noch so
unterwegs
ist. Man will doch nicht die Geschichte erzählen, sondern erklären, was
da
abläuft. Da sollte das Augenmerk darauf gelenkt werden, was das
Exemplarische,
gar nicht speziell Israelische, an den Gründen dieses Krieges ist: Ein
Staat
beansprucht möglichst viel von seinem Volk und hat dann gleich als
Zweites das
Projekt, für dieses Volk, das er noch gar nicht vollzählig versammelt
hat,
Lebensraum zu schaffen. Sie müssen ja irgendwo leben. Dafür, dass sich
eine
Ökonomie in einem Land, das ein wichtiges Standbein in der
Landwirtschaft hat,
in einer Gegend, wo jede Quelle wertvoll ist, überhaupt auftun kann, da
ist
Land die zweite elementare Basis staatlicher Macht; sofort natürlich
auch unter
strategischen Gesichtspunkten: Wenn wir uns als Macht hier einrichten,
dann
muss dieses Gelände kompakt sein, es muss sich in seiner Umgebung
militärisch
halten lassen. Wenn diese Staatsmacht sich so reinpflanzt mit neuem
Volk auf
altem Gelände, wird sofort anschaulich, was jedem Staat eigen ist,
nämlich
exklusiv Leute und Land in Besitz zu nehmen.
Wie exklusiv das immer und überall ist, kann man zur Zeit an
vielen Stellen studieren. Davon erzählen einem jeden Tag 100
Bootflüchtlinge,
die nach Europa wollen und nicht dürfen, weil sie per se ausgegrenzt
sind und
nicht hierher gehören. Jeder Visumsskandal zeugt von dem exklusiven,
ausschließenden Verhältnis. Der Staat trifft radikale Unterscheidungen,
die für
viele Menschen tödlich sind auch mitten in unserem Frieden, wer zu ihm
gehört
und auf sein Gelände darf. Wenn man es nach der Seite mal von dem
staatlichen
Fundamentalismus her betrachtet, den Israel praktiziert, kann man
merken: Hier
hat man es mit einer besonders offenen Erscheinungsform dieses
staatlichen
Fundamentalismus zu tun, das Okkupieren von Land, das
Sich-zuständig-Erklären
für Leute ist eine radikal ausschließende Angelegenheit. Wenn sich dann
ein als
ausgeschlossen definiertes Restvolk auf dem beanspruchten Territorium
befindet,
hat das nichts zu lachen. Dann wird das als staatenlos definiert und
entsprechend behandelt und wird zur Manövriermasse von
Ausgrenzungskünsten.
Wenn Israel jetzt Krieg gegen den Libanon führt, dann ist
aus diesem ausgrenzenden Verhältnis was geworden. Die schlecht
behandelte
Bevölkerung hat selbst eine Widerstandsbewegung hervorgebracht und
Sympathisanten – nicht zuletzt im Libanon -, die ein antiisraelisches
Selbsthilfeprojekt gewalttätig unterstützen.
— Ich
habe die Spiegelstriche auf dem
Zettel so verstanden: Es ist eine Sache, darüber zu reden, wie Israel
seine
Einheit von Volk und Staat definiert, und eine andere Sache ist die –
gar nicht
unterschieden von anderen Nationen -, wie die Staatsräson gestrickt
ist. Dies
ist Punkt b: Wieso ist in der Staatsräson jedes Staates der Grund,
militant zu
werden, enthalten – und besonders dann, wenn's erst um die Gründung
geht.
Anders als militant kommen sie gar nicht zur Welt.
Deswegen steht da auch: Nicht die Grundbestimmungen selber –
ausschließend Land und Leute in Besitz zu nehmen, Nichtdazugehörige
auszugrenzen – unterscheiden Israel von anderen Staaten. Sondern die
Brutalität, die diesem Prinzip innewohnt, wird deutlich, wenn dieser
Staat
gegen feindliche Organisationen (Pkt. 1) vorgeht; wenn er also nicht
bloß wie
bisher und immer noch eine hilflose Restbevölkerung drangsaliert. Im
Westjordanland führt er keinen Krieg, sondern da ist Ausgrenzung der
Alltag
dieser Leute. Die Brutalität dieser Gewalt wird in einem Krieg
besonders
sinnfällig, wenn wie hier der Staat Israel den Widerstand gegen seine
Selbstbehauptungspolitik bekämpft. Da kommt eine Definition staatlicher
Sicherheit ins Spiel, die über das bloße Ausgrenzen hinausgeht.
— Kann man denn
sagen, dass die Separatisten-Verfolgung oder -Bekämpfung in
demokratischen Staaten,
das wird immer als besonders brutal wahrgenommen, so was ähnliches auch
sei?
Ja, wie machen sich Separatisten bemerkbar? Die fangen nicht
höflich an mit Anträgen: Sie wollen ihre eigene Sprache sprechen oder
einen
eigenen Regierungsbezirk haben, dann möchte z. B. Franken ein eigenes
Bundesland werden. Wenn Separatisten einen eigenen Staat anstreben,
bestreiten
sie dem zuständigen Staat sein Gewaltmonopol, und zwar nicht indem sie
Reden
halten und Briefe verfassen in der Art: 'Wir bestreiten dir dein
Gewaltmonopol,
herzliche Grüße die fränkische Befreiungsbewegung', sondern indem sie
das
praktizieren, indem sie Anschläge verüben auf alles, was nötig ist fürs
Funktionieren eines Gemeinwesens unter staatlicher Kontrolle. Sie
machen
dasselbe, was z. B. Israel jetzt im Nachbarland anstellt; nicht, weil
es den
Separatismus dort beflügeln will, sondern weil es eine Staatsgewalt
zerstören
will, weil die dem eigenen elementaren Sicherheitsbedürfnis nicht
Genüge tut.
Da kann man studieren, wie's zugeht, wenn eine Staatsgewalt die andere
zerstören will. Da verhaften sie nicht einfach den Ministerpräsidenten,
sondern
sie zerstören das, was für ein ziviles Leben unter der Kontrolle und
als Basis
fürs Funktionieren des als feindlich definierten Gemeinwesens nötig
ist. Es ist
lächerlich, wenn Leute sagen, sie müssten doch nicht auch noch das
Elektrizitätswerk kaputtmachen, oder den Öltank bombardieren, so dass
alles ins
Meer läuft und die ganze Küste unbrauchbar wird. So wird ein Staat über
seine
Machtbasis bekämpft: das sind Land, Leute und die Funktionstüchtigkeit
des
Gemeinwesens. Das gehört alles zur Erläuterung des Kriegszweckes.
— Grund und
Zweck verhalten sich dann so, wie diese Ausgrenzungspolitik, die von
der
Exklusivität des Anspruchs auf Land und Leute herrührt und die ein
Staat
allgemein immer ausübt. Von dem Anspruch her ist die Sicherung und
Durchsetzung
dieses Anspruchs der Zweck.
Ja, es sind Zwischenargumente auf dem Zettel unterstellt,
die stehen nicht alle dort. Aber wenn man sich fragt, welcher Zweck
dieses
Krieges, mit dem wir's jetzt zu tun haben, wird an dem Vorgehen Israels
ersichtlich, da ist das erste: Organisierter Widerstand wird
vernichtet.
Da hat man auch schon: Wenn eine Miliz 'Staat spielt' – das ist ja der
Vorwurf
an die Hisbollah, sie führt sich als Staat im Staate auf; Leute sind
auf ihrer
Seite; das ist keine kleine fremdartige Organisation, sondern die ist
quasi die
politische Zusammenfassung der dort lebenden Bevölkerung, also sie ist
wirklich
so was wie ein Staat, und die Miliz ist so etwas wie die Armee dieser
Bevölkerung, und die vorstehenden Scheichs und Mullahs sind so was wie
die
Regierung dieses Volksteils ‑, dann ist dies im wesentlichen darin von
einer
ordentlichen Regierung unterschieden, dass niemand sie als solche
anerkennt.
Dies wird so bekämpft, wie eine Bekämpfung von staatlicher Gewalt
vonstatten
geht: Deren Land und Leute werden vernichtet. Die Bevölkerung wird
terrorisiert, damit sie dieser 'selbsternannten' Obrigkeit Hisbollah
nicht mehr
länger anhängt. Terrorisieren ist Abschrecken auf Lateinisch. Deswegen
wurde
hier schon auf Separatismus verwiesen: Der geht mit denselben Methoden
vor, in
der Regel nicht mit so großer (staatlicher) Wucht. Jetzt hat man hier
einen
Krieg gegen einen Staat im Staat und der wird geführt, wie Staaten
untereinander Kriege führen, indem man die Machtbasis des Konkurrenten
zerstört. Der Zynismus, alle Brücken kaputtmachen und sich dann fragen,
warum
die Leute nicht abhauen, bevor sie niedergebombt werden, gehört zu den
Schönheiten von Kriegen, der hat nun mal einen gewissen
Brutalisierungseffekt.
Den Widerstand vernichten, das zielt erklärtermaßen auch auf
Syrien und Iran, enthält also gleich den Anspruch, Israel möchte sich
in die
Position der Macht im Nahen Ost bringen, der keine andere Nation dort
militärisch das Wasser reichen kann. Die diejenige Macht ist, die dort
über
Krieg und Frieden entscheidet, gegen die keine andere Macht
sich was
traut, sich einen Krieg leisten kann. Israel will die einzige Macht
sein, die
sich in dieser Region einen Krieg leisten und führen kann, wenn sie es
für
nötig hält.
Das sind zwei Zielrichtungen, sie greifen ja (noch) nicht den
Iran an (das wäre dann ein anderer Krieg), den Vernichtungskrieg führen
sie
gegen die Hisbollah. Die politische Zielrichtung dieses Vorgehens ist
die Vernichtung
einer Machtposition Irans und Syriens. Das zielt auf das, was diese
beiden
Staaten noch an Einfluss in der Region haben. Wird den Schutzmächten
ihr
Schützling vernichtet, dann ist das eine materielle Schwächung für
diese, sie
haben dann niemanden mehr, der für sie den Feind bekämpft. Dies noch
mal zu
Punkt a, wo die verschiedenen Stoßrichtungen des Gemetzels
unterschieden werden
sollten. Die Chancenlosigkeit von Feindschaft sicherstellen heißt
umgedreht,
die alleinige Fähigkeit zum Kriegführen sicherstellen. Mit der
Bekämpfung der
Terrororganisationen setzen sie sich auch in ein Verhältnis zur
offiziellen
Obrigkeit, die über denen thront, zum libanesischen Staat und zur
palästinensischen Autonomie, die sind nicht selber Adressaten dieses
Vernichtungskrieges, aber sie kriegen zu spüren, dass von Israel kein
Unterschied gemacht werden kann, zwischen dem, was unter ihrer
Verantwortung
passiert, und ihnen selbst, sie werden materiell haftbar gemacht. Ein
Staat,
der nicht in der Lage ist, Israel feindliche Terrorgruppen zu ersparen,
wird in
die Vernichtung miteingeschlossen. Das ist die Logik, die Räson des
israelischen Vorgehens. Sie sind nicht Adressat in dem Sinn, dass sie
als
solche kaputtgemacht werden sollen, aber indem sie Israels Sicherheit
nicht
garantieren (können). Dann kann auf diese Staatsgewalt keine Rücksicht
genommen
werden, dann gehört sie bestenfalls ersetzt. Es ist ja kein
Entweder-Oder:
Entweder ihr beseitigt die Hisbollah oder wir machen es. Da stellt sich
Israel
jetzt auf den Standpunkt, das hat die libanesische Regierung nicht
getan, wir
haben sie oft genug dazu aufgefordert. Weil sich die libanesische
Regierung als
inkompetent erwiesen hat, wird sie in dem Sinn auch zum Adressaten.
Im parallelen Fall der Präsidentschaft des Abbas hat man
drastisch, dass Israel gar nicht ernstlich darauf setzt, hier wäre eine
Macht
über den Palästinensern, auf die wir als unseren Sicherheitsgaranten
setzen.
Abbas beschwert sich zurecht, dass Israel alle seine Anstrengungen,
sich
durchzusetzen, zunichte macht. Also auch den benachbarten Gemeinwesen
gegenüber
macht Israel jetzt eine militärische Politik nach der Logik: Für unsere
Sicherheit, also für die Vernichtung von militantem Widerstand aus
diesen
Ecken, sorgen wir selbst. Und wenn dort zuständige Autoritäten kaputt
gehen,
geschieht’s ihnen recht. Denn die stehen dem im Weg, dass Israel seine
Sicherheit
selbst in die Hand nimmt. Das wäre als 2. Punkt zu erklären, dann die
Ausweitung der hier nicht aufgeführten Überlegungen, Israel will sich
aufbauen
als die einzige kriegsfähige Macht in der Region, d. h. man ist
die
Macht in der Region, die sich nicht abschrecken lässt, die ihrerseits
eine
wirkliche Entscheidungshoheit über das Kriegführen besitzt. Der letzte
Punkt
geht auf die weltpolitische Weiterung dieses Vorgehens, das kommt noch
mal
unter dem Punkt USA.
Das
Sicherheitsbedürfnis Israels wäre nicht anders, wenn es sich als
fertiger Staat
definieren würde. Wo kommt dieses extensive Sicherheitsbedürfnis her:
Ein Staat
lässt sich auch noch so machtlose Widerspenstigkeit nicht gefallen?
Wenn man
weiter fragt: Warum denn nicht?, ist die banale Antwort: Weil er sich
als Macht
aufbaut über Land und Leute und in dem elementaren Punkt – sich den
exklusiven
Besitzstand von niemandem streitig machen zu lassen – absolut
kompromisslos
ist. Die Kompromisslosigkeit dieses Standpunkts wird an der jetzt
praktizierten
Sicherheitspolitik Israels so deutlich.
— Wie kriegt
man den Bogen vom Willen zur alleinigen Machtausübung in einer Region
zur
brutalen Sicherung des eigenen Gewaltmonopols als Prinzip des Staates.
Wie weit
geht das? Oder in dem Sinn: Eine regionale Vormacht zu sein ist nicht
per se
gleichbedeutend mit dem genannten Sicherheitsbedürfnis.
Doch, weil es verschiedene Wege gibt. Wenn ein Staat sich so
aufbaut (nicht historisch gemeint) als Gewaltmonopol, das nicht
angefochten
sein will, dann duldet er nicht, dass seiner Existenz oder das, was er
als sein
vitales Interesse definiert, Bedingungen gesetzt werden von außen. Wenn
der
Staat Land und Leute okkupiert und den Anspruch erhebt: Das ist meine
Machtbasis, mit der setze ich mich in dieser Welt durch – wenn er sich
so
aufbaut, lässt ein Staat sich dafür keine Bedingungen stellen, tritt
aber umgekehrt
allen anderen Staaten mit dem Standpunkt gegenüber: Ob ich euch eure
Souveränität zuerkenne, behalte ich mir vor. Das ist der Widerspruch
jeden
Staates, dass er seinen Nachbarn gegenüber das unbedingt beansprucht,
wofür er
selbst den anderen Staat Bedingungen setzt.
— Das gilt für
jeden Staat. Israel führt aber besonders viele Kriege, da muss noch was
dazukommen?
Gut, es ist nicht an der Tagesordnung, dass Staaten ständig
ihre Grenzen verschieben wollen. Nur man beobachtet doch auf der
anderen Seite,
was Staaten dafür, dass man ihnen ihr Existenzrecht nicht bestreitet,
alles für
nötig halten. Da hat man nicht bloß die Notwendigkeit, dass alle
Staaten (bis
auf 5) ein Militär unterhalten, sondern findet auch, dass nicht jeder
Staat in
seiner Region die absolute Vormacht sein will. Die andere Seite dazu
ist, dass
Staaten sich untereinander zusammentun, sich mit anderen in
verschiedenartige
Bündnisse begeben, um sich untereinander einer grundsätzlichen
Anerkennung zu
versichern und damit als Ensemble gegen Dritte außen ihre Sicherheit zu
gewährleisten. In der Nato ist diese alte Tradition die letzten 40
Jahre schön
realisiert. Von der Einsicht getragen, dass nicht alle kapitalistischen
Großmächte als Weltmächte auftrumpfen können, gibt es andere Wege,
Sicherheitspolitik in diesem anspruchsvollen Sinn zu treiben. Einer der
Wege
ist, man tut sich zusammen gegen potentiell gefährdende Dritte. Die
Kunst der
Bündnisdiplomatie hat darin ihren Grund. Sich als Macht aufzubauen,
wenn man
sie nicht alleine hat, dann in einem Kollektiv, das möglichst der
eigenen Seite
die alleinige Kompetenz zum Kriegführen sichert. Das ist der
Gesichtspunkt des
Sicherns des eigenen Gewaltmonopols, nicht der Ausbreitung, um sich
immer mehr
Land zu greifen. Den Gesichtspunkt der Garantie, der Fähigkeit, keine
Bedingungen dulden zu müssen, hat man so exemplarisch an dem Fetisch:
das
Existenzrecht Israels. Darauf bestehen können: Niemand stellt mich mit
dem, was
ich als Staat will, infrage. Das schließt gewissermaßen die andere
Seite ein:
Ich behalte mir vor, das, was andere Staaten wollen, deren
Existenzrecht,
durchaus in Frage zu stellen.
— Was bedeutet
das für die besondere Gegend dort? Israel hat doch kein positives
Interesse an
der Benutzung der Nachbarländer, mit Verträgen, kap. Austausch etc.
Diese Sorte
Umgang ist dort nicht an der Tagesordnung. Auch die arabischen Staaten
sind
nicht damit beschäftigt, sich wechselseitig zu benutzen .
Das sind verschiedene Ebenen nationaler Politik. Israel hat
durchaus auch Handelsinteressen in seiner Umgebung. Es gab auch schon
Handelsverträge mit Libanon, sie haben sich auch als Handelsattaché für
die
Palästinenser betätigt. Nur, das ist eine neue Welt, wenn Staaten sich
auf
ihren Sicherheitsstandpunkt stellen. Ein Staat definiert seine
Sicherheit sehr
anspruchsvoll. Gegen alle anderen will er die Anerkennung seiner
Existenz
bedingungslos durchsetzen. Das Handeltreiben hört dann nicht auf,
sondern die
Frage: Wie steht es um die garantierte Anerkennung?, ist eine Ebene
drüber.
— Das kann man
auch auf die BRD oder jeden andern Staat anwenden. Das liegt aber auch
daran,
wie der Staat denkt voranzukommen. Die BRD hat's nicht nötig oder kommt
auf
ganz andere Weise in der Weltpolitik voran als Israel – mit dem
gleichen
Interesse wie Israel. Es ist keine Frage von größerer
Kompromisslosigkeit, oder
reines Sicherheitsinteresse. Die Deutschen bauen ihres auch immer mehr
aus,
aber trotzdem kommen sie im Moment in der Welt weiter, wenn sie auf
Kompromisse
eingehen.
Das kann man so nicht sagen. Die Bundeswehr ist doch auch
schon in ziemlich vielen Ländern unterwegs, von denen Deutschland
wirklich
nicht in Frage gestellt wird. Die Sicherheitspolitik der BRD hat z. Zt.
grad mal
mit dem Problem: Sie wird von einem anderen Staat infrage gestellt,
nichts zu
schaffen. Aber wenn Amerika von Deutschland einen Schulterschluss im
Krieg
gegen den Irak fordert, ist damit für es eine Sicherheitsfrage
aufgeworfen.
Wenn unsere Verteidigungs- und Innenminister gemeinsam eine
terroristische
Gefährdung der BRD postulieren, gegen die die Bundeswehr eingesetzt
gehört,
kann man das für übertrieben und absurd halten, aber aus deren Optik
diagnostizieren sie eine Weltlage, in der der Bestand der BRD infrage
gestellt
wird (das ist noch lächerlicher als die Infragestellung Israels durch
die
Hisbollah). Aber wenn sie sagen, dass das eigentlich eine
Kriegssituation sei
und Deutschland z. B. für den Fall vorsorgen müsse, dass Terroristen
ein
Flugzeug kapern und damit in ein Fußballstadion fliegen, deshalb
Vorsorge
getroffen werden müsse, es abschießen zu können, und wenn das
Bundesverfassungsgericht
das nicht erlaubt, muss klargestellt werden, dass das eigentlich eine
Kriegssituation ist – da merkt man, dass bei diesen Sicherheitsfragen
jeder
Staat per se Kräfte in der Welt kennt, die seine Existenz infrage
stellen. Da
werden sie alle so fundamentalistisch. Da müssen notfalls auch die
eigenen
zivilen Opfer ins Gras beißen, da wird aber vor allem sehr ausgreifend
für
Sicherheit gesorgt, z. B. durch die Okkupation anderer Länder. Das mag
ja alles
humanitär (in die langen Gewänder von Karsai) eingewickelt sein, aber
die
Bundeswehr ist nach der Logik des Verteidigungsministers präventiv in
Afghanistan gegen eine potentielle Quelle eines Terrorismus, der den
Bestand
der Bundesrepublik u. U. auch gefährdet, tätig.
So wie von Afghanistan der kriegerische Angriff auf die zwei
Türme in New York losgegangen ist, was die Amerikaner als Kriegsaktion
definiert haben, d.h. es muss das Interesse dahinter stecken, die USA
als Staat
zu vernichten. Dies soll weder als versicherungstechnisches noch als
kriminaltechnisches Problem, sondern als Kriegsfrage genommen werden.
Darin
unterscheidet sich der Standpunkt Israels zu Sicherheitsfragen
gegenüber solch
friedliebenden Nationen wie der BRD oder der USA im Prinzip nicht. Auch
die
Bundeswehr ist in allen möglichen Weltgegenden präventiv gegen
Sicherheitsgefahren, die Kriegsqualität entwickeln können, zugange.
— Die
Sicherheitsfrage zu stellen ist keine Ideologie, die auf übertriebenes
Zuschlagen berechnet ist.
Dass der Staat Israel durch einen solchen Gegner ausgelöscht
wird, ist einerseits lächerlich. Andererseits merkt man daran, wie
fundamentalistisch und radikal Staaten werden, wenn’s um ihre
Sicherheit geht.
— Damit ist aber dort immer noch eine
Pattsituation.
Es ging jetzt
doch gar nicht
darum, inwieweit Israel Erfolg hat, sondern warum sie dies machen. Es
sollte
jetzt nicht um eine Einschätzung von Erfolg und Misserfolg gehen,
sondern ein
Schluss auf den Radikalismus eines Staates, wenn Sicherheit das Thema
ist,
gezogen werden. Bezogen auf alle offiziell verkündeten Zwecke, alle
Terroristen
zielgenau zu eliminieren, die Bevölkerung von ihrer Bevormundung durch
die
Hisbollah zu befreien, ist der Krieg ziemlich misslungen. Nach der
Logik
staatlicher Gewalt , sich nur auf sich selbst zu verlassen, ist ein
Staat nicht
als Lehrmeister unterwegs, Leute auf Linie zu bringen, sondern
überzeugt allein
durch Terror.
— Ist
es eine falsche Frage, warum die Israelis das gerade
jetzt machen?
Die Entführung
zweier Soldaten zum
Anlass zu nehmen für das jetzige Auftreten der Israelis gehört in die
Überlegungen bezüglich des Gemeinschaftswerkes der Israelis mit den
USA. Wenn
Israel sich aufbauen will zur einzigen Macht in dieser Region mit der
Freiheit
Krieg zu führen oder nicht, merkt man schon, dass es nicht allein steht
auf der
Welt.
— Die
Verbindung vom Sicherheitsinteresse zur Regionalmacht
fehlt noch.
Die Frage heißt, wie
ein Staat
seinen Sicherheits”wahn” exekutiert. Jeder Staat hat verschiedene
Optionen,
z.B. sich mit seinen Nachbarn zusammenzutun. Bei der EU geht es soweit,
dass
sie supranationale Institutionen gründen, eine Art, sich auf sehr hohem
Niveau
anheischig zu machen, nicht nur Regional-, sondern sogar Weltmacht zu
werden.
Die Sicherheit, die diese kapitalistischen Nationen brauchen, nämlich
aus
eigener Machtvollkommenheit füreinander einzustehen, klappt als
NATO-Anhängsel
nicht so recht. Dazu braucht es schon eine EU-Militärmacht. Dies ist
eine
Abweichung vom Gedanken, eine Regionalmacht zu werden. Die EU will
Weltmacht
werden auf gleicher Augenhöhe mit der USA.
— Mit
der Größe der Macht wächst demnach der Anspruch auf
Sicherheit.
Stimmt. Es gibt alle
möglichen Wege,
diesen Anspruch zu verfolgen.
— Die
Machtgröße wird durch größere Bündnisse vergrößert,
damit auch die Sicherheitsbedürfnisse.
Die Basis für alle
möglichen
Geschäfte ist eine Weltmacht, die in allen Weltgegenden Helfershelfer
haben
will. Saudi-Arabien geht bei seinem Versuch, eine Regionalmacht zu
werden,
einen anderen Weg als Israel oder der Irak. Die Logik dabei ist
allemal, aus
eigener Machtvollkommenheit zu verhindern, dass eine andere Nation die
Existenz
in Frage stellt. In der Regel funktioniert das nur mit dem Widerspruch,
sich
mit anderen Staaten zusammenzutun. Auch Israel agiert in diesem
Widerspruch. Es
baut sich einerseits auf als Macht, die auf nichts und niemanden
Rücksicht
nimmt, mit eigenen Mitteln für seine Sicherheit sorgt, andererseits
geht das
nur, weil und solange es sich auf die USA als Hintergrund und
strategische
Basis dafür, wie es sich aufführt, verlassen kann. Auch in diesem Krieg
kann
sich Israel nur auf sich selbst verlassen, weil es sich gerade nicht
nur auf
sich selbst verlassen kann und muss, da es letztlich Produkt,
Anhängsel,
nützlicher Partner der Weltmacht ist.
— Mir
ist noch nicht klar, was dieses Sicherheitsbedürfnis
mit der kapitalistischen Staatsräson zu tun hat.
Jeder Staat
beansprucht die
monopolistische Verfügung über die zwei elementaren Bedingungen seiner
souveränen Macht, Land und Leute. Die Art und Weise, wie in der
modernen Welt
ein Volk als Machtbasis funktioniert, so, dass es Maßstäbe setzt, was
eine
staatliche Macht können muss, um sich zu behaupten, ist die
kapitalistische
Verfassung von Nationen. Diese Maßstäbe bringen sich Nationen
wechselseitig
praktisch bei.
— Nach
diesen Maßstäben ist Israel noch nicht so weit.
Das kann man so
nicht sagen. Israel
will schließlich die einzige Macht in dieser Region sein, die zu
Kriegen fähig
ist. Das traut sie sich, allerdings immer in Abhängigkeit und
Korrespondenz zu
den USA, zu.
— Israel
repräsentiert in seiner Region den Standpunkt, als
kapitalistisch verfasste Nation und Freund Amerikas auf dem richtigen
Weg zu
sein.<
— Das,
was Israel jetzt imperialistisch
darstellen will, ist der Grund, weshalb sie sich so
aufführen. Worin liegt der Fortschritt, ganz praktisch ihre Sicherheit
in Frage
zu stellen?
Sie reizen aus, was
die
Waffenbrüderschaft mit USA für sie hergibt.
— In
diesem Krieg kämpft Israel selbst darum, einen neuen
Status in dieser Region zu erhalten.
Dieser Freibrief für
den jetzigen
Krieg steht unter dem Motto, nicht wieder eine Zwischenlösung, die nur
die
alten Zustände reproduziert, sein zu sollen, die das Terrorismusproblem
nicht
aus der Welt schafft. Wenn ein Frieden oder auch nur ein
Waffenstillstand
geschlossen wird, soll das so etwas wie ein Neustart in dieser Region
sein.
Daran merkt man, wie sehr Israel sein Vorankommen ausreizt. Israel
definiert
nicht den Terrorismus neu. Sie bezeichnen den Widerstand, der sich
ihnen
entgegenstellt, als Terrorismus. Was die Methoden betrifft, ist dies
trivial,
den Zweck betreffend eine ziemlich brutale Abstraktion, da der
politische
Willen der israelischen Gegner nicht vorkommt.
— Das
ist eine Entpolitisierung des Gegensatzes zur Hamas. Zu
sagen, was die Hamas macht, sei keine Politik, sondern der reine
Terrorismus,
betrifft insoweit jeden Staat, der sich in seinem Sicherheitsbedürfnis
angegriffen fühlt. Das Vorgehen gegen die Souveränität in den eigenen
Landesgrenzen hat keinerlei Berechtigung und gehört entsprechend
bekämpft.
Es ist sogar ein
Zeichen staatlicher
Schwäche, wenn dieser zugeben muss, dass eine Terrororganisation ein
politisches Anliegen hat, über das man sich mit denen verständigen
könne. Als
weiteres Beispiel kann man den Vorwurf der spanischen Opposition an
ihre
Regierung, mit den Basken zu verhandeln, benennen. Dies wäre ein
Zeichen von
Schwäche. Stärke wäre es nur, diesen Separatismus pur auf Terror zu
reduzieren
und dementsprechend zu behandeln, nämlich zu vernichten. Der spanische
Staat
definiert das Baskenproblem nicht einfach aus Schwäche anders. Man kann
dies
aber den Spaniern überlassen. Festzuhalten bleibt, wenn Sicherheit pur
das
Thema ist, dann wird einem Widerstand jeder politische Zweck
abgesprochen. Die
Frage, sich mit jemandem ins Benehmen zu setzen, stellt sich dann
nicht. Wenn
Staaten ihr Sicherheitsbedürfnis anmelden und dann einem Feind doch
einen
verhandelbaren Zweck zugestehen, rücken sie auch mal von ihrem
Fundamentalismus
der Sicherheit ein Stück ab. Deswegen gibt es immer wieder mal die
Überlegung,
ob für die Befriedung eines Konfliktes das pure Draufschlagen die beste
Lösung
sei. Ansonsten kommt für eine Sicherheitspolitik, die sich mit einem
Feind
rumschlägt, nur bedingungslose Kapitulation in Betracht. Der Staat
behält sich
vor, welche Bedingungen er in die Anerkennung der anderen Souveräne
einbaut,
wogegen die anderen Staaten die eigene Souveränität bedingungslos
anerkennen
sollen.
Jetzt kommt es noch
darauf an, wie
die Sicherheit definiert wird und dass darum auch konkurriert wird. Die
Kompromisslosigkeit des Vorgehens hat eine neue Stufe erreicht. Wenn
ein Staat
um seine Sicherheit besorgt ist, kann z.B. ein
Entwicklungshilfeminister
losgeschickt werden mit dem Auftrag, Dorfgesellschaften im Kongo zu
gründen,
damit das Land befriedet wird, womit irgendein potentielles
Sicherheitsproblem
aus der Welt ist. Auch die Zufuhr von Migranten kann ein Staat als
unerwünschtes
Sicherheitsproblem definieren, deshalb einen Migrationskodex mit
anderen
Staaten vereinbaren. Sicherheit wird dann zum Etikett für alle
möglichen
umstrittenen Interessen einer Nation. Ausgangspunkt ist ein Krieg, der
ein
Licht auf einen Staat mit einem fundamentalen Sicherheitsproblem wirft,
dessen
Existenz er bedroht sieht, der vielleicht auch eine Chance sieht, das
ständige
Bestreiten seiner militärischen Sicherheit durch eine feindliche Miliz
zu
unterbinden. Dann wird Sicherheit sehr ernst genommen, die sich dann so
definiert, dass dieser Staat aus eigener Machtvollkommenheit die
Bedingungen
seiner Existenz garantieren kann und jede Infragestellung mit eigener
Gewalt
aus der Welt schaffen können will. Dieser Wille ist für keinen Staat,
nicht
einmal für die Weltmacht Nr.1, einfach zu realisieren. Auch die USA
verschafft
sich weltweit Verbündete, um sich ihrer Sicherheit auf dem ganzen
Globus auch
sicher sein zu können. Der Sicherheitsanspruch Israels ist von gleichem
Kaliber, nämlich mit ihrer eigenen Armee in der Region ihre
Sicherheitsinteressen gegen alle Anfeindungen durchsetzen zu können.
Sowohl
materiell wie darauf bezogen, was Israel sich weltpolitisch
herausnehmen kann,
ist es aber angewiesen, dass die USA hinter ihm steht.
Im Punkt b) soll es
jetzt darum
gehen, wie sich Israel in seiner Umgebung aufbaut. Welchen Grund hat
von Israel
aus betrachtet die Feindschaft, der es sich gegenüber sieht. Die
Besonderheit
Israels ist dieses sich Implantieren und das ’Sich dauernd an der
Ausgrenzung
eines Bevölkerungsteils im eigenen Territorium zu Schaffen machen’.
Es gibt immer mal
wieder die
Forderung, das Palästinenserproblem anders zu lösen. Vom Standpunkt der
israelischen Staatsräson, dem Landnahmeprojekt, ist dieses Problem
nicht
kompromissfähig. Zumindest bis neulich hat die israelische Politik die
Frage
offen gehalten, ob wirklich die ganze Westbank eigentlich zu Israel
gehört und
die Palästinenser auch von diesem Gebiet ausgegrenzt gehören, oder ob
man doch
einen Kompromiss, denen dort ein Daseinsrecht zuzugestehen, finden
muss, und
die Frage der Anwesenheit von Palästinensern auf der Westbank von dem
fundamentalen Sicherheitsproblem des Staates trennen und das
kompromissmäßig
vereinbaren kann. Scharons Projekt der Grenzziehung nach eigenem Gusto,
die
Palästinenser auf Teilen der Westbank einzusperren, sie dort zu
Bedingungen,
die Israel diktiert, zu belassen, war – und ist vielleicht noch – die
Kompromisslinie Israels, was auch lange Zeit innerhalb Israels
Streitgegenstand
war. Palästina sollte nach den israelischen Sicherheitskriterien so
etwas wie
ein Gemeinwesen gründen können, sich auf einem Territorium einsperren
lassen.
Und dies sollten die Palästinenser auch als ihren Staatsgründungswillen
anerkennen. Zumindest im GAZA-Streifen bewerkstelligt dieser Krieg
zunächst
einmal die Zerstörung aller Ansätze zu einem palästinensischen
Gemeinwesen auf
diesem kleinen Landstrich unter dem Gesichtspunkt des auszurottenden
Terrorismus.
— Mit
dem Einsperren ignoriert Israel, dass Palästina einige
wesentliche Voraussetzungen für ein Gemeinwesen fehlen, weshalb der
Widerstand
der Betroffenen nicht nachlässt.
Das
ist aber kein Widerspruch des Projekts. Es ist nicht so, dass es die
Israelis
nicht kümmert, dass das kein Staat ist, das ist vielmehr genau ihr
Projekt.
Israel sieht sich dazu herausgefordert, dass den Palästinensern nichts
anderes
bleibt als damit zufrieden zu sein. Deswegen täuscht man sich, wenn man
meint,
dass die Zulassung eines palästinensischen Staates den Widerspruch
auflösen
würde. Die Vorstellung ist leitend, dass doch Staaten nebeneinander
existieren,
ohne beständig Grenzfragen zu wälzen. Diese Vorstellung ist vom
israelischen
Standpunkt aus noch viel irrealer, weil die so rechnen, dass wenn die
Palästinenser
außerdem noch souverän sind, sie ja gar nichts mehr hindert, die
israelische
Existenz zu bestreiten. Die Rechnung, dass ein eigener Staat die Leute
friedlich machen würde, geht nicht auf. Im Gegenteil. Dann steht ein
ganzer
palästinensischer Staat da, der seinerseits genauso den Anspruch hat,
Sicherheitspolitik zu betreiben, sich sein Umfeld gefügig zu machen,
und der
natürlich sofort nach staatlichen Helfern Ausschau hält, die ihn aus
seinem
Eingesperrtsein in israelische Oberhoheit erlösen. Dann kocht das
Sicherheitsproblem
vom israelischen Standpunkt aus erst richtig hoch. Als Staat ist
Palästina
Mitglied in der UNO, kann mit Chavez ein Bündnis schmieden,
nordkoreanische
Raketen kaufen und so zu. Sachlich falsch ist, dass ausgerechnet Staat
ein
Befriedungsmittel für den Staatswillen einer solchen Minderheit wäre,
das wäre
die Überführung von Miliz in Armee, das wäre zwar ein Moment von
Anerkennung,
aber friedlicher wird das Ganze dadurch nicht.
— Das nimmt auch die vorher geführte
Diskussion zurück, weil
es gerade darum ging, in dem israelischen Vorgehen das Allgemeine
festzuhalten,
dass das für Israel ein feindlicher Volksteil ist, ein feindlicher
Staatswille
ist und ein Gebiet, auf das Israel Zugriff haben will.
— Fragen, die in die Richtung gehen,
warum das
Palästinenserproblem nicht lösbar ist, lassen außer acht, dass das ein
Palästinenserproblem ist und nicht eines, was Staaten allgemein mit
ihrer
Umgebung, ihrem Willen und ihrem Staatszweck haben.
Wenn man es mal von der anderen
Seite her betrachtet – gerade apropos, das wäre doch eine Lösung, man
schenkt
denen einen Staat – Libyen und der Iran sind fertige Staaten und als
fertige
Staaten Gegner Israels. Das Prinzip ist dasselbe wie bei Israel, sie
haben auch
ihre Sicherheitsprobleme und kennen für deren Lösung in letzter Instanz
nur
eins: Sie müssen sich die nötige Gewalt beschaffen, um Herr ihrer
Existenzbedingungen zu werden. Deswegen ist es so unglaubwürdig, wenn
die
Mullahs im Iran die Absicht einer Atombombe dementieren. Staaten sehen
sich
anderen Staaten gegenüber, die kompromisslos darauf bestehen, dass ihre
Anerkennung bedingungslos sein muss, auf der anderen Seite aber
die Anerkennung
von ihresgleichen immer mit Bedingungen befrachten. Das ist ein
theoretisch schwieriger Punkt, weil man immer versucht ist, an der
Stelle, wo wir
jetzt theoretisch sind, umzukippen und auf den scheinbar einfacheren
Gedanken
zu kommen: Mit ihrer Sicherheitspolitik reagieren die Staaten auf
Bedrohungen.
Das ist ein erzpolitologischer Gedanke, der aber nahe liegt, weil
staatliche
Sicherheitspolitik ohne Sicherheitsproblem schwer zu denken ist. Aber
wenn man
schon bei dem Schluss ist – jede Sicherheitspolitik unterstellt ein
Sicherheitsproblem – muss man sich weiter fragen: Wo kommt das Problem
her?
Doch nur von anderen Staaten oder von einem Staatswillen, wie ihn die
Milizen
repräsentieren. Und dann wäre es theoretisch eine schlechte Lösung,
sich darauf
zurückzuziehen, dass das offenbar ein Zirkel ist.
— Die Israelis nehmen das Prinzip
aller Sicherheitspolitik
ernst, indem nur sie selbst definieren wollen, was sie mit den
Palästinensern
machen. Das hat allerdings einen Rückbezug, dass sie sagen, sie wollen
nicht
dauernd mit anderen Staaten reden müssen, die ihnen da reinreden. Sie
wollen
mit dem Krieg erzwingen, dass die Welt anerkennt, dass das, was mit
Palästina
passiert, einzig und allein ihre Sicherheitsdefinition ist, und dass
die auf
sie gerichteten Waffen ihrer Definition anheim fallen, nämlich
Terrorismus zu
sein, also keinen politischen Grund zu haben. Das ist was Neues.
Der Witz ist nicht, dass es was
Neues ist. Die eine Abteilung ist der Hinweis darauf, was ist, wenn
Sicherheitspolitik
angesagt ist – dazu später noch was. Das andere ist, wie dieser
Übergang zur
Eskalation von Gewalt derzeit von israelischer Seite aussieht. Das sind
die
ersten vier Punkte in dem Papier: Den Widerstand endgültig vernichten,
damit
die Rücksichtslosigkeit praktizieren gegenüber den zuständigen
Regierungen, die
staatlichen Hauptfeinde schwächen und zugleich der Welt klar machen,
was für
ein Kaliber man als Israel ist, was alles darauf beruht, dass man die
USA auf
seiner Seite hat. Jetzt mal zur Staatsräson der letzten Israelfeinde;
die haben
auch ihr Sicherheitsproblem. An dieser Stelle noch einmal ein Hinweis
auf das
theoretische Problem. Es liegt nahe, hier zirkulär zu denken, weil man
ein
Sicherheitsbedürfnis schlecht denken kann ohne eine Sicherheitsgefahr,
die
Sicherheitsgefahr aber immer von einem anderen Staat und dessen
Sicherheitsbedürfnis ausgeht. Da gerät man leicht in ein zirkuläres
Denken. Die
Staaten praktizieren gewissermaßen einen sich fortspinnenden Zirkel,
aus lauter
Sicherheitsbedürfnis gefährden sie einander und das ist schon sehr nah
an dem
Gedanken dran, es dann doch auch wieder lassen zu können. Die Auflösung
ist ja
auch nicht der Zirkel, sondern der Standpunkt souveräner Gewalt, keine
Bedingungen zu akzeptieren für die eigene Existenz als exklusiv
zuständige
Gewalt und zugleich allen anderen gleichartigen Mächten gegenüber zu
treten und
da durchaus Bedingungen namhaft zu machen, unter denen man das
Existenzrecht
anderer anerkennt. Ganz abstrakt gesagt: Das ist der Widerspruch einer
höchsten
Gewalt, wie dieser Widerspruch ausfällt, ob er gewissermaßen nur
virtuell ist,
also an der Abstraktion ‚höchste Gewalt’ haftet und das ‚höchste
Gewalt’ immer heißt,
man ist Herr der Bedingungen, die man anderen setzt, und es selber
nicht
duldet, welche gesetzt zu bekommen, also ob das quasi ein ganz
abstraktes,
aktuell nicht verwirklichtes Prinzip zwischen den Staaten ist – oder ob
sich
das aufbaut zu einer globalen Sicherheitsarchitektur, das hängt ganz
davon ab,
wie Staaten miteinander umgehen und was sie alles miteinander zu tun
kriegen.
Dass sie sich in dem Sinn wechselseitig ausschließen, mag für die
längsten
Perioden der Weltgeschichte für die Staaten egal gewesen sein, weil sie
einander gar nicht gekannt haben – die Inkas hatten mit den Spaniern
kein
Sicherheitsproblem, bis die Konquistadoren dorthin kamen. Aber
heutzutage haben
Staaten laufend weltweit Sicherheitsprobleme mit anderen Staaten,
sowohl in dem
Sinn, dass sie sich wechselseitig helfen und unterstützen, wie in dem
Sinn,
dass sie sich gegeneinander vorsehen . Und dass das Sicherheitsproblem
für
jeden Staat so akut und global ist, ist ein Werk der modernen Befassung
der
kapitalistischen Nationen miteinander und mit dem Rest der Welt.
In
dem Sinn kann man auch das Sicherheitsproblem, das Iran und Syrien mit
Israel
haben, mal genauer anschauen. Woher kommt das denn? Jedenfalls nicht
einfach
daher, dass jemand einem Israeli etwas weggenommen hätte. Das
Sicherheitsproblem von Syrien mit Israel hat seinen Grund nicht in der
Besetzung
der Golanhöhen, und das Sicherheitsproblem des Iran resultiert schon
gleich
nicht aus irgendeiner Landnahme durch Israel. Dass diese beiden Länder
solche
Sicherheitsprobleme mit Israel haben, entstammt einem Bezug aller
Nationen
aufeinander und der ist Produkt dieser modernen imperialistischen
Weltordnung,
nämlich – s. Punkt 3 und 4 – was dazugehört, heutzutage Staat zu
machen.
Irgendwelche Gemeinwesen gibt es ja überall und wenn es die Stämme im
Kongo
sind, aber aus denen einen Staat zu machen, der sich in der Welt von
heute
sehen lassen kann als Regierungsgewalt über Land und Leute, dazu gehört
allerhand, nämlich so etwas wie eine staatsnützliche Ausnutzung von
regiertem Volk
und der Wirtschaft, die auf dem Gelände zu machen ist; dazu gehört
Beteiligung
am internationalen Austausch zum Nutzen der eigenen Nation. Das ist es
ja, was
die Staaten materiell in Beziehung zueinander bringt und was sie an
Sicherheitsproblemen miteinander haben. Es erwächst aus diesem globalen
Bezug
aller Staaten aufeinander als politische Subjekte, die voneinander
etwas wollen
und die einander etwas zu bieten haben. Alle heutigen Staaten sind
Manövriermasse imperialistischer Benutzungsinteressen, die sich selber
in
diesen Benutzungsverhältnissen als staatliche Subjekte einrichten und
behaupten
wollen, und daraus erwachsen die globalen Sicherheitsinteressen
moderner
Staaten, denn das Subjekt-Sein in diesem weltweiten Verkehr schließt
automatisch den Anspruch mit ein, sich dann in dieser Welt nach deren
Maßstäben
und mit deren Mitteln zu behaupten. Und diesbezüglich haben es Staaten
wie
Syrien und der Iran ziemlich schwer. Sie stehen vor der Alternative,
sich im
Interesse ihrer nationalen Eigenständigkeit um der Beschaffung der
nötigen
Mittel willen unterzuordnen oder auf so etwas wie nationaler
Eigenständigkeit
zu bestehen und mit der Frage konfrontiert zu sein, wo man dann die
Mittel
herkriegt. Das Dilemma für Staaten dieses Kalibers ist also, dass sie
Mittel
moderner Staatlichkeit brauchen, wenn sie in dieser Weltordnung etwas
werden
wollen, und zwar auf dem Niveau, das die Weltmächte ihnen vorgeben,
sowohl, was
die wechselseitige Benutzung der Nationen betrifft, als auch, was ihren
Sicherheitsbedarf gegeneinander betrifft. Beispiel Kosovo: Die
Kosovaren wollen
einen eigenen, autonomen, niemandem hörigen Staat und das einzige
Mittel, das
zu werden, ist Hörigkeit gegenüber der EU. Das Beispiel Iran ist
etliche Stufen
höher angesiedelt. Aber da heißt es auch, um sich in dieser Welt
durchzusetzen,
muss man sich – vom Mullah-Standpunkt aus – auf ziemlich viel
Widrigkeiten
einlassen, auf Geschäftsbeziehungen mit allerlei Ober- und
Unterteufeln, auf
ein Weltgeld und Geschäftsverkehr, der im Koran nicht vorgesehen ist,
und man
braucht Zugriff auf Technologien der Gewalt, die man sich in diesem
ekelhaften
Ausland einkaufen muss.
— Letztes Mal wurde gesagt, der Staat
will seinen
Machtanspruch betätigen und dafür ist ihm die Ökonomie nur das Mittel.
Das ‚Nur’ würde ich weglassen,
denn dafür ist eine Ökonomie vonnöten, die nicht aus Selbstversorgung
von
zufriedenen Fellachen zu holen ist, sondern eine, die Beteiligung am
Weltgeschäft einschließt. Das Verrückte ist, für ihre Machtinteressen
brauchen
die Staaten eine materielle Basis und die ist heutzutage so
anspruchsvoll, dass
gerade die emanzipationswilligsten Newcomer in der Weltordnung sich
selber als
kapitalbedürftig bekennen müssen – da hat man den Widerspruch des
Staatswillens
heute: einen Staat aufmachen und gleichzeitig einen Mangel anmelden,
der von
auswärts zu beheben wäre. Zum Beispiel der Vaclav Klaus, der
autonomiesüchtige
Präsident von Tschechien, dessen Standpunkt ist: Wir sind doch nicht
aus dem
Warschauer Pakt ausgetreten, um uns in der EU wieder als staatliches
Nichts
vorführen zu lassen. Er muss Kapitalbedarf anmelden und überall in der
ungeliebten EU Werbung machen, damit deren Kapital nach Tschechien
kommt und
dort Geschäfte macht. Und das betrifft jetzt ‚nur’ die ökonomische
Grundausstattung eines modernen Staates, das, was er mindestens
braucht, um
sich überhaupt als Staat aufbauen und sein Volk nützlich machen zu
können und
so etwas wie eine souveräne Macht darzustellen, die ernst genommen wird
von der
Umgebung. Wenn man dann noch das Sicherheitsproblem dazudenkt, wird es
ganz
dramatisch, denn dann sind die Staaten heutzutage in eine Weltordnung
hineingestellt, wo sie ziemlich viele Mittel brauchen, um sich als
Souveräne
überhaupt aufführen zu können, und zugleich mit einer Sachlage
konfrontiert
sind, dass sie nämlich aus eigener Kraft diese Mittel nie
zusammenbringen. Die
europäischen Staaten zum Beispiel suchen in der EU den Weg, den
Widerspruch
zwischen nationaler Emanzipation und Mangel an Mitteln zu lösen. Man
tauscht
gewissermaßen Stücke der nationalen Autonomie gegen materielle Basis,
durchaus
auch in Richtung auf materielle Ausstattung für eine respektable Macht
auf der
Welt. Und es gibt dann die Korrespondenz, dass die europäischen
Großmächte Wert
darauf legen, viele Staaten um sich zu sammeln, um so etwas wie eine
Weltmacht
aufzubauen.
Staaten wie Syrien, der Iran und
ursprünglich viele arabische Staaten stehen noch viel mehr vor
demselben
Widerspruch: Um sich in der Welt von heute nach den Maßstäben von heute
zu
behaupten – und das wollen sie -, dürfen sie es mit der
Selbstbehauptung als
Nation nicht übertreiben, denn sie müssen sich dafür ja Mittel
beschaffen, die
sie selbst nicht haben; sie müssen sich einordnen; und einordnen
bedeutet
gerade für diese Staaten – da es nach den Maßstäben geht, die die
Großmächte
ihnen dann setzen – immer unterordnen. Sie sind mehr oder weniger damit
konfrontiert, dass sie in der Welt von heute nichts zählen, was ihr
Dasein als
souveräne Gewalt und erst recht, was ihre Sicherheitspolitik betrifft.
Das drastischste
Beispiel für diesen Kampf um Durchsetzung ist der Iran, der sich als
dermaßen
wichtiges Mitglied der Weltgemeinschaft definiert, dass er es unter
einer
nennenswerten Atomindustrie und den damit zu erwerbenden nationalen
Fähigkeiten
ökonomischer und – in der Perspektive – militärischer Art nicht machen
will. Er
definiert sich als ziemliche Großmacht in der Region und ist damit
konfrontiert, dass das nicht konzediert wird von der Welt, in der er
sich da
aufbauen will. Und dieser Staat sieht sich ausgerechnet Israel als
seinem
Hauptsicherheitsproblem gegenüber, nämlich als der Macht, die ein
Monopol auf
Kriegsfähigkeit in der Region nicht nur beansprucht, sondern auch
exekutiert.
— Damit ist doch für den Iran klar,
dass er seine eigenen
Machtbedürfnisse in der Region gegen Israel ständig unterordnen muss.
Das heißt
auch was für seine staatliche Grundlage: Er selber soll nicht in der
Lage sein,
da unten Bedingungen für andere Staaten zu setzen.
Sicherheitspolitisch ausgedrückt ist es die Zumutung, die die
Macht Israels für einen Staat wie den Iran bedeutet, der selber
diktieren
können will, wie andere Staaten sich zu ihm zu stellen haben. In dem
Kräftemessen
registriert er seine Unterlegenheit und das ist der Grund der
Feindschaft
Irans. Und umgedreht ist dieser Anspruch des Iran für Israel die große
Sicherheitsgefahr. Das sieht natürlich für jeden Staat ganz konkret
nach
Bedrohung durch einen anderen Staat aus. Der generelle
Sicherheitsanspruch
Israels stellt sich dann dar als Palästinenser- ,Iran- und
Syrienproblem, und
umgedreht hat der Iran kein abstraktes generelles Sicherheitsproblem –
das hat
er, wenn wir jetzt theoretisch darüber nachdenken und Staat auf den
Begriff
bringen -, sondern sein Sicherheitsproblem kann er festmachen an den
USA, die
den Irak besetzt halten und an Israel.