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Fußballweltmeisterschaft - Patriotismus als Party
Zum aktuellen Thema „Neuer Patriotismus als Ausgangspunkt
eine Klarstellung, was Nationalismus eigentlich ist. Da gab's von
unserer Seite
immer zwei Antworten (beide werden von den Nationalisten bestritten).
1.
Nationalismus sind die gültigen, mit den vorhandenen Geld- und
Machtmitteln
betätigten Zwecke einer Nation. Also der praktische Interessenskampf,
den die
Nation mit ihren Mitteln und mit ihren Zielen nach innen und außen
führt.
Dagegen sagt eh alle Welt: Wieso, das sind doch die Aufgaben,
Leistungen, sogar
Wohltaten des Staates, da kommt das Stichwort Nationalismus gar nicht
vor. 2.
Nationalismus (enger am bürgerlichen Begriff) ist die Einstellung des
Volkes,
das, was eigentlich ein Volk zum Volk macht. Die willentliche
Zustimmung zu den
staatlichen Verhältnissen, (siehe Volksartikel, GS 1/06), dieser
Standpunkt des
Volkes nimmt seinen Ausgangspunkt bei der Nation als seinem
Lebensmittel und
landet dann (die Übergänge siehe Artikel) bei dem Endpunkt: Die Nation
ist ein
Wert für sich - zu ihr hat man sich zu bekennen. Und das ist ein
Bekenntnis, in
dem alle Übergänge dahin getilgt sind. Was das bekannte Rätsel
aufwirft: Können
denn die Leute so blöd, so selbstvergessen, so national fanatisch, so
weg von
Allem, worum sie sich kümmern sollten und es irgendwie auch tun, sein?
Mit
diesem Endpunkt ist aktuell die Welt befasst. Also mit einem
Nationalismus ohne
einen anderen Interessensbezug als den des nationalen Erfolgs, auf dem
Fußballfeld im engeren Sinn, dann auch darüber hinaus. Nationalismus
als
Überbauaffäre, aber eine, die Debatten aufwirft (Spiegel-Artikel), die
es in
sich haben. Selten ist der Überbau so ernst genommen worden. Selten ist
so ins
Zentrum gerückt worden, dass es hier um eine für die Nation
lebenswichtige
Affäre geht. Das ist sehr auffallend. Nicht nur die Deutschlandfahnen
an den
Autos und im Gesicht, sondern in den Zeitungen nichts als das Thema
Patriotismus. Einige Zitate:
Der SZ-Artikel „Party und Patriotismus“ sagt im
Wesentlichen: 'Der neue Patriotismus ist erstens eine deutsche
Anpassung an
eine Normalität, die es sonst eher in anderen Ländern gibt, die Freude
an Massenereignissen
ist ein allgemeiner Trend der Popkultur... Die periodisch erneuerte
Forderung
nach unverkrampften, positiven Nationalgefühlen ist überholt, weil sich
das
besser von selbst entwickelt. Mit der Spaßgesellschaft in
Schwarz-Rot-Gold hat
diese Forderung wenig zu tun (und landet dann bei dem sehr abgehobenen
Urteil:)
Historisches Bewusstsein lehrt, dass Nationalismus immer auch Krieg
sein konnte...
Andererseits bleibt er eine wichtige moderne Form überindividueller,
also
großherziger Gefühle. Diesen ewigen Zwiespalt spielerisch aufzulösen,
dafür ist
jetzt gute Gelegenheit.'
Ein Ossi schreibt in der SZ: 'Ein Bekenntnis.
Unglaubliches wird berichtet. Wildfremde Menschen haken sich beim
public
viewing unter und singen gemeinsam das Deutschlandlied. Zustände, wie
sie sich
zuletzt 1914 zugetragen haben dürften. Erschrocken fragen wir uns:
Dürfen wir
das? Antwort: Eine Stimmung hat mich erfasst und ich war froh, dass das
vorbereitende Trommelfeuer endlich durch the real thing, die WM ersetzt
wurde.
1990 war `’Deutschland’ zu sagen noch wie mit den Haken zu knallen.
Aber ganz
ohne Patriotismus fehlt was. Jetzt ist etwas da, das diese Leerstelle
besetzt.
Es ist ein neuer Patriotismus, nicht der alte, ein anderer, wir
probieren noch.
Denn der alte Patriotismus lebt in einem Deutschland, das es nicht mehr
gibt.
Der heutige Patriotismus wird sich in dem Maße vom alten unterscheiden
wie das
heutige Deutschland vom alten. Und so hat auch die jetzige Fußball-WM
mit den
Olympischen Spielen von 1936 so viel gemein wie Beckenbauer mit Hitler,
wie
Sönke Wortmann mit Leni Riefenstahl. Stolz auf Deutschland zu sein,
ohne auch
nur ansatzweise zum Nazi zu mutieren – es geht. Und es wird, wenn die
Welt bei
uns zu Gast ist, klar, was wir schon lange ahnten: Das Ansehen
Deutschlands ist
sensationell. Wer merkt, wie beliebt er ist, wird gleich mal schöner.
... So
geht’s auch den Deutschen. Also beginnen wir in diesen Wochen auch uns
selbst
gern zu haben. (Jetzt die Auseinandersetzung mit den Einwänden:) Es ist
ja
nicht mal ausgeschlossen, dass in diesen Feiern die deutsche Dumpfbacke
mitmischt. Aber dass der Satz „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“
nicht mehr
automatisch bedeutet, ich bin stolz, ein Rechter zu sein, ist doch
schon was.
Ein deutscher Patriot neuer Prägung empfindet es als eine Schande für
Deutschland, dass es no-go-areas gibt ... und will keine deutschen
Truppen und
nicht die deutsche WM, sondern deutsche Schulen und Universitäten
gründen.'
Als Gipfelpunkt der Spiegel in einer langen
Titelgeschichte: Es geht los mit: 'Es kommt überall auf Fußball an. Er
besetzt
die Köpfe, die Herzen, er macht aus Deutschland ein anderes Land, wie
in einem
Sommermärchen. Ein gebanntes, fröhliches, ein Land unter einem
schwarz-rot-goldenen Tuch, seit dem 9. Nov. 89 hat es keine größere
Party
gegeben als diese. Damals feierten die Deutschen mit sich, jetzt feiern
sie mit
sich und der Welt. Fahnen und Trikots aus 32 Ländern mischen sich. Das
Land ist
netter denn je. Die Deutschen wollen gute Gastgeber sein. Das Land ist
plötzlich cool. Zwischen dem Leipziger Bahnhof... liegt Kirstin mit ein
paar
Freundinnen. Alle um die 20 und alle tragen kleine bunte Flaggen im
Gesicht.
Kirstin trägt ihre auf der Stirn, im linken Nasenflügel ein Piercing.
Sie
trinken kein Bier, sondern Wasser...Fragt man, ob sie stolz sei,
Deutsche zu
sein, antwortet sie: „Nö“. Fühlt es sich jetzt, während der WM besser
an, eine
Deutsche zu sein: „Ja, klar.“ Aber es gibt ein großes Aber. Ist das
nicht schon
zuviel Schwarz-Rot-Gold auf den Plätzen und Bildschirmen? Schon will
die
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Broschüren verteilen, die vor
dem
Absingen der Nationalhymne warnen. Schon ist das Land wieder in eine
seiner
beliebten Debatten um seine Identität verstrickt. Dahinter steckt die
große
Frage, ob diese WM und der Freudentaumel Deutschland nachhaltig
verändern. Ob
die Deutschen neues Selbstbewusstsein tanken und zeigen werden. ... Für
die
große Koalition ist die WM ein Glücksfall. Die Mehrwertsteuererhöhung
geht
durch und niemand bekommt es mit. Ein Regierungssprecher sagt, es gäbe
tatsächlich eine unglaubliche Leichtigkeit und Unbeschwertheit im
Lande. Es ist
diese neue Kombination von Leichtigkeit und Leidenschaft, die dem
Deutschen im
Ausland Wenige zugetraut hätten. Sind Reformen doch möglich in diesem
Land?
Denn genau dies hat Jürgen Klinsmann gewollt: Ein spielendes
Deutschland, kein
mauerndes. (Jetzt ist er schon bei Deutschland als Subjekt). Ein
begeisterndes
Deutschland auf dem Platz, ein begeistertes auf den Rängen. Die
Stimmung in
Deutschland ist gigantisch. Es ist tatsächlich eine Stimmung der
Einheit, die
Deutschland erfasst hat, und das ist neu, denn bei den Debatten der
vergangenen
Monate ging es mehr um Unterschiede, um Unvereinbarkeiten, es ging um
eine
Unterschicht, deren Kontakt zum gesellschaftlichen Leben abgerissen
wurde. Es
ging um Einwanderer, die sich den Landessitten nur schwerlich anpassen.
Es ging
um Ostdeutsche, die immer noch nicht in der Bundesrepublik angekommen
sind.
Diese Gruppen vereinen sich nun während der Weltmeisterschaft in den
Stadien
und vor den Leinwänden. Es geht darum, Emotionen zu teilen. ..Sie
zahlen 3 oder
30 €, um mit ihren Emotionen nicht allein zu sein, um andere zu hören,
zu sehen
und zu spüren. So wird die Großbildleinwand zum Lagerfeuer, um das man
sich in
seiner Suche nach Wärme schart, und der Fußball zum Kleber einer
Gesellschaft,
die auseinander driftet. Für die Dauer eines Turniers interessieren
sich
Hartz-IV-Empfänger, Investmentbanker und Intellektuelle für dasselbe.
Im Jubel
sind die Grenzen sozialer Herkunft verwischt. Im Jubel lösen sich auch
Gegensätze zwischen Ost und West auf. (Jetzt kommt wieder ein Mensch,
der das
bebildert:) E. ist krank, hager usw., wildwuchernder Vollbart, in
Leipzig. Er
ist montags oft hier und demonstriert gegen Hartz IV. E. ist einer der
Unentwegten, der Verzweifelten, die immer noch gegen die Zumutungen des
globalisierten Deutschland protestieren. Aber(!) er ist nicht glücklich
über
seine Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. E. würde gern Teil von etwas
Anderem,
etwas Positivem sein... Also ist er zum Fußball gegangen. Die Stimmung
war
nicht aggressiv. Nicht einmal kämpferisch und auch nicht muffig, wie am
Stammtisch. Es war eher eine entspannte Party. E. gefiel, was er sah
und hörte,
er wollte dazugehören und kaufte sich eine schwarz-rot-goldene
Blumenkette,
eine Mütze mit der deutschen Flagge und scheint nun ein wenig
verwundert zu
sein über seine Verwandlung vom Kritiker Deutschlands zur Werbefigur
für
Deutschland. Doch er fühlt sich gut, er ist ein bisschen angekommen.
(Dann
geht’s weiter, die Ostler kommen an, die Türken kommen an). Ein Türke:
„Ich
habe eine emotionale Bindung zu Deutschland“, sagt er und wackelt mit
seinem
schwarz-rot-goldenen Hut ... Eine Spaßgesellschaft ... spielt sonst
Karten, 66,
in die Kasse rein, 2500 € liegen in der Kasse, die setzen sie jetzt um
in Bier,
packen Fanartikel zum Anziehen, Aufsetzen und Aufblasen aus, hauen sich
mit
aufblasbaren Baseballschlägern in Deutschlandfarben die Köpfe ein und
lachen.
Sie singen. Feiern ist befreiend. Deutschland befreit sich grade von
sich
selbst. So unter Deutschen war es immer etwas langweilig, spätestens
seit der
Romantik war man dazu verdammt, eine verträumte, vergrübelte Nation zu
sein.
... und machte sich allerlei schwere Gedanken über sich selbst. Die
guten
Partys gab's woanders. Die jungen Deutschen wissen das. Sie waren schon
in New
York. Sie sind längst globalisierte Partygänger und jetzt sind sie die
Gastgeber. Da wollen sie nicht griesgrämig sein. Usw. usw. Man
vollzieht (auch
noch) die Einheit mit der Welt. (Abschließend:) Angeblich gibt es einen
neuen
Patriotismus des Herzens. Eine Liebe zum Land, die sich im
Fahnenschwenken und
in Deutschland-Deutschland-Rufen zeigt. Vor allem die kleinen Leute
hätten
gespürt, dass sie von der Globalisierung nur Härten zu erwarten hätten.
Deshalb
wenden sie sich wieder der Nation zu. So liege dem Jubel für die
deutschen
Erfolge ein Gefühl der Rührung zugrunde. Das mag es geben, wer aber im
Lande
rumreist, wer in den Stadien ist .. hat eher den Eindruck, dass die
große Masse
einfach nur feiern will. Die Fahne oder das Trikot ist weniger Ausdruck
von
Patriotismus, als von Partywillen. Wer dabei sein will, muss Farben
zeigen. Die
Nationalfarben. Aber auch diese Leichtigkeit ist nur möglich, weil sich
etwas
verändert hat. Es ist der Sprung vom Dritten Reich zu einer Demokratie.
Es gibt
kaum ein Volk auf der Welt, das sich in 60 Jahren so gewandelt hat wie
Deutschland. Da kann man schon mal ein schwarz-rot-goldenes Fähnlein
schwenken,
ohne sich schlecht fühlen zu müssen. Und das heißt nicht, dass das
Dritte Reich
vergessen wird. '
Da merkt man, was so eine Sache wie Fußball alles
anrichtet und an Debatten über neuen Patriotismus provoziert. Beim
Spiegel
zeichnet sich die so aus, dass er stellenweise schon so argumentiert,
dass man
fast sagen könnte: Der ist ganz nah beim Begriff der Sache - bloß mit
einem so
abgrundtiefen Verständnis für diesen Begriff, dass es dann doch nicht
ganz
stimmt, dass es dann doch übertrieben wird, dass es dann doch bei der
Gleichung
landet, die hier heißt: Party und Patriotismus. Da ist das 'und' was
Äußerliches, es müsste eigentlich heißen: Patriotismus als Party.
Dieses Thema
haben sie. Das ist jetzt mal so ein Sammelsurium von Argumenten,
härterer oder
weniger harter Natur, die alle die Sache sehr ernst nehmen mit dem
Patriotismus
in der Spaßgesellschaft. Also müssen wir uns einen Reim drauf machen.
Angefangen wurde interessanterweise mit: Wir sind der
Gastgeber der ganzen Welt. Das nationale Wir feiert sich und zwar,
indem es als
Gastgeber für andere Nationen die WM als fröhliches Massenereignis
veranstaltet, das klingt gut und wurde gelobt. Da war aber schon im
Vorfeld was
Eigentümliches, es wurde nämlich gleich dazu gesagt: Aber Vorsicht, man
muss
sich richtig präsentieren; nur dosiert, dass nicht die Rechten
auftreten; auch
Vorsicht vor Krawallen, Hooligans – schaffen wir das auch? Von dieser
Vorsicht
ist jetzt nichts mehr zu hören. Die ist dem gewichen, dass jetzt die
große
Party im Gang ist, es läuft, wir sind die Gastgeber der ganzen Welt,
halten die
Deutschlandfahne hoch und die 32 anderen gleich noch mit. Und weil man
die
andern hochhält, darf und soll man auch die eigene hochhalten. Was
funktioniert
da eigentlich? Wir sind Gastgeber und zugleich Teilnehmer, das wird in
Beziehung zueinander gesetzt, Weltmeister wollen wir schon werden, aber
am
liebsten nicht gegen die anderen Nationen, sondern die andern sollen
zustimmen:
Das haben die Deutschen fein gemacht. Die andere Seite ist ein
Polizeiaufgebot
nie gesehenen Ausmaßes. Das alles ist bei diesen Artikeln kein Thema.
Die loben
das Gelingen so sehr, dass sie alles andere unter den Teppich kehren,
oder
Einwände in einer Form bringen, dass diese gleich nicht gelten.
— Das Bekenntnis zur Nation wird
in ein Glücksgefühl
übersetzt. Das gemeinsame Glücklichsein wird demonstriert und
gleichzeitig
beabsichtigt, dass nach außen hin kein Gegensatz zu den andern Nationen
auftritt, sondern die Vereinbarkeit unseres Patriotismus mit dem der
anderen.
Vor den Rechten wurde gewarnt, weil die einen Gegensatz aufmachen.
Wie die Patriotismus definieren, wie der ankommen soll und
was da nicht sein soll, da ist etwas sehr Eigentümliches dran. Wie
gesagt: Den
Patriotismus wollen sie, dieses Einheitsgefühl, das loben sie. Damit
ist ein
Übergang mitgemacht, auf den man explizit hinweisen soll, nämlich eine
Abstraktion ziemlich ernster Natur. Die reden über Patriotismus und
vergessen
glatt den Gegenstand, an dem er sich betätigt, den erklären sie für
gleichgültig.
Es geht doch um Fußball. Hier wurde gleich gesagt: Es geht um
Patriotismus. So
reden sie selbst, der Spiegel sagt: „Fußball beherrscht Deutschland“
und endet
bei „Deutschland beherrscht alles“, also die Köpfe usw. Dann fällt ihm
ein,
dass sich das am Fußball abspielt und bekennt sich zu dem Übergang:
„Hält das
auch über die Fußball-WM hinaus?“ Er denkt also sehr weit und
grundsätzlich
darüber hinaus an eine Leistung, die diese WM vollbringen soll. Diese
Leistung
besteht in so etwas Grundsätzlichem und Gravierendem, dass dieselben,
die das
Stattfinden loben, zugleich den Bestand bezweifeln: Kann das halten
über die
vier Wochen hinaus? Was ist, wenn sie ausscheiden?
— Die
Skeptiker und die Optimisten sind sich einig darin, dass das gelobte
Einheitsgefühl weiterhin gelten sollte.
Ja. Aber was soll da halten? Das ist doch was
Eigentümliches, wie die sich umstandslos und bruchlos von: Wir sind der
Gastgeber für die Mannschaften aus aller Welt, zum Thema: Deutschland
und sein
Patriotismus hinarbeiten. Das ist bemerkenswert.
Neuer Patriotismus heißt das jetzt, haben wir gehört, weil
das neue Deutschland nicht mehr das alte ist. Eigentlich ist das nur:
Man ist
für ihn, ihn wird alles Gute zugeschrieben, was früher noch als Einwand
gegen
ihn galt. Wie gibt es das, dass hier (nicht zu Unrecht) behauptet wird,
ein
Massenbedürfnis und ein Staatsbedarf sind zur Deckung gebracht. Und
zwar so,
dass das womit und worüber, die eigentliche Sache, um die's geht, der
Fußball,
sich glatt rauskürzt. Die behaupten, Patriotismus, so wie sie ihn
definieren,
ist erstens ein jetzt betätigtes Massenbedürfnis und zweitens ein damit
erfüllter Bedarf der Nation, der endlich mit den Problemen der Nation
mal
aufräumt, endlich die Nation so geistig sortiert und in der Welt
aufstellt, wie
sie meinen, dass es sich gehört. Das geht in verschiedenen Formen:
Klinsmann
sagt: Deutschland ist begeisternd auf den Rängen und auf dem Platz und
überhaupt; oder als höhere nationale Debatte, wenn einer sagt: Ich
liebe
Deutschland oder die Welt liebt Deutschland und schreibt ein ganzes
Buch
drüber. Da wird behauptet, die Fußball-WM leistet etwas, was bisher in
Deutschland noch nichts anderes zustande gebracht hat: Diesen Wahnsinn,
nämlich
endlich einen neuen = gesunden Patriotismus zum Betätigen zu bringen.
Endlich
sind sich Massen und Nation in einem Bedarf einig. Die behaupten, hier
löst
sich privat und öffentlich, Spaßgesellschaft und Nation auf. Also: Ich
bin ich
und ich bin gepierced und führe mich ganz toll auf, kommt hier zur
Deckung mit:
national. Das ist die große Leistung, das behaupten die als das neue,
dass der
Patriotismus endlich zur originären Feier des Subjekts geworden ist,
von
massenhaft Knalltüten, die meinen, sie sind die Größten.
— Liegt
das nicht an den Spielen selber? Das ist ein Gegenstand des Vergnügens,
aber es
spielen Nationalmannschaften gegeneinander, und die sind die
Repräsentanten der
jeweiligen Nationen. Da ist doch in dieser Veranstaltung das nationale
Element
und das Vergnügen am Spiel zusammen.
Ja, so kommt das zur Deckung. Fußball ist ein
Massenvergnügen, das ist nationalistisch eingefärbt, das ist eben schon
ein
Fantum. Der Fan hält zu seiner Nationalmannschaft, doch was betätigt er?
— Der
betätigt ein unbedingtes und unbelastetes Dafürsein. Nicht berechnend
und kritisch,
sondern nur dafür. Da gefällt ihm das Gefühlsmäßige. Ohne Bezug auf
das, was er
sonst treibt.
— Das
wäre schon das Ende, aber beim Fußball selbst, da findet am Platz ein
Stellvertreterkrieg statt. Die Spieler vertreten die Nation, ihre
Leistung in
dieser Konkurrenz kann der Zuschauer als seine Leistung genießen.
Das ist kein Stellvertreterkrieg, weil ja Fair-Play und
nicht: Wir führen Krieg gegen alle anderen, angesagt ist. Also der
spielerische
Wettbewerb von Nationalmannschaften, der zugleich sehr ernst genommen
wird. Der
Fan sagt: Das ist meine Nationalmannschaft, die soll gewinnen; Fußball
verwandelt in: Auf dem Feld geht es mir drum, dass die Nation gewinnt.
Das ist
eine praktizierte lebensmäßige Umdrehung, wenn der Fan sich dann damit
so identifiziert,
dass der Erfolg überhaupt das Höchste wird, dass er sein Leben danach
einrichtet, nach dem Motto: 'Was schert mich Weib, was schert mich
Kind, die
Hauptsach' ist, dass 60 gwinnt.' Dazu bekennt er sich. Neben
dem
Fußballfeld fordert er in Abstraktion vom Spiel sein Anrecht auf
Erfolg, den
organisiert er selbst, und da ist mehr Ersatzkrieg in der
Auseinandersetzung
mit den Fans der anderen Nationen/Vereine. Da kommt's beim Spiel auf
was
anderes an, nämlich den Sieg der eigenen National-Mannschaft, um deren
Recht
auf Erfolg geht's, zu dieser Sache hält er unbedingt. Das macht einen
entscheidenden Teil dieses Massenvergnügens aus. Das ist nicht der Spaß
an der
Sache, die betrieben wird, sondern die einseitige Parteinahme für eine
Mannschaft in dem Wettbewerb. Und die Parteinahme ist willkürlich, aber
auch
sehr logisch, nämlich nach dem nationalen Muster gestrickt: meine!
Dabei ist
der Fan sehr emotional, betrinkt sich das eine Mal aus Freude, das
andere Mal
aus Leid, Hauptsache er betrinkt sich, weil er dann in der richtigen
Stimmung
ist, so identifiziert er sich mit dem Los seiner Mannschaft.
Früher hieß der Fußball mal: 'Die schönste Nebensache der
Welt' - das darf man nicht zu wichtig nehmen. Jetzt wird’s zur
Hauptsache
erklärt und ändert dabei seinen Charakter. Also, Leute bekennen sich:
Sie haben
vom Fußball keine Ahnung und wollen auch keine haben, aber was da los
ist, das
begeistert sie, da gehen sie auch hin. Andre sagen: Fußball ist cool,
der
Odonkor ist geil, Fußballer sind flotte Typen.
— 1954
war es genauso, die Identifikation der Massen mit der Nation über den
Fußball.
Damals lief das unter Anfang vom Wiederaufstieg
Deutschlands. Heute sagen sie, das ist der Anfang eines neuen
Patriotismus.
Darum geht’s.
— In den
Zitaten wird Wert darauf gelegt, dass dieser nationale Taumel, wie er
jetzt
losgeht, einer ist, der nicht mehr Probleme der Art wälzt: Wie und darf
man
sich überhaupt zu Deutschland bekennen? Das, was sie als nationale
Normalität
einfordern, was sie hier verwirklicht sehen, ist etwas, das in den
Artikeln
immer Rekurs nimmt auf das, was in den letzten Jahrzehnten gestört hat,
als:
Diese Nation hat ein Verhältnis zu sich selbst, das sich nicht einfach
auf den
Standpunkt stellen will, dass Vergangenheit Vergangenheit ist, und man
jetzt zu
den Gewinnern der Welt gehört.
Eine ganze Abteilung dessen, was hier unter neuem
Patriotismus läuft, ist eine an die Fußball-WM 'angehängte' Debatte
über die
Leistungen, die man will, die sie angeblich erbringt, die für
Deutschland
wichtig sein sollen. Diese Debatte wird offenbar so ernst und
entschieden
geführt, dass man den Fußball glatt rauskürzen kann. Die behaupten:
Hier hat
sich Gott sei Dank in dieser Nation was getan. Diese Debatte ist
verräterisch,
da wird einiges von denen selbst klargestellt, was sie wollen und
worauf es
rauslaufen soll. Aber erst mal schreiben sie der Fußball-WM etwas zu,
unterschreiben es dann. Da fragt man sich: Passt das zu dem, geht das
mit dem
zusammen, was da wirklich passiert?
— Zum Vergleich mit früher kann
man sagen: Allgemein
ist, dass WMs immer ein Ausbruch von Nationalismus sind. Die Nation
reflektiert, wie sie in der Welt dasteht. Neun Jahre nach dem
verlorenen Krieg
hieß es: Jetzt sind wir überhaupt wieder da. Aber heute ist sowieso
klar: Wir
sind bei den Vordersten mit dabei, und das nationale Empfinden gehört
so
gelebt. Wir wollen kein Problematisieren mehr.
Vielleicht ist dies gar nicht so viel verschieden
zwischen früher und heute. Man muss doch erst mal sagen: Sie behaupten
nicht zu
Unrecht: Sie haben eine Leistung geschafft, sie haben nationale
Begeisterung
jetzt anlässlich der Fußball-WM zu einem Party-event gemacht, zu einer
großen
nationalen Feier und einem Massenauflaufwesen zu Zigtausenden mit
Autokorsos.
Das gab's ´54 nicht. Dass sie hier Patriotismus zu einem inszenierten
Massenereignis größter Natur gemacht haben, das ist gelungen. Was
passiert da,
wenn drei Viertel des Volkes als Fan rumläuft, teils am Fußball, teils
an der
Feierei selbst, am Spaß, am Gemeinschaftserlebnis anknüpft und der Rest
nimmt
zwar nicht teil, aber findet das schwer in Ordnung. Der 4. Teil macht
eine
ganze nationale Debatte draus, wie gut und fein das ist.
— Der Erfolg der Nation wird der
eigene, individuelle
Erfolg, eigentlich ein Gefühlserlebnis. Das ist auffällig, aber wo ist
da die
politische Qualität. Dagegen könnte man einwenden, dass die Einheit der
Nation
darin nicht besteht, sondern sie demonstriert sich im nationalen Gefühl.
Dann ist doch der politische Ertrag eine inszeniert
Lüge. Die Einigkeit besteht schon, aber wie. Die Massen malen sich doch
schwarz-rot-gold an.
— Das ist eine gefühlsmäßige
Identifikation mit einem
Gemeinwesen. Sie abstrahieren von der Nation, dass sie deren Zweck
erfüllen.
Das tun sie immer, gewohnheitsmäßig. Was ist aber hier das Besondere?
— Bei einer Sportveranstaltung
benennt sich der in
Vordergrund gestellte nationale Zweck als eine Sache, die nichts zu tun
hat mit
irgendeinem privaten Zweck, den der Mensch im Land hat. Bei den
wichtigen
nationalen Angelegenheiten wie Gesundheitswesen erneuern oder
Lohnnebenkosten
senken, kriegt erstens jeder mit, dass das eine Angelegenheit von
nationaler
Bedeutung ist, über die man sich zweitens nicht unbedingt freuen muss.
Bei der
WM sieht man, wie die Begeisterung des Nationalen über jede Realität
hinweg
sich in diesem Zweck realisiert, einfach weil es beim Spiel egal ist,
welche
Revenuequelle einer hat, wen man wählt etc. Man kann für den Sieg der
deutschen
Mannschaft sein, weil das mit dem Rest überhaupt nichts zu tun hat.
Diese
Fiktion der Nation als ein gemeinsames Projekt, hinter dem alle stehen,
diese
Lüge verwirklicht sich so schön in einer nationalen Sportveranstaltung.
— Wieso wird das als Lüge
bezeichnet, es ist doch die
Inkarnation des Ideals der Konkurrenz, die da Wirklichkeit wird in der
Begeisterung für den Fußball.
Vielleicht ist ja die Wahrheit der Nation nicht so
begeisternd. Statt Lüge kann man sagen, hier wird wirklich eine
Abstraktion als
Gefühl, als unmittelbarer, persönlicher Bedarf wahrgemacht und
praktiziert.
Wenn man sich also fragt, ob Leute denn so verrückt sein können zu
sagen, es
kommt auf Deutschland an, und dabei alles vergessen, was sie selber mit
ihren
Interessen, alltäglichen Bedürfnissen und Gegensätzen angeht, hat man
hier die
Antwort. Hier ist ein grandioser Wahnsinnsfall, dass es geht. Das wird
so sehr
praktiziert, gepflegt, besprochen, geschätzt, dass man sich fragt,
warum das
nicht immer geht.
— Das
Bedürfnis nach unbedingter Einigkeit treibt die Leute. Natürlich ist
das, wie
schon gesagt, noch keine objektive Einigkeit der Nation.
— Gemessen an den Interessen der
Leute, die täglich
untergebügelt werden, ist es schon eine Lüge, von der 'unverkrampften'
Einigkeit
zwischen Volk und Obrigkeit zu sprechen. Es ist doch eine Leistung so
zu tun,
als würde der Einzelne von den täglichen Unannehmlichkeiten nichts
mitbekommen.
Darüber hinaus fällt die früher praktizierte Bußfertigkeit des
deutschen
Nationalismus weg.
Eine eigentlich begründungslose Parteinahme für ein Land
wird von der Öffentlichkeit mit allerlei Gründen versehen. Es findet
doch
tatsächlich etwas statt, das ist nicht nur der Einfall der Massen,
sondern eine
nationale Inszenierung, bei der Oben und Unten, Öffentlichkeit, Volk
und
Politik sich darin einig sind, dass das sein soll. Die Nation betätigt
ein
Fantum, das gemeinschaftliche Wir wird zum massenhaften Bekenntnis. Das
Zuschauen selbst wird zum Spektakel, zum Gemeinschaftserlebnis,
gemacht. Fantum
als öffentliche Veranstaltung hat die Nation massenhaft und umfassend
ergriffen. Da sollte mit Lüge gesagt sein: Das ist eine Abstraktion und
das
sagen sie auch so. In diesem Land fühlt man sich wohl, da gehört man
dazu.
— Der Einwand, das wäre nichts
Politisches, stimmt
nicht. Das Bedürfnis, Deutschland als gelungene Party zu feiern, ist
politisch.
Hier und jetzt ist das eine einzige große Gemeinschaft,
die (sich) in einer Art und Weise feiert, die von allen Widrigkeiten
des
Alltags absieht, diesbezüglich ist auch der Begriff Lüge nicht falsch.
— Das
stört doch gerade, dass die Leute nicht immer den Übergang zur
Zustimmung zu
diesem Staat hinkriegen, Eine Zustimmung trotz ihrer desolaten
Lebenslage, weil
sie von den von ihm gesetzten Lebensbedingungen abhängig sind. Es ist
also eine
Lüge, dass dieser Staat nicht auch jenseits der Fußball-WM von
affirmativen
Bürgern geprägt wäre. Was ist dann das Besondere daran? Um zu einer
Zustimmung
zum Staat zu kommen, ist immer eine Abstraktion von den eigenen
Interessen
nötig.
— Die
Besonderheit besteht im Feiern dieser Zustimmung. Die alltägliche
Zustimmung
zum Staat, weil der die Bedingung für alles ist, wird nicht als
Gemeinsamkeit
betrachtet.
Die Abstraktionsleistung vollbringt jeder
Hartz-IV-Empfänger, wenn er die Ausländer anprangert usw. Nationalismus
ist
sonst ein einziges kritisches Räsonieren; jetzt ist aber die Feier der
Einigkeit, getrennt von den sonstigen Spaltungen innerhalb der
Gesellschaft,
als Fantum angesagt.
— Meckern
bedeutet in diesem Fall das Ausgeschlossensein vom großen Ganzen.
Diese Abstraktionsleistung, die ein Nationalist sonst
tagtäglich vollbringt, wird jetzt jenseits allen täglichen Kritisierens
als
Gefühl der Einigkeit zur Schau getragen. Hier deckt sich offensichtlich
ein
Bedarf von Oben mit einem betätigten Bedarf von Unten. Dabei können
beide
Seiten den Fußball rauskürzen. Wenn Tausende Angemalte am Brandenburger
Tor
Schwarz-Rot-Gold feiern, muss man einfach dabei sein.
Das eine ist das praktisch geförderte und geforderte
nationale Wir, das sich da feiert. Es ist aber ein Unterschied, ob
einer eine
Party feiert, oder öffentlich dazu gesagt wird: Das geht in Ordnung;
das ist
das erste Urteil. Dann kommen als nächstes die Begründungen, warum das
in
Ordnung geht.
Wie bringt man den Nationalismus von beiden Seiten in Eins?
Der billige Trick vom Spiegel ist erstens: Weil die Massen es machen,
es ihr
Bedürfnis ist, ist es in Ordnung. Dann kommt: 'endlich' oder 'weiter
so'. Wo
ist da Oben und Unten? Die Massen feiern den Nationalismus, den sie
tagtäglich
als: Verrat an ihren Interessen, Beschwerdewesen, die falschen
Schuldigen
suchen usw. betätigen. Hier feiern sie das nationale Wir nicht zufällig
an
einem Gegenstand, der getrennt vom Alltäglichen, in der Sphäre Überbau
beheimatet ist. Darin liegt (vorher vielleicht missverständlich als
Lüge
gekennzeichnet) eine betätigte Abstraktion, da macht sich ein Bedarf
pur
geltend, neben und getrennt von dem, dass für Deutschland zu sein nicht
seine
Gründe im sonstigen Gegensatz- und Interessenswesen hat, sondern dass
man einen
Bedarf nach der bekundeten Übereinstimmung hat. Das wird begrüßt, weil
hier was
bewiesen wird.
— Es ist
doch eine Abstraktion von Herrschaft, das ist das Bekenntnis der
Untertanen zu
ihrer Obrigkeit, in dieser Form sich mit ihr in eins zu feiern.
Die Abstraktion betätigt sich an einem Vergnügen, dem feinen
oder schalen Massenvergnügen (ganz nach Geschmack), bei dem es
eigentlich auf
nichts ankommt, an dem für die Nation nichts hängt. Grad hier sollen
die
Deutschen ganz bei sich sein. Da heißt es nicht, ja auf dem Feld ist
das leicht
zu haben, sondern, weil sich da und so das nationale Wir feiert, ist es
zur
Zeit die ernsteste Sache der Welt, hinter der alles Andere zurücktritt.
Im
Moment soll die Nation nichts anderes als die volkstümlich gefeierte
Einigkeit
sein. Vom praktischen Nationalismus und seinen Mitteln völlig getrennt
kommt es
auf diese Einheitsfeier als Gelegenheit an. Sich als Deutscher zu
bekennen, ist
ein originäres Volksbedürfnis. Die Spaßgesellschaft (sonst oft im
Feuilleton
kulturkritisch begutachtet) als nationalistische Veranstaltung wird zum
Kulturgut erklärt, die Begeisterung ist begeisternd. Die Öffentlichkeit
macht
den Übergang, Fan des Fanatismus zu werden. Bis zur Behauptung, dieser
Nationalismus wäre unverfänglich, weil es so ein Massenevent sei,
versteigen
sich die Medien.
— Sonst
findet die SZ diese Begeisterung für die Begeisterung verachtenswert,
an
frühere Zeiten denkend.
— Jetzt heißt's: Hier feiert
sich Deutschland –
Glückwunsch.
— Sie
gehen auch so weit zu sagen: Wenn das Volk schon derartig vorbildlich
seine
nationalistische Stimmung feiert, dann darf wirklich keiner mehr
Unzufriedenheit demonstrieren. Die Regierung will während dieser WM
keinerlei
Störungen durch Ärzte-Streiks o.ä. haben.
Der praktische Übergang, diese Feier möglichst würdevoll
stattfinden zu lassen, die nicht unter falschen Begeisterungsübergängen
leiden
darf, wird auch noch gemacht. Die patriotische Party muss im Rahmen
bleiben.
Dies wird sehr sorgfältig – von wegen das Volk macht die Veranstaltung
-
begutachtet, beobachtet, polizeilich überwacht, um den Hooligans, die
sich
logischerweise angesprochen fühlen, kein Feld der Darstellung zu
bieten. Wenn
sich Deutschland selbst feiert, muss darauf aufgepasst werden, dass
nicht die
falschen Deutschen Deutschland falsch feiern.
— Die
GEW, die vor einer falschen Benutzung des Deutschlandliedes gewarnt
hat, gehört
auch in diese Abteilung.
Mit dem Stichwort: 'Neuer Patriotismus' wird eine Sache
gefeiert, die es wirklich gibt; hier ist Patriotismus als
Massenbedürfnis,
Stimmungslage und riesige Feierveranstaltung unterwegs. Das wird als
Volksbedürfnis
begrüßt, das geht in Ordnung: Die Nation ist volkstümlich. Das gefällt
so sehr,
dass man es für immer will. Das ist der von oben ausgedrückte Bedarf,
der mit
der Behauptung einher geht: Das Entscheidende ist nicht der waltende
Nationalismus, sondern dieser von den Massen gefeierte Wir-Fanatismus.
So ist
wirklich was in Übereinstimmung gebracht, das wird gelobt: Die
Deutschen sind
mal ganz bei sich, pur Volk.
Jetzt wird gesagt, warum das alles in Ordnung geht. Jetzt
kommt z.B. der Vergleich des Ossis mit dem Krieg, der sagt, dass eine
Stimmungslage herrsche wie 1914. 1990 hätte er sich das noch nicht
träumen
lassen, aber 2006 nichts wie hin. Es ist doch nicht zufällig, nicht
abseitig,
dass einem einfällt, dass das wie im Krieg ist, wenn man die ganze
Veranstaltung einmal nicht als Party der nationalen Spaßgesellschaft
nimmt,
sondern bemerkt, was hier alles an schwarz-rot-goldenem Fanatismus
unterwegs
ist. So selbstvergessen laufen die Leute herum.
Ein Kommentar im Radio hat sich ernsthaft der Frage
gewidmet, wie es sich mit Fußball als Religion verhält, und sagt, dass
das doch
gar nicht so schlecht sei: „So viele Leichen, wie andere Religionen
schon
produziert haben, produziert der Fußball nicht.“ Im Prinzip geht der
Fußball
also in Ordnung.
Diese Debatten sehen hier nationalen Fanatismus unterwegs,
pures, berechnungsloses Dafürsein. Wenn man beim Dafürsein an die Party
denkt,
hat es den Gehalt Spaß. Danach ist Spaß, dass ich fröhlich in die Welt
schaue,
ist Optimismus, wenn man es ernster nimmt. Optimismus ist eine
Einstellung, die
sagt, dass sie sich von nichts behelligen lässt: „Wurst wie es in der
Welt
zugeht, ich habe einen guten Grund, fröhlich dreinzublicken.“ Hier
sagen sie,
dass die Nation der Grund ist.
Nun zu der Bemerkung, die heutige WM-Veranstaltung habe
nichts gemein mit der Olympiade von ’36: Deutscher zu sein, ohne auch
nur
ansatzweise zum Nazi zu mutieren, das ginge. Nun ist es aber gerade so
wie bei
der Olympiade von ’36; Beckenbauer hat doch den Auftrag, den
Nationalismus zu
organisieren. Und wenn sie sagen, Deutschland sei der Gastgeber der
ganzen
Welt, dann sagen sie genau dasselbe wie Hitler. Er beweist, wie gut
Deutschland
in der Welt dasteht und dass der Nationalsozialismus internationale
Anerkennung
verdient. Die heutigen Kommentatoren wissen, dass die damalige
Olympiade eine
Masseninszenierung zum Beweis für den Nationalsozialismus war, eine
staatlich
missbrauchte und inszenierte Geschichte, Massenhysterie. Das wissen sie
von den
Spartakiaden und Weltvölkerspielen in Peking auch. Sie behaupten, dass
sie es
an der Inszenierung erkannt hätten. Jetzt inszenieren sie selber etwas
Vergleichbares und behaupten, das Volk sei der Inszenator des ganzen
Rummels
und wegen der Begeisterung gehe die ganze Sache in Ordnung. In Ordnung
geht
alles, weil – jetzt kommt der Witz mit den Leistungen – es politisch
brauchbar
ist. Der Inhalt von Massenhysterie und Begeisterung ist genau derselbe.
Da
feiert sich eine Nation und die Massen sind begeistert und feiern mit.
Wenn sie
jetzt sagen, dass diese Volksbegeisterung, weil sie bei uns nicht
kommandiert,
nicht nationalsozialistisch organisiert ist, Ehre für den Staat
einlegt, dann
machen sie genau den Zusammenschluss, den sie Hitler vorwerfen.
Zu allem gibt es eine Überbaudebatte, die fragt, wie es um
die Leistung des aus Anlass der Fußballweltmeisterschaft gepflegten und
betätigten Nationalismus, wie es um den patriotisch bedienten Bedarf
dieser
Nation aktuell, wie es um die Angemessenheit dieses Nationalismus
steht, den
man jetzt als Bekenntnis zu Deutschland interpretiert. Es folgen jetzt
die
höheren Gesichtspunkte, warum dies alles in Ordnung geht. Sie sagen
Deutschland
würde normal, Deutschland befreie sich von etwas Unnormalem. Worin
liegt das?
In dem Buch von Matthias Matussek „Wir Deutschen“ sagt er: „Alle lieben
uns,
nur wir selber lieben uns gar nicht richtig. Das muss aufhören.
Deutschland
muss wieder stolz auf Deutschland sein“. Und im Radio sagt der Autor
auf die
Frage, was er denn zu den Judenmorden sage: „Natürlich waren das
Verbrechen. Es
waren alles anständige, gute Deutsche. Da haben Deutsche Deutsche
umgebracht.“
Er sagt damit, dass sich erst dann der wahre Gehalt dieser Katastrophe
erschließt, wenn man erst einmal den Gesichtspunkt 'Deutsch' einführt,
und der
Gehalt ist - man soll wieder bekennender Deutscher sein. Er behauptet
damit,
dass die alte Tour mit den gepflegten Bedenken dies nicht war, und
bekennt,
dass Nationalismus ein bedingungsloses Ja-Sagen ist.
Man nimmt den Nationalismus als Ausdruck einer damit auch zu
unterschreibenden Spaßgesellschaft, Nationalismus ist nichts
Verwerfliches,
nichts Bedrohliches. Man zitiert lauter eigene oder historische
Bedenken und
sagt, um sie nicht mehr gelten zu lassen: „Weil wir sie nicht mehr
gelten
lassen, geht die Sache ja in Ordnung. Es ist doch eine fröhliche Party.
Die
anderen lieben uns doch. Wir sind so feine Gastgeber. Nationalismus ist
doch
nicht gegen andere gerichtet, sondern schließt sie alle ein. Unser
Nationalismus
ist der feinste Internationalismus der Welt.“ Dies alles wird gesagt,
um die
Umdrehung zu machen: „Weil wir internationalistisch sind, geht der
schwarz-rot-goldene Nationalismus schwer in Ordnung.“ Es ist das
Argument,
endlich den Nationalismus so pflegen zu können, wie es sich gehört -
nämlich
mit gutem Gewissen.
Beim Spiegel ist
offensichtlich, dass die eine Abteilung der Begründung von
Nationalismus
tatsächlich so geht, indem man sagt: „Nationalistische Bedenken, die
man selber
einmal gepflegt hat, gelten alle nicht, weil unser Nationalismus eine
gute
Sache ist. Alles, was man ihm vorwerfen kann, bestreiten wir nicht,
deswegen
hat das, woher das alles rührt, mit der Sache Patriotismus gar nichts
zu tun.“
Einwände gegen den Nationalismus werden zitiert, um sie als absurd
abzutun. Die
zweite Abteilung ist zu sagen: „Nationalismus ist eine feine Sache,
weil er
nützlich ist.“ Die moderne Variante zum alten römischen Argument ‚panem
et
circenses’ heißt heute ‚Hartz IV und circenses’.
— Wenn die Zeitungen voll sind
von all den Zumutungen,
kann es nicht stimmen, dass die Leute nicht merken, was die Regierung
ihnen
aufzwingt. Trotzdem weisen sie diese nicht zurück, sondern gehen lieber
zum
Fußball.
Ja, es kann nicht stimmen, dass die das einfach vergessen.
Abstraktion ist etwas anderes als das, dass man etwas vergisst.
— Die
betreuende Intelligenz macht sich anheischig, aus diesem Nationalismus
eine
weitere Produktivkraft für die Nation zu machen. Man möchte diesen
Nationalismus dauerhaft, abrufbar haben. Er ist brauchbar für die
nationale
Einheit. Dahin gehen die Nützlichkeitsgedanken der Schreiberlinge.
Wenn es heißt, dass Hartz-IV-Empfänger eine große Party
feiern, dann vergessen sie ihre Situation nicht, aber sie trennen sich
von
ihrer sozialen Situation und kaufen sich eine Nationalfahne. Dazu sagt
dann der
Spiegel, dass das fein sei. Paul Breitner hat neulich gesagt, dass das
Volk ein
Anrecht auf seinen Spaß und sein Vergnügen habe, weil es es sowie
schwer genug
hat. Die Leute haben also ein Anrecht auf das Vergnügen in harten
Zeiten.
Der Spiegel und andere loben also eine brutale Leistung dieser
Veranstaltung:
Wenn das Volk schon so schlecht gestellt ist, dann soll es das auch
einmal
vergessen dürfen; die Massen werden mit etwas bedient, was ihnen schon
lang
zusteht und sonst immer zu kurz kommt, Nationalismus als pures
Vergnügen. Die
Feier des Subjekts, das einem den Schaden serviert, ist die
Entschädigung für
das, was dieses einem an Zumutungen im Alltag serviert.
— Der
Zynismus besteht darin, dass die Feier dafür da ist, damit sie alle
Widrigkeiten aushalten. Das Vergnügen wird funktionell bestimmt.
Die Optimismusdebatte der neuen Bundesregierung vor kurzem
war verbunden mit nationalen Ansprüchen an die Leute. Im Gegensatz dazu
wird
bei der WM zunächst einmal der Nationalismus von oben gepflegt,
begutachtet,
unterschrieben, geteilt, ohne dass er für irgendeinen weiter
gehenden
Anspruch gut ist. Diese Feier soll dann auch stattfinden, weil erstens
das Volk
ein Anrecht darauf hat - nicht weil wir jetzt von ihm etwas
verlangen,
sondern weil wir die ganze Zeit etwas vom ihm verlangen. Hier
ist interesselos
pur nationale Feier angesagt, Optimismus um seiner selbst willen. Kaum
sagen
sie’s, kommt zweitens der Witz: Sie fragen, ob dies Deutschland
voranbringt.
Schon im Vorfeld der WM gab es die Debatte: Stiftet die WM Optimismus,
den
Deutschland braucht, kommt dadurch das nationale Wachstum voran usw.?
Weil so
hohe Dinge auf dem Spiel stehen, sagen sie jetzt, dass dieses nationale
Ereignis das Ernsteste von der Welt ist.
Dieser besprochene Funktionalismus ist eine Auskunft über
Nationalismus. Die brutalsten behaupteten Leistungen blamieren ihn
nicht,
sondern ehren ihn. Und weiterhin ist festzuhalten, dass Nationalismus
sich
tatsächlich zum Vergnügen der Menschheit machen lässt, und das
ausgerechnet bei
einer, die in der Nation nichts zu lachen hat. Das moderne bürgerliche
Individuum schafft es, Nationalismus zu seinem Bedarf zu machen, und
die Nation
sagt: „Genau so ist es gewollt“. Sie selber besprechen es jedenfalls
so, dass
das fein und nützlich ist und Deutschland dies gerade gebraucht hat.