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Der Krieg Israels
Die Logik, nach der die vorwiegende öffentliche Besprechung
dieser Kriegsaktion hierzulande gestrickt ist, auf der Grundlage des
grundsätzlichen Rechts auf Selbstverteidigung, Israel unterschiedlich
abgestufte
Ermahnungen, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren, zu erteilen,
ist
schnell als Schwindel zu durchschauen. Dass die Rechtfertigung dessen,
was
passiert und das, was wirklich dort los ist, ziemlich unterschieden
sind, ist
klar. Dass sich Israel in einen Zwei-Fronten-Krieg hat hineinziehen
lassen, ist
einer dieser Treppenwitze, die parteilichem Denken entspringen. Auch
den
Kriegsgegner zu bedauern macht parteiliches Denken nicht besser. An der
Debatte
wer angefangen hat, will sich niemand beteiligen.
Es soll vielmehr um die Gründe für diesen Krieg gehen,
die nicht nur Israel und seine Nachbarn betreffen, sondern auch das,
wofür
Israel und seine Nachbarn stehen.
Erste Überlegung hierzu soll sein, dass sich die Kriege
heutzutage der kapitalistischen Verfasstheit, der Staatsraison dieser
Nationen
verdanken.
Warum machen die Israelis das, warum machen die militanten
Palästinenser das? Was ist der Inhalt dieser Feindschaft? Was will Bush
sagen,
wenn er Israel auffordert, die Stabilität des Regimes, dessen Land sie
gerade
zerstören, nicht zu gefährden? Man kann bei Israel zurecht
unterstellen, dass
diese nicht in einer Position der Ohnmacht sind, aus der heraus sie
ihre
letzten Mittel mobilisieren. Dass der Krieg so abläuft liegt nicht nur
an den
Palästinensern und Israelis.
— Die Israelis
wollen keine Vermischung ihres Staatsvolkes.
Das ist faktisch so. Aber das passt doch überhaupt nicht zum
heutigen Weltmarktgeschehen
— Beide
Parteien sind in unterschiedlichem Ausmaß in einem
Staatsgründungskrieg. Dass
die Israelis einen Staat gründeten auf einem Territorium, auf das sich
auch die
Palästinenser berufen, trug zum Konflikt bei.
Dieses zionistische Volksemanzipationsprojekt wurde
hauptsächlich von den Amerikanern befördert.
Da wollen endlich mal einige jüdische Volkserzieher das
jüdische Volk sammeln, organisieren eine Auswanderungswelle nach der
anderen,
um einen Staat ins Leben rufen, damit sie nicht ewig die Ghetto-Juden
bleiben.
Dass dann gleich die Amerikaner darauf kommen, das wäre das Richtige
für sie,
darauf kann man nur im Rückblick kommen.
— Der Schluss, den
die Juden aus dem Dritten Reich gezogen haben, war, einen eigenen Staat
zu gründen,
um nicht immer zu den Opfern zu gehören.
Das hat dem Staatsgründungsprojekt einen Schub gegeben.
Der amerikanische Einfluss auf das Projekt ist einzuordnen
unter die Entkolonialisierungsbestrebungen.
Wie ist dann daraus diese unverbrüchliche Freundschaft
zwischen Israel und den USA entstanden?
— Die Juden waren
auf einen Paten angewiesen, womit dann die Grundlage für eine
Freundschaft
gelegt worden war.
Was haben denn die Amerikaner von diesem Staat erwartet? Im
Nachhinein kann man sagen, dass sich das treiben Israels teilweise ganz
gut
gefügt hat für die USA, manchmal aber auch nicht.
Was hat diese amerikanische Vorpostenfreundlichkeit Israels
verbürgt?
Die Zionisten hatten etwas anderes im Sinn. Sie wollten aus
ihren Ghetto-Juden, dort, wo ihnen ihr Jahwe was versprochen hat, ein
anständiges Volk machen. Es war eine Mischung aus emanzipatorischer
Volksbewegung,
Flucht vor den Pogromen im Osten, sozialistischen Vorstellungen
darüber, wie
man ein solidarisches Gemeinwesen gründet, angeheizt durch die
Judenverfolgung
durch die Nazis.
Wieso konnte sich der Westen so sicher sein, dass dieses
eigenartige Kibbuz-Wesen ihr adäquater Vorposten ist? Wieso war der
Westen, die
kapitalistische Führungsmacht, sich dieser Gründung so sicher?
— Mit dem
aufkommenden Ost-West-Gegensatz sollte Israel auf keinen Fall
sowjetischer
Vasall werden. Es gab ja dort auch etliche russische Juden, die froh
waren, den
Drangsalen ihrer ehemaligen Heimat entkommen zu sein.
Zunächst konnte der Westen sich des Antikommunismus
dieser Kibbuz-Bewegung ziemlich sicher sein. Die Förderung der Gründung
dieses
Staatsprojektes durch Amerika brachte eine Sicherheit praktisch zum
Ausdruck,
nicht den Falschen zu unterstützen. An dem sich auftuenden Sozialismus
glaubten
die Amerikaner weder so recht noch haben sie sich daran gestört, da der
Hauptsponsor, der jüdische Weltkongress vor allem in USA zuhause war
(und ist),
Israel also eine Gründung kapitalistischer Natur ist. Das Land wurde
mit dem
Geld der Repräsentanten der jüdischen Weltgemeinschaft gekauft. Das
Staatsgründungsprogramm war einerseits der Zionismus, dessen Ideologie,
eine
volkssozialistische jüdische Idylle, aber nicht umgesetzt wurde,
andererseits
wollten die o.g. Sponsoren den weltweit drangsalierten Juden eine
Heimstatt
kaufen, was die Konsequenz hatte, dass das, was dort entstanden ist,
einen
ersten Schritt in Richtung Weltmarkt bedeutete. In der Logik der
Staatsgründung
lag auf alle Fälle, ein Stück von dem zu implantieren, was es in
Amerika schon
gibt.
— Durch den Landkauf
von irgendwelchen türkischen Großgrundbesitzern führte die jüdische
Weltgemeinde
das Privateigentum dort ein.
Privat hatte zugleich die Eigenschaft, dass diese
Liegenschaften in Besitz des jüdischen Weltkongresses die Besiedlung
vorantrieb.
Ohne imperialistisches Interesse wäre diese Staatsgründung
nicht erfolgt. Die Besiedlung war zunächst eine Anmeldung eines
Volksrechtes
und eine Entlassung aus britischer Zuständigkeit. Die Imperialisten
konnten sich
sicher sein, dass dieser Judenstaat, so wie er projektiert und
gegründet wurde,
ein Stück von ihnen ist, weil die Besiedlungs- und Ausstattungspraxis
durch die
jüdische Weltgemeinde die kapitalistische Natur verbürgten.
Der Werdegang Israels spielt sich nicht auf der Ebene
Kosten/Nutzen ab, denn, wenn die USA einen solchen Staat so massiv
unterstützen, ist die krämerische Rechnung, was das kostet und was es
dann
bringt, nicht ausschlaggebend.
Die prinzipielle Überlegung heißt, ob da ein Staat im Entstehen
ist, auf den man, nämlich die USA, sich verlassen kann bezüglich der
amerikanischen Vorhaben, diese Weltgegend zu ihrer Geschäfts- und
Einflusssphäre
zu machen.
Dieses Sich-Verlassen-Können steckt schon in der
kapitalistischen Natur dieser Staatsgründung.
Die Leute, die sich in Israel niederließen, kannten ein
Leben, das auf Gelderwerb gründet, bereits. Es war nicht nötig,
irgendwelche in
Clans eingeordnete armselige Bauern zu Lohnarbeitern zu machen.
Vielmehr gingen
lauter gereifte Insassen einer Klassengesellschaft in dieses Land, zwar
mit
sozialistischem Unsinn im Kopf, aber so realistisch auf alle Fälle,
dass sie
das Eigentum und die Gesetze des Geldverdienens ebenso anerkannten wie
den
Kredit als Motor des gesellschaftlichen Lebens. Es wurde ein Stück
Kapitalismus
aufgezogen, selbst wenn es anfangs wie ein Emanzipationsprogramm für
Bauern
daherkam. Die jüdischen Volkserzieher wollten die Leute zunächst zu
Bauern
machen und nicht aus Bauern nützliche Proleten. Einen Schriftsteller zu
einem
Lohnarbeiter zu machen ist auch viel leichter als einen Fellachen, der
in
überkommenen Hierarchieverhältnissen verhaftet ist.
Aus den genossenschaftlichen Kibbuzim entstand allmählich
durch Kreditverpflichtungen eine kapitalistische Firmenwelt.
Insoweit passt eine zionistisch motivierte Landnahme, die
übrigens bis heute noch nicht abgeschlossen ist, mit dem
imperialistischen
Sponsoring dieser Unternehmung zusammen. Es war nicht das Interesse der
USA,
sich von vorneherein einen Kettenhund anzulachen.
Bei der Gründung dieses Staates stand hinter dem Volk ein
Siedlungsprojekt, dessen Potenz in dem Geld bestand, das in den
Landerwerb, in
die Genossenschaften und ihren Überbau investiert worden war. Bei der
Staatsgründung
gleich über eine Heerschar von Professoren, aus dem Osten zugewandert,
zu
verfügen ist eine Besonderheit. Das Interesse ein neues Gemeinwesen zu
gründen,
wozu dringend solche Leute gehörten, verhalf ihnen aufgrund vorhandener
Mittel
gleich zu einem guten Gehalt. Dem Vorhaben z.B. aus dem alten Hebräisch
eine
moderne neue Sprache zu machen, stand nichts im Weg. Es ist kein
sozialistisches
Experiment gescheitert, sondern ein vielversprechendes,
marktwirtschaftlich
aufs Geldverdienen festgelegtes, gesponsertes und kreditiertes
Gemeinwesen entstanden.
Sie hatten bei der Staatsgründung von Anfang an ganz anders
ausgebildete Leute die Verwaltung betreffend zu bieten als ihre
arabischen
Nachbarn.
Die halbe Diamantenindustrie ist aus Antwerpen nach Tel Aviv
ausgewandert. Es wäre verkehrt, wenn herausgekommen wäre, sie hätten
einen
Agrarstaat gegründet. Dies gehört mit in die Ecke der sozialistischen
Volkserziehung,
es so hinzustilisieren, ganz Israel wäre ein großer Kibbuz, aufgeteilt
in viele
kleine. Das ist alles nicht die Wahrheit dieser Staatsgründung. Die
israelische
Politik war eine Kombination von Landnahme und der Versorgung mit
Nahrungsmitteln.
Die letztere wurde, sobald es ging, erfolgreich ausgedehnt, so dass
auch der Export
von Südfrüchten auf den europäischen Markt möglich wurde. Das
Geldverdienen im
Ausland gehört mehr zu den Industrien, von denen zuvor schon gesprochen
worden
ist.
Dass aus einem neugegründeten Staat auch tatsächlich ein
funktionstüchtiger Kapitalismus wird, das liegt nicht allein nur an der
Verfassung, die sich der Staat gibt. Wenn ein Staat sich eine auf das
Privateigentum gegründete Verfassung westlichen Zuschnitts gibt und
tatsächlich
in die Gänge kommt, hat das auch seine Konsequenzen. Es hat ein weit
höheres
Maß an Funktionstüchtigkeit als politisch organisiertes Gemeinwesen an
den Tag
gelegt und praktisch bewiesen als die arabischen Nachbarn. Die Siege,
die
Israel errungen hat, sind auch eine Frage der Mittel, und dazu gehört
auch, was
da für ein Volk antritt. Ausgerechnet die kapitalistische Natur des
gegründeten
Gemeinwesens und die darüber entwickelten Potenzen und erzielten
Erfolge –
gemeinsam mit dem nie aufhörenden imperialistischen Interesse und der
ausländischen Förderung Israels - hat im Vergleich zu den arabischen
Nachbarn
einen ziemlich rassistischen Überlegenheitswahn in diesem Volk
begründet.
Dieses erfolgreiche Israel ist Produkt seiner wunderbaren Beziehungen.
Die USA
als weitsichtige Macher und Vorreiter einer westlichen Welt haben in
der
Sicherheit, dass das welche von „uns“ sind, auf Israel gesetzt, und
umgekehrt
hat Israel sich dann auch als solches Machwerk bewährt und ist so nicht
nur
Teil der westlichen Welt, sondern auch zum Vorposten gegen die
arabische Welt
geworden.
Warum hat man die arabischen Länder in Verdacht gehabt, sie
würden kommunistisch, nachdem sie ihre Könige losgeworden sind?
— Jedes
einzelne von ihnen als auch alle zusammen in ihrem panarabischen
Nationalismus
betrachten sich als die zu kurz Gekommenen der Weltordnung. Der Erfolg
am
Weltgeschäft, auf den sie das Recht einklagen, kommt nicht zustande.
Ohne Zweifel haben sie Emanzipations- und
Aufbruchsbestrebungen in Gang gesetzt, sie haben Staatsparteien
gegründet, die
„Wiedergeburt“ geheißen haben. Sie haben sich von ihren alten
Betreuern, den
alten Kolonialherren, ziemlich schlecht behandelt gesehen und wollten
davon
weg. Sie haben ihre alten Könige gestürzt und teilweise ziemlich blutig
gehaust, um eine neue republikanische Gesellschaft aufzubauen. Man
denkt, dass
das doch ein ehrenwertes Programm ist. Teilweise, z.B. mit dem Irak,
ist ja
auch probiert worden, dass sich westliche Staaten eines solchen Staates
annehmen. Das ist in Zeiten des Kalten Krieges jedoch in ein anderes
Fahrwasser
geraten.
— Der damals
propagierte (pan-)arabische Sozialismus war nicht unter die
amerikanischen
Interessen einzuordnen gewesen. Sie hatten mit Moskau auch nichts am
Hut. Es
war eine Ideologie, die sich von der amerikanischen Weise absetzen
wollte und
damit antiamerikanisch war und als solche verstanden wurde.
Die Ölstaaten wollten aus ihrem Öl mehr für den eigenen
nationalen Fortschritt herausholen. Sie haben sich in der vom Westen
zugewiesenen Funktion beschränkt gesehen. Deshalb haben sie sich auf
einen
nationalen Aufbau verlegt, für den sie in der Sowjetunion einen
Unterstützer
gefunden haben.
Es ist eine Sache, ob ein
Gemeinwesen einfach mit den vorfindlichen Bauern, Handwerkern, Mullahs,
Gläubigen,
Vorgesetzten und Clanführern so vor sich hin wirtschaftet und mit sich
selber
mehr oder weniger einverstanden ist, oder ob in einem solchen Land eine
nationale Elite das eigene Gemeinwesen an Erfolgsmaßstäben misst, die
in dieser
modernen Welt gelten und unter dem Gesichtspunkt unzufrieden werden. Um
an den
Anfang zu erinnern: Schon wieder winkt an einer Ecke der Weltmarkt. Die
Volksbefreier
in den verschiedenen Staaten hatten nicht den Gedanken, in ihren
Staaten
jeweils eine große Bank aufzumachen oder eine große Industrie
anzusiedeln. Das
war zwar alles mit im Programm, doch das Generelle war, dass sie sich
an in der
Welt geltenden Standards messen. Diese definieren eine Verfassung eines
Landes,
die nicht einfach darauf geht, sie sind, was sie sind, nämlich ein
frommes
Königreich mit Öl, sondern sie sehen sich defizitäres Mitglied einer
modernen
Weltgesellschaft, in der die Maßstäbe für Macht und Einfluss durch
kapitalistisch erfolgreiche Nationen definiert sind. Das braucht es als
Maßstab, damit eine Nation das eigene Land als einen Problemfall
definiert und
eine Politik macht, um aus der Ecke heraus zu kommen. Ein solcher
Maßstab ist
ein grundsätzlich affirmativer Bezug auf eine Welt, die ihren
Fortschritt durch
einen erfolgreichen Kapitalismus aufbaut und erwirbt. Die ganze
arabische Welt
ist in ihrer Verfassung und in dem, was sie als Programm verfolgt, auch
ein
Kind der modernen kapitalistischen Gesellschaft, allerdings eines, dass
sich
verstoßen fühlt aber unbedingt dazugehören will und ein entsprechendes
Staatsprogramm macht. Daraus hat sie eine kritische Distanz und
teilweise auch
Gegnerschaft gegen die Hauptmächte der kapitalistischen Welt entwickelt
– dies
zu Zeiten, als es noch die Gegenmacht, die Alternative, gab.
— Die Sowjetunion war ja auch ein
Vorbild dafür, wie sich
eine rückständige Nation in der modernen Welt entwickeln und behaupten
kann.
Wie ein ironischer Realismus zum Realen Sozialismus haben
die arabischen Staaten versucht, dies als ihren Weg zu übernehmen, um
in der
vom Westen dominierten Welt standzuhalten. Vor allem die Art, mit einer
Partei,
die das Volk auf Vordermann bringt, Staat zu machen, haben sie sich
nicht auf
demokratische Experimente eingelassen.
In Israel war sofort klar, dass hier ein westlicher Staat
entstehen sollte. Es gab die dominierende Arbeiterpartei, die sich sehr
sozialistisch vorgekommen ist, aber zugleich gab es die Partei Begins
als
rechtsradikale Volkspartei und einen munteren Pluralismus. Israel ist
als
kriegerischer Akt gegründet worden und kaum war es gegründet, haben
sich 35
Parteien in einem 120-Mann-Parlament gezankt. Die arabischen Staaten
mussten
nicht eine bunt zusammengewürfelte Auswanderer- und
Einheimischengesellschaft
mit ihren verschiedenen Interessen und Orientierungen unter einen Hut
bringen,
sondern ein nach ihren Maßstäben total unentwickeltes Volk an Nation
als neue
Bezugsgröße, an nationale Aufbauprogramme als ökonomische Pflicht, ans
Geldverdienen als die neue Art des Über-die-Runden-Kommens gewöhnen und
haben
dieses Projekt nach dem Vorbild der UdSSR mit der Gründung einer
Staatspartei
verfolgt, die das Volk dafür mobil machen soll – einschließlich der
Phrasen,
die dazugehören.
— Zwei
Einwände: 1. Du hast den israelischen Rassismus aus der materiellen
Überlegenheit abgeleitet. Diesen religiösen Rassismus gab es doch schon
50
Jahre vor der Staatsgründung. 2. Es hat sich so angehört, als
unterstützten die
USA Israel bedingungslos. Dabei gehen die USA mit ihrer Unterstützung
doch
durchaus berechnend um.
Zur Rassismusfrage. Es ist ein Unterschied, ob jüdische
Volkserzieher aus der Kritik an ihrem Volk ein Aufbruchsprogramm
verfertigen.
Dabei wird die Idee des auserwählten Volks mit Pate gestanden haben. Ob
für
dieses Projekt, die Leute mit diesem Ethos: „Wir Zionisten müssen aus
denen
überhaupt erst ein funktionstüchtiges Volk machen, und das machen wir
in dem
Land, aus dem wir Juden eigentlich herkommen und wo wir hingehören“,
aus ihrer
desolaten Lage herauszuholen, überhaupt die Kategorie Rassismus
geeignet ist,
darüber sollte man nicht rechten. Mit dem Hinweis auf die materielle
Überlegenheit sollte gezeigt werden, dass der heutige Standpunkt des
Staats,
der offenbar von seiner Bevölkerung sehr geteilt wird: „Wir haben hier
alles
Recht, weil ein arabisches Gemeinwesen nichts Gescheites zustande
bringt.
Dieses Land gebührt uns, weil wir es entwickelt und im Unterschied zu
seiner
Urbevölkerung etwas daraus gemacht haben“, dass die kapitalistische
Erfolgsgeschichte
dieser Gründung als wichtiges Argument in dieses vergleichende
Selbstbewusstsein Eingang gefunden hat. Das verdient vielleicht das
Etikett
Rassismus, weil es das eigenen Staatsvolk gegen die arabische
Minderheit stellt.
Die Debatte, ob Zionismus Rassismus ist, halte ich für Unsinn.
Zum Zweiten. Ich habe versucht klar zu machen, was der Grund
dafür ist, dass diese eigentümliche Staatsgründung völkischer Natur von
den USA
als Projekt grundsätzlich adoptiert worden ist. Es sollten ein paar
fundamentalere
Argumente gebracht werden, die zur Formierung einer kapitalistischen
Welt nach
dem Zweiten Weltkrieg gehören. Dass damit die Berechnung im Umgang mit
diesem
Staat nicht losgegangen wäre, ist Quatsch. Das ist eine falsche
Verlängerung. Denn auch wenn die USA ein solches Projekt adoptiert und
unterstützt haben, fängt damit das Berechnen erst an: Was machen wir
aus diesem
Land, was soll es uns kosten, wie viel Eigenmächtigkeit gestehen wir
ihm zu?
Man hat ja einen Staat gegründet und ist prompt mit dessen
Eigennützigkeit, mit
dessen Berechnungen, mit ausschließenden Zugriffsinteressen
konfrontiert. Die
dabei auftretenden Zerwürfnisse sind jedoch anderer Art, als wenn die
USA einen
anderen Staat zu ihrem Gegner oder zu einem Problemfall erklären.
Israel war in
seiner ganzen Geschichte vielleicht zwei- oder dreimal hart an der
Grenze, dass
die USA es zu einem Problemfall erklärt hätten. Wenn z.B. die Israelis
sich an
der falschen Stelle in den ersten Irakkrieg eingemischt hätten; da war
ein
richtiges Zerwürfnis unterwegs. Aber auch das war ein Zerwürfnis unter
prinzipiell
Verbündeten.
Es soll hier das prinzipielle Verhältnis beleuchtet werden,
das seit 50 Jahren zwischen Israel und seinen Nachbarn immer
Kriegsqualität hat
und das nicht nur einfach zu Kriegen geführt hat in dem Maß, dass
Israel und
seine Feinde sich endgültig wechselseitig nicht mehr ertragen haben,
sondern
das zu Kriegen geraten ist in dem Maß und der Art und Weise, wie der
Westen,
der in Israel zunehmend seinen Vorposten anerkannt und benutzt hat,
diese
Kriege für gut befunden hat. Das ist für die Bestimmung des jetzigen
Kriegsgeschehens entscheidend.
Die arabischen Staaten haben ein Defizit in der modernen
Welt registriert und haben auch lauter Lösungswege gekannt:
Panarabismus,
größer werden, sich zusammenschließen, zur Augenhöhe mit den wirklich
maßgeblichen Nationen aufwachsen – das war deren Projekt. Dabei haben
sie
Israel als Feind begriffen. Israel war ja auch als stärkste Nation der
real
existierende Einspruch gegen dieses Projekt. Von ihrem Standpunkt her
hat ja
auch so etwas wie eine gesamtarabische Staatsgründung auf dem Spiel
gestanden
mit der Entscheidung, was aus diesem Palästina wird und wie sich die
arabischen
Staaten dem zusortieren.
1948 war der Nahe Osten Mandatsgebiet, aufgeteilt zwischen
Frankreich und Großbritannien. Das fällt hinein in die
Entkolonialisierungsgeschichte
des osmanischen Erbes, das die Franzosen und Briten gemeinsam und
gegeneinander
verwaltet haben. Da sind die Staatsgründungen überhaupt erst in Gang
gekommen.
An denen kann man beobachten, dass alle möglichen Vorkehrungen von den
damals
zuständigen Mandatsmächten getroffen worden sind, handliche,
überschaubare
Staaten zu gründen. Vom Irak wurden z.B. Kuwait und Jordanien, von
Syrien der
Libanon abgetrennt. In diese Logik, durch rivalisierende Klein- und
Mittelstaaten bleibe die Region beherrschbar, gehört durchaus auch das
Projekt
Israel hinein, das jedoch gleich viel weiter geht. Bei Israel war man
sich
sicher, dass dies ein Staat anderer Art ist. Das hat die
Übereinstimmung
zwischen dem imperialistischen Ordnungsinteresse der USA und dem
eigentlich
sehr erratischen, von kapitalistischer Rationalität sehr entfernten
Staatsgründungsprojekt
der Zionisten überhaupt begründet. Wenn man die heutige Lage
betrachtet, hat
man im Grunde nach wie vor zwei Dinge vor Augen, was Israel
Kriegsgründe
betrifft. Das Staatsgründungsprojekt ist nämlich heute weniger fertig
als
vielleicht vor 10 oder 15 Jahren. Israel definiert praktisch durch
seine Umgangsart
die palästinensischen Autonomiegebiete als einen dauerhaften,
unhaltbaren
Zustand. Das Staatsgründungsprojekt wird so als unabgeschlossen
aufrecht
erhalten, ohne es durch einen Gewaltakt der Annexion zu vollstrecken.
Die
Feindschaft, die Israel gegen die Palästinenser und deren Unterstützer
exekutiert, stammt, was Israel betrifft, aus dem Projekt, den eigenen
Staat
fertig zu machen in der Weise, dass er auch von den Vertretern dieses
Staates
eine für hinreichend erachtete minimale Größe hat. Und dass sie das so
betreiben, das unterstellt eine Potenz Israels, die, soweit es die
eigene
Gesellschaft betrifft, aus den Potenzen dieser Nation als mehr oder
weniger
erfolgreicher Teilhaber der modernen Weltgesellschaft mit ihrem
Kapitalismus
herstammt. Das ist aber nur die eine Hälfte der Sache. Sowohl das, was
Israel
ökonomisch und militärisch vermag, wie das, was es auch macht,
entstammt nie
bloß dem eigenen israelischen Staatsgründungswillen. Es entstammt auch
nicht
einfach nur der Unterstützung, die dieser Staat von seiner weltweiten
jüdischen
Gemeinde genießt. Sondern es entstammt nicht zuletzt gerade auch in der
jetzt
zugespitzten Lage ganz entscheidend dem Zuspruch durch die Weltmacht.
Das ist
eigentlich das heutige Thema.
— Die Weltmacht
versucht doch alle zehn Jahre, diesen Konflikt zu beenden. Es ist doch
immer
Israel, das dagegen schießt und versucht, die Gunst der Stunde
auszunutzen.
Jetzt nutzen sie die westliche Gegnerschaft gegen den Iran und führen
einen
Stellvertreterkrieg gegen die Hisbollah.
Das Argument, eine Stimmung auszunutzen, gehört in die
Abteilung Propaganda und wie man die eigene Kriegsaktion verkauft. Das
andere,
um das wir uns heute kümmern wollen, ist, was für Gründe heute Israel
zu diesem
Krieg treibt. Israels Projekt betrifft seinen Staat und die
Feindschaft, die es
sich damit einhandelt. Dass Israel diese Feindschaft praktisch so
exekutieren
kann, unterstellt Unterstützung. Auf diese Unterstützung spielt deine
Bemerkung
an, sie nützten die Gunst der Stunde aus. Woher kommt diese
Unterstützung?
Das hat mit Stimmung ausnutzen nur bedingt etwas zu tun. Da
ist man in einem anderen Laden, da werden keine Stimmungen verkauft,
sondern
Interessen und Feindschaften. Wir haben einen Krieg zu beurteilen, da
ging es
gerade um Israel. Wenn man deren Kriegsgründe begutachtet, dann ist die
eine
Sache die, was sie aus eigener Kraft beabsichtigen und vermögen, und
das deckt
sich schon nicht ganz: Sie beabsichtigen, ihre völkische Staatsgründung
zu Ende
zu bringen. Was sie da vermögen, verweist darauf, dass sie das als
potenter
kapitalistischer Staat machen, einer, der sich aber das alles nur
herausnehmen
kann - sowohl, was seine materiellen Potenzen als auch, was seine
weltpolitischen
Freiheiten betrifft -, weil er Unterstützung einer Weltmacht genießt.
Jetzt ist
man bei der Frage, wie deren Berechnungen in diesem Fall
lauten. Wo
deckt sich die Feindschaft, die Israel derzeit exekutiert, mit den
weltpolitischen
Ordnungsinteressen der USA, welcher Art sie sind, so dass sie mit dem
israelischen
Herumfuhrwerken glatt zur Deckung kommen? Davon, dass sie zur Deckung
kommen,
zeugt jeder Auftritt von Bush und jedes Zitat seiner Außenministerin.
Was
verrät die israelische Offensive über die Staatsräson dieses Staates?
Was
verrät die Art und Weise, wie Israel derzeit seine Räson exekutiert?
‚Kampf
gegen den Terrorismus’ ist der ideologische Rechtfertigungstitel, unter
dem
derzeit von allen möglichen Seiten gekämpft wird – die USA im Irak und
Israel
gegen die Hisbollah.
–– Die anfängliche These war, dass die jetzigen Kriegsgründe
des israelischen Staates aus seiner kapitalistischen Verfassung
resultieren. Da
fragt man sich doch, wie ein Staatsgründungsprojekt einen Staat in
seiner
kapitalistischen Verfassung weiterbringen soll. Wenn man auf die
jetzige Lage
schaut, muss man sagen, dass deren Staatsgründungsprogramm jetzt noch
viel
weniger fertig ist als vor zehn Jahren, und dass sie sich einfach nicht
arrangieren
können mit einem neben ihnen entstehenden palästinensischen
Staatsgebilde. Dann
muss doch der israelische Grund sein, dass die Macht eines Staates über
die
Festigung und Vergrößerung seines Territoriums geht, dass das die Basis
ist für
die Rolle, die er in der Konkurrenz der Nationen spielen will.
Andersrum: Jetzt ist man doch gerade an dem Punkt, wo der
Staat Reichtum Reichtum sein lässt und sagt: Wofür ist denn dieser
ganze
Reichtum gut, wenn nicht dazu, dass ich mich als Staat gegen meine
Umgebung
durchsetze und diese Durchsetzungsmacht sichere – um die geht es also,
und dann
ist es nicht richtig, die Macht zur Bedingung und zum Mittel des Geldes
zu
erklären, also des Reichtums, den er auf der Welt absahnt. Bei einem
kapitalistischen
Staatswesen ist es genau andersherum und das kriegt man dort in aller
Härte
vorgeführt. Eine kapitalistische Nation, das heißt der Staat, buhlt um
Investitionen, versucht, sich als Standort für das Finanzkapital
attraktiv zu
machen, weil er begriffen hat, dass der Kapitalismus eine
Bombengrundlage dafür
ist, sich gegen seine Nachbarn durchzusetzen, die genau dasselbe
probieren –
mit wenig Erfolg in diesem Fall – bzw. zu verhindern, dass eine Macht
in der
Region sich so aufbaut, dass er ihr womöglich nicht mehr überlegen ist.
Das ist
die Konkurrenz, für die Staaten die ganze Weltmarktkonkurrenz
funktionalisieren. Der Krieg in dem Sinn lohnt sich nicht, da steigt
nicht die
Börse von Tel Aviv.
–– Wo ist dann der Zusammenhang zur kapitalistischen
Verfassung des Staates Israel?
Das betrifft die Potenzen, die sie für ihre Durchsetzung als
Macht brauchen und in Gang setzen können. Kapitalistische Nationen
konkurrieren
mit dem Kapitalismus, den sie verwalten, und das hat seine Härten, das
ist nämlich
eine andere Konkurrenz, als wenn Bauerngesellschaften nebeneinander
leben und
dann kommt der Scheich auf die Idee, denen klauen wir mal einen Acker.
Das ist
eine Sache, da wird um den Status der Nationen in diesem ganzen
Welt-Ensemble
konkurriert, wie es sich heute darstellt – lauter Nationen, die ihre
Lebensgrundlage im Mitmachen im globalen Kapitalismus wissen und haben
und
darin ihren Status verbessern wollen. Das ist der Stoff, der den Inhalt
abgibt
für die Machtkonkurrenz der Nationen heute. Und das gibt dem
eine
Schärfe und deswegen haben sie es im Falle Israel gar nicht nur mit
unzufriedenen Palästinensern zu tun, die sie in ihrem Land nicht haben
wollen,
sondern da haben sie gleich die ganze Region im Blick. Israel weiß: Nur
wenn es
sich als Regionalmacht durchsetzt, kann es die Region ökonomisch
erschließen,
wobei das – siehe oben - nicht der eigentliche Zweck ist.
Die Kategorie der Regionalmacht ist eine ziemlich moderne
Erfindung, die unterstellt nämlich, dass eigentlich die ganze Welt im
Blick ist
und man die Nationen deshalb danach betrachtet, welche Rolle sie in dem
Ganzen
spielen. Deswegen ist die Kategorie, die USA wollten 1948 eine
arabische
Regionalmacht verhindern, historisch nicht ganz korrekt, weil etwas
verfrüht
gesetzt, denn es braucht erst eine durchexerzierte Weltordnung, damit
das
überhaupt zu einer Kategorie von Staat wird.
Es sollte nicht behauptet werden, Israel will die Hisbollah
fertig machen und dann Südlibanon zu einer Geschäftssphäre Israels
machen. Die
denken an etwas anderes. Erstens an die Erledigung von Feinden, wofür
sie alles
einsetzen, was sie haben, ihren kapitalistischen Reichtum, die Kredite,
die sie
von außen kriegen; der Staat ruiniert sich im Zweifelsfall regelrecht
dafür, um
sich als Macht gegen die feindlichen Nachbarn zu behaupten. Die zweite
Behauptung
war, durch die Erledigung seiner inneren Feinde setzt er sich als
Vormacht vor
und über alle anderen Staaten in der Region. Er etabliert damit
zugleich ein Außenverhältnis,
also einen Status als vorherrschende Regionalmacht. Und das ist eine
schöne
Umdrehung des Verhältnisses von Reichtum und Macht, eine Klarstellung
darüber,
dass die Staaten ihren Reichtum als Hebel und Mittel für die Konkurrenz
um den
Machtstatus einer Nation einsetzen. Es sind Kalkulationen des Kriegs,
die er da
anstellt und nicht welche der Ausnutzung der ökonomischen Bereicherung
. Das
ist immer gleichbedeutend damit, dass dieser Staat seinen Reichtum ein-
und
damit immer auch ein Stück weit aufs Spiel setzt. Dann hängt es davon
ab, dass
er siegreich ist und genügend Unterstützung hat, sonst geht er unter.
Es gibt
genügend Beispiele, wo es ganz anders und sehr katastrophal ausgegangen
ist.
Noch was zur Sicherheitsfrage Israels, die in der
Öffentlichkeit immer anders problematisiert wird. ‚Sicherheit’ und
‚Bedrohung’,
das ist immer die Definition eines Staats im Verhältnis zu seinen
Machtansprüchen,
die ‚Sicherheit Israels’ also ein ideologischer Ausdruck für dessen
Machtanspruch.
–– Ist es richtig, angesichts dessen, wie Israel mit dem
Libanon umspringt, zu sagen, Israel exekutiert am Libanon, dass ein
Staat, von
dessen Territorium aus islamischer Terrorismus operiert, bzw. in der
Regierung
mit drinsitzt, bestraft gehört? Ist der durchgeführte Krieg der
Israelis im
Libanon die praktizierte Bestreitung der libanesischen Souveränität,
weil die
libanesische Souveränität nicht willens und/oder in der Lage ist, eine
dem
Sicherheitsinteresse Israels gemäße Bewirtschaftung seines
Staatsgebiets zu
betreiben?
Das ist der Vorwurf Israels an seinen Nachbarstaat: Der
gewährleistet nicht unsere Sicherheit. Da merkt man den Anspruch
Israels, wofür
der Nachbarstaat da sein soll, das ist dann der Grund, über ihn
herzufallen.
Wie sie über ihn herfallen, wirft ein Licht darauf, wie Israel seine
Sicherheit
definiert, um sie dann entsprechend zu exekutieren, wie dieser Staat
die
Feindschaften nimmt, die ihm erklärt werden und die er umgedreht seinen
feindlichen Nachbarn ansagt. Da wird absolute Kompromisslosigkeit in
der
eigenen Feindschaft exekutiert durch die Zerstörung dieses Landes und
die zielt
nicht auf die Zerstörung von dessen Souveränität, das ist nicht der
Zweck des
israelischen Vorgehens. Und der Vorwurf, der Libanon gehört bestraft,
weil er
nicht Herr in seinem Laden ist, ist für sich genommen absolut paradox,
denn
wenn er nicht Herr in seinem Laden ist, wofür will man ihn dann haftbar
machen?
Das Bestrafen ist die exekutierte Verrücktheit, die Reaktion darauf,
dass sich
die Feinde dort tummeln dürfen. Sie ermächtigen ja keinen anderen
Souverän, der
da aufräumt, sondern machen Infrastruktur, Land und Leute kaputt,
weswegen die
Kommentatoren ‚bestrafen’ kommen – bestrafen für etwas, einhergehend
mit der
Klarstellung, dass der Libanon das gar nicht verhindern kann. Deswegen
ist der
Gedanke auch falsch, die Israelis wollten vom Libanon eine gescheite
Sicherheitsgarantie. Es gibt auch kein 'Entweder (die beiden Soldaten
zurück) -
oder (zerbomben)', das ist eine Ideologie zur Rechtfertigung ihres
Vorgehens
und rührt nicht an den Gründen der Israelis für die Zerstörung des
libanesischen
Staates. Sie haben in ihm einen Feind entdeckt, demgegenüber sie
beschlossen
haben, die Umgangsweise mit ihm sei seine Vernichtung, wenn es nach
ihnen geht,
bis zum bitteren Ende, bis es keinen Hisbollah-Anhänger mehr gibt. Wie
weit sie
praktisch damit gehen, liegt nicht einfach nur an ihnen, sondern da
sind sie in
alles Mögliche eingebunden. Die Weiterungen liegen nicht darin, dass
sie vom
Libanon eine neue Verfassung haben wollen, die ihnen endlich ihre
Sicherheit
garantiert; sie setzen nicht mehr auf irgendeine Art von Arrangement
mit dem
Libanon samt dem ‚Low level’- Kriegszustand mit der Hisbollah, sondern
sie
machen mit der oben diskutierten Strafaktion praktisch klar, dass die
Zuständigkeit
für die entsprechenden Verhältnisse in dieser Gegend bei Israel liegt.
Und was es mit dem libanesischen Staat auf sich hat, merkt
man, wenn Bush bei einer Pressekonferenz mit seiner Freundin Merkel die
mahnenden Worte an die Israelis richtet, die Souveränität Libanons und
die
Stabilität seiner Regierung solle unter diesem Einmarsch und der
Zerstörung des
Landes nicht leiden, das ist doch wie das öffentliche Gütesiegel von
Seiten
Amerikas, dass diese Souveränität ihnen ziemlich egal sein kann, wenn
die
Israelis beschlossen haben, sie werden selber zur Ordnungsmacht in der
Region.
Israel hat sich auf den Standpunkt versteift, jeden Feind
mit den Mitteln, die Israel zu Gebote stehen, fertig zu machen, das ist
die Logik
der bedingungslosen Kapitulation, die sie allen ihren Feinden
ansagen und
die sie vollstrecken und die heißt: ihr gehört eigentlich weg und die
einzige
Chance, der Vernichtung zu entgehen, ist, dass ihr eurem Lebenszweck
abschwört
und zwar so, dass wir euch glauben können. Die Maßstäbe dafür setzen
wir und
der Maßstab ist: wenn wir euch im Gefängnis haben, können wir uns
allenfalls
dessen sicher sein. Nach diesem Muster gehen sie vor und machen selber
darauf aufmerksam,
dass die Machtentfaltung, die sie damit praktizieren, sich im
Fertigmachen
dieses Gegners nicht erschöpft, sondern dass sie damit zwei andere
Staaten in
der Region im Visier haben - Syrien und Iran -, mit denen sie sich
messen und
deren Machtpositionen sie auf alle Fälle mindestens reduzieren wollen.
Deswegen
sagen sie das Fertigmachen der Hisbollah an und gleichzeitig dazu, dass
sie die
Marionette Syriens seien und Syrien die Marionette des Iran, das ist –
so wie
es in der heutigen wunderbaren Weltordnung üblich ist – fast schon so
etwas wie
eine Kriegserklärung an diese beiden Staaten. Israel macht gegen die
den
Standpunkt auf: Deren Feindschaft dulden wir nicht, und müssen deshalb
zu Protokoll
geben – und das Protokoll wird von unserer Armee geschrieben ‑, dass
wir diese
Staaten als solche nicht dulden. Das ist die Härte dieses jetzigen
Vorgehens.
Bei der Frage: Woher stammt die Sicherheit Israels, dass es sich das
gegen die
beiden Staaten so herausnehmen kann?, ist die Antwort nur zur Hälfte
die Stärke
Israels, die andere Hälfte ist, worauf die Stärke Israels außerhalb
Israels
beruht und was derzeit auch die Kriegslage im Nahen Osten bestimmt, das
ist die
Intervention der USA. Daran schließt sich die Frage an, welche Gründe
Amerika
hat, das mit eigenen Truppen im Irak zugange ist, diese kriegerische
Feindseligkeit
Israels zu unterstützen.
–– Wie kommt es aber zu der Deckungsgleichheit, die Bush
zweifelsohne ausgedrückt hat, also dass das Zusammenbomben des Libanon
amerikanischem Interesse nicht widerspricht? Die wären doch nie von
sich aus
auf die Idee gekommen, den Libanon zu bombardieren, die haben doch das
zarte
Regierungs-Pflänzchen mit gesät.
Diese Frage fällt mit der obigen zusammen, denn dann muss es
ein deckungsgleiches Interesse der USA an dem Vorgehen Israels geben,
das sich
gar nicht auf den Libanon bezieht – von Bush aus hätte der Libanon ewig
so
weiter vor sich hin existieren können. Die Deckungsgleichheit liegt
wohl auch
weniger in der Hisbollah.
–– Das positive Verhältnis, das die USA zum Libanon
eingenommen hatten, war doch, dass sie da ein antisyrisches Regime
installiert
haben. Das war doch der Grund dafür, dass die Zedern-Revolution im
Westen so
viele Freunde hatte. Ob das Ziel: Man schneidet einen der beiden
letzten
verbliebenen Feinde der USA von seinem Hinterhof ab, entzieht ihm ein
Stück
weit strategische und sonstige Ressourcen, mit einer antisyrischen
Staatsräson
hinzukriegen ist oder damit, dass die Libanesen von den Israelis
zusammengebombt
werden mit dem ausdrücklichen Hinweis, wir ziehen weiter nach Damaskus
als
einem der Unterstützer der Hisbollah, ist doch gerade so gut.
Oder so ausgedrückt: Die amerikanische Lizenz für das
israelische Vorgehen im Libanon zeigt, was das für eine Härte ist, wenn
die USA
den Staat Libanon, den sie selber mit betreut haben, praktisch unter
das
Verhältnis subsumieren, das Israel und sie als ’Hintermann’ Israels zu
Syrien
eingehen: Die opfern glatt den libanesischen Staat dem
negativen
Verhältnis zu Syrien, eben dem, dass da eine syrische
Machtposition
beseitigt wird, auch noch so exemplarisch und drastisch. Das ist
Weltmacht, wie
sie unterwegs ist, demonstriert nicht einmal am Schurken selber,
sondern an
seinem unschuldigen gesponserten Hintersassen das Exempel zu
statuieren, dass
man als Lizenzgeber für Israel Staaten, die man auf die Liste der Bösen
gesetzt
hat, mit einem unversöhnlichen Vernichtungswillen gegenübertritt. Man
könnte ja
fast noch sagen, wenn sie die Mullahs zu Feinden der Menschheit
erklären, dann
sollen sie sich halt einen Krieg gegen die trauen (das machen sie
vielleicht
auch noch), wenn sie schon der Meinung sind, der schwächere Verbündete,
an dem
man sich mal als Erstes vergreifen könnte, ist Syrien, also wird ein
Gesichtspunkt
gesucht, unter dem man Syrien den Krieg erklären könnte (z.B. sie seien
Unterschlupf für die irakischen Terroristen), dann sollen sie Syrien
überfallen
(wird ja vielleicht auch noch passieren). Aber sie sagen angesichts des
libanesischen Staatswesens, auf das Israel verfällt, nicht weil ihm der
Staat
nicht passt, sondern weil ihm die Hisbollah als Feind auslöschenswert
vorkommt,
gegen das Selbstverteidigungsrecht Israels könne man eigentlich nichts
sagen.
Sie stimmen auf diese Weise der Vernichtung dieses Staats zu, der
Auflösung
jedes mühsam hergestellten Kräftegleichgewichts, der Verhöhnung dessen
Souveränität,
nur unter dem Gesichtspunkt, dass damit eine syrische und iranische
Machtposition
beseitigt wird. Sie statuieren also gewissermaßen am dritten Glied das
Exempel,
dass sich diese Weltmacht Feindschaft nicht gefallen lässt. Das ist der
Inhalt
ihrer Lizenz für das israelische Vorgehen, und das ist nicht bloß eine
Warnung
an Syrien und Iran, sondern es ist die Zulassung eines Kampfes gegen
Machtpositionen,
die sie außerhalb ihres Geländes besitzen und damit die Einleitung
einer
Schwächung dieser Nationen selbst. Das sind ja schließlich auch nicht
Nationen,
die bei sich daheim sind und auswärts nichts bestellen möchten, deren
Macht
beruht doch auch darauf, dass sie Verbündete haben und auswärts Unruhe
stiften
können. Denn das weiß jeder Staat, dass er auswärts nur so viel
ausrichten kann
wie er Unruhe stiften kann – dann kommt es auf ihn an, dass er das
lässt. So verdrechselt
gehört das, was man den Amerikanern jetzt als Indolenz vorwirft,
durchaus hinein
in deren derzeitiges Weltordnungsprogramm. Die Zerstörung von noch so
abgeleiteten Machtpositionen Irans ist ein Stück amerikanische Politik
zur Entmachtung
von Gegnern ihrer Souveränität, ihrer Oberhoheit über die Region. Das
deckt
sich mit dem Interesse Israels, sich einen Feind auf die brutalst
mögliche
Manier vom Hals zu schaffen, und gleichzeitig ein Kräftemessen per
eigenmächtigem Zerstören von Machtpositionen dieser ungeliebten
Nachbarn
anzuzetteln. Das ist nicht nur ein Ausnützen von Stimmungen, und von
erklärten
Feindbildern, sondern das Hinbugsieren des eigenen Vorgehens auf die
Feindschaft, die zwischen den USA und dem Iran besteht. Deswegen auch
die Sorge
Israels, dass aus dem Atom-Deal doch noch etwas werden könnte und dass
das, was
sie als Entmachtung des Iran eigentlich für nötig halten, unterbleibt.