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Artikelbesprechung Das Volk, GS 1/06
— Frage: Was das Volk abstrakt charakterisiert, habe ich
verstanden als: Da sind Leute unter der Herrschaft zusammengefasst, in
der Art, dass die Herrschaft Bedingungen herstellt, die diesen Leuten
als ihr Mittel vorgesetzt sind, egal, wie ihre ökon. Mittel sich
unterscheiden. Was soll da der Verweis auf frühere Herrschaftsformen,
da ich dachte, dass der bürgerliche Staat für seine Untertanen die
Lebensbedingung ihres Fortkommens ist, wäre eine grundsätzliche
Unterscheidung von früheren Herrschaftsverhältnissen. Das war doch im
Mittelalter ein pures Gewaltverhältnis, wo die Hintersassen Fronarbeit
leisteten und eine Illusion, dass sie davon was haben, gar nicht
aufkommen konnte. Die Gemeinsamkeit Volk kann es damals so gar nicht
gegeben haben. Die Allgemeinheit, das sind alles Rechtssubjekte, die im
Staat die gewaltsame Klammer vorfinden, in der sie sich alle mit den
gleichen Rechten ausgestattet bewegen können, ist eine Besonderheit
dieser Herrschaft.
— Bei früheren Herrschaftsformen war das Knechtschaftsverhältnis
der unteren Klassen z.B. als Fron für den Fürsten klar ersichtlich,
aber auch sie hatten einen positiven Bezug zu ihrer (gottgewollten)
Herrschaft, und sich als deren Volk im Unterschied zu anderen gesehen.
— Die mittelalterlichen Ideologien sollten den Menschen durch
einen jenseitigen Lohn mit seiner Knechtschaft versöhnen. Es ist doch
was anderes, wenn der Mensch hier denkt, er könnte sich diese
Verhältnisse zu seinem Nutzen machen.
Sicher war das nicht die Inkarnation von Volk der demokratischen
kapitalistischen Gesellschaft, aber dass Volk eine Größe ist, die nicht
erst mit dieser Gesellschaft entstanden ist, ist doch klar. Der Einwand
macht eine kleine Verschiebung zwischen Lebensbedingung und
Lebensmittel. Wenn man in Lebensmittel reindenkt, was Demokratie und
Kapitalismus ausmachen, dann stimmt's; dann ist es aber nur das Volk in
der Moderne. Umgedreht, wenn man sagt, früher war Unterdrückung
offensichtlich, könnte man auf Marx verweisen, der im Kommunistischen
Manifest das Gegenteil behauptet hat. Wenn er damit auch unrecht hat,
so meinte er damals doch: Erst unter bourgeoisen Verhältnissen tritt
Ausbeutung unverhüllt und nackt empor, so dass sich keiner mehr drüber
täuschen kann (vgl. aber MEW 23, 'Der Fetischcharakter der Ware' und GS
2/98). Vorher war alles 'verhüllt', da waren Leibeigene sogar bereit,
ihr Verhältnis zum Fürst als do ut des, als Schutz und Ernährung
aufzufassen und das mit Gemeinschaftsvorstellungen zu 'überwölben'. Die
Offensichtlichkeit der Ausbeutung entdeckt man da auch nur im
Rückblick.
— Zum Volk gehört aber Unterworfensein unter die rechtsetzende
Gewalt. Dass sie darin gleich sind, das gab's früher nicht.
Gleichheit ist ein spezieller Bereich. Abgesehen davon, dass auch die
Römer schon die Gleichheit der Rechtsperson kannten. Dass Sklaven davon
ausgeschlossen waren, ist kein Gegenargument, sie haben nicht zum Volk
dazugehört. Dieser Ausschluss vom Populos zeigt, dass diese Größe, wenn
auch nicht allumfassend, existiert hat. Auch heute gibt’s Momente von
Ausschluss inmitten eines funktionierenden Volkes, dass Leute zur
Bevölkerung, aber nicht zum Volk gehören. Auch wenn ganze Abteilungen
der Bevölkerung als Unperson galten, die Dazugehörigen fühlten sich als
Volk und waren eines im Verhältnis zu ihrer Herrschaft.
— Jede Herrschaft organisiert mit dem Volk, das sie sich
subsumiert, eine Art von Benutzungsverhältnis. Das heißt, sowohl für
den Bauern im Mittelalter wie für den Lohnarbeiter gilt das Argument:
Er findet in den von der Herrschaft gesetzten Bedingungen seine
Lebensbedingung vor. Das wird hier als Grund genannt dafür, dass jedes
Volk seine Herrschaft will, damit die sein Interesse schützt, auf
irgendeine Art seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Auch der Fronarbeiter im Mittelalter hatte den Bezug auf seinen Herrn,
dass der die Instanz war, an die er sich gewendet hat, um das Recht,
das er immerhin hatte, einzuklagen. Da gab es offensichtliche
Unterschiede in der Hierarchie der gesellschaftlichen Schichten und
jeder Stand hatte seine Rechtsposition in der damaligen
Standesgesellschaft gehabt. Aber dass er auf seine Herrschaft als
Garanten seines standesspezifischen Rechts gesetzt hat, das kann man
auch dem mittelalterlichen Bauern nicht abstreiten. Dass sie oft genug
nicht nur Gründe zur Unzufriedenheit hatten, sondern auch Bauernkriege
o.ä. gegen ihre Herrschaft angezettelt haben, widerspricht dem nicht.
Unzufriedenheit, die auch zur Revolte gegen die Herrschaft führt, ist
natürlich drin. Es soll nicht behauptet werden, dass die Menschheit
sich immer nur brav als Volk aufgeführt hat. Gelitten unter den
Verhältnissen haben mehr oder weniger schon alle und manche haben den
Schluss einer Empörung draus gezogen. Was das letztlich wert war, ist
auch im Artikel angedeutet. Aber man kann nicht sagen, ausgerechnet bis
zur Neuzeit der kapitalistischen Demokratie hätte das Verhältnis von
Herrschaft und Untertanen nur als manifeste Unterdrückung, die den
Leuten keine Illusionen und kein positives Verhältnis dazu zugelassen
hätte, funktioniert. So hat noch nie eine Herrschaft funktioniert,
dass sie ihr ganzes Volk gegen sich hatte. Dazu gehört allemal das sich
Arrangieren mit den Verhältnissen, die die Herrschaft verhängt und für
deren Geltung sie gerade steht. Damit fängt das positive Verhältnis zur
Herrschaft an. Wenn es das nicht gibt, hat die Herrschaft nicht lange
Bestand.
— Es war doch grad so, dass die Maßlosigkeit ('Moloch') des
Geldstandpunkts die Leute an ihrer Herrschaft hat zweifeln lassen; die
waren entsetzt, dass die alte Ordnung nicht mehr galt.
Die Zweiteilung im Artikel sollte deutlich machen, dass die Kategorie
Volk nicht erst mit Marktwirtschaft und Demokratie in die Welt
gekommen ist, sondern da sehr sachgerecht fortentwickelt worden ist.
Die Kategorie Volk ist sehr banal. Sie enthält die eingewendete
Unterstellung vom fertigen Begriff der demokratischen Herrschaft her
gar nicht: die selbstbewusste, von der freien Person her organisierte
Zustimmung zu Herrschaftsverhältnissen. Der Artikel will die alten
Feudalverhältnisse nicht erklären, sondern nur sagen: Auch dort spielt
das Moment von einem Rechte/Pflichtenverhältnis gegenüber der Obrigkeit
und der Standpunkt: In der bin ich mit meinen Lebensbedürfnissen
einbefangen und aufgehoben, schon seine Rolle, und zwar die einer
willentlichen Stellung zur Herrschaft. Aber das ist nicht die Stellung
der freien Person. Aus dem Vergleich kommt die Vorstellung her: Das
ist doch offensichtlich, wenn ich als freie Person einen Zehnten
abgeben muss und nur ein Lehen habe ohne freie eigentumsmäßige
Verfügung, dann merke ich doch, dass ich beschränkt bin, da merke ich
die Unfreiheit. Aber die in den damaligen Verhältnissen haben das
selber als Rechte- und Pflichtenverhältnis verstanden. Anders als Lehen
gab's da das Eigentum nicht, also hing an Grund und Boden das
Abgabenwesen. Da konnte man sich streiten, ob die Abgabe gerecht ist.
Der Bauernaufstand kam daher, dass sie den Gegensatz gehabt haben: Sie
mussten so viel abgeben, dass sie selber nicht mehr überleben konnten.
Wie schon gesagt: Mit dem Geld ist das dann unhaltbar geworden, weil
dann ist unter dem Firmenschild des Zehnten ein ganz neues ökonomisches
Verhältnis eingerissen. Das sind alles Beiträge dazu: Das waren
Auseinandersetzungen um die Gerechtigkeit der Herrschaft, in der sie
sich einbegriffen verstanden haben, und nicht die Stellung, dass sie
das nur als Gewalt erfahren, gegen die sie bloß ohnmächtig sind. Dann
lehnt man sich so auf, dass man sich der eigenen Macht bewusst wird.
Aber die Bauernaufstände sind beim Luther gelandet, also bei der
Verpflichtung auf Obrigkeit. Der hat sie an Recht und Pflicht erinnert,
entsprechend dem Gerechtigkeitsstandpunkt, den sie andersrum
aufgemacht haben, er hat sie drauf verwiesen, dass sie die Untertanen
sind und es sich für einen Christenmenschen gehört, sich der Obrigkeit
zu unterwerfen. Also ist das Christentum mit seinem: Es gibt oben und
unten, auch damals schon die Überhöhung dieses Volksstandpunkts. Man
sollte also zur Kenntnis nehmen, wie herrschaftselementar die Kategorie
Volk in ihrem Ausgangspunkt ist.
— Im Punkt 1 heißt es: 'Diese Dienste stellen sich zuverlässig
ein, wenn die in Pflicht genommenen Massen ...' die Bedingungen, nach
denen sie sich zu richten haben, hinnehmen. Wie ist das Verhältnis
dieser Überlegung zu Pkt. 2a: 'Der Ruf nach guten Herren'?
Der Fortschritt ist vom Standpunkt des Mitmachens, vom praktischen
Sichfügen, der Wahrnehmung der herrschaftlichen verordneten
Verhältnisse als die Verhältnisse, mit denen es halt zurechtzukommen
gilt; dass man da seiner Herrschaft alles verzeiht, weil man es gar
nicht als ihr Werk kritisch zur Kenntnis nimmt, sondern man betrachtet
es als Lebensverhältnisse, die es nun mal so gibt. Der nächste Punkt
geht auf die Fortentwicklung dieses Verhältnisses (fängt bei 2a an),
dass dann die Herrschaft zum Adressaten aller Verbesserungswünsche
wird. Die Vorstellung: Die brauchen wir. Was ist der Fortschritt beim
Ruf nach guten Herren?
— Die sehen nicht die Gegensätze, denen man wegen der Herrschaft
ausgesetzt ist, sondern die Herrschaft als Lösung. Als wären die
Gegensätze nur das Produkt von schlechter Herrschaft. Herrschaft –
gute jedenfalls – ermöglicht das Zurechtkommen in den Gegensätzen.
Punkt a sagt erst mal den allgemeinen Begriff des Volkes, die
Affirmation der Herrschaft, der man gehorchen muss. Punkt b elaboriert
dieses Verhältnis, hauptsächlich an dem Gedanken: Dieses Verhältnis ist
alles andere als unkritisch. Das ist auch in vordemokratischen
Verhältnissen ein sehr kritisches Verhältnis. Der Haken ist bloß, wo
und wie diese Kritik ansetzt. Das Elementare ist Punkt a, dann kommt
kein Rückfall, sondern auf der Basis wird die Verantwortung der
Herrschaft für alle Lebensverhältnisse vom Volk kritisch durchgenommen.
Jetzt ist die Herrschaft doch die, die nützlich sein will und soll, da
kreidet man ihr gar nicht die elementaren Lebensverhältnisse an, aber
das, was einem so alltäglich passiert, will man der Herrschaft schon
angekreidet haben: 'Wo bleibt da die nötige Unterstützung?' Punkt 2
sagt auch auf einer sehr elementaren Ebene: Wie exekutiert ein Volk
seinen Begriff. Da ist nicht die Rede davon, wie sie in der
Klassengesellschaft funktionieren, das wäre die politische Ökonomie,
sondern wie funktionieren sie als Volk. Und als Volk funktioniert es
immer in einem kritischen Verhältnis zur Herrschaft, an die es sich
gewöhnt hat. Ein Volk ist das exemplarische Subjekt konstruktiver
Kritik. Der Ruf nach guten Herren folgt aus dem Standpunkt der
Betroffenheit und der kritischen Distanz.
Natürlich kritisieren alle im Namen ihrer geschädigten Interessen. Die
Zeitung steht voller Genörgel. Die Politiker können machen, was sie
wollen, sie machen es immer verkehrt. Die Politik wird immer
stellvertretend von den Zeitungen oder Interessensgruppen gemessen am
eigenen Interesse, das in ein Recht verwandelt ist. Das ist eine
Kritik, die die Verhältnisse einerseits unterstellt, und andererseits
jeden Schaden nimmt als einen, den die Herrschaft nicht abgestellt hat.
Was ist das für ein Vorwurf? Es gibt nichts affirmativeres als den
Vorwurf, du hast folgende gute Tat an mir nicht getan. Die
Unterstellung, eigentlich hätte die Herrschaft dafür zu sorgen, wird
nie so handfest wie in diesem beleidigten Standpunkt.
— Man kann das auch so sagen: Wenn sich im Dienst eingerichtet
ist, dann muss es auf der anderen Seite die Möglichkeit geben, diesen
Dienst zu leisten. Das impliziert von vorneherein eine kritische
Stellung zu denen, die den Dienst ermöglichen, bzw. die Bedingungen des
Dienstes formulieren. Und die Ermöglichung, diesen Dienst durchgehend
zu leisten, ist die Kritik an der Herrschaft und gleichzeitig die
Forderung, das zu tun.
Das ist ein sehr fertiger politischer Standpunkt der Kritik. Kein
normaler Mensch verlangt Bedingungen fürs Diensttun. Arbeitsplatz
denken sie nicht im Sinne von Dienen, sondern eher Verdienen. Nicht
Unterordnung, sondern: sich bewähren und anständig aufführen können,
ist gewollt, wenn man schon in diese Lebensverhältnisse gestellt ist –
wobei auf das Wenn nicht reflektiert wird. Davon handelt der 2.
Abschnitt, wenn das Volk mal durch Kritiker herausgefordert ist und auf
die Beschissenheit seiner Lebensverhältnisse aufmerksam gemacht wird.
Dann hat es eine Kritik und eine Antikritik parat. Eine elementare
Variante ist dabei, Dienst sehr weit zu verstehen: als Pflicht getan.
Dann wird für die Pflicht eine Gegenleistung eingeklagt. Ich will für
mein Bemühen die Bedingung, dass mir das gelingt; das ist eine etwas
schwierige Variante von Kritik, die's sicher auch gibt. Das darf man
aber nicht mit unserm Urteil über soziale Maßnahmen eines Staates
verwechseln, dessen Logik ist: Die Leute sollen funktionieren, und sie
müssen das deswegen auch können.
— Jeder Bauernaufstand folgt doch der Logik: Wir können als
Bauern nicht mehr existieren oder unsern Dienst tun, wenn die Abgaben
zu hoch sind.
Wenn einer mit der Unmöglichkeit weiter zu existieren konfrontiert ist,
dann macht er notgedrungen einen Aufstand. Die wollen dann aber nicht
funktionieren, sondern überleben.
— Da könnte man sagen, die Sozialhilfe ist als Existenzminimum
eingeführt worden, damit es keinen Aufstand gibt. Zu den
Bauernaufständen ist das moderne Gegenstück die Forderung nach
Grundsicherung in ALG 2?
Wenn die Sozialhilfe jetzt erkämpft worden wäre von Leuten, die dem
Staat gegenüber offensiv ihre Unmöglichkeit zu existieren geltend
machen. Aber jetzt ist ja gar nicht die Sozialhilfe eingeführt worden,
sondern eine längst eingeführte Sozialhilfe ist staatsdienlich
zurechtgemacht und gekürzt worden. Früher unter Bismarcks Zeiten kennt
man die Kalkulationen der Herrschaft, wie bindet man die niederen
Klassen in unser Staatswesen ein. Da war schon der Standpunkt: Eine
gewisse Chance, als freier Bürger zu subsistieren, müssen sie schon
haben. Und wenn das Arbeitsverhältnis immerzu dazu führt, dass große
Massen nicht mitmachen können, und dann stellen sie sich womöglich auch
noch auf und stiften Unruhe, dann muss die staatliche Gewalt überlegen,
wie sie das regelt. Da steht der Bismarck exemplarisch für die
Kombination: Unterdrückung und Überleben ermöglichen, also
Sozialistengesetze plus Sozialversicherung. Die Logik gilt heute nach
wie vor. Bloß ist heute unser Staat gar nicht mit einer
Aufstandsbewegung konfrontiert, die die Einführung von
Sozialleistungen fordert, sondern er ist mit deren Reduzierung befasst
und trifft dabei auf ein nörgelndes Volk. Die Logik von heute ist viel
härter: Die Unterstützung war vorübergehend gedacht und wenn jetzt
massenhaft Arbeitslose anfallen, für die das zur Dauereinrichtung wird,
dann muss man das Niveau senken.
Zurück zur Ausgangsfrage: Kap. 1 sagt die paar elementaren
Bestimmungen: Was ist überhaupt ein Volk. Pkt. 2 zettelt auf der
allgemeinen Ebene die Frage an: Wie gibt es diesen Willen? Dass es ein
Willensverhältnis ist, worauf dieses beruht und was dessen Inhalt ist,
steht schon in Pkt. 1. Pkt. 2 klärt, wie gibt's das, dass ein Volk so
was will. Es kommt deswegen auf das kritische Verhältnis, also auf das
Verhältnis affirmativer Kritik zur Herrschaft (zusammengefasst in der
Überschrift). Wie schon gesagt wurde: Volk ist, dass es die
herrschaftlich verfügten Lebensverhältnisse als seine unhintergehbare
Realität nimmt. Kapitel 2 greift dasselbe Verhältnis auf und sagt: Die
bringen es glatt fertig, die Realität zum Argument zu machen. Das ist
das logische Verhältnis zwischen 1 und 2.
— So wie die ersten Seiten des Artikels gehen, ist es eine
Desillusionierung darüber, dass man überhaupt je wirksam diesen
Standpunkt aus der Welt schaffen könnte, weil er eigentlich etwas
Menschliches ist.
Da steht doch nichts von menschlich, sondern: Das ist die Stellung, die
die Untertanen zur Herrschaft einnehmen, und nicht erst heute. (Die
alten Zeiten sind eh bereits abgeschafft, dann geht's um heute.) Man
kann aber festhalten, diese Stellung des Untertanen zur Herrschaft ist
etwas ziemlich Herrschaftsursprüngliches. Das gehört auch zu früheren
Herrschaften mit dazu, hat sich über deren Verwandlung auch verwandelt,
aber vom Grundsätzlichen her auch erhalten. Im Artikel soll grad
behauptet werden: Da sieht man, welche Stellung zur Herrschaft auch ein
moderner Mensch einnimmt, der als Volk rumläuft.
Als politisches Kollektiv haben sie auch früher funktioniert. Das Volk
ist das politische Kollektiv, und da treten hinter dem: Wir sind ein
Volk, alle Unterschiede, die das Volk gliedern, zurück. Das ist grade
die Abstraktion, die die praktische Einfügung und dann auch das ideell
zustimmende Sicheinfügen in dieses Kollektiv, ausmacht. Auch ein
mittelalterlicher Bauer weiß, dass er Bauer (Schmied, Bürgermeister
etc.) ist, was denn sonst, und auch, dass über all dem ein König sitzt;
es war ihm geläufig, dass es da Riesenunterschiede gibt. Das hebt nicht
auf, dass die Herrschaft alle als ihr Volk organisiert und benutzt hat.
Und zwar als ihr Volk nicht im Unterschied Ritter gegen Bauern,
sondern: meine Ritter, meine Bauern etc. gegen die oder getrennt von
den andern. Das heißt politisches Kollektiv. So organisiert eine
Staatsgewalt die Leute zu ihrem Volk. Da stecken alle Unterschiede mit
drin, sie setzt diese Unterschiede ja alle in die Welt. Aber das tut
sie darüber, dass sie die Leute pauschal alle als politisches Kollektiv
in Anspruch nimmt. Dieser politische Kollektivismus ist von dem her,
wie ein Staat das macht, wie auch von dem her, wie ein Volk sich dazu
stellt, vorrangig vor den sozialen Unterschieden. Das ist die ganze
Abstraktion, von der dieser Artikel handelt.
Wenn Altertumsforscher sich um Kleinasien kümmern, dann machen sie
Ausstellungen von den Hethitern. Dann erinnern sie sich anschließend an
Bert Brecht und sagen: Hatte der Feldherr nicht auch einen Koch etc.;
und gab's da nicht soziale Unterschiede? Aber das sind solche der
Hethiter. Die Altertumsforscher sind dabei an der Stelle nah an der
Realität, weil die hethitischen Herrscher haben auch ihr Land und das
Volk dort beherrscht, mit ihren Mitteln und der gesellschaftlichen
Hierarchie und dann haben sie sich aufgemacht und wollten Ägypten
erobern.
Es geht gar nicht darum, dass behauptet wird, das war schon immer alles
so, wie es im Artikel steht, sondern dass es nicht so war, haben die
Früheren selbst als Mangel gemerkt. Daher kam die Frage: Habe ich ein
Volk, das auf mich hört, oder nicht. Das kam daher, weil es diesen
Standpunkt schon gegeben hat, weil er schon organisiert worden ist, und
von sonstigen konkurrierenden Gewalten im Staat durchkreuzt worden
ist. Aber das waren konkurrierende Gewalten und die haben denselben
Standpunkt gegenüber ihren Leuten eingenommen. Dann hatte eben nach dem
Kaiser der Kurfürst das Sagen gehabt und dann haben die sich als dessen
Untertanen verstanden. Dass da eine andere Form der Konkurrenz um die
Hoheit bestanden hat, widerlegt nicht das Argument, dass es solche
Hoheitsverhältnisse gegeben hat. Dass die unfertig waren, ist kein
Argument dafür, dass es das gar nicht gegeben hat. Also das waren keine
Stammesverhältnisse mehr, das waren nicht bloß organisierter Raub, das
waren nicht diese elementaren, noch nicht zur organisierten Herrschaft
geronnenen Gewaltverhältnisse. Sondern das war eine organisierte
Herrschaft mit oben und unten, wo beide Seiten in ein Verhältnis
zueinander getreten sind, also 1. ein Benutzungsverhältnis und 2. ein
dazugehöriges Willensverhältnis. Das kann man nicht damit bestreiten,
dass feudale Unterverhältnisse existierten. Noch mal methodisch gesagt:
Das ist von Bedeutung, weil hier mal gesagt werden soll, in der
modernen Demokratie vollendet sich ein furchtbares herrschaftliches
Grundverhältnis.
Der Artikel will zeigen - das ist die ganze Härte -, dass Volk ein
affirmatives Willensverhältnis von unten nach oben ist, welches Gewalt
von oben nach unten zu seiner Voraussetzung, aber auch in einer
verdrehten Form zu seinem Inhalt hat. Denn man wird bei keiner Umfrage
jemand finden, der sagt, ich will gehorchen und ich will beherrscht
werden, aber man findet hundert Prozent, die sagen, die Regierung soll
ihre Sache gut machen, nicht so zögerlich sein, und das Nötige
konsequent anpacken. Darin steckt Verdrehung und Affirmation. Das ist
ein Beispiel für dieses vertrackte Verhältnis, das man in dieser
Bestimmung der Menschheit als Volk vor sich hat, die verdrehte
Affirmation, die flächendeckend zur Gewohnheit geworden ist. Zu einer
so festen Gewohnheit, dass diese von denen, die sie exekutieren, als
Realität, die es nun mal gibt, bezeichnet und anerkannt wird. Und das
ist noch das Wenigste, was dieser Wille leistet. Darauf gründen alle
möglichen Geschichten bis hin zum Stolz. Aber der Stolz wäre eine
windige Täuschung, durch Lächerlichkeit zu töten, wenn er nicht auf
dem festen Verhältnis eines verdrehten affirmativen
Willensverhältnisses beruhen würde. Wenn man da merkt, so leicht sind
die Leute nicht zum Kommunismus zu bekehren, dann ist das richtig. Das
heißt aber nicht, dass das was Urmenschliches wäre, weil eine
Abstraktion ist nie was Menschliches. Es ist halt eine Leistung von
oben und unten.
— Im ersten Satz unter 1 steht: 'Die Etablierung eines
Gewaltmonopols ... erfolgt nicht, um sie zu unterdrücken.'
Unterdrückung ist es aber doch.
Die Unterdrückung ist nicht das "um zu"; nur das wird negiert. Dieser
komische Zweck wird allen nachgesagt, die man als Demokrat nicht leiden
kann (z.Z. Lukaschenko, Ahmadinedschad). Die Trivialform demokratischer
Kritik ist, dieses "um zu" unliebsamen Herrschaften zu unterstellen.
Dagegen sagt dieser Satz: Das stimmt noch nicht mal für die Demokratie,
dass das ihr Zweck wäre; die ist anspruchsvoller und will benutzen und
nicht unterdrücken. Unterdrücken heißt den Willen negieren, Volk heißt
den Willen benutzen. Volk ist Menschheit in einer Verfassung, in der
sie diesen Willen aufbringt, den Willen, den die Herrschaft will und
braucht. Das ist die Dialektik der Unterdrückung bei Volk.
Unterdrückt im wirklichen, brutalen Sinne, sind die, die gar nicht zum
Volk gehören. Die wir vorher hatten, die aus der Gemeinschaft des
Volkes Ausgeschlossenen, da ist Unterdrückung der Zweck. Aber hier
geht's um das affirmative Verhältnis. Um das von oben nach unten
weniger, weil hier ist nicht das Thema bürgerliche Herrschaft, sondern
um das von unten nach oben.
Zur Unterdrückung steht doch im Satz vorher: Es geht um die Errichtung
eines Gewaltmonopols über die Leute, aber warum sie erfolgt, ist nicht
tautologisch. Diese Kritik hat es auch in Form des Anarchismus gegeben:
Die Demokratie selber hätte nur den Zweck, zu unterdrücken. Da wurden
die segensreichen Wirkungen des Gewaltmonopols nicht gesehen und nicht
affirmiert. Der Satz heißt nicht, es findet keine Herrschaft statt,
sondern die hat einen Zweck.
Stichwort „Integration“
Wie kann man dieses Stichwort madig machen? Was ist dazu zu sagen?
— Die Ausländer sollen den Inländern angepasst werden,
entsprechende Deutschkenntnisse vorweisen.
Dies ist ein Beispiel für das Material zur Erläuterung des Begriffes
Integration. Aber auch Schüler, die Randale machen (und Deutsche sind)
sollen integriert werden. Ebenso wie Russlanddeutsche, die eigentlich
dem deutschen Volk zuzurechnen sind. Was soll mit den zu Integrierenden
geschehen? Soll man sie bestrafen, ausweisen, in Deutschkurse stecken,
Werteschulung machen, sie Eide schwören lassen, dem Verfassungsschutz
überantworten?
— Der Anspruch ist etwas seltsam. Alle hier Anwesenden sind in
irgendeiner Weise integriert, zumindest am Arbeitsplatz, in die
Rechtsstaatlichkeit. Mit den eingerichteten Verhältnissen, in die sich
der zu Integrierende einzufinden hat, ist die Integration aber noch
eine mangelhafte.
— Integration findet statt, wenn ein Volksfremder sich
unauffällig verhält, da jede Auffälligkeit ihn als einen solchen
ausweisen würde.
Mit auffällig und unauffällig ist nur weiteres Material benannt, um
Nichtintegrierte benennen zu können. Über jemanden, der eine fremde
Sprache spricht, ärgert man sich genauso wie über andere, die sich
eigenartig kleiden. Unauffällig rumzulaufen ist kein Kriterium für
Integration, das tun viele Nichtintegrierte ohnehin.
Welche Sache ist mit dem Stichwort „Integration“ benannt?
— Die Auffälligkeiten zeigen Eigenschaften der Leute, die mit
Integration nichts zu tun haben. Es handelt sich um einen Anspruch des
Staates an die Leute.
Das heißt erst einmal, dass Integration in der Öffentlichkeit immer mit
einem Ausrufezeichen versehen wird.
Der Endpunkt der Integrationsforderung ist schon, dass die Leute nicht
mehr auffallen. Aber es ist keine Aufforderung, nicht mehr aufzufallen.
In der Forderung nach Integration steckt ein Moment von Verdacht. Aber
welcher?
Erstens ist es eine Forderung nach Funktionalität. Bei der Forderung an
randalierende Schüler, sich dem Status gemäß, den der Staat ihnen
zuweist, ordentlich zu funktionieren, wird dies deutlich.
— Es geht m.E. eher darum Leute auszugrenzen.
— Inwieweit sind die Leute ökonomisch zu gebrauchen?
Integriert sein scheint mehr zu sein als nur irgendwie zu
funktionieren. Funktionieren im ökonomischen Sinn tun viele Leute,
ohne als integriert zu gelten. Funktionieren gehört zum Integrieren
dazu, aber es handelt sich um eine sehr spezielle Sorte des Anspruchs.
Worin soll jetzt integriert werden und was ist dabei unterstellt?
— Wenn die ökonomische Integration nicht gemeint ist, dann muss
es wohl der Wille zum Staat sein.
— Bei den Politikern besteht Gewissheit, dass es eine allgemeine
völkische Sittlichkeit gibt, der sich die Leute gefälligst
unterzuordnen haben.
Wenn man den hessischen Fragebogen hernimmt, sieht Deutschland aus wie
eine Mischung aus Tourismusprospekt und einer Werbebroschüre des
Innenministeriums, Abteilung soziale Werte.
— Beim Ausländer besteht immer der Verdacht, er hätte was
anderes, worauf er sich beziehen würde.
Worauf soll er sich denn gefälligst beziehen? Auf den Euromarkt, den
Steuermarkt, den Supermarkt ist er schon bezogen.
— Einem Teil der Bevölkerung fehlt per Abstammung die Qualität
der hiesigen Heimat.
Das ist eher eine Erläuterung des Begriffs ´Ausländer´. Integration
beinhaltet aber die Forderung: so etwas kann man sich aneignen.
Integration heißt, hier sein Glück zu versuchen und die gegebenen
Verhältnisse anzuerkennen, sich funktionell einzufügen und das zum
Inhalt seines Willens machen. Gemeint ist damit, sich in das
gesellschaftliche „Wir“ einzufügen. Die Gesellschaft wird dann nicht so
angesehen, wie sie funktioniert, auch nicht als Paradies, als
Gemeinschaftswerk aber schon. Anerkennung als Gemeinschaftswerk, in dem
er Mitglied ist.
Integration ist ein Stichwort für einen staatlichen Imperativ, der
darauf abzielt, der Mensch solle funktionieren in all den
Verhältnissen, in denen er sich rumtreibt. Zum Funktionieren gehört
notwendigerweise die Anerkennung dieses ganzen gesellschaftlichen
Ensembles als ein Gemeinschaftswerk, dem er sich als Mitglied
zurechnet.
Egal ob die zu Integrierenden hier geboren sind oder nicht, sollen sie
von dem, was hier wirklich passiert, abstrahieren und sich einem großen
Ganzen zugehörig fühlen, das im Prinzip schon seine Ordnung hat.
— Die Frage, wie es sonst gehen soll, fällt mit der nationalen
Zugehörigkeit in eins.
Das tut sie bei den Jugendlichen gerade nicht. Mit Integration ist eine
Forderung ans Verhalten gestellt und nicht ein Ausschlusskriterium,
jemand wäre hier nicht geboren, genannt.
— Zur Frage wie man das prüft. Es soll getestet werden, wie die
Leute gefühlsmäßig zu diesem Staat stehen.
Die Sache selbst, in die jemand sich einfügen soll, kommt zunächst ganz
ohne Gefühl aus. Eine ganze Nation wird als Gemeinschaft ans Herz
gelegt und vorstellig gemacht, die letztlich eine irgendwie gemeinsame
Sache verfolgt. Was umfasst dann die Stellung dazu alles?
— Bei den hier Geborenen ist das „Wie soll es sonst gehen?“ mit
der natürlichen Zugehörigkeit identisch. (Hinweis zum Art. „Volk“): Im
Gegensatz zum Verfassungspatriotismus, der ein Eingebettet-Sein in ein
Staatsbürgerdasein braucht, ist die natürliche Qualität, hier geboren
zu sein, fraglos.
In diesem Artikel steht nichts von einer natürlichen Qualität. Der
Staat geht auch nicht davon aus, dass das eine natürliche Qualität
wäre, obwohl er bei der Masse der Leute keine Zweifel hat. Bei einem
Teil seiner Bewohner fällt ihm auf, dass sie sich zwar funktional
verhalten, aber Deutschland nicht auch ihre Gemeinschaft ist.
— Die Politik fordert in diesem Zusammenhang Maßnahmen gegen die
innere Armut.
Damit ist gemeint, dass die Leute den Anspruch des Staates, sie gehören
zu diesem Staat und das ist gut so, wichtiger nehmen als alle
praktischen Drangsale, mit denen sie täglich konfrontiert sind.
— Warum die Wendung gegen die Natur? Der moderne demokratische
Staat will die Einheit von Volk und Staat als tätige und nicht als
angeborene.
Auch der faschistische Staat wollte eine tätige Einheit, dass sich die
Leute affirmativ zu ihrer Stellung im Staat stellen. Also nicht
einfach Prolet sein, sondern Arbeitsbeauftragter des deutschen Volkes,
nicht einfach Kapitalist sein, sondern Arbeitgeber im Dienste des
deutschen Fortschritts. Heute soll der Arzt nicht einfach einer sein,
sondern Repräsentant des Fortschritts der deutschen Medizin.
Die Verwandlung von allen möglichen Konflikten in die Feststellung, der
Staat weiß, woran das liegt, nämlich an einem mangelnden Bekenntnis zum
Staat als eine Wertegemeinschaft, ist der Kern der Forderung nach
Integration.
Wie gibt es diese Sorte Volksgemeinschaft, der sich der Mensch zuordnen
soll? Er soll ein braver Prolet sein, aber nicht das Proletariat-Buch
nachlesen; er soll ein ordentlicher Mieter sein, sich aber nicht
darüber aufregen, dass er ein Drittel seines Einkommens dafür hinlegen
muss usw. Vom Standpunkt der zu erbringenden Integration treten all die
Bestimmungen, was man als Mieter, Kunde, Arbeitnehmer etc. vorstellt,
zurück hinter die besonderen nationalen Formen, die diese nationalen
Verhältnisse angenommen haben.
Es sind überall spezielle Gesetze zuständig, es ist eine staatliche
Tradition am Werk, die ihre Leute auf ihre Position in der
Klassengesellschaft festlegt, und es sind Gepflogenheiten unterwegs,
sich damit einzurichten. Alle Bestimmungen objektiver Art, wie das
gesellschaftliche Zusammenleben funktioniert, sollen hinter den
Gesichtspunkt, inwiefern das alles ein besonderes nationales
Gemeinschaftswerk ist, zurücktreten. Zu sagen, man sei ein Franzose,
soll der Aussage, man sei ein französischer Bauer, vorgelagert sein.
Auf den Unterschied zwischen sich als französischem Bauern und dem
deutschen Bauern Wert zu legen, macht dann auch die Identität (von sich
und seinem Staat) aus.
Integration ist die Forderung, sich unter dem Gesichtspunkt des
nationalen Ensembles mit seinen eigenen Lebensverhältnissen zu
identifizieren (= das nationale Wir).
— Zu der äußeren Bejahung der eingerichteten Verhältnisse soll
eine innere hinzukommen, d.h. ein emotionales Verhältnis der Leute zum
Staat. Unabhängig von allen materiellen Berechnungen soll Deutsch sein
was Gutes sein.
Das ist erst einmal die Forderung des Staates, bei denjenigen, die
nicht ordentlich funktionieren und in erkennbarer Distanz zum
Staatswesen stehen, die innere Bejahung unseres Gemeinwesens als ihr
Gemeinwesen, also Integration, einzufordern. Ob das nationale Wir
emotional bekundet wird, weil die deutsche Fußballnationalmannschaft
wieder mal verloren hat, oder ob man unter dem Wir-Gesichtspunkt zur
Kenntnis nimmt, dass im Kongo eine Wahl unter deutscher Aufsicht
stattfindet, ist für die Forderung an die Identität egal.
Bei der Überprüfung des Integrationswillens scheiden sich die Geister,
wie dieser Standpunkt überprüft werden könnte. Der eine möchte die
Gesinnung überprüfen: Meint der zu Integrierende es ernst? Ob das
Prüfungsergebnis dann auch ehrlich zustande kam, ist nicht ganz einfach
herauszukriegen. Eine andere Richtung der Überprüfung beruht auf
anderen Kriterien: wie funktional oder dysfunktional führen sich die
Leute auf, wie kleiden sie sich, wie treten sie auf. Die Überprüfung
geht dann an den äußerlichen, wahrnehmbaren Sitten entlang.
All die verschiedenen Erwartungen und Vorstöße bezüglich des
Überprüfens zeigen das Ziel von Integration: Die affirmative Stellung
zu dieser Nation als der zuständigen Gemeinschaft soll gar nicht als
ein explizites Bekenntnis daherkommen, sondern die alltäglich und
selbstverständlich praktizierte Gewohnheit werden.
Ob eine ordentliche Gesinnung dahinter steckt oder eine schlechte
Gewohnheit, auf die man nicht bauen kann, sind zwei Schienen, mit denen
ein Fragebogen leicht überfordert ist. Man will ja nicht bloß eine
Gesinnung, sondern möglichst eine alltäglich praktizierte. Dem
oberflächlichsten Geschmacksurteil ist damit Tür und Tor geöffnet, was
als Indiz für Integration, nämlich als Wir-Gefühl einer alltäglich
praktizierten Gewohnheit gelten darf, kann oder soll.
— Der Vorwurf, die Neonazis, die sich m.E. im Sinne der deutschen
Sittlichkeit gegenüber Ausländern aufführen, wären nicht integriert,
ist mir neu. Sie haben doch eine, wenn auch falsche Vorstellung von
Sittlichkeit.
Die Politiker sagen so etwas natürlich nicht. Sie schlagen nach deren
Verständnis über die Stränge, und das hat mit Deutschtum nichts mehr zu
tun. Die Forderung nach Integration kommt schon hauptsächlich in Bezug
auf auffällig werdende Ausländer auf. Dieser Verdacht macht sich gerne
fest an der Religion, weil man da einen Menschen, der sich ideell einer
Gemeinschaft zurechnet, die quer zur deutschen steht, vor sich hat. Bei
der ideellen Gemeinschaft der Christen ist man sich sicher, dass sie
sich verträgt mit einem deutschen Wir. Das Wir der Muslime dagegen ist
unverträglich mit einem wirklich zuverlässigen deutschnationalen Wir.
Der Vorwurf des Nichtaufgeklärtseins kürzt sich zusammen auf die
Frage, können die ihren Glauben mit der übergeordneten naturwüchsigen
Parteilichkeit fürs Deutsche vereinbaren. In dem Sinne wird auf
Anpassung der Sitten gedrungen. Für diejenigen, die das nicht
hinkriegen, bedeutet die Forderung nach Integration Ausgrenzung. An
den Äußerungen Schäubles mit dem Vorwurf an die Zonis, die, weil sie
eingesperrt waren, nicht die Erfahrung machen konnten, was für eine
Bereicherung Ausländer sein können, merkt man, wie dieser Mensch dafür
agitiert, dass der Rechtsradikalismus als undeutsch gilt,
Ausländerfeindschaft ein kommunistisches Erbe ist. Dass die
Rechtsradikalen funktionieren, wie es sich für Deutschland auf keinen
Fall geziemt, ist inzwischen ein durchgesetzter Standpunkt, weshalb
diese Jungs auch integriert gehören.